Korea (7): Die großen Fragen der Zukunft

Taifun Bolaven ist noch einen Tag entfernt. Ein weiterer sonniger und vor allem hochkarätig besetzter Studientag hat begonnen: Pastor Daniel Donwon Lee von der Global Mission Church begann den Vormittag. Er kam – wie viele seiner Kollegen – als Student in die USA und war dort mit der Gemeindewachstumsbewegung und Donald McGavran in Kontakt. Aber wie viele seiner Kollegen stellt auch Pastor Lee kritische Fragen angesichts rückläufiger Trends in Korea: Die (evangelische) Kirche schrumpft und ihr Einfluss geht zurück. Lee spricht über die zehn Qualitätskriterien natürlicher Gemeindeentwicklung und die Kritik von Howard Snyder am Church Growth Movement, weil dort neben dem quantitativen auch das qualitative Wachstum der Gemeinden in den Blick kommt. Nun sind Zellgruppen und „Spiritual Formation“ ein großes Thema hier.

Interessant ist das insofern, als es zeigt, dass die Koreaner trotz ihrer Erfolge und Größe immer noch Impulse aus dem Ausland suchen und aufnehmen. Irgendwie gelingt das uns Deutschen insgesamt weniger gut, würde ich sagen. Bei allen kulturellen und theologischen Differenzen muss man vor dieser Haltung erst mal den Hut ziehen.

Gesunde geistliche Leitung hat mehrere Faktoren, sagt Lee:

  1. eine Balance zwischen Vision und Mission, zu der neben dem Mut zum Träumen auch die Fähigkeit gehört, die eigenen Grenzen anzunehmen
  2. eine Balance zwischen großen und kleinen Gruppen: große Sonntagsgottesdienste allein machen keine gesunde Gemeinde
  3. eine Balance zwischen Familie und Gemeinde
  4. eine Balance zwischen Arbeit und Ruhe: viele Koreaner sind sehr fleißig und ungeduldig, sie gönnen sich kaum Ruhe. Eine Spiritualität des Sabbat und des kontemplativen Gebets kann da helfen. Leider sehen viele das noch als etwas „Katholisches“ an.
  5. eine Balance zwischen Evangelium und kulturellem Kontext: koreanische Christen haben hier in Lees Sicht eher auf Konfrontation gesetzt und alles andere unter Synkretismusverdacht gestellt
  6. eine Balance zwischen der eigenen Gemeinschaft und der Herrschaft Gottes
  7. eine Balance zwischen den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen und der Gemeinschaft

Der Direktor von Campus für Christus in Korea, Sung Min Park, spricht über die Herausforderung freier Werke, dem ursprünglichen Auftrag treu zu bleiben und zielorientiert zu arbeiten. Jedes Jahr werden die praktischen Methoden der evangelistischen Gesprächsführung überarbeitet und angepasst – im Moment ist das „Soularium„, eine Bildkartensammlung, der letzte Schrei.

Jik Han Koh von YOUNG 2080 bildet junge Leiter aus und arbeitet mit Charles Kim zusammen, der am Freitag hier war. Er bezeichnet sich als Hersteller von Sprengstoff („TNT“ steht auch für „Twenties ’n‘ Thirties“). Ausgewogenheit findet er weniger wichtig, geistliche Aufbrüche können Kultur und Gesellschaft nur dann verändern, wenn sie Durchschlagskraft entwickeln. Seine Arbeit zielt in drei Richtungen: „Bible Korea“, „United Korea“ und „Mission Korea“ – da ist also wieder die Verbindung von Glaube und Nation, die wir aus der Geschichte schon kennen.

Und die Wachstumskurven der zurückliegenden Jahrzehnte scheinen für ihn Ansporn und Norm zu sein, wenn es um die Zukunft geht: Zahlen über Zahlen füllen seine Präsentationsfolien. Immer wieder fallen Begriffe wie „Dynamit“ und „Revolution“ im Zusammenhang mit der jüngeren Generation, die dafür sorgen soll, das die nächste Generation von Christen zur „goldenen Gans“ der koreanischen Gesellschaft wird.

Die anschließende Diskussion ergibt weitere interessante Aspekte:

  • „Liberale“ (in unserem Sprachgebrauch wohl eher: politische) Theologie entwickelte sich in Korea im Widerstand gegen die Diktatur. Evangelikale glaubten, dass Evangelisation irgendwann die Gesellschaft von selbst verändern würde und hielten sich heraus aus Demonstrationen. Heute sehen sie das selbstkritisch. Der Versuch, durch die Gründung einer christlichen Partei politisch mitzuwirken, gilt als gescheitert, nun herrscht etwas Ratlosigkeit über das weitere Vorgehen. Da waren die Katholiken besser dran, sie konnten zum Beispiel auf Befreiungstheologie aus Lateinamerika zurückgreifen.
  • Vielen Gemeinden scheint die jüngere Generation wegzubrechen. Unter jungen Christen ist eine Stillebewegung entstanden. Leider, sagt Pastor Lee, bleibt aber selbst diese Bibelmeditation oft an der Oberfläche; damit sie wirken könnte, müsste die kontemplative Dimension gestärkt werden.
  • Die jüngere Generation in Korea leidet unter der für hiesige Verhältnisse hohen Arbeitslosigkeit (knapp 10%), daher zögern viele zu heiraten und es werden weniger Kinder geboren. Die Zukunftsaussichten haben sich eingetrübt. Junge Leute stehen unter solchem Leistungsdruck, dass sie oft den Kontakt zu jeglicher Form christlicher Gemeinschaft verlieren.
  • Bei Campus, sagt Rev. Park, hat man die „modernistische Apologetik“ zurückgestellt zugunsten dialogischerer und emphatischerer Ansätze. Wie „postmodern“ die tatsächlich sind, frage ich mich gerade – das klingt mir noch mehr nach Techniken denn nach verinnerlichten Haltungen: Er würde gern Kreationismus neben der Evolutionstheorie in die Schulbücher bekommen, aber auch das ist bisher gescheitert (Gott sei Dank…!). Da sind wir wieder bei der Spannung zwischen der eher fundamentalistischen Tendenz vieler Protestanten hier (und von Campus für Christus generell) und einer zunehmend pluralistischen Kultur.
  • Für unsere Referenten benutzen „christlich“ und „protestantisch“ als Synonyme. Katholiken werden wie Buddhisten, der Islam oder Konfuzianismus weitestgehend als Konkurrenz empfunden. Wer sich zu positiv äußert, kann in konservativen theologischen Ausbildungsstätten hier durchaus seine Anstellung verlieren (Karl Barth zu erwähnen reicht anscheinend auch schon – warum auch immer). Insofern fallen die Antworten auf Nachfragen sehr zurückhaltend aus. Unbefriedigend, demnächst soll in Busan der Ökumenische Rat der Kirchen tagen.
  • Interessante selbstkritische Einsicht gegen Ende: Die Koreaner haben westlichen Imperialismus in der Mission kritisiert und zwischenzeitlich festgestellt, dass die eigenen Missionare denselben Fehler begingen.
  • Pastor Kang unterstreicht die Bedeutung der Spiritualität. In Korea ist das Thema unterentwickelt, gerade hier sind Richard Foster, Dallas Willard oder Philip Yancey Vorbilder – und das Studienkonzept des George Fox Seminary. Lee erwähnte immerhin Henri Nouwen. Vielleicht stehen in zehn oder zwanzig Jahren ja auch Katholiken wie Richard Rohr, Franz Jaliczs oder Thomas Merton auf der Liste?
Die Frage, die bei mir zurückblieb, lautet: Lassen sich Fehler und Schwächen, die man im 19. Jahrhundert aus Amerika übernommen hat (konfessionelle Zersplitterung, Gesetzlichkeit im Blick auf Alkohol, sehr traditionelle Definition von Geschlechterrollen, autoritäre Führung, kleinkarierter Dogmatismus), nun mit (durchaus respektablen) Denkern und Autoren aus dem Amerika des 20. Jahrhunderts (selbst wenn Willard, Foster u.a. alle noch leben, da liegt ihr Schwerpunkt) kurieren? Oder ist das lediglich eine momentane Zwischenstation auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, in dem die meisten schlicht noch nicht angekommen sind?
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Sonntag in Seoul

Nach einem samstäglichen Ausflug an die innerkoreanische Grenze (für jemanden, der nahe der innerdeutschen Grenze den größten Teil seiner Kindheit zugebracht hat, eine interessante Erfahrung) standen gestern Gottesdienstbesuche in verschiedenen Gemeinden auf dem Programm.

Ich habe aus der Gruppe viele gute Dinge gehört, nachdem das Frühgebet am Samstag eher zurückhaltend bis kritisch kommentiert worden war. Die Yeoksam Parish bietet um 9:30 Uhr eine Messe auf Englisch an, und nachdem das nur um die Ecke war, entschied ich mich für den katholischen Gottesdienst. Die Eucharistie mit den vertrauten Worten weckte in mir als Lutheraner schon fast heimatliche Gefühle. Ach ja: ich habe keine einzige Krawatte im Raum entdecken können.

Später fand ich dann in der Wikipedia die – hoffentlich korrekte – Information, dass die Katholiken in Korea 10,3% der Bevölkerung ausmachen und im vergangenen Jahrzehnt um 70% gewachsen sind. Wie sich das Wachstum erklären lässt, stand leider nicht sehr detailliert dabei. Mag sein, dass eine Reihe desillusionierter Evangelikale darunter sind. Und die positive Rolle der Katholiken bei der Demokratisierung Koreas hat offenbar auch eine Rolle gespielt. Unsere evangelischen Referenten haben ja schon durchblicken lassen, dass ihre Gemeindekultur durchaus autoritäre Tendenzen hatte.

Je besser ich die Leute in unserem Kurs kennenlerne, desto begeisterter und beeindruckter bin ich von den Persönlichkeiten, ihren Lebensgeschichten, der respektvollen, herzlichen und offenen Art des Umgangs miteinander, den tiefen und anregenden Gesprächen. In dieser Qualität habe ich das noch nicht so schrecklich oft erlebt. Es ist ein echtes Geschenk, mit diesen Leuten unterwegs zu sein!

Die Sonne scheint und die Temperaturen liegen über 30 Grad. Für morgen ist der Taifun Bolaven angekündigt. Derzeit hat er Windgeschwindigkeiten von knapp unter 200 Stundenkilometern und lässt 50 Liter Regen in einer Stunde niedergehen. Wir bekommen die ganze Palette des Wetters ab. Mal sehen, welche Folgen das für die Rückflüge hat…

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Seoul – ein erstes Sammelsurium

Als ich heute abend zur U-Bahn ging, standen Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag an der Treppe zum Untergrund und auf den Stufen lag eine regungslose Gestalt. Der Polizist, der den Zugang sicherte, wies mich freundlich an, ruhig weiterzugehen. Auf dem Weg traf ich noch etwa 15 Soldaten, zum Teil mit Knarre, ein paar mimten hollywoodreif irgendwelche Opfer. Die Passenten gingen gleichmütig vorbei, der Einsatz der Armee im Inland ist hier offenbar kein Streitthema.

Durchaus ein Streitthema scheinen aber Hunde zu sein, eine alte Dame trug ein Plakat, auf dem ein LKW voller gefangener Hunde zu sehen war. Was mit denen geschieht, kann man nur vermuten…

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Ich war mit Jason Clark ein paar Stunden in der Stadt unterwegs, neben langen Gesprächen über Theologie, Spiritualität und den Rest des Lebens, und neben etlichen Tassen Kaffee, haben wir eine Palastanlage besichtigt und uns durch das innenstädtische Straßengewirr gefranst. An vielen Stellen wirkt Seoul wie jede andere Metropole. Dann biegt man um eine Ecke, und hinter den Hochhäusern tun sich kleine Straßen mit winzigen Läden auf, über dem Kopf ein etwas abenteuerliches Gewirr von Stromleitungen. Wenn irgendwo Grünflächen sind und ein paar Bäume stehen, dann ertönt aus ihnen ein knarrendes Zirpen, das den Eindruck erweckt, die hiesigen Grillen und Zikaden haben sich mit Klapperschlangen gekreuzt.

Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viele Coffeeshops gesehen, und auch europäische Bäckereien scheinen zu boomen. In Gagnam, wo das Nachtleben boomt, gibt es so ger ein „bräu haus“. Trotz dieser Affinitäten fällt man hier als „Westler“ sofort auf, es scheinen nicht viele Ausländer (zumindest kaum nichtasiatische) hier unterwegs zu sein. Anders gesagt: Im kleinen Erlangen sieht man sehr viel mehr Asiaten als im riesigen Seoul Kaukasier.

Ich habe auch schon lange nicht mehr so viele junge Menschen gesehen wie hier, Jason und ich haben uns schon richtig alt gefühlt. Und alle sind immer online: Fast überall gibt es kostenloses WiFi. In meinem Waggon in der U-Bahn saß gestern Abend ausnahmslos jede/-r einzelne mit einem Smartphone – meist einheimischer Provenienz – oder Mini-Tablet in der Hand, und auf den Gehsteigen muss man immer wieder Leuten ausweichen, die auf ihr Display starren. Oder Motorrollern, die dort regelmäßig angebrettert kommen, weil die Fahrbahn verstopft ist oder der Verkehr in die Gegenrichtung fließt.

Zum Abendessen stießen die beiden ersten Jahrgänge des Kurses dazu und morgen geht es dann los mit spannenden Referenten zu koreanischer Theologie und Geschichte – dann werden meine Posts vielleicht auch wieder etwas kohärenter als das hier.

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Südkorea: Die ersten Schritte

Der erste volle Tag der Studienwoche mit dem Studienprogramm Leadership and Global Perspectives des GFES hat begonnen und ich bin halbwegs ausgeschlafen. Es ist draußen in Seoul weiterhin sehr schwül, zum Glück etwas kühler als gestern (vielleicht ja auch nur am Morgen) und es regnet recht konstant weiter – mal mehr, mal weniger. Wir haben uns zu zweit erfolgreich mit der U-Bahn durchgeschlagen zum Campus des PCTS, und mit diesem Erfolgserlebnis im Rücken fühle ich mich schon etwas mehr „angekommen“ in dieser Zehn-Millionen-Metropole.

Die Leute hier sind freundlich und hilfsbereit, und wenn sich ein Deutscher und ein Amerikaner über einen Stadtplan beugen, bekommen sie schnell Hilfe angeboten. Viele Schilder haben englische Untertitel, manche Läden haben den Namen sogar nur in lateinischer Schrift angebracht. So zum Beispiel das Café, über dem ein paar von uns wohnen, für die im Luce Center for the Global Church kein Platz mehr war.

Die Grundidee dieser interkulturellen Studienwoche ist: Man muss erst mal weg von Zuhause, um den eigenen Kontext besser sehen und verstehen zu können. Wenn man bewusst eine Weile aussteigt und sich fremden Eindrücken aussetzt, dann erscheint manches, was bis dahin selbstverständlich und daher alternativlos schien, plötzlich in einem anderen Licht. Zu den Reisen kommt in diesem Studienprogramm die Nutzung sozialer Medien. Darum geht es jetzt gleich hier, während in Deutschland allmählich alle aus den Betten krabbeln.

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Sprechen Sie Papst?

Heute auf der Landesgartenschau, im GottesGarten der Religionen. Wenig Spektakuläres stand da, in einem Pavillon liegen Blumen zum Binden und vom Band ertönt eine Stimme. Noch bevor ich höre, was da geredet wird, weiß ich schon, dass es katholisch ist. Weil da dieser charakteristische Ratzinger-Singsang ist, den Josef Ratzinger gar nicht erfunden hat, sondern in dem zahllose katholische Bischöfe schon seit ich denken kann (und vermutlich länger) redeten.

Freilich haben auch Evangelische ihre Macken (ich bin sicher, ein listiger Kommentator wird sie unten alle aufzählen). Aber diesen völlig unnatürlichen Einheitstonfall gibt es bei uns einfach nicht. Faszinierend, wie hier die Institution prägend auf die Intonation durchschlägt! Wo wird das weitervermittelt? Im Gottesdienst? Im Priesterseminar?

Die brennendste Frage aber an diesem Tag: Ist Kardinal Marx wirklich katholisch? So wie der redet…?

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Adieu Alpha

Nach über 16 Jahren geht das Kapitel Alpha für mich am 31. Juli nun endgültig zu Ende. Die letzten drei Jahre lief es aus verschiedenen Gründen ohnehin eher auf Sparflamme: Engpässe bei den Ressourcen des Vereins, Sackgassen in unserem Schlüsselprojekt. Licht und Schatten wechselten sich also immer wieder ab. Nun freue ich mich auf Platz im Kalender für andere Aufgaben und alles, was an Begegnungen und Lernerfahrungen damit einhergeht. Im Augenblick wird das Erlanger Büro noch abgewickelt, und so ist es auch ein Moment des Rückblicks.

An einem Sonntag im März 1994 saßen Martina und ich bei Gumbels am Küchentisch. Zuvor hatten wir den Gottesdienst von HTB besucht und Nicky hatte uns mit seinem klapprigen Peugeot nach Clapham chauffiert. Ich stellte die naive Frage, ob er sich vorstellen könne, Alpha mal auf einer Gemeindefreizeit vorzustellen. Es wurde etwas größer: Im März 1996 kamen zu zwei Konferenzen binnen einer Woche fast 600 Leute, und danach fingen überall im Land Kurse an. Inzwischen gibt es schon Bischöfe mit Alpha-Erfahrung in Deutschland.

Irgendwie bliebt die Sache an mir kleben, wir gründeten einen kleinen Verein und richteten ein Büro ein, Alpha Deutschland war geboren aus einem Häuflein von Idealisten und Netzwerkern. Und die Sache wuchs munter vor sich hin, über die Grenzen von Konfessionen und unterschiedlichen Prägungen hinweg begegneten sich Christen, die gastfreundlich auf andere Menschen zugingen, um sie behutsam mit hineinzunehmen in das, was sie selbst mit Gott erlebten.

Ich fange mal mit dem Licht an. Drei Aspekte finde ich nach wie vor besonders faszinierend an Alpha:

  • Da ist erstens die schon erwähnte große Gastfreundschaft, die verhindert, dass dieser Glaubenskurs einen belehrend-informativen Volkshochschulcharakter bekommt. Stattdessen sitzen erst einmal alle um einen Tisch plaudern über alles mögliche und begegnen sich darin als Menschen. Die Verbindung, die dabei entsteht, hält auch die zum Teil erheblichen Differenzen in Glaubensfragen aus, die im Laufe des Kurses thematisiert werden. Und Gäste bleiben Gäste, daher bleibt der Umgang respektvoll, wenn es in die Diskussion geht. Wenn es ein „Geheimnis“ von Alpha gibt, eine Art pädagogischen Kniff, dann ist es diese Grundhaltung. Inzwischen haben viele andere Kurskonzepte dieses Element übernommen.
  • Zweitens die gelebte Ökumene: das ist offenbar einfacher mit den Vertretern unterschiedlicher Konfessionen, die sich nicht aufs dogmatische Rechthaben konzentrieren, sondern darauf, das Evangelium denen nahe zu bringen, die mit ihm noch nicht oder schon lange nicht mehr in Berührung gekommen sind. Bei den internationalen Treffen in London traf ich vom koptischen Bischof bis zum Pfingstler und vom Vineyardmenschen bis zur katholischen Ordensfrau die ganze Bandbreite der christlichen Kirchen und Gemeinschaften aus über 160 Ländern der Welt – alle fröhlich beieinander in der neugotischen Kirche bei Harrods um die Ecke zum Stehempfang, Kirchenpicknick, Erfahrungsaustausch und Gottesdienst. In Deutschland bildet sich das wunderbar ab in der Vielfalt der Alpha-BeraterInnen, die mit viel Herzblut dieses erstaunliche Netzwerk getragen und ausgebaut haben.
  • Drittens ist es zumindest in Ansätzen gelungen, hier verschiedene Strömungen in eine befruchtende Verbindung zu bringen: Die Tradition und gesellschaftliche Offenheit der anglikanischen Kirche, das Wochenende als Element des pfingstlich-charismatischen Christentums (global, auch wenn das in Deutschland manch einer gar nicht gern hört, die vitalste religiöse Bewegung überhaupt), die besonnene evangelikale Apologetik von C.S. Lewis und John Stott und, zumindest in Ansätzen, ein Herz für Arme, das zwar noch keine Sozialkritik á la Sojourners abwirft, aber immerhin etliche karitative Projekte und einen Beitrag zur Resozialisierung Strafentlassener.
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Ans Eingemachte

Es war auf dem Essener Bibeltag an Fronleichnam. Zwei Bibelarbeiten und ein Workshop lagen hinter mir, dazu etliche interessante Gespräche in den Pausen. Ich hatte viel geredet und da war sicher auch einiges dabei, das man kontrovers weiter diskutieren könnte. Während die einen schon mit dem Aufräumen begannen und die anderen noch dem Ausgang zustrebten, kam jemand mit besorgter Miene auf mich zu und es entspann sich das bis dahin intensivste Gespräch des Tages. Es ging theologisch ans Eingemachte:

„Kann man Christ sein und Fan des FC Bayern?“, lautete die ernste Frage, und die Antwort war im Tonfall meines Gegenübers auch schon mit gegeben. Der Moderator hatte mich zu Beginn als einen solchen geoutet. Unglücklicherweise, denn nun bekam ich, statt etwas Trost für die noch offenen Wunden der tragischen Finalniederlage, das gesamte Sündenregister des Vereins aus den letzten 30 Jahren präsentiert. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um ein paar markige Sprüche des jetzigen Präsidenten und die Tatsache, dass der Verein sein (redlich verdientes, nicht etwa geliehenes oder von Scheichs und Oligarchen zugeschossenes!) Geld nutzt, um gute Spieler zu verpflichten (die im Übrigen auch meist gern und freiwillig nach München gingen).

Es gibt exzellente Argumente gegen diese extrem selektive Wahrnehmung der zahlreichen Bayernhasser. Ich war am Schluss einfach zu müde, um sie alle aufzuzählen und es hätte auch nichts gebracht. Ich fand es nur bemerkenswert, was offenbar vom Tage übrig blieb. Immerhin lautet die Gretchenfrage nicht mehr: Darf ein Christ rauchen oder Bier trinken oder gar tanzen? Aber so schrecklich viel weiter sind wir nicht gekommen. Die Debatte, inwiefern man als Christ Investmentbanker sein kann oder bei Frontex arbeiten sollte, fände ich wesentlich gewinnbringender.

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Wohin mit alten Zeitschriften?

Über die Jahre habe ich einiges geschrieben für diese und jene Zeitschrift. Bei mir zuhause stapeln sich Pappschuber mit alten Ausgaben, auf denen sich Staub ablagert. Diese Woche habe ich überlegt, ob ich das alles eigentlich aufheben soll. Ich habe die alten Sachen jahrelang nicht in die Hand gekommen. Kommt eines Tages der Zeitpunkt, wo das wieder interessant wird, vielleicht sogar wichtig?

Mit fällt auf, dass ich selbst kaum noch Zeitschriften lese. Bücher ja, Blogs gern; Zeitschriftenartikel dagegen sind in der Regel kürzer und oberflächlicher als Bücher, aber länger und weniger aktuell als Blogposts. Die einzige Ausnahme ist National Geographic, und das liegt an den großartigen Bildern wie an den vielfältigen Themen.

Also Schluss mit dem Sammeln und weg mit dem Altpapier? Eigentlich könnte ich etwas mehr Platz im Arbeitszimmer gut brauchen.

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Erleichtert

Vor ein paar Wochen diskutierte ich mit einem Bekannten über unterschiedliche Konzepte von Leitung und verschiedene Führungsstile. Irgendwann fragte er mich, was ich denn tun würde, wenn ich von der Richtigkeit einer bestimmten Sache überzeugt wäre, sich in der Gemeinde aber Bedenken und Widerstand regten. Würde ich die Sache durchziehen oder nicht?

Einerseits kann man auf eine solche hypothetischen Frage nur schwer entworfen, weil viele Situationen ja viel komplexer sind, als er es gerade umrissen hatte. Freilich gibt es in einer größeren Gruppe immer mehr als eine Meinung, zu jedem beliebigen Thema. Und freilich wird mit faulen Kompromissen niemand glücklich. Dennoch fiel mir die Antwort auch wieder leicht: In einer Gemeinde kann man selbst gegen signifikante Minderheiten gar nichts einfach durchdrücken, wenn man sie nicht schwer beschädigen will.

Wenn es aber gelingt, dass wir einander zuhören, und wenn genug Vertrauen da ist, dann lassen sich viele Leute mitnehmen auf einen Weg, der ihnen vielleicht noch nicht ganz geheuer ist. Man einigt sich vielleicht auf ein Experiment und darauf, es gemeinsam auszuwerten, um dann weiter zu sehen. Vielleicht wartet man auch einfach noch eine Weile, bis alle sich entspannt haben, und nimmt das Gespräch dann wieder auf – und zwar ergebnisoffen. Vielleicht holt man einen Moderator hinzu oder schickt ein paar Scouts aus, die mal herumfragen, welche Erfahrungen andere mit einem bestimmten Konzept oder Projekt gemacht haben.

Aber wenn ich mich als Vater schon mit meinen Teenagern darüber einigen muss, wohin wir zusammen in den Urlaub fahren, wie viel mehr muss ich das als Verantwortlicher in einer Gemeinschaft mit Erwachsenen, wenn es darum geht, wie wir unsere Zeit, Kraft und Geld einsetzen.

Irgendwie schien mein Gegenüber nicht mit dieser Antwort gerechnet zu haben. Ich wiederum war froh, nicht in einer Organisation arbeiten zu müssen, die das nicht verstanden hat.

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Waldgedanken

Zehn wundersame Tage des Schweigens und der Meditation in Gries liegen hinter mir. Alles begann bei strahlendem Wetter, in dem sogar der Frankenwald, in dessen Sichtweite ich das erste Viertel meines Lebens verbrachte, nicht so düster wirkt wie sonst. Mit dem gut gefüllten Rucksack stieg ich in Steinberg aus dem Bus und legte die letzten zwei steilen Kilometer durch den Wald zu Fuß zurück.

Ein weißhaariger und -bärtiger Waldbesitzer, den ich ein paar Tage später bei einem Spaziergang traf, erzählte mir in seinem gemütlichen Dialekt, die karge Fichtenwüste sei früher ein großer Buchenwald gewesen, bis die Eisenbahn gebaut wurde und die Einheimischen mit Holz für den Gleisbau den großen Reibach machten. Heute rodet und pflanzt dort anscheinend jeder, wie es ihm gerade passt; konstant ist nur, dass immer irgendwo gesägt wird, eine holzwirtschaftliche Dauerbaustelle, die auf Jahrzehnte garantiert keinen Schönheitspreis bekommen wird.

Wenn abends das Sägen beendet ist, beginnt nach kurzer Pause das Schießen. Immer wieder fielen in den zehn Tagen Schüsse in der Nähe des Exerzitienhauses. Entlang der Äcker auf den Bergrücken stehen im Schnitt alle dreihundert Meter Schießstände, aus denen die Jäger alles, was sich bewegt, ins Visier nehmen können. Das toppt die einstige Wachtturmdichte an der nahe gelegenen innerdeutschen Grenze doch sehr deutlich (Spaziergängern wird in dieser Gegend markante Kleidung empfohlen).

Eines Morgens lag dann auch ein verendetes, vermutlich am Vortag angeschossenes Wildschwein mitten auf meiner Joggingstrecke, ein paar Tage später lag noch ein Kadaver in einer Rinne am Abhang und verströmte ein unangenehmes Aroma. Deutlich netter sind die lebenden Tiere, die man dort trifft – abends kommen Feldhasen heraus und sitzen am Wegrand, Rotwild und sogar ein Fuchs kreuzten meinen Weg; und wenn es nirgends sägt und rumpelt, hört man die unterschiedlichsten Vogelstimmen.

Ich war froh, nicht im November dort zu sein. So konnte ich die Blumenwiesen genießen und das kleine Paradies, das um das Exerzitienhaus herum entstanden ist, mit Lupinen und Laufentenküken, Kräutern und Kirschbäumen. Der Leiter der kleinen Hausgemeinschaft, Pater Anton Altnöder, hat Gartenbau studiert, bevor er dem Jesuitenorden beitrat. Und offenbar können in dieser Oase auch Menschen neu aufblühen.

Am ersten Tag geht mir der Begriff „Zeitverschwendung“ durch den Kopf. Wie kann man hier mit voller Absicht tagelang unproduktiv herumsitzen? Oder verhält es sich umgekehrt: Kann man Monate und Jahre verlieren mit Dingen, die einen nicht richtig ausfüllen, an denen man nicht reift und wächst, die mehr Enttäuschung hinterlassen als Zufriedenheit, nur weil man sich nie die Zeit genommen hat, sich den tieferen Fragen des Lebens zu stellen, bevor man loshetzt?

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Pausenzeichen

Von heute ab bin ich zehn Tage zu kontemplativen Exerzitien weg. Komplett offline in meiner persönlichen Wüste und der oberfränkischen Einöde.

Die linke Hirnhälfte bekommt eine Auszeit: Wahrnehmen statt analysieren, Anschluss finden statt Auseinandersetzung, loslassen statt festnageln. Ich freue mich drauf und zugleich habe ich großen Respekt vor der Stille. Beim letzten Mal waren es jedenfalls mehr positive als negative Überraschungen. Wie es wohl diesmal wird?

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Besonderes Jubiläum

Diese Woche habe ich von meiner Tante erfahren, dass heute ein ganz besonderer Tag ist:

Am 19. Mai 1212 wurde der Familienname Aschoff zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt (Osnabrücker Urkundenbuch, Zusammensetzung der Pfarrei St. Vit).

Seither haben sie sich über die ganze Welt verstreut. Irgendwie doch auch interessant, so eine Sippe. Ich muss mich doch mal in Osnabrück umschauen bei Gelegenheit.

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Geschäftemacher

Es war ein sehr kurzes Telefonat. Die Mitarbeiterin eines mir bis dahin unbekannten Finanzdienstleisters aus der Oberpfalz erklärte mir, wie viel Steuern ich bezahle, und dass ich bis zu 80% davon zurückbekommen würde mit der Hilfe ihrer Firma.

Denn – so fuhr sie fort – das Geld ginge sowieso nur in den Bundeshaushalt und von da nach Griechenland oder nach Leipzig und Dresden. An dieser Stelle war das Gespräch auch schon wieder vorbei, ehe sie Luft holen und „Sozialschmarotzer“ oder „Hartz IV“ sagen konnte.

Gier und Vorurteile als Geschäftsmodell. Nicht neu, aber immer wieder widerlich. Vor allem, wenn man kurz zuvor dieses Interview gelesen hat.

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Was man so singt

Die Melodie ist so eingängig, dass ich die Zeilen auch schon x mal gesungen hatte, bis ich ins Stolpern kam. Sie lauten „Taking my sin, my cross, my shame, rising again I bless your name“ und handelt von Jesus.

Sünde und Schmach – geschenkt. Aber das Kreuz? Ich verstehe schon, was da wohl gemeint sein soll. Trotzdem mutet es bei genauerem Nachdenken seltsam an, dass Jesus „mein Kreuz“ getragen haben soll. Jesus hat sein Kreuz getragen (Joh 19,17) und seine Nachfolger auch noch ganz ausdrücklich aufgefordert, ihr Kreuz auf sich zu nehmen (Lukas 14,27). Daher ist es für Paulus auch weder sein eigenes noch unseres, sondern das Kreuz Christi, von dem er redet. Wenn ich davon singe, Jesus habe mein Kreuz auf sich genommen, dann muss ich es ja vielleicht gar nicht mehr tun…?

Allerdings sind die Bezüge in den beiden Textzeilen ohnehin unklar. Es könnte nämlich auch das „ich“ das Subjekt sein, das da alles nimmt und dann gleich wieder aufersteht. Auch etwas unorthodox.

Aber die Melodie ist ein echter Ohrwurm.

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Alarmierende Beruhigung

Es gibt Situationen, wo Dementis genau der falsche Schritt sind und eher das Gegenteil dessen bewirken, was vordergründig gesagt wird. Vor allem ungefragte Dementis sorgen eher für Unruhe als sie zur Beruhigung beitragen. Etwa wenn ein Fußballclub am Tabellenende erklärt, der Vorstand stehe voll und ganz zum Trainer – dann ist das in der Regel Alarmstufe rot.

Neulich ging es mir so mit der Website einer christlichen Gemeinde. Dort stand unter anderem, dass die Gemeinde nicht der Besitz des Leitungsgremiums sei. Das ist natürlich richtig. Nur fragt sich der unbedarfte Leser, warum man das an dieser Stelle extra betonen musste. Ist doch selbst verständlich… – oder etwa nicht???

Solche Einsichten (mag sein, dass die in diesem Fall noch relativ jung war) im Blick auf Führungskonzepte gilt es natürlich zu beherzigen. Wo und wie man sie öffentlich kundtut, muss man sich aber auch gut überlegen.

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