Die Sprache der Wahrheit

Der großartige Frederick Buechner schreibt in Telling the Truth über die Poesie der hebräischen Propheten:

Sie fassten die Dinge in Worte, bis ihnen die Zähne klapperten, aber unter ihren Worten, oder tief in ihren Worten klingt etwas hindurch, das neu ist, weil es zeitlos ist, die Stille klingt durch, die Wahrheit, die nicht in Worte zu fassen ist, die Mysterium ist, die ist, wie die Dinge nun einmal sind, und der Grund, warum man sie heraushört, scheint der zu sein, dass die Sprache die die Propheten verwenden, im Wesentlichen die Sprache der Poesie ist, die, mehr als Polemik oder Philosophie, Logik oder Theologie, die Sprache der Wahrheit ist.

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Schlecht über Gott reden

Gläubige Menschen können ja mitunter sehr empfindlich reagieren, wenn schlecht über Gott (und alles, was sie mit ihm verbinden) geredet wird. In einer pluralistischen Gesellschaft, in der die Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist, kommt das regelmäßig vor, und man muss lernen, mit Spott, Verdrehungen und Anfeindungen zu leben.

Ich findes es, ehrlich gesagt, schwieriger, damit zu leben, wie schlecht viele Gläubige über Gott reden. Nicht, dass sie gehässige Dinge über ihn sagen würden, ganz im Gegenteil. Sie sagen nur das gut Gemeinte so häufig gedankenlos, phantasielos und banal, dass es weh tut – so wie es allen leidlich musikalischen Menschen weh tut, wenn jemand schräg singt, oder wie das Quietschen von Kreide auf der Schultafel schmerzhaft sein kann. Vergangene Woche habe ich mich mit ein paar Menschen unterhalten, die von Gott und vom Reden etwas verstehen, und dabei bemerkt, es geht nicht nur mir so (dass ich gerade wieder mal David Bentley Hart lese, schärft den Kontrast ebenfalls).

Um richtig verstanden zu werden – mir geht es nicht um eine theologische Correctness oder um unnatürliche Gestelztheit im Reden. Mir ist auch bewusst, dass es erhebliche Unterschiede in Bildung, Eloquenz und Sprachgefühl gibt innerhalb der Christenheit. Aber manchmal wünsche ich mir jene Ehrfurcht vor dem Gottesnamen zurück, die darin besteht, ihn “nicht unnütz“ zu gebrauchen und die im Judentum dazu führte, ihn nicht mehr direkt auszusprechen.

Vielleicht ist es das (in diesen Fällen freilich gescheiterte…) Anliegen, von Gott auf „unfrommme“ Art zu reden, in einer Sprache, die auch für Menschen zugänglich ist, die nicht kirchlich sozialisiert wurden, das zu dieser Banalisierung geführt hat, denn sie betrifft viele, die sich irgendwie als „missionarisch“ verstehen. Vielleicht soll es die Alltäglichkeit der Gottesgegenwart unterstreichen, dass sie von einem Kumpel-Gott sprechen, der „überallhin mitgeht“, „immer dabei“ ist und der sich im Bedarfsfall (miese Stimmung, Ratlosigkeit etc.) bereitwillig nützlich macht. Ich glaube, dass die Bibel selbst da, wo sie von Freundschaft zwischen Gott und Menschen spricht, etwas ganz anderes meint als dieses übernatürliche Maskottchen. Das Gerede vom privaten Kumpelgott ist freilich längst nicht mehr unkonventionell oder „authentisch“, es hat einen hohen Grad von Stereotypisierung und Formelhaftigkeit erreicht. Es ist, um es anders zu sagen, zu einer festen Liturgie geronnen.

Der Kumpelgott ist ebenso eine Karikatur des lebendigen Gottes wie es sein Vorgänger, der Polizistengott, war, oder dessen Vorläufer und Verwandter, der National- und Stammesgott, der die Interessen einer bestimmten, klar umrissenen Klientel (z.B. des Abendlands oder der wahren Kirche) vertritt. Der Kumpelgott gibt keine Rätsel auf, er stellt mich im Leben vor keine zusätzlichen Herausforderungen, sondern er hilft mir auf Zuruf bei denen, die das übliche Streben nach Glück schon mit sich bringt.

 

Von mir aus soll jede und jeder im stillen Kämmerlein mit Gott so reden, wie ihr oder ihm der Schnabel gewachsen ist. Aber so, wie es peinlich ist, wenn Paare sich vor anderen mit albernen Kosenamen anreden, auf Kindersprache und -stimmchen umschalten oder andere Dinge tun, die hinter verschlossenen Türen nur ihrem eigenen Geschmack und Vorlieben unterliegen, so ist es auch beim Reden von und mit Gott, zumal in der Öffentlichkeit.

Ich glaube, Gott hat es verdient, dass wir gut von ihm reden. Ich glaube auch, dass der Maßstab für „gut“ nur der sein kann, dass wir alle unser Bestes geben und an die Grenzen unserer jeweiligen sprachlichen und geistigen Möglichkeiten gehen. Ich glaube außerdem, dass die Menschen, vor und zu denen wir mit und über Gott reden, das verdient haben. Und ich hoffe, dass die Spötter und Zyniker in Zukunft weniger Quatsch finden, den sie genüsslich ausschlachten können.

Zugegeben: Solche Überlegungen können zu einer gewissen Befangenheit führen. Wenn ich mir selber kritisch zuhöre und überlege, ob ich das gerade wirklich so sagen will, stockt die Sprache gelegentlich, zeitweise bleibt sie auch ganz weg. Das ist anstrengend, aber es legt sich wieder in ein paar Monaten. Kein Grund also, sich der Mühe zu verweigern. So lange das mit den eigenen Worten noch nicht so recht klappt, lässt sich die Zeit zum Lesen und Zuhören nutzen. Zum Beispiel bei Abraham Heschel, der schrieb:

Die Kraft des Glaubens liegt im Schweigen, und in Worten, die Winterschlaf halten und warten. Der Ausdruck des Glaubens muss als Überschuss aus dem Schweigen hervorkommen, als Frucht gelebten Glaubens und anhaltender Innigkeit. Theologische Bildung muss diese private Seite vertiefen, um eine tägliche Erneuerung des Inneren ringen, die Zutaten religiöser Existenz kultivieren, Ehrfurcht und Verantwortung.

 

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Das Kreuz als Störung

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Das Kreuz Jesu erinnert uns an all die Kreuze, die in der Welt immer wieder aufgerichtet werden. Es will die Leidunempfindlichkeit unserer Gesellschaft empfindlich stören. Diese Leidunempfindlichkeit ist wie ein Dämon, der sich auf das menschliche Denken legt und es trübt. Es verschließt uns die Augen vor dem Leid des Mitmenschen. Doch eine leidunempfindliche Gesellschaft ist eine grausame Gesellschaft.

Anselm Grün

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Credo (A.D. 2015)

Den Impuls für den folgenden Text hat mein Freund Andreas Ebert mir am vergangenen Samstag in einem Münchner Biergarten gegeben. Er ist nicht mehr als ein Zwischenstand. Ich habe auf jede Art der Absicherung gegen Missverständnisse verzichtet, weil auch das zu einem Bekenntnis gehört. Ich habe auch auf theologische Standardformeln so weit wie möglich verzichtet, weil sie meist ins Reich der Gewohnheit deuten.

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Ich glaube, dass im Ursprung alles gut ist und dass es das am Ende auch wieder sein wird. In der Zwischenzeit ist es, wie wir alle wissen, ziemlich kompliziert.

Ich glaube, dass diese Welt der Quanten und Quasare nicht von Ungefähr denkende und fühlende Wesen beherbergt, dass sie geistreich, kommunikativ und schöpferisch ist: Lebende Verbindungen, aus denen heraus Überraschendes geschieht – wie gute Poesie, zwischen deren Zeilen sich mehr andeutet, als ich erfasse.

Ich glaube, dass wir Denkende und Fühlende das Potenzial haben, über uns hinauszuwachsen, oder das Gute, das wir uns wünschen, zu sabotieren. Und dass wir beides tun. Doch mitten in dieser Geschichte des zaghaften Lernens und krachenden Scheiterns begegnen manche einer Stimme, die herausruft: Aus der Stadt in die Steppe, aus dem Frondienst in die Freiheit, von den Hecken und Zäunen an den gedeckten Tisch zu Wein, Musik und Tanz.

Ich glaube, dass dieser Ruf allen gilt und sich einzigartig ausspricht im Leben Jesu von Nazareth, der diese Botschaft nicht nur bringt, sondern ist. Weil er bei den Abseitigen erscheint und ihnen eine Stimme gibt, mit seiner Zuwendung soziale, mentale und physische Wunden heilt, die Nutznießer der alten Ordnung aufschreckt, eine Gerechtigkeit an den Tag legt, die noch ihre Feinde umarmt, und Menschen in eine herrschaftsfreie Ordnung einweiht, wird er des Verrats und der Verführung angeklagt und im Namen der Staatsräson zur Abschreckung von Nachahmern am Kreuz brutalstmöglich vernichtet.

Ich glaube, dass der Autor der kosmischen Poesie, die wir „Welt“ und „Geschichte“ nennen, die Gerechtigkeit vor den Mächtigen gerettet und damit ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Sein Ruf der Liebe dringt durch das Leid, durch Hass und Gleichgültigkeit bis hinein in den absoluten Abgrund des Grabes. Das Neue beginnt dort – mit einer Person, die durch verschlossene Türen geht. Und es setzt sich fort in einer Gemeinschaft von Ausbrechern, die (gewiss oft zögernd und zweifelnd, dann aber auch wieder zielstrebig und mutig) soziale, kulturelle und ethnische Schranken überwinden.

Ich glaube, der Geist des Lebens befreit dazu, dass wir zu unserem verwundeten Menschsein stehen, mit uns selbst und anderen versöhnt leben, zerstörerischen Kräften in uns selbst und um uns her trotzen, und gelassen in die Zukunft schauen.

Ich glaube, dieses alltägliche Wunder ist der Vorbote einer großen Verwandlung.

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Segen (26.4.2015)

Gott der Schöpfer,
der die Berge hoch aufragen lässt
und die Bäume fest einwurzelt,
lasse dich stark werden im Glauben

Gott der Versöhner,
der sich zu den Ausgestoßenen gesellt
und den Aggressiven die Stirn bietet,
lasse dich wachsen in der Liebe

Gott der Vollender,
der den Verzagten Mut schenkt
und die Verstreuten sammelt,
lasse dich fröhlich bleiben in der Hoffnung

So segne dich der dreieinige Gott
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

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Die Tür zur Freude

Eine vertraute Gestalt am fernen Ufer,
eine vertraute Geste am Küchentisch,
eine Anwesenheit inmitten von Zweifeln,
O Auferstandener Christus
du kommst, um uns zu überraschen und froh zu machen,
du öffnest die Tür zur Freude weit;
voller Hoffnung verehren wir dich;
zögerlich beten wir an.

aus: Kate McIlhagga, Dawn’s Ribbon of Glory

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Lernen, wie man lebt

Mein Glaube war recht schlicht und direkt: Es ging nur um Jesus. Ich wollte wissen, wer dieser Jesus wirklich ist. Die Kirche war meine Zuflucht; ich lernte etwas über Jesus und sah an seinem Beispiel, wie man lebt. Sein Beispiel, wie man lebt, eröffnete mir eine neue Freiheit, die ich fühlte, noch bevor ich sie in Worte fassen konnte. Für alle, die sich selbst, so wie ich, als Christen bezeichnen, ist Jesus der Ursprung unseres Menschseins.

aus: Walter Wink, Just Jesus. My Struggle to Become Human

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Anders tragen

Das Wort Gottes trägt man nicht in einem Köfferchen bis zum Ende der Welt: Man trägt es in sich, man nimmt es mit auf den Weg. Man stellt es nicht in eine Ecke, in einen Winkel der Gedächtnisses, um es da wie das Fach eines Schrankes einzuräumen. Man lässt es bis auf den Grund seiner selbst sinken, bis zu dem Dreh- und Angelpunkt, um den sich unser ganzes Selbst dreht.

Madeleine Delbrêl

 

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Die Verfolgungs-Formel

Es gibt Gruppen und Kreise, in denen der Dank dafür, „dass wir uns hier in Freiheit versammeln dürfen“ zum eisernen Grundbestand der Liturgie gehört – ob nun in einem Gebet vor Beginn, am Beginn oder im Verlauf einer Veranstaltung und egal, ob man sich der Tatsache überhaupt bewusst ist, dass man eine Liturgie hat – zumal eine ausgesprochen konstante: mancherorts kommt sie öfter vor als das Vaterunser.

Ich bin davon immer wieder überrascht: Über Religionsfreiheit wird zwar eifrig diskutiert, aber sie scheint mir nicht akut in Gefahr, und das nun schon seit 70 Jahren. Hat sich diese Phrase in schlechteren Zeiten so tief eingeprägt, dass sie heute noch selbstverständlich ist?

Oder ist das eine Geste der Erinnerung an das Schicksal der vielen Gläubigen unterschiedlichster Herkunft, die heute weltweit Verfolgung und Benachteiligung erleben, auf die aktuell z.B. der Gebetsaufruf der EKD für den Sonntag Reminiscere hinweist?

Vielleicht ist der Sinn dieser Dankesfloskel ja auch der, die Frage aufzuwerfen, wie Christen hier und jetzt mit dem Geschenk der Freiheit umgehen. Ob sie es also wirklich mutig nutzen und es wagen, mit dem Evangelium positiv zu provozieren und denen eine Stimme zu geben, die sich in unserer Gesellschaft kein Gehör verschaffen können?

Schließlich habe ich mich auch schon ab und zu gefragt, ob sich darin auch ein Misstrauen gegenüber dem säkularen Staat und der multireligiösen Gesellschaft verbergen kann, dessen höchste Repräsentanten bewusst plakativ sagen können, dass auch der Islam zu Deutschland gehört und der Gesetze zur Gleichstellung von unterschiedlichsten Minderheiten erlässt. Wenn dieser Staat, so das Unbehagen, mit seiner Macht gesellschaftliche Gruppen schützt, die man selbst als Konkurrenz oder Gefahr empfindet und deren Freiheit man lieber eingeschränkt sähe, dann ist tatsächlich jeden Moment damit zu rechnen, dass der labile Frieden kippt und Repressionen wahrscheinlich werden.

Welche der unterschiedlichen Motivationen nun jeweils den Hintergrund der Verfolgungsformel bildet, das muss sich jede(r) selbst bewusst machen und gegebenenfalls auch verdeutlichen, wie sie nicht zu verstehen ist. Man könnte sie freilich auch aus dem Standardrepertoire streichen und andere Schätze der reichen Liturgiegeschichte an ihre Stelle setzen.

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Dreimal nein

Steine, Staub, Sand und Dornen,
Flirrende Hitze und nagende Kälte,
Totenstille, dann hallen Geräusche –
Bröckeln, Flattern, Säuseln und Knirschen.

Ins Wasser und wieder heraus
und dann gehen, suchen, und warten, was sich zeigt.
Vierzig Tage, die sich wie Jahre anfühlen,
Und kein Busch, der brennt und spricht.

Um so mehr brennt das Herz,
der glühende Hauch hat es angefacht.
Hunger schwillt an und ebbt ab
– Leere in mir und umher.

Stille – darin eine Stimme
Berge von Stein werden Brot
und füllen die Leere im Bauch
– doch vollgestopft sein macht träge.

Stumm bliebe da das Wort
aus Busch und Berg und Himmel.
Ich suchte die Leere, um davon zu zehren,
denn sein Nachhall ist leise…

TipTop, schnarrt die andre,
das bist du dir schuldig
dein Einstieg ist oben
durch Boardroom und Penthouse

Da unten herrscht Druck
und für den musst du sorgen
Vergiss Empathie, Mann,
denn Schwäche ist teuer.

Aber unten am Wasser
am Tiefpunkt der Erde
da war ich wie alle… geliebt…
doch hör’ ich schon wieder:

Und droht dir ein Sturz
nimm den goldenen Fallschirm
spring mutig ins Leere
was soll schon passieren?

Du wirst zur Legende
sie fliegen auf Drama
die Schwachheit der vielen
braucht dich unzerstörbar.

Wer bin ich? Wer will ich sein?
Nun, das ganz bestimmt nicht:
„Nein, nein und nochmal nein“
platzt es aus mir heraus.
„Hörst du das?“ –
Aber die Antwort bleibt aus.
Die Stille wird freundlich.
Als ginge lächelnd ein Engel vorüber.

 

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Für sich selbst sorgen

Für sich selbst zu sorgen ist nie etwas Selbstsüchtiges – es ist schlicht gutes Haushalten mit dem einzigen Geschenk, das ich habe, dessentwegen ich auf der Welt bin, um es mit anderen zu teilen. Jedes Mal, wenn wir auf unser wahres Selbst hören und ihm die Fürsorge angedeihen lassen, deren es bedarf, tun wir das nicht nur für uns selbst, sondern auch für die vielen anderen, deren Leben wir berühren.

Parker Palmer

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Die Freiheit des Zweifels

Ein Jahr vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, des letzten und verheerendsten Religionskrieges auf dem europäischen Kontinent, schrieb der Kroate Marko Gospodnetić, besser bekannt als Markantun de Dominis, damals Erzbischof von Split den Satz „Omnesque mutuam amplecteremur unitatem in necessariis, in non necessariis libertatem, in omnibus caritatem.“

Der zur griffigen Formel Satz ist als „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ in die Kirchengeschichte eingegangen: „Im Notwendigen herrsche Einmütigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem aber Nächstenliebe“. Sein jesuitischer Autor legte das Bischofsamt im Streit nieder, lehrte zwischendurch in Oxford und Cambridge, bis er nach seiner Rückkehr von der Insel von der Inquisition verhaftet und bis zu seinem Lebensende in der Engelsburg eingesperrt wurde. Seine Bücher wurden nach seinem Tod 1624 verbrannt.

Das Schicksal ihres weisen Autors zeigt schon, dass eine solche Haltung keineswegs immer populär war. Vielmehr hat es zu allen Zeiten die Versuchung gegeben, die notwendige Einheit zu erzwingen und die Liebe dabei zu vergessen, beziehungsweise den Zwang als eine besonders „toughe“ Form der Liebe auszugeben. Wie der dreigliedrige Spruch auch schön zeigt, ist der Ausschluss jeglichen Zweifels (oder psychologisch ausgedrückt: aller Ambivalenz) dabei oft das entscheidende Motiv: Es hat in möglichst allen Bereichen maximale Eindeutigkeit zu herrschen. Also im Zweifel lieber doch keine Freiheit.

Doubt by Beshef, on Flickr
Doubt“ (CC BY 2.0) by Beshef

Funktionieren konnte als dies nur da, wo christliche Kirchen und Gemeinschaften entweder über äußere oder innere Druckmittel verfügten, mit denen sie ihre „Schäfchen“ bei der Stange halten konnten. Heute gelingt das nur noch über psychische Manipulation: Indem man Feindbilder errichtet, Ängste und Vorurteile schürt, das Vertrauen der Menschen in das eigene Urteil schwächt und aus dieser Wagenburg-Mentalität heraus blinde Loyalität beschwört.

Folglich sehen wir heute eben jene ambivalente Entwicklung: homogene Gruppen mit einem sehr „klaren“ Profil (dazu zählen neben chronisch und zwanghaft Ambivalenz-aversen Fundamentalismen unter anderem auch manche Gründungen in der aufregenden Pionierphase) wirken oft ungemein anziehend auf Menschen in einer verwirrend widersprüchlichen, komplexen Welt. Dietrich Bonhoeffer warnte einmal in einem etwas anderen Zusammenhang: „Es ist nun aber die Gefahr in aller starken Liebe, dass man über ihr – ich möchte sagen: die Polyphonie des Lebens verliert.“

Folglich fliehen viele spätestens dann aus der Enge, die anfangs so viel Geborgenheit vermittelte, wenn sie die „Klarheit“ in einen Konflikt stürzt, der nicht mehr aufzulösen ist. Auch hier spielen der Umgang mit Ambivalenzen (eben der „Polyphonie des Lebens“) eine Rolle. Das Scheitern einer Ehe zum Beispiel ist immer schlimm, aber wenn ein Pfarrer den Eindruck erweckt, „richtigen“ Christen könne so etwas ja nicht passieren, ist es eine doppelte Katastrophe für die Betroffenen. Es stellt die Echtheit des eigenen Glaubens und die Beziehungen zur Gemeinde automatisch mit in Frage und schneidet Menschen von der Hilfe ab, die sie dringend brauchen.

Der weise Parker Palmer hat die Alternative so beschrieben:

Authentische Spiritualität will uns öffnen für die Wahrheit – was auch immer die Wahrheit ist, wohin auch immer die Wahrheit uns führt. Eine solche Spiritualität diktiert nicht, wohin wir gehen müssen, sondern vertraut darauf, dass jeder Weg, den wir mit Integrität gehen, uns zur einem Ort der Erkenntnis führt. Eine solche Spiritualität macht uns Mut, Vielfalt und Konflikt zu begrüßen, Ambivalenz auszuhalten und das Paradoxe anzunehmen.

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Danach

Danach hörte ich etwas wie eine große Stimme einer großen Schar im Himmel, die sprach: Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Kraft sind unseres Gottes! (Offenbarung 19,1)

Danach

Nach den Schalen der Zorns,
nach dem siebenfachen Ton der Posaune,
nach dem Öffnen der Siegel

Nach Krieg, Zerstörung, Feuer und Gericht
Nach dem Sturz der Stadt, die den Erdkreis tyrannisiert hat
Nachdem die Geschäftemacher und Geldwäscher sich die Augen ausgeweint haben

Nach Verfolgungsjagden vom Himmel auf die Erde und wieder zurück
Nach Dramen mit Drachen und Monstern
Nach Flucht und Vertreibung
Nach Angst und Verblendung

Nach Charlie Hebdo und Boko Haram
nach Genoziden in Afrika und dem Nahen Osten, an Juden, Muslimen und Christen
nach brennenden Textilfabriken ohne Notausgang
nach Kindersoldaten und Genitalverstümmelung
nach verseuchtem Nigerdelta, verstrahltem Fukushima und verqualmtem Amazonasbecken

Nach Jahrhunderten von Krieg, Ausbeutung und Sklaverei
nach Zwangsbekehrungen zum jeweils rechtesten Glauben
nach Zensur der Wahrheit und Mord an den Propheten
nach Korruption, Opportunismus und Gleichgültigkeit derer, die etwas hätten ändern können
nach Jahrhunderten der Unterdrückung von Frauen, Arbeitern und Dissidenten
nach einer Ewigkeit von Egoismus und Verrat, Zerwürfnissen und bösen Worten
nach Lügen, Feigheit und Verzweiflung

Danach:

Ein Flashmob aus Märtyrern und Engeln, halbseidenen Heiligen und himmlischem Hofstaat
tanzt auf den Straßen, denn die Grenze zwischen Himmel und Erde wird gerade abgebaut
heute ist Berlin überall, die Checkpoint Charlies öffnen die Schranken,
die Invasion des Heils hat begonnen.
„Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“,
stottert ein überrumpelter Politiker
und der Versprecher des einen erfüllt das Versprechen des Dreieinen.

Ein großer Chor erhebt seine Stimme – eine Stimme – und stimmt das Lob des einen an.

Des einen, der jeden Schrei seiner Geschöpfe gehört, jeden Schmerz geteilt,
jedes Unrecht gehasst, jede Bosheit ertragen hat
dem jede beschmutzte Ehre und verletzte Würde heilig sind
Der sich an jede Grausamkeit erinnert, die die Welt verdrängt und vergessen hat
Der jeden vergessenen Namen noch weiß,
Der sich eine Fortsetzung ausgedacht hat
für jedes Leben, das zu früh zu Ende ging
der jede verschlagene Heimlichkeit
von den Dächern rufen lässt

Alle Lieder, die je gesungen wurden, münden in ein einziges großes Brausen
ein kosmisches Crescendo aus donnerndem Gewitter und rauschenden Sturzbächen
– vielleicht wie 1928 in Paris die tumultartige Uraufführung von Ravels berühmten Bolero
als eine Frau im überwältigten Publikum schockiert ausrief „Hilfe ein Verrückter!“
und der Komponist zur Antwort gab: „Die hat’s kapiert.“

Und nun gibt es, nach all dem Leid und all den düsteren Jahren
kein Halten mehr
für alle, die verrückt genug waren, an diese Verheißung zu glauben,
für alle, die kapiert haben,
dass es mit dem Heil der Welt ganz leise beginnt
dass ein Instrument zum anderen kommt
bis der Saal schließlich so voll Musik ist
dass du Herzrasen bekommst.

Und wir – sind dabei!

Das Brot wird endlich gerecht geteilt
der Wein fließt reichlich
die Tränen sind abgewischt
Die Versuchung hat jeden Reiz verloren
und der Kampf mit dem Bösen jeden Schrecken
der Tod sucht verzweifelt seinen Stachel.

Aus dem unscheinbaren Senfkorn,
dessen zarte Triebe tausendmal niedergetreten wurden,
ist ein großer Baum geworden
Die winzige Portion Sauerteig hat den ganzen Teig durchdrungen
Der Schatz ist ausgegraben
Die unbezahlbare Perle funkelt in allen Farben des Regenbogens
Das Netz ist eingeholt, den Fischern gehen die Augen über
und das Boot fast unter über der Menge des Fangs.

Und bis dahin?

Das Reich, von dessen Kommen Jesus in so vielen Bildern spricht,
ist unterwegs, aber noch nicht da
so lange Menschen aus Angst, Hass, Gier und Mutwillen aufeinander losgehen
so lange Trennungen und Spaltungen unsere Welt – und mit ihr die Kirche – zerreißen

Der Seher Johannes schaut zurück auf die Auferstehung
und sieht die Zukunft der Welt in ihrem Licht
Sein Ruf gilt der Märtyrerkirche, nicht dem Wohlstandschristentum:
Gott will, dass wir durchhalten statt zu resignieren oder faul und gleichgültig zu werden

Er ist Trost für die Pilger und Warnung an die Sesshaften und Etablierten
Er ist eine Einladung auf den Platz zwischen den Stühlen
nicht die „goldene Mitte“ perfekter Balance und kluger Vermessung
Sondern der Abgrund, über den die Geschosse fliegen und in dem Verwundete liegen.

Es ist ein Weckruf an alle Gemeinschaften, die dem Zeitgeist folgen, der sagt
„Die Welt ist mir zuviel, und ich selbst bin mir genug“.
An die Hobbit-Mentalität, die sich im behaglichen Beutelsend einrichtet
die dort Gleichgesinnte willkommen heißt und Fremden misstraut
und sich nicht zuständig fühlt für die Welt „da draußen“

Gott hat andere Interessen
als rein privates Glück.
Sein Reich
ist mehr als mein Reich und dein Reich
und sein Reich und ihr Reich.

Er wurde arm, damit wir reich werden
schreibt Paulus  – nicht ohne Ironie – ins reiche Korinth
Er wurde schwach, um die Starken bloßzustellen
und wen er erwählt, den macht er auch schwach.

Denn sein Reich gehört den Ohnmächtigen
den Armen
den Sanftmütigen
den Trauernden
den Hungrigen und Durstigen
den Versöhnern und Friedensstiftern

* * *
Es war die Woche vor Pfingsten
Ich verbringe ein paar stille Tage im Frankenwald
Beim Morgengebet in einer Kapelle sprechen alle das Vaterunser
und während ich die letzte Zeile mitspreche
scheinen die Worte in mir zu explodieren
Die Luft vibriert und die Farben erscheinen in funkelndem Glanz
Als hätte jemand den Grauschleier über den Dingen weggezogen

Ein Rhythmus formt sich in meiner Seele
Denn Dein – ist das Reich – und die Kraft – und die Herrlichkeit
mit jeder Wiederholung wird er intensiver
(erging es ihnen beim Komponieren auch so, Maurice Ravel?)
Der Wind in den Bäumen und die Stimmen der Vögel
ist voller Harmonien zu dieser Melodie in meinem Kopf.

Eine unbändige Energie strömt durch meinen Leib
ich möchte aufstehen, tanzen, losrennen
„blindlings und absichtslos“ auf Gott zu.
Ein Panzer aus Jahrzehnten von Melancholie,
der sich so eng um meine Brust gelegt hatte, dass ich ihn für einen Teil von mir hielt,
wird von dieser Freude gesprengt.

Ich gehe hinaus in den singenden Wald, der Boden federt unter jedem Schritt
Sorgen, Traurigkeit, Ängste und Konflikte schrumpfen auf Normalmaß

Alles ist noch da:
Das Schöne und das Schmerzhafte,
heile und angespannte Beziehungen,
Bewältigtes und Unbewältigtes
aber nichts überwältigt mich mehr.

Ein Tisch ist mir gedeckt im Angesicht der Feinde.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
Lebenslänglich.
Ich kann an diesen Platz
immer zurückkehren

Manchmal wird die Ahnung vom glücklichen Ende schon so stark, dass wir mutig werden
Dann stimmen wir das Lied der Erlösten an,
weil die Heimkehr in das Verheißene schon begonnen hat
weil Babylon, ob es am Hudson, der Themse, dem Jangtse oder am persischen Golf liegt
mit seinen Hotel- und Bankentürmen, Wellnessoasen und Nobelkarossen, Stars und Glamour
weniger Herrlichkeit hat als eine Lilie auf dem Feld.

Ohne Vorfreude geht nichts im geistlichen Leben.
Verbissen werden wir die Welt nicht verändern.
Das Danach verändert das Jetzt.
Es beginnt ganz leise.

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Meine Liebe – deine Liebe

Mehr denn je bin ich davon überzeugt: Die Liebe ist der Daseinsgrund und das oberste Gesetz der Gemeinschaft. Aber bei uns wie bei anderen habe ich erlebt, dass man der Liebe recht übel mitgespielt hat – und das im Namen der Liebe!

Weder das Bemühen, von sich selbst abzusehen, noch die Ermahnung, doch an die übernatürliche Dimension zu denken, scheinen zu genügen, um solche Flurschäden zu verhindern. Alle, die gegenseitig aufeinander losgingen, waren davon überzeugt, dass man „Gott über alles lieben müsse und seinen Nächsten wie sich selbst“ – aber jede hatte ihre eigene Auffassung und ihre eigene Version dieser Liebe.

Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße, 139.

 

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Theologie mit Hirnschaden?

Ab und zu ist mir im zu Ende gehenden Jahr ein irritierendes Phänomen begegnet. Ich habe ja nun wirklich nichts gegen das Denken, aber manchmal verblüfft es mich schon, wie manche ihre theologischen Urteile gerade deshalb für besonders objektiv und sachlich halten, weil sie konkrete Personen und Lebensschicksale dabei offenbar schroff ausblenden können. Richard Beck hat das in einem seiner Posts ganz treffend auf den Punkt gebracht:

Orthodoxe Alexithymie („Gefühlsblindheit“) entsteht, wenn die intellektuellen Facetten christlicher Theologie um des korrekten und rechten Glaubens willen vom Gefühl, der Empathie und der Verbundenheit entkoppelt werden. Rechtgläubige Alexithymiker sind wie Patienten mit einem Hirnschaden am ventromedialen Präfrontalkortex. Ihre Gedankengänge können ausgeklügelt und in sich stimmig sein, aber sie sind losgelöst vom menschlicher Emotion. Und ohne dass christusförmige Einfühlsamkeit die Kette der Berechnungen leitet, landen wir bei der theologischen Entsprechung dazu, uns lieber am dogmatischen Finger zu kratzen als die Zerstörung der ganzen Welt zu verhindern. Logisch und lehrmäßig lassen sich solche Präferenzen rechtfertigen. Sie sind nicht „wider die Vernunft“. Aber sie sind unmenschlich und monströs. Emotion fehlt, nicht der Verstand.

… Zu ihrer Rechtfertigung werden rechtgläubige Alexithymiker die Sichtweise der Griechen hervorheben: Der Verstand muss die Leidenschaften zähmen. Wir können Gottes Willen nicht erkennen, wenn wir zulassen, dass Gefühle ins Spiel kommen. Gefühle sind Versuchungen. Daher müssen wir unserer Gefühle dem Verstand unterwerfen. Der Verstand führt dich zu Gott. Also lass die Gefühle beiseite. Wenn eine theologische Argumentationskette anfängt, dich zu erschrecken, dann musst du diese Gefühle unterdrücken.

Gestern hat Papst Franziskus seiner Kurie die Leviten gelesen und dabei 15 Krankheiten aufgezählt. Unter Punkt 3 redet er von „Abstumpfung“. Das ist vielleicht nicht ganz dasselbe wie Alexithymie, aber es kommt nahe hin. Umgekehrt spricht der Engel zu den Hirten von Gottes Wohlgefallen. Der betrifft sicher nicht die allgemeinen Zustände auf Erden, aber seine grundsätzliche Einstellung Menschen gegenüber und ganz besonders gegenüber Menschen mit Brüchen in der Biografie. Wohlgefallen ist kein moralisches Urteil, sondern Gottes Form von Empathie. Eine Empathie, das muss man gegenüber der Perversion von Weihnachtsliedern durch Pegida-Anhänger betonen, die gerade nicht nur dem gilt, der kulturell und ethnisch als „Gleicher“ wahrgenommen wird.

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