Das Leben als Ganzes

Etty Hillesum ist nicht gerade kompatibel zur leidensscheuen Spaßgesellschaft. Im Juli 1942 schreibt sie folgende Sätze in ihr Tagebuch, die mich in meinen Gedanken zum “Kleingedruckten” berühren:

In letzter Zeit kommt es immer häufiger bei mir vor, dass ich bis in meine kleinsten täglichen Verrichtungen und Empfindungen einen Anflug von Ewigkeit verspüre. Ich bin nicht die einzige, die müde oder krank oder traurig oder ängstlich ist, sondern ich teile das Los von Millionen anderer Menschen aus vielen Jahrhunderten. All das ist ein Teil des Lebens und trotzdem ist das Leben schön und sinnvoll noch in seiner Sinnlosigkeit, wenn man nur allen Dingen einen Platz im Leben einräumt und das ganze Leben als Einheit in sich aufnimmt, so dass es dennoch zu einem geschlossenen Ganzen wird. Und sobald man Teile davon ausschließt und ablehnt, sobald man eigenmächtig und willkürlich dies eine vom Leben annimmt, jenes andere aber nicht, ja, dann wird es in der Tat sinnlos, weil es nun kein Ganzes mehr ist und alles willkürlich wird.

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Schön gesagt

Ich trage eine kleine Melodie in mir herum, die manchmal danach verlangt, dass ich sie in meine eigenen Worte kleide. Aber Hemmungen, Mangel an Selbstvertrauen, Faulheit und ich weiß nicht was noch alles hindern mich daran, und so bleibt sie in mir stecken und spukt in mir herum. Manchmal höhlt sie mich inwendig aus. Und dann wiederum erfüllt sie mich mit ganz leiser, wehmütiger Musik.


Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941 – 1943

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Bibeln und Bigotterie

Bernardo Provenzano scheint ein Mann voller Gegensätze zu sein: Ein Multimilliardär, aber er gibt nichts davon aus, lebt in einer spartanischen Hütte, ernährt sich von Frischkäse und – jetzt kommt’s noch dicker – er hat schätzungsweise vierzig Leute direkt auf dem Gewissen, sieht aber häufig seinen Beichtvater und hat gleich mehrere Bibeln bei sich.

Aus den letzten Infos hätte der eine oder andere geschlossen, der fromme Bernardo müsse ein guter Mensch sein. Pustekuchen! Aber es wäre doch wirklich schön, wenn das Lesen in de Bibel Leute von allein zum Guten verändern würde.

Ein anderes Beispiel für diese Art empörender Bigotterie ist der Konflikt zwischen dem deutschen Papst Benedikt XVI und dem polnisch-nationalistischen katholischen (!) Sender Radio Maryja, der durch Antisemitismus von sich reden macht.

Es bleibt also eine riesige Aufgabe, daran aufmerksam zu arbeiten, dass das Evangelium richtig verstanden und dann auch praktisch umgesetzt wird – keineswegs nur für Katholiken.

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Glück und Entsetzen

Generous Orthodoxy verweist auf ein Gespräch des Sunday Herald mit der jüdisch-stämmigen Feministin Naomi Wolf, die erzählt, wie sie eine Begegnung mit Jesus hatte. Hier ein kleiner, aber feiner Auszug, der theologisch spannend ist und vor allem die Frage aufwirft, wo jemand hingehen kann und verstanden wird, wenn er so etwas erlebt:

“Ich war völlig verdutzt, aber ich hatte tatsächlich diese Vision von … von Jesus, und ich bin sicher, es war Jesus.” Weil sie ein Stirnrunzeln erwartet, fügt sie schnell hinzu: “Aber es war nicht so was komisches Theologisches; es war einfach diese Gestalt, die das vollkommenste menschliche Wesen war – voller Licht und voller Liebe. Und ganz und gar zugänglich. Jeder von uns könnte so sein. Es kam Licht holographisch aus ihm heraus, einfach weil er ungetrübt war. Aber als Menschen könnten wir das alle sein.”

Obwohl sie beunruhigt war, war sie auch beschwingt. “Auf der mystischen Ebene war das völlige Freude und Glück und mir liefen die Tränen herunter. Auf der Ebene des Bewusstseins war ich absolut entsetzt, als es vorbei war, weil ich Jüdin bin. Auf so etwas hätte ich nicht treffen sollen.”

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Nochmal Guardini: An den Grenzen

Die letzten Tage habe ich noch mehr Guardini gelesen und anderen vorgelesen. Scheinbar bin ich nicht der einzige, der sich verstanden und ab und zu auch richtig ertappt fühlt. Wie konnte jemand so klar und knapp ein komplexes, verworrenes Lebensgefühl beschreiben und deuten?

Nehmen wir zum Beispiel nur mal diese Passage:

Dann aber setzt die Krise ein: nämlich ein immer deutlicheres Gefühl für die Grenzen der eigenen Kraft. Der Mensch erfährt, dass es ein Zuviel gibt, an Arbeit, an Kampf, an Verantwortung…
Die Arbeitslast häuft sich. Die Anforderungen werden immer größer. Hinter jeder tauschen wieder neue auf und man sieht kein Ende… Denken wir daran, was es bedeutet, ein Heim aufrecht zu halten; eine Familie zum Gedeihen zu führen; einen Beruf zu verwirklichen; einen Betrieb zu leiten; öffentliche Funktionen zu erfüllen. Was darin alles an Personen, Dingen, Kräften Ordnungen steckt; welche Spannungen, Schwierigkeiten, Widerstände sich geltend machen. Das alles strebt beständig, auseinander zu rinnen (…)

Bisher haben der Ernst, die Entschlossenheit, die Verantwortung für das Gründen, Bauen, Kämpfen das Bewusstsein bestimmt. Nun verliert das alles seine Frische und Neuheit, sein Interessantes und Anspornendes. Man weiß allmählich, was das ist: das Arbeiten und Kämpfen. Weiß, wie die Menschen sich benehmen, wie die Konflikte entstehen, wie ein Werk ansetzt, sich entfaltet und fertig wird, wie eine Menschenbeziehung sich entwickelt, eine Freude erwacht und zerrinnt (…)

Immer mehr enthüllt sich die Armseligkeit des Daseins. Man erlebt Enttäuschungen an Menschen, auf die man Hoffnung setzte. Die Allgemeinheit offenbart eine Stumpfheit und Gleichgültigkeit, ja eine Böswilligkeit, die man früher noch nicht sah. Man sieht hinter die Kulissen und merkt, dass die Dinge viel kümmerlicher sind, als man gedacht hat.

In Anbetracht all dessen geht es darum, sagt Guardini, dass ein so ernüchterter Mensch weder leichtfertig ausbricht, noch sich in die Arbeit flüchtet, noch frustriert nur das Nötigste tut, sondern “jene Bejahung des Lebens vollzieht, die aus Ernst und Treue kommt, und ein neues Gefühl für den Wert des Daseins gewinnt”. Das Ergebnis beschreibt er so:

Menschen dieser Art sind es, auf die sich das Dasein verlässt. Gerade weil sie nicht mehr die Illusion des großen Gelingens, der leuchtenden Siege haben, sind sie fähig, zu vollbringen, was gilt und bleibt. Solchen Wesens sollte der wirkliche Staatsmann sein, der Arzt, der Erzieher in all seinen Formen.
Hier entsteht der überlegene Mensch, der fähig ist, Gewähr zu geben.

Das klingt doch gut. Wäre ich nur schon da…

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Unmögliche Einsamkeit

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“Und trotzdem”, beharrte der Wilde, “ist es ganz natürlich, an Gott zu glauben, wenn man allein ist – ganz allein, in der Nacht, und an den Tod denkt…”
“Die Menschen sind heute nie allein”, entgegnete Mustafa Mannesmann. “Wir bringen sie dazu, die Einsamkeit zu hassen, und richten ihr ganzes Leben so ein, dass Einsamkeit für sie nahezu unmöglich ist.”

Aldous Huxley, Schöne neue Welt – Wer das Thema vertiefen möchte, kann es mit Dallas Willard versuchen. Noch ist es ja möglich, unberieselt und unberauscht zu bleiben.

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selbst-sicher?

Vielleicht bin ich nur deshalb sensibilisiert und ernüchtert, weil es mir persönlich so geht in letzter Zeit, aber ich habe lange nicht mehr so viele Geschichten über Krisen von einzelnen oder in Gemeinden gehört. Und immer wieder sagten Leute: Ich hätte nie gedacht, dass so etwas passieren würde. “Nichts ist unmöglich” gilt tatsächlich in alle Richtungen, und je selbstsicherer man ist, desto gefährdeter ist man vielleicht auch.

Vielleicht liegt es auch nur am Alter. Romano Guardini (die Lebensalter, S. 49f) beschreibt es so:

Der Blick sieht schärfer; das Herz traut weniger. Es wird immer deutlicher, dass die Versprechungen nicht gehalten werden; das Gewährte nicht aufwiegt, was man eingesetzt hat. Daraus kommt allmählich die große Ernüchterung, die sich in jedem Leben vollzieht. Und nicht nur bei solchen, denen es viel versagt, sondern auch bei solchen, denen es viel schenkt; von denen die Umgebung meint, sie seien vom Glück begünstigt und hätten Bedeutendes geleistet. Denn was das Sinngewicht des Lebens ausmacht, ist ja nicht das Extensive, das Quantum, sondern das Intensive, die Kraft des fühlenden Erlebens.


“Die Lebensalter. Ihre ethische und pädagogische Bedeutung.” (Romano Guardini)

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Gut beobachtet

Jason Clark fragt in einem interessanten Post, warum ausgerechnet im Zeitalter interaktiver Partizipation der scheinbar längst totgesagte Monolog ganz groß herauskommt – nämlich als Podcast…

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Jetzt läuft’s: XP auf Intel-Macs

Meine Jungs wird es freuen: Windows XP läuft auf Intel-Macs. Wenn wir irgendwann mal einen haben, werden sie ihre (?) Spiele draufpacken wollen. Vielleicht warte ich also lieber noch ein wenig.

Umfragen unter Studenten in England haben für Apple steigende Marktchancen errechnet, falls Windows als Option offen steht. Fast die Hälfte kann sich vorstellen, statt einer langweiligen Kiste einen Mac zu kaufen. Intel soll gar mit Apple an 10% Marktanteil arbeiten.

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Neu: About Life

Die Leute von Alpha International haben eine interessante neue Website auf die Beine gestellt, bei der es nicht um Alpha, sondern tatsächlich um das ganze Leben geht. Die Beiträge kommen nicht von Agenturen und Medienprofis, sondern von Leuten aus aller Welt, die irgendwie mit Alpha zu tun haben oder hatten. Auch etliche Blogs sind dort “verlinkt” (ist das eigentlich Deutsch?).

Einfach mal reinklicken

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Männer…

Wenn ein Mann einmal 35 geworden ist, weiß er, dass die Bilder vom richtigen Mann, vom harten Mann, vom wahren Mann, die er in der Schule gelernt hat, im richtigen Leben nicht funktionieren. Ein solcher Mann ist offen für neue Visionen davon, was ein Mann sein könnte.

Robert Bly, „Iron John“

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Fastenzeit II

Die irischen Katholiken haben eine sehr schöne Fasten-Website mit täglichen Gebeten und Betrachtungen, einer Aktion pro Woche und sogar einer Kinderecke. Wer des Englischen mächtig ist, findet da viele gute Anstöße.

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