2015: Themen, Treffen, Trampelpfade

Das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt. Schwer zu sagen, was es alles bringen wird, ein paar Dinge aber zeichnen sich schon ab, auf die ich mich freue. So etwas wie Trampelpfade in einem noch unberührten Gelände also. Ich zähle manche hier auf, weil es erstens um Themen geht, die mir besonders wichtig sind, und weil zweitens die eine oder der andere vielleicht interessiert ist oder auch einfach nur gerade in der Nähe der unterschiedlichen Treffen, die ich gleich aufzähle. Zu den motivierenden Seiten des Bloggens gehören für mich die persönlichen Begegnungen, die aus dem Lesen und Schreiben heraus entstanden sind. Vielleicht laufen wir uns ja – ob beabsichtigt oder nicht – über den Weg.

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Zweimal bin ich in diesem Jahr zum Thema Schöpfungsspiritualität unterwegs – im Frühjahr und im Spätsommer: Am 16. Mai für einen Tag bei Andreas Ebert in München St. Martin, wo es im Rahmen seines Credo-Projekts theologisch und praktisch thematisiert wird, und am 19. September bei Martin Horstmann in der Melanchthon-Akademie in Köln. Wer diesen Blog regelmäßig liest, hat vielleicht gemerkt, wie wichtig mir diese Fragen sind – nicht nur im Sinne eines Engagements für die Natur und Mitgeschöpfe, sondern auch, weil das für mich eine große Quelle von Kraft ist. In den letzten Wochen habe ich mit großem Interesse den aktuellen Forschungsstand zur Entstehung des Lebens wenigstens überflogen und dabei viel Neues gelernt.

Im Herbst freue ich mich auf zwei Besucher: Andreas Ebert „dreht den Spieß um“ und kommt uns bei ELIA im November besuchen, um mit uns über Familienverstrickungen nachzudenken. Im Oktober planen wir ein Wochenende mit Martin Pepper, wo wir uns mit Entwicklungsperspektiven für den Bereich „Lobpreis“ (ein besserer – deutscher! – Begriff allein wäre schon ein Gewinn…) beschäftigen wollen. Mal sehen, was da an neuen Inhalten und Gestaltungsideen zusammenkommt. Dazu habe ich im vergangenen Jahr ja ein paar Posts verfasst.

Jetzt gleich im Januar und dann verdichtet im Juli beschäftigt mich der Zusammenhang von Spiritualität, Theologie und Aktivismus, wie ich ihn bei Walter Wink kennengelernt habe. Wir werden hier in einer 14-tägigien Lektüregruppe Winks Buch „Verwandlung der Mächte“ bearbeiten und vom 3. bis 5. Juli werde ich mit dem Geistlichen Zentrum Schwanberg ein Wochenende zum Thema „Die Macht der Ohnmächtigen: Die biblische Rede von Mächten und Gewalten und eine Spiritualität der Ermächtigung“ anbieten (Infos gibt’s hier). Herzliche Einladung dazu!

Überhaupt möchte ich in diesem Jahr noch intensiver darüber nachdenken (und das auch zu Papier bringen), wie Winks Ansatz zu einer Art „praktischen Befreiungstheologie für das Konsumzeitalter“ (manche reden ja schon von „Postdemokratie“) entwickelt werden kann. Seit den Achtzigern haben sich die globalen Machtkonstellationen deutlich verändert. Ohnmachtsgefühle sind dabei eher größer geworden, und der (keineswegs nur unberechtigte) Frust dient allen möglichen geistigen Brandstiftern dann als Zündstoff für ihre Kampagnen gegen noch Schwächere. Lässt sich darauf eine konstruktivere Antwort finden als rechte Ressentiments?

Auf ein paar Einladungen freue ich mich auch: Zum Abschluss der Allianz-Gebetswoche werde ich am 18. Januar im ehrwürdigen Bremer Dom predigen und Ende Juni bin ich ein Wochenende in Berlin bei Kirche 21, etwas weniger ehrwürdig vielleicht, aber ganz bestimmt nicht weniger spannend.

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Come back, Mark Driscoll

Eigentlich hatte ich keine Lust, etwas über Mark Driscoll zu schreiben, selbst als sich in den letzten Wochen die Aufregung um seine Person erheblich zuspitzte. Mir wäre nichts Neues eingefallen, und dass ich seine theologische Position, seine Ausdrucksweise und seine eigentümliche Interpretation von „Männlichkeit“ für indiskutabel halte, habe ich hier mehrfach zu Protokoll gegeben. Driscoll war für mich in den letzten Jahren der Luis Suarez der Rechtsevangelikalen und Neoreformierten.

Heute kam nun die Nachricht von seinem Rücktritt. Auch die war nach dem ganzen Vorlauf keine große Überraschung. Aufschlussreich und äußerst nachdenkenswert fand ich die letzten Sätze in dem Bericht von Sarah Pulliam Bailey auf RNS, alles O-Töne des langjährigen Aushängeschilds von Mars Hill und Acts 29. Da geht es nicht um die Dinge, die ich schon immer kritikwürdig fand. Es wird das Selbstverständnis eines Menschen und seines Umfeldes deutlich: Der absurde Kult um Größe, Wachstum, Konkurrenz, Gewinnen und Erfolg, der so wunderbar in den Mainstream der US-Kultur passt und doch so völlig unvereinbar mit dem Evangelium ist. In Driscolls Worten:

“I’m a guy who is highly competitive. Every year, I want the church to grow. I want my knowledge to grow. I want my influence to grow. I want our staff to grow. I want our church plants to grow. I want everything — because I want to win.”

Driscoll conceded that he wouldn’t be content with remaining the same. “That’s my own little idol and it works well in a church because no one would ever yell at you for being a Christian who produces results. So I found the perfect place to hide,” he said.

“And I was thinking about it this week. What if the church stopped growing? What if we shrunk? What if everything fell apart? What if half the staff left? Would I still worship Jesus or would I be a total despairing mess? I don’t know. By God’s grace, I won’t have to find out, but you never know.”

Über Kampf und Konkurrenz als tödliche Krankheit unserer Gesellschaften schrieb diese Woche George Monbiot im Guardian: „The war of every man against every man – competition and individualism, in other words – is the religion of our time, justified by a mythology of lone rangers, sole traders, self-starters, self-made men and women, going it alone.“ Und dieser (Driscoll sagt es ja selbst!) Götze, dem eine ganze Bewegung huldigte, hat ihn nun im Stich gelassen. Früh genug, um sich umorientieren zu können und einen anderen Weg einzuschlagen, auf dem man die Ellenbogen angelegt und das Beißen bleiben lassen kann. Nun, wo er dieses Biotop, in dem er der geworden ist, der er ist, verloren hat, könnte er durch Gottes Gnade entdecken, wovon er durch diese schmerzhafte Trennung erlöst wurde und wozu ihn das befreit.

Und in all dem könnte er den Jesus, um den es ihm immer ging und den er doch nur so verzerrt kennen gelernt hatte, vielleicht noch einmal neu sehen lernen. Die wirkliche Gnade ist nicht, dass er es nicht herausfinden muss, sondern dass er es nun endlich herausfinden darf.

Ich wünsche es aber auch allen anderen, die Mark Driscoll gewähren ließen – weil er Erfolg und „Ergebnisse“ brachte, weil er Machtphantasien bediente, weil er die Illusion ermöglichte, christliche Gegenkultur könne sich mit dem kruden Weltbild und der mehr als nur unterschwelligen Aggression der Rednecks und Teaparty-Konservativen erfolgreich verbünden zu einem coolen Mix – dass sie ihn nicht zum Problembär und Einzelfall mit (fraglos) schwierigem Charakter abstempeln und sich die Hände in Unschuld waschen, sonst wiederholt sich dieses Drama womöglich nur mit neuer Besetzung. Driscolls Schreiben, mit dem er seinen Rückzug ankündigt, lässt ahnen, dass er lieber früher als später zurückkommen möchte. Aber das wäre unklug.

Um es in bewusster Abwandlung des berüchtigten John-Piper-Tweets („Farewell, Rob Bell“) zu sagen: Come back, Mark Driscoll, aber bitte lass dir und der Gnade auch genug Zeit dabei.

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Kein Geld für Zahnpasta?

Diese Woche sollen bis zu 300 Flüchtlinge aus dem überfüllten Zirndorf nach Erlangen verlegt werden, etwa 130 sind schon da. Die Stadt Erlangen hat auf dem Parkplatz des Freibad West große Zelte aufgestellt, derweil der Freistaat sich um wintertaugliche Unterkünfte bemüht. Trotzdem sind viele einfach nur froh, aus Zirndorf weg zu sein.

An dieser Stelle muss man der bayerischen Staatsregierung und unserem Herrn Ministerpräsidenten zugute halten: Mit solche einem Andrang von Flüchtlingen hat ja auch wirklich niemand rechnen können, der sich in den letzten 12 Monaten auf den bevorzugten Politikfeldern der CSU (epochale Projekte wie die PKW-Maut, Spielzeugautos, Windradverhinderung, Streichung von Lehrerstellen) bis zur völligen Erschöpfung abgerackert hat.

Die Bürger hingegen sind erfreulich hilfsbereit, schrieb die Tageszeitung gestern. Dennoch hat es nicht nur mich erstaunt, dass in einem Spendenaufruf ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer neben warmer Kleidung auch solche Dinge wie Zahnpasta, Zahnbürsten, und Duschgel vorkamen. Jetzt wissen wir also auch, wofür wir die Einnahmen aus der Maut unbedingt brauchen: Unser Staat ist offenbar nicht einmal mehr in der Lage, lausige 300 Tuben Zahnpasta selber zu besorgen.

Auf die Stadt kann man in aller Bescheidenheit ein bisschen stolz sein, für den Freistaat kann man sich eigentlich nur in Grund und Boden schämen.

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Reichlich Rechtsgläubig

Bild am Sonntag hat vor ein paar Wochen schon mit islamophoben Thesen auflagenträchtig Staub aufgewirbelt und sie dann ebenso auflagenträchtig selbst kritisiert. Das Schwesterblatt „Die Welt“ versuchte schon vor geraumer Zeit, nicht nur Christian Wulff, sondern vor allem auch die Grünen als Islamfreunde an den Pranger zu stellen.

Eine Mitchristin, die anscheinend selten eine Gelegenheit auslässt, den Islam in das düsterste Licht zu rücken, postete nun neulich diesen schon angestaubten Welt-Artikel in einem sozialen Netzwerk und ihre christlichen Freunde kommentieren mit Sätzen, die recht robuste und rustikale Feindbilder transportieren. Da mischt sich eine bestimmte Gläubigkeit mit Islamfeindlichkeit und rechtem Gedankengut auf mehr als bedenkliche Weise. Ein paar kurze, anonymisierte Zitate:

  • Die grünen würden ja Deutschland abschaffen wenn sie könnten. Was hat Trittin mal gesagt? er schäme sich, Deutscher zu sein?
  • Grüne sind einfache Antichristen
  • na Pädophil sind sie ja schon passtja zu der Religion..und für Inzucht sind sie ja auch die grünen….nur gibts dann schwirigkeiten mit den Homosexuellen !!
  • Sie folgen halt Mohamed seime aisha war ja 9 jahre alt als er sie zur frau nahm
  • In islamischen Ländern brennen sie alles Christliche nieder, und hier wird noch von Steuergeldern ihre satanische Synagogen gebaut
  • Die spinnen, die Gruenen. Gleichstellung der Christen mit den Moslems? Wie stellen sie sich das nur vor?

Ich kann mich noch immer nicht daran gewöhnen, wenn Leute – Christen! – so reden und schreiben. Als ich in dem Thread anmerkte, dass ich mich wie auf einer NPD-Versammlung fühlte, wurde ich sogleich als „Grüner“ betitelt und bekam mitgeteilt, die NPD sei ja antisemitisch, mit der habe man nichts zu tun. Die NPD würde sich bei so viel inhaltlicher Zustimmung zum übrigen Parteiprogramm freilich trotzdem die Hände reiben. Vielleicht hätte ich alles auch längst vergessen, wenn nicht „Charismanews“ in den USA jüngst ganz offiziell solch militant islamfeindliche Thesen veröffentlicht hätte. Das hat zwar viele Proteste ausgelöst, aber so lange an der Basis vieler Gemeinden unwidersprochen so geredet werden kann, ist das Problem nicht vom Tisch.

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Verkehr(te)s Gleichnis

Es fuhr ein Mann im silbernen Kompaktklasse-Kombi auf der Autobahn, der fürchtete sich nicht  im dichten Verkehr und wagte sich auf die linke Fahrspur. Es war aber ein dunkler Oberklasse-PKW hinter ihm auf derselben Autobahn, der war sehr ungehalten über die Existenz so vieler langsamerer Fahrzeuge und fuhr bis auf 5 Meter auf.

Der Kombifahrer wollte im ersten Moment nicht einsehen, warum er unbedingt Platz machen muss – schließlich waren da noch viele gleich schnelle Fahrzeuge vor ihm. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich auch keinen vernünftigen Grund sehe, Platz zu machen, will ich doch dem Drängen dieses Gehetzten, weil er mir so viel Mühe macht, nachgeben, damit er sich und uns alle nicht weiter gefährdet.

Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der Kombifahrer sagt. Sollte Gott zögern, denen den Weg frei zu machen, die ihn so pentetrant drängeln?

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Zeit und Ehe bei Paulus

Ich lese immer noch in Lehnerts „Korinthischen Brocken“. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu der Frage, wie Paulus zu lesen und auszulegen ist, weil es sich jenseits gängiger dogmatischer Alternativen bewegt. Recht konkret wird das in der Betrachtung von 1.Korinther 7, wo es um Heirat und Ehelosigkeit geht. Man kann Lehnert sicher nicht vorwerfen, er setze sich leichtfertig über den Wortlaut hinweg oder erkläre irgendwelche Aussagen für heute nicht mehr zeitgemäß. Relativiert wird lediglich eine bestimmte, weit verbreitete und Jahrhunderte lang dominierende Auslegungstradition.

Paulus ist durch seine Christusbegegnung wie aus der Zeit gefallen. Weniger die Kontinuität die vom Vergangenen kommt und auf das Zukünftige hin läuft, bestimmt ihn, sondern deren Unterbrechung.

Paulus – ziellose Schritte, kein »Weiter«, kein »Zurück«, er läuft und läuft. Fort von Damaskus – und auf Damaskus zu, auf den Moment seiner Verwandlung. Paulus agiert nicht mehr auf einem Zeitstrahl. Deshalb kann er auch so schlecht erzählen, er verliert schon innerhalb von zwei, drei Sätzen den Faden, steigt aus und reflektiert, fällt ins Suchen nach Begriffen oder abrupt ins Poetische, in den dichten Ausdruck des Augenblicks. Er schaut auf: Wo bin ich? Was ist das?

Und so ergibt sich auch im Blick auf die Ehe eine andere Perspektive als die vieler rabbinischer Zeitgenossen, die Sexualität und Fruchtbarkeit als göttliches Geschenk feierten, wie auch der entstehenden Gnosis, die Leiblichkeit immer nur negativ in den Blick nahm:

In der Ehe eine »heilige Schöpfungsordnung« zu vermuten, ist für Paulus genauso abenteuerlich wie in der Askese einen Ausweg aus der eigenen Natur. Bleibt! Verharrt! Wenn eine Ehe zerbricht, dann möge sie zerbrechen. Und wenn eine Ehe geschlossen wird, so habe sie Bestand. Bleibt! Was die Gegebenheiten dieser Welt bedeuten, wird der Christus erweisen. Und in diesem Verharren pulst doch eine anarchische Unruhe, sie bestimmt die Lebensform des Glaubens, wie das Verlangen nach Luft die Lunge bewegt. (S. 162)

Lehnert betont auch den Kontrast zum romantischen Ideal der Moderne, die das Heil in der geschlechtlichen Liebe sucht. Auch sie kann sich nicht auf Paulus berufen. Vielleicht wäre das ja auch ein Ausweg aus den Kulturkämpfen rund um Ehe und Familie, das Thema wieder etwas zurückzunehmen. Da scheint mir auch ein Teil der Diskutanten (darunter die offizielle Linie der katholischen Kirche) an der Vorstellung von heiliger Schöpfungsordnung zu kleben und manche Kritik daran dürfte sich ihrerseits vor allem dem säkularen Motiv verdanken, in der geschlechtlichen Liebe etwas Unbedingtes zu sehen, dem ein Mensch um jeden Preis zu folgen hat, wenn er sein Glück nicht verspielen will. Ähnlich sind die Folgen für das Verhältnis der Christen zur antiken Gedächtniskultur, die so großen Wert legt auf Ahnen und Abstammung:

Die Ehe ist ja nichts als eine Interimslösung mit sehr begrenzter Gültigkeit. Ihr kommt keinerlei Heiligkeit zu, keine Metaphysik des Blutes. Es ist, folgt man Paulus, letztlich sinnlos, auf den Stammbaum der Generationen zu schauen, sich ein Weiterleben in einer Familie oder im Gedächtnis von Nachkommen zu erhoffen. Ja, es ist schon fahrlässig, eine Familie außerhalb der direkten Anwesenheit von Personen, der Liebe von Menschen zu denken […]

Die Familie löst sich bei Paulus auf bis auf die Personen, die man kennt und liebt. Genealogien, nichts haben sie mehr zu sagen auf die Frage, wer wir sind. (S. 163f.)

Der Schlüssel zu einer Entkrampfung der Debatten läge aber wohl darin, dieses Zeitempfinden nachzuvollziehen, die „anarchische Unruhe“ zurückzugewinnen. Christentum in unseren Breiten hat sich vielfach in der Zeit leidlich eingerichtet, lebt mehr im Verlauf als der Unterbrechung, hütet das Erbe der Väter oder fügt sich in den Lauf der Dinge. Dass Paulus hier, wie Lehnert schreibt, Lebenssituationen zu sich selbst in Spannung setzen kann, hat mit seinem Bild der Welt zu tun:

Paulus erlebt den Kosmos als flüchtige Erscheinung in stetem Selbstwiderspruch. Die alte Welt ist verwandelt in ihren Schatten, im Licht des messianischen kairos, und doch ist sie Ort der Bewährung, des Ausharrens bis zum Ende, und das heißt: Harren in der Verantwortung für die Welt als Hauch. (S. 169)

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Hoffnungsloses Ballern

Mein Gedanken gehen immer noch zurück zum Predigttext vom vorletzten Sonntag. Paulus drängt seine Leser in Rom, auf Rache und Vergeltung in jeglicher Form zu verzichten.

Viele Konflikte folgen der Logik, dass erlittenes Unrecht Vergeltung rechtfertigt und dass gewaltsame Gegenwehr dann als moralisch zulässig oder sogar richtig und „gut“ zu bewerten ist. In Römer 12 dagegen ist, ganz auf der Linie der Bergpredigt, davon die Rede, Böses grundsätzlich nicht mit Bösem zu vergelten.

Die Gewalttat ist und bleibt, selbst wenn sie den Schuldigen trifft (und noch viel mehr den Unschuldigen), böse. Das Opfer (oder sein Beschützer) wird zum Täter und der Täter, der sich nun als Opfer fühlen darf, plant schon die nächste Runde der Vergeltung.

Zu Beginn der Eskalation des Konflikts zwischen Israel und der Hamas beschrieb Yuval Disken, früherer Chef des Shin Bet, die politischen Versäumnisse der Regierung Netanyahu. Ich poste hier kein Zitat, der Text ist es wert, in voller Länge gelesen zu werden. In der biblischen Sprache des Paulus und der jüdischen Weisheit könnte man sagen, hier wurde eine Gelegenheit ausgelassen, „glühende Kohlen zu sammeln“.

Es sind ja keineswegs die vermeintlichen Israelfeinde, die so reden, sondern Freunde. Der Schriftsteller David Grossmann schrieb jüngst im Feuilleton der FAZ:

Die Rechte, die an dieser Weltanschauung [alle Hoffnung auf Frieden sei illusionär] festhält, hat es geschafft, sie der Mehrheit der Israelis erfolgreich beizubringen. Man kann sagen, dass die Rechte nicht nur die Linke bezwungen hat. Sie hat Israel bezwungen. Nicht allein, weil diese pessimistische Weltanschauung den Staat Israel in einer Frage, die für seinen Fortbestand ausschlaggebend ist, lähmt, obwohl gerade hier Mut, Beweglichkeit und Kreativität gefragt sind; die Rechte hat Israel besiegt, indem sie unterworfen hat, was man ehedem den „israelischen Geist“ hätte nennen können: jenen springenden Funken, unser Vermögen zur Wiedergeburt, den Geist des Trotzdem und des Muts. Der Hoffnung.

Und bevor jemand fragt: Natürlich gilt die Mahnung auch für die Palästinenser und alle anderen Konfliktparteien auf der Welt.

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Im Bann der Gewalt?

Mal ganz abgesehen davon, dass etliche üble Fouls bei dieser WM in jedem anderen Zusammenhang eine ausgewachsene Körperverletzung wären und nur noch die Frage zu klären bliebe, ob es Vorsatz oder Fahrlässigkeit war, liest man in diesen Tagen auch immer wieder von Zauberern, die den Gegnern mittels schwarzer Magie Schaden zufügen wollen. Das ist in der Konsequenz ja auch eine Form von Gewalt.

Mag sein, dass das Motiv die blanke Verzweiflung ist. Sie wissen sich nicht anders zu helfen als mit solchem Blödsinn. Oder (das halte ich für plausibler), sie wollen mit dieser Nummer medial groß herauskommen, und hoffen, dass sie das Geschäft belebt.

Andererseits: Gehören die Voodoo-Heinis nicht wegen versuchter Körperverletzung und Spielmanipulation angezeigt, wenn sie schon selbst den Zusammenhang zwischen ihren Ritualen und Zaubersprüchen und den erwünschten üblen Folgen herstellen? Oder ließe sich das als eine Art Hassrede interpretieren?

Und wo wir schon dabei sind: Liebe Journalisten, warum muss man davon berichten und das Geschäftsmodell auch noch unterstützen?

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Unbequeme Erinnerung

Es gibt Tage, da kann man in aller Demut stolz sein auf unsere Demokratie. Seit vorgestern gehört dazu: Navid Kermanis Rede zum 65. Jahrestages des Grundgesetzes, die mit folgender Passage für Aufsehen gesorgt hat (vor allem natürlich bei den Kräften, die damals für die „Verstümmelung“ des Textes verantwortlich waren):

Wir können das Grundgesetz nicht feiern, ohne an die Verstümmelungen zu erinnern, die ihm hier und dort zugefügt worden sind. Auch im Vergleich mit den Verfassungen anderer Länder wurde der Wortlaut ungewöhnlich häufig verändert, und es gibt nur wenige Eingriffe, die dem Text gutgetan haben. Was der Parlamentarische Rat bewußt im Allgemeinen und Übergeordneten beließ, hat der Bundestag bisweilen mit detaillierten Regelungen befrachtet. Nicht nur sprachlich am schwersten wiegt die Entstellung des Artikels 16. Ausgerechnet das Grundgesetz, in dem Deutschland seine Offenheit auf ewig festgeschrieben zu haben schien, sperrt heute diejenigen aus, die auf unsere Offenheit am dringlichsten angewiesen sind: die politisch Verfolgten. Ein wundervoll bündiger Satz – „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ – geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinander gestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: daß Deutschland das Asyl als ein Grundrecht praktisch abgeschafft hat. Muß man tatsächlich daran erinnern, daß auch Willy Brandt, nach dem heute die Straße vor dem Bundeskanzleramt benannt ist, ein Flüchtling war, ein Asylant?

Heute war Europawahl. Ob Kermanis Appell gegen die Abschottung Früchte getragen hat?

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Der Wald, der Weg und die Angst

Die Bayerische Staatsforsten GmbH ist ein Unternehmen, das sich durch besondere Großzügigkeit auszeichnet. Einerseits, weil sie seit ein paar Jahren selbstlos den russischen Holmulti Ilim Timber mit einem langfristigen Liefervertrag zum Tiefstpreis beglückt, andererseits, weil man beim Schottern der – inzwischen für den Schwerlastverkehr zum Abtransport eben dieses Holzes verbreiterten – Forstwege mit dem Material auch sehr freigiebig umgeht. Als Radfahrer schwimmt man förmlich im losen Mikrogeröll. Und gelegentlich sind als kostenlose Zugabe sogar extra große Steine auf dem Weg zu finden.

Wie dem auch sei: Nach einer Weile bilden sich auf den üppig geschotterten Waldwegen kleine, fußbreite Spurrillen, in denen man halbwegs gefahrlos Radfahren kann. In einer solchen war ich heute ein paar Kilometer weit unterwegs und staunte nach einer Weile, wie gut und flott das doch ging.

Hätte ich stattdessen auf einem ebenso breiten Balken radeln müssen und auf beiden Seiten wäre es einen, oder ein paar hundert Meter steil bergab gegangen, wäre mir das nicht so leicht gefallen. Vermutlich wäre ich vor lauter Nervosität gestürzt. Nicht, weil der Balken zu schmal gewesen wäre, sondern die Angst zu groß.

Ist es da noch ein Wunder, dass Menschen, die in einem Klima der Angst leben müssen (vor dem Staat, vor dem Chef, vor dem wirtschaftlichen Absturz) nicht etwa besser und motivierter bei der Sache sind als andere, sondern häufiger Fehler machen, und dass umgekehrt Angstfreiheit Menschen zu erstaunlichen Dingen fähig macht?

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Deutsch zum Abgewöhnen (9): „Ein“ Thomas Müller

Heute las ich den Kommentar von Oliver Fritsch in der Zeit zum Halbfinale zwischen den Bayern und Real Madrid. Neben vielen guten Beobachtungen habe ich mich gefreut, dass kein Eigenname mit unbestimmtem Artikel im Text erschien. Selbstverständlich ist das schon lange nicht mehr.

Nicht im Sport jedenfalls. Ich weiß nicht, wer mit diesem Unsinn begann, aber er hat sich im Umfeld des Profifußballs durchgesetzt. „Ein“ Lothar Matthäus begann schon früh, über sich selbst in der dritten Person zu reden und dann den unbestimmten Artikel zu verwenden. Dabei soll dieses „ein“ bei Lothar M. natürlich nicht ausdrücken, dass es auch noch andere Menschen mit diesem Namen gibt (für die dieses Aussage dann ja auch gelten müsste), sondern eben nur den einen und einzigartigen – ihn selber: Weltmeister, Weltfußballer, Würdenträger.

Oliver Kahn gehört zu Lothars gelehrigsten Schülern. Immerhin kommentieren sie nun beide gelegentlich im Fernsehen und werfen mit unbestimmten Artikeln nur so um sich. So weit ich sehe, hat selbst Pep Guardiola zwar zwei Marios im Kader, kann aber nur einen Mandzukic und einen Götze auf dem Platz schicken, und das jeweilige Original spielt dann, nicht eine von mehreren Kopien.

Oder habe ich das missverstanden? Wissen Kahn und Matthäus mehr als wir? Spielt tatsächlich nur ein Klon? Hat die Sportmedizin im Schatten der Dopingdebatten längst den nächsten Quantensprung gemacht und multipliziert wichtige Leistungsträger? Liegt das Original vielleicht irgendwo an einem Strand in der Karibik, nachdem es seine Gene an den Verein lizensiert hat?

Jemand sollte dieser Frage einmal nachgehen. Vielleicht findet ein Oliver Fritsch die Antwort.

PS – Fest etabliert ist das „ein“ freilich bei dieser Fußballikone:

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Ungeaigneter Vorschlag

Unsere Staatsregierung koaliert ja nach eigenen Angaben mit dem Volk. Den Koalitionsvertrag hat sie natürlich einseitig entworfen und alleine „unterschrieben“. Nach Horst Seehofer übt sich nun auch seine gelehrige Kronprinzessin Ilse Aigner im „Koalieren“: Sie will die Sommerzeit abschaffen – per online-Petition.

Natürlich könnte die CSU-Fraktion im Landtag einen Antrag einbringen, besser freilich noch im Bundestag – obwohl Bayern als autonome Zeitzone natürlich ein großartiges Symbol dafür wäre, dass im Machtbereich der Christsozialen „die Uhren anders gehen“. Bisher ging ich, naiv wie ich bin, davon aus, solche Themen würden im Parlament diskutiert und entschieden.

Offenbar ist das Ganze aber ein Manöver im Europa-Wahlkampf, das das Robin-Hood-Image der Partei nach dem peinlich schlechten Abschneiden bei den Kommunalwahlen aufpolieren soll. Es zielt auf all die geschundenen Seelen, die sich in ihrem fragilen Biorhythmus von der Zeitumstellung wochenlang aus der Bahn geworfen fühlen. Freilich fliegen dieselben gar nicht armen Seelen in ferne Länder, um sich dort trotz des vielfachen Zeitunterschieds prächtig zu erholen und schon nach vierzehn Tagen nehmen sie denselben wieder klaglos in Kauf, um am nächsten Tag daheim wieder arbeiten zu gehen.

Frau Aigner hat im Namen all dieser Opfer von Eurobürokratie und Behördenwillkür nun an die EU appelliert, die Sommerzeit abzuschaffen. Wenn am kommenden Wochenende wieder Tausende betrauern, dass ihnen eine Stunde kostbarer und verdienter Schönheitsschlaf geraubt wurde, dann werden sie sich an Aigner und die CSU erinnern, die in diesem unübersichtlichen Gebilde die einzigen Menschen sind, die ihren momentanen Kummer verstehen. Wer sich derart selbstlos und heroisch für das Wohl seiner Bürger einsetzt, darf natürlich auf dankbaren Zuspruch bei der anstehenden Europawahl hoffen.

Ich schlage als Antwort zwei Online-Petitionen vor:

  1. Der Missbrauch von Online-Petitionen sollte Regierungsmitgliedern verboten werden. Das ist ein Instrument für Bürger und muss es auch unbedingt bleiben.
  2. Schaffen wir bitte die Winterzeit ab! Ich liebe die langen Sommerabende, verzichte gern auf Sonnenaufgänge morgens um vier im Juni und habe gar nichts dagegen, die Uhr auch im Winter nicht mehr zurück zu stellen.

Kleiner Nachtrag: In Iphofen habe ich heute ein Plakat der CSU gesehen, auf dem stand: „Lieber christlich und sozial als frei und …?“ Nein, danke. Ich wäre erst einmal gern frei – zum Beispiel von solchen plumpen Bauernfängereien. Und für das ominöse „…“ kommen mir dann bestimmt ein paar gute Ideen.

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Deutsch zum Abgewöhnen (8): „besinnlich“

„Besinnlich“ ist ein Ausdruck, der Menschen praktisch nur in der Weihnachtszeit über die Lippen kommt. Er gehört überhaupt nicht zum „normalen“ Repertoire und ist eines dieser Verlegenheitswörter, die man, statt sie im Munde zu führen, vielleicht lieber zum Anlass nehmen sollte, sich der darin zum Ausdruck kommenden Verlegenheit zu stellen.

„Besinnlichkeit“ scheint mir eine Art Platzhalter zu sein, von dem man schon gar nicht mehr so genau sagen kann, wofür er eigentlich steht. Man empfindet eine Ahnung, dass da mal etwas stand, von dem noch ein Abdruck da ist, aber sonst jede substanzielle Spur fehlt. Besinnlichkeit benennt eine Stimmung, in der sich vielleicht der zarte Wunsch nach einer tieferen Besinnung auf „das Wesentliche“ noch widerspiegelt.

Zu letzterer kommt es in der Regel aber gar nicht mehr konkret, weil man entweder nicht weiß, wie man das mit dem Sich-Besinnen praktisch angehen sollte, oder aber in Anbetracht der Mühseligkeit dieses Unterfangens schon zufrieden ist mit dem Platzhalter-Gefühl, dem bloßen Vorhandensein jener Gemütsverfassung, die mir so etwas wie „Tiefgang“ attestiert, ohne dass ich einen Blick in diese womöglich schwindelerregende Tiefe riskieren muss.

Folglich lautet mein Weihnachtswunsch für alle, die diesen Post lesen, dass sie in diesem Tagen zu einer Besinnung finden, die reich und erfüllend genug ist, um jeden Hang zu nebulöser Besinnlichkeit überflüssig zu machen.

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Jungfrauengeburt: Studie mit neuen Erkenntnissen

Ein Freund hat mir die Auswertung einer repräsentativen medizinischen Langzeitstudie der University of North Carolina zugesandt, die kürzlich im British Journal of Medicine erschien. Dort heißt es, dass im Zeitraum von 1995 bis 2008/2009 in einer Gruppe von 7870 Mädchen und Frauen insgesamt 5340 schwanger wurden. 45 von ihnen (0,8%) gaben an, jungfräulich schwanger geworden zu sein, also ohne jemals Geschlechtsverkehr gehabt zu haben (eine Kurzübersicht bzw. Interview gibts hier).

Bemerkenswert sei, so die überraschten Forscher, in dieser Gruppe der hohe Anteil von Frauen mit konservativen Moralvorstellungen, aus dem heraus sie wohl auch sich ausdrücklich verpflichtet hatten, sexuell enthaltsam zu bleiben (30,5% gegenüber 15% bei den anderen Schwangeren). Außerdem befürworteten vergleichsweise viele der betroffenen Jungfrauen den Einsatz von Kondomen (67,8% gegenüber 30,2% in der Gruppe der anderen Jungfrauen), wussten aber über die konkrete Verwendung derselben weniger gut Bescheid.

Interessant fanden die Forscher auch, dass die Eltern der schwangeren Jungfrauen überdurchschnittlich häufig angaben, sich mit Sex und Verhütung nicht besonders gut auszukennen und über das Thema nur selten oder ungern in der Familie zu reden, um die Kinder nicht in Verlegenheit zu bringen.

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