Der frühe Beter fängt den Segen

Heute morgen habe ich mein erstes original koreanisches Frühgebet miterlebt – in der Myung Sun Presbyterian Church von Pastor Kim Sam-Whan. Früh ist sehr wörtlich gemeint – vor Sonnenaufgang. Unsere Gruppe traf rechtzeitig um 6.00 Uhr zum zweiten Gottesdienst dieses Wochen(!)tages ein. Im riesigen und brandneuen Auditorium (rechts im Bild, links die „alte“ Kirche) waren die 7.500 Plätze zu gut zwei Dritteln gefüllt. Wir wurden sehr freundlich begrüßt und herzlich aufgenommen.

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Das Frühgebet ist das Markenzeichen dieser Gemeinde, die 1980 gegründet wurde und seither gewaltig angewachsen ist. Was mich dann aber doch erstaunte, war, dass heute zumindest kaum gebetet wurde und außer zwei Liedern und dem Segen der Gottesdienst eigentlich aus einer langen Predigt bestand.

Inhaltlich war die Predigt insofern sehr interessant, als zwei Dinge immer wieder auftauchten: Die ständige Mahnung zum Gebet und zur Teilnahme an den Gemeindeversammlungen – besonders den fünf täglichen Frühgebeten (das erste beginnt um 4.50 Uhr, nach zwei Intensivwochen, die im Moment anstehen, ist es dann aber nur ein Termin wochentags) – sowie zu Disziplin und Treue auf der einen Seite und auf der anderen Seite das Motiv des Aufstiegs, das sich an der Entwicklung der Gemeinde (wer täglich kommt, hat das vermutlich schon tausendmal gehört), ihres Gründungspastors, aber auch an der koreanischen Gesellschaft insgesamt festmacht.

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Max Weber hätte kein besseres Beispiel finden können für die Korrelation von Calvinismus und wirtschaftlichem Erfolg. Der Aufstieg Koreas zu einer Wirtschaftsmacht, der Wohlstand seiner Bürger, die Erfolge der Familien bei der Ausbildung ihrer Kinder (90% absolvieren angeblich ein Hochschulstudium, wenn der manchmal etwas unsichere Übersetzer das richtig vermittelt hat) wird als Gottes Gnade gedeutet. Und nun, wo Disziplin das alles ermöglich hat, wird weiter Disziplin gepredigt, um es nicht zu verlieren.

Ob das aufgeht, ist eine andere Frage. Plötzlich war nicht nur mir sonnenklar, warum wir gestern gehört hatten, dass sich viele Christen nach Spiritualität sehnen und deshalb den Gemeinden den Rücken kehren – wir kennen in Deutschland ja analoge Prozesse, wo die Kinder der pflichtbewussten Kriegs und Nachkriegsgeneration sich von den Werten der Eltern lösten.

Ganz am Schluss gab es noch eine unerwarteter Zugabe: Irgendwer hatte einen Knopf gedrückt und über der Bühne des Halbrundes öffnete sich die Decke und gaben neben dem Blick auf den Himmel auch ein paar moderne „Fresken“ frei, die sicher nicht europäischer Standardgeschmack sind, aber auch von vielen Gemeindegliedern bestaunt wurden – das scheint also nicht jeden Tag des Fall zu sein hier. Über kurz oder lang müssen sich auch die Gemeinden in Korea fragen, wie das Evangelium neu kontextualisiert werden kann.

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Ein dicker Schuss Sendungsbewusstsein steckt in diesem landestypischen Mix auch mit drin, und das eigene kleine Museum im Gebäudekomplex erzählt und Worten und Bildern von der Aufbauleistung des Pastors und dem Wachstum der Gemeinde zu fast schon einer eigenen kleinen Konfession. Über 60 Missionare arbeiten in aller Welt, zwei davon in Deutschland, und zahlreiche Hilfs- und Bildungsprojekte werden unterstützt.

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Was bin ich?

Bei einem Rundgang auf Holy Island fand ich mich diese Woche am Beispiel der keltischen Heiligen mit der Frage konfrontiert, was meine Träume und Ziele sind. Kurz darauf las ich bei Abraham Heschel die folgenden Zeilen:

Eine Person ist das, was sie anstrebt. Um mich zu kennen, frage ich: Was sind die Ziele, die zu erreichen ich mich bemühe? Was sind die Werte, die mir am wichtigsten sind? Welches sind die größten Sehnsüchte, von denen ich mich bewegen lassen möchte?

Mensch Sein heißt unterwegs sein, und auch wenn niemand sein Ziel schon endgültig erreicht hat, erschließt sich meine wahre Identität erst von da aus. daher bin ich mehr als nur die Summe meiner Erfahrungen und mehr als nur das, was ich schon verwirklicht habe. Wer einen Menschen nur danach beurteilt, verkennt ihn im Grunde. Wer einen anderen verstehen möchte, muss die Sehnsucht verstehen, die ihn antreibt.

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Authentisch glauben

To have faith does not mean, however, to dwell in the shadow of old ideas conceived by prophets and sages, to live off an inherited estate of doctrines and dogmas. In the realm of faith only he who is a pioneer is able to be an heir. The wages of spiritual plagiarism is the loss of integrity; self-aggrandizement is self-betrayal.

Authentic faith is more than an echo of tradition. It is a creative situation, an event. For God is not always silent, and man is not always blind.

Abraham Heschel

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Gott im „Ich“?

Ich finde die Praxis der Kontemplation eine ganz wertvolle und unverzichtbare Sache. Allerdings scheint mir, dass ich die dazugehörige Theorie manchmal erst in mein theologisches Koordinatensystem übertragen muss. In den letzten Woche habe ich das neue Buch von Franz Jaliczs gelesen. Ab und zu stolpere ich dabei über Aussagen wie diese, wo er davon spricht, die „Welt der Dualität“, wie er es nennt, hinter sich zu lassen:

Er ist kein Objekt, kein Gegenüber, das ich als Subjekt erkennen und kontaktieren kann. Wenn ich mich als ein „Ich“ von ihm abgrenzen (Subjekt) und ihn mit einer Du-Anrede von mir ausschließen könnte (Objekt oder Gegenüberstehendes), wäre er nicht mehr Gott. Gott kann man nicht begrenzen. Gott kann ich nicht von mir ausschließen, indem ich ihn als ein Gegenüber behandle. Gott ist überall und in jedem Geschöpf und auch nirgends, weil er nicht in Zeit und Raum eingeordnet werden kann. In der Wirklichkeit kann ich ihn viel mehr mit „Ich“ ansprechen als mit „Du“. Deswegen hat auch Mose Gott als „ich bin“ erkannt. Ich muss Gott in mir finden. Dort ist er unmittelbar da. (S. 141)

In der Tradition der Mystik, etwa bei Meister Eckhart, gibt es freilich viele ähnliche Aussagen. Ich denke, dass ich erahnen kann, was gemeint ist. Trotzdem finde ich die gewählte Sprache schwierig. Und die Exegese zum Gottesnamen, gelinde gesagt, sehr gewagt.

Miroslav Volf setzt sich in Von der Ausgrenzung zur Umarmung mit dieser Frage, ob die Grenzen des Selbst am Ende völlig aufgehoben werden, kritisch auseinander. Wie Jaliczs geht auch er von der Trinität als Vorbild aus. So wie sich dort Einheit und Unterschied nicht aus- sondern einschließen, Vater und Sohn also zu jedem Zeitpunkt unterscheidbar bleiben, aber nicht zu trennen sind, so gilt das auch für die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch:

Wenn sich die Trinität so der Welt zuwendet, werden der Sohn und der Geist in dem schönen Bild des Irenäus die beiden Arme Gottes, durch die die Menschheit erschaffen und in Gottes Umarmung aufgenommen wurde (vgl. Adversus Haereses 5,6,1). Dieselbe Liebe, die in der Trinität in sich nicht abgeschlossene Identitäten erhält, ist darauf aus, „in Gott“ Raum für die Menschheit zu schaffen. Die Menschheit ist jedoch nicht einfach der Andere Gottes, sondern der geliebte Andere, der zum Feind geworden ist. Wenn Gott sich daran macht, den Feind zu umarmen, ist das Kreuz das Ergebnis. Am Kreuz öffnet sich der tanzende Kreis der Selbsthingabe und gegenseitigen Einwohnung der göttlichen Personen für den Feind; in der Qual der Passion hält die Bewegung für einen kurzen Augenblick an und ein Riss erscheint, so dass die sündige Menschheit mitmachen kann (vgl. Johannes 17,21). Wir, die anderen – wir, die Feinde – werden von den göttlichen Personen umarmt mit derselben Liebe, mit der sie einander lieben, und deretwegen sie für uns in ihrer ewigen Umarmung Raum schaffen.

Also begegne ich Gott nicht als einem Fremden, ich begegne ihm nicht nur außerhalb meiner Selbst, sondern auch in mir (das darf man dann gern „Seelengrund“ nennen). Man muss aber das „Du“ nicht als etwas Ausgrenzendes missverstehen, wie Jalics es explizit tut. Nicht einmal der johanneische Jesus, der ja deutlich anders spricht als der synoptische, kann auf das „Du“ verzichten. Freilich will niemand Gott zum Objekt machen im Sinne des Ich/Es von Martin Buber. Aber hinter das richtig verstandene „Ich und Du“ geht es auch nicht richtig zurück, und da soll es vermutlich auch gar nicht.

Klar kann man Gott nicht begrenzen. Aber Gott hat sich in der Schöpfung selbst begrenzt und zurück genommen, damit Raum für etwas anderes entstehen kann. An dieser Vorstellung hängt theologisch viel zu viel, um sie zu verwischen oder aufzugeben. Zugleich hört Jalizcz ja keineswegs auf, vom „Ich“ zu reden, das ja in seiner Auffassung als Gegensatzpaar den Gedanken der Abgrenzung ebenso transportiert wie das „Du“. Das ist zumindest missverständlich.

Vielleicht wäre eine etwas entwickeltere Pneumatologie die Lösung für die Spannung, die Jalicz beschreibt. Der Heilige Geist fristet in diesem Buch jedenfalls ein Schattendasein, aus dem man ihn befreien sollte. Wenn wir überhaupt von „Unmittelbarkeit“ reden wollen, dann wohl am besten so, dass der Geist verbindet, ohne die Unterschiede obsolet zu machen.

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Glückskeks-Bibel

Neulich wieder, eine Besprechung bei einer kirchlichen Dienststelle: Der Gesprächsleiter liest den Bibelvers aus den Losungen vor, es folgt ein kurzes freies Assoziieren in der Runde, was man aus dem in sich schon schwierigen Satz für die nun anstehende Tagesordnung für Schlüsse ziehen könnte. Wir kapitulieren und gehen schulterzuckend zur selbigen über. Losungen werden ja nicht für solche Anlässe konzipiert und ausgesucht.

Wenn das unter „Profis“ schon so läuft, wie viel mehr wird das durchschnittliche Gemeindeglied an diesem Tag ebenso konsterniert über die fehlende „Relevanz“ der Bibel in seinen Tag starten (oder das Ganze gar als schlechtes Omen werten?). Ja, ich weiß, es gab auch Tage, da traf das Losungswort voll ins Schwarze. Je nachdem, wie assoziationsfreudig jemand ist, wird das unterschiedlich oft der Fall sein, dass einem so ein Wort den Tag über neue Erfahrungen aufschließt.

Die Losungen können nichts dafür. Sie sind ja kein Orakel. Als sie erfunden wurde, las die Gemeinschaft, für die sie galten, mehr als nur (wenn überhaupt…) zwei Verse am Tag in der Schrift. Die kontextfreien Bibelschnipsel hatten also einen breiten Resonanzboden. Den kann man heute nicht mehr voraussetzen. Sie wirken eher wie eine Art christlicher Glückskeks ohne Keks.

Meine Frage ist, ob diese minimale Dosis Menschen für das dicke Buch eher interessiert oder sie immunisiert. Pauschal wird sie schwer zu beantworten sein. Ich denke, wer mit dem Bibellesen beginnt oder eher wenig liest, sollte statt einzelner Verse lieber ganze Geschichten lesen, lieber längere Zusammenhänge, lieber fortlaufend. Das wäre sozusagen der Keks zum Glücksspruch. Aber es gibt zum Glück auch andere Kekse, etwa die Tageslese.

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Der Hunger bringt den Geschmack

Ich habe Brennende Gegenwart weitergelesen: Bei den Straßenexerzitien geht es darum, Kontakt aufzunehmen mit der eigenen Sehnsucht. Sie enthält grundlegende Wahrheiten über mich selbst, aber sie wird immer wieder von anderen Dingen übertönt. Ärger, Traurigkeit oder Angst können mi die Richtung anzeigen, in der ich suchen muss. Aber auch spontane Anflüge von Freude.

Den Zugang zum Leben finden wir aber häufig in der Auseinandersetzung mit existenziellem Schmerz. So ging es der ausgeschlossenen Hagar oder Mose, der in der Fremde gestrandet war. Und das dreimalige „Nein“ Jesu in der Versuchungsgeschichte zu materieller Versorgung, sicherer Gewissheit und machtvollem Schutz kann man als ein vertrauensvolles Ja zum Leben in der Schöpfung lesen.

All das gehört zur Etappe der Fundamentsuche, der Frage nach dem eigenen Hunger, der in eine kindliche Haltung von Abhängigkeit und Erwartung führt. Am Ende dieses Abschnitts schreibt Herwartz:

Wahrnehmen des Lebens um und in uns setzt das Schweigen der eigenen schnellen Bewertungen voraus. Wir werden langsamer und finden Freude am Verkosten der Ereignisse; wir wollen ihnen nachspüren, sie ergründen.

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„Beten mit offenen Augen“

Ganz frisch liegt auf meinem Schreibtisch das kleine Buch Brennende Gegenwart von Christian Herwartz. Der Autor ist Jesuit und gehört zu den „Ordensleuten gegen Ausgrenzung“. Seit einigen Jahren bietet er Straßenexerzitien an und er bloggt unter dem Titel nackte Sohlen.

In der Einleitung beschreibt er kurz das Grundanliegen der Straßenexerzitien. Man verbringt als Gruppe Zeit in einer Stadt, bekommt dabei Begleitung und Anleitung, ist tagsüber auf den Straßen unterwegs und trifft sich dann gegen Abend zum Gottesdienst und Austausch. Es geht vor allem um die Begegnung mit Gott:

Das aufmerksame Wahrnehmen lässt sich nicht organisieren. Aber es wird durch Freiräume ohne Handlungsdruck ermöglicht. Sie sind nicht automatisch da. Absprachen sollen sie ermöglichen, damit wir still und staunend sein können.

… Überraschend begegnet uns Gott durch einen menschen, ein Zeichen oder eine spontane Freude in uns selbst. er braucht keine Bedingung, um uns zu finden. Jeder Vergleich eines besseren oder schlechteren Weges zu ihm ist lächerlich. Gott kommt auf uns zu, und wenn er bei uns eine geöffnete Tür findet, dann tritt er mit seinem Frieden identitätsstiftend ein. Jeder Ort, an dem wir ihn empfangen dürfen, wird uns heilig sein.

Herwartz orientiert sich – was mich besonders freut, nachdem ich das Kapitel seit mehr als einem Jahr immer wieder lese – dabei an Jesu Anweisungen aus Lukas 10, die er für den Kontext der Exerzitien neu auslegt: Kein Geld (sprich: Sicherheiten), kein Beutel (mit Vorräten für alle Eventualitäten), keine Schuhe (eine Haltung der Friedfertigkeit), keine Einengung durch umständliche Etikette (das tut „man“, das tut „man“ nicht). Die Exerzitien sind „Einladungen zu einer vorurteilsfreien Haltung“, zur inneren Freiheit, neuen Lebensimpulsen zu folgen.

Meine Neugier ist geweckt. In den nächsten Tagen werde ich davon schreiben, wie es weitergeht.

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Erst auspowern, dann auftanken?

Work hard, play hard – erst auspowern und dann auftanken – ist ein verbreitetes Mantra der Leistungs- und Konsumgesellschaft. Wer reichlich Erfolg und dafür hart gearbeitet hat, hat auch genug Geld, um sich nötige Wellness zuzukaufen, von der lila Pause oder dem Ayurvedatee bis zum von hilfreichen Geistern umschwärmten Aufenthalt in einem Luxusresort. Die Aufgabe der Regeneration wird also zunehmend delegiert, und es finden sich bereitwillig Anbieter, die uns das dafür nötige Denken und Planen professionell abnehmen. Beruflich oder in der Familie stresst uns die Verantwortung ja schon genug. Zum umsichtigen Durchatmen bleibt da nicht mehr so viel eigene Energie.

Da wir – nicht ganz zu Unrecht, aber vielleicht zu ausschließlich – das geistliche Leben mit Regeneration verbinden, bieten alle möglichen christlichen Institutionen nun „Verwöhntage“ und Ähnliches an, selbst jene, die eine Anpassung an den Zeitgeist sonst strikt ablehnen. Mag sein, dass es die alte Anknüpfungsstrategie ist, mit der man Glauben wieder praktisch relevant zu machen versucht. Und freilich gibt es „aus biblischer Sicht“ einiges Aufmunternde zu sagen über müde Seelen (und wenn sie schon mal für ein Wochenende da sind, kann man sie physisch und psychisch auch kurz wohlig durchkneten). Entsprechend reden viele (durchaus dankbar, aber leider in einem Bild, das Passivität suggeriert) vom „Aufatmen“, „Auftanken“ oder „Akkus Aufladen“.

Kann es trotzdem sein, dass allein der Rahmen, in den wir Dinge wie die Beschäftigung mit Gott und dem eigenen Innenleben einordnen, ihnen die eigentliche Spitze nimmt? Deklarieren wir sie unter der Hand um zur Freizeitbeschäftigung, ein „nice-to-have“, wie es neudeutsch heißt, eine Art mentalen Energieriegel oder ein Maskottchen für unseren Weg auf der imaginären Siegerstraße? Und ist es so betrachtet vielleicht auch kein Wunder, dass wir dem praktischen Dualismus von Leistung und Konsum, Selbstausbeutung und Fremdverwöhnung, Aktionismus und Passivität, durchökonomisierter „Welt“ und apolitischer, eskapistischer Spiritualität oft so wenig entgegenzusetzen haben?

Die wirkliche Relevanz des Glaubens besteht darin, dass er uns helfen kann, eben diese Schizophrenie zu überwinden. Dann aber dürfen wir ihn nicht in die Wellness-Schublade stecken, nicht als weitere Freizeitaktivität (miss)verstehen, sondern als den bewussten Schritt über die alten Gegensätze hinaus an einen Ort, wo uns weder die Ansprüche von außen noch die eigenen Bedürfnisse so besetzen können, dass wir ihrer Eigendynamik ausgeliefert sind. Funktionieren wird das aber nur, wenn wir Gott als den Urgrund der inneren wie der äußeren Welt nicht nur als ein gedankliches Konzept behandeln, sondern als ein nahes, lebendiges Gegenüber erfahren.

Hier zerbricht der oben skizzierte Gegensatz schon deshalb, weil diese Erfahrung einerseits nicht machbar ist, Gott sich andererseits aber von denen finden lässt (oder die findet), die ihn suchen. Mit einem lahmen „melde dich doch bei Gelegenheit“, das dem anderen die Initiative überlässt, ist es im geistlichen Leben daher nicht getan. Es ist die eine Sache, wo wir mit ganzem Herzen, ganzer Seele und all unserer Kraft gefordert sind. Franz Jalicz sagt es in seinem jüngst erschienenen Buch über geistliche Begleitung

Die Hektik der Welt hat auf uns ihren ausschließlichen Anspruch verloren. Wir schauen mehr auf das Ewige als darauf, was auf Erden geschieht, und doch bewirken wir durch Jesus mehr auf Erden also vorher.

Mit der Ewigkeit ist nicht ein „später“ gemeint (das „Leben nach dem Tod“), sondern die Dimension Gottes, die wir im allzu „irdischen“ Alltag oft aus dem Blick verlieren. Wenn sie durchbricht, dann verändert sie nicht nur unser Inneres, sondern auch unsere Umgebung.

(Ein paar Impulse zur praktischen Umsetzung habe ich aktuell hier gepostet)

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Nichts für schwache Nerven (2)

Ich habe vor Kurzem schon ein paar Eindrücke von den kontemplativen Exerzitien hier zusammengestellt, die sich im Wesentlichen auf die erste Hälfte der Zeit dort bezogen. Am fünften Tag war ich innerlich so richtig angekommen. Sorgen und Geschäftigkeit waren in den Hintergrund gerückt, die Nervosität über die Zumutung des Stillhaltens hatte sich gelegt, allmählich ging eine große Tür nach innen auf, nicht nur zu mir selbst, sondern auch zu Gott.

Rückblickend finde ich es bemerkenswert, dass alle sich wesentlichen Begegnungen und Einblicke tatsächlich in der kleinen, meist von Sonnenlicht durchfluteten Kapelle abspielten, und nicht wenn ich allein Spazieren war im Wald oder in meinem schlicht eingerichteten Zimmer. Vielleicht liegt es daran, dass selbst in Zeiten der Stille die Anwesenheit anderer mich wundersam trägt und öffnet für Gott?

Dieser fünfte Tag begann mit einem kleinen Pfingsterlebnis, ausgelöst von der gemeinsam gesprochenen Schlussdoxologie des Vaterunsers, die in der Stille plötzlich wie ein Allegro furioso zu klingen schien und mir die Verheißungen Matthäus 6 von den Lilien auf dem Feld und den Vögeln am Himmel in Erinnerung rief, deren Schlussakkord der Aufruf bildet, zuerst nach dem Reich Gottes zu trachten: Sorglosigkeit und Konzentration auf das eine Große und Verborgene, was Gott in dieser Welt tut. Es sprudelte wie ein artesischer Brunnen aus dem Untergrund heraus, ganz klar und frisch. Ich war überrascht und überwältigt – so fröhlich hatte ich mir das Ganze gar nicht vorgestellt.

Die Freude blieb bis zuletzt und sie ist eigentlich immer noch da. Aber aus diesem Getragensein heraus wurde es möglich, dass ich mich in den nächsten zwei, drei Tagen so ehrlich und intensiv wie noch nie mit Fragen beschäftigen konnte, die mir bis dahin zu angstbesetzt und bedrohlich schienen. Manchmal musste ich meinen ganzen Mut zusammenkratzen, aber es wurde, trotz gelegentlichen Schauderns am inneren Abgrund, mit jedem Schritt leichter, weil ich spürte, wie das Wasser unter meinen Füßen (ich wechsle die Metapher, aber so fühlte es sich an) mich tatsächlich trug. Und am Ende sah ich nicht nur besser, was sich da im Schatten verborgen hatte, sondern ich verstand auch Lebensmuster, die mir bis dahin immer Rätsel aufgegeben hatten. Und zwar just in dem Moment, wo ich weder etwas rechtfertigen musste noch kapieren und erklären wollte. Eher war es ein Aha-Erlebnis, wie man es hat, wenn man aufhört damit, sich krampfhaft an einen vergessenen Namen zu erinnern, und dann ist er scheinbar mühelos ganz urplötzlich da.

In dieser Zeit und an diesem Ort der Stille wartete Gott geduldig auf mich. Und als ich da war und sich keine anderen Stimmen mehr einmischten, führte er mich ganz behutsam und mit einer Weisheit, die eben nur er hat, in die Tiefe und die Freiheit. Völlig ohne Druck und Zwang, nie ohne meine Einwilligung, aber in einer unglaublichen Intensität und manchmal mit atemberaubendem Tempo. Und nach den zehn Tagen im geschützten Rahmen war das alles nicht vorbei. Die Quelle sprudelt weiter und ich spüre, wie sie meinen Alltag und die Beziehungen zu anderen Menschen weiter verändert. Vielleicht hat Gott (mancher wird das grundsätzlich bezweifeln, aber ich kann und will das auch gar nicht verklausuliert zurücknehmen – wenn es passiert, dann weiß man intuitiv, dass das keine der Stimmen aus dem eigenen Inneren war) in diesen Tagen insgesamt drei oder vier Sätze zu mir gesprochen. Aber bei ihm reicht eben schon ein Wort und „meine Seele wird gesund“.

Es ist ohne Übertreibung das Beste, was ich in den letzten zehn Jahren erlebt habe. Aber wirklich nichts für schwache Nerven.

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Eins noch…

Vor einer ganzen Weile hat mich meine Frau darauf aufmerksam gemacht, dass ich auf die Phrase „ich bete noch“ oder „lasst und noch beten“ doch nach Möglichkeit verzichten sollte. Ich bin ihr dafür sehr dankbar: Das kleine und eigentlich überflüssige „noch“ wertet das Gebet ab zu einer Art Anhängsel oder Lückenfüller, oder einer Pflichtübung, die man halt auch noch abhaken muss. Dabei ist es ein einem christlichen Gottesdienst doch das Eigentliche, dass man mit Gott redet und auf ihn hört. Der Rest (Musik, Predigt und andere Dinge) ist das Beiwerk, dass auch noch da sein kann, aber nicht muss.

Die Wirkung des Lernens ist aber auch die, dass es mir jetzt so richtig auffällt, wenn andere „noch“ und „Beten“ in einem Atemzug verwenden. Ich bin sicher, es ist nicht so gemeint, wie es klingt. Ich bin nicht ganz sicher, was genau eigentlich gemeint ist. Vielleicht ist es nur eine doofe Angewohnheit. Wie gut, wenn man dann freundlich von jemandem darauf angesprochen wird, damit man sich das noch abgewöhnen kann.

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Das größte Wagnis

Viele von uns sind bereit, sich auf jedes Abenteuer einzulassen, außer in die Stille zu gehen und zu warten, allen Reichtum der Weisheit in die Verborgenheit des Erdreichs zu legen, unsere eigene Seele zu säen als ein Samenkorn in dem Stück Land, das wir Zeit nennen, und das jedem Leben eingeräumt wird – und die Seele über sich selbst hinauswachsen zu lassen. Glaube ist die Frucht eines Saatkorns, das man in der Tiefe eines Menschenlebens pflanzt.

Abraham Heschel

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Psalm 23 als geistlicher Weg

Ich habe letzten Sonntag den unzähligen Interpretationen von Psalm 23 eine weitere hinzugefügt. Viele kennen den Text ja auswendig, und das heißt, man kann sich so auch jederzeit an den Worten und Bildern entlang hangeln und wieder an ein paar Dinge erinnern.

Es geht darin um die praktische Weisheit kontemplativer Spiritualität, sich eine möglichst unverstellte Wahrnehmung zu gestatten und das wertende Urteil möglichst lange auszusetzen – die Widersprüchlichkeit unserer Erfahrung zwischen grüner Aue und düsterer Schlucht nicht vorschnell zu bewerten (die Geschichte ist ja noch nicht abgeschlossen) oder mit irgendeinem theologischen oder psychologischen Bilanztrick ausgleichen zu wollen. Einfach mal seelenruhig am gedeckten Tisch zu sitzen – im Angesicht meiner inneren und äußeren Feinde (oder dem, was ich dafür halte).

Einen besseren Weg, um von einer unreifen Naivität zu einem reifen und robusten Gottvertrauen (der „zweiten Naivität“) zu finden, kenne ich nicht. Vielleicht inspiriert es ja den einen oder die andere.

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Nichts für schwache Nerven

Ich habe noch ein paar Tage gebraucht, um meine Erfahrungen aus der Stille zu verdauen und sacken zu lassen. Außerdem dauert es eine Weile, geeignete Worte zu finden, die wenigstens näherungsweise beschreiben, was sich denn innerlich so zuträgt, wenn die äußeren Impulse wegfallen, die das Schwungrad im Kopf ständig antreiben.

Denn ich fuhr vor knapp drei Wochen mit gar nicht so viel gefühlter Unruhe in den Frankenwald. Was mir die meisten Kopfschmerzen bereitete, war die Frage, wie ich als tendenziell klaustrophober Mensch es wohl aushalten würde, so lange still zu sitzen. „Langeweile“, hatte Bill Hybels einmal gesagt, „ist mein größter Feind.“ Und so war ich am ersten Tag noch schwer dabei, eine Überlebensstrategie zu entwickeln, bis ich mich durchschaute und darüber schmunzeln konnte.

Denn in Gries war ich gut aufgehoben. Mein Exerzitienbegleiter machte mir Mut, mein eigenes Maß zu finden, und so verbrachte ich in den ersten – zum Glück sonnigen – Tagen viel Zeit in der Natur, bis es mich von ganz allein immer mehr in die kleine, zum Meditationsraum ausgebaute Kapelle zog. Rückblickend muss ich sagen, dass ich wirklich alle wichtigen Momente und Aha-Erlebnisse dort hatte. Rilkes Satz vom „sanftesten Gesetz, an dem wir reiften, als wir mit ihm rangen“ hat sich hier großartig bewahrheitet. Ich rang mit dieser Einladung, mich dieser unberechenbaren Gegenwart willentlich auszusetzen, und nicht gleich aufzugeben.

Und dann schien sich Schicht um Schicht abzuschälen, bis der Kern immer deutlicher zum Vorschein kam: Am ersten Tag spürte ich meine Müdigkeit. Wenn ich still wurde, zogen Fetzen surrealer Traumsequenzen vor meinem inneren Auge vorbei, aber nichts davon schien nennenswerte Bedeutung und Substanz zu haben. Am Tag darauf war es meine Geschäftigkeit: unerledigte oder versäumte Arbeit, interessante Ideen, was ich alles noch tun könnte, kamen mir in den Sinn. Ihnen folgte die Traurigkeit – nicht über Dinge, die andere mir zugefügt hätten, sondern über eigene Versäumnisse und Versagen. Es war keine quälende, sondern eine ganz heilsame Trauer. Ich wechselte vom Denken allmählich zum Fühlen, und fand damit immer mehr in die Gegenwart. Mir fiel das Gebet von Bruder Klaus wieder ein:

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.

Je stiller ich wurde, desto mehr fiel mir auf, wie laut es anfänglich in mir gewesen war. Aus der Liturgie der allabendlichen Eucharistiefeier prägte sich der vom Hauptmann von Kapernaum entlehnte Satz in mein Gedächtnis ein: „Sprich nur ein Wort, und meine Seele wird gesund.“ Meine vielen Worte können das nicht leisten, was ein einziges Wort kann, das wie ein Flüstern aus dieser anderen Dimension kommt. Sie bleibt mir verborgen, ist aber doch ganz nah und gegenwärtig. Abraham Heschel schrieb vor gut 70 Jahren passend dazu:

Sich des Unaussprechlichen bewusst zu werden, bedeutet, sich von Worten zu lösen. Das Eigentliche, die Tangente zur Kurve menschlicher Erfahrung, liegt jenseits der Grenzen der Sprache. Die Welt der Dinge, die wir wahrnehmen, ist nur ein Schleier. Sein Flattern ist die Musik, seine Ornamente sind die Wissenschaft, aber was er verhüllt, ist unergründlich. Sein Schweigen bleibt ungebrochen; keine Worte können es ausräumen.

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Sanft geweckt

Seit einer Woche habe ich die App Meditation Bells – ein simpler Timer für die Meditation. So erspare ich mir den störenden Blick auf die Uhr (das Smartphone muss man freilich in den Flugmodus versetzen). Am Ende aber erklingt kein nerviges Piepen wie bei einem Wecker, kein Handy-Klingelton, der an die Arbeit erinnern könnte sondern eine Glocke, Klangschale oder ein Gong bringt mich deutlich sanfter wieder zurück.

In der Basisversion ist die App kostenlos.

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