Für Texte wie das Magnificat ist Eugene Petersons The Message für mein Empfinden immer noch unerreicht. Peterson ist ein Poet, nicht nur ein Modernisierer oder Verfremder, mit einer Fülle von frischen Bildern und Begriffen, die ihresgleichen sucht. Also – lasst Euch die Mutter aller Adventslieder auf der Zunge zergehen (sorry, dazu gibt’s keine Übersetzung für Englischmuffel):
Liebe braucht Distanz
„Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“, gleichzeitig gilt aber „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist“. Nur Gott kann wahrlich die Welt lieben, weil er nicht ihr Bestandteil ist. Unsere Liebe zur Welt ist stets in Gefahr, zur bloßen Selbstliebe zu werden, wenn wir nicht der kritischen Distanz von „dieser Welt“ mächtig sind. Erst unser Glaube, der zwischen Welt und Gott unterscheidet, macht es uns möglich die Welt zu lieben, ohne die Welt zu vergöttlichen.
aus einer Predigt von Tomas Halik
Heftiger Heiliger
Ich lese ab und zu etwas über die lokalen Heiligen dieser Gegend. Für Nürnberg ist das der Heilige Sebaldus, dem auch ein paar hundert Meter von hier eine katholische Kirche geweiht ist. Im Sebalder Reichswald (bzw. dessen immer noch ansehnlichen Resten) gehe ich gern laufen oder radeln, daher fühle ich mich dem Guten schon etwas verbunden und war neugierig, was man über ihn weiß. In Stadlers Heiligenlexikon las ich unter anderem dies:
Als sich einmal in Mitten des Volkes ein Ketzer empört und freventlich geredet, daß seine Lehre falsch wäre, hat der heil. Sebalds zu Gott dem Allmächtigen gerupft und demüthiglich gebeten, daß er ein Zeichen vor allem Volke wirken wolle, durch welches der christliche Glaube desto mehr bestätigt werden möge. Zur Stund hat sich das Erdreich aufgetan, und im Angesichts alles Volkes denselben Ketzer bis zum Hals verschlungen. Und als er immer tiefer unter sich gesunken, ist er in sich selbst gegangen, hat seinen falschen Irrtum bekannt und mit lauter Stimme zum heil. Sebalds gerupft, Gott für ihn zu bitten, mit dem Zusagen, daß er hinfüro dem christlichen Glauben anhängen wollt. Also ist er wiederum durch die Fürbitte des Heiligen auf das Erdreich erhebt und von solcher göttlichen Straf gnädiglich erledigt, und sind von diesem Zeichen gar viel Menschen zu dem Glauben bekehrt worden.
Solche Elemente in de Heiligenviten sagen vermutlich ja mehr über die Vorstellungen, Ängste und Sehnsüchte der Zeitgenossen und Nachgeborenen aus als über den Heiligen selbst. Ein paar biblische Analogien gibt es freilich, wenn Paulus einen Gegner mit Blindheit schlägt und Elisa… nun gut. In der Regel lief es aber anders, und das ist auch ganz gut so.
Anscheinend sind genau die Punkte, die Heilige damals populär machen konnten (und die ihnen wohl auch entsprechend gern angedichtet wurden), heute die anstößigsten: Drastische Gesten der Einschüchterung, massive Machtdemonstrationen für eine Gesellschaft, in der sich der Stärkste in der Regel durchsetzt, also auch der stärkste Gott. Heute stehen bei uns andere Werte höher im Kurs. Oder die meisten von uns finden schlicht diese Art von Mirakeln und Machterweisen nicht mehr besonders überzeugend.
„Herr, du siehst…“
Neulich in einer Gebetsgemeinschaft, in der – bevor mich jemand tadelt dafür, dass ich mein analytisches Ohr nicht diskret abgeschaltet hatte – sich die Gebete eher im Großen und Allgemeinen bewegten: Jemand beginnt mit „Herr, du siehst“ und dann beschreibt er, was er selbst sieht; vielleicht ja auch was die übrigen Anwesenden seiner Meinung nach sehen müssten.
Freilich – wenn Gott alles sieht, sieht er auch das, was wir sehen. Aber vielleicht sieht er die Dinge gar nicht so, wie wir sie sehen und beschreiben, sondern ganz anders? Es ist völlig in Ordnung, im Gebet auch explizit davon zu reden, was ich sehe. Ob Gott es dann tatsächlich so sieht wie ich, das wäre ja erst noch die Frage, und die macht das Beten vielleicht ja auch so wichtig und interessant.
Lernender Glaube: Eine Theologie und Spiritualität der Entwicklungsfähigkeit
Vor längerer Zeit hatte ich ein Gespräch mit jemandem, der unsere Gemeinde verließ, weil dort Menschen meditieren. Sein Argument war, dass es derartiges auch in anderen Religionen gebe, ergo könne es nicht christlich sein. Er könne solche Dinge nicht mittragen oder tolerieren.
Immer wieder argumentieren Menschen genealogisch – sie verfolgen den eine Idee (oder in diesem Fall eine bestimmte Praxis) zurück zu ihren Ursprüngen, und wenn die nicht zweifelsfrei in der Bibel oder der Kirche zu lokalisieren sind, schlagen sie Synkretismusalarm: Reiner Glaube und Lehre werden kontaminiert, und das muss natürlich böse enden. Mit der Frage „Wer hat’s erfunden?“ lassen sich viele Dinge diskreditieren. Zugleich geht sie von einem starren Gegensatz aus: Alle Wahrheit ist „hier drinnen“ zu finden, „da draußen“ nichts als Lüge und Irrtum. Die fromme Variante des Not-invented-here-Syndroms.
Die Argumentation gibt es in verschiedenen Variationen. Zum Beispiel wird gern „hebräisches Denken“ gegen „griechisches Denken“ ausgespielt, wobei ersteres per Definitionen gut und letzteres schlecht ist. In Wirklichkeit ist alles viel komplizierter. Schon beim Apostelkonzil wurde die theologische Grundlage dafür gelegt, dass das Christentum den Raum der jüdischen Kultur überschreiten konnte. Der Fehler kam – wenn überhaupt – viel später, als man sich an dieser Herkunft nicht mehr erinnern wollte oder konnte. Und natürlich hat man bei der Kontextualisierung des Glaubens in griechisch-römischen Kulturkreis nicht auf Anhieb alles richtig gemacht und manche Ideen von Platon etwas zu optimistisch und unkritisch übernommen. Man muss also differenzierter hinsehen.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang eine Beobachtung von Michael Pflaum in seiner pastoraltheologischen Dissertation über Die aktive und die kontemplative Seite der Freiheit. Dort beschreibt er den Integrationsprozess neuer Elemente in die christliche Spiritualität am Beispiel der Wüstenväter. Konkret ging es um die Übereinstimmung mit der Natur, das Nachdenken über den eigenen Tod, die Gewissenserforschung, die Formulierung von Lebensregeln und Sentenzen, die drei Stufen oder Etappen des geistlichen Weges und andere Ideen oder „Sprachspiele“.
Diese Integration verlief keineswegs unkritisch. Die Mönche setzten Inhalte der Schrift und antike Übungen in eine durchdachte Beziehung zu einander und vertrauten dabei demütig auf die göttliche Gnade. Und deshalb ist grundsätzlich erst einmal nichts einzuwenden gegen eine theologisch verantwortete Integration von Einsichten der Philosophie oder Psychotherapie in christliche Theologie und seelsorgerliche Praxis.
Als Kriterien für eine „Unterscheidung der Geister“ nennt Michael Pflaum
- die Verträglichkeit mit der Lehre Jesu
- die Ausrichtung auf Gott und Bereitschaft, Leid anzunehmen
- die intuitive Empfindung, dass mich ein Gedanke oder Text bereichert
- Transparenz und Glaubwürdigkeit der Quelle/des Autors und positive Früchte
Theologische Arbeit folgt dem Muster der „Idiomenkommunikation“. Das ist ein Begriff aus der christologischen Zweinaturenlehre, der die Einheit der Person stärkt. Die menschliche „Natur“ Christi hat Anteil an den göttlichen Eigenschaften und umgekehrt. Auf die Theologie angewandt heißt das dann, dass man nicht nur mit Hilfe des Evangeliums zerstörerische Tendenzen der Gegenwartskultur erkennt, sondern dass auch die jeweilige Kultur zu einem neuen und vertieften Verständnis des Evangeliums führen kann:
Es kann nicht von einer Einbahnstraße vom Dogma zur Pastoral oder vom Evangelium zur Kultur ausgegangen werden. weil die eine Seite immer auch die andere miteinbegriffen hat, müssen beide Bewegungen, die Bewegung vom Göttlichen zum Menschlichen und die Bewegung vom Menschlichen zum Göttlichen, gerade auch in ihrer unhintergehbaren Divergenz als wesentlich erkannt werden. (S. 16)
Darauf lässt sich doch gut aufbauen. Ich bin gespannt auf den Rest des Buches.
Solche und solche Taufsprüche
Über die letzten Jahre fiel mir auf, dass viele selbstgewählte Tauf- und Konfirmationssprüche sich in dem großen Themenkreis von Schutz und Bewahrung bewegen. Da spüren Eltern ehrfürchtig, wie verwundbar ihr Kind ist oder ein(e) Konfirmand(in) fühlt sich unsicher auf dem Weg zum Erwachsenwerden, und das spiegelt sich in der Auswahl wider: Wir wünschen uns Gott an und auf unserer Seite als Beschützer und Trost.
Verständlich so weit.
In der aufsteigenden Ordnung menschlicher Bedürfnisse nach Abraham Maslow würden diese Anliegen auf den unteren Stufen rangieren, besonders der des Sicherheitsbedürfnisses. Wenn alles gut läuft, entwickelt sich der Glaube so, dass auch die anderen Bedürfnisse in Beziehung zu Gott gesetzt werden können, zumal in der erweiterten Form bei Maslow „Transzendenz“ als Ziel in den Blick kommt und der Gedanke des Wachstums die oberen Ebenen bestimmt.
Aber zwingend ist das nicht. Manch eine/-r scheint Gottes Rolle auf die des elementaren Schutzpatrons zu begrenzen, der uns weitgehend schmerzfreie Existenz garantiert, aber womöglich eher hinderlich wäre, wenn es um „Individualbedürfnisse“ oder Selbstverwirklichung geht. Was erklären würde, warum manche Menschen in bestimmten Lebenskrisen ihren „Kinderglauben“ an den „lieben Gott“ verlieren, weil der „seinen“ Leuten, rein statistisch gesehen, kaum weniger Schicksalsschläge widerfahren lässt als allen anderen.
Jetzt die Frage:
Könnte nicht gerade ein Tauf- oder Konfirmationsspruch, der Menschen ja ein Leben lang begleiten soll, so gewählt werden, dass er dem Täufling oder Konfirmanden den Blick dafür öffnet, dass Gott nicht nur die ganz drängenden und unmittelbaren Sorgen und Bedürfnisse (das „tägliche Brot“) kennt, sondern dass es (um in Matthäus 6 zu bleiben) uns vor allem um sein Reich gehen sollte? Dass er also nicht nur die ersten Etappen des Wegs erhellt, sondern die ganze Strecke? Kann man diesen Begriff so verstehen und erklären, dass Gottes kommende Herrschaft ausdrücklich die soziale, kognitive, ästhetische Dimension des Lebens einschließt und uns letztlich dazu drängt, über uns selbst hinauszuwachsen?
Ist nicht genau das die Stoßrichtung des Evangeliums vom Kreuz und der Auferstehung, dass wird dem Leid nicht ausweichen, es auch nicht verklären müssen, und dass wir, indem wir es durchleben, nicht umkommen, sondern in eine neue Dimension erfüllten Lebens vorstoßen?
Verkannte Kindheit
Ein kleiner Nachtrag zum Post von gestern, aus Romano Guardinis weisen Buch „Die Lebensalter“:
Je weniger aber das Alter gesehen und anerkannt ist, desto unbekannter wird auch die echte Kindheit: Die meisten Kinder sind Erwachsene im Miniaturformat. Wirkliche Kinder sind Menschenwesen, die in jener Einheit des Lebens existieren […]. Zum Beispiel sind sie fähig, Märchen zu hören, das heißt, mythisch zu denken. Soweit aber heute überhaupt Märchen erzählt werden, werden sie rationalisiert oder ästhetisiert. Kinder sind fähig, zu spielen, Gestalten zu schaffen, Figuren des Lebens, Zeremonien. Stattdessen sehen wir überall die technisierten Spielzeuge, die ja in Wahrheit vom Erwachsenen her gedacht sind. Wenn aber einmal glücklich etwas Kindhaftes entsteht, man zum Beispiel gesehen hat, wie bedeutungsvoll Kinderzeichnungen sein können, dann werden Theorien dazu gemacht, Ausstellungen veranstaltet und Preise gegeben, und alles verdirbt.
Einfach, aber nicht leicht
Ich arbeite momentan an einer Predigtreihe über die zehn Gebote. Und merke, dass mir immer wieder neue Dinge auffallen, etwa beim Nachdenken über die „negative“ Formulierung schon des ersten Gebotes. Da wird keine minutiöse Ausführungsbestimmung geliefert, die wäre auch absurd, sondern es ist schlicht Konzentration auf das eine und den Einen angesagt. Sie kann tausend Formen haben und ist doch nicht beliebig.
Oft genug besteht das geistliche Leben ja darin, bestimmte Dinge einfach mal zu lassen, damit ein Raum für Gott entstehen kann. „Götzen“ sind Dinge, die unsere Kraft und Aufmerksamkeit binden, die uns aber nicht dazu bringen, über uns hinaus zu wachsen, sondern die uns einschränken und schwächen. Polytheistische Götter sind ja im Grunde nicht transzendent, sondern lediglich personifizierte Teilaspekte immanenter Ordnungen und Kräfte.
Freiheit kommt aus einer notwendigen Distanz zur Welt und zu mir selbst. Ich glaube, das ist das Geschenk des ersten Gebotes, das alle anderen Stimmen und Ansprüche, einschließlich meiner eigenen Bedürfnisse, auf die Plätze verweist. Aber es kann ja auch schwer sein, einfach mal Ruhe zu geben, auch das Dringende hintanzustellen und Gott Gott sein zu lassen.
Drei Sätze über die Freiheit
Im Zuge der Diskussion um (auflagensteigernde) Mohammed-Karikaturen und einen nicht etwa islamkritischen, sondern doch eher den Islam diffamierenden Film wird immer wieder über die Grenzen von Freiheit diskutiert. Ich frage mich, ob das überhaupt der richtige Ansatz ist.
Drei Sätze paulinischer Ethik deuten in eine andere Richtung:
Erstens: Es ist alles, erlaubt, aber es nützt nicht alles (1.Kor 6,12). Es gibt einen eher pubertären Umgang mit Freiheit, der darin besteht, ständig an deren Grenzen zu gehen. Ständige Provokation, die testet, wie weit man gehen kann, bis eine Autorität einschreitet oder ein anderer zurückschlägt. Wer aber ständig an den Grenzen operiert, ist sich seiner Freiheit nicht sicher, ähnlich wie ein Staat, der ständig alle Truppen an den Grenzen patrouillieren lässt. Wir „haben“ unsere Presse- und Meinungsfreiheit noch gar nicht richtig, wenn wir sie ins Extrem ausreizen müssen und dabei in Kauf nehmen, andere zu verletzen, sprich: Beziehungen zu beschädigen, weil wir lieber Prinzipien reiten.
Ken Wilber hat das mit dem Stichwort „Boomeritis“ bezeichnet: Da versteckt sich narzisstisches, egozentrisches Denken hinter emanzipatorischen Begriffen und Posen. Nichts ins Extrem zu gehen ist nicht etwa der Verzicht, sondern der Gebrauch von Freiheit. Auf Empfindsamkeit anderer zu achten, ist nicht Schwäche und Einknicken vor deren (unsouveränen) Drohgebärden, sondern Stärke. Freiheit zu gebrauchen bedeutet, auch sich selbst gegenüber die Freiheit zu haben, sich zurückzunehmen. Das ungefähr dürfte Paulus meinen, wenn er – zweitens – in Galater 5,13 schreibt: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch.“ Freiheit bedeutet, genug Distanz zu sich selbst zu haben, um solchen Reflexen, so verständlich sie manchmal sein mögen, nicht nachzugeben. Das wäre ein erwachsener Umgang mit Freiheit.
Drittens schreibt Paulus 1Kor 8,9: „Doch gebt Acht, dass diese eure Freiheit nicht den Schwachen zum Anstoß wird.“ Nicht weil die „Schwachen“ Recht hätten, nicht aus Furcht, sondern weil sie für manche Denkprozesse Zeit und Geduld brauchen. Wer den Bogen überspannt, mag formal Recht behalten, er verliert aber den anderen.
Freilich haben sowohl Jesus als auch Paulus provoziert mit ihrer Verkündigung. Aber zugleich sind beide immer einen Schritt auf die „anderen“ zu gegangen und sich das (nicht die Kritik, sondern die Beziehung) viel kosten lassen. Sie konnten ihrem Gegenüber einen Spiegel vorhalten, und das konnte durchaus schmerzhaft sein. Jesu Gleichnisse überlassen es den Hörern, wo sie sich wiederfinden wollen, und sie sind frei von aller Häme.
Es darf keine Diktatur der Schwachen geben. Man muss ab und zu die Regeln brechen. Man darf nicht in Ehrfurcht erstarren vor jeder heiligen Kuh. Aber vermutlich kann das nur der richtig, der (und das wäre jetzt meine vierte Paulus-Referenz, der „Bonus“ sozusagen) insofern ein „gebrochenes“ Verhältnis zu sich selbst hat, als er „mit Christus gekreuzigt“ ist und aus dieser Verbindung heraus „im Glauben“ lebt – im gelassenen Vertrauen darauf, dass er Gott die Durchsetzung des eigenen Rechts überlassen kann, selbst wenn das etwas länger dauern sollte. Die großen Heiligen der christlichen Kirche hatten dieses Geheimnis verstanden und vielleicht deshalb schon zu Lebzeiten mehr bewirkt als viele andere. Vielleicht kann man sogar sagen: Das Kreuz ist das Zentrum der Freiheit.
Nachgereicht
Der Audio-Mitschnitt des Trauergottesdienstes von letzter Woche für Horst Utz hat leider nicht funktioniert. Für alle, die nicht dabei sein konnten, habe ich das Predigtskript bearbeitet und hier zum Nachlesen eingestellt. Der Link unten führt zum PDF.
Gott und die Sinnlichkeit, oder: die Polyphonie des Lebens
Immer wieder gibt es Stimmen, die die Liebe zu Gott und die irdische Liebe als Konkurrenten darstellen. Dahinter steckt wohl die Unfähigkeit, mit Spannungen, Ambivalenzen und Polaritäten umzugehen. Stattdessen denkt und fühlt dann jemand primär in sich ausschließenden Gegensätzen und einem starr hierarchischen Oben und Unten der Prioritäten. Mit einer Metapher aus der Musik zeigt Dietrich Bonhoeffer, wie unnötig und problematisch diese binäre Logik ist:
„Es ist nun aber die Gefahr in aller starken Liebe, dass man über ihr – ich möchte sagen: die Polyphonie des Lebens verliert. Ich meine dies: Gott und seine Ewigkeit will von ganzem Herzen geliebt sein, nicht so, dass darunter irdische Liebe beeinträchtigt und geschwächt würde, aber gewissermaßen als Cantus firmus, zu dem die anderen Stimmen des Lebens als Kontrapunkte erklingen; eines dieser kontrapunktischen Themen, die ihre volle Selbständigkeit haben, aber doch auf den Cantus firmus bezogen sind, ist die irdische Liebe und auch in der Bibel steht ja das Hohe Lied und es ist wirklich keine heißere, sinnlichere, glühendere Liebe denkbar, als die, von der dort gesprochen wird (cf. 7,6!); es ist wirklich gut, dass es in der Bibel steht, all denen gegenüber, die das Christliche in der Temperierung der Leidenschaften sehen (wo gibt es eine solche Temperierung überhaupt im Alten Testament?). Wo der Cantus firmus klar und deutlich ist, kann der Kontrapunkt sich so gewaltig entfalten wie nur möglich.“ (DBW Bd. 8, 440f.)
Spruch des Tages (21)
„Negative“ Gefühle
Ab 1681 wurden King Lear von Shakespeare und andere Tragödien des Dichters in einer revidierten Fassung aufgeführt – 150 Jahre lang bekamen sie ein Happy End verpasst. Es war die Blüte der „Aufklärung“, des Enlightenment, und die moderne Präferenz für alles Helle hatte zur Folge, dass man die Schatten verschwinden ließ und einen ebenso zwanghaften wie ungesunden Optimismus verbreitete. Am Ende siegen immer Tugend und Wahrheit.
Doch allein schon die Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Gefühle hat es in sich, auch wenn sie uns inzwischen ganz selbstverständlich über die Lippen kommt. Sie geht davon aus, dass die
bevorzugten Gefühle wertvoller sind, produktiver, ja sogar gehaltvoller als andere. Es unterstellt buchstäblich, dass eine Art von Gefühlen auf der Abwesenheit anderer beruht – ’negativ‘ impliziert die Verleugnung oder das ‘Nein-Sagen‘ zu etwas, das vorher da war oder grundlegend existiert. Es muss jedoch keineswegs stimmen, dass ‘negative‘ Emotionen wie Traurigkeit in irgendeiner Hinsicht negativ sind; verlören wir die Fähigkeit, traurig zu sein, würde das bedeuten, dass wir von der offenkundig leidenden Welt um uns herum so abgehoben sind, dass es schon ans Psychopathische grenzt.
Iain McGilchrist, The Master and His Emissary, 337
Ein typisch „modernes“ Christentum begeht oft genug denselben Fehler, krampfhaft „gute“ Stimmung zu verbreiten und „negative“ Gefühle zu verleugnen. Deshalb ist kontemplative Spiritualität so heilsam, weil sie die Regungen des Herzens gerade nicht wertet und dann das Unerwünschte ausschließt, sondern bewusst wahrnimmt und zulässt.
Korea (7): Die großen Fragen der Zukunft
Taifun Bolaven ist noch einen Tag entfernt. Ein weiterer sonniger und vor allem hochkarätig besetzter Studientag hat begonnen: Pastor Daniel Donwon Lee von der Global Mission Church begann den Vormittag. Er kam – wie viele seiner Kollegen – als Student in die USA und war dort mit der Gemeindewachstumsbewegung und Donald McGavran in Kontakt. Aber wie viele seiner Kollegen stellt auch Pastor Lee kritische Fragen angesichts rückläufiger Trends in Korea: Die (evangelische) Kirche schrumpft und ihr Einfluss geht zurück. Lee spricht über die zehn Qualitätskriterien natürlicher Gemeindeentwicklung und die Kritik von Howard Snyder am Church Growth Movement, weil dort neben dem quantitativen auch das qualitative Wachstum der Gemeinden in den Blick kommt. Nun sind Zellgruppen und „Spiritual Formation“ ein großes Thema hier.
Interessant ist das insofern, als es zeigt, dass die Koreaner trotz ihrer Erfolge und Größe immer noch Impulse aus dem Ausland suchen und aufnehmen. Irgendwie gelingt das uns Deutschen insgesamt weniger gut, würde ich sagen. Bei allen kulturellen und theologischen Differenzen muss man vor dieser Haltung erst mal den Hut ziehen.
Gesunde geistliche Leitung hat mehrere Faktoren, sagt Lee:
- eine Balance zwischen Vision und Mission, zu der neben dem Mut zum Träumen auch die Fähigkeit gehört, die eigenen Grenzen anzunehmen
- eine Balance zwischen großen und kleinen Gruppen: große Sonntagsgottesdienste allein machen keine gesunde Gemeinde
- eine Balance zwischen Familie und Gemeinde
- eine Balance zwischen Arbeit und Ruhe: viele Koreaner sind sehr fleißig und ungeduldig, sie gönnen sich kaum Ruhe. Eine Spiritualität des Sabbat und des kontemplativen Gebets kann da helfen. Leider sehen viele das noch als etwas „Katholisches“ an.
- eine Balance zwischen Evangelium und kulturellem Kontext: koreanische Christen haben hier in Lees Sicht eher auf Konfrontation gesetzt und alles andere unter Synkretismusverdacht gestellt
- eine Balance zwischen der eigenen Gemeinschaft und der Herrschaft Gottes
- eine Balance zwischen den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen und der Gemeinschaft
Der Direktor von Campus für Christus in Korea, Sung Min Park, spricht über die Herausforderung freier Werke, dem ursprünglichen Auftrag treu zu bleiben und zielorientiert zu arbeiten. Jedes Jahr werden die praktischen Methoden der evangelistischen Gesprächsführung überarbeitet und angepasst – im Moment ist das „Soularium„, eine Bildkartensammlung, der letzte Schrei.
Jik Han Koh von YOUNG 2080 bildet junge Leiter aus und arbeitet mit Charles Kim zusammen, der am Freitag hier war. Er bezeichnet sich als Hersteller von Sprengstoff („TNT“ steht auch für „Twenties ’n‘ Thirties“). Ausgewogenheit findet er weniger wichtig, geistliche Aufbrüche können Kultur und Gesellschaft nur dann verändern, wenn sie Durchschlagskraft entwickeln. Seine Arbeit zielt in drei Richtungen: „Bible Korea“, „United Korea“ und „Mission Korea“ – da ist also wieder die Verbindung von Glaube und Nation, die wir aus der Geschichte schon kennen.
Und die Wachstumskurven der zurückliegenden Jahrzehnte scheinen für ihn Ansporn und Norm zu sein, wenn es um die Zukunft geht: Zahlen über Zahlen füllen seine Präsentationsfolien. Immer wieder fallen Begriffe wie „Dynamit“ und „Revolution“ im Zusammenhang mit der jüngeren Generation, die dafür sorgen soll, das die nächste Generation von Christen zur „goldenen Gans“ der koreanischen Gesellschaft wird.
Die anschließende Diskussion ergibt weitere interessante Aspekte:
- „Liberale“ (in unserem Sprachgebrauch wohl eher: politische) Theologie entwickelte sich in Korea im Widerstand gegen die Diktatur. Evangelikale glaubten, dass Evangelisation irgendwann die Gesellschaft von selbst verändern würde und hielten sich heraus aus Demonstrationen. Heute sehen sie das selbstkritisch. Der Versuch, durch die Gründung einer christlichen Partei politisch mitzuwirken, gilt als gescheitert, nun herrscht etwas Ratlosigkeit über das weitere Vorgehen. Da waren die Katholiken besser dran, sie konnten zum Beispiel auf Befreiungstheologie aus Lateinamerika zurückgreifen.
- Vielen Gemeinden scheint die jüngere Generation wegzubrechen. Unter jungen Christen ist eine Stillebewegung entstanden. Leider, sagt Pastor Lee, bleibt aber selbst diese Bibelmeditation oft an der Oberfläche; damit sie wirken könnte, müsste die kontemplative Dimension gestärkt werden.
- Die jüngere Generation in Korea leidet unter der für hiesige Verhältnisse hohen Arbeitslosigkeit (knapp 10%), daher zögern viele zu heiraten und es werden weniger Kinder geboren. Die Zukunftsaussichten haben sich eingetrübt. Junge Leute stehen unter solchem Leistungsdruck, dass sie oft den Kontakt zu jeglicher Form christlicher Gemeinschaft verlieren.
- Bei Campus, sagt Rev. Park, hat man die „modernistische Apologetik“ zurückgestellt zugunsten dialogischerer und emphatischerer Ansätze. Wie „postmodern“ die tatsächlich sind, frage ich mich gerade – das klingt mir noch mehr nach Techniken denn nach verinnerlichten Haltungen: Er würde gern Kreationismus neben der Evolutionstheorie in die Schulbücher bekommen, aber auch das ist bisher gescheitert (Gott sei Dank…!). Da sind wir wieder bei der Spannung zwischen der eher fundamentalistischen Tendenz vieler Protestanten hier (und von Campus für Christus generell) und einer zunehmend pluralistischen Kultur.
- Für unsere Referenten benutzen „christlich“ und „protestantisch“ als Synonyme. Katholiken werden wie Buddhisten, der Islam oder Konfuzianismus weitestgehend als Konkurrenz empfunden. Wer sich zu positiv äußert, kann in konservativen theologischen Ausbildungsstätten hier durchaus seine Anstellung verlieren (Karl Barth zu erwähnen reicht anscheinend auch schon – warum auch immer). Insofern fallen die Antworten auf Nachfragen sehr zurückhaltend aus. Unbefriedigend, demnächst soll in Busan der Ökumenische Rat der Kirchen tagen.
- Interessante selbstkritische Einsicht gegen Ende: Die Koreaner haben westlichen Imperialismus in der Mission kritisiert und zwischenzeitlich festgestellt, dass die eigenen Missionare denselben Fehler begingen.
- Pastor Kang unterstreicht die Bedeutung der Spiritualität. In Korea ist das Thema unterentwickelt, gerade hier sind Richard Foster, Dallas Willard oder Philip Yancey Vorbilder – und das Studienkonzept des George Fox Seminary. Lee erwähnte immerhin Henri Nouwen. Vielleicht stehen in zehn oder zwanzig Jahren ja auch Katholiken wie Richard Rohr, Franz Jaliczs oder Thomas Merton auf der Liste?
Sonntag in Seoul
Nach einem samstäglichen Ausflug an die innerkoreanische Grenze (für jemanden, der nahe der innerdeutschen Grenze den größten Teil seiner Kindheit zugebracht hat, eine interessante Erfahrung) standen gestern Gottesdienstbesuche in verschiedenen Gemeinden auf dem Programm.
Ich habe aus der Gruppe viele gute Dinge gehört, nachdem das Frühgebet am Samstag eher zurückhaltend bis kritisch kommentiert worden war. Die Yeoksam Parish bietet um 9:30 Uhr eine Messe auf Englisch an, und nachdem das nur um die Ecke war, entschied ich mich für den katholischen Gottesdienst. Die Eucharistie mit den vertrauten Worten weckte in mir als Lutheraner schon fast heimatliche Gefühle. Ach ja: ich habe keine einzige Krawatte im Raum entdecken können.
Später fand ich dann in der Wikipedia die – hoffentlich korrekte – Information, dass die Katholiken in Korea 10,3% der Bevölkerung ausmachen und im vergangenen Jahrzehnt um 70% gewachsen sind. Wie sich das Wachstum erklären lässt, stand leider nicht sehr detailliert dabei. Mag sein, dass eine Reihe desillusionierter Evangelikale darunter sind. Und die positive Rolle der Katholiken bei der Demokratisierung Koreas hat offenbar auch eine Rolle gespielt. Unsere evangelischen Referenten haben ja schon durchblicken lassen, dass ihre Gemeindekultur durchaus autoritäre Tendenzen hatte.
Je besser ich die Leute in unserem Kurs kennenlerne, desto begeisterter und beeindruckter bin ich von den Persönlichkeiten, ihren Lebensgeschichten, der respektvollen, herzlichen und offenen Art des Umgangs miteinander, den tiefen und anregenden Gesprächen. In dieser Qualität habe ich das noch nicht so schrecklich oft erlebt. Es ist ein echtes Geschenk, mit diesen Leuten unterwegs zu sein!
Die Sonne scheint und die Temperaturen liegen über 30 Grad. Für morgen ist der Taifun Bolaven angekündigt. Derzeit hat er Windgeschwindigkeiten von knapp unter 200 Stundenkilometern und lässt 50 Liter Regen in einer Stunde niedergehen. Wir bekommen die ganze Palette des Wetters ab. Mal sehen, welche Folgen das für die Rückflüge hat…



