Christen in die Politik – wirklich?

In letzter Zeit mangelt es ja nicht an Aufrufen, dass Christen sich politisch interessieren und einmischen sollen. Vor ein paar Wochen erreichte mich ein Brief an den Bundeskanzler samt der Aufforderung, diesen zu unterschreiben. Ich tat es nicht, denn der Brief von Dr. Hans Penner aus Linkenheim-Hochstetten enthielt unter anderem folgenden Absatz:

„Wer Gott nicht respektiert, dessen Verstand wird unbrauchbar und verfällt hirnrissigen Ideen wie Windräder und Klimaschutz oder er begeistert sich für widernatürliche Unzucht. Vielleicht sollte man auf den Hunde-Adventskalender Ihrer Frau die verheißungsvolle Prognose von Emanuel Geibel schreiben:

„Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub‘ durchs Fenster.
Habt die Gottheit ihr verjagt, kommen die Gespenster.“

Der Atheismus Ihrer Regierung läßt Deutschland in eine gespenstische Zukunft blicken.“

Am kommenden Sonntag nimmt der Kanzler an einem Gedenkgottesdienst für die Flutopfer teil, obwohl er diesen Brief erhalten hat und obwohl sicher etliche fromme Eiferer unterzeichnet haben. Natürlich ist er es gewohnt, Drohungen und Beschimpfungen zu erhalten und kann damit umgehen.

Ich schäme mich trotzdem, dass es immer noch Menschen gibt, die im Namen Christi solche Tiraden verfassen. Vermutlich denkt Jesus sogar über Windräder anders als Dr. Penner. Ganz sicher aber hat er in der Bergpredigt klar und deutlich gesagt, dass verächtliche Beschimpfungen in Gottes Augen ein Verbrechen sind. Ich habe dem lieben Mitchristen, der mir den Brief zur Weiterleitung zusandte, eine empörte Antwort geschrieben; der ließ seinerseits jedes Problembewusstsein vermissen.

Vielleicht sollten wir uns das mit den politischen Aufrufen noch einmal überlegen. Liebe ist ein großes und vielfach missbrauchtes Wort. Vielleicht sollten wir erst einmal ein paar Jahre über Achtung, Respekt, gute Umgangsformen und Toleranz (!) gegenüber Andersdenkenden sprechen – und das praktisch einüben. Macht Gerhard Schröder eigentlich auch etwas richtig – dann sollten wir ihn dafür loben. Wir sollten ihm im Zweifelsfall die denkbar besten Motive unterstellen und nicht die Sprache seiner übelsten politischen Gegner imitieren. Und wir sollten die, die sich daran nicht halten wollen, ebenso öffentlich zur Rede stellen, wie sie ihre peinlichen Statements abgeben.

Was ich hiermit tue.

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