Full House

Es ist so weit, wir sind als Familie wieder komplett. Gestern Abend haben wir Deborah in München vom Flieger abgeholt. Sie spricht nun fließend Cumbrian und ist darauf auch ungefähr so stolz wie Martina einst auf ihren dicken irischen Einschlag. Über Oxford-English rümpft sie nur die Nase.

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Jetzt packt sie ihren Koffer aus und versucht, hier auch innerlich wieder zu landen – aber nicht zu sehr, schließlich hat sich durch drei Monate Ausland viel verändert. Wir sind jedenfalls froh, sie wieder zu haben – auch wenn uns bewusst geworden ist, dass auch das eine befristete Sache ist. Heute ist nebenbei unser 18. Hochzeitstag. Alles ist voller Erinnerungen, Träume und Hoffnungen bei solch einem mehrfachen Anlass. Und voll Dankbarkeit.

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Welcher Wein zu Ostern?

Die Nachricht passt in die beginnende Karwoche: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat einen Deal mit Jacques‘ Wein Depot abgeschlossen. Künftig wird die Kette den Abendmahlswein für die lutherischen Gemeinden in Bayern liefern (Preise sind nicht bekannt, sollen aber sehr günstig sein). Im Gegenzug dazu sind die Gemeinden angehalten, in den Abkündigungen oder im Gemeindebrief bekannt zu geben, welchen Wein man zum Abendmahl reicht, am Karfreitag etwa einen 2005er Cabernet Sauvignon aus dem chilenischen Colchagua Valley.

Kritik kam indessen vom fränkischen Winzerverband. Dessen Vorsitzender Karl F. von Löwenstein sprach sich für den regionalen Einkauf von Wein aus. Unterstützung kam vom Bund Naturschutz, der bezweifelte, dass die Weine aus dem Sortiment von Jacques den ökologischen Standards genügen, auf die die Kirche bisher immer großen Wert gelegt hatte. Das Landeskirchenamt äußerte in einer Pressemitteilung Verständnis für die Sorgen, verwies aber auf die strengen Auswahlkriterien, die man mit Jaques‘ vereinbart habe, und die erheblichen Einsparungen, die diese Zusammenarbeit ermögliche. Zudem seien die Weine aus unterschiedlichen Ländern und Regionen auch ein Ausdruck der Universalität des christlichen Glaubens.

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Bei der Northumbria Community (1): Einfach Leben

Ein Klopfen unterbricht das gesammelte Schweigen zwischen den liturgischen Blöcken des Mittagsgebets. Es ist laut und vor allem schnell wie ein Trommelfeuer. Ein Schmunzeln macht sich breit und die geschlossenen Augen der Anwesenden blicken amüsiert auf – aber nicht zur Tür, sondern nach oben zum Dach. Dort hat sich nämlich ganz offenbar der Specht, den wir tags zuvor noch im Garten gehört hatten, unserem Gotteslob angeschlossen und hämmert fröhlich vor sich hin. Die kleine Kapelle aus ein paar Balken und ungehobelten Brettern gibt einen großartigen Resonanzkörper ab.

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Kein ganz untypisches Erlebnis in Nether Springs, dem Zentrum der Northumbria Community, die sich seit gut dreißig Jahren dem Erbe des keltischen Christentums verpflichtet weiß. Also hat man eine ausgesprochen schlichte Kapelle gebaut, die im Winter kalt und zugig ist, aber dafür hört man die Vögel und den Wind beim Beten durch. Im Garten stehen zwei weitere kleine Hütten – eine aus Feldsteinen mit einem Strohdach, eine andere aus Holz. Dorthin kann man sich zurückziehen zu Gebet und Meditation, oder aber sich auf den Weg durch die einsame Weite der Hügel von Northumberland machen, wo man auf der Straße außer Schulbus und Postauto auch meistens die Stille genießt.

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Auch mal Vorbild sein

Axel Hacke hat in seiner unnachahmlichen Art beschrieben, wie es ist, wenn man im Vergleich gegen andere Männer schlecht abschneidet und vorgehalten bekommt, was dieser oder jener seiner Frau zuliebe so alles tut.

Letzte Woche ist mir das (zum ersten Mal seit langer, langer Zeit) auch mal anders herum passiert: Ich erzählte Freunden, dass ich Martina vorletztes Jahr einen Tanzkurs zu Weihnachten geschenkt habe. Und ein Jahr später (das hätte ich auch nicht gedacht) sind wir für den Gold-Kurs angemeldet. Steile Karriere vom Tanzmuffel zum Medaillisten also. Sie (die Frau meines Freundes) war begeistert von der Story – und den Rest muss man sich vielleicht so vorstellen wie bei Axel Hacke:

Und ich sah Interesse in den Augen Annas und in denen ihres Mannes erblickte ich etwas wie, nun ja, war es Angst? War es Hass? Jedenfalls wusste ich: In diesem Moment war ich Anderemänner für ihn und würde es noch eine Weile bleiben, und, wie soll ich sagen: Es war ganz schön, Freunde, es war ganz okay.

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Vollmacht

Am letzten Morgen in Nether Springs bin ich vor dem Frühstück die 4 km hinüber zu Cuthbert’s Cave gejoggt – zum Abschied sozusagen. Auf dem Rückweg musste ich eine Farm durchqueren und sah vor mir einen großen Schäferhund mitten auf dem Weg. Weit und breit kein Herrchen, das mir – wie in heimischen Gefilden – milde lächelnd versichert hätte “Der macht doch nix”.

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Aber offenbar hatte ich von dem Ort, den der Sarg des Heiligen auf dem Weg von Lindisfarne nach Durham passiert hatte, eine Ladung Autorität abbekommen. Der Hund jedenfalls drehte sich sofort um, als er mich kommen sah, und lief ins Haus. Sah er alt und müde aus, als er davon trottete? Nein, nein – es war ganz bestimmt meine tiefe Ausstrahlung…

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Weitblick

Ein Horizont begrenzt nur das, was sich dem Auge unmittelbar erschließt. Wir wissen alle aus Erfahrung, dass man nach einer gewissen Wegstrecke oder aus einer neuen Perspektive darüber hinaus blicken kann. Was früheren Generation vielleicht als der Rand der Welt erschien, das begreifen wir nun als die Grenze dessen, was wir verstehen.

Mike Riddell, Sacred Journey. Spiritual Wisdom for Times of Transition, S. 18f

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Pilgerreise

Spät abends bin ich gestern von meiner Pilgerreise zurückgekehrt. Am Montag morgen hatte ich sie in Durham begonnen, mit einem Gebet am Grab von St. Cuthbert. Montag bis Donnerstag war ich zu Gast bei der Northumbria Community in Hetton Hall.

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Das Haus liegt nur ein paar Kilometer landeinwärts von Holy Island, wo das Kloster Lindisfarne lag, dessen Abt Cuthbert lange Jahre war. Auf dem Weg zum Rückflug von Glasgow (fast wäre ich im Berufsverkehr stecken geblieben…) bin ich am Tweed entlang schließlich noch in Melrose vorbei gekommen, wo Cuthbert ins Kloster eingetreten war. Es gibt einen Pilgerweg von Melrose nach Lindisfarne, den man zu Fuß in ein paar Tagen laufen kann.

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Englisch zum Abgewöhnen: “To be honest with you…”

Meine Freunde Steve und Ann haben mich heute auf einen Wohnungsbesichtigungsmarathon (muss so lang sein, das Wort) mitgenommen. Nach acht Stationen habe ich mich am Ealing Broadway in die Coffee Rebublic (das darf es offenbar in einer Monarchie dann doch geben) abgeseilt.

Während bei den beiden sicher die Köpfe rauchen, geht mir noch nach, dass der erste Makler seine Kommentare ständig mit “to be honest with you” eingeleitet hat. Vielleicht ist das ja ein berufsspezifischer Textbaustein oder eine nichtssagende, blöde Angewohnheit. Trotzdem macht mich das immer misstrauisch. Sagt er auch dann noch die Wahrheit, wenn er es nicht ausdrücklich dazu sagt?

Ein Glück, dass wir im Deutschen keine solchen Redewendungen kennen…

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Viel zu sehen

Im Flieger habe ich den letzten Teil von Richard Sennets mehrfach erwähntem Buch zu Ende gelesen. Es hat mich wieder sehr nachdenklich gemacht und wird noch ein paar Posts abwerfen. Erst einmal aber muss ich die Fragen für mich selber durchdenken – ich habe mich allzu oft ertappt gefühlt von seinen Einsichten über unseren allgegenwärtigen Narzissmus.

Die Gespräche mit Freunden sind angenehm und inspirierend (manchmal etwas zu kurz) und lassen das eher trübe Wetter vergessen. Heute morgen kam für ein paar Stunden die Sonne heraus, aber ich hatte es eilig. Als ich dann auf dem Rückweg Zeit hatte und die Kamera auspacken wollte, nieselte es wieder. Mist aber auch…

Am Abend dann startete Amazing Grace hier im Kino.

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Hops über den Kanal

Die nächsten Tage wird es hier wohl etwas ruhiger, spätestens ab Montag. Da bin ich für vier Tage bei der Northumbria Community zu einer “private retreat”. Da bleibt das Notebook zu und das Handy aus. Es ist übrigens schon mein zweiter Anlauf, die Gemeinschaft kennen zu lernen. Der erste scheiterte vor ein paar Jahren in einem Blizzard.

Zuvor werde ich ein paar alte und neue Freunde besuchen (Jason Clark, die Cliffords und Roger Ellis) und dann auf dem Weg in den Norden Deborah im Lake District für einen Tag sehen. Donnerstag abend geht es via Glasgow dann zurück. Bin schon gespannt…

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Die Zukunft der emerging church

Phyllis Tickle (vielleicht das weibliche Pendant zu Richard Foster) hat sich interessante Gedanken zu der Frage gemacht, wohin die emerging church unterwegs ist. Vielleicht etwas holzschnittartig und vielleicht auch sehr aus der US-Perspektive betrachtet, aber trotzdem interessant:

Der eine ist, dass die postkonfessionelle und damit auch postprotestantische Ära anbricht. Der Protestantismus hat die Führungsrolle von der katholischen Kirche, diese hatte sie wiederum von der Ostkirche übernommen. Eine kirchengeschichtliche Verschiebung nach Westen bzw. Norden, die nun am Ende angekommen ist bzw. vor einer neuen Verzweigung steht.

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In den USA sieht Tickle vier “Quadranten” der Christenheit:

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Blindes Vertrauen

Den Programmierern von Akismet sei Dank. Es fängt die ständig anschwellende Flut von Spam zuverlässig ab. Inzwischen sind es bis zu 1.000 Spam-Kommentare am Tag, die hier reinkommen.

Ich hoffe, dass echte Kommentare dabei nicht auf der Strecke bleiben (wenn doch, bitte melden!), aber ich kann die endlose Spam-Liste gar nicht mehr im Detail durchsehen. Manchmal erscheinen während des Löschens schon wieder neue. Ich vertraue also blind auf das digitale Helferlein – was bleibt mir auch anderes übrig? 🙁

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Sennett (5): Der kurze Weg zum Brudermord

Ein Glück, dass es das in christlichen Gemeinden ü-ber-haupt nicht gibt, was Richard Sennett über ein Gemeinschaftsleben schreibt, das sich gegen Fremde abschottet, nach innen aber unter dem Widerspruch leidet, dass man sich einerseits vor einander durch emotionale Offenheit offenbart und andererseits auf einander achtet und eine gewisse (das ist gar nicht negativ gemeint) soziale Kontrolle herrscht. Aus einem Ort der vermeintlichen Brüderlichkeit wird ein Ort des Brudermords:

Brüder gehen auf einander los. Sie offenbaren sich voreinander, sie entwickeln aufgrund dieser Selbstenthüllungen gegenseitige Erwartungen, und sie stellen fest, dass der andere Mängel hat. Mit dieser Haltung treten sie auch der Außenwelt gegenüber. Wir sind eine Gemeinschaft; wir sind wirklich; die Außenwelt reagiert nicht auf das, was wir als Gemeinschaft sind; der Fehler muss bei ihr liegen, sie verfehlt uns; deshalb wollen wir mit ihr nichts zu tun haben. Beide Prozesse folgen dem gleichen Rhythmus von Enthüllung, Enttäuschung und Isolation.

(Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, S. 379)

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Reichlich verhoxrt

Matthias Horx gibt in einem Essay für die Welt Entwarnung: Die Klimakatastrophe wird gar keine. Schließlich sei der Mensch adaptionsfähig. Die Gattung wohlgemerkt, nicht das einzelne Exemplar. Von denen dürften einige auf der Strecke bleiben, aber das kümmert den Meister aller Trends nicht.

Die Megatrends nämlich sprechen in Horx‘ Sicht der Dinge eine andere Sprache – und zeigen anschaulich, was geschieht, wenn Evolution von wissenschaftlicher Hypothese zur ideologischen Weltanschauung mutiert: Der Mensch ist ein “Terraformer”, wie schon die Dinosaurier, und gehört zu dem Prozess der evolutionären Veränderung der Erde, der kein gut und böse kennt, nur die Notwendigkeit des Fortschritts. Dass sich der Mensch in diesem Prozess des Terraformens (wie die Dinos?) sein Grab schaufeln könnte, dass millionenhaftes menschliches Elend droht und einige andere Spezies auch auf der Strecke bleiben – scheinbar alles Peanuts.

Menschen können, sagt der “Optimist” Horx, den Wandel gestalten. Wir sehen allenthalben, wie gut das funktioniert. Für Horx scheint Gestaltung wie für George W. Bush zu bedeuten, im Zweifelsfall erst mal alles laufen zu lassen. Sonst hätte er diesen Essay kaum so geschrieben (gut, vielleicht fürchtet er auch, die Krisenstimmung könnte seinem neuen Buch schaden). Die Schäden für Deutschland werden aktuell auf 800 Milliarden Euro geschätzt, und darunter werden die Armen überall auf der Welt viel mehr leiden als gut situierte Erfolgsautoren. Ich jedenfalls finde diesen Optimismus zynisch, weil er die Reichen bevorzugt.

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Sennett (4): gesellschaftlicher Voyeurismus

Die Suche nach Intimität und der Rückzug ins Private haben mit einer ganz anderen Wahrnehmung des Fremden in unserer Kultur zu tun. In anderen Regionen der Welt werden Fremde auch heute noch neugierig beäugt und angesprochen, bei uns werden sie, vor allem in den Metropolen, wie Luft behandelt:

…um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in (…) westlichen Hauptstädten ein Verhaltensmuster, das sich von allem unterschied, was man hundert Jahre zuvor (…) gekannt hatte oder heutzutage im größten Teil der nichtwestlichen Welt kennt: Die Vorstellung, dass Fremde kein Recht hätten, miteinander zu sprechen, dass jedermann das öffentliche Recht auf einen unsichtbaren Schutzschirm besitze, das Recht, in Ruhe gelassen zu werden. Das öffentliche Leben wurde zu einer Sache des Beobachtens, der passiven Teilnahme, zu einer Art von Voyeurismus.

Die Ursachen dieser Haltung (Sennett stellt sie ausführlich dar, ich kann das hier leider nicht) kann man beschreibend nachvollziehen. Fremde sind zu Unberührbaren geworden. Wenn mich ein Fremder anspricht, habe ich (nicht ganz zu Unrecht) die Sorge, dass er mir entweder etwas verkaufen will oder ein – vorsichtig gesagt – leicht exzentrischer Typ ist.

Wenn wir nun ein Ideal christlicher Gemeinschaft haben, das auf Intimität fußt, dann führt das fast zwangsläufig dazu, dass Gemeinden Fremde offen oder unterschwellig abweisen. Und zwar mit der folgenden Logik:

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