Persönliche Wahrheit

Haso hat vor kurzem das Thema Wahrheit in erfrischender Weise aufgegriffen. Mit der Menschwerdung Gottes wird die Wahrheit zur Geschichte. Wo Inkarnation als theologischer Begriff und missionales Prinzip wieder schwer im Kommen ist, muss man das mit bedenken. Indem Gott sich in unsere menschliche Geschichte begeben hat, hat er sich auch der Vieldeutigkeit ausgesetzt.

In der Geschichte gibt es ja keine absolute Wahrheit im Sinne reiner Objektivität. Konkrete Menschen haben konkrete Ereignisse aus einer ganz bestimmten Perspektive erlebt und berichten davon – alle Geschichte wird eben erzählt -, indem sie ihre Erfahrungen in einen bestimmten Zusammenhang stellen und mit den sprachlichen und symbolischen Ausdrucksformen ihrer Kultur wiedergeben. Wahrheit ja, aber keine “reine” Wahrheit im Sinne unmissverständlicher Eindeutigkeit. Deswegen gab es von Anfang an Streit darum, wie diese Geschichte nun zu erzählen sei. Es gab sie daher auch (für Muslime immer noch sehr irritierend!) in vier Evangelien, die sich einfach nicht recht harmonisieren lassen.

Wer nun mit Lessing der Meinung ist, dass zufällige Geschichtswahrheiten keine notwendigen (und damit apriori evidenten, also absoluten und vom geschichtlichen Standpunkt unhabhängigen) Vernunftwahrheiten begründen können, also minderwertig sind, der hat ein Problem – auch als Christ. Ebenso, wer immer noch von “Tatsachen” redet, wo wir doch beim Fußball inzwischen alle sehen, dass es kaum etwas Subjektiveres und Umstritteneres gibt als die berüchtigten “Tatsachenentscheidungen”.

Die entscheidenden Aussagen der Bibel kann man nicht von ihrer Geschichte zu lösen und auf objektiv gültige Prinzipien reduzieren. Liebe ist keine “Tatsache”, sondern ein Verhältnis, aus dem ein konkretes Verhalten folgt. So gut wie alle entscheidenden theologischen Begriffe sind Beziehungsbegriffe. Es geht in allererster Linie um Beziehungswahrheiten, die man nicht messen oder experimentell verifizieren kann. Wenn mir jemand sagt, dass er mich liebt, dann kann ich vielleicht eine Weile sein Verhalten beobachten. Aber er könnte mich ja auch täuschen. Am Ende muss ich es glauben – oder auch nicht…

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“Pass auf, dass du deinen Glauben nicht verlierst”

Gestern erzählte ein Freund, wie vor Jahren ein junger Mann seine Heimatgemeinde und Kleinstadt verließ, um zu studieren. Seine Heimatbesuche versetzten die halbe Gemeinde in Aufruhr, weil er alle möglichen Fragen und Zweifel äußerte. Vor lauter Angst, er könne “ die Jugend verderben”, wurde er ziemlich unter Druck gesetzt. Das ging natürlich nicht lange gut.

Ich kenne aus eigener Erfahrung den stereotypen Reflex frommer Individuen, wenn sie hören dass jemand Theologie studiert: Pass auf, dass du deinen Glauben nicht verlierst. Ob Theologie oder nicht: Es ist völlig normal, dass man einen Glauben verliert, der davon gelebt hat, dass man sich manche Fragen nicht stellt. Das geht in der subkulturellen Blase der Heimatgemeinde vielleicht eine Weile gut, aber aufgrund der massiven religiösen Pluralisierung unserer Welt auch nicht mehr lange.

Natürlich ist die Kritik in der Theologie hier und da zersetzend über ihr Ziel hinausgeschossen. Aber es waren weniger die Extreme der Ansichten als ihre Vielfalt und die Entdeckung, dass man zu jedem beliebigen Thema ganz unterschiedliche Positionen und Meinungen findet, die neu waren. Und auf genau dasselbe Phänomen unterschiedlichster Auffassungen und Lebensweisen traf wohl auch der eingangs erwähnte Freund meines Freundes in seinem Studium – was immer es war.

Das Thema beschäftigt mich nun schon eine Weile. In einer immer noch pluralistischer werdenden globalen Welt (Peter L. Berger hat das in dem gestern erwähnten Interview schön herausgestellt) “verliert” man seinen Glauben ständig (in dem Sinne, dass er sich wandelt aufgrund der Lebenserfahrung und der Beschäftigung mit anderen Glaubensrichtungen. Man findet ihn aber auch wieder neu, wie viele Theologiestudenten. Traurig ist dann nur die Tatsache, dass der neue Glaube vom “alten” Umfeld nicht mehr als der eigene anerkannt oder gar als Gefahr und Verführung abgewiesen wird. Als wäre jede Form von Zweifel erstens böse und zweitens ansteckend.

Es gibt bei Berger den Begriff des “häretischen Imperativs”. Etwas tiefer gehängt: die vorhandene Pluralität macht im Vorfeld jeder Entscheidung kritisches Denken unausweichlich. Jemand, der mit diesen Veränderungen seines Gottesbildes ringt und dabei auch selbst das beängstigende Gefühl hat, in Glaubensfragen den Boden unter den Füßen zu verlieren, findet in einem zur Selbstkritik unfähigen und zwanghaft homogenen Umfeld keine Hilfe – im Gegenteil, seine Ängste werden verstärkt und bestätigt, so dass am Ende tatsächlich nur ein Bruch möglich erscheint. Denn zurück zu gehen in eine verlorene Naivität würde bedeuten, die eigene Integrität zu opfern – ein hoher Preis.

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Aus der Werkstatt: “Sünde, Kreuz und Bekehrung im Horizont der Postmoderne”

Zu diesem Thema habe ich eine Einladung des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM) in Januar 2008 bekommen, der über “Mission im postmodernen Europa” tagt. Ein weiteres Zeichen dafür, dass diese Diskussion nun auch in Deutschland angekommen ist. Am Tag darauf referiert Reinhold Scharnowski über Gemeindeformen.

Der Untertitel meines Referats lautet: “Zu den theologischen Inhalten missionarischer Verkündigung im postmodernen Europa”. Es sind ja noch ein paar Monate hin, aber ich habe schon einmal mein Bücherregal durchforstet und noch ein paar neue Titel bestellt. Heute aber geht erst einmal die Frage an Euch:

  • Was sollte in so einem Referat (60 Minuten) unbedingt angesprochen werden?
  • Welche Gedanken haltet ihr für besonders wichtig und relevant?
  • Wo habt Ihr dazu selbst schon referiert und/oder gebloggt?
  • Wo sollte ich nach- und weiterlesen?

Es geht ja um mehr als nur meine persönliche Perspektive. Vorab schon mal vielen Dank an alle! Ein Zwischenergebnis werde ich auf dem Emergent Forum in Erlangen am 1. Dezember vorstellen.

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Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe…?

Simon hat ein neues Fass aufgemacht und nach Beiträgen gefragt. Ich habe den folgenden Text vor ein paar Jahren zum Millennium geschrieben, aber das ist ja universalgeschichtlich gesehen nur ein Klacks, also sollte das meiste noch aktuell sein…

Ob christlich oder nicht: Unsere Vorstellung von den „letzten Dingen“ prägt unser tägliches Verhalten weit mehr, als uns bewusst ist. Sie ist nämlich immer eine Aussage, über das, was Gott eigentlich und wirklich will und was demzufolge ewigen Bestand hat, auch wenn alles andere vergeht. Wer also für die Endzeit vor allem die Rache Gottes an den Gottlosen erwartet, der neigt heute schon zumindest zu verbalen Ausrutschern gegen Andersdenkende. Manch einer sichert sich seinen Platz im Himmel durch ein Selbstmord-Attentat, weil Allah Märtyrer bevorzugt. Wer an ein vorbestimmtes Schicksal glaubt, liest lieber Horoskope, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. Ein Christ in Neuseeland bekannte gar in einem Interview, er kümmere sich nicht um das Problem der Ozonschicht und Treibhausgase, weil er hoffe, dass Jesus rechtzeitig zurückkomme. Klar: Wenn ich damit rechne, dass Gott nur „Seelen” rettet und den alten Globus in die Luft jagt, warum heute überhaupt einen einzigen Gedanken an die Erhaltung der Schöpfung verplempern?

So gedeiht eine Art „Horoskop-Christentum“: Ich lese die Bibel wie andere ihren Nostradamus. Dann beobachte ich, wie sich der „Plan Gottes” erfüllt, den mir christliche Endzeitautoren spitzfindig aus der Bibel herausdestilliert haben. Jede weitere Katastrophe bestätigt mich in dem wohlig-schaurigen Bewusstsein, dass das Ende naht. Aber nachdem das alles so kommen muss, und um dem Willen Gottes nicht zu widerstehen, werde ich kaum noch mitleiden, kaum noch beten, und schon gar nichts mehr ändern wollen.

Problematische Denkmuster
Es gibt eine Reihe verbreiteter, aber nicht unbedingt passender Endzeit-Vorstellungen, die uns den Zugang zu den biblischen Aussagen verstellen. Ein paar möchte ich kurz umreißen:

a) Das Verfallsschema: Es sieht vor, daß sich zwischen erstem und zweitem Kommen Christi alles zuspitzt und verschlechtert, als würde die Welt und die Kirche auf einer Rutschbahn mit steigendem Tempo nach unten rasen. Vorboten des Antichristen allenthalben, Verführer und Irrlehrer in der Kirche, der große Abfall steht unmittelbar bevor. Die Logik ist: je verzweifelter die Lage, desto näher das Ende.

b) Die umgekehrte Denkbewegung beschreitet der Triumphalismus: Hier mag es in der Welt auf und ab gehen, aber die Christenheit geht unaufhaltsam der einen großen und weltumspannenden Erweckung und dem apokalyptischen Showdown entgegen.

c) Das vor allem im Bereich des christlichen Fundamentalismus beliebte Schema des „Dispensationalismus“ geht von einer Abfolge verschiedener Zeitalter aus, die jeweils einen ganz eigenen Charakter haben und streng unterschieden werden. Die bekannteste Schlussfolgerung lautete, dass Wunder und Geistwirkungen in unserer Zeit nicht dem Plan Gottes entsprechen. Wenn daher wirklich Wunder geschehen, war es vermutlich Schwindel oder gar der Teufel.

d) Die Entwicklung Israels ist ein weiterer Sonderfall. Israel wird gelegentlich als „Zeiger an der Weltenuhr Gottes” bezeichnet. Nach fast 1900 Jahren Stillstand scheint er sich nun also wieder zu bewegen. Jesus und das gesamte Neue Testament dagegen schweigen sich demonstrativ aus, wenn es um eine Verbindung zwischen dem Ziel der Menschheit und dem national-politischen Schicksal Israels geht. Die Heidenvölker werden weder unterworfen, noch pilgern sie zur Wohnstätte Gottes auf dem Zion, wie es Jesu jüdische Zeitgenossen erwartet hatten. In das neue Jerusalem der Offenbarung des Johannes ziehen alle Völker gemeinsam ein, es steht kein Tempel mehr dort, es gibt keine herausgehobene Priesterschaft. Israels endzeitliche Rolle ist darin erfüllt, dass aus seiner Mitte der Messias für die ganze Welt gekommen ist. Jetzt steht nur noch aus, dass auch Israel dies mehrheitlich begreift (Römer 11,25ff).

Das Problem der apokalyptischen Bildersprache
Viele eigenartige Endzeit-Lehren beruhen auf einem Missverständnis. Sie nehmen die bildhaft-symbolische Sprache apokalyptischer Texte in der Bibel zu wörtlich, etwa im Buch Daniel oder der Offenbarung des Johannes, aber auch bei Jesus oder Paulus. Immer wieder werden dort Aussagen über Gottes Handeln wie auf eine gewaltige kosmische Leinwand projiziert. Die Weltreiche der Antike geben ein Drama mit grotesken Gestalten und bissigen Karikaturen ab. Plötzlich, so scheint es, handelt und richtet Gott nicht mehr nur durch geschichtliche Ereignisse, sondern die Elemente der Welt spiegeln das Ringen wider und scheinen in der Glut zu zergehen (2.Petrus 3,12f).

Interessant ist, wie die ersten Christen dies verstanden: Wir denken unwillkürlich an das Weltende, wenn wir in Joel 3,1ff vom „Tag des Herrn“ lesen. Als aber Petrus in seiner Pfingstpredigt diesen Abschnitt zitierte, setzte er offensichtlich voraus, dass sie erfüllt war – obwohl die kosmischen Zeichen am Himmel (die er selbst erwähnt!) weit und breit nicht zu sehen waren. Die Bildersprache der Apokalyptik verschlüsselte also Aussagen über Gottes Handeln an seinem Volk und in der Welt in dramatischen Bildern, weil die Sache an sich – nämlich dass Gott selbst kommt! – so neu, so unvorstellbar, so grandios war, dass dürre Worte und gängige theologische Begriffe einfach nicht ausreichten. Es geht um das, was sich im Verhältnis zwischen Gott und Menschheit end-gültig abspielt, nicht aber um das buchstäbliche Ende in einer kosmischen Katastrophe. Auch die Offenbarung des Johannes ist kein Fahrplan für die Endzeit, in dem ein Ereignis nach dem anderen programmgemäß abläuft, und in dessen Koordinaten man auch noch alttestamentliche Prophetien beliebig einfügen könnte. Eher schon ist sie ein surrealistisches Theaterstück auf mehreren parallelen Ebenen. Was tatsächlich wann und wie passieren wird, können wir aus diesen Metaphern nie genau ableiten.

Wenn man überhaupt nach einem Kriterium sucht, um unsere endzeitliche „Position” zu bestimmen, dann vielleicht dieses: Das Evangelium von der Herrschaft Gottes wird allen Völkern bekannt gemacht. Zu diesem Punkt finden wir in der Schrift ganz konkrete und eindeutige Formulierungen (vgl. Mt 24,14). Es mag noch einigen Aufwand erfordern, aber wir können diesen Faktor zumindest aktiv beeinflussen: Durch Gebet, indem wir gehen, und indem wir ganzheitliche Mission vor Ort und in aller Welt fördern: All das, was den passiven „Horoskop-Christen“ kaum noch gelingt, weil sie lediglich das persönliche Plätzchen im Himmel anstreben.

Wann kommt das Weltende?
Für Jesus und die Autoren des Neuen Testaments gab es nur zwei unterscheidbare Zeiten: den jetzigen und den kommender „Äon” (griechisch: „Aion“ für Zeit, Welt, Weltzeitalter). Deswegen laufen all die gelehrten Theorien des Dispensationalismus ins Leere, die ein System verschiedenster Zeitalter konstruieren. Noch ein wenig komplizierter wird die Sache dadurch, dass alter und neuer Äon sich überlappen: Wer unter Gottes Herrschaft lebt, lebt schon jetzt unter den Bedingungen der neuen Zeit, während im alten Äon das „Fleisch”, die Sünde und der Tod regieren. Für die jüdischen Zeitgenossen Jesu und der Apostel war es enorm schwer zu verstehen, dass nicht der „Tag des Herrn“, wie sie immer angenommen hatten, der alten Weltzeit ein radikales Ende setzt und die neue einläutet, sondern dass sich der neue Äon in der Person Christi und im Wirken des Geistes mitten in den alten sozusagen hineingemogelt hat. Jesus selbst spricht von Geburtswehen: Der Einbruch des Neuen verursacht erhebliche Spannungen. Es kommt, es ist sogar schon da, aber noch nicht in allen Einzelheiten sichtbar – wie in einer Schwangerschaft. Die Auswirkungen sind verwirrend: Mal erleben wir Wunder und Heilungen, mal bleiben sie unerklärlich aus. Einerseits kennt die Kirche Jesus als den Sieger, gleichzeitig leidet sie an so vielen Orten unter den schon besiegten, aber nicht völlig entwaffneten Mächten der Welt, die kopflos um sich schlagen.

Deshalb war die Botschaft Jesu nicht: „Werdet anständige Christen, dann kommt ihr auch später in den Himmel.” Er ließ keinen Zweifel daran, dass der Himmel hier und heute zu ihnen gekommen war: Durch Vergebung der Sünden, Heilung von Krankheit, wiederhergestellte Würde und soziale Beziehungen. Für jeden, der sich der Herrschaft Gottes öffnet, hat der Himmel, hat die neue Schöpfung schon begonnen (2.Korinther 5,17). Das Ende der alten Weltordnung steht jedoch noch aus bis zur Wiederkehr des Auferstandenen. Und zwischen diesem ersten und dem zweiten Kommen des Messias Jesus liegen „die letzten Tage“, wie Petrus in Apg 2,17 sagt. Diese Zeit ist durch kein anderes Ereignis qualifiziert als diese beiden Pole. Solange sie aber andauert, ist christliche Nah-Erwartung immer ein Kennzeichen lebendigen Glaubens (Philipper 4,4f).

Vollendung oder Vernichtung?
In vielen unserer Bibelübersetzungen verstecken sich hinter dem deutschen Wort „Welt” die griechischen Begriffe „Aion“ und „Kosmos”; der erste bezieht sich auf „Welt“ in ihrer geschichtlich-zeitlichen, der zweite auf Welt in ihrer räumlich-materiellen Dimension. Wenn nun (wie in Matthäus 28,20) vom „Ende der Welt” die Rede ist, steht dort „Aion“; die Aussage bezieht sich also auf das Ende des gegenwärtigen Zeitalters der Unterdrückung und Zerstörung, nicht aber auf ein Ende dieser Erde.

Der Kosmos, unsere geschaffene Welt, geht also nach Paulus nicht keinem gigantischen „End-Knall” entgegen, sondern wird von seiner Verfallenheit an den Tod und die Vergänglichkeit erlöst (Römer 8,19ff). Hand in Hand mit dieser Erwartung der Vollendung der Welt geht der Gedanke der leiblichen Auferstehung. Und beides trägt die Handschrift Gottes, der schon Noah zugesagt hatte, dass er seine Schöpfung nicht der Vernichtung preisgeben würde, und dem sogar die Tiere Ninives leid taten. Die populären christlichen Szenarien vom globalen Super-GAU haben also keine tragfähige biblische Grundlage. Ihre Denkrichtung widerspricht dem Wesen Gottes zutiefst. Die Lust am Untergang, die aus vielen Passagen dieser Schriften spricht, ist eher eine traurige Perversion des Evangeliums vom menschgewordenen Gott, der sich mit seiner Schöpfung so total identifiziert.

Vollendung statt Vernichtung bedeutet, dass Gemeinschaft und Beziehungen unter neuen, erlösten Bedingungen fortdauern und wir frei werden von Krankheit, Verfall und Tod (Auferstehung). Es bedeutet die Durchsetzung von Gerechtigkeit und Befreiung von der Macht, den Folgen und der Gegenwart von Sünde in der Welt (Gericht). Die Schöpfung erhält ihre ursprüngliche Herrlichkeit zurück. Gott wird alles in allem sein.

Wer hat an der Uhr gedreht?
Uns allen läuft die Zeit in Sekunden, Stunden und Jahren unaufhaltsam und unumkehrbar davon. Gott aber hat eine andere Zeitperspektive als wir, viel weniger linear und gleichmäßig. Lange passiert scheinbar nichts, dann alles auf einmal. Tausend Jahre sind wie ein Tag (2. Petrus 3,8ff) – das ist kein neuer Umrechnungsfaktor (etwa für das „tausendjährige Reich“…?), sondern es bedeutet: unsere Kategorien spielen bei ihm keine Rolle.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn es von Jesus heißt, dass er Alpha und Omega ist, Anfang und Ende. In Jesus nämlich hat Gott mitten in der Geschichte das getan, was alle erst am Ende der Geschichte erwartet hatten: Das Problem der Sünde und des Bösen gelöst, Gottes Herrschaft in Kraft gesetzt, sein Volk befreit von diesen seinen wahren Feinden. In Jesus, dem Erstgeborenen von den Toten, ist die erlöste neue Schöpfung schon sichtbare Wirklichkeit geworden. Für uns steht die Vollendung noch aus, aber im Heiligen Geist haben wir die unwiderrufliche „Anzahlung” und den definitiven Vorgeschmack schon jetzt. Ein Freund von mir sagte daher: „Jede Generation steht mit dem Gesicht zur Ewigkeit.“ In bestimmter Hinsicht sind wir alle der Vollendung gleich nah.

Vermutlich aber sollten wir noch einen Schritt weitergehen und sagen: Wir leben nicht in den letzten Tage des alten Zeitalters, zumindest nicht in dem Sinn, wie es das Judentum zur Zeit Jesu sich das Ende weithin als Zuspitzung der Geschichte und Abrechnung Gottes mit den Heidenvölkern vorstellte. Stattdessen erleben wir die ersten Tage der neuen Welt! Wir blicken bereits zurück auf den alles entscheidenden Wendepunkt: Das Kreuz und das leere Grab. Die größte Revolution der Weltgeschichte hat ihren entscheidenden Durchbruch bereits erzielt, das alte System ist überwunden, auch wenn noch erbitterte Rückzugsgefechte stattfinden.

Das bedeutet, dass wir in eine Zukunft gehen, die nicht immer einfach, aber die offen ist. Es gibt keinen in allen Einzelheiten festgefügten Plan, nach dem die Weltgeschichte unweigerlich abläuft. Diese Vorstellung würde uns nur ein in falscher Sicherheit wiegen, weil die Welt berechenbar scheint. Wir brauchen also weder wie gebannt auf immer schlimmere Katastrophen zu warten, noch können wir uns darauf verlassen, dass die globale Erweckung von selbst kommt. Es liegt auch nicht alles an Israel und unserer Einstellung gegenüber dem Judentum. Vielmehr ist die Frage, ob wir wach genug sind, jede Gelegenheit zu nutzen, um hier und heute mit Gott Geschichte zu machen. Die Verantwortung liegt bei uns. In den ersten Tagen der neuen Schöpfung zu leben bedeutet: Die Zukunft hat eben erst begonnen.

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Transforming Spirituality (2): Weise werden

Die versprochene Fortsetzung hat doch länger gedauert, als ich dachte. Eigentlich wollte ich Kapitel für Kapitel lesen und zusammenfassen, nun habe ich aber doch den ganzen theologischen Teil am Stück gelesen, um mich besser hineinzufinden. Da schon das Buch recht dicht formuliert ist, wird es in dieser (nicht gerade kurzen) Zusammenfassung auch recht anspruchsvoll. Aber vielleicht wirft es ja doch einige Denkanstöße ab oder animiert manche(n) zum Selberlesen:

Die theologischen Kapitel sind parallel aufgebaut: LeRon Shults verfolgt hier das Verlangen nach Weisheit zuerst kurz und knapp durch die Schrift, dann durch die christliche Tradition. Daraufhin fragt er nach dem Beitrag von Philosophie und Naturwissenschaft im Dialog mit Schrift und Tradition und zieht die Schlussfolgerungen in Anlehnung an die Grundgedanken des Wachstumsmodells, das Spiritualität als Intensivierung und fortschreitende Differenzierung der Persönlichkeit im Gegenüber zum Nächsten und zu Gott versteht.

“Spirituelle Transformation” setzt an bei dem menschlichen Verlangen, zu erkennen und erkannt zu werden und zielt ab auf ein “Teilnehmen an der ewigen Intimität, die das Leben des dreieinigen Gottes ist”. Sehnsucht nach Weisheit hat nicht nur den kognitiven Aspekt, sondern mit der Qualität gelebter Beziehungen.

In der Schrift begegnet die Weisheit in personifizierter Gestalt und sie lädt den Menschen ein, ihr leidenschaftlich auf der Spur zu bleiben. Die Weisheit hat eine enge Bindung an die göttliche Kreativität und Vorsehung, wer Anteil an ihr hat, kommt in das rechte Verhältnis zu Gott. Umgekehrt zeigt die Geschichte von Sündenfall, dass Weisheit (und mit ihr viel praktisches Wissen und Fertigkeiten) an die enge Beziehung zu Gott gebunden ist und nicht an Gott vorbei erreicht werden kann. Dies wird im Neuen Testament christologisch interpretiert. Weisheit (und Wahrheit) wird nicht einfach rational erkannt, sondern offenbart sich relational als befreiende Gegenwart Gottes.

In der christlichen Tradition kontemplativer Spiritualität ging es immer darum, Gott zu erkennen und von ihm erkannt zu werden, allerdings waren die anthropologischen und kosmologischen Denkvoraussetzungen hier und da problematisch. Augustinus stellt fest, dass Menschen dieses intime gegenseitige Erkennen (und die Wahrheit, auf die menschliches Denken immer schon gerichtet ist) einerseits ersehnen, andererseits fürchten. Die apophatische Theologie betont, dass der endliche Verstand den unendlichen Gott als Gegenstand des Wissens nicht fassen kann. Nikolaus von Cues kann so ein unendliches Wachsen der Gotteserkenntnis annehmen, das dennoch immer die Demut “gelehrter Unwissenheit” bewahrt. Bonaventura schließlich sieht das Einssein mit Gott und mystische Weisheit als Resultat eines Sterbens des eigenmächtigen Intellekts an. Während die Reformation viele dieser Ansätze noch bewahrte, brachte die Aufklärung eine Trennung zwischen objektivem Wissen und subjektiver Spiritualität. In jüngerer Zeit hat unter anderem diesen Dualismus Gustavo Gutierrez kritisiert und ein Verständnis von intellektuellem und spirituellem Erkennen eingefordert, das in der Spannung von Verheißung und Erfüllung diejenigen befreit, “deren persönliche Beziehungen schmerzhaft gebunden sind”.

Philosophisch brachte die Aufklärung die Lösung der Wahrheitsfrage von ihrem Bezug auf das Göttliche, die konsequente Trennung von Glauben und Wissen, und die Erfolge der Naturwissenschaften führten zu einer optimistischen Einschätzung menschlich-rationaler Erkenntnisfähigkeit. Spät- bzw postmodern wird dies in Frage gestellt. Paul Ricoeur plädiert für ein narratives Verstehen, das eine größere Nähe zu praktischer Weisheit und ethischem Urteil pflegt. Wahrheit und Erkennen haben neben der rationalen auch eine soziale Dimension, menschliche Identität (individuell und kollektiv) hängt eben an Geschichten.

Naturwissenschaftlich lässt sich menschliches Denken von körperlichen Vorgängen und Empfindungen nicht trennen (daher ist der neoplatonische Ansatz so problematisch), kann aber auch nicht auf diese reduziert werden. Der Gedanke der Evolution macht es möglich menschliches Werden als ein ausgerichtet Sein auf die Gottes Zukunft zu denken, der dann nicht mehr in einem zeitlosen “oben” residiert.

Alles Erkennen ist geistlich, weil es seinen Grund in Gott hat, von dem, durch den, und auf den hin alle Dinge sind. Insofern ist die Suche nach Weisheit und Erkenntnis dem von Gott geschaffenen menschlichen Geist schon mitgegeben. Sie wird aber intensiviert, indem der Mensch durch den Geist Gottes Anteil bekommt an der Erkenntnis Christi. An dieser Stelle bringt Shults das Konzept einer dialektischen Identität ins Spiel, die mit Paulus sagen kann “ich, aber nicht ich, sondern Christus”. Der menschliche Geist wird vom Geist Gottes weder strikt getrennt noch geht er in diesem auf oder unter. Menschliche Identität setzt immer schon eine Gegenüber voraus. Sie entsteht im Ringen darum, von diesem Gegenüber weder erdrückt noch verlassen zu werden. Die Gegenwart des Geistes, der mehr als ein endliches Gegenüber und uns damit näher ist, als wir selbst und andere es sein können, öffnet uns für eine Erkenntnis unserer wahren Identität. Biblische Weisheit entsteht in der innigen Beziehung zum trinitarischen Wesen und Leben Gottes, und nicht mehr in der defensiven Abgrenzung gegenüber allem Andersartigen, sondern in der Versöhnung der Unterschiede. Der Erwartung und Sehnsucht des werdenden menschlichen Geistes entspricht die Zukünftigkeit des göttlichen Kommens. Geschöpfliches Wissen erinnert sich an die Vergangenheit und ist durch den Geist Gottes auf die Zukunft hin orientiert. In diesem Sinn eröffneter Zukunft bedeutet Gott zu erkennen auch ewiges Leben (Joh 17,4).

Geistliches Erkennen bedeutet, an der Gotteserkenntnis Christi und am Leben des dreieinigen Gottes (2. Petr.1,4) teilzuhaben. Es geht damit über die Zustimmung zu Satzwahrheiten weit hinaus. Die Ostkirche hat das mit dem Begriff der Vergöttlichung des Menschen beschrieben, die christologisch und pneumatologisch vermittelt wird. Wenn das Wesen Gottes in diesem intimen, gegenseitigen trinitarischen Erkennen und Erkanntwerden besteht, hebt sie die geschöpfliche Endlichkeit nicht auf und verwischt die Differenz zum Schöpfer nicht, öffnet sie aber für dessen Wirken. In diesem relationalen Sinn bedeutet Glauben (und damit das rechte Verhältnis zu Gott), sich an Gottes Treue und die Treue zum Nächsten zu binden. Identität und Persönlichkeit wird dadurch nicht ausgelöscht, sondern entsteht so erst richtig. Und auf Pilatus‘ Frage nach der Wahrheit antwortet Jesus nicht mit Worten, wohl aber mit seiner gesamten Passion und Auferstehung, in der sich Gottes Ziel für seine Schöpfung offenbart.

Identität bildet sich in Beziehungen aus und das natürliche Verlangen nach Intimität, das menschliches Erkennen antreibt, wird in und durch die Beziehung zum Geist Gottes umgestaltet, der alle Dinge erhält. In diesem Vertrauen und der bewussten Abhängigkeit von Gott wächst eine neue Identität heran (vgl. Kol 1,9f; 2,16; 3,10.16). Zweifel ist dabei nicht das Gegenteil des Glaubens, sondern häufig ein Zeichen dafür, wie sich eine Spannung entwickelt, die ein tieferes Erkennen und erkannt Werden nach sich zieht. Möglich wird dies durch die Erfahrung der Nähe und Treue Gottes. Der menschliche Geist wird so (1.) geläutert von der Neigung, andere manipulativ an sich zu binden, um so das eigene Ego als Schutzfunktion der verletzlichen Identität zu sichern und das Wagnis des Vertrauens und die eigene Angst vor Nähe und Intimität zu umgehen. Das wiederum ermöglicht eine erleuchtete Sicht auf die Welt und den Empfang einer neuen Identität, für die auch die Nähe Gottes keine Bedrohung mehr darstellt. Der menschliche Geist findet zur Ruhe in Gott und zur Einheit mit dem Geist Gottes.

Konkret verwirklicht sich diese Transformation im Gebet, das wie die Weisheit eine Intensivierung der innigen Erfahrung des Geistes darstellt. Dazu muss das Gebet die Funktion der reinen Bitte überwinden, die oft noch narzisstisch gefärbt ist, und sich auf den Schmelztiegel der Intensivierung einlassen und so von der Sorge um diesen oder jenen Gegenstand hin zur (kontemplativen) Freude am Erkennen und erkannt Werden finden. Damit wird Gebet vom isolierten Akt zur grundsätzlichen Äußerung eines andauernden Lebens im Geist.

Dieser Weg, das eigene Selbst mit Gottes versöhnender Treue zu identifizieren, verändert unsere Antwort auf die bei Evangelikalen übliche Frage: “Wie viele Menschen hast Du diese Woche zum Herrn geführt?” So erkundigt man sich in der Regel nach der Zahl der Menschen, die ein bestimmtes formelhaftes Gebet nachgesprochen haben. Aber wenn wir Gebet als ein Teilnehmen an der Treue Gottes verstehen, als eine befreiende Erfahrung, wie unsere Absichten (“intentionality”) durch die erleuchtende Gegenwart göttlichen Lebens verwandelt werden, dann werden wir diese Frage ganz anders beantworten. Eine Person zum Herrn führen heißt, sie einzuladen zu einer neuen Weise des Wollens (intending) und Umsorgtseins (being-tended-to) in ihrer Beziehung zu Gott durch Christus im Geist. In diesem Modell können wir hoffentlich die Anfrage so beantworten: “Ich habe jede Person, der ich diese Woche begegnet bin, zum Herrn geführt, nicht nur die am Rande meines Lebens, mit denen ich kurz gesprochen habe, sondern auch meine Familie und meine Mitchristen.” (S. 91/92)

Gottes Gegenwart zu praktizieren (um Bruder Lorenz‘ Formulierung zu verwenden) bedeutet, selbst treu für andere gegenwärtig zu werden. Diese Art von Weisheit ist offen für andere Menschen und andere Formen des Erkennens – also für das Lernen von Philosophie und Naturwissenschaft.

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Transforming Spirituality (1): Geist und Selbst

Ich habe das erste theologische Kapitel in LeRon Shults‘ Transforming Spirituality (“Reforming Pneumatology”) gelesen. Es ist sehr dicht formuliert und immer wieder verweist er auf die Darstellung seiner anderen Bücher, wenn er dort der Frage nach dem Wesen des Geistes (göttlich und menschlich) nachgeht.

Drei Bewegungen in der neueren Theologie greift er dabei auf: Die Wiederentdeckung der Unendlichkeit Gottes (dessen Geist alles erhält und umfasst), die Rückbesinnung auf das die Lehre von der Trinität (an deren Leben wir Menschen Anteil bekommen) und die Erneuerung eschatologischer Ontologie (der Ruf des Geistes hinein in die ewige Gemeinschaft mit dem unendlichen dreieinigen Gott, ein unendlicher, offener Wachstumsprozess).

Dann kommt Shults auf Kierkegaards relationale Definition von Geist zu sprechen, die so lautet:

Der Mensch ist Geist. Was aber ist Geist? Der Geist ist das Selbst. Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist da an dem Verhältnisse, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält.

Ein solches Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, ein Selbst, muss entweder sich selbst gesetzt haben, oder durch ein Anderes gesetzt sein. Ist das Verhältnis, das sich zu selbst verhält, durch ein Anderes gesetzt, so ist das Verhältnis freilich das Dritte, aber dies Verhältnis, dies Dritte, ist dann doch wiederum ein Verhältnis, verhält sich zu demjenigen, welches das ganze Verhältnis gesetzt hat. Ein solches abgeleitetes, gesetztes Verhältnis ist des Menschen Selbst, ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, und, indem es sich zu sich selbst verhält, zu einem Anderen sich verhält. (Hier gefunden)

Der Geist hat eine zweifache Richtung, die der Selbstorganisation und der Beziehung nach außen, und er erinnert sich der Vergangenheit ebenso, wie er die Zukunft erwartet. Auch hier bewegt sich das lebendige Bewusstsein dialektisch nach zwei Richtungen. Selbstbewusstsein erwächst aus der Spannung zwischen dem Selbst und dem anderen und führt zu einer Intensivierung und Differenzierung des Selbst, das zugleich eine innigere Beziehung zum anderen und insbesondere zu Gott entwickelt.

Der menschliche Geist sehnt sich nach Wahrheit, Güte und Schönheit. Shults macht das zum organisierenden Prinzip seiner Darstellung, das sieht dann so aus:

Shults-Tabellen

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O du lieber Augustin…

Wer bisher noch nicht Scot McKnights Besprechung der “New Perspective on Paul” (kurz: “NPP”, wesentliche Beiträge dazu kamen von Sanders, J. Dunn, N.T. Wright) gelesen hat, sollte nun bei Folge 5 spätestens einsteigen. Hier geht es um die Frage der Sündhaftigkeit des Menschen, wo sich die NPP gegen die Paulusinterpretation der Reformatoren abgrenzt, die Judentum und (Semi-) Pelagianismus verwechseln und in der Sünden- und Gnadenlehre auf Augustinus zurückgreifen. Ihr Hauptgegner ist die “Werkgerechtigkeit”. Eben sehe ich, dass DoSi das alles auf Deutsch bietet.

Gleichzeitig bekommt bei vielen, die heute noch der reformatorischen Interpretation folgen, die Gnade Gottes einen zähneknirschenden Touch. Dazu ein – wie ich finde: sehr treffendes – Zitat aus einem älteren Post auf Jesus Creed:

Diese Leute können nicht über Gnade reden ohne zu betonen, wie verkommen wir sind;
sie können Yancey’s What’s So Amazing…? nicht lesen, ohne zu sagen, das sei nur die halbe Geschichte;
sie können nicht Gehorsam predigen ohne zu sagen, es seien keine “Werke”;
sie können nicht über Gnade sprechen ohne all die zu erwähnen, die auf dem Weg in die Hölle seien;
sie können keine Liebe predigen ohne zu zeigen, dass Heiligkeit hinter allem steckt;
sie können nicht über Gande reden ohne uns daran zu erinnern, dass es nur um Gottes Ehre geht und Gott das alles nicht tun müsse, wir uns also glücklich schätzen können;

anders gesagt: sie können es nicht hinnehmen, dass Gottes Gnade sein Wohlwollen uns gegenüber ist, weil Gott ist, wer er ist (ein gnädiger, liebender Gott) und weil wir sind, wer wir sind: sein auserwähltes Volk, an dem er sich freut und für das er ein Evangelium kunstvoll gestaltet hat, das uns wieder herstellt als Ebenbilder, die in Einheit mit Gott und in Gemeinschaft mit anderen sind.

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Gratwanderungen

Ich war diese Woche zu einem Gespräch eingeladen, das sich um die unterschiedlichsten Glaubenskurse drehte. Dabei wurden natürlich die Unterschiede bedacht und die Frage, wie man Pfarrern und Gemeinden bei der Auswahl helfen kann. Insgesamt ein lebhaftes Gespräch und auch ganz fröhlich.

Was mich noch weiter beschäftigt hat, war die Frage nach dem individualistischen Ansatz vieler Konzepte – zumindest in der Formulierung mancher Themen (“Wie kann ich die Bibel lesen?”) und der Betonung des persönlichen Zugangs der einzelnen betrifft das Alpha Kurse auch ein Stück. Ohne den Inhalt genau zu kennen, hat der Kurs “Expedition zum ICH” von Klaus Douglass und Fabian Vogt da in der Wahl des Titels sicher den Vogel abgeschossen:

“Ich” ist doppeldeutig, es bezieht sich laut Website auf Gott und das Individuum (Augustinus lässt grüßen). Es bleibt trotzdem eine Frage, ob der Titel nur (clever?) an vorhandene Bedürfnisse anknüpft, oder ein weiterer Beleg unserer Tendenz ist, Glaube hier wie an vielen anderen Stellen als Hilfsmittel zur individuellen Selbstentfaltung anzupreisen. Es fehlt zumindest auf den ersten Blick das “wir” und der Blick auf gesellschaftliche Verantwortung. Ich will jetzt nicht wieder in die Kritik von neulich am kommerzialisierten Wohlfühl-Christentum verfallen. Gerade bei Glaubenskursen ist der Mut zur Lücke ja nötig, es ist eben kein Katechismusunterricht über ein Jahr.

Was meint Ihr: Ist das eine notwendige Beschränkung (bzw. sinnvolle Kontextualisierung) oder eine leichtfertige Verengung?

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Zeit und/oder Ewigkeit?

N.T. Wright spricht beim Calvin Institute über “Space, Time, Matter, and New Creation” (der Tipp kam von Tobias). Neben vielen anderen interessanten Details sagt er dort, dass er nicht an eine “zeitlose Ewigkeit” glaubt. Gott hat die Zeit geschaffen, und zwar nicht, um sie wieder aufzuheben. Wir hatten die Diskussion ja neulich schon mal kurz.

Gleichzeitig kann uns in der linearen Zeit die Zukunft quasi entgegen kommen und die Vergangenheit zu uns aufschließen: In den Sakramenten etwa begegnet uns Gott, und mit ihm wird Vergangenes (“das Kreuz”) und Zukünftiges (die neue Schöpfung) plötzlich gegenwärtig und kann unser Hier und Jetzt verändern. Auch wenn man sich an den Gedanken gewöhnen muss – das sind nicht bloß Spitzfindigkeiten.

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Glaube vs. Versicherungen?

Gestern abend hatten wir eine anregende Gesprächsrunde zu der Frage: Braucht ein Christ Versicherungen – und wenn ja, welche?

Wir waren uns schnell einig, dass Christen keine Privilegien bei Gott genießen in dem Sinne, dass ihnen Leid und Schicksalsschläge (trotz Bitten um Schutz) gänzlich erspart blieben. Gottvertrauen mit einer solchen Erwartung wäre etwas zu naiv. Versicherungen sind auch kein echtes Pendant zu magischen Riten, die Unheil abwenden (oder meistens umlenken) wollen. Denn sie werden erst dann aktiv, wenn der Schaden eingetreten ist. Andererseits heißt es in Jeremia 17,5-8:

So hat ER gesprochen:
Verflucht der Mann, der mit Menschen sich sichert,
Fleisch sich zum Arme macht, aber von IHM weicht sein Herz.
Der wird sein wie ein Wacholder in der Steppe: wenn Gutes kommt, sieht er nichts davon,
Flammengrund in der Wüste bewohnt er, salziges Geländ, das nie besiedelt wird.
Gesegnet der Mann, der mit IHM sich sichert: ER wird seine Sicherheit.
Der wird sein wie ein Baum, ans Wasser verpflanzt, an den Lauf sendet er seine Wurzeln:
wenn Glut kommt, sieht er nicht darauf, üppig bleibt sein Laub,
im Mangeljahr sorgt er nicht, läßt nicht ab, Frucht zu bereiten.

Fürs erste (Fortsetzung folgt) also mal diese Frage in die virtuelle Runde: Bezieht sich das nur auf “geistliche” Dinge und “ewiges Heil”?

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Nochmal: Selbstliebe?

Gestern saß ich mit ein paar Leuten zusammen, um einen Titel für eine Veranstaltung zu finden. In einem Vorschlag kam die Formulierung “Vom lieblosen Umgang mit uns selbst und anderen” vor. Ich habe dann erklärt, dass ich dabei etwas Bauchweh habe, und wir hatten ein ziemlich interessantes Gespräch. Um Leute dort abzuholen, wo sie stehen, kann so eine Formulierung durchaus geeignet sein. Aber dass hinter dem Konzept “Selbstliebe” eigentlich das Annehmen der Liebe Gottes stand, wurde bald deutlich.

Ich habe das Thema hier ja schon vor einiger Zeit mal angerissen. Hier also noch ein paar Nachträge meinerseits zur Entwirrung der Begrifflichkeit wie des Sachverhalts:

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Ein paar Dimensionen mehr?

Der Spiegel hat kürzlich berichtet, dass Physiker sich daran machen, die String-Theorie zu beweisen, nach der das Universum nicht aus den uns bekannten vier (dreimal Raum plus Zeit), sondern wenigstens zehn Dimensionen besteht, in denen kleine, eindimensionale Fäden (Strings) unterschiedlich schwingen. Damit sind die Grenzen der Vorstellungskraft erreicht, obwohl Anschaulichkeit in der Mathematik noch nie ein hgroßes Thema war. (Vor einer Weile hat Toby auf eine Predigt und ein Skript von Jens Stangenberg zum Thema “vierte Dimension” verwiesen. Vielleicht ist es für den Anfang einfacher, sich nur eine Extra-Dimension vorzustellen).

Ich frage mich manchmal, ob dieser Gedanke zusätzlicher Dimensionen nicht auch manches erhellt, was uns an den Berichten über die Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus so wundert – und über das, was Paulus in 1. Kor 15,44 über den menschlichen Körper nach der Neuschöpfung schreibt. Wenn Jesus sich in vier Dimensionen frei bewegen kann, etwa auch in der Zeit, dann kann er sich nach Belieben ein- und ausblenden in unseren drei Dimensionen; er kann zugleich unsichtbar und ganz nah sein. So wie ich, wenn ich einen zweidimensionalen Menschen auf einem Foto ansehe oder das Bild in die Hand nehme, ohne dabei zwingend in seinen zwei Dimensionen erkennbar zu erscheinen.

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Ansprechende Theologie

Ich ackere gerade mal wieder N.T. Wright (Jesus and the Victory of God) durch. In einer Lesepause bin ich auf diesen Satz gestoßen:

A lot of theology is seen as boring. It doesn’t seem to intersect with the way we think and talk. To do theology today you have to begin with the films people have seen, the books they have read, the songs they listen to.

Timothy Radcliffe bei der Verleihung des Michael Ramsey Prize

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Barmherzigkeit ist nicht genug

The Church needs the Poor war das verheißungsvolle Thema einer Predigt, die ich mir vor einiger Zeit in Auszügen anhörte. Ich kam allerdings nur bis zu der Aussage, dass die Armen eigentlich gar nicht Sache des Staates, sondern die Aufgabe der Kirche seien.

An dem Punkt bin ich dann irritiert ausgestiegen (die amerikanische Trennung von Staat und Religion treibt schon komische Blüten – in Europa höre ich solche Töne zum Glück selten). Denn praktisch läuft das doch darauf hinaus, dass die Kirche die Opfer der Gesellschaft aufpäppelt, aber nichts dagegen unternimmt, dass es immer weitere Opfer gibt. Im Bild gesprochen: Wir verarzten die Unfallopfer, aber wir ändern die Verkehrsregeln nicht, beziehungsweise die Straßenbeschilderung. Etwas weniger bildhaft: Wir behandeln unsere Sklaven besser, aber wir schaffen Sklaverei nicht ab. Vor lauter Barmherzigkeit bleibt so die Gerechtigkeit auf der Strecke. Und Recht ist nun mal auch und vor allem Sache des Staates, in der Demokratie heißt das also: auch unsere Aufgabe.

Da war ich dann schon froh, bei David Bosch (Transforming Missions, S. 394) zu lesen, wie Gerechtigkeit inzwischen von vielen als integraler Teil christlicher Mission verstanden wird. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber einem einseitig auf Verkündigung “ewiger Heilstatsachen” ausgerichteten Ansatz, der sich auf kirchliches Handeln in einem verengten Sinne beschränkte, den Bosch so beschreibt:

Obwohl also – durch alle Jahrhunderte christlicher Missionsgeschichte – immer ein bemerkenswerter Dienst stattfand im Hinblick auf die Fürsorge für die Kranken, die Armen, die Waisen, und andere Opfer der Gesellschaft, wie auch im Hinblick auf Bildung, landwirtschaftliche Unterweisung und dergleichen, wurden diese Dienste fast immer als “Hilfsdienste” betrachtet, nicht als missionarisch an sich. Ihr Zweck war es, Menschen dem Evangelium gewogen zu machen, sie zu “erweichen”, und damit den Weg zu ebnen für das Werk des wirklichen Missionars, dessen nämlich, der Gottes Wort über das ewige Heil verkündet. In den meisten Fällen wurde daher eine strikte Unterscheidung beibehalten zwischen “horizontalen” oder “äußeren” Schwerpunkten (Nächstenliebe, Bildung, medizinische Hilfe) auf einerseits und den “vertikalen” oder “geistlichen” Elementen auf der Tagesordnung der Mission (etwa Verkündigung, die Sakramente, Gottesdienstbesuch) andererseits. Nur die letztere wirkte sich aus auf die Vermittlung des Heils.

Es gibt also nicht erst Mission und dann Barmherzigkeit, sondern Gerechtigkeit ist ein unverzichtbares praktisches Element des Evangeliums vom kommenden Reich Gottes. Und nichts macht das Evangelium unglaubwürdiger als eine Kirche, die sich um Gerechtigkeit nicht kümmert.

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