Ferienlektüre

Zwei vergebliche Anläufe hatte ich unternommen und die betreffenden Bücher nach 30 bzw. 50 Seiten frustriert weggelegt. Nun habe ich einen Roman gefunden, der sich verheißungsvoll anlässt und einfach gut geschrieben ist. Nun muss nur noch der Baulärm nebenan nachlassen, dann steht dem Genuss nichts mehr im Wege…

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EC und Gemeindewachstum

David Fitch hat eine feine und sehr ehrliche Antwort verfasst auf die immer wieder anzutreffende Unterstellung, missionale (ich bleibe bei dem Wort…) und emergente Gemeinden/Gemeinschaften würden niemanden zum Glauben helfen. Lesen!

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Kleine Motivationshelfer

Nach ein paar Wochen mit Erkältung habe ich wieder angefangen zu laufen, und weil ich diese Woche frei habe, drehe ich täglich meine Runden. Der Wald hatte sich in der Zwischenzeit in sattes, frisches Grün gehüllt – Balsam für das Gemüt.

Und wenn ich noch etwas schlapp (jeden Tag 2 km mehr) durch die Gegend tappe, dann hält er tausende kleiner Motivationshelfer bereit, die verhindern, dass ich stehen bleibe: In den Pfützen und Tümpeln, die der nasse April überall hinterlassen hat, brüten die Stechmücken. Und entsprechend hungrig stürzen sich die kleinen Blutsauger dann auf jeden, der vorbei kommt.

Also heißt es: Durchhalten und Weiterlaufen!

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Lieber leicht gerötet als satt gebräunt…

Während die US-Evangelikalen gerade versuchen, sich von der Religious Right und den Neocons zu distanzieren, zeigt die Zeit, dass es auch hier für Christen nichts Dümmeres geben könnte, als (wieder mal…) mit einem Konservativismus zu liebäugeln, der sich nach rechts nicht konsequent abgrenzen will und kann. Der ideologische Erzfeind lauert nämlich nicht, wie so oft vermutet, links von der Mitte:

Wenn nicht alles täuscht, dann steckt im – fast durchgängigen – Hass auf den Monotheismus der Schlüssel zum Verständnis des rechtsradikalen Weltbildes. Jesus Christus, schreibt der auch hierzulande gern zitierte Chefdenker der »Nouvelle Droite«, Alain de Benoist, sei der erste Bolschewist der Geschichte gewesen. Bis heute knüppele sein Fußvolk – Kommunisten, Linke, Liberale, Aufklärer – mit der Moralkeule alles Starke und Mächtige nieder und lasse die Welt in Gleichheit erstarren.

Der Artikel beschreibt ausführlich die biologistische Logik, auf der die Polemik gegen Juden und Christen fußt – eine Art Dawkins meets Odin. Bizarr auch, wenn die Rechten eine „Verweiblichung politischer Eliten“ beklagen, und Mannsein als die Fähigkeit zu Hass und Grausamkeit definieren. Wo Christen auch nur ansatzweise in diese Richtung tendieren – und das beginnt schon beim Vokabular – da wird es brenzlig.

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Was bedeutet „evangelikal sein“? (3. Selbstkritik)

Bislang hat man schon sehr zwischen den theologisch nicht besonders aufregenden Zeilen lesen zu müssen, um zu sehen, worauf die Autoren des Manifesto (darunter Dalles Willard und Miroslav Volf) eigentlich hinaus wollen. Im nächsten Abschnitt lassen sie nun die Katze aus dem Sack, es geht um die Änderung des eigenen Verhaltens – mit erheblichen theologischen Implikationen, um das gleich vorweg zu nehmen:

Es beginnt mit einem kleinen Paukenschlag: Die evangelikale Bewegung muss sich reformieren und erneuern. Sie ist unglaubwürdig geworden:

But if the Evangelical impulse is a radical, reforming, and innovative force, we acknowledge with sorrow a momentous irony today. We who time and again have stood for the renewal of tired forms, for the revival of dead churches, for the warming of cold hearts, for the reformation of corrupt practices and heretical beliefs, and for the reform of gross injustices in society, are ourselves in dire need of reformation and renewal today. Reformers, we ourselves need to be reformed. Protestants, we are the ones against whom protest must be made.

Es folgt eine Aufzählung evangelikaler Untugenden: „Theologische“ Rechtgläubigkeit, der zum Gemeindewachstum aber fast jedes Mittel Recht ist, Verurteilungen und Spaltungen, selbstgerechte Urteile über andere, synkretistische Kompromisse mit Materialismus, Individualismus und Konsumkultur, eine Verengung des Evangeliums durch Vernachlässigung biblischer Themen wie der Schöpfung, Bildungsfeindlichkeit, ein Mangel an Sensibilität gegenüber rassistischer Ausgrenzung und sozialer Kälte.

Der Ruf zur Umkehr wirkt sich auch auf die Einstellung zur Politik aus:

We call for an expansion of our concern beyond single-issue politics, such as abortion and marriage, and a fuller recognition of the comprehensive causes and concerns of the Gospel, and of all the human issues that must be engaged in public life. Although we cannot back away from our biblically rooted commitment to the sanctity of every human life, including those unborn, nor can we deny the holiness of marriage as instituted by God between one man and one woman, we must follow the model of Jesus, the Prince of Peace, engaging the global giants of conflict, racism, corruption, poverty, pandemic diseases, illiteracy, ignorance, and spiritual emptiness, by promoting reconciliation, encouraging ethical servant leadership, assisting the poor, caring for the sick, and educating the next generation.

Nach dem Fundamentalismus wird hier nun auch die Agenda der religiösen Rechten verworfen. Wie die Neupositionierung in der Öffentlichkeit konkret aussehen könnte, das beschreibt dann der dritte Abschnitt.

(Fortsetzung folgt)

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Den Tod vor Augen

… hatten wir heute beim Spaziergang am Dechsendorfer Weiher. Nicht unseren Tod, aber den von ein paar tausend Fischen.

Während am einen Ende ein paar Verwegene tatsächlich badeten, bot sich am gegenüber liegenden Ufer dieses deprimierende Bild. Vom Geruch (der in den kommenden Tagen noch schlimmer werden dürfte) schreibe ich hier lieber nichts.

So etwas passiert nicht zum ersten Mal. Schwer zu verstehen, dass das niemand in den Griff bekommt…

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Was bedeutet „evangelikal sein“? (2)

Das Manifest zählt nun „defining features“ auf:

  1. Die Glaubenshaltung der Hingabe ist so wichtig wie die Glaubensinhalte
  2. Glaube drückt sich in Gottesdienst und Handeln genauso aus wie im (theologischen) Bekenntnis
  3. Die evangelikale Bewegung ist nicht auf definierbare Bewegungen begrenzt, sie ist nicht hierarchisch, vielfältig und anpassungsfähig – kulturell wie konfessionell
  4. Weil evangelikales Christsein nicht an eine Kultur gebunden ist, kann es auch nicht kulturell (etwa im Gegensatz von konservativ und progressiv), sondern es muss theologisch definiert werden
  5. Es definiert sich nicht aus der Abgrenzung heraus, sondern von Gottes Ja zu menschlichem Leben mit seinen Hoffnungen (und nur deshalb einem Nein zu allem, was Gottes Ebenbild in Menschen zerstört).
  6. Daher existiert evangelikales Christsein in einem doppelten Gegensatz: Zur Kapitulation des Liberalismus vor modernistischer Wissenschaftsgläubigkeit und der spiegelbildlichen Reaktion des konservativen Fundamentalismus, der seine problematischen, weil militanten Entsprechungen in anderen Religionen und im Atheismus/Säkularismus hat.
  7. Evangelikale sind gleichermaßen der Vergangenheit verbunden und offen für die Zukunft – innovativ, ohne dabei alles Neue automatisch als besser zu betrachten.

So verstanden (das hat mich beim Lesen überrascht) ist der Begriff Evangelikal weiter als „protestantisch“ und das evangelikale Prinzip der selbstkritischen Reflexion und Bereitschaft zu nötigen Veränderungen reicht weiter als es der Begriff „Protestant“ auszudrücken vermag.

Was es bedeutet, das protestantische Prinzip in der heutigen Situation anzuwenden, das wird im folgenden Abschnitt erklärt.

(Fortsetzung folgt)

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Was bedeutet „evangelikal sein“? (1)

Gestern stieß ich auf das Evangelical Manifesto. Es möchte angesichts von Missverständnissen und Verzerrungen helfen bei der Suche nach einer tragfähigen Identität und dabei alte Fehler vermeiden. Ich finde, das ist den Amerikanern gut gelungen. Und weil auch andernorts diskutiert wird, wie der Begriff zu verstehen und zu füllen ist und welche Art von Identifikation er (noch?) bietet, greife ich hier ein paar Punkte heraus, die der Diskussion bei uns (zuletzt u.a. in Der E-Faktor. Evangelikale und die Kirche der Zukunft) vielleicht auch weiter befruchten könnten.

Der Anfang des 20-seitigen Dokuments dient der Position: „Hier stehen wir“. Was an Luther erinnert, soll hier vor allem mit möglichst wenig Negation geschehen, prägend ist, wofür Evangelikale einstehen, und nicht, wogegen sie sind. Und die Anliegen, die Evangelikale positiv ausmachen, werden auch nicht exklusiv verstanden, sondern verbinden Evangelikale und andere christliche Traditionen:

Evangelicals are committed to thinking, acting, and living as Jesus lived and taught, and so to embody this truth and his Good News for the world that we may be recognizably his disciples.

Es folgen dann sieben theologische Bestimmungen, die recht traditionell und ausgesprochen christozentrisch (d.h. für mein Empfinden nicht ebenso explizit trinitarisch) daherkommen: Das Bekenntnis zur Göttlichkeit Christi, zur Versöhnungstat am Kreuz, neuem Leben aus dem Geist Gottes, zur Autorität der Schrift, zu einem ganzheitlichen Verständnis von Nachfolge, zur eschatologischen Hoffnung auf das Kommen Christi und siebtens finden sich die fünf Aufträge aus Rick Warrens Ekklesiologie auf der Liste.

(Fortsetzung folgt)

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Pflichtbesuch :-)

Gestern besuchte ich mit einem Noch-nicht-Erlanger den Berg, bei grandiosem Wetter. Entsprechend voll war es und man darf nicht unter Platzangst leiden oder Körperkontakt mit Fremden unangenehm finden. Schließlich fanden wir doch einen Sitzplatz und es bot sich diese Aussicht.

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Achtung, Fetisch, los…?

Während um mich herum die fünfte Jahreszeit beginnt noch ein kleiner Nachtrag aus meiner Žižek-Lektüre zur Rolle bestimmter Formen von Spiritualität in der Konsumgesellschaft: Sie fungieren als Fetisch, sagt er. Der Begriff mag zunächst überraschen, hat aber durchaus etwas für sich:

Fetischisten sind keine Träumer, die sich in ihrer Privatwelt verlieren, sondern hundertprozentige »Realisten«, die in der Lage sind, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie wirklich sind, da sie ja ihren Fetisch haben, an den sie sich klammern können, um die Erschütterung durch die Realität abzufangen. (S. 64)

Žižek spielt auf eine Szene aus „Requiem for a Wren“ an, wo die Helden nach dem Tod ihres Mannes scheinbar ungerührt bleibt, aber zusammenbricht, als der Hund, sein Lieblingstier, überfahren wird. Spiritueller Fetischismus, so verstehe ich das, verbindet uns über Alibi-Gesten und Riten mit einem Leben, das uns die Konsumgesellschaft gar nicht leben lässt. Aber wenigstens halten wir so noch Kontakt zu einem Ideal oder Traum und müssen nicht vor der hoffnungslosen Wirklichkeit kapitulieren:

Der »westliche Buddhismus« ist solch ein Fetisch: er ermöglicht es seinen Anhängern, dem atemberaubenden Tempo des kapitalistischen Spiels standzuhalten, und stützt zugleich die Eigenwahrnehmung, dass man nicht wirklich Teil desselben sei, sondern durchaus sehe, wie sinnlos dieser Zirkus ist. Was wirklich zähle, sei der Seelenfrieden, auf den man sich immer zurückziehen kann.

Und dazu, das sah schon Lesslie Newbigin, gibt es durchaus verwandte Strömungen im Christentum. Was also wirklich zählt, ist eine Spiritualität, die nicht nur die innere Einstellung verändert, sondern die ganze Existenz. Alles andere ist zu wenig und – theologisch gesprochen – ein neognostischer Irrtum: Man hofft nicht mehr auf eine Veränderung der Welt, sondern löst sich aus ihr durch irgendeine Form von „Erleuchtung“.

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Einfach wegbeten?

In den USA hat sich eine Gebetsbewegung an den Zapfsäulen gebildet. Aber statt den verrückten Energieverbrauch und die Symbole automobilen Götzendienstes dort ins Visier zu nehmen, sollen die Benzinpreise in den Keller gebetet werden, nach dem Motto: „Diese Preise werden fallen, so wie die Mauern von Jericho in der Bibel gefallen sind.“

Zugegeben: Arme Amerikaner trifft es derzeit hart und öffentlicher Nahverkehr ist für sie nicht immer eine Alternative. „Das Gebet ist die Antwort für jedes Problem im Leben“, sagen die Initiatoren schlicht. Der Glaube dient nur noch dem ungehinderten Konsum, würde dagegen Žižek jetzt wohl wieder anmerken.

Gut, man kann ja sagen, Gott kennt die Zusammenhänge, auch wenn die Amerikaner (Beter eingeschlossen) sie nicht kennen … wollen. DIe Frage bleibt aber, ob Gott die Preise oder die Ignoranz für das dringendere Problem hält.

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Wenigstens drüber reden

Erkältungsbedingt liegt meine letzte Runde im Wald schon 2 Wochen zurück. Angesichts des tollen Wetters ein wahrer Jammer. Aber wenigstens theoretisch bleibe ich dran, und in der Pfingstwoche geht es dann hoffentlich wieder auf die Piste.

Morgen Abend bin ich mit meinem Freund Albert bei den Läufern des TV 48 zu einem gemeinsamen Vortrag zum Thema „Körper, Geist und Seele“. Albert und ich laufen ab und zu zusammen und er wird die Perspektive des Mediziners bzw. der Psychologie, ich die des Theologen (und ein bißchen Philosohie) einbringen. Wenn wir derzeit also nicht beim Laufen reden, reden wir über das Laufen.

Das Schöne an dieser Veranstaltung ist, dass durch das Laufen als verbindendem Faktor man auf eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten schon aufbauen kann. Und von da aus dann hoffentlich eine ganzheitliche Perspektive des Menschseins und des Lebens entwickeln, die den Horizont erweitert und alle positiv motiviert, sich auch geistlich auf einen Weg zu machen. Am besten natürlich, so wie beim Laufen im Verein, zusammen mit anderen.

Also, mal sehen, wie es so läuft 🙂

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Feiertag

Mein Vater wird heute 70. Wir haben uns eine Menge Mühe gemacht, ihn heute abend durch den Kakao zu ziehen, ein familienspezifischer Ausdruck der Wertschätzung. Aber natürlich hat das auch ernstere Seiten.

Ich schreibe jetzt keine Liste, was ich ihm – angefangen bei meiner Existenz – so alles verdanke, das würde zu lange und sieht dann doch nach Lobhudelei aus. Aber drei Dinge stechen für mich heraus:

  1. Er hat mich auch in kritischen Momenten immer ermutigt, meinen Weg zu gehen, und dabei nie versucht, mir dreinzureden und mich zu bevormunden. Im Gegenteil, manchmal schien er überzeugter als ich selbst, dass es so gut ist.
  2. Er hat mich und andere in seiner Nähe groß werden lassen und nie den Eindruck erweckt, als würde er das als Bedrohung oder Konkurrenz verstehen, sondern sich mit uns gefreut.
  3. Er war und ist sich nicht zu schade, bei scheinbaren Kleinigkeiten mit anzupacken (privat wie in der Gemeinde) und kümmert sich bis heute treu um Leute, die nicht alle ganz unkompliziert sind.

Wenn das kein Grund ist, ihn heute zu feiern!

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Alptraum-Lektüre

Wolfgang Simson hat zum nächsten literarischen Streich ausgeholt: Die Starfish-Vision. Sie besteht so ungefähr darin, die Hälfte der Weltbevölkerung durch exponentiales Wachstum der Christenheit für ein Jesus-Imperium (!) zu rekrutieren.

Das ist in verschiedenen Schattierungen Wolfgangs Traum, so lange ich ihn kenne, und er hat ihn mit einer neuen Metapher zum x-ten Mal recycelt. Nur der Ton wird schärfer und ungeduldiger, je älter er wird. Das gibt zu denken. Der Stein der Weisen wechselt bei ihm, und diesmal hat er offenbar Starfish and Spider gelesen. Zwar beschwert er sich immer wieder über das Einsickern unbiblischer Ideen, aber diese Theorie (die er nicht als solche deklariert) ist „prophetisch“ und der Seestern immerhin Gottes Schöpfung, das muss reichen. Früher hatte er über die Reproduktionsraten von Karnickeln geschrieben…

Natürlich wäre das alles schon eingetreten, wenn die Christen nicht so gut wie alles falsch gemacht hätten. Kein Wort davon, dass das Wachstum der Christenheit am Übergang von der vormodernen zur modernen Welt stattfindet und sich das schwerlich in Europa des 21. Jahrhundert mal so locker reproduzieren lässt. Stattdessen sind die traditionellen Kirchen und Konfessionen schnell als Das Problem ausgemacht. Und wenn Wolfgang an denen bisher schon kein gutes Haar gelassen hat, schreibt er sie in dieser „Vision“ nun in Grund und Boden.

Es geht, so Simson, nicht darum, die Welt zum Guten umzugestalten, sondern darum, in ihr das Imperium Gottes aufzurichten. Dem leidlich sensiblen und sprachlich problembewussten Leser stellen sich die Nackenhaare auf bei der Flut autoritärer Termini, die auf ihn einprasseln. Oder bei solchen plumpen und gar nicht neuen Parolen wie dieser:

Jesus hat uns beispielsweise aufgetragen, „seine geringsten Brüder“ (Mt 25) zu kleiden, Gastfreundschaft zu gewähren, ihnen Essen zu geben und sie (im Gefängnis) zu besuchen. Ein „Bruder von Jesus“ beschreibt allerdings einen Menschen, der Teil von Gottes Haushalt ist, nicht aber jemanden, der nicht zu Jesus gehört. Trotzdem viele geradezu kämpferisch das Gegenteil beteuern, hat Jesus uns nicht aufgetragen, die Hungrigen der Welt zu ernähren, alle Krankheiten dieser Welt zu heilen, die Armut abzuschaffen, und dafür zu sorgen, dass jeder Mensch des Planeten eine Ausbildung, sicheres Trinkwasser und medizinische Grundversorgung erhält. Das sind Dinge, die uns unser gefallenes und verwundetes Rechtsempfinden diktiert, nicht aber Gott.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Kranken und armen Nichtchristen helfen zu wollen ist Folge sündhaften Orientierungsverlustes und behindert Gottes eigentlichen Plan. Spätestens da kann man das Buch getrost wieder weglegen und darauf warten, dass Wolfgang den nächsten Stein der Weisen findet. Ich tippe auf 2012. Bis dahin reicht es mir aber auch erst mal.

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Žižek zu Postmoderne und »westlichem Buddhismus«

Ich finde Žižeks (Danke für den Tipp mit den „Häkchen“, Christian) »gnadenlose Liebe« immer noch ungemein spannend. Leider schreibt er so dicht, dass es fast unmöglich ist, sinnvolle Inhaltsangaben oder Exzerpte zu machen. Stattdessen hier ein paar anregende Zitate des slowenischen Denkers, weitere werden folgen:

Die Philosophie bedarf des Rückgriffs auf den Mythos, nicht aus äußerlichen Gründen, um den ungebildeten Massen ihre Konzepte zu vermitteln, sondern um ihrer selbst willen, d.h., um ihr eigenes begriffliches Gebilde dort zu „vernähen“, wo es beim Erreichen seines innersten Kerns scheitert, von Platons Höhlengleichnis bis zu Freuds Mythos des Urvaters und Lacans Mythos der Lamelle. (…)

… und was ist die Postmoderne, wenn nicht die ultimative Niederlage der Aufklärung im Augenblick ihres Triumphes? Wenn die Dialektik der Aufklärung ihren Höhepunkt erreicht, erzeugt die dynamische, wurzellose Gesellschaft ihren eigenen Mythos selbst. Der technologische „Reduktionismus“ des Cyberspace (der Geist … selbst wird wird letztlich auf eine „spirituelle Maschine“ reduziert) und das heidnische mythische imaginäre der Hexerei, geheimnisvoller magischer Mächte usw. sind letztlich zwei Seiten desselben Phänomens – die Niederlage der Moderne im Augenblick ihres Triumphes. (S. 62f)

Žižek sieht hier einen „merkwürdigen Tausch zwischen Europa und Asien“, der zu einem „westlichen Buddhismus“ führt, der die „hegemoniale“ Ideologie des globalen Kapitalismus liefert. Vordergründig präsentiert er sich als Heilmittel gegen den Stress der Konsumgesellschaft durch den Rückzug aus äußeren der Welt des rasenden Wandels in einen „inneren Frieden“. Genau darin aber wird der westliche Buddhismus ein „imaginäres Supplement zum irdischen Elend“, eine Art Opium für das Volk:

Die meditative Einstellung des „westlichen Buddhismus“ dürfte für uns die effektivste Methode sein, vollständig an der kapitalistischen Dynamik teilzuhaben und zugleich den Anschein mentaler Gesundheit zu wahren. Lebte Max Weber heute, so würde er zweifellos einen Ergänzungsband zu seiner protestantischen Ethik verfassen, der dann den Titel Die taoistische Ethik und der Geist des globalen Kapitalismus trüge.

Nebenbei weist Žižek auch aktuell darauf hin, dass die westliche Tibetbegeisterung (bei gleichzeitigem schwunghaften und ungebrochenen Handel mit China) eine solch fetischistische Struktur hat: Wir wünschen uns, dass Tibet das mythische Ideal einfachen und spirituellen Lebens stellvertretend bewahrt, um besser mit unserer völlig anderen Situation leben zu können.

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