history repeats itself

Steve Turner hat mal lakonisch gedichtet „History repeats itself. Has to. No one listens„. Ich habe mich daran erinnert, als ich kürzlich von jemandem hörte, in dessen Gemeinde ein Ehepaar wechselte, das nicht so ganz im Frieden aus der alten Gemeinde gegangen war. Er kümmerte sich nicht darum, bis eines Tages der ganz offenbar unverarbeitete Konflikt, den sie quasi im Gepäck hatten, ihn selbst betraf.

Als ich das hörte, fiel mir sofort ein ganz ähnliches Erlebnis ein, wo ich mir im Rückblick gewünscht habe, auch die andere Seite des Konflikts gehört zu haben, der zwei Leute in unsere Gemeinde führte, und sich hier binnen einiger Monate dann maßstabsgetreu reproduzierte.

Wenn sich die Geschichte nicht wiederholen soll, dann müssen wir uns in solchen Situationen eben doch die nicht unerhebliche Mühe machen, wirklich beide Seiten zu hören und darauf zu achten, dass Dinge nicht ungeklärt und Menschen nicht unversöhnt bleiben. Das ist zwar keine Garantie für Frieden, aber wenigstens bleiben die Selbstvorwürfe aus, wenn doch etwas schief geht.

Share

Licht in der Finsternis

Ich bereite mich gerade vor auf meinen Kurs über Soteriologie bim IGW in Burgdorf/CH nächste Woche und lese über die verschiedenen Deutungen des Todes Jesu, da fällt mein Blick auf diese Zeilen aus der FAZ zum Münchener S-Bahn-Mord, die voller religiöser Analogien sind:

Dominik F. Brunner hat sein Leben hingegeben, um vier Kinder in der Münchner S-Bahn vor jungen Gewalttätern zu schützen. Er steht dafür, wozu der Mensch mit seinen hellsten Eigenschaften in der Lage ist – zu selbstloser Fürsorge und zu großem Mut. Dass er mit den zwei Verbrechern, die ihn auf dem S-Bahnhof im Stadtteil Solln zu Tode prügelten, auf die dunkelsten Seiten traf, zu denen Menschen auch fähig sind, ist eine Tragödie, nach der ein Gemeinwesen, das sich nicht selbst aufgeben will, nicht in die gewohnten Rituale von politischen Beschuldigungen verfallen darf.

North Foreland LighthouseVielleicht ist es nach dem Tod Jesu ja ähnlich: Die alten Rituale der Beschuldigung haben keinen Sinn mehr. Und zugleich kommt alles darauf an, dass dieser Tod nicht nur zur Kenntnis genommen wird – dankbar und mit Hochachtung – sondern dass er andere inspiriert, nun erst Recht in die Fußstapfen dessen zu treten, der hier so brutal erschlagen wurde, und dafür zu sorgen, dass Gewalt und Hass in dieser Welt überwunden werden und keine Chance mehr bekommen, sich ungehindert zu verbreiten. Wir alle ahnen ja, dass das nicht der letzte Fall dieser Art gewesen sein wird…

Was uns Christen angeht: Wir sind quasi in der Position diese vier geretteten Kinder. Diesen Tod konnten sie nicht verhindern. Aber vielleicht den nächsten. Und die Analogie geht noch weiter, denn in gewisser Weise ist Dominik F. Brunner tatsächlich auch für uns alle gestorben. Nicht als Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, klar. Aber er hat Folgen – hoffentlich!

Share

Reformatorische Wochen :)

Sonntag vor einer Woche war Nadja Bolz-Weber bei uns. Wir haben einen eindrücklichen Gottesdienst mit deutsch-amerikanisch lutherischer Liturgie gefeiert und auch Nadjas Predigt (einige hatten schon danach gefragt) hat das typisch lutherische Verständnis von der Gnade Gottes, die wir so allesamt nötig haben, aber uns nicht selbst zusprechen können, ins Zentrum der Gedanken gestellt.

Gestern ging es im Rückblick darauf und aus Anlass einer Kindersegnung um die Frage der Rechtfertigung aus Glauben (missional verstanden, um mal dieses Schlagwort zu verwenden), kräftig inspiriert durch Tom Wright und seine neue Paulusperspektive – zumindest so weit, wie ich diese begriffen habe 🙂

Beides gibts im ELIA Podcast

Share

Einfach der Lust folgen

Franz Jaliczs über geistliche Begleitung und die wichtige (aber in Zeiten von „Schluss mit lustig“ unpopuläre) Frage, wozu jemand – zumal der pflichtbewusste Mensch – denn nun eigentlich Lust hat:

Diese innere Neigung, die wir Lust oder Freude nennen, fasst die lebenswichtigen Faktoren zusammen und zeigt die Summe der inneren Bestrebungen; deshalb können wir sie als den Ausdruck des Willens Gottes erkennen, falls sie auch die erhabeneren Wünsche einschließt und nicht nur niedrigere Empfindungen, wie die Bequemlichkeit und die Faulheit. Letzten Endes ist diese Veranlagung, die wir Lust nennen, der Ausdruck aller unserer Neigungen und Überlegungen. Ihr gehört das letzte Wort vor einem verantwortlichen Entschluss. Es ist sehr vorteilhaft, nach ihr zu fragen und ihr Bedeutsamkeit beizumessen, damit sie offenbar wird. Wozu wir Lust haben, gibt unserem Entschluss Sicherheit und verstärkt das Gefühl der Freiheit.

Share

Weisheit der Woche: Soteriologie und Soziologie

Immer wieder wird ja zwischen Gottes Wirken (vertikal) und menschlichen Auswirkungen (horizontal) unterschieden, aber so richtig trennen lässt sich die Soziologie von der Soteriologie (d.h. der Lehre von der Erlösung) nicht, schreibt Tom Wright im Blick auf Paulus:

… die Soteriologie selbst ist für Paulus in dieser Hinsicht „horizontal“, dass sie mit Gottes Absichten innerhalb der Geschichte zu tun hat, während die Soziologie für Paulus vertikal ist, weil die eine multi-ethnische Familie, die durch den Messias konstituiert wird und in der der Geist wohnt, der Welt als ein mächtiges Zeichen dienen soll, dass Israels Gott, der Gott Abrahams, ihr Schöpfer, Herr und Richter ist.

Tom Wright, Justification, S. 106

Gerechtfertigt zu sein bedeutet also nicht nur, die Qualifikation für „den Himmel“ in der Tasche zu haben, sondern zu diesem bunten Haufen von Menschen quer durch alle (Sub-) Kulturen, sozialen Schichten, Rassen und Geschlechter zu gehören, der dem Messias in seiner Mission nachfolgt, und dem die Botschaft der Versöhnung und Hoffnung für alle Menschen aufgetragen ist und der sich daher von alten Grenzziehungen nicht mehr aufhalten lassen darf.

Share

Konservative sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

Ich hatte schon immer das Problem, links und rechts zu unterscheiden. Wenn ich es spontan sagen muss, habe ich eine Fehlerquote von 50% – das sagt schon alles. Inzwischen gilt das auch für die Politik, und seit heute weiß ich auch warum. Hier ein kleiner Ausschnitt aus Matthias Matusseks Abrechnung mit dem heutigen politischen Konservativismus im Spiegel – unbedingt ganz lesen und bis zur Bundestagswahl den Zorn bitte nicht herunterschlucken:

Dem Konservativismus, mit dem ich groß geworden bin, wäre über diese Blasiertheit der Kragen geplatzt. Er hatte mit der Bergpredigt zu tun. Er fand, dass uns das Elend der anderen angeht, dass Eigentum verpflichtet. Er hätte die gigantische Umverteilung der vergangenen zehn Jahre – den Rückgang der Reallöhne um 4 Prozent, die Steigerung der Unternehmensgewinne um 60 Prozent – als Skandal gesehen. Eigentlich muss Gregor Gysi nur diese Zahlen nennen und ansonsten den offiziellen Armutsbericht der Bundesregierung hoch- und runterbeten, und der Konservativismus, den ich kennengelernt habe, hätte ihm grimmig zugestimmt.

Nicht nur er. Die letzte Enzyklika des Papstes, „Caritas in veritate“, drehte sich um nichts anderes als um Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Sie beschwört im Übrigen die Gefahr, dass eine Wirtschaft ohne Verantwortungsethik sich selbst zerstören wird. Wir indes erleben, wie der konservative Klassenkampf von oben total geworden ist, ökonomisch genauso wie mental. Er hat Werte zertrümmert, radikaler, als es die Linke je vermocht hätte. Er hat ein kaltschnäuziges System geschaffen, das dem abgehängten Rest der Gesellschaft nach unten zuruft: Strengt euch gefälligst an.

Share

beschleunigter Puls

pulstitelNur noch knapp drei Wochen, dann geht unser neuer Gottesdienst „puls“ an den Start. Ab dem 4. Oktober sind wir alle zwei Wochen am Sonntag abend im Museumswinkel. Die erste Staffel trägt den Titel „Rhythmus des Lebens“.

Im Unterschied zu LebensArt, das wir vor über einem Jahr abgesetzt hatten, wird puls ruhiger verlaufen. Es wird meditative Elemente geben, eine rudimentäre Liturgie, keine Band und kein Theater, aber Stationen und Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Weitere Infos und unseren Flyer zum Download gibt es hier.

Share

Eine Frage der Rhetorik?

Deutschland im September 2009: Der Rat der EKD hat sich gegen eine pauschale Verurteilung evangelikaler Christen und gegen Vergleiche mit islamischen Fundamentalisten ausgesprochen. Anlass war ein Beitrag des ZDF-Magazins Frontal 21 mit dem Titel „Sterben für Jesus – Missionieren als Abenteuer“ vom 4. August. Evangelikale fühlen sich diffamiert, und diesmal – das findet auch die EKD – ist es vielleicht doch mehr als der übliche fromme Verfolgungskomplex, der eher der Immunisierung gegen Kritik von außen dient.

Gleichzeitig habe ich im Urlaub mitbekommen, wie anders Evangelikale in Großbritannien gesellschaftlich verankert sind. Der theologische Referent der Evangelical Alliance und ihr Generaldirektor waren beide innerhalb einer Woche in verschiedenen Live-Sendungen der BBC zu sehen. Wenn Evangelikale hierzulande nun in manchen Fällen tatsächlich Opfer unfairer Berichterstattung sind, dann ist das vielleicht auch dadurch begünstigt worden, dass man sich in der Öffentlichkeit ungeschickt positioniert bzw. dass an vielen Stellen an der Basis tatsächlich problematische Positionen in einer noch problematischeren Sprache vertreten werden.

Eine spannende Frage ist dabei ja auch, warum der Dalai Lama Homosexualität als unnatürlich beschreiben darf, ohne eine Proteststurm hervorzurufen. Mein Verdacht ist, dass der Einsatz des Dalai Lama für den Frieden ebenso eine Rolle dabei spielt (die wenigsten Evangelikalen sind grundsätzliche Verfechter der Gewaltfreiheit) wie vor allem auch die Tatsache, dass er grundsätzlich mit dem Pluralismus unserer Gesellschaft deutlich weniger auf Kriegsfuß zu stehen scheint als konservative Christen, die in Deutschland leider allzu oft noch eine Rhetorik pflegen, die den eigenen Standpunkt absolut zu setzen scheint. Die Herzenshaltung dahinter mag – zum Teil jedenfalls – ganz anders sein, aber sie bleibt verborgen.

Was mich an all dem beunruhigt: Kann es sein, dass sich die Mahnung Jesu „richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ hier auf eine unerwartet konkrete Weise erfüllt… ?

Share

Todsünden – endlich lokalisiert?

Wired hat eine Karte, in der regionale Häufungen der sieben Todsünden in den USA verzeichnet sind. Der Ansatz ist dabei gar nicht so schlecht, wie die Nachricht zunächst vermuten lässt. Zum Thema Gier wird die Relation von Durchschnittseinkommen zu Geringverdienern analysiert, zum Thema Lust (da könnte man ein Fragezeichen dahinter machen) die Infektionsraten von Geschlechtskrankheiten, bei Völlerei (das wäre schon eher konsensfähig) die Konzentration von Fast Food Restaurants. Die Studie stammt erstaunlicherweise von der Kansas State University. Ob so etwas auch mal auf Deutsch erscheint?

Share

Moderne Mythen: Das finstere Mittelalter

Das knappe Jahrtausend Mittelalter stand lange in dem Ruf, aus düsterstem Aberglauben bestanden zu haben. So weit jedenfalls der Mythos, an dem Renaissance und Moderne mit der medialen Macht des Buchdrucks im Rücken äußerst erfolgreich gearbeitet haben (und ich vermute mal, die Protestanten darunter ganz besonders), um neue Erkenntnisse in um so hellerem Licht erscheinen zu lassen.

Nun ist es keine ganz neue Einsicht, dass diese historische Karikatur nicht stimmt. Doch ein paar nette Aspekte (zum Beispiel über die Frage, ob man die Erde tatsächlich für eine Scheibe hielt), enthält dieser Artikel der SZ. Christen (die Polemik hält sich ja bis heute an manchen Orten) waren selbst damals keine Feinde der Vernunft, im Gegenteil. Klöster und Domschulen waren Orte universaler Gelehrsamkeit und legten die Grundlage unserer Kultur bis heute.

Share

Weisheit der Woche

Das größte Hindernis bei der Verkündigung des Glaubens (…) ist, dass wir die Menschen, denen wir etwas vermitteln wollen, nicht zuerst anhören. wir kommen mit einer Botschaft, mit einer Erfahrung, wir wollen eine Weg zeigen, aber wir hören nicht zu, wo der Betroffene steht, wo seine Wünsche und Interessen, wo sein Leid und seine Freuden liegen.

(…) Der Glaube und der Weg zu Gott betrifft die tiefste Mitte unserer Seele, den Sinn unseres Lebens. Damit wir in diesem Bereich etwas mitteilen können, müssen wir in Kontakt zu ihm in diesem Bereich seiner Seele treten. Wir müssen in der Tiefe seines Wesens in Beziehung sein. Er muss sein Herz von seiner Mitte her schon offen haben. Sonst kann er unsere Botschaft nicht an sich heranlassen. Und das geschieht nur durch das Mitgehen und das Anhören.

Franz Jalics, Miteinander im Glauben wachsen

Share

Kontrastlektüre

Ich habe im Urlaub endlich The Shack (dt.: Die Hütte) zuende gelesen und war underwhelmed, wie es eine Freundin in England ausdrückte, als ich davon sprach. Nun weiß ich auch, dass das Buch viele tief berührt und begeistert hat. Nur wirklich nachempfinden kann ich es nicht.

Richtig begriffen, was mich an der Hütte denn immer so genervt hat, habe ich allerdings, als ich gleich danach von Franz Jalicz Miteinander im Glauben wachsen zur Hand nahm und gar nicht mehr aufhören konnte. Natürlich vergleiche ich hier nun Äpfel mit Birnen, das Genre ist gänzlich verschieden. Das Thema der geistlichen Begleitung dagegen ist es nicht, selbst wenn im einen Fall ein realer Mensch und im anderen Fall drei imaginäre – und hier fehlt mir schon das passende Wort – Gestalten auftreten.

Jaliczs erläutert die Grundzüge geistlicher Begleitung, einfach praktisch und motivierend. Er schreibt hundert Seiten über das Interesse am Gegenüber und das konzentrierte Zuhören. Der arme Mack von William P. Young dagegen dient für mein Empfinden eher als Stichwortgeber für einen weiteren mehr oder weniger spannenden Monolog „Gottes“, manchmal reagieren die allwissenden drei – die mit (sorry…) kitschigen innertrinitarischen Liebesbezeugungen ständig um sich werfen – sogar ausgesprochen amüsiert auf seine Fragen und kurzen Einwürfe (obwohl das Buch sonst komplett frei von Humor in jeder Form ist).

Während sich Youngs „Gott“ seinem „Bodenpersonal“ und jeglicher Form von kirchlicher Institution gegenüber seltsam distanziert zeigt, arbeitet Jaliczs daran, einen Raum zu schaffen, in dem Kritik und Verletzungen ausgesprochen werden können, ohne seine Zugehörigkeit zur Kirche damit in Frage zu stellen oder Missstände dabei zu rechtfertigen. Dem Leidenden lässt er vor allem Zeit – auch das habe ich bei Macks Turbo-Therapie vermisst. Freilich kann Gottes Geist seelische Prozesse auch beschleunigen, im Alltag ist das aber meiner Erfahrung nach eher die Ausnahme. Da werde ich eher nervös, wenn jemand allzu schnell über etwas hinweg zu sein glaubt.

Natürlich ist das weder ein fairer Vergleich noch eine umfassende Rezension der beiden Bücher. Mein total subjektives Fazit der Urlaubslektüre ist daher eher dieses: Über meine Probleme würde ich doch lieber mit Pater Jalics reden. Und ich denke (nur dass kein falscher Gegensatz entsteht): selbst wenn jemand The Shack richtig gut fand, wird er von Jalics‘ Weisheit noch profitieren.

Share

Das konnte nicht wahr sein

Otto hat versehentlich Macbooks für knapp 50 Euro angeboten. Rund 2500 Kunden haben 6500 Geräte bestellt und wollen den Versand jetzt verklagen, weil der die Geräte zu diesem Preis nun doch nicht hergibt – dafür aber 100 Euro Entschädigung zahlt.

Selbst wenn diese Käufer formal im Recht sein sollten: Die meisten haben mehrere Geräte bestellt, höchstwahrscheinlich um sie für ein Vielfaches weiter zu verkaufen. Dass 49,95 € kein realistischer Preis sein konnte (wenigstens nicht ohne Mobilfunk- oder DSL-Vertrag), kann – muss! – jeder wissen.

Was mich dabei wütend macht: irgendwer bei Otto ist für die Panne verantwortlich und hat unter Garantie schon längst jede Menge Ärger am Hals. Jede weitere Klage gegen seinen Arbeitgeber macht diesem Menschen das Leben noch ein bisschen schwerer. Hier auf den Buchstaben des Gesetzes zu pochen, ist unanständig.

Und über gierige Banker oder Politiker sollte von diesen Leuten auch keiner mehr herziehen. Nur gute Menschen haben ein Macbook verdient…

Share