Mach ’nen Kult draus

Vielleicht – nein, hoffentlich! – gibt es diese Diskussion ja nur in den USA. Ein Mädchen und seine Mutter klagen gegen eine Schule in North Carolina, die ein Nasenpiercing verbietet. Das Verbot ist seltsam genug. Richtig schräg wird es, weil sie es unter Verweis auf die Religionsfreiheit aushebeln wollen. Die beiden gehören zur „Church of Body Modification“ (die überzeugt mit sehr appetitlichen Fotos auf ihrer Website).

Also ich warte ja nur darauf, dass bei der geltenden Rechtslage nach Raucherclubs nun überall Qualmkirchen aufmachen…

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Tabubrecher aller Länder…

Der Beifall für Thilo Sarrazin unter Evangelikalen hat mich in den letzten Wochen doch beunruhigt. Vielleicht ging es dabei nicht einmal um die Sache, sondern um das (meiner Meinung nach nicht unbedingt berechtigte) Empfinden, dass hier jemand von einer linken Medienmeute gelyncht wird, weil er „die Wahrheit“ gesagt und auf „Fakten“ verwiesen hat, die von allen anderen angeblich tabuisiert und totgeschwiegen wird. Solche Erfahrungen kamen vielen vertraut vor, Eva Herman hatte in mancher Augen für ihre Thesen zu Kind und Familie schließlich ähnliches erleiden müssen, in einschlägigen Kommentaren dazu klang auch schon einer gewisse Christenverfolgungs-Rhetorik an.

Unbehagen gegenüber dem Islam kommt dann noch dazu, wie auch eine gewisse Bitterkeit über Kritik und Häme, die man in der Öffentlichkeit für bestimmte Moralvorstellungen einstecken musste. Nun wagt jemand mit tatkräftiger Unterstützung von Bild („Jede Wahrheit braucht einen Mutigen…“) einen scheinbar ähnlichen „Tabubruch“ und erhält dafür große Zustimmung. Dreht sich der Wind? Und wäre das nicht eine herrliche Gelegenheit, dem eigenen Frust auch einmal Luft zu machen, indem man sich mit Sarrazin solidarisiert? Zumal einem selbst doch diese Solidarität versagt geblieben ist…?

Nun, dasselbe haben anscheinend auch Erika Steinbach und der Bund der Vertriebenen empfunden und eine Spur zu deutlich gesagt, was sie immer schon dachten, aber nie klar zu sagen wagten, schließlich war es (aus guten Gründen) auch ein „Tabu“, etwa dass Polen den zweiten Weltkrieg im Grunde mit verschuldet haben soll. Steinbach war (zu Recht, wie sich nun deutlich zeigt) zu einer echten Belastung des deutsch-polnischen Dialogs und die Stiftung „Flucht – Vertreibung – Versöhnung“ geworden, was wiederum polnischen Scharfmachern in die Hände spielte, die es natürlich auch gibt. Steinbach & Co haben sich damit als Revisionisten geoutet.

Für mich bedeutet das: Wir sollten mit Opfer- und Märtyrerposen oder Begriffen wie „Schauprozess“ sehr, sehr sparsam umgehen. In der Geschichte der Kirche sind viele Unterdrückte nur allzu schnell zu Unterdrückern geworden. Sarrazin hat nach allem, was man inzwischen bei Freunden und Gegnern lesen kann, ja nichts wirklich Neues gesagt, sondern es war der Ton und der grob gestrickte publizistische Auftakt seiner Veröffentlichung, sowie das Nachlegen mit kruden Argumenten, das ihm den verdienten Gegenwind einbrachte (und ihn zum zweifelhaften „Volkshelden“ machte).

Zuletzt: Tabubrecher wie die Knalltüte Terry Jones will ja dann doch niemand wirklich haben. Eine christliche Subkultur, die ihre Verfolgungskomplexe hätschelt und trotzig mit Tabubrüchen und politischen Unkorrektheiten kokettiert, droht solchen Wahnsinn jedoch auf Dauer zu begünstigen.

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Beschützt und geborgen

Nach ein paar Tagen in den Schweizer Bergen muss ich mal einen Dank loswerden – an die eidgenössische Luftwaffe. Die hat uns mit zahlreichen Überflügen das beruhigende Gefühl vermittelt, dass am Himmel oben jemand stets über uns wacht. Man kann ja nie wissen, welche Schurken gerade irgendwelchen Terror aushecken, daher ist präventive und demonstrative Verteidigungsbereitschaft so entscheidend in dieser unsicheren Zeit.

Besonders spektakulär waren die donnernden Loopings zweier Jetpiloten am Mittwoch am wolkenlosen Himmel über Grindelwald. Zuerst habe ich noch überlegt, ob dem staunenden Urlauber hier neben dem Schutz auch Unterhaltung geboten wird. Dann fiel mir ein, dass Loopings und ähnlich verschlungene Manöver zum Standardrepertoire der Alpenflieger gehören müssen. Wenn man mit Überschall länger als ein paar Minütchen geradeaus fliegt, hat man nämlich schon den heimischen Luftraum verlassen…

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Harte Zeiten für Vampire

Mittwoch mittag am Ostbahnhof in Berlin. Ich kaue das Produkt einer großen Sandwich-Kette und blicke durch die Glasscheibe hinaus Richtung Ausgang. Eine automatische Schiebetür öffnet und schließt sich, während Reisende den Bahnhof betreten oder verlassen. Auf – zu. Auf – zu.

Plötzlich wird das monotone Kommen und Gehen interessant: Eine Frau geht auf die Tür zu, aber die öffnet sich nicht. Die Frau geht ein paar Schritte zurück und nimmt einen neuen Anlauf – wieder nichts. Sie wippt auf den Zehenspitzen, sie wedelt mit der Hand – nichts. Unverrichteter Dinge dreht sie ab und verschwindet aus meinem Blickfeld.

Ich starre auf die Tür. Ist sie kaputt? Jemand nähert sich von außen. Sie öffnet sich und schließt sich wieder hinter der Person. Dann kommen zwei Leute von innen. Die Tür funktioniert tadellos. Ich versuche mich zu erinnern: Hatte die Frau nicht irgendwie transsilvanisch ausgesehen? Schattenkreaturen wie Vampire und Geister sieht man ja angeblich nicht im Spiegel. Da wäre es ja auch kein Wunder, wenn Bewegungsmelder sie ignorieren. Also stolpern sie über dunkle Flure und müssen Umwege in Kauf nehmen – die moderne Seite des alten Fluches. Vielleicht sieht man sie deshalb so selten.

Nachdenklich schlucke ich den letzten Bissen herunter. Es fühlt sich gut an, Mensch zu sein. Sogar die automatischen Türen sind uns untertan…

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Weisheit der Woche: Weitblick

In Krisenzeiten braucht man eine etwas weiter ausgreifende Perspektive als den Rat des Mainstreams und das Klein-Klein des bloßen Durchwurstelns

Jürgen Habermas – hier zitiert

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Adam, Eva und die globale Familie

In diesem spannenden Video geht Jeremy Rifkin der Frage nach dem Ursprung der Menschheit, der Zivilisation und der menschlichen Natur nach. Er setzt ein mit der Feststellung, dass der Mensch nicht – wie manche Denker der Aufklärung und Vertreter der (frühen) Evolutionstheorie vermuteten – primär von Aggression und Trieb zur Selbstdurchsetzung gelenkt wird, sondern von Empathie, Kooperation und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Auf die Frage, ob es gelingen kann, globale Solidarität jenseits von ethnischen, religiösen, ideologischen und nationalen Grenzen zu ermöglichen, kommt er eher nebenbei darauf zu sprechen, dass genetische Daten darauf hindeuten, dass die heute Menschheit tatsächlich von einem Mann und einer Frau abstammt und dass daher die globale Familie genetisch betrachtet gar keine Fiktion ist. Weiß jemand, wer diesen Nachweis geführt hat?

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich sage damit nicht, dass Genesis 1-2 in allen Einzelheiten wörtlich auszulegen wäre, besonders was die Theorie von der Erbsünde betrifft. Aber für einen fruchtbaren Dialog zwischen Theologie und Wissenschaft liefert Rifkin ein paar schöne Ansatzpunkte.

RSA Animate – Empathic Civilisation from The RSA on Vimeo.

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Authentisch antworten

Die Unterscheidung der verschiedenen Beziehungsräume bei Joseph Myers hat mich die letzten Tage begleitet. Eine ganz praktische Anwendung war, für jeden Raum eine Antwort auf die Frage zu formulieren, wie es mir geht.

Neulich rief der Verkäufer einer Autofirma an und fragte: „Wie geht es Ihnen?“ In Deutschland ist das ungewöhnlich, in den USA ganz normal. Wir kannten uns bis dahin gar nicht und es wird auch nicht Gegenstand unseres Gespräches sein. Ich habe maximal fünf Worte für eine Antwort. Ich bin gesund, wir haben keinen Trauerfall in der Familie, keine Naturkatastrophe in der Stadt, also sage ich „Danke, gut.“ Für den öffentlichen Raum ist das ganz authentisch.

Wenn ich dem Missverständnis erlegen wäre, ich müsse jetzt persönlich antworten (als wäre er mein Freund), dann hätte das für uns beide eine peinliche Situation ergeben. Amerikaner sind nicht oberflächlich, weil sie in einer solchen Situation nur allgemein und in der Regel positiv antworten, sondern ihre Antwort entspricht der Ebene, auf der sich die Beziehung für ihr Empfinden bewegt.

Am Freitag fragte mich dasselbe jemand, den ich mit Namen kannte. Wir treffen uns auf irgendwelchen Sitzungen ein oder zweimal im Jahr – sozialer Raum also. Ich sagte zwei allgemeine Sätze über meine Arbeit, mit der ich im Wesentlichen zufrieden bin. Da liegen unsere Berührungspunkte, insofern war auch das eine ganz authentische Antwort.

Gestern fragte mich ein Freund, wie es mir geht. Wir tranken etwas zusammen und es war Zeit, um länger zu antworten. Also konnte ich ein paar Dinge sagen, über die ich mich freue, und ein paar, die mir Sorgen machen. Einzelheiten dieses Gesprächs haben auf diesem Blog nichts zu suchen, der ist öffentlich zugänglich. Das steht im übrigen auch nicht auf Facebook (trotz der Formulierung „Freunde“) oder Twitter.

Wenn ganz enge Freunde oder meine Frau fragen, wie es mir geht, und wenn der äußere Rahmen dafür stimmt, wir also ungestört sind, nicht in einem Café sitzen, wo man uns am Nebentisch hört, wenn ausreichend Zeit ist, dann kann ich auch mal die ganz tiefen Dinge auspacken, die mir meistens erst dann richtig bewusst werden, wenn ich anfange, sie jemandem zu erzählen. Und da – aber nur da! – gehören sie dann auch hin.

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Stresstest für „fromme“ Organisationen!

In der christlichen Szene ist es nicht anders als im Bankenwesen: Viele Organisationen sind da irgendwie miteinander vernetzt, die in der Öffentlichkeit zunehmend undifferenzierter betrachtet werden (vor allem, wenn das Reizwort „evangelikal“ im Spiel ist), oft aber reicht schon der Begriff „Religion“, „Kirche“ oder „Gemeinde“, um stereotype Assoziationsketten über Hardliner, Eiferer, Piusbrüder und Fundamentalisten auszulösen.

Schon längst sitzen alle in einem Boot. Wenn nämlich nur eine Gruppe Mist baut, weil sie Geld veruntreut, Missbrauch duldet oder vertuscht, soziale Vorurteile schürt oder sich dem rechten Rand des politischen Spektrums nähert, dann befinden sich auch die Aktien der anderen an der Börse des gesellschaftlichen Ansehens im freien Fall.

Tatenlos zuzusehen ist da die falsche Taktik. Eigentlich müssten auch hier Stresstests her: Positionen zu gesellschaftlichen Fragen müssten geklärt werden, vor allem da, wo es um eine ambivalente Haltung zu Gewalt und ein autoritäres Verständnis von Macht geht. Aus machen verhängnisvollen Allianzen sollte man sich schleunigst verabschieden, Verlagssortimente müssten kritisch überprüft werden und manche ReferentInnen sollte man lieber nicht mehr einladen.

Und das alles natürlich am liebsten aus aufrichtiger Überzeugung. Aber für alle Besonnenen, die unter den Eskapaden unbelehrbarer Sturköpfe, Schwärmer und Stänkerer zu leiden haben und hatten, wäre selbst zähneknirschende Kooperation schon ein echter Segen – so wie am Finanzmarkt auch.

Wenn nun jemand fragt: „Aber wer soll das entscheiden und nach welchen Kriterien?“ – dann herzlichen Glückwunsch, das ist genau die Diskussion, die wir jetzt brauchen!

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Fundstücke zum Wochenende

Ein paar bemerkenswerte Sachen habe ich in den letzten Tagen gelesen, vielleicht findet der eine oder die andere sie auch spannend:

Die Zeit erläutert, warum viele Spitzenkräfte an ihrer neuen Stelle nicht mehr annähernd so gut sind wie bisher. Das Umfeld ist oft mindestens so wichtig für den Erfolg wie die eigene Leistung.

John Hulsman beschreibt in einem Gastbeitrag für die SZ, warum Sarah Palin eine Gefahr für die USA und die Welt ist, obwohl (oder gerade weil) sie bestimmt nie zur Präsidentin gewählt wird.

Die Stiftung Warentest hat die Anbieter fairer Kleidung unter die Lupe genommen und einen ernüchterndes Fazit gezogen.

Christine Herbert hat sich Gedanken gemacht zum Tag der Freundschaft – und warum sich Männer mit dem Thema schwerer tun als Frauen.

Immerhin: CSU-General Dobrindt entschuldigt sich für sein Gepöbel gegen Hannelore Kraft, die in Duisburg mit einer Rede die Herzen erreichte und den richtigen Ton traf – was man sich das bei ihrem Vorgänger nie hätte vorstellen können.

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So dumm und Gomorrha

Die ganz Bibeltreuen müssten es ja eigentlich wissen, dass man auf Eva nicht hören sollte. Spätestens seitdem sie sich diese Woche mit – wie ausgerechnet die konservative Welt vermerkte – kalkulierter Bosheit zum Tod von 20 Menschen bei der Love Parade äußerte, sollte auch der letzte verstanden haben, wes Geistes Kind sie ist und warum man sich tunlichst nicht mit ihr einlassen sollte. Ihr Fazit lautet nämlich:

Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!

Den Toten und Verletzten eine Mitschuld dafür zu geben, dass sie niedergetreten und erdrückt wurden, die Frage nach den wahren Verantwortlichen gar nicht zu stellen, sondern am Ende über ein Gottesurteil á la Sodom und Gomorrha zu spekulieren, das das orgiastische Treiben jäh beendet, das kann nur als gnadenlose Verhöhnung der Opfer verstanden werden.

Zugleich reiht sich das Gottesbild, das Herman auf ihrem Blog propagiert, nahtlos ein in die Reihe unsäglicher Pharisäerpolemik, die schon AIDS mit kaum verhohlener Genugtuung als „Strafe Gottes“ hingestellt hatte. Kürzlich nahm sie dort Walter Mixa (dem auch Verhöhnung der Opfer vorgeworfen wurde), als verfolgtes Unschuldslamm gegen die blutrünstige Medienmeute in Schutz – auch das spricht Bände.

Apropos Bände: So richtig gruselig wird schließlich der Blick auf das Sortiment des Kopp-Verlags, in dem Hermans Bücher neben wirren UFO-Spekulationen, abstrusen „Prophezeiungen“ und so Knüllern wie „Sexualmagie“ erscheinen, deren einzig erkennbarer gemeinsamer Nenner es ist, mit der Einfalt der Leser Geld zu verdienen. Da trifft es sich natürlich gut, dass der Server nach Hermans Skandalpost fast zusammenbrach vor lauter Anfragen.

Dass idea sich für Herman nach wie vor begeistert, ist leider keine Überraschung. Allen anderen Stimmen der evangelikalen Welt stünde jedoch eine deutliche Distanzierung gut zu Gesicht. Also los, andere schaffen das doch auch!

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Britische Verhältnisse

Anlässlich der gegenwärtigen Entschuldigungsorgien der Deutschen Bahn fiel mir ein altes Gedicht von Steve Turner ein: British Rail regrets. Ich habe es hier gefunden vielleicht inspiriert es ja ein paar Hobbydichter. Es ist alt, aber hierzulande wäre es mit „German Rail“ erstaunlich aktuell:

British Rail Regrets by Steve Turner

British Rail regrets
having to regret.
British Rail regrets
it cannot spell.
British Rail regrets
the chalk ran out.
British Rail regrets
that due to a staff shortage
there will be no-one
to offer regrets.
British Rail regrets, but will not be sending
flowers or tributes.
British Rail regrets
the early arrival
of your train.
This was due to industrious action.
British Rail regrets
that because of a work-to-rule
by our tape machine
this is a real person.
British Rail regrets
the cheese shortage
in your sandwich.
This is due to
a points failure.
The steward got
three out of ten.
British Rail regrets.
Tears flow from beneath
the locked doors of staff rooms.
Red-eyed ticket collectors
offer comfort
to stranded passengers.
Angry drivers threaten
to come out in sympathy
with the public.
British Rail regrets.
That’s why its members
are permanently dressed in black.
That’s why porters stand around
as if in a state of shock.
That’s why Passenger Information
is off the hook.

British Rail regrets
that due to the shortage of regrets
there will be a train.

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Verraten, aber nicht verbittert

Vielleicht die größte Anfechtung für Christen ist meiner Beobachtung nach der „Verrat“ – jemand, auf den ich zähle, lässt mich im Stich. Meiner Beobachtung nach sind die meisten Christen in der Lage, Schickalsschläge oder Gegenwind von außen wegzustecken. Doch wenn einem die eigenen Leute in den Rücken fallen, ist das viel schlimmer. Ob aus Feigheit, Opportunismus oder Größenwahn – es trifft uns völlig unvorbereitet.

Und dann ziehen viele sich aus allem zurück, was nach Kirche oder Gemeinde riecht. Mag sein, dass die Distanz ihnen anfangs gut tut. Aber oft bleibt ein großes Loch zurück. Und viele Gemeinschaften verfolgen umgekehrt Abtrünnige und Fahnenflüchtige erbitterter und unnachsichtiger als solche, die schon immer Feinde waren.

Paulus hat mehr als einmal solche bitteren Erfahrungen gemacht, resigniert und sich zurückgezogen hat er aber nicht. Er war aber auch niemand, der anderen prinzipiell misstraute. Wie man mit Verrat umgeht, hat er von Jesus gelernt. Ein paar Gedanken dazu, die mir hilfreich erscheinen, habe ich letzten Sonntag für alle, die es interessiert, hier zusammengetragen.

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Gestolpert – und jetzt?

Durban und Madrid – wie die Dinge sich wiederholen: Da spielen sich ehemalige Duselbayern und frühere Rumpelfußballer mit jugendlicher Leichtigkeit, Eleganz und mitreißendem Offensivspiel ins Rampenlicht, um schließlich an abgezockten Milanesen unter Mourinho oder Spaniern unter del Bosque zu scheitern. Aber mit so viel Stil, dass selbst frühere Feinde Respekt und (heimlich wenigstens) Sympathie empfinden. Zum Teil waren es dieselben Spieler, in beiden Fällen hieß der Vorgänger des jetzigen Trainers Jürgen Klinsmann. Dem war zwar jeweils der Aufbau nicht so richtig gelungen, dafür aber wohl der Abbruch des Alten.

Der Fan sitzt wie die Mannschaft traurig da und muss die Hoffnung zu Grabe tragen. Das Double, das Halbfinale, beides großartige und anfangs unerwartete Erfolge, sie zählen kaum angesichts der Niederlage. Jetzt hoffen viele, dass die „anderen Bayern“ in Orange nun die schön und effizient, aber in ihrer nicht mehr so spritzigen Dominanz eher einschläfernd kickenden Spanier noch irgendwie überwinden. Wie sagte Mark van Bommel jüngst: „Wir Holländer konnten immer schön spielen und gewinnen. Aber nun haben wir gelernt, auch zu gewinnen, wenn wir mal einen schlechten Tag haben. Das haben uns die Deutschen beigebracht.“

Warum erzähle ich das Offensichtliche? Um den Kummer zu verarbeiten und weil Louis van Gaal schon alles Wichtige gesagt hat: Am Ende der Saison gab er sich überzeugt, dass seine Mannschaft noch besser wird. Weil die Spieler das entsprechende Potenzial haben und weil er weiß, wie er es weiter entfalten kann. Müller und Schweinsteiger sind der lebende Beweis, und ohne sie wären auch die glanzvollen Siege gegen England und Argentinien undenkbar gewesen. Löw hat dasselbe mit Podolski und Klose geschafft. Und nun sollte auch er wie van Gaal nach weiter anpacken und das Unvollendete der verdienten Erfüllung entgegen führen – statt den inflationären Rücktritten dieses Krisenjahres noch einen weiteren hinzuzufügen und irgendwo einen lukrativen (und gewiss auch irgendwie reizvollen) Posten anzunehmen.

Er muss dran bleiben, damit die Jungs von La Mannschaft auch dran bleiben. Dann gibt er dieser Niederlage vielleicht einen echten Sinn.

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