Welt ging verloren – Christ ist geboren

Weihnachten betonen wir – völlig zu Recht – die Immanenz Gottes: Er wird Mensch, ein Kind, er kommt uns nahe und will uns nahe bleiben, wenn auch nicht mehr in dem physisch-handgreiflichen Sinn wie vor 2000 Jahren.

Aber da ist eben auch die andere Seite, nämlich die unserer (nicht immer ehrlich eingestandenen) Erlösungsbedürftigkeit. Wir retten uns nicht selbst, sondern die Hilfe muss von außen kommen. Unsere individuellen, sozialen und globalen Probleme sind uns in ihrer Summe längst über den Kopf gewachsen. An vielen Punkten erleben wir diese Ohnmacht dann auch ganz persönlich.

Selbst mit gut gemeinten Lösungsversuchen scheitern wir, nicht nur wegen Betriebsblindheit, an der Komplexität der Verstrickungen. Ein echter Neuanfang ist erst mit einem Partner möglich, der in dieser Hinsicht unbefangen (die Bibel sagt „ohne Sünde“) ist. Befangen dagegen bestenfalls in dem Sinne, dass er uns hartnäckig liebt. Auf uns allein gestellt, ist diese Welt – unsere Welt – nämlich verloren. Nur der, der sie geschaffen hat, kann sie wieder ins Lot bringen. Und selbst ihn kostet es alles.

Eben das feiern wir heute, dass Gott nicht sagt, macht Euren Dreck doch alleine. In diesem Sinne: frohe Weihnachten!

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Unweihnachtlicher Kalauer

Bevor gleich alles in Besinnlichkeit versinkt und die große Stimmung über uns kommt, hier eine drängende Frage, die mich seit einer Weile beschäftigt:

Wie nennt man das, wenn zwei Leute darum wetteifern, wer geistlicher ist?

Antwort (funktioniert bei Franken besonders gut):

Ein Spiri-Duell

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Schön!

Mein Webhoster hat mir heute dieses Gedicht als Weihnachtsgruß geschickt, ganz ohne Kitschbild, und sich damit wohltuend von den anderen kommerziellen Weihnachtsgrüßen abgehoben, also hier zum Mitfreuen:

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird;
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

– Rainer Maria Rilke –

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Unsere „Identität in Christus“

Bei einer Diskussion über geistliche Reife kam neulich mal wieder die Forderung auf, wir müssten mehr über „unsere Identität in Christus“ lehren. Ich empfand das als recht zwiespältige Angelegenheit, zumal das auch ein Schlagwort aktueller Sektengründer ist. Sie haben das aber nicht erfunden, sondern eine problematische Denkweise nur einen Schritt weiter getrieben.

Natürlich kann man das Thema auch auf gute Weise angehen, und das war zumindest die Intention. Vielleicht lässt sich das – zumal an Weihnachten – hier kurz gegenüberstellen:

Oft genug wird unsere Identität in Form von wörtlich zu nehmenden Behauptungen aufgeschlüsselt, und dann bekommt das Thema etwas Ideologisches: Wir sind in Christus dies und das, und zu diesem und jenem bestimmt. Konkret stürzt man sich meist auf Teile des Epheserbriefs, ohne nach rechts und links zu sehen. Am Ende steht dann eine Lehre wie: Wir sind in Christus erlöst, wir haben einen Platz im Himmel, wir sind zu Königen und Priestern bestimmt, es ist unsere Berufung, mit Christus zu herrschen. Und dann geht es um Heilung und Wohlstand und immer auch ein bisschen um Macht. Und eine gewisse Glaubensanstrengung ist nötig, um die offensichtliche Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht zu groß werden zu lassen. Man muss es möglichst laut und oft proklamieren, um die Zweifel einzudämmen.

Ich weiß nicht, ob wir davon wirklich mehr brauchen.

Identität hat aber weniger mit Satzwahrheiten als mit Geschichten zu tun. Die sympathischere Variante dieser Lehre funktioniert also narrativ. Ich bin Teil der großen Geschichte des Segens, den Gott seit Abraham über alle Völker bringen will. In Christi Menschwerdung, Tod und Auferstehung hat diese Verheißung begonnen, sich zu erfüllen. Ich bin mitgestorben und werde mit ihm auferstehen, und als „Anzahlung“ auf dieses Leben lebt und wirkt Gottes Geist in mir. Immer wenn ich denke, jetzt ist es aus mit meiner Kraft, meinem Glauben und meiner Liebe, dann fließt aus dieser Quelle etwas nach. Ich bin Teil dieser liebenden Suchbewegung Gottes nach den Menschen, die ihm verloren gegangen sind. Und damit lebe ich als Glied der christlichen Kirche in der Spannung von Verheißung und Erfüllung, Leiden und Herrlichkeit. Ich muss gar nicht viel über mich reden, aber viel über Jesus. Was „königlich“ und „herrschen“ bedeutet, bestimmt sich damit ideologiekritisch ganz exklusiv von dem einen König her, der sich selbst aller Macht und Pracht entleerte. Jedesmal, wenn wir das Abendmahl feiern, schaue ich auf diesem Weg Gottes mit uns (und damit auch mit mir) zurück und nach vorne.

Gibt es eine bessere Form, unsere wahre Identität zu bekräftigen, als Brot und Wein und diese große Story?

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Weihnachtspredigten: die gefühlte Geburt?

Ein echtes Problem weihnachtlicher Verkündigung ist, wie wir in der Verkündigung mit einmaligen geschichtlichen Ereignissen umgehen, die vielen Hörern bekannt sind und leider auch schon ein paar Jahre zurückliegen. Technisch gesagt geht es um die Frage der Aktualisierung:

  • Da gibt es erstens den Versuch, das Ganze hypothetisch in die Gegenwart zu verlegen. Dass das nicht immer gelingt, bedeutet nicht, dass es nicht erlaubt ist. Nur muss man verstehen, dass wenn Hirten plötzlich wie Erkan und Stefan reden, nicht nur die alte Sprache weg ist, sondern auch der kulturelle Hintergrund der messianischen Erwartung, zu der unsere Gesellschaft kein Gegenstück anbieten kann. Die fehlt heute auch deshalb, weil Christen seit 2000 Jahren (mehr oder weniger) unermüdlich davon reden, dass er schon gekommen ist. Er muss also nicht noch einmal geboren werden, und wo immer der Anspruch erhoben würde, wären Christen die ersten, die versuchen, da wieder die Luft abzulassen. Es ist schlechterdings unwiederholbar.
  • Die andere Option ist: wir lassen die alte Geschichte so stehen und destillieren eine bestimmte Moral heraus. Die kann sozial sein: „Kümmere dich um die Armen“. Oder ein Appell an die Motivation: „Stell dich Gott so bedingungslos zur Verfügung wie Maria“. Nichts davon ist falsch. Die Frage ist nur: Was ist daran Zuspruch einer guten Nachricht? Und ist es fair, solche Ausnahmesituationen zur Norm zu erklären?
  • Dritte Möglichkeit: Wir vergeistlichen das Ganze und drängen auf das innere Nachvollziehen. Ein Predigttitel aus dem Internet dazu: „Der Stall in uns“ (den Text dazu habe ich nicht gelesen). Das bekannte Motto stammt von Angelus Silesius: Christus könnte tausendmal in Bethlehem geboren sein, er muss in Deinem Herzen geboren werden. Mit Verlaub: das ist Nonsens. Jesus muss genauso wenig in meinem Herzen geboren werden, wie er in meinem Herzen gekreuzigt werden muss. Beides ist schon geschehen – ein für allemal. Wenn jemand „wiedergeboren“ werden muss, dann sind es nach Auskunft des Neuen Testaments wir. Es geht nicht darum, eine geschichtliche (und damit äußere) Wahrheit innerlich zu emulieren oder sogar zuallererst entstehen zu lassen. Das Problematische dieses (im Ansatz narzisstischen) Denkens ist die Implikation, dass etwas nur „wirklich“, „gültig“ oder „echt“ ist, wenn es in meinem inneren Erleben und Gefühl stattfindet.

Dieses Problem haben wir viel zu oft: Wir blenden aus, was keine unmittelbare Betroffenheit und Resonanz in unserem Inneren auslöst. Wenn der Winter ein Jahr mal wieder kälter ausfällt, der Klimawandel für uns kein gefühlter mehr ist, dann werden wir träge. Ganz ähnlich verfahren wir in anderen Lebensbereichen: So lange uns bestimmte Kollateralschäden unseres Handelns nicht direkt betreffen, existieren sie auch nicht. Das gilt für das ächzende Bildungssystem (auch da dauert es Jahrzehnte, bis Versäumnisse spürbar werden) wie für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen wir den anderen Menschen nur als Verlängerung und Erweiterung des eigenen Egos betrachten.

Aus eben dieser Gefangenschaft des homo incurvatus will uns das Evangelium ja befreien: Alles hängt jedoch davon ab, dass etwas in der äußeren Welt geschehen ist, das diese Welt in ein neues Licht taucht, das sie in ihren Fundamenten erschüttert und unwiderruflich verändert hat, und zwar auch dann, wenn ich es ignorieren würde oder bei dem Gedanken daran gerade vor lauter Weihnachtsrummel gar nichts empfinde. Ich muss mich nicht einmal um mein frommes Gefühl drehen. Es versagt ohnehin ständig.

Daher gilt auch an Weihnachten: Der erwachsene Christus klopft bei uns an und möchte eintreten. Kein Christkind, sondern der Auferstandene. Wir sind bereits im nächsten Akt des Dramas: Gottes Geist ist in der menschlichen Geschichte am Handeln. Weihnachten gibt uns einen Hinweis darauf, wo wir ihn finden: Bei den Kindern, den Armen, den Heiden, den Verlierern. Aber auch bei allen, in denen die Hoffnung lebendig geblieben ist, dass Gott seine großen Verheißungen erfüllt – und die deshalb nach Gerechtigkeit hungern und dürsten.

Die Krippe ist dabei (von Paulus von Philipper 2,6ff her verstanden) auf der einen Seite der erste Schritt in Richtung Kreuz. Auf der anderen Seite ist die Menschwerdung Gottes der erste Schritt zur „Vergöttlichung“ des Menschen (so sagten es die griechischen Väter – wir sagen: ewiges Leben) und zur Neuschöpfung der Welt. Und die steht noch aus.

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Postliberale Theologie: Ein Zwischenspiel

Auf Zeit Online berichtet Matthias Stolz entwaffnend ehrlich von seinen Schwierigkeiten mit dem Glauben und seiner katholischen Kirche. Die Beschreibung passt wirklich gut zu Lindbecks sprachlich-kulturellem Ansatz, finde ich. Es geht ums Glauben Lernen, Glauben verlieren und Glauben bewahren:

Ich habe in meiner Kindheit gelernt zu glauben, so wie man auch ein Instrument lernt. Als Erwachsener habe ich verlernt, dieses Instrument zu spielen. Jetzt ahne ich, dass es ein Reichtum ist, den ich nicht einfach abgeben sollte. Wenigstens nicht ganz. Früher, wenn Ostermesse war, gab es das Spiel unter uns Kindern, das Osterlicht, die brennende Kerze, aus der Kirche mit nach Hause zu tragen. Also hatten wir diese Kerze und schützten sie gegen den Wind, auf dass sie nicht erlösche. So ähnlich muss ich meinen Glauben jetzt auch schützen, denke ich.

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Der Gipfel der Enttäuschung?

Der Klimagipfel steht offenbar vor dem endgültigen Scheitern und man mag sich gar nicht ausmalen, was das für die Ärmsten der Welt bedeutet – geschweige denn für die Artenvielfalt, die Ausbreitung von Krankheitserregern und Parasiten, lokale Konflikte um Wasser, Flüchtlingsströme und was sonst noch alles als Folge eines globalen Temperaturanstiegs droht, besonders wenn bestimmte Schwellen überschritten und Kipp-Punkte erreicht werden.

Vielleicht ist es ja besser, wenn gar kein Ergebnis herauskommt, als eine maue Absichtserklärung, die die globale Rat- und Tatenlosigkeit nur vertuscht. Dann bleibt die Hoffnung, dass der Druck ausreicht, um bald einen neuen Anlauf zu nehmen.

Ich kann die Wut der Aktivisten verstehen auf den halbherzigen Einsatz vieler Politiker, auf unverbindliche Angebote und Sonntagsreden (auch unter der Woche) und vieles mehr. Sie erinnern mich an die Propheten des Alten Testaments, die den faulen Frieden und das kurzsichtige, größenwahnsinnige Handeln ihrer Könige beklagten, die verdeckten Motive ans Licht zerrten und auf die bitteren Folgen hinwiesen.

Klar kann jeder selbst kleine Schritte gehen und seinen persönlichen Beitrag leisten. Aber vielleicht bleibt uns darüber hinaus nicht viel anderes übrig, als die demonstrative Klage und Trauer im Namen der Opfer, die dieses Versagen fordern wird.

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„Missional“ und doch „normal“?

Neue Schlagwörter wie „missional“ und „emergent“ (ganz zu schweigen von „postmodern“) haben eine merkwürdige Wirkung. Die einen werden neugierig, die anderen fühlen sich ausgeschlossen. Das liegt in der Natur der Sache. Wo Neues entdeckt oder entwickelt wird, da werden notwendigerweise auch neue Begriffe geprägt. Bei technischen Innovationen sind wir das gewohnt und eignen uns Begriffe wie WLAN und UMTS an. Wenn es um Kirche und Gemeinde geht, haben viele verständlicherweise die Nase voll von den neuesten Trends und betrachten den jeweils „letzten Schrei“ erst einmal mit Argwohn.

In Gesprächen kommt dann irgendwann die Frage auf: „Ich komme aus einer ganz normalen Gemeinde. Ist das auch etwas für mich?“. Ich finde die Formulierungen schon immer aufschlussreich: Am häufigsten sagen Leute „ganz normale Landeskirche“. Ich weiß schon, was damit gemeint ist, aber mir scheint trotzdem, dass dabei zwei Aspekte untergehen, die wichtig sind: Erstens sind auch landeskirchliche Parochien sehr unterschiedlich. Das einzige, was man daran als „normal“ bezeichnen kann, ist die institutionelle Grundstruktur. Und die – das ist der zweite Punkt – ist rein zahlenmäßig betrachtet eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der globalen Christenheit, also gerade nicht „normal“, wenn man das statistisch versteht. Theologisch sowieso: Weder Kirchensteuer noch Gemeindebezirke und Beamtenrecht sind dem Neuen Testament abgeschaut.

Richtig problematisch wird dann der andere Versuch: irgendein zeitloses (in der Regel dann „biblisches“) Ideal als Norm zu formulieren – die Urgemeinde, der Jüngerkreis, die Pneumatiker in Korinth, der „fünffältige Dienst“ – das wir in Reinkultur hier wieder zu errichten hätten. Das „normale“ am Neuen Testament ist, dass jede Gemeinde ein bißchen anders aussieht. Für Theologen: Darin steckt auch die Weisheit von Minimaldefinitionen wie CA VII, dass sie nicht zuviel sagen wollen. Aber natürlich ist das keine breit entfaltete Ekklesiologie, die muss noch dazu kommen, wird sich aber in ihren Konkretionen auch ständig ändern.

Und so ist die Erkenntnis, dass keiner „normal“ ist – und damit auch keiner abnormal, also falsch – schon der erste Schritt dahin, die eigene Situation als einzigartig wahrzunehmen. Und hier sind wir mitten in der emergenten/missionalen Diskussion. Wenn es kein „Normalmodell“ mehr gibt, dem man sich einfach nur anzupassen hat, dann geht es nun um einen längeren Weg, eine kontinuierliche Suche und ein beständiges Fragen und Lernen: Was hat Gott mit der Welt vor? Was bedeutet das hier vor Ort? Welche Rolle können wir mit unseren Stärken und Grenzen darin spielen? Welche Schritte führen in diese Richtung? Wer ist noch unterwegs in diese Richtung? „Normal“ sind wir jedoch alle darin, dass wir mit einer gewissen Ratlosigkeit vor völlig neuen Fragen und Aufgaben stehen.

Einen Mann, der dieses Gespräch mit LeiterInnen und Gemeinden in vielen Ländern geführt hat und führt, haben wir für das Wochenende von 12. bis 14. März eingeladen: Alan Roxburgh. Hier geht es zum Download des Flyers. Und für alle, die gern einen Vorgeschmack hätten, hier ein Video (21:30 min) von Alan in einer Frage- und Antwortrunde, das vor einer Weile in Australien aufgenommen wurde.

Questions & Reflections on Being the Missional Church from Roxburgh Missional Network on Vimeo.

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Postliberale Theologie (6)

(Für alle, die erst hier einsteigen: Die Begriffe sind z.T. in den vorhergehenden Posts erklärt: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)

Bei Sprachen ist es ja nun nicht so, dass eine „wahrer“ ist als die andere. Wie also lassen sich sprachlich-kulturell die Beziehungen der Religionen untereinander beschreiben, ohne in den Propositionalismus zu verfallen, der nur Wahrheit und Irrtum (oder gar Lüge) kennt? Lindbeck sieht hier mehrere Möglichkeiten:

  1. Unvollendet/Vollendet: Christen erkennen zum Beispiel die Schriften des Judentums an, halten die Offenbarung Gottes aber für unvollständig; ähnlich würden manche Vertreter des Islam die Beziehung zum Christen- und Judentum beschreiben
  2. Unterschiedliche Religionen sind einfach die Objektivierung gleicher oder ähnlicher Erfahrungen (das war der Expressivismus), sie meinen also dasselbe.
  3. Komplementär: Sie beschreiben verschiedene Dimensionen der Existenz, diese sind aber nicht prizipiell unvereinbar. Christen könnten etwa von Buddhisten etwas lernen über Meditation, die Buddhisten sich das soziale Handeln der Christen aneignen.
  4. Direkter Gegensatz: Widersprechende Ziele innerhalb gemeinsamer/überlappender Karten
  5. Kohärent/inkohärent bzw. Authentisch/Inauthentisch (echte Gläubige vs. nur oberflächlich oder aber militant Religiöse)
  6. Mehrere dieser Bestimmungen können gleichzeitig zutreffen

Für den religiösen Dialog bedeutet das: Kulturell-sprachlich steht erstens weniger die kooperative Erforschung gemeinsamer Erfahrungen im Zentrum, weil diese nicht mehr wie beim erfahrungsorientierten Expressivismus (der eigentlich nur Modell 2 zulässt) als das Eigentliche betrachtet und im Kern mit einander identifiziert werden.

Im Blick auf Amos 9,7-8 fragt Lindbeck: Es gibt in der biblischen Offenbarung zweifellos den Zeugenauftrag des Gottesvolkes, aber vielleicht hat Gott „nicht alles, was das Kommen der Gottesherrschaft betrifft, jenem Volk expliziter Zeugen anvertraut, das weiß, was und wo Jerusalem ist, und das (wie die Gläubigen hoffen) – wenn auch nur abweichend – darauf zuwandert.“ (S. 85)

Wenn also auch die anderen im Plan Gottes für seine Welt eine Rolle spielen könnten, fragt er weiter, ob die missionarische Aufgabe von Christen auch manchmal (wichtig: nicht prinzipiell, und nicht prinzipiell nur…) sein könnte, Juden (bzw. Muslime, Marxisten, …) zu ermutigen, bessere Juden (oder …) zu werden.

Im nächsten Post geht es weiter mit der Frage des Heils und den verschiedenen Religionen.

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Adventsmusik

Das Lied und sein franziskanischer Sänger haben schon einige Jahre auf dem Buckel, aber ich finde es immer noch großartig: John Michael Talbot und seine Advent Suite


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Postliberale Theologie (5): Karten und Kategorien – Wahrheitsansprüche neu denken

Beim Propositionalismus geht es um die Übereinstimmung zwischen der Struktur des Wissens und der Struktur des Gewussten. Es gibt nur wahr oder falsch (egal ob das Irrum ist oder Lüge). Ausdrucksorientiert könnte man „Wahrheit“ als symbolische Effektivität verstehen, die aber ist schwer zu bestimmen und zu vergleichen. Man könnte höchstens sagen, alles was irgendwie „wirkt“, ist auch irgendwie „richtig“, weil es einen Nerv trifft.

Sprachlich-kulturell stellt sich die Frage nach der Angemessenheit der Kategorien (analog z.B. zu mathematischen Systemen), sie machen die Formulierung von Wahrheiten erster Ordnung/Intention erst möglich. Eine kategorial „wahre“ Religion macht angemessenes Reden von Gott erst möglich – es muss aber nicht jede einzelne ihrer Aussagen deshalb (propositional/ontologisch) „richtig“ sein, also die Wirklichkeit korrekt wiedergeben

Die Kategorien verschiedener Religionen können etwa inkompatibel sein: „Größer“ bedeutet nicht „röter“. Westliche Religionen haben zum Beispiel keine Kategorien, um sich auf das buddhistische Nirwana zu beziehen, sie können daher erst einmal gar keine sinnvollen Aussagen dazu machen. Umgekehrt, sagt Lindbeck,

… viele Christen behaupten, dass die Geschichten von Abraham, Isaak, Jakob und Jesus Teil des Referenzsinnes des Wortes „Gott“, so wie dies in der biblischen Religion gebraucht wird, sind, und sie schließen daraus, dass Philosophen und andere, die keinen Bezug auf diese Erzählungen nehmen, mit „Gott“ etwas anderes meinen. (77)

Es gibt aber kulturell-sprachlich kein allgemein gültiges Grundkonzept wie bei den ersten beiden Ansätzen, keinen neutralen oder „objektiven“ Ausgangspunkt, an dem sich Wahrheitsansprüche messen lassen.

Propositional gedacht muss eine Religion fehlerfrei sein, um unüberholbar zu werden (Glaube, Schrift, Kirchenlehre) und die höchsten Offenbarungsinhalte (mit Thomas von Aquin gesprochen: revelabilia) vollständig enthalten. Andere Religionen haben dann einen geringeren Wahrheitsgehalt, sind vermischt mit Irrtümern oder sind unvollständig.

Expressiv gedacht besteht die Möglichkeit, dass Religionen sich gegenseitig ergänzen und verstärken, aber die Qualität des symbolischen Ausdrucks findet schwerlich eine Obergrenze, es wäre also immer eine Steigerung denkbar.

Kategorial ist das leichter zu denken: Möglicherweise hat eine Religion die passendsten Kategorien. Andere Religionen könnten kategorial „falsch“ sein, aber trotzdem echte Erfahrung und propositionale Wahrheit enthalten.

Denkt man über Religionen in einer kognitivistischen Weise, sind sie immer sinnvoll genug, um falsch sein zu können, und die teuflischste kann einige Schimmer von Wahrheit sogar dann enthalten, wenn es sich um nicht mehr als den Glauben an die Existenz des Teufels handeln sollte. In einer kategorialen Interpretationsweise könnten im Gegensatz dazu Satansglaube oder Satanismus weder wahr noch falsch sein, sondern wie Ansichten über einen quadratischen Kreis lediglich unsinnig sein (obgleich auf sehr abscheuliche Weise).

Eine Religion kann (auch im kategorialen Denken) in ihrer gelebten Gesamtheit von Lehre und gemeinschaftlicher Praxis als Proposition gedacht werden, als Entsprechung zu Gottes Sein und Willen. Ein Vergleich mit Landkarten hilft hier weiter. Karten, das ist dabei wichtig, müssen gebraucht werden, um zur Proposition zu werden.

  • Werden sie falsch gelesen, sind sie Teil einer falschen Proposition: man kommt nämlich nicht ans Ziel, wenn man die Himmelsrichtungen verwechselt.
  • Umgekehrt sind sie trotz Fehlern im Detail „wahr“, wenn man das Ziel tatsächlich erreicht (darum geht es ja, nicht um bloßes Wissen)
  • Eine Phantasiekarte (etwa von Mittelerde) ist dagegen kategorial falsch – und praktisch nutz- und sinnlos
  • Eine exakte Karte von einem irrelevanten Raum (Frankreich, aber ich will nach Prag) ist ebenfalls unnütz
  • Hat eine Karte korrekte Größenverhältnisse, kann sie propositional wahr oder falsch sein (die Entfernung A-B stimmt, aber B ist nicht, wie angegeben, Prag)
  • Manche Karten oder Routenpläne sind anfangs akkurat und werden dann vage oder falsch
  • Eine ungenaue Skizze genügt manchen Leuten, wenn sie einen guten Orientierungssinn haben
  • viele Details können, selbst wenn sie „stimmen“ manche zur Umständlichkeit verleiten bzw. auf „interessante“ Umwege schicken (gilt im Glauben noch mehr als bei Karten oder Reiseführern)
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Postliberale Theologie (4): Heilige, Reformatoren, Kopfjäger und Nazis

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3 dieser Serie.

Verstehen wir Glauben sprachlich-kulturell, dann wird es auch möglich, intuitiv zwischen authentischen und nichtauthentischen Objektivierungen der Religion zu unterscheiden. In anderen Zusammenhängen wird diese Unterscheidungsfähigkeit mit dem Verweis auf den Geist Christi oder im Sinne einer Wesensverwandtschaft mit der Weisheit gedeutet.

Was ist gemeint? In Sprachen und Kulturen gibt es ungeschriebene Regeln, die man intuitiv befolgt. Und es gibt überall Menschen, die keine Regeln formulieren (sprich: keinen Grammatikunterricht geben) könnten und dennoch ihre Sprache virtuos sprechen. Anders gesagt: Es gibt Theologen, und es gibt Heilige. Und in manchen Situationen können die Theologen keine Auskünfte geben, ein „Heiliger“, jemand also, der zutiefst in der Sprache und Kultur des Evangeliums verwurzelt ist, kann intuitiv sagen, was richtig ist. Für so etwas wie Intuition, Weisheit und Kunst gibt es im kognitivistischen Propositionalismus keinen rechten Platz, ebenso wenig wie für Weiterentwicklungen.

Denn religiöse Innovation ist in einer sich verändernden Welt auch immer möglich und nötig. Sie ist nun nicht einfach Produkt „neuer Erfahrungen“, sondern Zusammenwirken eines kulturell-sprachlichen Systems mit neuen Situationen. Religiöse Innovation (wie etwa Luthers berühmtes Turmerlebnis) entspringt daher nicht einfach nur einer neuen Erfahrung und Gefühlslage im Hinblick auf Gott, die Welt und das Selbst,

… sondern weil ein religiöses Interpretationsschema (wie immer in der religiösen Praxis und im Glauben eingebettet) Anomalien bei der Anwendung auf neue Kontexte entwickelt. (…) Prophetische Gestalten spüren – oft unter dramatischen Umständen -, wie die überlieferten Glaubensmuster, Handlungen und Rituale einer Neuprägung bedürfen (und dass sie neu geprägt werden können). Religiöse Erfahrungen resultieren dann aus diesen neuen konzeptionellen Mustern, anstatt ihre Quelle zu sein. (S. 67)

Die religiöse Erfahrung dagegen ist logisch (und eventuell auch kausal) sekundär. Das konzeptionelle Muster in Luthers reformatorischer Entdeckung ging der individuellen Erfahrung voraus, auch bei Luther selbst. Wir hatten diese Relativierung des Individuellen ganz ähnlich schon einmal im Blick auf die Emergenz der Reformation.

Um noch einmal zurückzukommen auf die Frage nach dem gemeinsamen Kern religiöser Erfahrungen: Wenn diese so vielfältig sind wie die Interpretationsschemata, die Religionen verkörpern, dann kann es keine einheitliche Erfahrung geben. Buddhistisches Mitleid, christliche Liebe und die Fraternité der französischen Revolution sind „radikal unterschiedliche Wege der Erfahrung und Orientierung gegenüber dem Selbst, dem Nächsten und dem Kosmos.“ Ähnlichkeiten sind zweifellos vorhanden, können aber naturalistisch verstanden werden. Dazu noch einmal Lindbeck selbst:

Die ihnen gemeinsamen affektiven Merkmale sind sozusagen Teil ihres Rohmaterials, sind Funktionen jener Gefühle der Nähe zum unmittelbar Nächsten, die von allen geteilt werden, auch von Nazis und Kopfjägern. Es ist genauso ein Fehler, sie als eine Gattung zu klassifizieren, wie zu behaupten, dass alle roten Dinge, ob Äpfel, Indianer oder der rote Platz in Moskau zur gleichen Gattung gehören. (S. 69)

(…) Man kann nicht behaupten, dass zwei Sprachen einander gleichen, indem man zeigt, dass beide sich überlappende Bestände an Lauten gebrauchen oder Referenzobjekte gemeinsam haben (z.B. Mutter, Kind, Wasser, Feuer und hervorragendere Personen und Gegenstände der Welt, die sich Menschen teilen). Was bei der Bestimmung der Ähnlichkeiten unter den Sprachen zählt, sind die grammatischen Muster, die Verweisvorgänge, die semantischen und syntaktischen Strukturen. Etwas entfernt Analoges kann im Fall der Religionen gesagt werden. Die gegebene Tatsache, dass alle Religionen etwas anempfehlen, das »Liebe« zu dem, was am Wichtigsten (»Gott«) zu nehmen ist, genannt werden kann, ist genauso banal wie die uninteressante Tatsache, dass alle Sprachen gesprochen werden (oder wurden). Das Entscheidende sind die unverwechselbaren Erzähl-, Glaubens-, Ritual- und Verhaltensmuster, die »Liebe« und »Gott« ihre spezifische und manchmal sich widersprechende Bedeutung geben. (S. 71)

Zum letzten Punkt erzählt Lindbeck ein hilfreiches Beispiel: Das Bekenntnis „Jesus ist Herr“ ist nur in einem bestimmten Lebenszusammenhang wahr und sinnvoll. Denn wenn die spanischen Conquistadores oder andere Eroberer es zum Schlachtruf für ihre Feldzüge machen, wird der Satz sinnlos oder falsch. Die dazugehörige Praxis macht deutlich, dass „Herrschaft“ in diesem Fall völlig anders verstanden wurde als Jesus selbst und die Mehrheit seiner Nachfolger sie verstanden haben, nämlich nicht als imperiale Legitimation von Unterwerfung oder „getaufte“ Variante der Pax Romana. Das ist eine andere Sprache und eine andere Kultur, und selbst wenn sie dieselben Wörter oder Wendungen benutzt (wir tun das zum Beispiel mit dem Wort „handy„), dann meint sie noch lange nicht dasselbe.

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Die Mitte – wovon?

Heute morgen habe ich das Lied Jesus, be the centre gesungen und bin darüber ins Nachdenken geraten. Das ist ja durchaus eine häufige Bitte, dass Jesus der Mittelpunkt unseres Denkens, Fühlens, Wünschens und Handelns wird – und stillschweigend setzt diese Bitte ja voraus, dass er das oft genug eben nicht ist und dass das auch nicht automatisch so ist, dass sich meine subjektive Welt um ihn dreht.

Also bitte ich ihn herein in die Mitte. Aber irgendwie bleibt es, scheint mir, doch meine eigene, kleine, subjektive Welt. Nun könnte ich aber, statt Jesus zu bitten, Mittelpunkt meiner Welt zu werden, mir einfach bewusst machen, dass er schon die ganze Zeit der Mittelpunkt seiner Welt ist, in der ich lebe. Damit räume ich zugleich ein, dass mein kleines Teiluniversum längst nicht die ganze Wirklichkeit ist.

Und ich richte mich neu aus auf eine Wirklichkeit, die auch dann besteht, wenn ich davon nichts merke oder nicht daran denke. Denn erlebe ich vielleicht auch, wie befreiend es ist, dass ich nicht der Nabel der Welt bin. Ich bitte nicht Jesus in meine Illusion herein, sondern ich kehre meiner Illusion bewusst den Rücken und wende mich ihm zu – dem wahren Licht, das allen Menschen leuchtet. Ich bin sicher, so hat der Autor des Liedes das auch gemeint…

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Deutsch zum Abgewöhnen: „Lohnenswert“

Vor allem im noch jungen Genre der (vorweihnachtlich häufig konsultierten) Amateur-Testberichte in Online-Foren taucht immer häufiger der absurde Begriff „lohnenswert“ auf. Google hat dazu 301.000 Treffer angezeigt, damit ist das unsinnige Attribut dudenfähig, denn wenn die Mehrheit Quatsch redet, wird Quatsch „richtig“ – jedenfalls so lange man meint, Durchschnitt und normal sei dasselbe.

Aber entweder ist etwas lohnend, oder es hat einen Wert. Der Einwand, das Wort würde nur falsch gebraucht (da hat jemand zur Rechtfertigung sogar einen Wikipedia-Eintrag produziert!), geht ins Leere. Es wird praktisch immer irreführend und gedankenlos gebraucht: als Doppelmoppelei und umständliches Synonym von lohnend eben.

Schlampige Sprache finde ich ärgerlich und traurig. Wir haben nur die eine, und die sollten wir gut behandeln. Lohnenswert im – theoretisch gesprochen – „korrekten“ Sinn des Wortes, also verdienstvoll (ist ja nicht so, dass es keine Alternativen gäbe) wäre es, den kruden Ausdruck aus dem aktiven Vokabular zu streichen. Und wenn andere ihn verwenden, kann man sich ja dumm stellen und nachfragen, was sie damit nun sagen wollten.

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