Geschichte machen

Lesslie Newbigin bringt die Dinge immer wieder schön auf den Punkt, etwa wenn er geschichtslose – pietistische wie hinduistische – Herzensfrömmigkeit in Frage stellt:

Die Frage ist: Ist diese Beziehung zu Gott unabhängig von deiner Teilnahme am fortlaufenden Leben der Welt, deiner Familie, deines Volkes in der Völkergemeinschaft? Hast oder suchst du eine Beziehung zu Gott, in der du all diesen Beteiligungen den Rücken kehren kannst? Oder ist deine Beziehung zu Gott notwendigerweise verknüpft damit, dass du die Rolle annimmst, die Gott dir in seinen Absichten für diese Welt zugedacht hat? Wenn letzteres der Fall ist, dann ist deine Beziehung zu Gott nicht zu trennen von den Akten, in denen Gott sich offenbart und durch die er seine Absicht mit dieser Welt wirksam werden ließ. Dein Leben der Hingabe an Gott wird sich darin ausdrücken, dass du an der Geschichte mitwirkst, deren Teil du bist. Du wirst dein Leben als Teil einer Geschichte verstehen, die du dir nicht ausgedacht hast.

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Die Übermenschen kommen…

Betetst Du noch oder proklamierst Du schon? Manche Formen des Christentums erinnern mit Vorstellungen wie “Bewusstseinszeitalter” mehr an Scientology als an das Neue Testament, selbst wenn (anders als bei Scientology) ständig Bibelverse zitiert werden. Aber das hatten wir ja schon bei Bernardo Provenzano, dass das nicht viel bedeuten muss.

“Übernatürlich” und “übermenschlich” (wo bitte steht das in der Bibel?) sich von Sieg zu Sieg schwingen – wer’s braucht…

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Zu faul für Kinder?

Die Rheinische Post bringt eine Vorschau auf den Familienbericht der Bundesregierung. Demnach geht die Diskussion über finanzielle Anreize oder die Problematik von Kind und/oder Karriere zum Teil am Problem vorbei. Denn die im Vergleich seltener berufstätigen Mütter bei uns verbringen deswegen nicht mehr Zeit mit ihren Kindern (Schnitt: 2,18 Stunden/Tag), sondern mit Freizeitaktivitäten. Mehr Kinder würden beim Reisen, Cocktail Schlürfen oder den Wellness-Angeboten stören. Die Männer stört’s übrigens noch mehr! Daher liegt schon der Kinderwunsch in Deutschland weit unter dem unserer Nachbarländer:

Galt lange Zeit die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf als wichtiger Grund, warum die Menschen ihre Kinderwünsche nicht realisieren, sehen die Experten nun mit Sorge, dass auch der Wunsch nach Kindern sinkt.

Das Thema beschäftigt mich jetzt seit fast einem Jahr. Irgendwie geht es dabei nämlich um die Grundwerte, nach denen diese Gesellschaft funktioniert – oder eben nicht mehr richtig funktioniert. Da müssen wir uns intensiv Gedanken machen.

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Das Leben als Ganzes

Etty Hillesum ist nicht gerade kompatibel zur leidensscheuen Spaßgesellschaft. Im Juli 1942 schreibt sie folgende Sätze in ihr Tagebuch, die mich in meinen Gedanken zum “Kleingedruckten” berühren:

In letzter Zeit kommt es immer häufiger bei mir vor, dass ich bis in meine kleinsten täglichen Verrichtungen und Empfindungen einen Anflug von Ewigkeit verspüre. Ich bin nicht die einzige, die müde oder krank oder traurig oder ängstlich ist, sondern ich teile das Los von Millionen anderer Menschen aus vielen Jahrhunderten. All das ist ein Teil des Lebens und trotzdem ist das Leben schön und sinnvoll noch in seiner Sinnlosigkeit, wenn man nur allen Dingen einen Platz im Leben einräumt und das ganze Leben als Einheit in sich aufnimmt, so dass es dennoch zu einem geschlossenen Ganzen wird. Und sobald man Teile davon ausschließt und ablehnt, sobald man eigenmächtig und willkürlich dies eine vom Leben annimmt, jenes andere aber nicht, ja, dann wird es in der Tat sinnlos, weil es nun kein Ganzes mehr ist und alles willkürlich wird.

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Das Kleingedruckte

Momentan kommt mir mein Leben so vor, als würde ich das “Kleingedruckte” lesen – den trockenen und manchmal auch beunruhigenden Teil, wo die Dinge erörtert werden, die sich eigentlich niemand wünscht, über die man aber doch irgendwann mal reden muss, weil man sie nicht ausschließen kann und sie halt doch dazu gehören.

Folglich überlesen wir das gerne hastig, wenn wir bei Gott “unterschreiben” und freuen uns auf ein einfacheres Leben mit ihm als Garanten von Glück und Sicherheit. Ähnlich wie wir bei Internet-Einkäufen auch die Seite mit den AGB’s – wenn überhaupt – nur überfliegen. Irgendwann tauchen dann erste Fragen auf…

Werde ich am Ende, in besserer Kenntnis der Pflichten und möglichen Komplikationen, wieder ein uneingeschränktes “Ja” zu dem Ort, an den Gott mich stellt, und vor allem zu den konkreten Menschen, zu denen er mich stellt, haben? Ich merke, dass es auf jeden Fall ein Ringen und ein Stück Arbeit ist. Aber das muss kein Schaden sein.

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Noch eine Woche zum Innovationsforum

Unser Wochenende mit Alan Hirsch und Gerard Kelly und vielen interessanten Leuten aus dem In- und Ausland rückt näher und es ist noch Platz für Zauderer und Kurzentschlossene. Vielleicht kann Gerard etwas Spoken Worship mitbringen, wir kriegen das schon irgendwie übersetzt.

Es wird übersichtlich genug sein, um viel Raum zur Diskussion zu bieten. Auch eine tageweise Teilnahme wird möglich sein. Hier findet Ihr einen aktuellen Überblick über die inhaltlichen Schwerpunkte. Zur Information und wenn gewünscht Anmeldung geht es hier.

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Wie eine Firma?

Ein Freund sagte jüngst über eine Gemeinde, die relativ schnell sehr groß geworden war, dass er selbst und viele andere nach einer gewissen Zeit ausgestiegen waren, weil sie merkten, dass es im Grunde eine “Firma” geworden war. Ob das nun größenabhängig ist, ist vielleicht zweitrangig. Ihm ging es darum, dass der einzelne Mensch aus dem Blick geraten war und nur die Leistung und der messbare Erfolg zählte. Leute schienen austauschbar.
„Wie eine Firma?“ weiterlesen

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Wie ein Virus…

Die SZ stellt fest, dass unsere Wirtschaft beginnt, ganz anders zu ticken. Das Ende der großen Marken und Superstars hat begonnen. Sehnsucht und Leidenschaft zählt, aber viele haben es noch nicht verstanden. Ein Konzern muss sich “wie ein Virus immer wieder verändern und neu inkarnieren” – interessante Wortwahl, oder? Die Begründung sieht so aus:

Weil aber auch noch neue Technologien Kultur und Marktgeschehen verändern, führt das zu einem System der immerwährenden Beschleunigung, in dem es keine gemeinsamen Nenner und deswegen auch keine Marken, Stars und verlässlichen Leitmotive geben kann. (…) Deswegen muss sich nicht nur die Wirtschaft von traditionellen Parametern verabschieden, sondern auch die Gesellschaft damit abfinden, dass es bald keine kulturellen Selbstverständlichkeiten mehr geben wird.

Pop wird von Leidenschaften und Sehnsüchten gesteuert, die sich keinen historischen Kontinuitäten und gesellschaftlichen Normen unterordnen. In einem Wirtschaftssystem, in dem Angebot und Nachfrage durch Leidenschaft und Sehnsucht ersetzt wurden, werden Produzenten künftig gezwungen sein, eine Vision zu entwickeln, die kulturelle Relevanz vor kaufmännisches Denken stellt.

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Schoko-Hunger

Zu Ostern platzt die Deutsche Welle mit einer Hiobsbotschaft in die festlich gestimmten Haushalte: In China ist der Appetit auf Schokolade erwacht. Es bleibt im Dunkel, welcher Unglücksrabe die Büchse der Pandora geöffnet hat, aber der Höhenflug beim Spritpreis war nur ein müdes Vorgeplänkel für die drohende Schokoladenverknappung, wenn das Milliardenvolk nun auf den Geschmack kommt.

Schokoverzicht wird in Zukunft kein heroisches Vorhaben für ein paar Wochen Fastenzeit mehr sein, sondern harter Alltag für Normalverdiener. Die FDP wird als Schokopartei Punkte sammeln, auch wenn sie nicht von Gelb auf Braun umsatteln dürfte. Stopfen wir uns also lieber noch einmal voll, Weihnachten könnte es schon anders aussehen.

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Schön gesagt

Ich trage eine kleine Melodie in mir herum, die manchmal danach verlangt, dass ich sie in meine eigenen Worte kleide. Aber Hemmungen, Mangel an Selbstvertrauen, Faulheit und ich weiß nicht was noch alles hindern mich daran, und so bleibt sie in mir stecken und spukt in mir herum. Manchmal höhlt sie mich inwendig aus. Und dann wiederum erfüllt sie mich mit ganz leiser, wehmütiger Musik.


Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941 – 1943

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Annehmen und Verändern

Ich denke aufgrund verschiedener Anlässe in dieser Woche darüber nach, was wirklich gute Beziehungen ausmacht. Einerseits haben sie damit zu tun, dass einer den anderen so nimmt, wie er ist, und ihn nicht verändern will. Wenn ich spüre, dass jemand an mir herumdoktern will (damit es ihm besser geht), werde ich ganz plötzlich ziemlich pelzig, genauer gesagt: Ich mache einfach dicht.

Andererseits haben mich gerade die Beziehungen am meisten verändert, wo ich diese Offenheit und Annahme gespürt habe. Plötzlich hatte ich die Freiheit, mir selbst mal zu überlegen, wer ich eigentlich sein möchte und wie ich dahin gelange. Und die Freiheit, darüber zu sprechen, tastend, ins Unreine, bis ich noch genauer sagen kann, was ich wirklich will. Ohne die Angst, der andere zieht sich zurück, wenn das Ergebnis am Ende nicht seinen Vorstellungen entspricht. Aber er freut sich, wenn ich mich verändern will, und unterstützt mich dabei. Mehr noch: Er sieht das Gute in mir, auch wenn ich es selbst schon nicht mehr sehe.

Dann kehrt sich diese Dynamik natürlich auch um: Ich frage, wie ich mich verändern kann, damit ich dem anderen noch mehr gerecht werde und damit unsere Beziehung wächst und sich vertieft. weil ich genau weiß, wie viel sie mir bedeutet.

Merkwürdig, wie wir einander blockieren können mit unserem Frust und unserer fordernden Haltung.

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Berufungs-Blues: Brennende Herzen

Seit einer Weile verfolgt mich Jeremia 20, wo Jeremia sich beschwert, dass Gott sein Leben ruiniert hat und er trotz allem nicht von ihm loskommt. Ich finde das eine der leidenschaftlichsten und anrührendsten Passagen in der ganzen Bibel. Berufungen sind doch auch etwas – ich bin versucht zu sagen: höllisch – Gefährliches.

Natürlich bin ich meilenweit entfernt von der dramatischen Situation damals, doch manchmal kann ich es wenigstens ansatzweise nachempfinden. Wie nett wäre es, ab und zu einfach passiv und teilnahmslos im Strom zu schwimmen, weniger Konflikte und Auseinandersetzungen zu erleben und ein bißchen mehr gemocht zu werden (nicht geliebt, dazu wäre der Weg zu farb- und harmlos, aber eben gemocht).

Etwas weniger einsam in manchen Momenten, weil ich mit weniger zufrieden sein könnte: Weniger beunruhigende Fragen und Zweifel, weniger Wunsch nach Veränderung, weniger gewagte Träume, weniger Ungeduld mit dem Status quo, weniger Verletzlichkeit. Das Leben könnte einfacher sein. Es geht aber nicht! In einem Song von REM heißt es ganz passend:

I told you I wanted to be wrong
but everyone is humming a song
that I don’t understand.

Vielleicht sollten wir unsere christlichen Berufungsseminare alle noch einmal umschreiben und überdenken. Jeremia 1 kommt oft vor, Kapitel 20 dagegen eher im Kleingedruckten. Dabei wollen wir doch gern Leute mit brennenden Herzen sein:

Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so war es mir, als brenne in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinem Innern.

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