Beten ohne auszutrocknen

Ich hatte es ja kürzlich schon vom Beten. Eigentlich ganz einfach und manchmal doch erstaunlich kompliziert – so wie wir selbst und so wie unser Leben in dieser komplexen Welt.

Gestern war der erste Teil unseres (bis auf den letzten Platz belegten) Gebetsseminars. Ich kann den Inhalt dieses wohltuenden Abends nur in Fetzen wiedergeben. Es ging eigentlich um das “mentale” Gebet – das Beten mit dem Verstand, bei dem wir Gott bestimmte Anliegen vortragen, ihn für uns selbst und andere bitten. Dieses -man könnte sagen: effektive – Gebet ist eine notwendige und legitime Form, die aber auch schnell (und ohne dass wir das wollten oder gut fänden) zu einer Art Geschäftsbeziehung zwischen Gott und und führen kann. Vor allem, wenn sie die einzige Form des Betens bleibt.

Daher kamen wir auch immer wieder auf das “affektive” Gebet, wo wir zweckfrei mit Gott darüber reden, wie es uns geht und was uns bewegt, ihm unser Herz ausschütten. Darum geht es dann nächste Woche wieder. Ein Satz von Stans Möhringer, der gestern bei mir hängen blieb, war: “Das mentale Gebet trocknet aus.” Oh ja…

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Arme Muslime?

Jürgen Kroenig schreibt in der Zeit darüber, warum aus seiner Sicht vieles in der aktuellen Diskussion um jugendliche Gewalttäter “mit Migrationshintergrund”, wie es politisch korrekt und sagenhaft umständlich heißt, am Kern der Problematik um die Integration von Zuwanderern vorbeigeht – aus falscher Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten, und weil man bestimmte Fragen einfach ausblendet.

Weder Law-and-Order Parolen noch der Ruf nach mehr Sozialarbeitern bringen die Lösung. Hier ein kleiner Auszug:

Erfahrung lehrt, dass sich manche ethnische Gruppen offenkundig besser an liberale Demokratien und ihre Arbeits- wie hedonistisch getränkte Freizeitkultur anzupassen vermögen als andere Minderheiten. Im verhuschten, politisch korrekten Diskurs wird viel zu selten erörtert, ob nicht auch kulturelle wie religiöse Gründe die miserable sozioökonomische Stellung bestimmter Minoritäten erklären könnten.

Die Statistik jedenfalls spricht eine klare Sprache: Muslimische Einwanderer und ihre Sprösslinge sind in aller Regel ärmer, eher arbeitslos und schlechter ausgebildet als zum Beispiel Immigranten aus Indien oder anderen Ländern Asiens. In Frankreich, Deutschland wie Großbritannien leben fast 40 Prozent der muslimischen Bevölkerungsgruppen von Zuwendungen des Staates, anders als Chinesen oder Inder, unter denen Arbeitslosigkeit fast unbekannt ist.

Desweiteren: Die weitverbreitete Praxis, muslimischen Frauen Erziehung und persönliche Entfaltung zu verweigern, trägt dazu bei, Armut zu perpetuieren. Im Westen hängt wirtschaftliches Wohlergehen, ob man das bedauert oder nicht, nun mal häufig von zwei Einkommen pro Familie ab. Und die Integration davon, ob auch die Frauen ihren Platz in der Gesellschaft und der Arbeitswelt finden.

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Sündenböcke

Ich hoffe und bete, dass Roland Kochs Rechnung nicht aufgeht, seine schwindenden Wahlchancen auf Kosten der Integration ausländischer Jugendlicher aufzubessern. Nicht einmal die Polizeigewerkschaft hat er auf seiner Seite, und die sind mit Sicherheit besser vertraut mit den Ursachen jugendlicher Gewalt. Die NPD klatscht Beifall.

Und Peter Struck hat nur ausgesprochen, was viele denken: Koch kamen die Vorfälle gelegen; er will sich mit diesem Thema profilieren, nachdem es ihm auf konstruktive Weise offenbar nicht ausreichend gelungen ist. Albern, dass Struck sich jetzt dafür entschuldigen sollte.

Koch dagegen “fehlen die Worte”. Fast jedenfalls. Kein Schaden für Deutschland, wenn er mal schweigt.

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Nicht überall, wo Gebet drauf steht…

… ist auch Gebet drin. Den Eindruck hatte ich nach einem kurzen Austausch in den letzten Tagen. Ich wurde angeschrieben und eingeladen zu einem Gebets-Event. Bei ähnlichen Veranstaltungen seien in den letzten Monaten “etwas Neues geweckt” worden, hieß es, und dann wurde auf den Wechsel des Ministerpräsidenten in Bayern verwiesen.

Irgendwie erschien mir diese Verknüpfung als zu direkt. Dank für ein erhörtes Gebet wäre in Ordnung, dachte ich, aber hier ging es um etwas anderes. Also schrieb ich zurück und meldete meine Bedenken an. Der Initiator meinte, es sei doch nur natürlich, mit Resultaten zu rechnen, und formulierte am Ende seiner Antwort: “Komme Reich Gottes. Geschehe Wille Gottes (…) – wie im Himmel, und ich erwarte Ergebnisse!”

Erst beim zweiten oder dritten Lesen merkte ich, woher meine Bauchschmerzen bei dieser Aussage rührten. Statt “Dein Reich komme” in der bittenden Anrede an Gott steht hier ein Imperativ und Gott erscheint nur als Genitivattribut. Was jetzt nach Wortklauberei aussieht, deutet jedoch auf eine ganz andere Sicht der Zusammenhänge: Gebet ist plötzlich nicht mehr (wie bei Jesus) eine Bitte an Gott, dass er bestimmte Dinge herbeiführt, sondern bewirkt praktisch direkt die jeweiligen Ereignisse.

Und damit wird der Zusammenhang von einem mittelbaren zu einem unmittelbaren: Ich proklamiere (bzw. “gebiete”, was auch immer…) und dann passiert es irgendwann. Dazu passt dann auch diese für mein Empfinden so erstaunliche Gewissheit, dass große politische Ereignisse die Wirksamkeit bestimmter Aktionen belegen.

Ich glaube aber, dass Gott uns bewusst keine unmittelbare Einwirkung auf andere gestattet. Bestimmte Dinge sind, wie Dallas Willard und C.S. Lewis sagen, unserem Zugriff entzogen. Gott schaltet sich aus Sicherheitsgründen dazwischen. Unsere Gebete sind sicher auch in großen weltgeschichtlichen Zusammenhängen erwünscht und sinnvoll. Allerdings behält sich Gott die letzte Entscheidung vor – er bleibt die Hauptperson. Und ich fürchte, wo man so redet, dass man sich das nicht mehr bewusst macht, hat man die Grenze zum magischen Denken schon fast überschritten.

Das Bitten ist das große Gesetz der spirituellen Welt, durch das Dinge zustande kommen in Kooperation mit Gott und doch in Harmonie mit der Freiheit und Würde jedes einzelnen.

Dallas Willard

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Emergenz, Grabsteine und schlechte Luft

Wer wissen möchte, wie das alles zusammenhängt, dem sei dieser schöne Artikel von Bill Dahl auf The Ooze empfohlen. Hier ein kleiner Appetizer:

Yet, one distinctly interesting characteristic of the emerging church is unlearning how we have learned to have relationship with God, as a methodology or approach to embracing The God of More, Jesus Christ. As Thomas Merton said, “The first step in the interior life, nowadays, is not, as some might imagine, learning not to see and taste and hear and feel things. On the contrary, what we must do is begin by unlearning our wrong ways of seeing, tasting, feeling, and so forth, and acquire a few of the right ones.”

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Was hat er nur gemeint?

Morgen bin ich in der Allianz-Gebetswoche mit von der Partie. Das Thema ist die Nachfolge Christi. Heute las ich den weiteren Zusammenhang dazu in Matthäus 16,28:

Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen.

Der Vers birgt eine gewisse Schwierigkeit: Falls Jesus von seiner “Wiederkunft” redet – und in einer gewissen Auslegungstradition tut er das ja ständig -, dann hat er sich schlicht und einfach getäuscht. In eben dieser Auslegungstradition ist das aber nicht vorgesehen, dass Jesus (schlimmer noch: die Bibel!) sich täuscht. 🙂

Aber vielleicht hat ja auch N.T. Wright Recht, der das Kommen des Menschensohnes mit dem Buch Daniel als ein Kommen zu Gott hin, also nicht vom Himmel herab, deutet. Ungefähr das, was bei Johannes dann als die Erhöhung Christi erscheint, die er ja mit dem Kreuz identifiziert. Das würde übrigens glänzend in den Kontext von Mt 16 passen. Das Kommen des Menschensohnes zu Gott (durch Tod und Auferweckung) aber bedeutet das Ende des Exils, die Wiederherstellung des Gottesvolkes, den Beginn des letzten Aktes im großen Drama zwischen Gott und seiner Welt, den Beginn der neuen Schöpfung.

Ach ja, das Beste hatte ich beinahe vergessen: Die Bibel hat also doch Recht… 😉

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Destruktiver Dialog

Heute abend geht es bei LebensArt um das Thema Streit. Dazu habe ich dieses nette “Rezept” gefunden. Es kommt natürlich nur mir bekannt vor:

  1. Entwickle und bewahre eine gesunde Angst vor Konflikten, lass deine Gefühle hochkochen, so dass du in explosiver Stimmung bist
  2. Wenn du dein Anliegen vorträgst, sei so vage und allgemein wie möglich. Dann kann der andere praktisch nichts tun, um die Situation zu verändern.
  3. Geh davon aus, dass du alle Fakten kennst und völlig im Recht bist. Es hilft, wenn man das mit einem Bibelvers besiegelt. Sprich prophetisch im Namen von Wahrheit und Gerechtigkeit; rede die meiste Zeit selbst.
  4. Erkläre mit einem Hauch von Todesverachtung deine Bereitschaft, mit jedem zu sprechen, der mit dir das Problem diskutieren möchte. Aber ergreife selbst keine Initiative in diese Richtung.
  5. Stürze dich hartnäckig auf jedes Indiz, das du finden kannst und das zeigt, dass der andere nur eifersüchtig auf dich ist.
  6. Beziehe dich in der Beurteilung der Lage auf alle Erlebnisse, wo der andere schon einmal unfreundlich war oder versagt hat. Erinnere dich daran, was er im Zorn gesagt hat.
  7. Sollte das Gespräch ernsthaft werden, betrachte das Thema als Kampf um Sieg und Niederlage. Meide denkbare Lösungen, setze auf Sieg auf der ganzen Linie und bedingungslose Kapitulation. Bring nicht zu viele Möglichkeiten ins Gespräch.
  8. Gib den schwarzen Peter weiter. Wenn du zu einer Lösung gedrängt wirst, deute an, dass du zum Frieden nicht ermächtigt bist. Du brauchst deinen Ehe- oder Geschäftspartner, die Bank, wen auch immer.

Die Idee stammt aus einem älteren Buch von Ron Kraybill, der auch auf Paxblog sehr interessante Posts schreibt. Die Täufer (Kraybill ist Mennonit) sind wirklich ein Geschenk Gottes an seine Kirche.

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Werkstatt macht wieder Pause

Die Tagung des AfeM ist vorbei. Es waren zwei spannende Tage im Monbachtal mit guten Gesprächen, neuen und alten Bekannten – nach 20 Jahren gab es ein nettes Wiedersehen mit Prof. Peter Beyerhaus, der mir unter anderem erzählte, dass sein Sohn Alpha-Kurse hält. Unter den Anwesenden waren so viele Leute mit internationaler Missionserfahrung, das gibt in der Zusammensetzung einen gewaltigen Horizont.

Beim Abschied erfuhr ich, dass die Veranstalter im Vorfeld “gewarnt” worden waren, mich einzuladen. Ich finde, wenn man als gefährlich gilt, bewegt man ja vielleicht doch etwas. Aber es war vor Ort überhaupt nichts von einer feindseligen Atmosphäre zu spüren gewesen. Nicht einmal Reinhold Scharnowski schaffte es, den Ketzerhut zu ergattern. 🙂

Das Referat “Sünde, Kreuz und Bekehrung im Horizont der Postmoderne” hänge ich hier als PDF an, für alle, die es nachlesen wollen (und mit Dank an alle, die mitgedacht haben!). Wo doch Toby (dessen Vater ich just dort kennengelernt habe) heute eine Beschäftigung mit diesen Themen angemahnt hat. Die Lektüre dauert allerdings ein Weilchen…

Afem Vortrag

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Wer für alles offen ist…

… der ist nicht ganz dicht. So lautet ein Spruch, den man aus einer ganz bestimmten Richtung immer wieder hört. Das Problem ist nur, dass man in dem Moment schon nicht mehr ganz dicht ist, wenn man überhaupt für irgendetwas offen ist.

Die Erfinder dieses Spruches und ihre mehr oder weniger naiven Nachahmer sagen damit also eigentlich nur eines: Dass sie selbst total dicht sind.

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Laufend gesünder werden

Die letzten Wochen waren etwas bewegungsarm: die Kälte und die frühe Dämmerung machen es einem nicht leicht. Neue Motivation, wieder öfter Laufen zu gehen, fand ich eben im Spiegel:

So wurden in den USA 3234 übergewichtige Menschen mit beginnendem Diabetes (gestörte Glukosetoleranz) nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die einen bekamen jeden Tag zwei Pillen eines Standardmedikaments (jeweils 850 Milligramm Metformin); es verringert die Glukose-Herstellung in der Leber und senkt auf diese Weise den Blutzuckerspiegel. Anderen Testpersonen wurde ein Scheinmedikament verabreicht. Die Mitglieder der dritten Gruppe schließlich sollten sich fettärmer ernähren und an fünf Tagen der Woche 30 Minuten zu Fuß gehen mit dem Ziel, sieben Prozent ihres Körpergewichts zu verlieren.

Nach knapp drei Jahren war in der Medikamenten-Gruppe das Auftreten von Diabetes mellitus um 31 Prozent verringert. Die Menschen in der Bewegungs-Gruppe waren jedoch gesünder: Hier war die Inzidenz um 58 Prozent gesunken.

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Glaubensspiralen (4): Gelb

Ein für unsere Zwecke entscheidender Sprung geschieht beim Übergang zum gelben Mem. Hier erreicht menschliches Denken die „zweite Ordnung“ und vermag durch einen systemischen Denkansatz die Meme der ersten Ordnung zu überblicken:

„Wir können zum ersten Mal die Legitimität aller bislang erwachten menschlichen Systeme erkennen. Es sind Formen unserer Existenz, die das Recht haben, da zu sein. Die Systeme werden als dynamische Kräfte gesehen, die, wenn sie gesund sind, zur Lebensfähigkeit der gesamten Spirale und folglich zur Fortsetzung des Lebens selbst beitragen.” (Beck/Cowan S. 424)

Es gelingt, die Stärken einzelner und ganzer Kulturen zu nutzen, und ihre Schwächen konstruktiv zu überwinden, indem man mit Menschen in ihrer Vorstellungswelt kommuniziert, ohne sich von dieser begrenzen zu lassen.

„Menschen, die andernorts auf der Spirale ihren Schwerpunkt haben, sind von gelb Denkenden ganz verdattert. Sind sie purpurn geprägt, können sie sie praktisch nicht wahrnehmen. Rot geprägten erscheinen sie seltsam, aber manchmal macht es Spaß, mit ihnen zusammen zu sein. Wer blau denkt, dem erscheinen sie unbeständig, respektlos und unscharf. Wer seinen Schwerpunkt in Orange hat, der hat den Eindruck, die wären unwillig, sich der Erreichung eines Ziels vollständig zu verschreiben. Vom grünen Standpunkt aus gesehen, wirken sie cool und reserviert“ (Beck/Cowan 433f.)

Diese knappe und lückenhafte Skizze der letzten Posts lässt schon erkennen, vor welcher Aufgabe man mit den unterschiedlichen, aber gleichzeitig aktiven wMemen steht: Den Blauen ein Blauer zu werden, den Orangen ein Oranger und so weiter. Gelöst werden kann die Aufgabe angesichts des rapiden Wandels, der auf ebenso rapiden Veränderungen der Lebensbedingungen beruht, eigentlich nur, wenn die Kommunkation vielfarbig wird. In der Logik der Spiral Dynamics bedeutet das aber, sich zum Denken des gelben wMems in emergenten Systemen zu bewegen. Nur dann können die spezifischen Engführungen bestimmter Systeme vermieden und allergische Reaktionen auf andere Systeme gemildert werden.

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Gut beraten ins neue Jahr

Martina hat ihre eigene Website. Streng genommen existiert diese schon seit einem Vierteljahr, aber nun stimmt der “Content” und ist von ihr autorisiert worden, so dass alle Welt nun hineinklicken kann.

Seit rund 18 Monaten lässt sie sich in Hannover bei Progressio zum Coach ausbilden und berät fleißig Menschen. Im Mai ist sie dann fertig. Andere zu ermutigend zu begleiten war schon immer eine große Stärke, die Martina in verschiedenen Lebenssituationen entwickelt und inzwischen systematisch ausgebaut hat. Nun kann man sich über ihr Angebot online informieren und sie bei Gelegenheit weiter empfehlen!

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Kein Tag wie jeder andere

Heute vor genau 20 Jahren war ich auf einer folgenreichen Silvesterparty: Nach dem 12-Uhr-Läuten prosteten sich alle zu und fielen einander um den Hals. Um meinen Hals fiel eine junge Frau, an die ich die Wochen zuvor fast unablässig denken musste, obwohl ich sie kaum kannte: dunkle Locken, grüne Augen, offener Blick und fröhliches Wesen und eine Stimme, der ich ewig zuhören konnte. Vor Mitternacht hatten wir uns an ein paar Tänzen versucht. Nun dauerte die Umarmung einen Augenblick, sie dauerte zwei Augenblicke, sie dauerte eine Minute – keiner von uns beiden ließ als erster los in dem fröhlichen Getümmel. Als wir einander schließlich in die Augen sahen, bestand Klärungsbedarf.

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Damals schien der Gedanke, dass sich aus diesem inneren Ausnahmezustand etwas Dauerhaftes entwickeln könnte, einfach zu gewagt. Also rechnete ich damit, gleich zu hören, dass es ihr leid tue, sie sich nicht erklären könne, wie es zu dieser Situation kam und wir bestimmt gute Freunde sein könnten, aber eben nicht mehr. Doch so kam es nicht. Am Neujahrsnachmittag unternahmen wir einen langen, langen Spaziergang, ich bekam einen schwindelerregenden Kuss (um es mit Shania Twain zu sagen: “it’s criminal”) und wir erzählten einander unsere Lebensgeschichten. Alles war unglaublich neu und aufregend.

Die ersten Monate waren trotz aller Anziehungskraft überhaupt nicht leicht. Aber zwanzig Jahre später schaue ich immer noch in die grünen Augen, sehe die hübsche Nase und das dunkle, sanft gewellte Haar (die Locken haben sich an zwei unserer Kinder vererbt, die nun versuchen, sie zu bändigen) und denke gern zurück an diese Silvesterfete. Das neue Jahr fängt gut an.

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Glaubensspiralen (3): Grün

Ich setze die Reihe spiralaufwärts fort – immer mit der Frage, auf welche Wertesysteme und Denkweisen die christliche Botschaft trifft. Der Übergang von “Orange” nach “Grün” ist in etwa mit dem Beginn der Postmoderne gleichzusetzen:

Mit dem Übergang zum grünen wMem verschiebt sich der Schwerpunkt des Interesses zurück vom Individuum zur Gemeinschaft. Harmonie und Empathie beginnen, den Selbstausdruck zu beschränken. Allerdings fördert das grüne wMem (anders als konformistisches Blau) die Vielfalt und Toleranz der Überzeugungen und Lebensstile. Im Unterschied zu Orange wird nun Konkurrenz kritisch gesehen und die sozialen Kosten beklagt. Das blaue, moralisierende Evangelium erklärte “strukturelle” Sünde nicht (viele konservative Christen gingen den scheinbar „anständigen“ Nazis auf dem Leim) und begünstigt Spaltungen durch seinen Hang zum ausgrenzenden Sündenbock-Mechanismus. Es hat sich damit disqualifiziert und muss mit heftiger Ablehnung rechnen, vor allem, wenn es rot/Blau in aggressiver Rhetorik und mit Andeutungen totalitärer Ansprüche erscheint.

Auf der Frequenz von Grün kann Sünde als destruktives Sozialverhalten ausgemacht werden, insbesondere Diskriminierung und Ausgrenzung, aber auch Gleichgültigkeit und Kälte. Zusätzlich erscheint strukturelles Unrecht erstmals im Bewusstsein, während die Ethik zu situativen Entscheidungen neigt und blaues Schwarz/Weiß Denken verpönt ist. Bestimmte „blaue” Werte wie etwa Ehrlichkeit bestehen oft weiter.

Das Kreuz wird zum Anstoß, wo der Straf- und Opfercharakter dominiert und Gott (dem das Opfer gilt) als gewalttätig erscheint. Umgekehrt kann das unschuldige Leiden des gewaltlosen Messias unter der römischen Militärmaschinerie eine enorme Anziehungskraft entwickeln und die Vorstellung eines leidenden Gottes löst weder blaue Angst und Empörung noch oranges Schulterzucken aus. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Passion lediglich exemplarisch verstanden wird, also keine neue, befreiende Wirklichkeit konstituiert. in der Regel wird in Grün des Aspekt des universalen Heilswillens Gottes stark zur Geltung kommen, der sich gerade den ausgegrenzten Sündern, den „Verlierern“ dieser Welt gilt, und der Versöhnung stiftet über ethnische, nationale und soziale Schranken hinweg.

Bekehrung (der – historisch betrachtet – typisch blaue Begriff wird in der Regel gemieden) wird auf der grünen Frequenz tendenziell so verstanden, dass man Teil einer Gemeinschaft wird, in der man in universaler Offenheit für andere die Praxis der Nächstenliebe und des Friedens einübt. Sie wird weniger als punktuelle Krise, sondern stärker als prozesshafte Transformation verstanden. Folglich wird auch die Unabgeschlossenheit dieses Prozesses betont – sich durch geistliche Übungen dem Einfluss der Gemeinschaft und des Geistes Gottes beständig auszusetzen, um lebenslang zu wachsen.

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