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auf zu neuen Ufern
Dass der platonische Gedanke der Unsterblichkeit der Seele und die christliche Vorstellung einer leiblichen Auferstehung zwei verschiedene und letztlich unvereinbare Konzepte sind, spricht sich allmählich herum.
In der theologischen Tradition begegnet vielfach die Ansicht, dass der Mensch im „Urstand“ (da, wo dieser quasi-historisch gedacht wird) unsterblich gewesen sei. Grund dafür ist, dass im Römerbrief der Tod als Folge der Sünde bezeichnet wird (nicht aber – das ich wichtig – als Strafe Gottes).
Interessanterweise hat dieser Rückschluss kaum Anhalt an der biblischen Urgeschichte. Der erste Schöpfungsbericht erwähnt den Tod (und damit auch eine eventuelle Unsterblichkeit) mit keiner Silbe und im zweiten Schöpfungsbericht, zu dem auch die Geschichte vom Fall gehört, heißt es am Ende:
Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt! (Gen 3,22)
So, wie es da steht, heißt das wahrscheinlich, dass Gott den Menschen sterblich erschaffen hatte und ihm nun die Unsterblichkeit verwehrt durch den Ausschluss aus dem Garten Eden, wo der Baum des Lebens steht. Und so erscheint in der gesamten hebräischen Bibel der Mensch als ein endliches, sterbliches Wesen. Und da, wo sich die Hoffnung auf eine Auferweckung abzuzeichnen beginnt, da ist sie etwas anderes als die Rückgewinnung einer ursprünglich nicht nur als Möglichkeit, sondern als Wirklichkeit vorhandenen Unsterblichkeit. Gottes Tat in der Neuschöpfung ist also nicht nur restaurativ, sondern sie geht deutlich über die erste Schöpfung hinaus.
Auch interessant: Die Geschichte vom Fall wird im gesamten AT nicht wieder aufgegriffen (erst im deuterokanonischen Buch Sirach) und im Judentum scheint, wie Walter Klaiber in Schöpfung. Urgeschichte und Gegenwart schreibt, die Diskussion darüber, ob Adam die Menschheit ins Verderben gestürzt hat, erst nach der Katastrophe des Jahres 70 n.Chr. in Gang gekommen zu sein.

Die Kritik verdächtigt alles und klagt alles an und sitzt über alles zu Gericht. Sie ist damit Schritt innerhalb einer Tradition: denn erst – in der Religion – saß Gott über die Menschen zu Gericht; dann – in der Theodizee – die Menschen über Gott; dann – in der Kritik – die Menschen über sich selber. Das Gericht der Kritik ist also Selbstgericht, und das ist anstrengend: darum wählt die Kritik den Ausweg, dabei nicht der Angeklagte zu sein, sondern der Ankläger; sie entlastet sich, indem sie richtet, um nicht gerichtet zu werden; die Kritik: das sind Ferien vom Über-Ich dadurch, dass sie selbst jenes Über-Ich wird, das die Anderen nur haben, und das selbst kein Über-Ich hat. Dem an sich und für sie verurteilten Zustande ist sie dann für sich schon entkommen: der verurteilte Zustand sind somit die anderen.
aus Odo Marquard, Imkompetenzkompensationskompetenz, in: ders., Zukunft braucht Herkunft

Neben der unsterblichen Transrapidrede ist Edmund Stoiber ja auch durch das beliebte Schlagwort „Kompetenz“, im Stoiber-Sprech wurde daraus sogar zwischenzeitlich „Kompetenzkompetenz“. Stoiber warf die Frage auf, wer die wohl hat.
Kürzlich sprach ich mit zwei Lehrerinnen über die Ausrichtung des Lehrplanes an Kompetenzen. Erst mal leuchtet der Gedanke ja ein, dass nicht nur Wissen („totes Faktenwissen“ heißt es dann) vermittelt werden soll, sondern Schüler und Studenten tatsächlich etwas können sollten. Freilich ist es wichtiger, lesen zu können, als den Inhalt dieses oder jenes Buches aufsagen zu können. Aber ganz so einfach ist das wohl nicht, wenn man weiter denkt.
Im Laufe des Gespräches erinnerte ich mich an mein erstes Semester Theologie und einen Professor, der damals schon kritisierte, dass Bildung, die darauf abzielt, jedem ein möglichst eigenständiges Urteil zu ermöglichen, immer mehr zur Ausbildung verkommt, die Menschen dazu bringt, zu funktionieren. Ausbildung aber ist verzweckte Bildung, in der messbare Effizienz- und Nützlichkeitserwägungen andere Bildungsziele wie die freie (also ergebnisoffene) Entfaltung der Persönlichkeit oder zweckfreie Neugier, die für Aristoteles noch der Ursprung der Philosophie war, zu verdrängen drohen.
Also habe ich mich nach kritischen Gesprächspartnern umgesehen. Der Literaturwissenschaftler Jürgen Gunda schreibt etwa ganz treffend über einen Kompetenzbegriff, der das Wissen hinter das „Können“ zurückstellt:
Auf der Seite des Wissens haben wir Komplementärbegriffe wie Neugier, Erkenntnis, Interesse oder Reflexion. Auf der des Könnens aber steht die gezielte Etablierung von Wiederholungsroutinen und Kontrollmechanismen. Gewährleistet werden soll die spontane und situationsgerechte Abrufbereitschaft erworbener Kenntnisse für Entscheidungsprozesse und Handlungen.
Freilich ließe sich auch all das Vernachlässigte in Kompetenz-Sprech umformulieren, oder, netter formuliert, in einen umfassenderen Begriff von Kompetenz integrieren. Fraglich ist, ob das im aktuellen Diskurs über Kompetenz in der (Aus)Bildung gewünscht wird, oder ob dort ein reduktionistischer, ökonomisierter Kompetenzbegriff dominiert. Gunia verweist darauf, dass die im Management geforderte Kompetenz meist im Kontext von globaler Konkurrenz und dem sich verschärfenden Kampf ums Überleben erscheint und daher in der Literatur vielfach explizit militärische Paradigmen bemüht werden. Die oft wiederholte Forderung »Aus Wissen muss Können werden!« geht nämlich auf den preußischen General Clausewitz zurück:
Das Subjekt als Feldherr seiner selbst transformiert fortwährend Wissen in Können und Lernen in Üben. Dadurch versetzt es sich in die Lage, zeitnah Entscheidungen treffen und Handlungen folgen zu lassen. Seine Immunisierung gegen Kontingenz ist nicht nur defensiv, sondern offensiv, nicht nur Panzer, sondern auch Waffe. In seinen Entscheidungen und Handlungen geht Verteidigung über in Angriff. Der Gegner ist dabei nicht nur das Unabwägbare selbst. Gegner sind auch die anderen Immunisierten, gegen die man sich durch eine optimalere Panzerung einen Vorteil im Wettbewerb sichern möchte.
Neben dem „Können“ wirft die Bezugnahme der Kompetenzdefinitionen auf die „Situation“, in denen Kompetenz zur Geltung kommt, Fragen auf. Statt die Kontingenz und Komplexität der jeweiligen Situation zur Sprache zu bringen, zielen viele Konzepte von „Kompetenz“ darauf ab, beides zu eliminieren – sich von äußeren Ereignissen also nicht stören und ins Nachdenken oder gar Zweifeln bringen zu lassen, sondern sofort auf eine antrainierte Lösungsroutine zurückzugreifen:
Die ideologische Rede von der Kompetenz sieht in Situationen primär etwas, das von einem Subjekt zu bewältigen und zu kontrollieren ist. Situation verweist aber außerdem auf ein Verwickeltsein, ein Mitten-Drin, dem man zunächst nichts als ausgesetzt ist.
Als Alternative zu diesen Verengungen des Subjekt- und Bildungsbegriffs greift Gunia den Vorschlag auf, sich wieder mehr am aristotelischen Ideal der phronesis zu orientieren (vgl. Eph 1,8). Theologisch wäre der Begriff der Weisheit hier zu nennen, in dem sich Wissen und Erfahrung verbinden und mit dem sich verhindern ließe, dass „Theorie“ und „Praxis“ gegeneinander ausgespielt werden.
Weisheit ist in unserem heutigen wie im biblischen Sprachgebrauch aber eine Eigenschaft des Subjekts und keine bloße Fertigkeit (sehr weit hergeholter Nebengedanke: wäre Hans-Peter Friedrich Philosoph statt Politiker, würde er hier zu Stoibers heller Freude wohl von „Superkompetenz“ sprechen?). Sie entwickelt sich als Haltung, indem man sich als ganze Person den Fragen stellt, die Welt und Leben aufwerfen. Und in genau diese Richtung denkt auch Gunia, wenn er mit dem Soziologen Hartmut Rosa am Ende die Bedeutung von Natur, Ästhetik und Religion für das gelingende Weltverhältnis des Menschen nennt.
Die Sorge der beiden Lehrerinnen, es zukünftig vermehrt mit „Kompetenzgschmarri“ (so eine der beiden, Dialekt verleitet ja zur Ehrlichkeit) zu tun zu bekommen, ist nach diesem kurzen Blick auf die kritische Diskussion nicht ganz unbegründet. Aber vielleicht kommt ja auch alles viel besser, als man so denkt…
Ich weiß, dass unsere Philosophie, die schon immer reich war an seltsamen Maximen, entgegen der Erfahrung aller Jahrhunderte behauptet, der Luxus bewirke den Glanz der Staaten. Wird sie aber, nachdem sie schon die Notwendigkeit der Gesetze gegen den Luxus außer acht gelassen hat, auch noch bestreiten wollen, dass die guten Sitten ein wesentliches Element für den Bestand der Reiche sind, dass aber der Luxus den guten Sitten diametral entgegengesetzt ist?
Jean Jacques Rousseau
„Immer vorwärts“ stand im Familienwappen meines Großvaters. Aber sollte man nicht irgendwann man angekommen sein? Im Blick auf die zweite Lebenshälfte beschreibt James Hollis die innere Wegstrecke, die es zurückzulegen gilt, mit den folgenden Worten:
Die Tagesordnung des Ego aus Befestigung, Bequemlichkeit, Ordnung, Kontrolle und Sicherheit gilt es nicht zu verurteilen, sondern vielmehr anzuerkennen, dass sie unser Menschsein einschränken könnte. Wir haben alle diese Phantasievorstellung, dass wir auf ein konfliktfreies Plateau oder ein sonnenbeschienenes Hochtal ohne Mühen gelangen, ohne dass uns ein vertieftes Bewusstsein abverlangt wird, ohne dass wir tiefer und weiter gezogen werden, als wir eigentlich gehen wollten. Interessanterweise gibt es diesen Ort – man nennt ihn „Tod“. Ohne dass wir uns aufmachen, ohne Risiko und Konflikt sind wir spirituell schon tot und warten nur noch darauf, dass der Körper auch noch wegfällt. Dann haben wir den eigentlichen Sinn unseres Daseins verfehlt.
Interessant daran ist, wie hier das psychische Muster der ersten Lebenshälfte charakterisiert wird, also die Entwicklung des „Ego“, das wirzunächst einmal für unser wahres Selbst halten, dass sich im Laufe der Zeit jedoch als Spiegel der Erwartungen unserer Umwelt erweist, denen wir uns meist unbewusst und reflexartig entweder unterwerfen oder verschließen.
Unübersehbar sind dabei die Parallelen zum Projekt der Aufklärung und der Moderne, die sich ja selbst auch als Emanzipations- und Reifeprozess begriffen hat, möglicherweise aber demselben Irrtum erliegt wie der Mensch der ersten Lebenshälfte:
Die Moderne wurde unter dem Zeichen der ‚Gewissheit‘ geboren, und unter diesem Zeichen errang sie ihre ihre spektakulärsten Siege. In ihrer anfänglich ‚festen‘ Phase wurde die Moderne als ein langer Marsch zur Ordnung durchlebt – jene Ordnung, die man als einen Bereich der Gewissheit und Kontrolle begriff, und vor allem der Gewissheit, dass die bis dahin irritierend launenhaften Ereignisse unter Kontrolle gebracht und gehalten werden könnten, mithin absehbar und empfänglich für Planungen.
Für Bauman ist dieser Plan, in einer chaotischen Welt durch Vernunft und Fortschritt dauerhaft Ordnung zu schaffen, ein illusionäres Ziel, ebenso wie Hollis das Streben des Ego nach absoluter Kontrolle für wahnhaft hält. Beiden liegt, um kurz auf Gedanken von Parker Palmer zurückzugreifen, ein objektivierendes Verständnis von Wahrheit und Welt zugrunde:
Indem der Objektivismus die Welt auf eine Ansammlung von Gegenständen reduziert, stellt er den Erkennenden in ein Feld stummer und lebloser Objekte, die passiv seinen Definitionen ihrer selbst unterliegen. In dieser Hinsicht erschafft der Objektivismus die subjektivste aller Welten, eine Welt von Dingen, die sich nicht wehren und ihre Selbstheit behaupten können.
Die Post-, Spät oder „flüchtige“ Moderne zeichnet sich durch den Verlust eben dieser Gewissheiten aus. Insofern kann man sie mit einem gewissen Recht als einen kollektiven Reifeprozess beschreiben, der nicht ohne Risiken ist. In der fest gefügten, ordentlichen und eindeutigen Welt des Modernismus (und ebenso im modern „formatierten“ Christentum) findet man leider recht wenig Unterstützung, wenn man sich mit den Fragen der zweiten Lebenshälfte beschäftigt. Richard Rohr hat das in „Reifes Leben“ einmal sehr treffend angemerkt.
Wenn sich in der zweiten Lebenshälfte das „wahre Selbst“ meldet, dann erleben das die meisten Menschen erst einmal als eine verstörende Dekonstruktion des Ego. Der Weg führt durch unbekanntes Neuland. Noch einmal Hollis:
Bleibt nun also die Frage, wie wir in einer Zeit des sterilen Materialismus, gescheiterter Institutionen und der Hausierer mit schäbiger spiritueller Ware in Esoterik-Buchläden eine tragfähige Spiritualität rekonstruieren. Jedes Bemühen um Wiederbelebung durch Rückschritt ist zum Scheitern verurteilt. Neuer Wein kommt nicht aus alten Weinflaschen. Und doch gibt es manche Pfade durch die Vergangenheit, die zu erkunden sich lohnt.
Nicht jeder lässt sich auf diese existenzielle Verunsicherung ein, und nicht jeder, der es wagt, findet weise Wegbegleiter und gute Gesprächspartner. Daher zum Schluss dieses Posts ein ganz persönlicher Dank an alle, die das für mich und andere waren und geblieben sind. Ich weiß nicht, wie meine Reise verlaufen wäre ohne Euer Beispiel, die Gespräche und den Gedankenaustausch,die klugen Fragen, Euren Zuspruch und Eure Ermutigung!
Nach dem ungemein spannenden Einstieg mit Von der Ausgrenzung zur Umarmung: Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität werde ich in den nächsten Monaten ein weiteres Buch von Miroslav Volf übersetzen, nämlich A Public Faith: How Followers of Christ Should Serve the Common Good. Es geht um die heiß diskutierte Frage, wie Christen in einer pluralistischen Gesellschaft leben können und sollen.
Für alle Interessierten, die gern Englisch lesen: In der Dezemberausgabe des Magazins Political Theology wurde das Buch jüngst besprochen und kommentiert. Es wird im Francke-Verlag erscheinen. Als Appetithappen werde ich immer mal wieder einen prägnanten Satz des geschätzten Autors hier posten.
Ich schreibe diese Sätze von Zygmunt Bauman einfach mal hin – ohne Kommentar, der konkrete Bezüge herstellt, das überlasse ich jedem selbst in der Erwartung, dass es nicht allzu schwer fallen dürfte:
Menschen fühlen sich gedemütigt, wenn ‚ihnen brutal gezeigt wird, durch Worte, Taten oder Ereignisse, dass sie nicht sein können, wofür sie sich halten… Demütigung ist die Erfahrung, zu Unrecht, grundlos und gegen den eigenen Willen niedergedrückt, niedergehalten, zurückgehalten oder hinausgedrängt zu werden.‘ Dieses Gefühl erzeugt Groll.
… Die Schmach der Demütigung erzeugt Selbstverachtung und Selbsthass, die uns gewöhnlich überwältigen, wenn uns klar wird, wie schwach, ja unfähig wird sind, an der Identität unserer Wahl festzuhalten, an unserem Platz in der Gemeinschaft, die wir schätzen und die uns etwas bedeutet, und an der Art zu leben, die wir uns wünschen und die wir möglichst lange behalten wollen.
… Die Kettenreaktion führt von Ungewissheit über Ohnmachtsgefühle, Scham und Demütigung zum Ekel, Widerwillen und Hass gegen sich selbst und endet daher in der Suche nach einem Schuldigen ‚da draußen, in der Welt‘; nach diesem jemand, der noch unbekannt ist und keinen Namen hat, unsichtbar oder verkleidet ist, der sich gegen meine (unsere) Würde und Wohlergehen verschworen hat, und mich den stechenden Schmerz der Demütigung spüren lässt. Diesen jemand müssen wir dringend entdecken und ihm die Maske herunterzureissen, denn wir brauchen ein Ziel für unsere aufgestaute Wut.
… damit diese Entladung jedoch Erfolg haben kann, muss die ganze Operation alle Spuren persönlicher Rache sorgfältig verschleiern. Die enge Verbindung zwischen der Widerlichkeit und Verhasstheit des gewählten Ziels und unserer Frustration, die nach einem Ventil sucht, muss geheim gehalten werden. Wie auch immer der Hass zustande kam, wir ziehen es vor, sein Vorhandensein uns selbst und anderen um uns her dadurch zu erklären, dass wir ja die guten und edlen Dinge verteidigen, die sie – jene bösartigen und verachtenswerten Leute – herabwürdigen und hintertreiben;
Der moderne Mensch hat eine ganz neue Form der Scham entwickelt, stellte der aus Breslau stammende Philosoph Günther Anders (1902-1992) im März 1942 in Kalifornien fest. Er nannte sie „prometheische Scham“ in Anspielung auf die griechische Sage von Prometheus, der den Göttern das Feuer klaute und es den Menschen gab, die seither feste zündeln. Der erste Technologietransfer der Weltgeschichte, wenn man so will.
Prometheus wird zum Urbild des modernen Menschen, der sich aus religiöser Bevormundung (der Furcht vor und der Abhängigkeit von den Göttern) befreit und die Elemente der Welt wie die Risiken des Lebens durch technischen und zivilisatorischen Fortschritt bändigt. Den Antrieb dazu nennt Anders prometheischen Trotz und Stolz:
Prometheischer Trotz besteht in der Weigerung, irgend etwas, sogar sich selbst, Anderen zu schulden; prometheischer Stolz darin, alles, sogar sich selbst, ausschließlich sich selbst zu verdanken.
Aber im Augenblick des Sieges verwandelt sich dieser in eine Niederlage:
Prometheus hat gewissermaßen zu triumphal gesiegt, so triumphal, daß er nun, konfrontiert mit seinem eigenen Werke, den Stolz, der ihm noch im vorigen Jahrhundert so selbstverständlich gewesen war, abzutun beginnt, um ihn durch das Gefühl eigener Minderwertigkeitund Jämmerlichkeit zu ersetzen. „Wer bin ich schon?’ fragt der Prometheus von heute, der Hofzwerg seines eigenen Maschinenparks, „wer bin ich schon?“
Angesichts einer unübersehbaren Flut von Konsumgütern sind wir ständig damit konfrontiert, was wir alles nicht haben, und angesichts immer perfekterer und leistungsfähiger Geräte steht uns permanent vor Augen, was wir alles nicht so gut können. Schöpfer und Geschöpf tauschen die Rollen, nun wird das Geschöpf (die Maschine) zum Maß ihres Schöpfers (des Menschen). Die Überlegenheit seiner Fabrikate (und die ist im digitalen Zeitalter sicher nicht geringer geworden) erlebt der Mensch als beschämend. Die Scham aber verbirgt er vor sich und anderen.
Etwas Folgenschweres passiert: „Der Mensch desertiert ins Lager seiner Geräte“. Während wir Menschen uns, was die „Hardware“ angeht, in den letzten Jahrhunderten nicht grundlegend verändert haben und unsere Leistungsfähigkeit mit dem Alter wieder abnimmt, werden unsere Geräte immer noch mächtiger.
Die Reaktion des Menschen besteht im „human engineering“, sagt Anders, also in der ständigen Selbstoptimierung. Und die Entwicklung der letzten 70 Jahre hat ihm Recht gegeben. Sah anders noch den Gebrauch von Make-up als Schritt in diese Richtung, so sind heute den Manipulationen unseres körperlichen Erscheinungsbildes kaum noch Grenzen gesetzt und Schönheitsideale haben sich ins Aberwitzige gesteigert. Täglich werden wir bombardiert mit den geschönten Bildern und Geschichten über die (Erfolg-)Reichen und Schönen dieser Welt. Der Vergleich kann nur zu unseren Ungunsten ausfallen, die Frage „wer bin ich schon“ unter den Bedingungen unserer Gesellschaft nur in die Scham führen. Wir schämen uns unserer Leiblichkeit und Kreatürlichkeit, unseres Gewordenseins, weil die gemachten Dinge so viel vollkommener erscheinen, wie Anders nun mit theologischen Verweisen ausführt:
So wenig je von einer Religion die Tatsache, daß der Mensch kein Gott ist, sondern eben nur eine Kreatur, als Freibrief moralischer Indolenz anerkannt worden wäre, so wenig würde heute von der Industriereligion und von deren Anhängern die Tatsache, daß er kein Produkt ist, sondern eben — wiederum — nur eine Kreatur, als Ausrede für faules Beharren in seiner geschöpflichen Unzulänglichkeit akzeptiert werden. Den Versuch, seine Ding-Frömmigkeit zu beweisen, den Versuch einer „imitatio instrumentorum“, den Versuch einer Selbstreform muß er schon unternehmen; mindestens den Minimumversuch, sich so weit zu „bessern“, daß er die versuchte imitatio instrumentorum, die er nun einmal, auf Grund seiner „Erbsünde“: der Geburt, nolens volens treibt, auf das denkbar geringste Maß reduziere.
Heute im Gottesdienst haben wir aus Genesis 1 gelesen. Wahrscheinlich kann man das nicht oft genug tun: Während die babylonischen Götter den Menschen als Arbeitstier und „Roboter“ (das heißt ja so viel wie „Zwangsarbeiter“) schaffen, erklärt ihn der Gott Israels zu seinem Ebenbild. Als endliches und unvollkommenes Geschöpf zu leben, darin liegt die besondere Würde, die auch kein frommer Optimierungswahn vergessen darf. Auf die Frage „wer bin ich schon?“ kann in Wahrheit nur Gott antworten. Und er hat das getan, indem er einer von uns wurde und uns als Bruder Freiheit von prometheischem Stolz und Trotz anbietet.
Diese Woche war von schrecklichen Grausamkeiten des Regimes in Syrien die Rede. Ich kann mich an solche Berichte nur schwer gewöhnen, das ist wohl auch gut so. Also musste ich erst einmal Bruce Cockburns If I had a Rocket Launcher anhören, einen vertonten postmodernen Rachepsalm.
Die Frage, wie es eigentlich möglich ist, dass Menschen solche furchtbaren Verbrechen begehen, hat vor allem im 20. Jahrhundert die Denker bewegt. Schon der erste Weltkrieg hat den Optimismus der Moderne, man könne aus eigener Kraft und Vernunft eine bessere Welt schaffen, schlagartig beendet. Zygmunt Bauman setzt sich in Collateral Damage mit den Erklärungsversuchen für die Zeit nach den Zweiten Weltkrieg auseinander. Im Grunde gibt es drei Ansätze, sagt er: Erstens kann man nach psychischen Störungen bei den individuellen Tätern fragen, zweitens (diese Richtung vertrat etwa Hannah Arendt) nach Mentalitäten und gesellschaftlichen Mechanismen, die ganz normale Menschen dazu bringen, monströse Grausamkeiten zu begehen. Bauman resümiert:
Wie sicher und bequem, gemütlich und freundlich würde sich die Welt anfühlen, wenn es die Monster und nur die Monster wären, die monströse Taten begingen. Gegen Monster sind wir recht gut geschützt, und können uns daher auf der Gewissheit ausruhen, dass wir gegen die bösen Taten versichert sind, zu denen Monster fähig sind und die sie zu verüben drohen. Wir haben Psychologen, die Psychopathen und Soziopathen entdecken, wir haben Soziologen, die uns verraten, wo sie sich wahrscheinlich verbreiten und versammeln, wir haben Richter, die Haft und Isolation gegen sie verhängen, und Polizei oder Psychiater, die dafür sorgen, dass sie dort bleiben.
Drittens spricht Bauman von einer anthropologischen Fragestellung. Sie begann unter anderem mit der Beobachtung, dass die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, aber auch die das Flächenbombardement von strategisch bedeutungslosen Städten wir Würzburg im zweiten Weltkrieg offenkundig aus einer Art ökonomischen Vernunft heraus angeordnet wurden: Man hatte in die Herstellung dieser Bomben gewaltige Summen investiert, also mussten sie auch eingesetzt werden, um das zu tun, wozu sie da waren: zu zerstören und zu töten. Harry Truman verkündete am Tag nach Hiroshima: „Wir haben uns auf die kühnste wissenschaftliche Wette der Geschichte eingelassen, eine Wette von zwei Milliarden Dollar – und wir haben gewonnen.“
Unter Berufung auf Günther Anders’ Ausführungen zur Blindheit des Menschen für die Apokalypse erklärt Bauman: Was machbar ist, wird also gemacht, eben weil es machbar ist. Was gestern noch unvorstellbar und schockierend war, ist aber heute schon gefühlte Normalität, weil niemand mit chronischen Katastrophen leben kann.
Nicht als Problemanzeige wie bei Anders und Bauman, sondern als Rechtfertigung erscheinen eben diese Motive nun im Mund des aktuellen Nachfolgers von Truman, Barack Obama, der über die NSA Mitarbeiter in offenkundig verharmlosender, aus der Perspektive von Bauman und Anders aber verräterischer Sprache sagt: „Schließlich sind die Leute bei der NSA und den anderen Nachrichtendiensten unsere Nachbarn. Sie sind unsere Freunde und Familie. … Sie haben Kinder auf Facebook und Instagram, und sie wissen besser als die meisten von uns um die Verletzbarkeit der Privatsphäre in einer Welt, wo Transaktionen, E-Mails und SMS gespeichert werden und sogar unsere Bewegungen immer besser per Smartphone-GPS verfolgt werden können.“). Genau solche Nachbarn waren eben auch Adolf Eichmann oder die Crew von Abu Ghraib.
Und wenn die NSA nun Milliarden in einen Quantencomputer investiert, der letztlich alle Computer dieser Welt überwachen können soll, dann wird sie genau das das auch lückenlos tun, weil sie es kann und weil es so teuer war. Das hat Edward Snowdens Unterstützer Glenn Greenwald jüngst beim CCC auch so dargestellt, und es gibt m.E. keinen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln. Günter Anders starb 1992. In „Wenn ich verzweifelt bin, was geht’s mich an?“ ahnte er schon vor genau 50 Jahren ein technisch-totalitäres Imperium voraus, das uns bedroht. Dass er der „Panikmache“ bezichtigt wurde, empfand er als Auszeichnung.
In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um eine enge oder weite Interpretation von Ehe und Familie taucht immer wieder der Verweis auf die biblischen Schöpfungserzählungen auf. Die Vertreter der engen Auslegung gehen davon aus, dass
Walter Klaiber, der frühere Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche und theologisch sicher kein Radikaler, hält das in Schöpfung. Urgeschichte und Gegenwart für eine Überinterpretation von Genesis 1:
Damit ist nicht eine ursprünglich androgyne Gottesvorstellung vorausgesetzt und auch nicht die Gottebenbildlichkeit in der Beziehung von Mann und Frau angesiedelt. Wohl aber wird damit ausdrücklich festgestellt, dass alle Menschen an der Würde, der Vollmacht und der Verantwortung teilhaben. (S. 29)
Nicht die Unterschiedlichkeit, sondern gerade die Gleichheit von Mann und Frau stehen hier im Zentrum. Ganz ähnlich erkennt in Genesis 2 der Mensch („Adam“ ist ja ein Gattungsbegriff, kein Vorname) in der Frau die Gleiche und damit endlich das Gegenüber, das er unter all den anderen Lebewesen vergeblich gesucht hatte.
Ich habe schon verschiedentlich auf das großartige Kapitel in Miroslav Volfs Von der Ausgrenzung zur Umarmung: Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität verwiesen. Dort kommt Volf zum gleichen Schluss wie Klaiber, dass der Mensch seine Geschlechtlichkeit mit den (allermeisten)Tieren teilt, dass man sie aber nicht zurückprojizieren kann auf Gott selbst:
Wir benutzen maskuline und feminine Metaphern für Gott nicht, weil Gott männlich oder/und weiblich wäre, sondern weil Gott „persönlich“ ist. Von Personen kann man nur in geschlechtlicher Begrifflichkeit reden. Da Menschen, die einzigen personalen Wesen, die wir kennen, nur in der Dualität von Mann und Frau existieren, müssen wir von einem persönlichen Gott in maskulinen und femininen Metaphern reden. (S. 223)
Da Gott jenseits des Unterschiedes der Geschlechter steht, gibt es in Gott keine Entsprechung zum eigentümlich väterlichen Verhältnis, das ein Mann zu seinem Nachwuchs hat. Ein menschlicher Vater kann seine Verantwortung als Vater nicht von Gott ablesen. Was ein Vater von Gott lernen kann, das ist seine Verantwortung als Mensch, der zufällig ein Vater ist und daher eine besondere Beziehung zu seinen Söhnen und Töchtern hat, wie auch zu deren Mutter. Mann kann von Gott, dem Vater, nicht mehr darüber lernen, was es bedeutet, ein menschlicher Vater zu sein, als darüber, was es bedeutet, eine menschliche Mutter zu sein; umgekehrt kann man von Gott, der Mutter, nicht mehr über menschliches Muttersein lernen als man über Vatersein lernen könnte. Ob wir maskuline oder feminine Metaphern für Gott verwenden – Gott ist das Vorbild unseres gemeinsamen Menschseins, nicht unserer geschlechtlichen Eigenheiten. (S. 224)
… Die Ontologisierung der Geschlechtlichkeit wäre ein Bärendienst am Gottesbegriff wie am Verständnis von Geschlechtlichkeit. Nichts an Gott ist spezifisch weiblich; nichts an Gott ist spezifisch männlich; daher hat keine unserer Gottesvorstellungen eine Auswirkung auf Pflichten und Erfordernisse, die ein bestimmtes Geschlecht betreffen. Darin liegt meines Erachtens die Bedeutung der Tatsache, dass, wie Phyllis Bird gezeigt hat, Geschlechterunterscheidungen nach Genesis 1 keinen Bezug zum Ebenbild Gottes haben (Bird 1981; Bird 1991). Männer und Frauen haben Männlich- und Weiblichsein nicht mit Gott gemeinsam, sondern mit den Tieren. Gottes Ebenbild sind sie im gemeinsamen Menschsein. Daher sollten wir uns gegen jegliche Konstruktion einer Beziehung von Gott und Frausein oder Mannsein sperren, die ein Geschlecht bevorzugt, etwa indem sie behauptet, dass Männer aufgrund ihres Mannseins Gott besser abbilden als Frauen (mit LaCugna 1993, 94ff) oder dass Frauen, da von Natur aus beziehungsorientierter, dem Göttlichen als der Kraft von Verbundensein und Liebe näher stünden. (S. 227)
Zum Schluss der Blick ins Neue Testament: Das vollkommene Ebenbild Gottes ist Jesus von Nazareth (Kol 1,15), ein einzelner Mensch. Aber eben kein Ehepaar! Jesus ist zudem nicht der Prototyp wahrer Männlichkeit, sondern wahrer Menschlichkeit. Frauen haben also in der Imitatio Christi keinen Rückstand zu überwinden.
Sehr eindeutig ist die „Schöpfungsordnung“ übrigens im Blick auf die Ernährung, die war nämlich strikt vegan (vgl. Genesis 1,29-30). Fleisch kam erst nach dem Sündenfall und nach der Sintflut auf den Tisch – sonst hätten sich Noahs Passagiere nämlich gegenseitig verspeist (Genesis 9,3). All die Frommen, die gegen den Veggie-Day polemisiert haben, sollten also schleunigst Buße tun…
Auf der CES wurde kürzlich eine elektrische Zahnbürste vorgestellt, die einer Smartphone-App mitteilt, wann und wie intensiv die Zähne geputzt wurden. Wunderbar: Ab jetzt können die Eltern von dem Fernseher sitzenbleiben (wahlweise auch gern länger im Büro), ohne dass der Kinder Zahnschmelz darunter leidet (ich kann mir vorstellen, dass demnächst die Krankenkassen Zugriff auf die Daten beanspruchen oder bei NSA und BND anklopfen…).
So sieht das dann aus:
Ein paar Tage später aber las ich von einem intelligenten Kühlschrank, der als Teil eines Botnets enttarnt wurde, das massenweise Spams verschickte. Smart TVs sollen auch mit von der Partie gewesen sein. Demnächst bestimmt auch Kaffee-Vollautomaten. Gestern schließlich war von 16 Millionen E-Mail-Konten die Rede, die gehackt wurden. Sascha Lobo nennt Smartphones konsequenterweise nun „Premiumwanzen“.
Heute morgen schließlich blieben, natürlich exakt zum späten Anmarsch des diesjährigen Winters, die Heizkörper im Haus kalt. Hat jemand die smarte Steuerung manipuliert? So weit scheint es noch nicht zu sein, ein Monteur soll schon an der Fernwärmeleitung werkeln. Ich geh jetzt zum Aufwärmen erst mal ins Büro.
Bisher hätte man die Verknüpfung einer solchen Panne mit unerlaubten Gedanken oder kritischen privaten Äußerungen im privaten Rahmen als magisches Denken bezeichnet, das für ein bestimmtes Entwicklungsstadium normal ist (Kind „war böse“ – Meerschweinchen wird krank – Kind gibt sich die Schuld), von dem man sich als Erwachsener aber lösen muss. Inzwischen erscheint es aber durchaus vorstellbar, dass ein unbekannter Überwacher (ob Mensch oder Computer) mir die Wärme abdreht, weil ich durch irgendeine Äußerung negativ aufgefallen bin. Anders gesagt: die Wirklichkeit selbst wird wahnsinnig, zumindest sofern sie sich digital beeinflussen lässt.
Vorgestern Abend habe ich mir im Rahmen der Allianz-Gebetswoche Gedanken machen dürfen über das Thema „Vielfalt“. Beim Thema Integration haben evangelikale Christen in den letzten Jahren vielfach eine sehr konstruktive Rolle eingenommen und sich klar gegen die Diskriminierung von Migranten positioniert. Das ist auch wichtig, denn nach wie vor wird an diesem Punkt – die CSU exerziert es mit ihrer die Realität böswillig verzerrenden Kampagne zum Thema Armutsmigration gerade wieder vor – die Atmosphäre zwischen Einheimischen und Zuwanderern vorsätzlich belastet, um den rechten Rand der Wählerschaft für die Europawahl an sich zu binden.
In meinem Stadtteil hat die Ankündigung, dass hier demnächst eine zweistellige Zahl Flüchtlinge untergebracht werden soll, ganz ähnliche Reflexe ausgelöst. Ein anonymes Flugblatt beschimpfte die Kommune und die Kirchen, sie würden die Sicherheit Anwohner und den Frieden im Wohngebiet gefährden. Vorsorglich verwahrte sich der Autor gegen jeden Vorwurf, er sei rechts oder er wolle andere diskriminieren. Vielmehr sah er sich selbst als Teil einer unterdrückten Minderheit. Und dann zitierte er aus allen möglichen „Quellen“ die „Fakten“, über die man angeblich nicht reden dürfe, dass Flüchtlinge nämlich Probleme, Probleme und nichts als Probleme verursachen.
Ein interessanter Aspekt ist, dass in der Integrationsdebatte der Widerspruch gegen diese negative Selektion vermeintlicher „Fakten“ seit einiger Zeit als totalitär gelabelt wird – „ das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, heißt es dann gebetsmühlenartig. Die anderen greifen zu „Totschlagargumenten“, sie sind die eigentlichen Diskussionsverweigerer. Was hier als „Maulkorb“, Redeverbot und Einschränkung der Meinungsfreiheit hingestellt wird, ist freilich nur der berechtige und absehbare Protest gegen die negativen Stereotypisierungen anderer, die man selbst geäußert hat – also die Tatsache, dass andere Menschen auch von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch machen.
Die präventive Selbststilisierung in die Opferrolle dient dazu, nicht als Rassist, Rechter oder schlicht als intolerant gebrandmarkt zu werden, denn das ist im Zeitalter des Pluralismus einer der schwerwiegendsten Vorwürfe überhaupt. Folglich werden Alibi-Diskurse über Gegendiskrimierung etabliert, von angeblich grassierender „Deutschenfeindlichkeit“ ist dann die Rede, und freilich lässt sich irgendein Beispiel immer finden, wo nach Jahrzehnten der Verachtung eine oder mehrere Einwanderergruppen nun ihrerseits den Alteingesessenen das Leben schwer machen – aber wen wundert das eigentlich? Der Verweis auf die Inländerfeindlichkeit dient ja in der Regel dazu, die unversöhnliche Haltung gegenüber den bisherigen Minderheiten zu zementieren.
Der letzte Schritt der Selbstimmunisierung gegen Kritik besteht darin, die andere Seite unter Ideologieverdacht zu stellen. Nun werden also nicht nur die Migranten, sondern auch ihre Unterstützer etikettiert. Sie seien Fanatiker, die vom Wahn des „Multikulturalismus“ geblendet unsere Gesellschaft an den Rand des Abgrunds geführt hätten. Freilich führt der noch vergleichsweise junge Kampf gegen Diskriminierung nicht in jedem Fall zu gelungenen Theoriebildungen. Andererseits war und bleibt es notwendig, die Funktion von Sprache und Denkmustern in den Prozessen gesellschaftlicher Ausgrenzung kritisch zu reflektieren, und das Bemühen um eine angemessene Sprache, das mit dem inzwischen zum Schimpfwort mutierten Terminus „political correctness“ wiedergegeben wird, nun auf eine Stufe mit totalitären Systemen zu stellen (die Nazis sind immer die anderen…), stellt die Realität dreist auf den Kopf – lupenreine Projektion.
Als ich mit diesen Gedankengängen fertig war und mich über den neuen christlichen Multikulturalismus freute, wanderten meine Gedanken zurück durch die vergangenen zwei Wochen. Mein Facebook-Freundeskreis hatte sich in der Frage der Diskrimierung Homosexueller schlagartig gespalten, als im medialen Windschatten von Thomas Hitzlsbergers Coming Out die Petition zum Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg unerwartet Schlagzeilen machte. Selbst wenn man zugesteht, dass nicht jeder Kommentar sauber durchdacht war, fand ich die Parallelität bemerkenswert. Ich vermute, dass die meisten Befürworter irgendwie tatsächlich keine Diskriminierung Homosexueller wie in Russland oder Uganda möchten, dass sie andererseits aber den Preis für die Überwindung derselben nicht realistisch einschätzen oder mitzutragen bereit sind:
Der Ideologieverdacht steht schon im Titel, ihm folgt der Vorwurf der Indoktrination. Den besten Kommentar zu diesem Einstieg fand ich jüngst bei Jan Fleischhauer, der üblicherweise ja keine Gelegenheit auslässt, gegen alles, was irgendwie grün oder links ist, den Zeigefinger zu erheben. Er bemerkt zu dieser Sorge lapidar:
Das letzte Mal habe ich in den siebziger Jahren die Indoktrinierungsthese gehört. Damals ging es um einen Gemeinschaftskundelehrer an meiner Schule, der gleichzeitig Mitglied der DKP war. Wenn man meinen politischen Werdegang zum Maßstab nimmt, kann man nur sagen: Irgendwie hat das mit der Indoktrination nicht richtig hingehauen. Oder sie hat doch gewirkt und mich auf die andere Seite getrieben. Aber das spräche aus Sicht der Indoktrinierungsthesenanhänger jetzt eher dafür, den Schulkindern möglichst viel über die Vorzüge des schwulen oder lesbischen Lebens zu erzählen, damit sie später garantiert heterosexuell werden.
Die Gendertheorie bzw. das Schlagwort „Gender Mainstream“ (hier eine kurze, verständliche und konkrete Darstellung) ist unglücklicherweise dabei, in Teilen des konservativen Christentums die Funktion von Kommunismus, Okkultismus, Ökumene, Esoterik, europäischer Integration u.a. als vermeintlich totalitäre Verschwörung zu übernehmen. Ich bin gewiss kein Gender-Experte, kann mich aber nach allem, was ich weiß, dieser Sicht nicht anschließen. Ich halte es für sinnvoll, begrüßenswert und unvermeidlich, dass Sexualität in der Schule nicht nur im Biologieunterricht besprochen wird. Es geht ja um viel mehr als die Frage, wie Reproduktion funktioniert. Und wie Menschen als sexuelle Wesen leben, das wird weithin – im Guten wie im Bösen – durch unsere Kultur bestimmt.
Man kann die Petition mit Fleischhauer so lesen, „dass sich in einem Gutteil der Unterschriften nicht eine offene oder latente Homophobie ausdrückt, sondern eher der Unmut, ständig die eigene Toleranzbereitschaft unter Beweis stellen zu müssen… Kaum etwas macht Menschen so nervös wie das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen, dass man ihnen nicht ihre Rückständigkeit und Provinzialität vorhält. Gerade der akademische Diskurs mit seinen Verstiegenheiten löst bei Unkundigen deshalb schnell Befremden und Abwehr aus.“ Ein Unterzeichner fand, er müsse sich wohl bald dafür rechtfertigen, dass er heterosexuell sei. Das ist so ein fehlgeleiteter Abwehrreflex, der die Diskriminierung der eigenen Person schon darin antizipiert, dass eine andere Meinung Gehör findet. Ein Unterzeichner, dessen Kommentar auf der Petitionsseite hervorgehoben ist, schreibt: „Ich bin so glücklich, dass hier endlich einmal auch viele Normalos [!!] den Mut finden, gegen die Homosexualisierung der Gesellschaft [!!] Stellung zu beziehen.“ Wir „Normale“ werden also längst schon unterdrückt.
An einigen Stellen geht auch die Argumentation der Petition selbst in eine bedenkliche Richtung, die auch die heftigen Reaktionen der Kritiker verständlich werden lässt. Das eine ist der Verweis auf eine längere Liste von „gesundheitlichen Risiken“: Suizid, Drogenmissbrauch, HIV, psychische Krankheiten. Das ist, obwohl die Petition die ethische Reflexion fordert, ja im Kern ein biologistisches Argument. In der Kürze, in der es hier erscheint, ist es aber auch dazu angetan, allerlei Ängste zu schüren, die sich in den Kommentaren auch wunderbar aufspüren lassen. Im Hintergrund dieser Argumentationslinie schimmert die Vorstellung durch, dass jemand mutwillig gegen seine eigentliche „Natur“ handelt und damit sich und anderen schadet. Wie dieses Beispiel zeigt, wird bei Studien in dieser Richtung keineswegs nur seriös gearbeitet und argumentiert.
Und die Frage, wie man aus empirischen Befunden (sofern sie denn zuträfen) zu ethischen Urteilen findet, ist ja heikel: Bis vor ein paar Generationen hatten heterosexuelle Frauen eine deutlich geringere Lebenserwartung, weil viele im Kindbett starben. Zum Glück kam niemand auf die Idee, sie als Risikogruppe zu bezeichnen.
Das andere ist auch keineswegs neu, nämlich die Konstruktion einer Konkurrenzsituation zu „Ehe und Familie“ (beides strikt heterosexuell gedacht) und der Verweis auf den besonderen Schutz dieser Lebensform durch das Grundgesetz. Diese Annahme ergibt ja nur dann einen Sinn, wenn man sexuelle Orientierung als ein Problem versteht, mit dem man von außen irgendwie „infiziert“ wird, indem also eine allzu positive Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaft einen Nachahmungseffekt erzeugt, der labile junge Menschen gefährdet. Ich halte die Gegenposition für plausibler, dass die Orientierung weitgehend angeboren ist.
Den Wert von Ehe und Familie zu verteidigen (beziehungsweise der Vorwurf, diesen Wert grundlos zu opfern) war ja schon ein wesentliches Motiv in der Kritik am Familienpapier der EKD. Hier taucht es wieder auf. Und wie man es dreht und wendet, der Spagat mag einfach nicht gelingen: In diesem Kontext den „besonderen Wert“ der heterosexuellen Ehe (das Bundesverfassungsgericht geht allerdings schon Schritte hin zu einem nichtexklusiven Verständnis von Ehe und Familie) zu betonen, bedeutet unweigerlich, andere Arrangements als minderwertig im Blick auf das Ideal oder die Norm erscheinen zu lassen. Der Staatsrechtler Carl Schmitt konstatierte einst: „Wer Werte setzt, hat sich damit gegen Unwerte abgesetzt“. Und Melanie Amann vom Spiegel schreibt im Blick auf zahlreiche Aktivisten der AfD, die ähnliche Positionen vertreten:
Diskriminierung muss nicht als grobe Beschimpfung daherkommen. Oft verbirgt sie sich in subtilen Sticheleien, oder im überschwänglichen Lob einer Lebensform, wenn in Wahrheit die andere herabgewürdigt werden soll.
Ein gesellschaftlicher Kontext dieser Diskussion ist der schleichende Bedeutungsverlust der „bürgerlichen Mitte“ unserer Gesellschaft. Diesem Milieu sind viele aktive Christen in Deutschland zuzuordnen. Eckhart Bieger schreibt dazu auf kath.de recht treffend:
Die Bürgerliche Mitte entwickelt eine eigene Mentalität, einfach deshalb, weil alle anderen Lebenswelten in einem Abstand zur Mitte leben. Deshalb fühlen sich die Bewohner der Mitte als die Normalbürger. Sie müssen nicht darüber nachdenken, sondern sie erleben alle an anderen Milieus als abweichend von der Mitte. Ihr Selbstbewusstsein kommt daher weniger aus dem erreichten sozialen Status, sondern mehr aus dem Bewusstsein, dass so, wie sie leben, es richtig ist. Sie erwarten, dass andere sich ihnen anpassen.
Der Bildungsplan für Baden-Württemberg spricht die Sprache anderer Milieus und stellt damit dieses Selbstverständnis in Frage. Daher wird er als fundamentale Verunsicherung erlebt. Verständlicherweise ist das Interesse groß, möglichst viele gesellschaftliche Inseln zu behaupten, die dem „Zeitgeist“ (d.h. allen die eigene Sicht relativierenden Veränderungen) entzogen sind. Für Marc Raschke auf Brand Eins verbindet die Menschen in diese Milieu vor allem der „Wunsch, ihren Status quo zu bewahren“.
Zurück zum Anfang: In der Frage des Multikulturalismus ist es unter Christen vielfach schon gelungen, vorhandene Ängste und Abwehrreaktionen abzubauen. Im Blick auf andere Lebensentwürfe wird das sicher noch einige Zeit dauern, aber man kann auch in den unbeholfenen Versuchen, die eigene „Normalität“ ohne Diskriminierung anderer zu behaupten, ein Zeichen der Hoffnung sehen. Vielleicht gelingt ja sich dieser Transfer irgendwann.
Kürzlich nahm ich an einem theologischen Gespräch teil über die christliche Lehre vom Heil und der Versöhnung (Soteriologie). Die meisten Teilnehmer kamen aus der evangelikalen Tradition, die seit jeher die persönliche und individuelle Seite des Erlösungsgeschehens in den Mittelpunkt stellt. Uneins waren wir uns an dem Punkt, ob diese Akzentuierung sich zu Recht auf das Neue Testament berufen kann oder nicht. Eine These, die im Raum stand, war nämlich die, dass im Unterschied zu den Heilserwartungen der hebräischen Bibel (dort geht es um Gott und sein Volk, die Individuen sind dem deutlich nachgeordnet) im Neuen Testament eben diese Dimension des Einzelnen ins Zentrum rückt.
Je länger ich das Neue Testament lese, desto weniger kann ich das noch so sehen. Freilich muss man sich von einer bestimmten Auslegungstradition freischwimmen, die etwa mit Augustinus einsetzt, sich in der Reformation verstärkt und die im Pietismus wie Aufklärung noch weiter zunimmt, nämlich die Konzentration auf den einzelnen Menschen. Das fällt vielen schon deshalb nicht mehr auf, weil der moderne Hyperindividualismus das längst noch in den Schatten stellt. Legt man die Brille mal beiseite, die schon mehr oder weniger unbewusst jeden Plural in einen Singular verwandelt und jede Gemeinschaft nur als Ansammlung von Individuen missversteht (in Wirklichkeit ist sie etwas anderes und Größeres), dann ergibt sich ein anderes Bild.
Ein paar Schlaglichter:
Schließlich ist die umfassende Wiederherstellung der Beziehung, Verbindung und Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mitmensch, Menschheit und Schöpfung ja die Essenz aller christlicher Heilsvorstellungen. Eben deshalb sind Gottes- und Nächstenliebe bei Jesus gleichrangig, ist die Bruderliebe im ersten Johannesbrief das Echtheitskriterium der Gottesliebe. Auch von daher denke ich, man muss dem Zeitgeist zum Trotz – wunderbar, dass ich diesen Satz hier auch mal verwenden kann 🙂 – darauf beharren, dass die Dimension des einzelnen auch im Neuen Testament zwar nicht ausgeblendet und vernachlässigt wird, aber deutlich hinter der gemeinschaftlichen und damit eben auch der sozialen Dimension von Glauben und Heil anzusiedeln ist.
Die Zumutung des Evangeliums in einer zunehmend narzisstischen Gesellschaft ist die Einsicht, dass sich die Welt (und erst recht Gott) nicht um mich dreht, auch nicht um meinen „geistlichen“ Zustand, sondern dass Gottes Geist gerade auf ein dezentriertes Selbst hinwirkt. Ironischerweise sind gerade solche Menschen individueller und unverwechselbarer „sie selbst“ als die meisten anderen. Dem würden nun auch viele Vertreter des Heilsindividualismus zustimmen, für die sich erst einmal alles um die persönliche Gottesbeziehung dreht. Sie würden sich und anderen den Weg dahin (es geht ja um nichts weniger als die oft beschworene „Heiligung“) eventuell erleichtern, wenn sie in der missionarischen Verkündigung gleich auf dem richtigen Fuß beginnen würden.

Vom 21. auf den 23. März findet im Geistlichen Zentrum Schwanberg ein Symposium über Christlich-keltische Spiritualität statt. Hauptreferent ist Roy Searle von der Northumbria Community, es gibt am Samstag etliche Workshops zu unterschiedlichen Themen (z.B. Natur- und Schöpfungsspiritualität, Symbole, Poesie und Imagination, die Rolle der Frauen), und ich selber werde auch einen kleinen Beitrag leisten.
Wer also Lust und Interesse hat, ist herzlich eingeladen, sich anzumelden. Hier ist der aktualisierte Flyer. Vielleicht sehen wir uns dann ja im März?
