Wenn geistreich sein nicht mehr reicht…

Madeleine Delbrêl lebt in der Spannung zwischen Kirche und Gesellschaft, die (nicht nur) damals von beiden Seiten bedroht war. Die Kirche zog sich in sich selbst zurück vor einer immer gleichgültigeren Welt, die von ihr nichts mehr erwartete. Man muss das wissen, um die folgenden Sätze nicht misszuverstehen.

Einzig in der Kirche und durch sie ist das Evangelium Geist und Leben. Außerhalb ist es nur noch geistreich, nicht mehr Heiliger Geist.

Die Evangelisierung der Welt, ihr Heil ist die eigentliche Berufung der Kirche. Sie ist unaufhörlich auf die Welt hin ausgespannt, strebt zu ihr hin wie die Flamme zum Stroh. Aber diese Spannung wäre eine Überforderung für jemanden, der nichts weiter als er oder sie selbst sein wollte.

Je kirchenloser die Welt ist, in die man hineingeht, desto mehr muss man Kirche sein. In ihr liegt die Mission – durch uns muss sie hindurchgehen.

(Deine Augen in unseren Augen, 214.)

Das wäre durchaus eine Kirche, von der auch heute viele träumen: Eine Gemeinschaft von Menschen, in der sich das Evangelium verkörpert und deren Identität nicht in der strikten Abschottung besteht, sondern die sich fordern, dehnen und verändern lässt, die in ihrem Hineingehen in die Welt auch über sich selbst hinauswächst.

Reduziert man das Evangelium auf eine körperlose Idee, und versucht man aus dieser Idee Kapital zu schlagen für andere Zwecke (Bildung, Wellness, bürgerliche Moral etc.), dann ist es nur noch geistreich. Nicht wertlos, aber weit unter Wert verkauft.

 

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Das Beten der Aktivisten (1)

Aktivisten wollen die Welt verändern und deshalb, so zumindest das Klischee, stehen sie mit dem Gebet auf Kriegsfuß. Zu ungewiss die Resultate, zu anstrengend das Innehalten und Loslassen, zu irritierend die Wendung hin zu Gott und damit immer auch ein Stück weg von den Brandherden dieser Welt. Keine Zeit, die Hände zu falten. Das haben wir alle schon mal so oder so ähnlich gehört.

Doch jeder ernsthafte Aktivismus ist aus zwei Richtungen bedroht: Durch Erschöpfung und Resignation einerseits, wenn einem die Probleme über den Kopf wachsen und selbst jede gelungene Aktion nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein ist, andererseits durch Selbstgerechtigkeit, die stur und rücksichtslos macht. In selbstgerechten Köpfen entstehen Feindbilder – dann sind eben Banker und Manager die neuen „Zöllner und Sünder“, die kollektive Entrüstung auf sich ziehen – und aus Feindbildern wächst erst der Zorn und dann womöglich noch der Hass. Wink warnt:

Wir könnten einfach im Bann einer neuen, kollektiven Leidenschaft gefangen sein und dadurch versäumen, die Möglichkeiten zu entdecken, zu denen Gott hier und jetzt drängt. Ohne Schutz durch das Gebet ist unser Aktivismus der Gefahr unterworfen, zu einem selbstgerechten „guten Werk“ zu werden. (152)

Wer also weder seinen Mut noch seine Menschlichkeit im Kampf für Gerechtigkeit und im Einsatz für eine bessere Welt nicht verlieren will, für den ist das Gebet kein Beiwerk von zweifelhaften Nutzen mehr, sagt Walter Wink in Verwandlung der Mächte. Die beliebte Frage, ob Beten eine Flucht vor dem Handeln sein könnte, stellt Wink nicht, seine Perspektive ist nicht die des Rückzugs in einen heilen, frommen Binnenraum. Diese Auflösung der Grenze zwischen Tun und Beten habe ich kürzlich auch bei Madeleine Delbrêl gefunden, die schrieb: „Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, unsere Taten nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren.“ Zugleich ist das Gebet für beide, Wink und Delbrêl, auch mehr als ein Ort der Selbstreflexion. Es verändert nicht nur den Beter in seiner Innerlichkeit, während die Welt um ihn herum ungerührt ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt.

In Engaging The Powers verweist Wink in diesem Zusammenhang auf Rudolf Bultmann, der im Blick auf den „Gebetsglauben“ Jesu festgestellt hatte:

… man kann nicht zweifeln, dass, wenn Jesus zum Bittgebet mahnt, dann die Bitte im eigentlichen Sinn gemeint ist, d.h. im Gebet soll sich nicht die Ergebung in Gottes unabänderlichen Willen vollziehen, sondern das Gebet soll Gott bewegen, etwas zu tun, was er sonst nicht tun würde.

Nicht die Selbstbegrenzung des deistischen Gottes der Aufklärungstheologie oder die göttliche „Apatheia“ der antiken Philosophen prägen das Weltverhältnis des Glaubens, vielmehr begegnen wir hier jener Vorstellung von Allmacht und Souveränität, die nicht nach einem neutralen Standpunkt sucht, um von dort aus alpgemeingültige Aussagen zu machen, sondern den unablässigen Klagen der Psalmisten und dem Feilschen der Gerechten Israels einnimmt, die Gott unablässig ins Gewissen reden, ihn bei seiner Ehre und seinen Heilszusagen packen und ihn so ins Weltgeschehen verwickeln.

Um noch einmal Madeleine Delbrêl zu zitieren, die das Verbot der Arbeiterpriester der Mission de France unter Pius XII als schweren Rückschlag beklagte und in dem Zusammenhang fragte: „Aber Gott will, dass wir ihn aufdringlich darum bitten, sein Wort zu halten. Haben wir diesen Druck auf Gott ausgeübt, haben wir ihn hinreichend ausgeübt?“

Walter Faerber hat das Weltbild, auf das Wink sich bezieht, in diesem Post schön dargestellt und ihm mit dem keltischen Knoten noch ein schönes Symbol hinzugefügt. Wink folgert aus dem unentwirrbaren Ineinander göttlicher und menschlicher Initiative, sichtbarer und unsichtbarer Einwirkungen:

Fürbitte ist der spirituelle Widerstand gegen das, was ist, im Namen dessen, was Gott verheißen hat. Fürbitte imaginiert eine alternative Zukunft, anders als die, welche vom Schicksal durch das Zusammenwirken gegenwärtiger Kräfte bestimmt zu sein scheint. Das Gebet lässt die Luft einer kommenden Zeit in die erstickende Atmosphäre der Gegenwart hereinwehen. (154)

Ich will das im nächsten Post noch etwas näher ausführen. Hier vielleicht noch der Hinweis, der uns bei Con:Fusion 2014 noch ganz wichtig war, dass Wink – durchaus im Einklang mit den biblischen Texten – nie von einer direkten, unvermittelten Intervention Gottes in der Welt spricht. Immer ist ein menschlicher Agent im Spiel – von Adam über Abraham und Mose, die Richter und Propheten bis hin zum Messias, seiner jungen Mutter und schließlich der messianischen Gemeinschaft unter den Augen der Mächte der Welt.

Und so wie Menschen Gott durch ihr Gebet in die Leiden und Kämpfe seiner und ihrer Welt verwickeln, so verwickelt Gott die Menschen durch seinen Geist in die Anliegen seines Reiches, seiner „herrschaftsfreien Ordnung“ (domination-free order), wie Wink so oft sagt, eben jener „alternativen Zukunft“. Wenn wir Gott also, wie Madeleine Delbrêl schrieb, unter Druck setzen, dann deshalb, weil der Funke dieser Sehnsucht uns erfasst hat und sie sich im Umgang mit Gott und den Worten Jesu ständig neu entzündet.

In unserer Gruppe brachte es am Samstag jemand auf den (ziemlich herausfordernden…) Punkt:

Gott hat es so angestellt, dass das Gute nur gewinnt, wenn wir mitmachen.

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Der Sinn des Betens

Die Träger der kommenden Veränderungen unterwerfen sich in der Regel einer Lebensweise, die andere vielleicht als Schinderei bezeichnen würden. Sie tun dies nicht, um sich zu kasteien oder sich etwa bei Gott beliebt zu machen. Sie tun einfach das Nötige, um spirituell lebendig zu bleiben, so wie sie essen und trinken, um körperlich lebendig zu bleiben. […]

Menschen, die beten, tun dies nicht, weil sie an bestimmte intellektuelle Thesen über den Wert des Gebets glauben, sondern weil der Kampf, menschlich zu bleiben im Angesicht übermenschlicher Mächte, es verlangt.

Walter Wink, Verwandlung der Mächte, 151.

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Zeitstaub

Legt man sich die Latte im geistlichen Leben zu hoch, dann ist damit gar nichts gewonnen. Madeleine Delbrêl plädiert für den entgegengesetzten Ansatz, und sie hat einen schönen Begriff dafür:

Manche setzen es sich in den Kopf, es genau wie die Ordensleute machen zu wollen; das führt aber dazu, überhaupt nichts zu tun, denn so etwas ist für uns Leute vom Volk praktisch unmöglich.

in das beschäftigtste, umtriebigste Leben dringen aber doch, wie feiner Staub, leere Zeitteilchen ein […] Wenn wir behaupten, Beten sei unmöglich, so müssen wir uns auf die Suche nach diesem Zeitstaub machen und ihn so, wie er ist, verwerten.

aus Deine Augen in unseren Augen: Die Mystik der Leute von der Straße, 103.

 

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Nicht:Ich:keiten

In einer Welt aufgeblasener Nichtigkeiten
erstaunt Deine Nicht:Ich:Keit.

Wo Ichlinge groß sein wollen,
wirst Du ganz klein.
Wo jeder der erste sein will,
liebäugelst Du mit den Letzten.

Wo die Ungeduld drängelt,
hast Du Zeit zum Spielen.
Wo jeder Gehör finden muss,
spendest Du Stille.

Wo wir uns beweisen,
lässt Du Dich in Zweifel ziehen.
Wo Säbel rasseln und Stiefel poltern,
kommst Du barfuss daher.

In dieser Nicht:Ich:Keit
bist Du unnachahmlich,
einzigartig Du selbst –
versöhnst mich mit meiner Nicht:Ich:Keit,
nimmt mir die Angst
vor dem Sturz ins Nichts.

Schwerelos macht mich das,
so entgleitet mir
in deiner Umarmung
meine Ungehaltenheit.

Ich in dir,
Du in mir.
Nicht:Ich mehr,
aber gehalten.

Amen.

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Mitleidenschaft

Gott lässt sich um unseretwillen „in Mitleidenschaft ziehen“, so oder so ähnlich sagte es Andreas Ebert letzte Woche bei den Straßenexerzitien. Ich musste eine ganze Weile über diese Redewendung nachdenken. Manchmal hört man ja auch geläufige Phrasen urplötzlich ganz neu – und entdeckt, wie passend sie sein können:

Wenn etwas (ein Waldweg, der DAX, ein Kniegelenk) in Mitleidenschaft gezogen wird, dann hinterlässt das Spuren, erkennbare Wundmale, auch wenn das eigentliche Ziel der Gewalteinwirkung (des Fahrzeugs, der Gewinnwarnung, der Belastung) ein anderes war. Aktuell heißt das in der drögen Diktion des US-Militärs „Kollateralschaden“, wenn jemand unverschuldet „unter die Räder“ kommt, weil er einer nahenden Gefahr nicht rechtzeitig ausweicht.

Wenn es Gottes Wesen ist (und nicht nur ein dummer Zufall der Geschichte), dass er sich in Mitleidenschaft ziehen lässt, weil er sich in absehbare und vermeidbare Gefahr begibt, dann stellt sich die Frage, inwieweit auch wir uns dem Leid um uns her aussetzen, ob es also angeht, wenn wir jede Möglichkeit nutzen, ihm (dem Leid – Gott – Gott im Leidenden) aus dem Weg zu gehen. Es geht nicht darum, ins Leiden verliebt zu sein. Aber vielleicht ein bisschen in den, der nicht jedes Leid scheut auf seinem Weg zum Mitmenschen.

Bloßes „Mitleid“ mit anderen kann auch einen herablassenden Charakter annehmen, zum faden Bedauern werden. Zum Glück steckt in „Mitleidenschaft“ aber auch noch die Leidenschaft. Leidenschaftlich Anteil zu nehmen ist kostspielig, es strapaziert uns ganz anders und es hinterlässt Spuren. Wir spüren in einer solchen Begegnung aber nicht nur die Defizite und den Schmerz anderer, sondern auch das, was sie antreibt und am Leben hält, ihre Leidenschaft eben.

Und dann kann es passieren, dass sich die Strapaze wandelt zum Geschenk. Dass, wie Christian Herwartz es vorletzte Woche sagte, aus der Dornenkrone ein brennender Dornbusch wird. Ein Ort der Gottesbegegnung und Verwandlung. Heiliger Boden, wo ihn niemand vermutet hätte.

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Lust auf etwas anderes

… ich glaube, du hast von den Leuten genug,

Die ständig davon reden, dir zu dienen – mit der Miene von Feldwebeln,

Dich zu kennen – mit dem Gehabe von Professoren,

Zu dir zu gelangen nach den Regeln des Sports

Und dich zu lieben, wie man sich in einem alten Haushalt liebt.

Eines Tages, als du ein wenig Lust auf etwas anderes hattest,

Hast du den Heiligen Franz erfunden

Und aus ihm einen Gaukler gemacht.

An uns ist es, uns von dir erfinden zu lassen,

Um fröhliche Leute zu sein, die ihr Leben mit dir tanzen.

Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße, 116.

 

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Wo wohnt Gott?

Auf meinen Wegen kreuz und quer durch München kam ich an vielen Kirchen vorbei – barocke, neoklassizistische, ein paar moderne und etliche undefinierbare. Nicht wenige Kirchenbauten in dieser Stadt kommen etwas monströs daher, als orientierten sie sich am monumentalen Stil ihrer Umgebung, etwa das markante Templer-Kloster in Giesing mit seinem 87 m hohen Zwiebelturm.

Vor allem aber wirken sie heute oft wie Kleider, die nicht mehr passen. Die Gemeinden sind geschrumpft, sie frösteln zwischen den kalten Wänden und füllen den üppigen Raum, der so viel von ihren Energien schluckt, nur noch selten. Diese musealen „Liegenschaften“ stehen herum wie die abgestreifte Haut eines Lebewesens, das nach der Häutung aber nicht größer, sondern kleiner wurde. Wie ein Abdruck des Gewichts, das die Kirche einmal besaß – oder vielleicht auch bloß anstrebte.

Ich fragte mich, ob auch solche Kirch-Türme aus der Angst heraus gebaut wurden, die Gemeinden könnten sich verlaufen und zerstreuen (wie beim Turmbau zu Babel in Genesis 11, nur dass in diesem Fall nicht der Bau scheitert, sondern der Versuch, ihn weiterhin zu bewohnen). Ist am Ende so manche Theologie des sakralen Raumes eher der Ausdruck einer gewissen Unfähigkeit, Gott in dieser chaotischen, unruhigen, widersprüchlichen, oft problematischen, aber auch so lebendigen, vielstimmigen und ständig Neues hervorbringenden Welt anzutreffen?

Fungiert die Art, wie Gemeinden (klar: nicht alle, aber doch so manche) die Geschichte ihrer Bauten gern erzählen, nicht hin und wieder als Versuch eines Gottesbeweises, der doch ebenso unbefriedigend bleiben muss wie seine metaphysischen und formallogischen Vorläufer?

Ich saß, während ich über diese Dinge nachdachte, auf einer Bank, die zwischen zwei Reihen alter Buchen stand. Es nieselte, aber die Bäume hielten mich trocken und der Himmel über mir war etwas grau, aber offen und voller Leben.

Ich kenne auch schöne und zweckmäßige Kirchenräume. Aber ich fürchte, wir halten sie auch dann noch gern für schön und zweckmäßig, wenn sie es schon längst nicht mehr sind. Ich plädiere auch nicht für die Abschaffung von Kirchengebäuden. Wohl aber dafür, den Blick für Gottes verborgene Anwesenheit an all den gewöhnlichen Orten zu schärfen, und Gott vor allem nicht anhand von Immobilien, sondern unter den Menschen nachzuspüren, nicht im Damals, sondern im Heute.

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Nackte Sohlen, brennendes Herz

Manche haben es ja mitbekommen, dass ich die letzte Woche auf den Straßen von München zugebracht habe. Es war eine sehr bewegende Zeit und in den abendlichen Austauschrunden in der Gruppe, die Christian Herwartz und Andreas Ebert wunderbar einfühlsam und anregend anleiteten, gab es viel zu erzählen – Nachdenkliches, Trauriges und überraschend viel Staunen und dankbare Freude.

Der Franke geht eigentlich ja grundsätzlich mit gemischten Gefühlen durch München, und so verlief auch der Einstieg am ersten Tag. Christian hatte uns die Anregung mitgegeben, darauf zu achten, was uns stört oder traurig macht. Denn hinter der Trauer und dem Ärger liegt die Sehnsucht, wie es sein könnte oder sollte. Auf dem Umweg über die “negativen“ – oder besser: unangenehmen – Gefühle kommen wir der Sehnsucht auf die Spur, die verborgen in uns liegt und die wir uns nicht ausgesucht haben.

Die ersten Dinge, die mir auffielen, waren etliche Schilder, die Leute an den Häusern im Glockenbachviertel aufgehängt hatten: Wo man nicht parken oder seinen Hund pinkeln lassen soll; oder dass, so die Crew einer Kneipe, auf dem Gehweg vor dem Haus „so ziemlich alles verboten“ und mit Bußgeldern für den Wirt belegt sei. Auf dem alten Südfriedhof war neben den Namen auch stets der gesellschaftliche Stand der Toten in Stein gemeißelt, selbst wenn es sich um das wunderliche Prädikat „Privatiersgattin“ handelte.

Überlebensgroß wurden die Inschriften dann in der Fußgängerzone: Ein mit Pralinen gefülltes Schaufenster verkündete, jeder Widerstand sei zwecklos und dass man vor dieser Versuchung nur kapitulieren könne. So funktioniert der Kapitalismus, das war die Stimme der „Wölfe“ aus der biblischen Aussendungsrede, weshalb wir den weisen Rat bekommen hatten, die Wölfe nicht zu füttern, indem wir Geld mitnehmen und ausgeben. Statt der Verbote war hier in der City die Forderung allgegenwärtig, jedem Appetit doch gefälligst umgehend freien Lauf zu lassen.

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Ich fühlte mich bedrängt von Ansprüchen und Appellen, mein Widerwille gegen diese Bevormundung wuchs, und die Gruppen von Jehovas Zeugen, die in der Innenstadt ihre Schilder mit frommen Parolen hochhielten, linderte ihn auch nicht gerade, ebensowenig wie aggressive und ungeduldige Kraftfahrer.

Wo ist man in dieser Stadt eigentlich unbedrängt? Ich lief auf Umwegen bis zur Münchner Freiheit, nur um dort in einer Seitenstraße die Zentrale von Scientology zu finden. Und dann entdeckte ich sie doch noch: Bei den Surfern auf dem Eisbach und den Schachspielern am Isarufer, wo Menschen über das Spiel zusammenfanden und darüber – wenigstens für den Moment – zu Gleichen wurden. Wer wollte, konnte stehenbleiben und sich – absichtslos und zweckfrei – in den Bann des Spiels ziehen lassen, ein Gesprächsthema mit den anderen finden, und sich irgendwann wieder abwenden und gehen.

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Und darin begegnete ich der Sehnsucht in mir selbst: Nach dem Freiraum des absichtslosen Spiels; nach der Gleichheit unter Menschen, die nichts anderes von einander wollen , als gemeinsam etwas für diesen Augenblick zu schaffen und zu genießen. Mein Gottesname für diese Woche lautete: Du, der alle Schönheit geschaffen hat und mir im Spiel begegnet, der mir gleich wird und mich an einen Ort führt, an dem ich aufleben kann. Dieses Gebet hat sich Tag für Tag in unterschiedlichen Formen wiederholt.

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Das Format unserer Taten

Wir anderen, wir Leute von der Straße, sind ganz sicher, dass wir Gott so sehr lieben können, wie er Lust hat, von uns geliebt zu werden.

Wir glauben, dass die Liebe keine glanzvolle, dafür aber eine aufzehrende Angelegenheit ist; wir denken, dass wir, wenn wir für Gott ganz kleine Dinge tun, ihn ebenso lieben können wie mit großen Aktionen. Im Übrigen halten wir uns für schlecht informiert, was das Format unserer Taten angeht. Wir wissen bloß zweierlei: zum einen, dass alles, was wir tun, nur klein sein kann; zum anderen, dass alles, was Gott tut, groß ist. Das beruhigt uns angesichts dessen, was zu tun ist.

Weil wir die Liebe für eine hinreichende Beschäftigung halten, haben wir uns nicht die Mühe gemacht, unsere Taten nach Beten und Handeln auseinanderzusortieren.

Madeleine Delbrel, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße, 97.

 

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Ich bin dann mal suchen

Heute Abend beginnen die Straßenexerzitien in München. Andreas Ebert ist unser Gastgeber und Hausherr für unsere Pilgergruppe im spirituellen Zentrum St. Martin, wir waren dieses Jahr schon zusammen auf Iona und nun gibt es ein Wiedersehen.

Und dann freue ich mich sehr, Christian Herwartz persönlich kennenzulernen, nachdem ich sein Buch „Auf nackten Sohlen“ schon immens spannend fand.

Die Großstadt als „Wüste“ – Ort der Einsamkeit und der Begegnung – der Erfahrung will ich in den nächsten 7 Tagen nachgehen. Vielleicht poste ich im November den einen oder anderen Bericht aus der Woche. Bis dahin wird es hier stiller als normal.

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Crazy Love (3): Wieder warten

(Wer es noch nicht gelesen hat: Teil 1 und Teil 2)

Wie geht es weiter? Vielleicht so:

Sie zieht zurück in die gemeinsame Wohnung und richtet sie, so gut es geht, wieder her. Und dann wartet sie auf seine Rückkehr. Immer wieder schickt er Nachrichten. Das hält ihre Hoffnung am Leben, aber es ist eine angespannte Hoffnung. Wenn er sie wirklich so liebt, wie er schreibt, warum dauert das denn alles so lange?

Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, steht er plötzlich vor der Tür. Sie hat Mühe, ihn zu erkennen nach der langen Zeit, und weil er so ärmlich gekleidet daherkommt. Die Wohnung steht immer noch unter Beobachtung. Immer wieder geht er weg, um sich mit Leuten zu treffen, und dann kommt er wieder zurück. Sie würde ihn am liebsten nicht mehr gehen lassen, aber sie weiß, dass sie das nicht verlangen kann.

Wie befürchtet kommt schließlich der Tag, als die Polizei die Wohnung durchsucht und ihn mitnimmt. Er wird im Schnellverfahren verhaftet und kurz darauf kommt die Nachricht von seinem Tod. Insider munkeln, er sei an den Folgen von Folter gestorben. Das Begräbnis findet in aller Stille statt. Nur ihre besten Freundinnen sind dabei.

Geheimdienst und Innenministerium sind zufrieden, dass die Gefahr vorbei ist. Nun können sie sich anderen Dingen zuwenden.

Aber dann gibt es ein paar merkwürdige Besuche und neue Botschaften. Das Gerücht geht um, dass er lebt und die Revolution wieder in vollem Gange ist. In aller Stille besucht er sie und verschwindet ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Aber lange genug, dass sie glauben kann, das war keine Halluzination. Allmählich gehen bei ihr die seltsamsten Menschen aus und ein. Fremde werden zu Freunden, Zyniker und Resignierte wagen wieder, auf die große Wende zu hoffen.

Manche von ihnen sind ihm irgendwo begegnet und finden nun zu ihr. Andere kommen ins Haus und haben das Gefühl, dass er unsichtbar da ist – irgendwie „Dazwischen“, wenn sie am Tisch sitzen und erzählen, wenn sie sich erinnern und von der Zukunft träumen, wenn sie immer wieder seine Sprüche zitieren

Zwischen all diesen Menschen.

Zwischen Traurigkeit und Vorfreude.

Zwischen all den kleinen Anfängen und den großen Herausforderungen.

Diese Liebesgeschichte ist noch nicht zu Ende. Aber wenn das, was aussah, wie das absolute, totale Ende, nicht das Ende war, dann ist das Ende so, wie es dieser Brief beschrieben hatte: Eher fallen die Berge und Hügel in sich zusammen, als dass er sie vergisst oder verlässt.

Wo kommen wir vor in dieser Geschichte?

Einmal persönlich: Die meisten erleben bei sich selbst wechselhafte Gefühle und gemischte Motive, nicht nur im Blick auf andere Menschen, sondern auch auf Gott. Und wir erleben Zeiten der Funkstille, des Wartens und Zweifelns, der unerfüllten Sehnsucht, in denen sich scheinbar gar nichts tut.

Es berührt uns aber auch gemeinschaftlich: All die „verlassenen“, von anderen (und womöglich auch sich selbst) abgeschriebenen Kirchen und Gemeinden, denen kaum noch jemand etwas zutraut und von denen niemand etwas erwartet, die als Konkursmasse gelten.

Leben im Exil und im Warten heißt, dass wir ganz ehrlich werden können im Blick auf uns selbst. Und dann erreicht uns – nicht immer so schnell, wie wir uns das vielleicht wünschen – neue Hoffnung, dass wir nicht allein und gottverlassen sind, auch wenn alle Umstände genau das zu sagen scheinen. In Jesus ist Gott selbst ein von allen Verlassener geworden, damit sich niemand mehr verlassen fühlen muss. Und selbst wenn wir uns so fühlen, dann war das nicht das letzte Wort und dann ist das nicht das Ende.

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Kirche ist nichts für Romantiker

Ganz nüchtern lasen wir heute im Epheserbrief davon, dass man einander in der Kirche (wie auch in der Familie) manchmal halt einfach ertragen muss. Das ist eine schlichte und doch tiefe Lebensweisheit. Vielleicht hat sie etwas mit dem Älterwerden zu tun, bestimmt aber mit einer gewissen Reife.

Unreifere Beziehungskonzepte kennen nur den Modus der Euphorie oder der Krise, scheint mir. Ist die Euphorie weg, hält man das schon für den Anfang vom Ende (und wenn man das glaubt, ist es auch oft so). Wenn aber das Verfliegen der Euphorie schon die Krise ist, dann ist die Versuchung hoch (zumal wenn alle anderen ähnlich ängstlich sind), dieses Abflauen möglichst lange zu kaschieren oder zu leugnen. Oft so lange, bis der Frust am Ende so abgrundtief ist, dass man gleich alles hinschmeißt.

Aber wir sind einfach nicht so gestrickt, dass wir ständig auf der höchsten Erregungsstufe laufen können. Von daher ist es befreiend, wenn man sich eingesteht, dass wahre und echte Liebe manchmal auch „nur“ bedeutet, sich und den anderen auszuhalten (N.B.: ersteres kann noch schwerer sein. Der große Philosoph Brian Adams dichtete vor Ewigkeiten schon: If you wanna leave me, can I come, too? ).

Das „Ertragen“ ist also kein Zerfallsprodukt der Liebe (das verbitterte Aushalten schon eher), sondern es ist eine ganz authentische Äußerung wahrer Liebe.

Zwischen Euphorie und Panik, Intimität und Irritation liegt ein weites, fruchtbares Land.

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Große Weite auf engem Raum

Im August haben meine Frau und ich gemeinsam mit Freunden an einer „Open Week“ der Iona Community teilgenommen. Die unter George MacLeod wiedererrichtete Abbey, 563 von St. Columba gegründet und seither wohl der heiligste Ort Schottlands (Macbeth soll hier unter anderem begraben sein), bietet Platz für ca. 50 Gäste, dazu kommen viele freiwillige Helfer_innen. Es geht sehr international zu, wir trafen eine große Gruppe aus den Niederlanden und eine Gemeindegruppe aus den Midlands, dazu eine ganze Reihe Einzelpersonen. Es ist bei voller Auslastung reichlich eng rund um den Kreuzgang, die Zimmer sind winzig und oft mit Stockbetten eingerichtet, das Haus ist hellhörig, die Fußböden knarzen mächtig und die Duschen muss man sich geduldig teilen. Wer abends Bier, Cider oder Wein trinken will, muss fünf Minuten laufen in die Bar an der Martyrs’ Bay.

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Wer nach Iona kommt, lebt eine Woche Gemeinschaft auf Zeit. Alle Gäste packen im Haushalt mit an, und ich vermute, das Fehlen einer Industriespülmaschine hat weniger finanzielle Ursachen. Das Arbeiten gehört, genauso wie die Morgen- und Abendgebete zum Konzept von Gemeinschaftsbildung dort. Das Morgengebet endet im Stehen und ohne „Amen“ oder Segen, um deutlich zu machen, dass die nun folgende Aktivität eine nahtlose Fortsetzung des Gottesdienstes mit anderen Mitteln ist.

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Rückzug ist also kaum möglich, zumal sich im Programm kurze Impulse der Verantwortlichen rasch mit interaktiven Elementen mischen, ständig kommt man mit jemand anderem ins Gespräch, mal eher spielerisch-locker, mal zu recht persönlichen Fragestellungen und Themen. Und so hat man nach sechs Tagen viele neue Bekannte, deren Namen es zu behalten gilt. So richtig tief geht es dagegen angesichts des kurz getakteten Ablaufs nur selten. Und man sollte wirklich passabel Englisch sprechen können, sonst wird es mühsam.

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Zum Seele baumeln lassen muss man sich in die Kirche (Farne wachsen innen an den Wänden) oder eine der Kapellen verdrücken oder gleich ganz hinaus gehen – hoch zum Dun I oder an den weißen Sandstrand im Norden der Insel, vorbei an Schafen und Hochlandrindern. Echte Stille gibt es nur sporadisch am Sonntagabend in der Kirche oder auf einer fünfminütigen Etappe des gemeinsamen Pilgerwegs, den die ganze Gruppe in vier oder sechs Stunden geht. Nach jeder Mahlzeit gibt es einen „moment of silence“, der ungefähr einen Atemzug lang dauert und mit einem emphatischen „Thank you, God“ beschlossen wird.

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Reich beschenkt wird man aus dem Schatz der Lieder von John Bell und anderen, aus der ungemein frischen und klaren liturgischen Sprache, die stets mehr wertvolle Denkanstöße enthält, als man in dem jeweiligen Augenblick behalten und zu Ende denken kann, durch die Ehrlichkeit, mit der die Mitglieder der Community erzählen, und die ökumenische Offenheit dort, wo sich Pilger aus aller Welt begegnen. Wem das noch nicht reicht, der findet eine gut ausgestattete Bibliothek im Haus vor und gegenüber einen Buchladen, in dem man schnell arm werden kann.

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Unter den Gästen wie auch den Freiwilligen finden sich viele Pfarrer_innen und Theologe_innen und noch mehr engagierte Laien. Auf eine spannende Art ist Iona für sie „kirchlich“ genug, um sich zuhause zu fühlen, und zugleich anarchisch genug, um sich und die eigene Umgebung einmal kritisch zu betrachten, oder sich von anderen Querdenkern auf der eigenen Suche nach neuen Wegen anregen zu lassen.

Keiner aus unserer kleinen Delegation wusste einen vergleichbaren Ort in Deutschland, an dem Natur, Geschichte, gelebte und schöpferische Gemeinschaft, Begegnung über Landes- und Konfessionsgrenzen hinweg so profiliert anzutreffen wären. Iona ist wieder zu einem pulsierenden Zentrum geworden, wie im Frühmittelalter, als es an der stark frequentierten Wasserstraße entlang der inneren Hebriden lag. Heute erscheint es uns abgelegen und wird gerade deshalb so gern aufgesucht. Man kann die Anreise an einem Tag schaffen, aber dann darf nichts schief gehen, wenn man die letzte Fähre in Fionnphort auf Mull kurz nach 18 Uhr noch erreichen will. Rückwärts ist es einfacher, aber nach so intensiven Tagen wird es den meisten gut tun, noch irgendwo in der reizvollen Umgebung ein paar Tage Rast zu machen und die Eindrücke nachklingen zu lassen.

Es war bestimmt nicht der letzte Besuch.

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Unerwünschte Trauer

Vor kurzem hörte ich einen Bericht über Christen in einem autoritären Staat. Sie sind dort leidlich anerkannt und werden genau beobachtet. Ärger gab es, als bei einer Veranstaltung Menschen von Traurigkeit über bestimmte Missstände im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben ergriffen wurden und weinten. „Positive“ Emotionen sind dagegen erlaubt oder gar erwünscht.

Ich fand das sehr spannend und musste sofort an Walter Brueggemanns Auslegung des Buches Jeremia denken. Er arbeitet heraus, wie der Prophet der unterdrückten Trauer im Land eine Stimme verleiht: Trauer über die Opfer von Wachstum, Wohlstand und Fortschritt wie auch Trauer über das ausstehende Gericht, das im Zusammenbruch des Reiches und Reichtums besteht. Und er zieht eine Verbindung zu Jesus:

Jesus wusste, was wir Abgestumpften immer wieder lernen müssen: dass das Weinen wirklich sein muss, weil das Ende wirklich ist; und dass Weinen Neues zulässt. Sein Weinen lässt zu, dass das Reich kommt. Solches Weinen ist radikale Kritik, ein furchterregender Abriss, weil er das Ende jeglichen Machotums bedeutet; selten weinen Könige, ohne dass es sie den Thron kostet. Aber der Verlust des Throns ist genau das, worauf die prophetische Kritik aus ist.

 

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