Westen lernt vom Osten

Der Anglikanische Theologe und vormalige Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, hat einen schönen kurzen Text über das Herzensgebet geschrieben. Hier ein kleiner Auszug:

Das Gebet ist keine Form von magischer Beschwörung oder Autosuggestion – einfach ein Vehikel, um sich langsam zu lösen von abgelenkten, wandernden Bildern und Gedanken. Die werden auftreten, aber man wiederholt einfach die Worte und bringt die Aufmerksamkeit zu ihnen zurück. Wenn es richtig läuft, dann entsteht so etwas wie ein unscharfes Bild oder etwas im Inneren des Körpers, das sich anfühlt wie ein Hohlraum, eine Höhle, in der der Atem kommt und geht, und darunter liegt der Puls. Wenn man es theologisch ausdrücken möchte, ist es eine Zeit, in der man sich seines Körpers bewusst ist als eines Ortes, an dem das Leben geschieht, und wo daher auch Gott geschieht – ein Leben, das in einem lebt.

So beginnt der Tag mit einem konkreten körperlichen Erinnerung daran, dass deine individuelle Existenz durchatmet wird von einem Leben, über das du nicht verfügst; und in Augenblicken der Spannung oder Angst während des Tages verbindet dich bewusstes Ein- und Ausatmen mit diesem Leben, das nicht dein eigenes ist, lässt die Angst abtauchen und mildert die Spannung – auch wenn es den schmerz oder Zweifel nicht einfach wegnimmt, Probleme löst oder eine Art spirituelles Kribbeln hervorbringt. Es geht darum, wieder verbunden zu sein.

 

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Weisheit der Woche: Schutzengel

Das Interesse an Engeln ist großenteils so oberflächlich wie der Materialismus, dem dieses Interesse sich entgegenstellt. So ist es zum Beispiel tröstlich zu glauben, dass jeder Mensch durch einen Schutzengel behütet wird. Leider scheinen die Schutzengel am besten in Wohnvierteln der Mittelklasse zu funktionieren, in denen Wohlstand herrscht. Weniger gut gelingt es ihnen, Kinder in Armengettos vor Schießereien aus vorbeifahrenden Autos zu schützen.

Walter Wink, Verwandlung der Mächte, S. 24

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20 Jahre nach „Toronto“

In einem Gespräch mit Studierenden an der Augustana-Hochschule, die an der Vorlesung Charismatische Bewegung, Fundamentalismus und Esoterik von Prof. Dieter Becker teilnehmen, kamen wir letzte Woche auf den „Torontosegen“. Das ist ja nun genau 20 Jahre her und die Nachfrage hat ein paar Erinnerungen zurückgebracht.

Manche Phänomene, die in den Berichten oft im Vordergrund standen, haben die einen verschreckt und die anderen fasziniert. Das lenkt aber auch vom Wesentlichen ab. Viel interessanter als die Frage, wie jemand auf dem Boden landete, ist die, was dort mit ihm geschah. Wenn also irgendein ausgepowerter Pastor endlich mal eine Stunde ruhen kann, ohne dass jemand etwas von ihm will, dann ist das gut. Wenn dann unterdrückte Gefühle – Trauer, Verzweiflung, Freude, Dankbarkeit – sich melden, auch.

War da manches überdreht und albern? Natürlich, aber eben auch nicht alles. Der eigentlich problematische Aspekt liegt für mich auf einer anderen Ebene:„Toronto“ war von Beginn an auch ein globales Medienereignis, das Pilgerströme auslöste. Wie schon anno 1906 schwang die Erwartung einer großen Welle mit, eines weltweiten Aufbruchs, sprunghaften Gemeindewachstums, eines triumphalen Dominoeffekts. Erst dieser eschatologisch aufgeladene Erwartungshorizont löste die Welle aus, nicht die mystischen Erfahrungen an sich. Und damit wurde den Pilgern die schwere Last einer Erwartung aufgebürdet, die sie, wie sich zeigte, nicht einlösen konnten. Als die Euphorie verflogen war – viele bemühten sich lange und intensiv, die Welle am Laufen zu halten –, war die Ernüchterung mancherorts um so größer. Das Grundproblem war die Verzweckung geistlicher Erfahrungen.

Zur Ruhe kommen, Gefühle zulassen, das sind wichtige Erfahrungen. Statt sich hinzustellen, um dann vielleicht umzufallen, kann man sich freilich auch gleich hinlegen oder -setzen. Wenn man dabei allerdings auf ein bestimmtes Resultat fixiert ist – ein bestimmtes Gefühl, einen „geistlichen Durchbruch“ oder weltweite Erweckung – dann kann das zum mühsamen Krampf werden.

Der Geist Gottes ist an keinen bestimmten Ort gebunden. Und doch hilft manchen Menschen zu manchen Zeiten ein Ortswechsel, innerlich frei zu werden. Man braucht im Grunde auch keine anderen Menschen, keinen Gesang und andere Stimuli um sich herum. Aber manchen hilft auch das. So wie viele von uns Geld für ein Fitnesstudio bezahlen, weil sie wissen, dass sie selbst nicht (oder nicht oft genug) die Disziplin aufbringen, laufen, radfahren oder schwimmen zu gehen.

Henri Nouwen hat einmal geschrieben: „Im geistlichen Leben bedeutet Disziplin, einen Raum zu schaffen, wo etwas passieren kann, das du nicht schon geplant und mit dem du nicht gerechnet hast.“ Neben der Disziplin (ich nehme mir bewusst Zeit) steckt darin auch eine positive Absichtslosigkeit: Ich bin offen und bereit, mich auf das einzulassen, was jetzt tatsächlich passiert. Matthias Drobinski schrieb passend dazu diese Woche in der SZ:

Wer meditiert und sich ins Gebet versenkt, entkommt dem Zweck und findet den Sinn. Der Gläubige kann sich in seinen Nöten und Ausweglosigkeiten vor seinen Gott werfen und den Fall an die höchste Instanz abgeben: Mach du was draus. Das ist zwecklos, aber nicht sinnlos.

Zeit vor und mit Gott hat, wie jede Liebe und jede Freundschaft, ihren Wert aus sich selbst. In diesem Sinne: „Komm, heiliger Geist!“.

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Morgengebet

Thanks to Thee, God,

Who brought’st me from yesterday

To the beginning of to-day,

Everlasting joy

To earn for my soul

With good intent.

And for every gift of peace

Thou bestowest on me,

My thoughts, my words,

My deeds, my desires

I dedicate to Thee.

I supplicate Thee,

I beseech Thee,

To keep me from offence,

And to shield me to-night,

For the sake of Thy wounds

With Thine offering of grace.

aus den Carmina Gadelica

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Nervige Gottesdienste (4): Gottes großer Garten

(hier geht es zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3)

Von Immunisierung war die Rede: Wir leben in einer abgestumpften Welt. Täglich werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt bombardiert. Diese ständige Begleitmusik kann sensible und verantwortungsbewusste Menschen in die Erschöpfungsdepression stürzen. Bei vielen bewirkt sie aber auch genau das Gegenteil, nämlich eine resignative Teilnahmslosigkeit und ein Desinteresse an der Frage nach den Hintergründen und Ursachen gewaltsamer Konflikte, sozialer Ungleichheit oder des ökologischen Raubbaus, in die wir verstrickt sind, und die uns auch dann etwas angehen, wenn wir nicht überall anpacken können, wo gerade Hilfe gebraucht wird.

Welch ein Glücksfall also, wenn uns prophetische Stimmen stören und aufrütteln: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“, hieß es in einem Flugblatt der Weißen Rose. Eine solche Kritik lässt sich freilich kaum ritualisieren und zum festen Bestandteil unserer mehr oder weniger formellen Liturgie umfunktionieren, sie muss je nach Situation stören und unterbrechen. Wir können allerdings darum bitten, dass solche Störungen geschehen.

Und dann es gibt es ja auch noch das: Ab und zu mutet die Perikopenordnung des Kirchenjahres uns einen sperrigen Text zu, an dem wir uns reiben können. Manchmal greift eine mutige Predigt den Anstoß auf. Das riskante Wagnis der Stille trägt dazu bei, dass wir unsere Selbsttäuschungen erkennen. Und gelegentlich findet man auch Lieder, die uns den Blick auf eine leidende Welt offen halten, zum Beispiel dieser Text der schottischen Pfarrerin Kathy Galloway aus dem Liederbuch der Iona Community:

Zieh dich nicht zurück in deine private Welt

jenen Ort der Sicherheit, geborgen vor dem Sturm

wo du deinen Garten pflegst und deine Seele suchst

und mit deinen Lieben am warmen Feuer ruhst.

Einen Garten zu pflegen ist etwa Kostbares

aber noch wertvoller ist der, den alle betreten dürfen

das Unkraut von Gift, Armut und Krieg

verlangt nach Deiner Aufmerksamkeit, wenn die Erde dein Zuhause ist.

Wir brauchen es also nicht ausschließlich den Propheten zu überlassen, uns immer wieder daran zu erinnern, dass wir in der Begegnung mit Gott nicht nur die Freude, sondern auch seinen Schmerz teilen, und dass wir dieser Begegnung mit seinem Schmerz nicht ausweichen können, wenn es uns um eine echte und tiefe Beziehung zu ihm geht.

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Die Lobpreis-Traditionen sind ja vergleichsweise jung. Vielleicht steckt ja noch Entwicklungspotenzial darin. Ich frage mich seit einigen Monaten, ob wir nicht über eine Erweiterung des Repertoires an Metaphern, Begriffen, theologischen Konzepten nachdenken müssten, die uns dabei helfen, Gottes und unseren Bezug zur Welt stärker in den Blick nehmen. Die Dank und Klage, Freude und Trauer, reines Herz und Hunger nach Gerechtigkeit verbinden. So dass am Ende alle den Gottesdienst verlassen, um draußen in der Stadt wie Mutter Theresas Schwestern zu schauen, wie Jesus sich heute wohl wieder verkleidet hat.

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Nervige Gottesdienste (3): Steil nach oben

(Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2)

Die Sprache des Konsums ist in den meisten Gemeinden längst angekommen und zeigt an, wie sehr sich die dazugehörige Mentalität verbreitet hat. Als Ausdruck dieser Mentalität lässt sich der folgende Liedtext lesen: „Mein Freudeschenker, mein Heimatgeber, mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber, mein Friedensbringer und mein Worteinhalter, mein Liebesspender bist Du.“ Die Sequenz zusammengesetzter Substantive beschreibt die Gottesbeziehung ausschließlich in der Sprache der Funktionalität und der Wirkung auf das individuelle Wohlbefinden.

Viele Christen kommen in den Gottesdienst, um nach eigenen Worten dort „aufzutanken“, etwas „mitzunehmen“ – aber kaum, um zusätzliche Lasten auferlegt zu bekommen, etwa weil sie dort mit Fragen nach sozialer Gerechtigkeit konfrontiert werden, auf die es keine einfache und schnelle Antwort gibt.

Der ausgewiesene Zweck des Gottesdienstbesuchs ist es in diesem Fall, bis zum nächsten Sonntag möglichst reibungslos zu funktionieren, in der Familie und natürlich auch im Beruf, wo man auf göttlichen Beistand hofft, um auf immer ungewisseren Karrierepfaden doch irgendwie den Aufstieg zu schaffen (oder wenigstens den Abstieg zu vermeiden).

Vom Aufstieg ist interessanterweise auch in vielen modernen Lobpreisliedern die Rede: Um dem erhabenen Gott zu begegnen, muss erst ein spiritueller Höhenunterschied bewältigt werden. Statt den in unsere Welt heruntergekommenen Gott zu feiern, der sich (wie etwa Luther unaufhörlich betonte) nur in aufreizender Niedrigkeit einer Krippe und dem bitterem Leid am Kreuz zu erkennen gibt, dreht sich nun wieder viel um sterile Herrlichkeit und Hoheit, um Glanz und Pracht, Gold und Engel.

Das sind zwar auch alles biblische Aussagen. Aber sie waren ursprünglich trotzige Gesänge im Munde einer gefährdeten Märtyrerkirche. Nun sind es Himmelsvisionen eines Christentums, das in Gott die Steigerung und ultimative Erfüllung seiner Wohlstandsideale zu finden meint, und nicht etwa deren radikale Kritik im Namen einer humanen und gerechten Welt für alle.

Und so vermittelt das bei gleichem Wortlaut eine völlig andere Botschaft. Ein ähnlicher Zwiespalt tut sich auf in zahlreichen Tempel-Analogien, die uns in Liedgut und Liturgie begegnen. Sie verschweigen und verdunkeln geradezu die Bewegung Gottes in die Welt hinaus oder vom Himmel herab und erwecken letztlich den Anschein, man müsse dem Alltag und den Mitmenschen erst bewusst den Rücken kehren, um ihm dann zu begegnen. Wenn man so denkt, dann rechnet man kaum noch damit, dass man Gott anderswo antreffen könnte als im Außergewöhnlichen.

Dazu kommt: Wo in diesem Kontext dann tatsächlich vom Kreuz die Rede ist, da steht es oft für die rückstandfreie Entsorgung unserer Schuld und dafür, dass Jesus die Zeche für uns bezahlt hat, damit wir einigermaßen sorglos und unbehelligt weiterleben können. Vom gegenwärtigen Leid unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe ist dabei nur ganz selten die Rede, wie in dem oben zitierten Text dominiert nicht das „wir“, sondern das „ich“. So droht der Gottesdienst hier drinnen zur Immunisierung gegen das Leid der anderen „da draußen“ zu werden.

(Fortsetzung folgt)

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„Nervige“ Gottesdienste (2): Augen zu und durch?

(Hier geht es zu Teil 1)

Nun ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt nichts Falsches, solange sie uns nicht zum Selbstbetrug verleitet – zum Rückzug aus der leidenden Welt, zu einer Spiritualität des Wegschauens. Diese Aufforderung zum „Wegschauen“ ist mir am Beginn vieler Gottesdienste schon begegnet, und insofern sie sich darauf bezieht, dass ich aufhöre, ständig um mich selbst zu kreisen und meine Sorgen und Bedürfnisse als den Mittelpunkt der Welt zu betrachten, sind sie durchaus angebracht. Wo, wenn nicht im Angesicht Gottes, kann ich mich selbst einmal im besten Sinne des Wortes vergessen?

Oft aber sind das auch Aufforderungen gewesen, sich auf Gott unter Absehung vom zwiespältigen Zustand seiner (und unserer) Welt auszurichten. Wir laufen damit Gefahr, aus dem „Himmel“, von dem wir in unseren Liedern so gerne singen, ein hohles Wolkenkuckucksheim zu machen. Im alten Israel hat Gott diesem Hang zur Verdrängung drastisch widersprochen (Amos 5,21-24):

Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie

und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt,

ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.

Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören,

sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos hatte es mit einer Situation zu tun, in der die Kluft zwischen Arm und Reich sprunghaft angewachsen war. Die Oberschicht schottete sich – wie heute das reiche Europa zweifellos überzeugt davon, dass sie ihre Privilegien „verdient“ hatte – vom Leid der Verlierer ab. Armut wurde (wie heute vielfach wieder) als selbstverschuldet verstanden und als Makel behandelt. Wohlstand hingegen galt als ein Zeichen des göttlichen Segens, und um diesen zu feiern, ließ ein Besserverdiener im Tempel auch mal ordentlich was springen. Doch dann stört dieser ungehobelte Partyschreck im Namen Gottes die andächtige Stimmung mit dem Hinweis darauf, dass Gott die ganze Sache stinkt.

Dabei sind, um die Kritik des Propheten noch etwas weiter zu entfalten, keineswegs nur die Lieder das Problem, es können auch die Predigten sein: Als im 19. Jahrhundert das Industrieproletariat entstand, bezeichnete kein Geringerer als Goethe die Predigten des Erweckungspredigers Friedrich Wilhelm Krummacher, die zwar die persönliche Moral, Heiligung und den rechten Glauben betonten, aber die sozialen Missstände unberührt ließen, als „narkotisch“. Friedrich Engels, Sohn eines frommen Fabrikanten aus Wuppertal, fand noch viel drastischere Worte.

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Unvergänglich

Where are the nails that pierced His hands?

Well the nails have turned to rust

But behold the Man

He is risen

And He reigns

In the hearts of the children

Rising up in His name

Where are the thorns that drew His blood?

Well, the thorns have turned to dust

But not so the love

He has given

No, it remains

In the hearts of the children

Who will love while the nations rage

Rick Mullins, While The Nations Rage

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Liebe, Lieder und der Abwasch

Neulich erzählte ein Pfarrer, dass sich manche Gemeindeglieder mit Lobpreisliedern auch deshalb schwer tun, weil Gott darin nicht in der dritten Person erscheint, sondern in der zweiten. Es sind Lieder an Gott und nicht, wie gewohnt über Gott. Im Falle der Lobpreislieder gibt es eine doppelte Analogie zu ihren Gunsten, die bei der Gewöhnung helfen könnte:

Erstens entspricht es der Mehrzahl der biblischen Psalmen, Gott unmittelbar zum Adressaten zu machen (viele der neutestamentlichen Hymnen allerdings wählen die dritte Person).

Zweitens ist das intime „Du“ auch in der Popmusik zuhause, wo die Angebetete (oder Verflossene…) meist auch in der zweiten Person angeredet wird. Bis dahin, dass auf den ersten Blick gar nicht mehr so leicht auszumachen ist, ob da noch ein menschliches Wesen gemeint ist oder ein göttliches. Schön zu sehen aktuell bei Sunrise Avenue und „Lifesaver“. Es sieht fast danach aus, als hätte der Texter sich von Amazing Grace inspirieren lassen, wenn es unter anderem heißt:

Oh, my friend, you’re holding out your hand


I take it like an oar from the depth 


Hey, Lifesaver, I’m drowning in despair 


But you’re fighting for me right until the end. 


You pull me back to land and save me once again.

You help me wash away 


The insane mistakes I’ve made 


And I see it in your face 


My only source of grace

Kleine Randbemerkung: Diese Songtext-Website hat die Zeile „You help me wash away“ mit „Du hilfst mir beim Abwaschen“ übersetzt. So praktisch kann Liebe sein! Andererseits – gar nicht so ganz falsch, das Ganze: Auch in den geistlichen Liedern muss immer Gott den „Abwasch“ erledigen…

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Die Kunst, gastfreundlich und verwundbar zu sein

Vor mir liegt der stattliche Sammelband Christus heute bezeugen: Mission auf dem Weg von Edinburgh 2010 nach Busan 2013. Einer der ersten Texte, die ich gelesen habe, stammt von Michael Bieler aus Hamburg und trägt den Titel „Gastfreundschaft und Verwundbarkeit“. Ich bin an der Formulierung deswegen hängen geblieben, weil sie zwei wesentliche Werte darstellen, die ich durch die Northumbria Community schätzen gelernt habe: Gastfreundschaft und Verwundbarkeit.

Im Blick auf das Missionsverständnis in einer multireligiösen Welt und ganz konkret im Blick auf das Verhältnis zu Migrationskirchen fragt Bieler dort, durchaus provokativ, wie absichtslos Mission eigentlich sein müsste:

Wie leben wir und wie drücken wir die Gastfreundschaft aus, die wir von Gott empfangen haben? Indem wir anderen Raum geben, indem wir bereit sind, uns durch die verändern zu lassen, denen wir Gastfreundschaft anbieten oder von denen wir selbst Gastfreundschaft erfahren. Wenn dieses Verständnis ernst genommen wird, stellt es letztlich in Frage, ob Mission überhaupt Ziele identifizieren kann.

Den Englischen Text kann man hier nachlesen.

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Zwiespältiges Gebet

In einer Sammlung von Gebeten stolperten wir neulich bei einem theologischen Arbeitskreis über eines, das handelte von Menschen, „die wir lieben und denen, die nur du [Gott] lieben kannst“. Ich dachte zuerst, ich hätte mich bestimmt verlesen, aber es schien sich nicht um einen Tippfehler zu handeln.

Es ist eine Sache, die eigenen Grenzen des Liebesfähigkeit einzugestehen. Eine andere ist es, solche Etikettierungen vorzunehmen und anderen zu attestieren, dass sie nach allen menschlichen Maßstäben nichts Liebenswertes an sich haben. Wenn man also jemand fromm beleidigen wollte, dann müsste man das wohl so machen: „Du bist auch so ein Mensch, den nur Gott lieben kann.“

Falls sich jemand Sorgen macht: Das Gebet fiel bei allen Anwesenden durch.

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Babel 2014: Von gemachten und geschenkten Namen

Gestern war die Geschichte vom Turmbau zu Babel mein Predigttext. Ein Satz hat mich besonders zum Nachdenken gebracht. Die Menschen bauen diesen Turm, um sich einen Namen zu machen. Was immer wieder als grenzenlose Hybris getadelt wurde, ist auch die Folge von Angst und Sorge (nebenbei: aktuell beschreibt dieser Artikel in der SZ die identitätsstiftende Wirkung jungsteinzeitlicher Großbauten wie Stonehenge).

In der Selbstvermarktungslogik unserer Wettbewerbsgesellschaft ist das ja ein Riesenthema, dann ist von „Marken“ und „Alleinstellungsmerkmalen“ die Rede, und das hat längst schon die einzelnen erfasst, die sich auf dem Markt „positionieren“ müssen. Selbst christliche Funktionäre haben diese Sprache und Kultur längst verinnerlicht. Hinter dem Pragmatismus, der damit meist verbunden ist, schlummern aber dieselben Ängste – dass man im Ringen um die Aufmerksamkeit anderer zurückfällt, der Marktwert sinkt, dass man nicht mehr gefragt sein könnte, dass andere einen abschreiben, dass man also, um im babylonischen Bild zu bleiben, kauf dem schrankenlosen Marktplatz verloren geht. Und es entstehen dieselben imperialen Phantasien von Erfolg, Einfluss und Geltung.

Die biblische Tradition weist in eine andere Richtung: Wir müssen uns keinen Namen machen. Stattdessen bekommen wir ihn geschenkt, etwa wenn Jesus uns ermächtigt, in seinem Namen als Kinder Gottes zu beten. In diesem Namen finden Menschen das Heil (vgl. Apostelgeschichte 4,12; Römer 10,13) – eine neue Identität, die von dem Druck befreit, uns auf Kosten anderer zu beweisen, und von der Angst, uns zu verlieren.

Der Name Christi ist nicht zu trennen von seinem Weg: Er beginnt schwach, verletzlich und in der galiliäischen Provinz. Er wendet sich den Abgeschriebenen seiner Umgebung zu und provoziert das Personal von Thron und Tempel. Er lässt sich alles nehmen und bekommt vom Himmel alles im Überfluss zurück. Auf diesem geschenkten Weg lässt sich leben.

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Weisheit der Woche: gelebte Wahrheit

Wenn wir zu der Einsicht gelangen, dass wir eine Wahrheit sind, eine Wahrheit, die gelebt werden muss, eine Wahrheit, deren Leugnung nicht nur uns selbst schadet, sondern auch anderen, dann sind wir viel eher geneigt, frei und offen zu reden. Die Unterdrückung dieser Wahrheit ist eine Verletzung der Seele, und die Seele wird auf diesen Irrglauben im Laufe der Zeit reagieren, meistens früher als später.

… Diese komplexe Wahrheit zu verleugnen, die wir verkörpern, fügt nicht nur der Persönlichkeit eine Wunde zu – es verwundet die Welt durch unsere Weigerung, an ihr teilzunehmen, durch das Zögern, unseren einzigartigen Beitrag zum Ganzen zu leisten.

James Hollis, Finding Meaning in the Second Half of Life: How to Finally, Really Grow Up

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