Ein ziemlich originelles Weihnachtsvideo aus Neuseeland
Gefunden bei Krish Kandiah

auf zu neuen Ufern
Kann man so jemand noch ernst nehmen? Wenn ja, dann darf man ihm das nicht ohne Widerspruch durchgehen lassen: Der religiöse Rechtsaußen James Dobson wendet einen beliebten Trick an, den wir schon aus anderen Zusammenhängen kennen (Nero und der Brand von Rom, Goebbels und das Feuer im Reichstag von 1933):
Dobson nutzt die Katastrophe, um sich in der eigenen Selbstgerechtigkeit zu bestärken und die anderen so schlecht wie möglich zu machen. Er kritisiert, was er schon immer kritisiert hat und beschuldigt die, die er schon immer beschuldigt hat, nur jetzt mit apokalyptischen Obertönen. Unter den Kommentaren zu dieser Meldung fand ich ein schönes Zitat von Anne Lamott:
“You can safely assume you’ve created God in your own image when it turns out that God hates all the same people you do.”
Leider muss man fürchten, dass Dobson nicht der einzige ist, der auf diesen plumpen Mechanismus der Projektion hereinfällt. Zu viele Leute suchen nach einem Blitzableiter für ihren Frust und ihre Verbitterung und fragen nicht lange, wenn man ihnen ein „geeignetes“ Ziel präsentiert. Und manche von denen besitzen Schusswaffen…
Nachdem ich rund um das Emergent Forum vor drei Wochen hier viel zum Thema „Mächte und Gewalten“ geschrieben habe, haben wir für den Advent eine kleine Reihe Predigten über die Apokalypse begonnen. Und wie ich sehe, hatte Walter Faerber denselben Gedanken.
Einen kleinen Einstieg in das mysteriöse Buch am Ende der Bibel habe ich mit dieser Predigt versucht und am Ende auch ein paar knappe Überlegungen angestellt, was das heute für uns bedeuten könnte. Wer mitlesen möchte:
Rückblickend würde ich sagen: Wenn jemand bei diesem trüben Wetter mit verspiegelter Sonnenbrille im Frida-Supermarkt herumläuft, muss man eigentlich misstrauisch werden. Der Typ an der mittäglich geschäftigen Kasse war eindeutig auf Krawall gebürstet. Er hatte fünf identisch aussehende Flaschen Bier aufs Band gelegt und erklärte der armen Kassiererin, zwei davon würden 87 Cent kosten (da aus dem Kühlschrank) und drei 82 Cent, die seien warm.
Der Barcodescanner hatte erwartungsgemäß keinen Temperaturfühler und berechnete einheitlich 87 Cent. Der Mann mit der Puck-Brille bestand auf einer Kontrolle der Preisschilder am Regal durch die Geschäftsführerin, dann auf einer Stornierung der Eingabe und der Auszahlung der fälschlich berechneten 15 Cent. Zur – bemerkenswert gelassenen – Dame an der Kasse sagte er in oberlehrerhaftem Tonfall:
„Ich weiß sie können nichts dafür. Aber wenn ich einen Scheißtag habe, dann habe ich ihn nicht allein!“
Nachdem er – die Schlange wurde inzwischen länger und länger – endlich seinen sagenhaften Gewinn eingestrichen hatte, kontrollierte er den Kassenzettel ein zweites Mal und fing schon an, erneut zu reklamieren, bis ihm auffiel, dass sich diesmal tatsächlich er selbst getäuscht hatte. Er verließ den Laden langsam und beim Hinausgehen holte ich ihn ein, klopfte ihm auf die Schulter, gratulierte zu dem beeindruckenden Auftritt an der Kasse und schwor mir im Stillen: Das nächste Mal schalte ich schneller, verderbe ihm das Spiel und zahle die 15 Cent selber.
Hoffen wir mal, dass er heute niemandem mehr begegnet, der noch einen schlimmeren Scheißtag hatte als er…
Andrea Schwarz vergleicht in Eigentlich ist Weihnachten ganz anders: Hoffnungstexte unsere vorweihnachtliche Eile mit dem biblischen Eilen der verschiedenen Akteure rund um Jesu Geburt (Weise, Hirten, Engel und natürlich Josef und Maria auf dem Weg, der Flucht, später dem Rückweg). Und schreibt dann:
Es gibt ein Unterwegs-Sein, damit das Fest so schön wird wie letztes Jahr, damit man allen Erwartungen gerecht wird, damit bloß kein Streit entsteht, damit alle zufrieden sind – oder anders gesagt: damit alles so bleibt, wie es ist.
Und es gibt ein Unterwegs-Sein, weil in mir etwas in Bewegung gekommen ist, weil da etwas Neues geschieht, weil es eine Verheißung gibt, eine Zusage, eine Hoffnung, ein Licht, einen Stern – oder anders gesagt: damit nichts so bleibt, wie es ist. […]
Die spannende Frage scheint zu sein:
Sind wir unterwegs um sitzen zu bleiben oder um neu aufzubrechen?
Gestern Abend hatte ich das Vergnügen, Peter Jacksons „Hobbit“ im O-Ton zu genießen, mit einem großartigen Martin Freeman, einem überraschend witzigen Gollum und Gandalfs verräterischem, weil für den Film programmatischen Satz „a good story deserves embellishment“. Passend dazu lese ich heute:
Kinder brauchten Märchen, so hieß es bei Bruno Bettelheim; in der Aufklärung steckengebliebene Gesellschaften brauchen Fantasy.
… Hier tobt auch der Kampf zwischen Fundamentalisten und Mystikern, zwischen Determinismus und Menschlichkeit. Und ist ein Hobbit wirklich irrealer als ein Xetra-Dax? Er wurde jedenfalls mit etwas mehr Liebe erfunden.
In unserem Adventsgottesdienst heute stand die „Thronsaalvision“ aus der Offenbarung des Johannes (Kapitel 4-5) im Zentrum. Passend dazu haben wir etliche Lieder – als und neu – gesungen, die sich der Bilder und Symbole dieses Textes bedienten. Daniel Hufeisen wies dann in seiner Predigt darauf hin, dass neben vielen alttestamentlichen Bezügen vor allem auch die Thronbesteigungszeremonie der römischen Kaiser im Hintergrund dieser Schilderung steht.
Man kann das also so lesen: Da wechselt diese kleine religiöse Minderheit den erhabenen Kaiser in der ewigen Stadt Rom gegen ihren in Schmach und Schmutz gekreuzigten Messias. In den Augen des Systems eine ähnliche Persiflage auf die wahren Machtverhältnisse wie zwei Generationen zuvor der Einzug Jesu am Palmsonntag in Jerusalem auf einem königlichen Reittier, mit Jubelrufen, Palmen und Mänteln auf der Straße und aller messianischen Symbolik, die man ad hoc aufbieten konnte. Sein Gegenstück findet dieser Einzug dann in der Symbolik der Dornenkrone und des Titutlus am Kreuz.
Nicht nur wird mit dieser Schilderung des Johannes der Machtanspruch der Herrschenden ironisiert, es wird auch ein paradoxer Machtanspruch aufgerichtet, der allen sichtbaren Machtverhältnissen spottet.
Und jetzt meine Frage: Wenn das eine Parodie ist, müssten unsere Lieder das nicht irgendwie widerspiegeln? Wird man ihr gerecht, wenn man sie einfach so ungebrochen und aus dem Zusammenhang gerissen vertont und wiederholt, und dabei die antike Symbolik (die uns heute ganz fremd geworden ist) für bare Münze nimmt, ihr also die herrschaftskritische Spitze damit abbricht?
Ich habe immer ein mulmiges Gefühl bei diesen Liedern, in denen sich die königlichen Attribute und Unterwerfungsgesten so massiv häufen. Erstens sind solche Texte im Laufe der Geschichte immer wieder zur Legitimation „christlicher“ Herrschaft (sei es Papst oder Kaiser, ich habe gerade wieder drei Tage Kirchengeschichte des Mittelalters unterrichtet) herangezogen worden, als säße Gott an der Spitze einer Machtpyramide, auf deren mittleren Rängen dann Könige und Adel folgen und der Rest – wir – auf den untersten Etagen, ohne das Recht aufzumucken.
Gott so naiv als orientalischen Potentaten (der römische Kaiserkult kam ja aus dem Osten!) hinzustellen hat zudem auch etwas total Unwirkliches in unserer Welt, die so sehr ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen scheint und in der ganz andere Mächte den Ton angeben. Vielleicht kommen wir viel näher hin, wenn wir (analog zur Johannesoffenbarung) den Kult unserer Zeit, seine Machtdemonstrationen und seine Heilsversprechen ironisch brechen und ihr die ganz andere Macht Gottes gegenüberstellen?
Seit den Tagen Speners und Zinzendorfs hat der Pietismus eine Selbstbeschreibung, die neben den drei reformatorischen „sola“ einerseits auf Differenz und Kontrast nicht nur zur säkularen Gesellschaft (die entstand damals gerade erst), sondern auch zur verweltlichten Kirche setzt (ähnlich wie, ich sagte es schon, die Täufer und zuvor im Mittelalter das Mönchtum). Was als Öffnung und Erneuerung begonnen hatte, wurde bald zu einer theologisch und politisch konservativen Strömung. Der autoritäre Friedrich-Wilhelm I. von Preußen, bekannt als „Soldatenkönig“, kam zum Beispiel glänzend klar mit den hallischen Pietisten.
Das andere Element war das Streben nach Reinheit. Im 19. Jahrhundert kam der Puritanismus der Heiligungsbewegung aus den USA nach Europa, Anfang des 20. Jahrhunderts dann der Fundamentalismus, ein Denken, das sich bei uns häufig hinter dem Schlagwort „Bibeltreue“ versteckt. Im Unterschied zum vorkritischen Bibelverständnis des alten Pietismus (das durchaus noch Offenheit für – freilich moderate – Bibelkritik entwickelte) wurde in den USA unter dem Eindruck der radikalen historischen Kritik und der Ausbreitung des philosophischen Atheismus im 19. Jahrhundert eine dezidiert antimoderne und antiliberale Theologie entfaltet.
Nun kann man an der Moderne und an der liberalen Theologie mit guten Gründen Kritik üben und tatsächlich geschieht das ja beispielsweise im Zuge des postmodernen Diskurses. Der theologische Fundamentalismus jedoch hat sich mit seinem Absolutheitsanspruch in einem geschlossenen Weltbild eingemauert, aus dem kaum ein Weg mehr nach draußen führt. 100 Jahre vor der Veröffentlichung der Fundamentals hatte Friedrich Schleiermacher noch gefragt: „Soll der Knoten der Geschichte so auseinandergehen: Das Christentum mit der Barbarei, und die Wissenschaft mit dem Unglauben?“ Die konservative Bewegung aus Pietismus und Erweckung entwickelte einen starken reaktionären Flügel, der mit der immer pluralistischeren Gesellschaft, die ihn umgab, zunehmend fremdelte. Es entstanden die Subkulturen, die Schleiermacher so gern verhindert hätte.
Die apologetischen Abwehrschlachten um die vermeintliche Irrtumslosigkeit der Schriften des Alten und Neuen Testaments (theologisch ein Rückgriff auf das Schriftverständnis der Orthodoxie, von der man sich doch eigentlich längst gelöst hatte) verbrauchten viel Energie und erzeugten Fraktionszwänge: Um des lieben (innerevangelikalen) Friedens willen fielen (und fallen) viele Gemäßigte den bibeltreuen Hardlinern nicht öffentlich in den Rücken.
Der Damm gegen die Moderne hielt indes nicht besonders gut, weil die Fluten (um im Bild zu bleiben) aus ganz unterschiedlichen Richtungen hereinbrachen – oder schon längst hereingebrochen waren: Abgesehen von einigen rühmlichen Ausnahmen verschliefen das Gros der bürgerlichen Erweckten – wie der übrige Protestantismus auch – weitgehend die soziale Frage und das Entstehen einer neuen Schicht, der Arbeiterklasse. Der Unternehmersohn Friedrich Engels geißelte als Neunzehnjähriger den aufs Persönliche und Jenseitige beschränkten Glauben seines pietistischen Vaters, und Goethe nannte Friedrich Wilhelm Krummachers erweckliche Predigten „narkotisch“.
Im Revolutionsjahr 1848 hatte man sich zudem mehrheitlich auf die Seite der Reaktion geschlagen. Krummacher etwa wurde 1853 Hofprediger in Potsdam, der junge Bismarck hatte Kontakt zur Erweckung in Pommern. Der Nationalismus, wie der Kapitalismus eine durch und durch moderne Ideologie, hatte im zweiten Kaiserreich ein genauso leichtes Spiel wie jener, und auf seinen Fersen folgte schließlich der Nationalsozialismus: die Evangelische Allianz zählte keineswegs zu Hitlers engagiertesten Gegnern (etwas anders der Gnadauer Verband, der zumindest deutliche Distanz zu den „Deutschen Christen“ suchte). Vielleicht verstellte die Fixierung auf die private Reinheit und Heiligung ja auch den Blick für die soziopolitischen Entwicklungen – zumindest hatte „Bibeltreue“ an sich keine automatisch immunisierende Wirkung gegen die großen Verführungen des Zeitgeistes gebracht. Die Autoritätskritik der 68er-Bewegung (und nach ihr die Friedensbewegung und dann wieder die Grünen) löste daher auch im Wesentlichen wieder nur die üblichen konservativen Chaosängste und Abwehrreflexe aus.
Wenn also heute die Gefahr eines „Dammbruchs“ beschworen wird, dann muss man sehen, dass diese Art der „Bibeltreue“ Christen nur bedingt zur Ideologiekritik befähigte und dass die konservativen Christen auf evangelischer Seite sich, wenn es darauf ankam, gar nicht so gravierend von den „liberaleren“ Kräften unterschieden. Oder noch einmal anders formuliert: Dass es mit der „Reinheit“, wenn überhaupt, nur auf einigen ganz bestimmten Feldern funktionierte. Man muss das nicht als Unglück werten. Mir fällt dazu ein kritischer Gedanke von Miroslav Volf ein:
Wir wollen eine reine Welt und drängen die „Anderen“ aus unserer Welt hinaus; wir wollen selbst rein sein und tilgen die Andersartigkeit aus unserem Selbst. Der „Wille zur Reinheit“ enthält ein ganzes Programm zur Ordnung unserer sozialen Welten – von den inneren Welten des Selbst zu den äußeren unserer Familien, Nachbarschaften und Nationen […]. Es ist ein gefährliches Programm, regiert von einer Logik, die reduziert, ausscheidet und abtrennt.
Diese Logik ist keineswegs auf Evangelikale beschränkt (sie wurden freilich auch selbst immer wieder von anderen Gruppen ausgegrenzt, was fest im kollektiven Gedächtnis verankert ist), aber Evangelikale sind, wenn man das gesamte Spektrum betrachtet, eben auch keineswegs frei davon. Und gerade da, wo sie sich von diesem Ordnungsprinzip lösen, setzt die Verunsicherung ein: Es droht eine Identitätskrise, wenn der Binnenpluralismus bestimmte Grenzen überschreitet.
Karl Rahner beschreibt die Stimmung im Spätherbst und wie man mit ihr umgehen kann:
Es ist , wie wenn die Welt kleinlaut geworden wäre und den Mut verloren hätte, sich selbst zu behaupten, von sich überzeugt zu sein und stolz auf ihre Macht und ihr Leben. Ihr Anlauf in der schwellenden Fülle des Frühlings und des Sommers ist missglückt; denn die Fülle ist wieder verloren gegangen.
Da ist es an der Zeit, die Melancholie dieser Zeit zu überwinden, sich selber leise und treu zu sagen, was der Glaube uns sagt, da ist eine Zeit, das Wort des Glaubens gläubig zu sprechen: Ich glaube an die Ewigkeit Gottes, die in unsere Zeit, in meine Zeit hineingekommen ist. Unter dem ermüdenden Auf und Ab der Zeit wächst schon heimlich das Leben, das keinen Tod mehr kennt.
Vor einer Weile wurde ich gefragt, warum das Thema Homosexualität für viele konservative Christen, darunter auch viele Evangelikale, so ein Reizthema ist. Die Verständigung in der Sache scheint dadurch erschwert zu werden, dass jede Bewegung und jeder Perspektivenwechsel einen „Dammbruch“ auslösen könnte – der Begriff fällt in diesem Zusammenhang mit schöner Regelmäßigkeit.
Um diese Sorge zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Ursprünge des Pietismus, der als eine Art „dritte Kraft“ zwischen den verkopften Dogmatikern der altprotestantischen Orthodoxie und einer damals zunehmend indifferenten, bequemen und selbstgefälligen Volkskirche entstand (und von beiden Seiten argwöhnisch beäugt wurde):
Die Pietisten pflegten eine innige Christus- und Herzensfrömmigkeit und leisteten sich bewusst eine gewisse dogmatische Unschärfe. Denn sie verbanden einen konfessionellen (d.h. eben auch: theologischen) Pluralismus mit dem praktischen Einsatz für das Evangelium, ohne in dieser relativen Weite jener Versuchung zur Reduktion des geschichtlichen Glaubens auf das Zeitlose, Allgemeine und Vernünftige zu erliegen, die das wichtigste Kennzeichen der Aufklärung war. Aus der Mystik fand der Gedanke der Entwicklung und des Wachstums im Glauben wieder zurück in die Herzen, aus der Aufklärung die (durchaus neue) Idee, dass so etwas wie moralische Vollkommenheit tatsächlich möglich und erreichbar sein könnte.
Philipp Jacob Spener verstand die Gründung seiner kleinen Gruppen als die Sammlung derer „die mit Ernst Christen sein wollen“ und darin auch als Vollendung der lutherischen Reformation: Kirche als Kontrastgesellschaft. In den großen Gestalten dies Pietismus begegnet uns (nicht untypisch für die Zeit des Absolutismus und der Aufklärung) ein gerüttelt Maß Sendungsbewusstsein, das aber stets mit Strenge und Disziplin gepaart war: mit Opferbereitschaft, großem moralischem Ernst, dem Streben nach „Heiligung“, Missionseifer und nicht zuletzt der Bereitschaft zum Leiden.
Entsprechend entwickelte sich das Selbstbild der frommen „Konventikel“: Wir sind die „Entschiedenen“ („Wiedergeborenen“, „Erweckten“) und keine bloßen „Taufscheinchristen“ – die Worte „Glaube“ und „Christ“ sind nun ohne einen verschärfenden Zusatz nicht mehr eindeutig genug, das ist längst fest im Jargon verankert. Man sah sich in Analogie zur Botschaft der Exilspropheten als „heiligen Rest“ des Gottesvolkes, der dem Untergang entgeht. Kennzeichen der Zugehörigkeit zu diesem „Rest“ war für die Erfahrung der „Bekehrung“, und für manche gehörte noch ein mühevoller „Bußkampf“ dazu. Hier und da entwickelte sich ein gewisser Rigorismus: Wesley und die Methodisten setzten sich ein Leben in völliger Sündlosigkeit zum Ziel, das die Heiligungsbewegung im Laufe des 19. Jahrhunderts nach Deutschland reimportierte. Aus der von den Reformatoren beschworenen Reinheit der Lehre war die Reinheit des geheiligten Lebens geworden.
Mit dieser Identität des Kontrasts, zu der sich das Ideal der Reinheit gesellt, knüpft der Pietismus auch an die radikale Reformation der Täufer an – und er legt das Fundament für das Selbstverständnis der Freikirchen des 19. Jahrhunderts. Um nicht missverstanden zu werden: Das Muster gibt es freilich auch in so manchen anderen Bewegungen – und es gibt umgekehrt natürlich nicht wenige Evangelikale, die deutlich anders „ticken“. Man muss diese allgemeine Charakteristik also mit Vorsicht lesen.
Die Frage lautet nun: Wie wirkt diese Konstruktion sich aus? Mehr dazu in Kürze.
Hoffen wir doch mal, dass dieser Trend bei der Namensgebung von Kindern aus dem angelsächsischen Sprachraum bei uns nicht durchsetzt: Die SZ berichtet
Ende November soll in den USA die kleine „Hashtag“ geboren worden sein. „Sie wiegt acht Pfund, und ich liebe sie so sehr!“, schreibt die Mutter des Mädchens auf ihrer Facebook-Seite.
Andere Kinder heißen Mac und Siri, oder die Eltern haben sich in den Klatschspalten („Pippa“) oder bei garantiert nobelpreisunverdächtiger Literatur wie Shades of Grey bedient. Kann gut sein, dass die ihren Eltern irgendwann einen Schatten attestieren für diese Entscheidungen.
Wieder andere heißen – immer mit Vornamen! – Reagan, Carter oder Lincoln, bei uns kämen dafür analog Kohl, Schröder oder Heinemann in Frage.
Was ganz nebenbei die Frage aufwirft: Wäre „Merkel“ nun ein Jungen- oder ein Mädchenname?
In der westlichen Christenheit (und unter ganz anderen Vorzeichen neuerdings in der Neurobiologie) war die Frage nach der Willensfreiheit immer ein heißes Eisen. Es ist unendlich viel dazu gesagt, geschrieben und verworfen worden; aber mir scheint, oft hat man auch entscheidende Aspekte vernachlässigt. Die Ostkirche hat – vielleicht auch deshalb – bis heute kaum nachvollziehen können, worum man im Westen seit Augustinus erregt diskutierte.
So lange Gott und der Mensch die einzigen Akteure auf dem Feld sind, steht man vor der unbefriedigenden Alternative, ob nun der eine oder der andere seinen Willen bekommt, oder ob man beides irgendwie noch sinnvoll zusammendenken kann – was meistens misslingt und sehr unanschaulich wird. Über das Paradox, das Paulus im Philipperbrief (2,12-13) schon formuliert hatte, kommt man selten hinaus (neurobiologischer Determinismus ist freilich noch viel plumper, da bleibt selbst das menschliche Bewusstsein nur ein Epiphänomen – eine Art weißes Rauschen im Hirn, das Theorien wie den neuobiologischen Determinismus hervorbringt).
Ganz anders, wenn wir die „Mächte und Gewalten“ in die Überlegung mit einbeziehen: Dann wird sofort deutlich, dass niemand auf neutralem Territorium sein Leben beginnt, sondern ungefragt schon immer in einer mehr oder weniger stark belasteten und belastenden Umgebung beginnt und mit einer gewissen Hypothek startet, die nun freilich nicht in erster Linie rein individuelle Schuld und persönliche Haftung bedeutet, sondern das – um es mit Walter Wink zu sagen – im Schatten des Todes steht, und zwar ziemlich konkret:
Wir sind tot, insofern wir mit ungerechten Mustern groß geworden sind. Wir sind Stück für Stück gestorben, indem uns wesensfremde Erwartungen aufgezwungen wurden. Wir starben, als wir zu Komplizen unserer eigenen Entfremdung und der anderer wurden. Wir starben, als wir anfingen, unsere Fesseln zu lieben, zu rationalisieren, zu rechtfertigen und uns sogar für sie stark zu machen.
Tot, weil uns all das entmenschlicht und uns die Kraft zur Gegenwehr raubt. Und just in dieser Situation wendet sich das Evangelium an den Rest von Wahrheitsliebe, gesundem Empfinden für Gerechtigkeit, Sehnsucht nach Heilwerden, Hoffnung auf ein besseres Leben und leiser Ahnung, dass uns irgendwo ein lebendiger Gott hört und sieht, und spricht uns auf unsere Freiheit an (oder spricht sie uns zu), dass wir unser wahres Ich darin finden, wenn wir nein sagen zu dem, was unsere Menschlichkeit (und die anderer vergiftet) und erstickt. Als erinnerte Gott uns an eine innere Bastion der Freiheit, die eben noch nicht endgültig besetzt ist von den Kräften, die unsere Vorstellung und Wahrnehmung, unsere Gefühle und Reflexe (nicht immer ohne unsere tatkräftige Mitwirkung) zum Zwecke systemkonformen Funktionierens manipulieren.
Aus diesem Ausgeliefertsein an die Mächte können wir uns, weil es viel zu tief sitzt, nicht aus eigener Kraft befreien. Aber diese Befreiung geschieht eben auch nicht über unsere Köpfe hinweg, ohne unsere Beteiligung (bei dem Gedanken intoniert der prädestinatianische Chor normalerweise schrill: „Pfui, Synergismus!“). Es geht also nicht um eine Art Ellbogendrücken zwischen Gott und dem Individuum darüber, wer die Lorbeeren dafür erntet, dass jemand im „Himmel“ landet, sondern um Gottes befreiendes Eingreifen in die Machtsphären unseres Lebens, das uns ermächtigt, unsere innere und äußere Freiheit zu gebrauchen, und das sich nicht nur auf die Innerlichkeit des Einzelnen beschränkt.
Um auf den Streit zwischen Erasmus und Luther zurückzukommen: Der humanistische Optimismus im Blick auf menschliche Freiheit ist psychologisch naiv und ökonomisch blind – da wo wir die Zwänge nicht mehr wahrnehmen, haben wir sie meist so verinnerlicht, dass sie Teil unserer Persönlichkeit geworden sind. Aber – und das wäre die kritische Rückfrage an Luther – vielleicht ist der Mensch ja auch nie freier und mehr Mensch, als in dem Moment, in dem er sich Gottes gewaltlosem Aufstand gegen die Mächte anschließt?
Denn wenn Luther in de servo arbitrio den menschlichen Willen mit einem Lasttier vergleicht, das entweder von Gott oder dem Satan geritten wird, bringt er zwar mit dem Stichwort „Teufel“ eine dritte Kraft ins Spiel. Trotzdem schlägt er damit bei näherem Hinsehen andere Töne an als das neue Testament. Zum einen ist der Bezug zwischen dem Stichwort „Teufel“ und den handfesten soziokulturellen und -politischen Realitäten, auf die das Wortfeld von den Mächten anspielt, eher vage (politische Theologie war nicht unbedingt Luthers Stärke, wie seine Hilflosigkeit im Bauernkrieg zeigte). Zum andern scheint mir die Parallele zu schematisch, wie der rein passiv gedachte Mensch sich Gott oder anderen Mächten gegenüber verhält.
Anders gesagt: Gott und seine Herrschaft sind nicht einfach nur das spiegelbildliche Gegenteil aller anderen Formen destruktiver Herrschaft. Freilich kann auch Paulus von „Knechtschaft“ sprechen, aber dann steht im Hintergrund des Vergleichs eben das System der römischen Sklavenhaltergesellschaft, die Menschen im Zuge ihrer Eroberungskriege und aus wirtschaftlichen Gründen gewaltsam versklavt, ausbeutet, psychisch verkrüppelt und politisch mundtot macht. Das gipfelt schließlich darin, dass Rom den Sohn Gottes wie einen aufständischen Sklaven kreuzigt. Das Sklavensystem degradiert und entmenschlicht den Menschen, es beraubt ihn seiner Würde, während ein Pferd oder Esel immer ein mehr oder weniger heiles Pferd oder Esel bleibt, egal, wer es reitet (es sei denn, wir lehnen die Nutztierhaltung generell ab).
Diese Befreiung ist gewiss nicht aus eigener Kraft und ohne Verbündete möglich; Gottes Tat geht unserer Antwort ja schon zeitlich voran; aber selbst wenn es völlig absurd wäre, quantitativ aufrechnen zu wollen, wer dazu wie viel beiträgt, muss man die qualitativ andere menschliche „Beteiligung“ ja nicht kategorisch auf Null setzen. Neben den Aussagen zu Herrschaft und Knechtschaft stehen bei Paulus ja auch immer wieder Sätze, die kaum noch eine klare Unterscheidung zwischen menschlichem Selbst und göttlichem Geistwirken zulassen. Zu unübersichtlich, fürchte ich, um es so radikal zu vereinfachen.
Auf dem Emergent Forum haben wir über Macht und Ohnmacht nachgedacht, und in diesem Zusammenhang auch über die biblischen Beschreibungen von Macht im menschlichen Zusammenleben, die stets ambivalenten Charakter haben und sich weder auf ihre materielle Seite reduzieren noch komplett spiritualisieren lassen.
Walter Wink schlägt vor, den Begriff „Kosmos“ dort, wo er im Neuen Testament negativ verwendet wird (als Sammelbegriff für alle Formen kollektiven Widerstands gegen den guten Schöpfergott), statt mit „Welt“ (mit der wir immer auch alles Gute und Schöne der Schöpfung assoziieren wie auch die von Gott geliebte Menschheit), sondern mit „System“. Denn „Sünde“ oder Bosheit ist bei weitem nicht nur ein individuelles Problem, sondern ein systemisches.
Und nachdem spätestens im 21. Jahrhundert alles global verflochten ist, kann Wink die unterschiedlichsten Phänomene und Mechanismen unter den Begriff des „Herrschaftssystems“ (engl.: domination system) fassen. Es ist erstaunlich, wie anders bestimmte Abschnitte aus der Bibel plötzlich klingen, etwa diese düster-nüchterne Analyse im Epheserbrief:
Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Drahtzieher und Machtzentren, gegen die Kontrolleure dieses finsteren Systems, gegen ein Klima der Bosheit. (Eph 6,12)
Der Gegensatz zwischen Gott und Kosmos ist nirgends schroffer formuliert als im Johannesevangelium:
Wenn das herrschende System euch hasst, dann wisst, dass es mich schon vor euch gehasst hat. Würdet ihr mit dem System kooperieren, würde das System euch dafür lieben. Aber weil ihr dem System den Rücken gekehrt habt – weil ich euch dem System entwunden habe! – darum hasst euch das System. (Joh 15,18-19)
Das alte System setzt euch unter Druck; aber habt Mut: Ich habe das System überwunden. (Joh 16,33)
Und ganz ähnlich heißt es im ersten Johannesbrief:
Liebt nicht das Herrschaftssystem und was dazu gehört! Wer das System liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles an diesem System – die Unersättlichkeit einer entfremdeten Existenz, das Fixiertsein auf Äußerlichkeiten, seine großspurige Arroganz – ist nicht vom Vater, sondern stammt aus dem Herrschaftssystem. Dieses System und seine perverse Gier vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt ins kommende Zeitalter hinein. (1.Joh 2,15-17)
Paulus kann daher im Blick auf seinen apostolischen Auftrag schreiben:
Wir leben zwar in diesem Herrschaftssystem, kämpfen aber nicht mit den Mitteln des Systems; Die Waffen, die wir bei unserem Feldzug einsetzen, sind nicht systemimmanent, aber sie haben durch Gott die Macht, eingefahrene Denk- und Reaktionsmuster zu durchbrechen; mit ihnen reißen wir alle ausgeklügelten Berechnungen nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen. Wir nehmen alles Denken gefangen unter den Gehorsam, wie ihn der Messias uns vorgelebt hat; (2.Kor 3,3-5)
Und von da aus lässt sich nun darüber nachdenken, wie sich das im Arbeits- und Gemeindealltag denn nun praktisch auswirkt…
Letzten Samstag am Emergent Forum hat Walter Faerber über Spiritualität als Widerstand gesprochen und kam dabei auf die Geschichte vom besessenen Gerasener zu sprechen. In der Fragerunde wollte dann jemand wissen, ob der Mann denn nun bloß ein Tourette-Syndrom hatte oder ob er (meine Worte) von einer Art immateriellem Kobold angefallen worden war, der nun seinen Schabernack mit ihm trieb – das „klassische“ Verständnis von Dämonen eben.
Diese Alternative ist meiner Meinung nach gänzlich unbefriedigend – keine Seite wird dem gerecht, was hier alles beschrieben wird. In beiden Fällen wäre es das persönliche Problem eines einzelnen: entweder ein psychischer Knacks, vielleicht aufgrund traumatischer Erfahrungen, vielleicht eines Stoffwechselproblems im Gehirn, oder es ist eben ein spiritueller Parasit, den man sich unwillkürlich, leichtfertig oder gar schuldhaft einhandelt wie Fußpilz oder Zecken.
In Wirklichkeit beleuchtet das Evangelium die sozialen Realitäten, die im Hintergrund dieser Störung der Persönlichkeit stehen, ganz deutlich: Die permanente (offene oder latente) Gewaltandrohung durch den römischen Militärapparat, die nicht minder rabiaten Rachephantasien der Unterworfenen und Ausgebeuteten, die nicht unproblematische Nachbarschaft zwischen Juden und Heiden am Nordrand des Sees, der subversive Symbolismus, wenn eine „Legion“ Schweine am Ende absäuft – vermutlich lässt sich die Liste noch beliebig fortsetzen. All das ist in dem Geschehen auf dem Friedhof sichtbare, hörbare und mit Händen zu greifende Wirklichkeit.
Denn die Wahrheit über unsere Welt, den kollektiven Wahnsinn, den niemand wahr haben will – nicht einmal die Opfer –, dürfen eben nur die Narren oder die Besessenen ungestraft aussprechen. Heute kann man dafür in der Psychiatrie landen, wie der heiß diskutierte Fall Mollath momentan zeigt, in dem, so steht zu befürchten, ein Netzwerk von Veruntreuung und Vertuschung als der Wahn eines Einzelnen abgetan wurde. Wenn das nicht „dämonisch“ ist (in dem Sinne, dass wir hier verfolgen können, wie parasitäre Bosheit unsere Institutionen so weitreichend korrumpiert, dass sie einzelne Menschen und ganze Gruppen zu zerstören), was dann?
Wenn wir hier also auf den Trick hereinfallen und zulassen, dass das Problem individualisiert und der Lichtkegel unserer Aufmerksamkeit so weit verengt wird, dass die wahren Verursacher im Dunkeln bleiben, dann werden wir zu Komplizen dieser Vertuschung und wir verstetigen das Leid. Gott bewahre uns davor, die Bibel weiterhin mit solchen Scheuklappen zu lesen!
Kaum ein Buch, das ich besser kenne, als dieses – kaum eines, das ich allen, die eine tiefgründige und gut geschriebene Auseinandersetzung mit so manchen Schicksalsfragen unserer Zeit schätzen, bedenkenloser empfehlen würde. Miroslav Volfs theologischer, aber eben nicht rein akademischer Bestseller Exclusion and Embrace ist seit ein paar Tagen (wenngleich noch nicht überall) auf Deutsch erhältlich.
Volf ist schon aufgrund seiner Lebensgeschichte jemand, der ein weites Herz und ein umsichtiges Urteilsvermögen hat. Er ist gebürtiger Kroate, Sohn eines Pfingstpastors, groß geworden in einem Umfeld, in dem sowohl der Atheismus als auch der Islam immer schon präsent waren. Er promovierte bei Jürgen Moltmann in Tübingen und ging dann in die USA, wo er zunächst am progressiv-evangelikalen Fuller Seminare und seit einigen Jahren an der Eliteuni in Yale systematische Theologie lehrt.
Von der Ausgrenzung zur Umarmung ist erstens deshalb so lesenswert, weil sich Volfs Lebensweg (zum Beispiel ethnische Säuberungen im früheren Jugoslawien, Rassenunruhen in den USA ) in seinen Überlegungen zum Thema Ausgrenzung widerspiegelt, weil er sich zweitens auf der Höhe der Zeit mit Philosophie und Kulturtheorie beschäftigt, wenn es um die Frage nach Macht, Wahrheit und Gerechtigkeit geht, und weil er drittens an den entscheidenden Stellen seiner Argumentation auf die biblische Überlieferung zurückgreift und dabei nicht einfach nur „Belegstellen“ zitiert, sondern ein tiefes Verständnis der Texte an den Tag legt, das zu überraschenden Einsichten führt.
In jeder Hinsicht ein Augenöffner. Also, am Besten gleich zugreifen!!