Wie sich „christliche“ Politik unglaubwürdig macht

Alexander Jungkunz hat heute in einem Kommentar der Nürnberger Nachrichten anlässlich des Anschlags in Nigeria auf das Problem der verfolgten Christen hingewiesen. In über 50 Staaten weltweit müssen Christen mit Unterdrückung und Gewalt rechnen. Aus ökonomischen Erwägungen fällt der politische Protest an dieser Stelle oft aus, schreibt Jungkunz und kritisiert dann vor allem die rigide Asylpolitik ausgerechnet der C-Parteien, die Glaubensflüchtlingen bei uns das Leben schwer bis unmöglich macht. Wenn man an den Zuständen anderswo schon nicht direkt etwas ändern kann, dann muss man wenigstens hier sein Möglichstes tun.

In die gleich Kerbe schlägt heute Diakoniepräsident Bammessel, der ebenfalls die Flüchtlingspolitik der schwarz(gelb)en Staatsregierung kritisiert, die zu unhaltbaren Zuständen führt. Die Stadt Erlangen passt so gesehen leider bestens ins düstere Bild, weil hier seit Jahren die ohnehin schon die harten Vorgaben des Landespolitik konsequent zu Ungunsten Betroffener ausgelegt werden. Das Thema wird im neuen Jahr den Stadtrat weiter beschäftigen. Für eine Kommune, die sich als „offen aus Tradition“ bezeichnet, ist das kein Glanzstück, zumal die Stadtverwaltung auf die Kritik der Verbände bislang sehr defensiv reagiert.

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Weiter wursteln? Das Wulff-Dilemma

Vor ein paar Tagen erst hat mich eine Leserin gelobt dafür, dass ich mich aus der Tagespolitik heraushalte, jetzt kann ich es mir doch nicht ganz verkneifen. Nicht weil ich ganz neue Aspekte sehe, sondern weil ich merke, dass sich das leidige Präsidenten-Thema einfach nicht ignorieren lässt. Gestern habe ich es mit einer 80-jährigen Dame diskutiert. Wir fanden beide: Es taugt nicht zur Empörung, aber eben auch nicht zur achselzuckenden Resignation. Vielleicht ist ehrliche Trauer die beste Lösung.

Diese Woche ist Vaclav Havel gestorben – ein Präsident, wie er im Buche steht: Literat, Bürgerrechtler, unbeugsam, moralische Autorität, großer Europäer.

Kleiner (?) Sprung: Ganz Deutschland diskutiert in diesen Tagen über Christian Wulff. Vielleicht auch, weil wenig andere Dinge die Gemüter erhitzen. Zwischen den Zeilen der Statements von Freund und Feind wird schon deutlich, dass er sich im juristischen Sinne nichts hat zu Schulden kommen lassen. Irgendwie wäre es für uns doch alle peinlich, wenn ein Präsident über einen popeligen, lange verschämt verschwiegenen Privatkredit stolpern würde. Man kann seinen Rücktritt gar nicht mit inbrünstiger Entrüstung fordern, ohne als selbstgerechter und kleinkarierter Moralapostel dazustehen, oder? Wenn er wenigstens betrunken Auto gefahren wäre, aber das kann man sich bei ihm irgendwie gar nicht vorstellen.

Dennoch – das fade Gefühl geht deswegen nicht weg, und daher endet auch die ratlose Diskussion nicht. Das hat damit zu tun, dass Wulff von Angela Merkel gegen den deutlich populäreren Joachim Gauck zwecks Machtdemonstration an die eigene verunsicherte Partei ins Amt gehievt wurde. Der Eindruck, dass er sich vielleicht doch weniger erarbeitet als von Gönnern zugeschoben bekommen hat, ist also gar nicht erst jetzt entstanden.

Na gut, sagten damals viele, er ist vielleicht etwas blass, aber wenigstens integer. Vorsichtig gesagt herrscht nun der etwas ungünstige Eindruck, dass es eine eher passive als entschlossene und mutige Ehrlichkeit ist. Insofern ist die Vermutung, dass Wulff es aus Naivität oder Ahnungslosigkeit versäumt haben könnte, die Sache klarzustellen, für die öffentliche Wahrnehmung seiner Amtsführung fast noch schädlicher, als ihm energischen Vorsatz zu unterstellen.

Das Ganze ist aus einem dritten Grund tragisch: Wir bekommen es regelmäßig gesagt, dass in den letzten Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter aufgegangen ist. Für viele ist schon ein bescheidener Urlaub nicht drin, an ein Eigenheim nicht zu denken. Jeder gönnt dem Bundespräsidenten sein Dach über dem Kopf und seine Erholung. Auch seine Freunde gönnen wir ihm. Aber wie ernst wird sein Appell für eine Umkehr dieser schleichenden Umverteilung von unten nach oben sein können – wenn er denn käme?

Das letzte ist die persönliche Tragik: Wulff muss sich vom Spiegel sagen lassen: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann.“ Mit eben diesen Worten griff Wulff einst Johannes Rau wegen bankenfinanzierter Privatflüge in dessen Zeit als Ministerpräsident von NRW an. An dieser Marke wird er nun gemessen.

Rau blieb im Amt. Wird Wulff bleiben? Bestimmt, vermutlich aus demselben Grund, aus dem er kam: Weilte Kanzlerin es wollte. Nach zahlreichen Personalpannen und mit einem Koalitionspartner im Todeskampf kann sie das Scheitern ihres Kandidaten überhaupt nicht brauchen und weiß, dass die Kritiker, die sich derzeit auf Wulff konzentrieren, dann wieder auf sie einschießen würde. Nennenswerten Widerstand aus dem Bundespräsidialamt musste sie bisher nie fürchten, das wird sich auch nicht ändern. Warum sollte sie also etwas ändern?

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Angst vor dem Kontrollverlust

Der britische Dramatiker Simon Stephens spricht diese Woche mit der Süddeutschen über seine Kritik am Europa-Kurs der Tories, der die Schlagzeilen in den letzten Tagen beherrschte. Es geht viel um die Angst vor dem „Anderen“ und deren Missbrauch.

Dabei ärgert ihn besonders die scheinheilige Argumentation über mangelnde demokratische Legitimierungen von Entschlüssen der EU – ein Argument, das man hier ja auch ab und zu hört. Stephens‘ Antwort lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Vielleicht ist der Ärmelkanal ja doch nicht endgültig breiter geworden:

Der öffentliche Diskurs über die EU in Großbritannien ist geprägt von dem Widerwillen, sich den Launen und Entscheidungen einer Institution zu beugen, über die wir nur begrenzte demokratische Kontrolle haben – warum sollten wir tun, was Europa uns sagt? Das scheint auch der Grund für die Popularität von Camerons Blockade zu sein. Aber dieselben Leute haben anscheinend keine Probleme mehr damit, sich den Launen und Entscheidungen einer deutlich weniger legitimierten Institution zu beugen, nämlich der sogenannten City.

… Die Heuchelei von Leuten wie Cameron und Johnson ist, dass sie sich jetzt, heimlich oder öffentlich, die Hände reiben und sich über die Krise des Euro freuen. Dabei war es ja nicht der Euro, der die europäischen Volkswirtschaften hat kollabieren lassen, sondern die Art von Bankgeschäften, die diese Politiker selbst so eifrig beschützen.

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Mia san ia?

Das ist mal wieder typisch: Antenne Bayern hat einen Song fabriziert, in dem die Regionen und Highlights des Freistaats besungen werden. Franken und Schwaben werden dabei durchaus erwähnt, aber obwohl verschiedene Sänger auftreten singen sie doch alle in einem moderaten Bayerisch – „dahoam“ und so weiter.

Klingt alles ganz sympathisch und verrät, wie Harmonie in Bayern funktioniert: München gibt den Ton an, und wenn man bei den anderen Stämmen ein paar schöne Federn findet, schmückt man sich mit gern damit.

Kleiner Trost: Bayerns bester Fußballverein spielt in den fränkischen Landesfarben.

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Roman und Realität

Die Süddeutsche schrieb heute anlässlich der erschütternden Hinrichtung von Troy Davis:

Amnesty registrierte 2010 nur in China, dem Iran, Nordkorea und dem Jemen mehr Hinrichtungen als in den Vereinigten Staaten.

Erst vor ein paar Tagen habe ich John Grishams Thriller Das Geständnis, und war erstaunt, wie nahe an der Realität diese erfundenen Handlung liegt. Nicht erfunden ist freilich der gesellschaftliche Diskurs, der in den USA stattfindet und den Grisham nachzeichnet. Etwa die Bedeutung von Todesstrafen für politische Karrieren, aktuell die von Rick Perry in Texas, der gegen Barack Obama antreten will.

In mancher Hinsicht stehen die USA, zumal die USA der Republikaner, in ihrem Verständnis von rächender und strafender Gerechtigkeit den oben genannten Staaten näher als den meisten anderen Nationen. Spuren davon finden sich freilich auch in der Theologie, denn gerade unter den Protagonisten der Todesstrafe finden sich absurderweise viele konservative Christen. Auch diesen traurigen Zwiespalt zeichnet Grisham deutlich nach, ebenso wie die Tatsache, dass hier wieder ein Afroamerikaner das Opfer der Justiz geworden ist.

Weil nicht zu erwarten ist, dass dies in absehbarer Zeit anders wird, lohnt sich die Lektüre von Grishams Buch und natürlich der Nachrichten rund um Troy Davis‘ Tod. Es ist eine realistische Momentaufnahme eines Landes im Wahnzustand und seiner Justiz. Und ein gutes Gegenmittel gegen Knalltüten, die hier – immer angefeuert vom Boulevard, auch das zeichnet Grisham nüchtern ein – ähnliche Forderungen stellen.

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Bücherstapel

Die Ferien sind in vollem Gang, das Tempo wird gemächlich, es ist Zeit und Musse da, die Nase in ein paar gute Bücher zu stecken, zumal ein dicker Knöchel und gelegentlich das Wetter den Bewegungsdrang hemmt. Irgendwie passen sie auch gut zusammen:

Wladimir Kaminer: Meine russischen Nachbarn. Der Mann begeistert durch hintergründigen Humor und den genialen lakonisch-undramatischen Stil. Fremde in Deutschland, von denen man eine Menge lernen kann. Zum Beispiel, sich selbst nicht so schrecklich ernst zu nehmen.

Richard Rohr: Falling Upward. A Spirituality for the Two Halves of Life Die zweite Lebenshälfte, oder besser: -aufgabe. es geht nicht ums Altern im biologische Sinne, sondern um das Wachstum und die Suche nach dem wahren Selbst. Ich muss zwar immer wieder die Gedanken in meine eigene theologische Matrix übersetzen (etwa die eher platonische Vorstellung, es gebe ein „wahres Selbst“, das einem vorgegeben ist, nun entdeckt werden muss und dessen Gunsten man ein falsches Selbst dann ablegt), aber es ist eine mutmachende Anleitung, Brüche und Scheitern nicht als Makel zu betrachten, sondern als unerlässliche Lernerfahrungen.

Michael Frost/Alan Hirsch: Faith of Leap. Embracing a Theology of Risk, Adventure & Courage das missionale Gegenstück zu Rohrs Buch über Spiritualität mit erstaunlich vielen Parallelen, zugleich natürlich den Themen, die bei Frost und Hirsch nie fehlen. Wer die schon kennt, kann das Buch auch recht zügig lesen.

wenn ich also in den nächsten Tagen etwas stiller bin, dann sind diese Autoren schuld 🙂

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Terror und Hoffnung

Die Flut der Kommentare zu den Morden in Norwegen war so, dass ich auf diesem Blog nicht auch noch meinen Senf dazu geben wollte. Auch ein paar Tage nach dem Blutbad finde ich ein paar Stimmen aus ganz unterschiedlichen Gründen noch bemerkenswert:

Paul Hefty schreibt in der FAZ darüber, dass man die Geschehnisse nicht kommentieren könne. Und im nächsten Atemzug kommentiert er sie doch – als hätte er seinen eigenen Text schon vergessen. Vergessen kann man auch den Rest des Kommentar: Es sei die Tat eines Irren, schreibt er. Wobei das, wie Manfred Lütz schon im Blick auf Hitler betont hat, nur allzu leicht auf eine Diffamierung psychisch Kranker hinausläuft. Man kann das moralisch qualifizieren, aber nicht unbedingt pathologisch. Vor allem gleicht das dem Reflex der Rechtspopulisten , die ihren Geistesverwandten nur allzu gern als Verrückten hinstellen wollen, um sich keinen unangenehmen Fragen stellen zu müssen.

Markus Horeld rechnet auf Zeit Online mit deutschen Politikern und Funktionären ab, die angesichts des Leids nicht schweigen können und sich nicht zu schade sind, alte Forderungen nach mehr Überwachungsstaat aus der Mottenkiste zu holen, um damit innenpolitisch zu punkten. Sozialdemokraten sind übrigens keine darunter, die trauern und müssen sich mit dem Gedanken abfinden, dass sie in Westeuropa womöglich eine gefährdete Minderheit werden könnten.

Mit der Blindheit der „Terrorexperten“ und dem peinlichen Zwang, auf Verdacht schon mal loszulabern oder Meinungen zu äußern, bevor man über seriöse Informationen verfügt, beschäftigt sich Hasnain Kazim auf Spiegel Online.

Und Peter Frey findet im ZDF ein paar klare Worte zum „christlichen“ Hintergrund des „ersten antiislamischen Terroristen“, mahnt zugleich aber auch eine energischere Auseinandersetzung der Kirchen mit „christlichen Fundamentalisten“ an. Die ist nötig und stellt Evangelische Allianz wie auch freikirchliche Verbände vor dieselbe Aufgabe, sich hier nämlich noch deutlicher zu positionieren. Ohne scharfe Abgrenzungen gegen einzelne Stimmen und Gruppen, die eine bedenkliche Nähe zu Anders Breiviks Kreuzzugmentalität aufweisen, wird es kaum abgehen.

Positiv und hoffnungsvoll stimmt schließlich dieser Artikel von Michael Schlieben auf Zeit Online über die Reaktion der Norweger, die dieses Land noch sympathischer macht. Wäre da nicht der dunkle Winter, ich würde mir ernsthaft überlegen, ob ich nicht auswandere. Ministerpräsident Stoltenberg beschwört die Freiheit und nicht die Vergeltung:

Stoltenberg sprach nicht von Rache, nicht von Vergeltung, nicht von einer Jagd auf irgendwelche Hintermänner. Er demonstrierte keine militärische Entschlossenheit, wies niemandem die Schuld zu, er forderte auch keine Gesetzesänderungen, wie das jetzt reflexhaft in Deutschland bereits begonnen hat. Stoltenberg war nicht aktionistisch, nicht affektgesteuert, sondern in seiner Fassungslosigkeit wohltuend klug und besonnen. Sein Verhalten war ein Zeugnis von guter politischer Führung.

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Deutsch zum Abgewöhnen: „Ich erinnere“

Ich habe es vor ein paar Jahren zum ersten Mal bewusst in einem Fernsehinterview von Peer Steinbrück gehört, dass jemand sagte, „ich erinnere dieses oder jenes Ereignis“ statt „ich erinnere mich an dieses…“ Seither begegnet es mir ab und zu und diese Woche habe ich einen längeren Text aus dem Englischen übersetzt, der sich um Erinnern und Vergessen drehte. Da lag die Versuchung nahe, erinnern á la Steinbrück zu verwenden. Allein, ich brachte es nicht fertig.

Auf der Website des Duden fand ich heute einen Vermerk, dass eine nichtreflexive Verwendung von „erinnern“ norddeutsch ist. Sie ist also nicht falsch. Ob gut oder schön, das hat der Duden nicht zu bewerten. Für meinen Geschmack dürfen die lieben Preußen das so halten, und wenn sie es tun, dann versuche, ich mich nicht lange dran zu erinnern, sondern es ganz schnell wieder zu vergessen (mich vergessen werde ich deswegen freilich nicht).

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Primaballackinas

Armer Michael Ballack, seit über einem Jahr erscheinen pausenlos irgendwelche Kommentare, die seine Konflikte breittreten, seine Comebackchancen ausloten, erklären, warum er eine tragische Figur ist und jede seiner öffentlichen Gefühlsregungen akribisch auf Untertöne abtasten. Kein Wunder, dass er extrem schlecht gelaunt ist. Aber so ist das im Fußball: Wer ein Star ist und ein Millionengehalt bezieht, ist eine öffentliche Person und muss damit leben, dass andere ihn besser kennen als er sich selbst. Oder eben auch nur so schreiben, als wüssten sie Bescheid.

Da kommt die WM der Frauen wie eine willkommene Abwechslung. Keine kickenden Millionärinnen, kein überflüssiges Geraune – sollte man meinen. Stattdessen machen nun unsere auf Ballack’sche Tragik konditionierten Sportjournalisten einfach so weiter: Birgit „Ballack“ Prinz könnte zur tragischen Figur des Turniers werden, heißt es seit Tagen, und bis gestern stand auch noch Lira Ball… – äh, Bajramaj – auf der Liste potenziell ausgemusterter Primaballackinas.

Wem nützt das Ganze? Mir als Leser wäre es lieber, von dieser WM das berichtet zu bekommen, was sich tatsächlich auf dem Platz zuträgt. Die Spielerinnen sollten sich auch darauf konzentrieren dürfen, sich auf den Gegner einzustellen. Und die Sportjournalisten könnten sich die Peinlichkeit ersparen, ihr bisschen Hobbypsychologie hier zur Schau stellen zu müssen.

Immerhin: Michael Ballack kann in Ruhe durchatmen. Das wird ihm guttun. Freilich: Die WM der Frauen ist schneller vorbei, als man denkt…

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Exzesse und Erklärungen

Neulich kam das Gespräch in einer Runde auf das Phänomen des Vandalismus bei Partys, zu denen Jugendliche ahnungslos oder leichtfertig im Internet einladen. Was sind das für Menschen, war die Frage, die da sinnlos die Häuser der Gastgeber verwüsten?

Ganz normale vermutlich. Vielleicht gibt dieses Interview auf Zeit Online eine Antwort darauf. Der Historiker Hannes Wehr und der Sozialpsychologe Harald Welzer haben sich mit den Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Russland befasst. Ihr Ergebnis: Anders als vermutet, brauchen Soldaten keineswegs eine gewisse „Eingewöhnungszeit“, um zu extremer Gewalt fähig zu werden. Welzer sagt:

Es genügt aber offenbar schon eine Situation, in der Menschen so etwas tun können und dürfen – Gewalt als Erlebnis absoluter Macht. In vielen Truppen herrschte außerdem ein regelrechtes Gewaltklima, in dem es goutiert wurde, wenn Soldaten mit ihren Exzessen prahlten.

Das Angeben in der Gruppe und die Aussicht, ungestraft zu bleiben, sind die entscheidenden Faktoren. Nazi-Ideologie kam freilich noch dazu, war aber wohl von nachrangiger Bedeutung. Vielleicht lässt sich das für die Genozide in jüngerer Zeit auch auch sagen, oder eben für große, unübersichtliche Feten irgendwo nachts, wo eine Clique von Vandalen unerkannt einfallen kann, um hinterher im kleinen Kreis mit der Verwüstung anzugeben, die man hinterlassen hat: auch da ist mehr der Macht- als der Alkoholrausch entscheidend.

Die beunruhigende Frage dabei lautet natürlich auch: Wie stabil ist eigentlich das, was wir „Charakter“ nennen, wenn es vielfach nur die richtigen Umstände braucht, damit aus „anständigen Bürgern“ brutale Monster werden?

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Evangelium, Mission und Privatdetektive

Eine nette Analogie stand heute in dieser Meldung der Süddeutschen Zeitung, vielleicht braucht sie jemand mal als Beispiel in einem Gespräch oder einen Predigt:

Ein Mann im US-Bundesstaat Utah hat monatelang als Obdachloser gelebt, obwohl ein dickes Erbe seines Bruders auf ihn wartete. Die Familie des Mannes hatte eigens einen Privatdetektiv angeheuert, um ihn zu finden – doch erst als lokale Medien über den Fall berichteten, kam laut „Deseret News“ der entscheidende Hinweis auf ein Obdachlosenheim in Salt Lake City. Der Mann lebte demnach jahrelang auf der Straße. Künftig werde er genügend Geld haben, „um sich selbst zu versorgen oder jemanden anzustellen, der sich um ihn kümmert“, sagte der Detektiv der Zeitung. Die genaue Erbsumme blieb geheim.

Ich kommentiere das jetzt nicht; wer möchte, kann dazu Römer 8,17 und 10,14ff lesen.

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Ist Gott grün?

Diese Frage warf jemand letzte Woche in einer e-mail auf. Seither habe ich immer mal wieder darüber nachgedacht. Mein erster Gedanke dazu war: Einen farblosen Gott kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Man kann Gott nun mit allen möglichen Farben in Verbindung bringen. Ich fand ja immer, blau müsse seine Lieblingsfarbe sein, dicht gefolgt von Grün, wenn der Blick an den Himmel bzw. von oben auf die Erde etwas zu sagen hat.

Theologisch korrekter wäre vielleicht die Orientierung am Regenbogen: Das sind so ziemlich alle Farben drin. Mit einer Ausnahme: Schwarz!

Also lautet die korrekte Antwort auf die Frage, ob Gott grün ist: Ich weiß es nicht genau. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er nicht schwarz sein kann. Das sollte zur Orientierung doch ausreichen, oder?

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Verfolgte Unschuld?

Ratko Mladic ist – das entbehrt nicht einer gewissen Ironie – in den Niederlanden eingetroffen und die Welt wartet auf den Prozess wegen Völkermords. Der Mann behauptet natürlich, er sei unschuldig. Anlass genug, hier einen kleinen Auszug aus Mirolsav Volfs „Exclusion and Embrace“ zu posten. Das Buch entstand Ende der Neunziger aus den Erfahrungen der Balkankriege. Der Mord fängt – das lässt im Blick auf die Rhetorik der erstarkten FPÖ in Österreich auch Sorgen aufkommen – schon mit dem Reden an:

Wenn die Sprache und Denke der Exklusion – wir können das „symbolische Exklusion“ nennen – moralisch dazu dient, die Praxis der Exklusion zu untermauern, sollten wir davor gewarnt sein, sie auf „Ignoranz“ zurückzuführen, in ihr ein „fehlendes Wissen“, „Uneinsichtigkeit“ oder „verarmte Phantasie“ zu sehen […] Bosheit als Ignoranz setzt zu viel falsche Unschuld voraus und erzeugt zu viele trügerische Hoffnungen. Es impliziert, dass die Verderbnis der Übeltäter in erster Linie eine Frage des Verstandes ist, dem mit anständiger Aufklärung abgeholfen werden kann. Sowohl die christliche Tradition als auch die Erfahrung lehren uns, das dies selten der Fall ist. Symbolische Exklusion ist oft eine Entstellung des anderen, nicht bloßes Unwissen in Bezug auf ihn; sie ist eine willentliche Fehlkonstruktion, kein Versagen der Erkenntnis. Wir dämonisieren und bezeichnen andere als Tiere, nicht, weil wir es nicht besser wüssten, sondern weil wir uns weigern, das Offensichtliche anzuerkennen, und uns dafür entscheiden, nur das zu wissen, was unseren Interessen dient. Dass wir unsere Verzerrungen dennoch für schlichte Wahrheiten halten ist kein Gegenargument; es unterstreicht nur, dass das Böse fähig ist, ein gedankliches Umfeld zu erzeugen, in dem es unerkannt gedeihen kann.

Die „Praxis der Exklusion“ und die „Sprache der Exklusion“ gehen Hand in Hand mit einer ganzen reihe von emotionalen Reaktionen auf den anderen, die von Hass bis Gleichgültigkeit reichen; diese Exklusionen rufen emotionale Reaktionen hervor und werden zugleich von ihnen aufrecht erhalten. Bevor Jitzchak Rabin 1995 ermordet wurde, trugen rechtsgerichtete israelische Demonstranten Plakate herum, auf denen er wie Yassir Arafat dargestellt wurde, mit einer Kufiya auf dem Kopf und Blut, das von seinen Händen tropfte. Das Bild diente dazu, Hass zu erzeugen, den Widerwillen gegenüber dem anderen, der sich aus dem Gefühl, Schaden oder Unrecht erlitten zu haben, nährt, und von der Demütigung befeuert wird, das nicht verhindert haben zu können […]. Einige der brutalsten Akte von Exklusion beruhen auf Hass, und wenn die allgemeine Geschichte der Menschen und Gruppen nicht genug Gründe zum Hass liefert, werden die Meister der Exklusion die Geschichte umschreiben und Unrecht erfinden, um Hass zu erzeugen.

Mehr von Miroslav Volf über das Thema Versöhnung nächstes Jahr beim Studientag Gesellschaftstranformation am 18. Februar 2012.

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Pssst…!

„… sag’s bloß keinem weiter!“, hatte eine Bekannte diese Woche zu ihrer Freundin gesagt, als sie hörte, dass Richard Rohr am 7. Juni zwischen Kirchentag und einem Seminar in Müsterschwarzach in Erlangen Station macht. Sie fürchtete, wenn sich das zu weit herumspricht, könnte die Hütte überfüllt sein.

Den Mann muss man eigentlich nicht vorstellen, seine Bücher sprechen für sich. In den letzten Jahren hat er sich aus katholischer Perspektive mit dem Thema „Emerging Christianity“ befasst, und dazu haben wir Ihn auch eingeladen. Es gibt eine weltweite Konvergenzbewegung – verschiedene Flügel der Christennheit bewegen sich aufeinander zu. Was das bedeuten könnte, auch hier in Deutschland, werden wir am 7. Juni mit ihm bedenken (19.00 Uhr Markuskirche, Sieglitzhofer Str. 4 in Erlangen).

Wer Englisch versteht und sich schon mal einstimmen möchte, kann hier seinen Vortrag am Fuller Seminary ansehen:

Emerging Christianity from Fuller Seminary on Vimeo.

Und wer möchte, darf es selbstverständlich weitersagen. Die Kirche hat ein paar hundert Plätze. Nur zu spät kommen sollte man besser nicht.

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Selbstachtung und Selbstverleugnung

Bei dem eigentlich immer lesenswerten Wolf Lotter auf Brand Eins habe ich heute zum Thema Respekt folgende sehr nachdenklich stimmende Zeilen gelesen. Er beschreibt einen gesellschaftlichen circulus vitiosus:

Die meisten Führungskräfte, Manager und Politiker strengen sich an, disziplinieren sich, vernachlässigen Familie und Beziehungen, geben alles, wie es so schön heißt. Um was genau zu kriegen? Macht ohne Bedeutung, Einfluss, aber keinen Respekt und wenig Anerkennung.

Im Gegenteil: Es gehört kulturell zum guten Ton, die „oben“ zu bashen, für alles verantwortlich zu machen, was man im eigenen Leben verbockt hat. Der Sachzwang killt den Anstand, den Respekt und die Würde. Und deshalb wimmelt es in den Chefetagen auch von Leuten, die hartnäckig verdrängen müssen, dass sie ihr eigentliches Karriereziel, ein Leben in Würde, Anerkennung und also Respekt, verfehlt haben.

Das führt zur Selbstverleugnung – und zerstört die Grundlage aller Rücksichtnahme auf andere, den Respekt zu sich selbst. Wer sich selbst nicht achtet, schafft das bei anderen erst recht nicht.

Das wirft auch im Blick auf Kirchen und Gemeinden Fragen auf:

Erstens: Schaffen wir es, eine Gegenkultur zu entwickeln? Und das, ohne dabei süßlich-nett und unkritisch zu werden, ohne in die alte Autoritätshörigkeit zurückzufallen, die die neue Respektlosigkeit ja nicht ganz zu Unrecht, aber zu einem sehr hohen Preis aufgegeben hat?

Zweitens: Wie buchstabieren wir „Selbstverleugung“, so dass man dem Begriff überhaupt noch etwas Positives abgewinnen kann? Also gerade nicht als Preisgabe der Selbstachtung, nicht als negatives Selbstbild oder gestörte Selbstwahrnehmung (bzw. Kontaktverlust zu den eigenen Gefühlen und Empfindungen)?

Vielleicht kann man ja sagen: Man kann nur verleugnen, was man wirklich kennt. Wenn – berechtigt oder nicht – Zorn in mir hochsteigt, kann ich also sagen: Ich weiß genau, was ich jetzt fühle und was ich im Moment am liebsten tun würde. Ich weiß aber auch genau, warum ich auf Rache und gehässige Worte verzichte: Weil ich es Gott (und mir selbst) wert bin, nicht zum Spiegelbild von Gewalt oder Respektlosigkeit zu werden. Weil ich lieber Böses mit Gutem überwinde, und wenn es sein muss, dafür auch einen hohen Preis zu bezahlen. Denn die Folgeschäden und -kosten der Alternative sind enorm.

Die Frage nach der unverlierbaren Menschenwürde ist dabei kein geringes Problem. Karl Barth hat sie so beantwortet:

Der Mensch selber ist […] wertbeständig, ist und bleibt und wird immer neu interessant. Darum nämlich, weil Gott Wert auf ihn legt, weil Gott sich in aller Macht gerade für ihn interessiert. Nicht auf Grund einer ihm, seiner allgemeinen Art und seiner besonderen Existenz immanenten Würde und Wichtigkeit also – nicht auf Grund von etwas, was Gott gerade an ihm finden müsste. (KD IV,3 S. 915)

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