Was ich von Walter Wink gelernt habe

Gestern vor zehn Jahren starb der Theologe Walter Wink. Vielen Dank an Benjamin Isaak-Krauß und Martin Horstmann für den Anstoß, aus diesem Anlass einmal kurz zusammenzufassen, was ich von ihm gelernt habe. Und ebenso an alle, die das Online-Gedenken mit persönlichen Beiträgen bereichert haben!

Als ich im Januar 1999 Walter Winks Powers-Trilogie verschlang – anders kann ich es nicht beschreiben – hatte ich schon einige Jahre hinter mir, in denen mich die Frage umtrieb, 

  • warum so viele Erneuerungsbewegungen in Kirche und Gesellschaft versandeten oder in dem Augenblick konservativ wurden, als sie Einfluss und Macht bekamen, 
  • warum so viele Reformer auf erbitterten Widerstand trafen – nicht nur, wenn sie Fehler machten, sondern erst recht, wenn sie das Richtige taten und sagten
  • warum sich eine überwältigende Mehrheit von Unterdrückten nicht gegen eine kleine (freilich brutale, skrupellose) Mehrheit nicht öfter durchsetzen kann (damals war es das postsowjetische Russland mit Mafia und Oligarchen).

Ich war im Zuge meiner Promotion über den bayerischen Neulutheraner Gottfried Thomasius auf den Begriff des „Gemeingeistes der Kirche“ gestoßen. Thomasius knüpfte an Schleiermacher und Zinzendorf an, aber für ihn war der Gemeingeist der Kirche, der ihre Entwicklung über Generationen und Jahrhunderte hinweg prägte, weder mit dem Geist Gottes identisch, noch ein rein anthropologisches Phänomen. Sondern etwas drittes.

Das passte zu der Beobachtung, dass es im Alten und Neuen Testament die Vorstellung einer „Corporate Personality“ gab, und es korrespondierte mit dem Begriff „Corporate Identity“ in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der 90er Jahre. Da ging es nicht nur um Logos und Briefpapier, sondern auch um die Frage, ob eine Firma oder Institution wegen sexueller Übergriffe verklagt werden kann, die dort – vom System begünstigt und geschützt – geschehen. 

Im neupfingstlich-charismatischen Spektrum hatte ich eher fragwürdige Formen des „geistlichen Kampfes“ kennengelernt, die auf einer spiritualistischen Weltsicht beruhten: Die Welt als Spielplatz von Geistwesen, die durch die Luft schwirrten. Individuelle und kollektive Besessenheiten wurden da diagnostiziert (oder postuliert?), und es blieb den Erleuchteten und Vollmächtigen überlassen, die Dämonen auszutreiben. Freilich gab es auch dort besonnenere, differenzierte Stimmen. Etwa den Neuseeländer Tom Marshall, der eine Verbindung zwischen dem Politischen und dem Spirituellen beschrieb. 

Bei Wink stieß ich auf etliche Schlüsseleinsichten: 

  • Die ganze Wirklichkeit ist geist-leiblich. Es gibt keine leib- und gestaltlosen himmlischen Mächte, aber alles Soziale und Materielle hat auch eine geistig-geistliche Dimension. 
  • Soziale Strukturen und Systeme sind „gefallen“ in dem Sinn, dass sie den Selbsterhalt über das Gemeinwohl stellen. Sie können erlöst werden, aber auch ins Dämonische kippen.
  • Menschen erleben die Konfrontation mit überindividuellen Mächten entweder als Erfahrung von Ohnmacht und Resignation oder als wahnhafte, berauschende Überlegenheit ihres Kollektivs (Aufmärsche, Pogrome, Propagandainszenierungen).
  • Die Konfrontation zwischen Reich Gottes als „Domination Free Order“ und Welt als „Dominiaton System“, die den Gedanken an ein christliches Imperium als Irrweg und Täuschung entlarvt und die Skepsis des frühen Mönchtums und der Täufer gegen weltliche Macht in Kirchenhand bekräftigt.
  • Eine nicht-triumphalistische Ekklesiologie: Die christliche Kirche kann und wird die Mächte der Welt nicht immer (schon gar nicht sofort) bezwingen. Ihre Rolle (und ihre Größe) liegt, wie Wink unter Verweis auf Ignatius von Antiochien immer wieder betont, darin, dass sie von den Mächten gehasst wird, weil sie ihnen den Spiegel vorhält und ihre falschen Ansprüche entlarvt. 

Wink war für mich immer eine prophetische Gestalt, aber erst ein Blick in seine Autobiographie „Just Jesus“ hat mir den visionären Charakter seiner Theologie erschlossen und die poetische Kraft seiner Sprache verständlich gemacht. Er beschreibt darin eine intensive Geisterfahrung, die er als Student während der Ferienarbeit in einer Pfingstgemeinde in Oregon hatte, und an die er später als Dozent an der Universität nach Jahren der Sprachlosigkeit wieder anknüpfen konnte. 

Vor allem ist dieser poetisch-prophetische Impuls in seinen Ausführungen zum Gebet spürbar zu Fürbitte und dem Lob Gottes. Und in der mystischen Erfahrung des Sterbens mit Christus gegenüber den Powers that Be.

Die Welt hat sich seit den Neunzigern massiv verändert. Wir müssen Winks Theologie weiterdenken und fortschreiben: Wie gehen wir mit Desinformation und Hass im digitalen Zeitalter um? Wie leben wir im Angesicht der Mächte des globalen Finanzkapitalismus, der sich demokratischen Kontrollen entzieht, und der Superreichen, die ihre obszönen Gewinne in Steueroasen verstecken? Was haben wir den Mächten und Gewalten des Anthropozäns entgegenzusetzen, die Klimakatastrophe und Artensterben verursachen? Und wie kann gelebte Spiritualität Menschen ermächtigen, die sich all dem gegenüber ohnmächtig fühlen und überfordert sind?

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