Meditieren mit den Füßen auf dem St Cuthbert’s Way

Ende Oktober war ich auf dem St. Cuthbert’s Way unterwegs. Sechs Tage zu Fuß von Melrose in den Scottish Borders nach Lindisfarne in Northumberland. Auf den Spuren des großen angelsächsischen Heiligen aus dem siebten Jahrhundert, der Novize in Melrose war und später Prior und Bischof von Lindisfarne.

Ich bin den Weg ganz bewusst allein und als Pilgerweg gegangen. Und hatte mir als Motto einen Gedanken von Friedrich Nietzsche eingepackt:

So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung – in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.

Nach einem Tag Anreise mit der Bahn (trotz Sturmtief über Europa hatten alle Umstiege geklappt) von Nürnberg nach Durham stand ich am nächsten Morgen auf, ging in der Morgensonne ein Stück am River Wear entlang und dann hinauf in die Kathedrale. Samstags um halb neun war es dort noch ganz still und leer, nur hinter dem Hochaltar hatte sich eine kleine Gruppe zum Morgengebet am Grab von St. Cuthbert eingefunden. Einen schöneren Einstieg ins Pilgern hätte ich mir kaum vorstellen können.

Geschichte unter den Füßen

Die Bahn brachte mich dann über Edinburgh Waverley in die Scottish Borders. Dort am River Tweed wartete die erste der insgesamt vier Border Abbeys, die die schottischen Könige im 12. Jahrhundert erbauen ließen. Das keltische Vorgängerkloster lag ein bisschen weiter flussabwärts. Der St. Cuthbert’s Way führt aber dort nicht vorbei (es gibt auch nichts mehr zu sehen), sondern über die Vulkankegel der Eildon Hills nach St. Boswells – benannt nach dem Iren Boisil, Lehrer und Mentor des jungen Cuthbert. Auf den ersten Etappen sind drei der vier Border Abbeys zu sehen: Melrose, Dryburgh und Jedburgh. Für die letzte muss man ein paar Kilometer vom eigentlichen Weg abweichen. Nur Kelso bleibt buchstäblich links liegen. Alle Border Abbeys sind Ruinen. Wenn es nicht die Kriege zwischen England und Schottland waren, dann die Reformation.

Ich befinde mich auf geschichtsträchtigem Boden. In den Eildon Hills gab es eisenzeitliche Befestigungen, in Melrose stand das Römerlager Trimontium und einige Kilometer des Pilgerwegs verlaufen auf der Route einer Römerstraße. Im Alltag mache ich mir das selten bewusst, wer da alles schon vor mir unterwegs war und wie lange. Der Weg verbindet über die lange Zeit hinweg. Ich folge in den Fußstapfen vieler anderer, auch wenn ich ganz allein unterwegs bin. Die Geschichte, die mich dabei am meisten interessiert, ist die des jungen Angelsachsen Cuthbert. Mary Low weiß in ihrem Buch über den St. Cuthbert’s Way für jeden Abschnitt des Weges etwas zu erzählen.

Wind und Wetter um die Ohren

Es liegt nahe, den Weg von West nach Ost zu gehen. Die Chronologie passt zur vorherrschenden Windrichtung. Und Ende Oktober ist es ein großer Unterschied, ob der Wind mich schiebt oder mir ins Gesicht bläst. Natürlich war ich auch auf Regen eingestellt, aber am Ende waren die wasserdichten Sachen nur am zweiten Tag nötig, sonst war es ganz überwiegend trocken und oft auch sonnig. Die Tage wurden kurz, die Sonne ging gegen halb fünf schon unter, für ausgedehnte Pausen oder größere Umwege war kaum Zeit. Aber die Beschränkung der Zeit fokussiert auch – der Blick geht konsequenter als sonst nach vorn, auf den Weg.

Mein wunder Punkt

Ab dem dritten Tag wurde das Etappenziel auch aus einem weiteren Grund immer wichtiger: Ich stellte fest, dass meine Beine 25 km am Tag locker wegsteckten und dass mein mit viel Bedacht gepackter Rucksack gut zu tragen war. Was ich nicht erwartet hatte, waren die wunden Füße. Meine alten, eingelaufenen Wanderstiefel entpuppten sich als zu eng. Über Nacht erholten sich die Füße immer ein bisschen, die erste Hälfte des Tages ging einigermaßen, aber dann schmerzte jeder Schritt – bergab immer noch etwas mehr als bergauf. Die Landschaft war immer noch wunderschön, aber der Genuss war getrübt und die Gedanken wollten auch zu keinen größeren Höhenflügen mehr ansetzen. Außer der nicht ganz unwichtigen Einsicht, dass ich es für völlig selbstverständlich gehalten hatte, dass mich meine Füße den ganzen Weg tragen. Aber das war es nicht, ich hatte sie zu sehr strapaziert. Am vierten Tag bog ich für das letzte Drittel vom Weg durch die Cheviot Hills ab und nahm den Bus nach Wooler. Es fühlte sich ein bisschen nach Niederlage an. Aber ich wusste: Es war richtig, Rücksicht zu nehmen und die Grenze zu respektieren, die der Schmerz markierte.

Das Finale

Nach Hoły Island, da muss man barfuß gehen, sagte eine Einheimische zu mir am Morgen vor dem letzten Stück Weges. Ich hatte das letztes Jahr schon mal gemacht, aber das war Anfang Juni gewesen und mit unversehrten Füßen. Aber irgendetwas sagte mir, dass ich den Rat befolgen sollte. An der Nordsee angekommen, zog ich die Schuhe aus und lief den Pilgerweg über den nassen Sand barfuß. Lindisfarne ist eine Gezeiteninsel. Als ich ankam, hatte ich sämtliche Blasenpflaster verloren. Das Meerwasser tat der Haut gut. Ich schrubbte den nassen Sand ab, zog Socken und Stiefel wieder an und ging zur Priory, der letzten und wichtigsten Klosterruine auf diesem Pilgerweg. Es waren Herbstferien und der Ort voller Ausflügler. Etwas abseits sind auf einer Erhebung die Grundmauern der Kirche des keltischen Klosters zu sehen. Man kann schön nach Bamburgh hinüberschauen, wo die Könige von Northumberland residierten. Es war kühl und hinter den Wolken sank die Sonne dem Horizont entgegen. Ich entschloss mich, den Rückweg noch einmal barfuß zu gehen. Diesmal war ich ganz allein. Auf einer Sandbank in der Nähe konnte ich im schwächer werdenden Licht eine Gruppe Kegelrobben sehen. Der Wind trug ihren mehrstimmigen Gesang herüber über die stille Meerenge. Ich war, von ein paar Seevögeln abgesehen, in diesem Konzert der einzige Zuhörer. Nach einer Weile verlor sich der Gesang in der Ferne. Aber der Zauber dieses Abschieds begleitete mich in die anbrechende Nacht.

Die innere Unruhe, die ich am Grab des Cuthbert noch mit mir herumgetragen hatte, war verschwunden. Sie ist, wie die Pflaster, buchstäblich irgendwo auf der Strecke geblieben. Eine große Dankbarkeit ist an ihre Stelle getreten.

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Die Stunde der Misfits

Der Advent beginnt mit einer Kerze. Und je dunkler die Tage werden, desto mehr festliche Lichter kommen dazu. Leuchtende Kinderaugen, Süßigkeiten, Geschenke. So weit, und hoffentlich so gut. Schön, dass bald Weihnachten ist. Aber davon wird die Welt ja nicht automatisch besser. Das Gute in meinem Leben und in der Welt kennt leider weder Kalender noch Jahreszeiten. Es hält sich an überhaupt keinen Fahrplan. Krisen und Katastrophen beherrschen nach wie vor die Schlagzeilen. Fast drei Viertel der Deutschen gehen wenigstens zeitweise den Nachrichten aus dem Weg. So viele waren es noch nie. Und ich kann das gut verstehen. Es ist schwer auszuhalten.

Da hilft nicht einmal Urlaub. Selbst im idyllischen Irland haben stoplere ich dieses Jahr über die eindringlichen Mahnmale der großen Hungersnot. Das erste gleich auf dem Weg vom Hafen in die Innenstadt von Dublin, das andere tags darauf ganz im Westen am Fuß des Croagh Patrick, des Heiligen Berges der Iren. In Irland brach 1845 die Kartoffelfäule aus. Eine Million Iren verhungerten, auch weil die englischen Grundherren keinen Finger krumm machten. Seit sieben, acht Generationen arbeiten sich die Iren an ihrem nationalen Trauma ab. Der Anblick erinnert mich sofort wieder an himmelschreiendes Elend heute, vor allem den Hunger der Menschen in Gaza und im Sudan. Und ich frage mich: Wie lange wird der dunkle Schatten auf den Kindern und Kindeskindern derer liegen, die das jetzt alles durchmachen?

Was kann ich von Gott erwarten? Einen Hinweis darauf habe ich in einer Geschichte aus der Bibel entdeckt, die vor fast dreitausend Jahren spielt. Sie erzählt dramatisch von Hunger, Krieg und Tragödien; aber sie steckt auch voll rebellischem Humor. So, dass ich das Gefühl habe: Nicht ich lese diese Geschichte, sondern diese Geschichte liest mich und meine Gegenwart.

Von Feinden umzingelt

Wir befinden uns in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Auch da gibt es Krieg und Hungersnot (2. Könige 6,24-7,20): Die feindlichen Aramäer haben einen Belagerungsring um die Stadt Samaria gezogen. Es herrscht Hyperinflation bei Lebensmitteln, schließlich gehen sie ganz aus. Die Leute schwanken zwischen Resignation und Panik. Ein Fall von Kannibalismus sorgt für Aufsehen. Und mittendrin der König von Israel, der erschüttert die aussichtslose Lage besichtigt.

Als der König … auf der Mauer entlangging, sah das Volk, dass er ein Bußgewand auf dem bloßen Leib trug. Er rief: Gott soll mir dies und das antun, wenn Elischa … bis heute Abend seinen Kopf behält.

Bevor er verhungert oder kapituliert und vermutlich getötet wird, hat der König noch eine alte Rechnung zu begleichen. Sein treuester Kritiker, der Prophet Elischa, ist auch in der Stadt. Immer wieder hat Elischa den selbstherrlichen Monarchen die Leviten gelesen, ihr Unrecht angeprangert und vor den Folgen gewarnt. Ihn sterben zu sehen, würde die Gefahr zwar nicht abwenden, aber dem König ein bisschen Genugtuung verschaffen. Und die Illusion aufrechterhalten, dass er ein mächtiger und tatkräftiger Mann ist – wenigstens noch ein paar Stunden lang.

Und ich, der fast 3.000 Jahre später davon liest, staune nicht schlecht über die Parallelen: Damals wie heute leiden die großen und kleinen Despoten unter einem Belagerungssyndrom. Alles, was ihnen nicht unterwürfig genug ist, deuten sie als Generalangriff und Majestätsbeleidigung. Kritik im Inneren wird, wenn der Druck von außen zunimmt, nur um so brutaler bekämpft. Und nicht selten versuchen diese Machthaber, ihre Racheakte und Rechtsbrüche religiös zu bemänteln. Sie benutzen Gott, um ihre Willkür zu legitimieren. Aber sie pfeifen auf sein Recht, das die Schwachen schützt.

Für den König von Israel ist Elischa, der ihm ständig widerspricht, ein Verräter. Doch Elischa ist erstens ein Prophet, und er kennt den König zweitens gut genug, um dessen Mordgedanken vorauszuahnen. Die Tür ist fest verbarrikadiert, als der König mit Leibgarde vor seinem Haus aufkreuzt. Er steht draußen – frustriert, dass er seinen Kontrahenten nicht zu fassen kriegt.

Und da entfährt ihm der vermutlich ehrlichste Satz seit Langem:

„Dieses Elend kommt vom Herrn. Was soll ich noch vom Herrn erwarten?“

Was soll ich noch vom Herrn erwarten? Das haben sich damals vermutlich alle in Samaria gefragt. Mit dieser Frage bin auch ich heute am ersten Advent garantiert nicht allein. Was kann ich von Gott erwarten angesichts der harschen, bitteren Realitäten im Advent 2025? Die ungelöste Klimakrise, die wackeligen Demokratien, die wachsende Armut und Ungleichheit, die Rückkehr des Faustrechts in die Weltpolitik – und von den persönlichen Krisen und Tragödien in meiner Umgebung haben wir noch gar nicht geredet. Hat Gott sich aus der Welt zurückgezogen und überlässt uns unserem mal mehr, aber oft auch weniger verdienten Schicksal? Wer kann sich ohne rosa Brille einen Advent – Gottes Ankunft in der Welt, dieser Welt – vorstellen?

Was kann ich von Gott erwarten? Wenn irgendwer auf diese Frage eine Antwort weiß, dann vermutlich der Prophet. Und tatsächlich hat Elischa dem König etwas zu sagen. Es kommt schroff und unverblümt heraus wie immer, wenn er spricht, aber diesmal sind es unverschämt gute Neuigkeiten:

Elischa entgegnete: Hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr: Morgen um diese Zeit kostet am Tor von Samaria ein Eimer Feinmehl nur noch einen Schekel und auch zwei Eimer Gerste kosten nur noch einen Schekel.
Der Adjutant, auf dessen Arm sich der König stützte, antwortete dem Gottesmann: Selbst wenn der Herr Schleusen am Himmel anbrächte, könnte das nicht geschehen. Elischa erwiderte: Du wirst es mit deinen eigenen Augen sehen, aber nicht davon essen.

Elischa ist doppelt belagert, von den Aramäern und seinem König. Trotzdem ist er wohl die einzige Person in der Stadt, die nicht am Belagerungssyndrom leidet. Der nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starrt oder blind um sich schlägt, wenn er nicht weiter weiß. Aber was er da von sich gibt, ist für den König und seine Offiziere einfach zu gut um wahr zu sein. Der Stabschef winkt ab. Das letzte, was er jetzt brauchen kann, ist so ein vollmundiges Versprechen, das die Enttäuschung nur noch verschlimmern könnte, falls es nicht in Erfüllung geht. Besser den Ball flach halten…

Hier bricht das Gespräch zwischen König und Prophet ab. Es gibt nichts mehr zu sagen und zu tun. Alle warten ab, was als nächstes geschieht. Und als es dann geschieht, bekommt es erst einmal niemand mit.

Vor dem Eingang des Stadttors saßen vier aussätzige Männer. Sie sagten zueinander: Warum sitzen wir hier, bis wir sterben? Wollten wir in die Stadt gehen, in der Hungersnot herrscht, dann sterben wir in ihr. Bleiben wir draußen, dann sterben wir auch. Kommt, wir gehen in das Lager der Aramäer hinüber! Wenn sie uns am Leben lassen, bleiben wir am Leben. Wenn sie uns töten, so sterben wir.

Draußen vor dem Tor, im Niemandsland zwischen Freund und Feind, sitzen die vier Aussätzigen. In der Stadt sind sie unerwünscht, weil die Leute drinnen Angst haben, sich anzustecken. Und weil manche finden, sie schaden dem Stadtbild. Hunger und Krieg treffen die Kranken, Schwachen und Fremden immer als erste und am härtesten. Aber bei den Vieren ist erstaunlich viel Lebenswille vorhanden. Und der Mut der Verzweiflung: Mehr als umbringen können sie uns nicht. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Aber einen letzten Versuch haben wir noch. Mit den letzten Sonnenstrahlen im Rücken wagen sie sich vorsichtig ans Heerlager heran. Schlafen die alle schon, oder warum ist es so ruhig? Nein, der Ort sieht verlassen aus. Und der Erzähler weiß auch warum: Die Aramäer hatten in der Dämmerung verdächtige Geräusche gehört und waren in Panik verfallen, weil sie dachten, die Ägypter oder eine andere benachbarte Großmacht käme dem König von Israel zu Hilfe. Hatte es alles schon gegeben. Also – nichts wie weg!

Als nun die Aussätzigen in den Bereich des Lagers kamen, gingen sie in ein Zelt, aßen und tranken, nahmen Silber, Gold und Kleider und entfernten sich, um die Beute zu verstecken. Dann kamen sie zurück, gingen in ein anderes Zelt, machten auch hier ihre Beute und entfernten sich wieder, um sie zu verstecken. Dann aber sagten sie zueinander: Wir handeln nicht recht. Heute ist ein Tag froher Botschaft. Wenn wir schweigen und bis zum Morgengrauen warten, trifft uns Schuld. Kommt also; wir gehen und melden es im Palast des Königs.

Nichts zu verlieren

Über Nacht werden die Aussätzigen zu den Hauptpersonen dieser Geschichte. Menschen, die eine infektiöse Hautkrankheit von einem Tag auf den anderen aus ihrem gewohnten Leben herausgerissen hat. Sie halten sich in einer Art Quarantäne-WG unter freiem Himmel über Wasser. Abgeschoben an den Rand, ausgeschlossen vom sozialen Leben, ohne Perspektive auf Rückkehr. Die Gesunden machen einen Bogen um sie und tuscheln hinter ihrem Rücken: Die Krankheit sei bestimmt die Strafe für irgendeine böse Tat, man wisse nur nicht, was genau. In heutigen Kategorien hieße das: Chronisch krank, erwerbsunfähig, geduldet ohne Aufenthaltserlaubnis. Die Gescheiterten, von denen niemand mehr etwas erwartet.

Die Szene erinnern mich an die Antihelden der Streaming-Serie „Slow Horses“. In dem schwarzhumorigen Spionagethriller nach der Buchvorlage von Mick Herron retten ein paar ausgemusterte Agenten des britischen MI5 ihr Land und die Welt vor Verbrechern und Terroristen. Und zwar gerade weil niemand mit den verkrachten Existenzen mehr rechnet. Mick Jagger hat mit Strange Game den Titelsong dazu geschrieben: „Losers“ und „Misfits“ nennt er die Slow Horses: Sonderlinge, die nirgendwo hineinpassen. Aber in diesem merkwürdigen Spiel haben sie die blutige Nase vorn.

Die Misfits von Samaria stehen auch mit einem Schlag im göttlichen Rampenlicht. Sie haben eine Entdeckung gemacht, die über Leben und Tod all der Gesunden und Gesettelten entscheidet.

Verlierer und Abgeschriebene erinnern mich auch an Sätze aus dem Neuen Testament über Glaube und Nachfolge. An die Worte von Jesus, der sagt:

Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. (Mt 16,25)

Paulus umschreibt das ein paar Jahre später in einem Brief und sagt sinngemäß: „Als Jesus damals gekreuzigt wurde, da bin ich, ohne dass ich es wusste, mitgestorben. Eigentlich bin das gar nicht mehr ich, der hier spricht und handelt. Sondern er – Christus.“ Und eben darin findet er die Freiheit, alle möglichen Gefahren und Strapazen auf sich zu nehmen, um von diesem Leben aus Gott zu erzählen. Das da erst richtig anfängt, wo man denkt, alles geht zu Ende. Manchmal spüre ich das auch: Wie ich am Ende meiner Kräfte, meiner Geduld oder meiner Weisheit nicht zusammenklappe und ins Bodenlose falle. Mit einem Mal ist da eine Kraft und ein Wille, der nicht aus mir selbst kommt. Egal, was ich gerade verliere, Gott hat mich nicht verlassen. Ein Freund erinnerte mich passend dazu diese Woche an den Satz von Kris Kristofferson: „Freedom’s just another word for nothing left to lose.“


Belagert im Kopf

Von ihrer aberwitzigen Entdeckung, dass niemand mehr da ist im feindlichen Lager und dass es dort genug zu essen und zu trinken gibt, wollen auch die Aussätzigen erzählen: Nach halb durchzechter Nacht und mit vollen Taschen und Bäuchen legen sie sich also nicht schlafen. Sie gehen zurück zur Stadt. Aber der König will ihre Wahrheit nicht hören. Er verbreitet eine andere.

Da schlugen die Wächter Lärm und man meldete es drinnen im Palast des Königs. Noch in der Nacht stand der König auf und sagte zu seinen Leuten: Ich will euch erklären, was die Aramäer gegen uns planen. Sie wissen, dass wir Hunger leiden, und haben das Lager nur verlassen, um sich auf dem freien Feld zu verstecken mit dem Hintergedanken: Wenn sie die Stadt verlassen, nehmen wir sie lebendig gefangen und dringen in die Stadt ein.

Auch das ist Advent: Da erscheint Gott auf der Bildfläche in Gestalt der vier Aussätzigen und bringt die ersehnte Hilfe, aber er bekommt kein fröhliches „Macht hoch die Tür“ zu hören. Stattdessen Rolladen runter, Misstrauen und Verschwörungserzählungen. Die Belagerung im Kopf ist noch in vollem Gange. Ich kenne das aus den Erzählungen der Kriegskinder vor 80 Jahren. Als die Amerikaner kamen, um den Frieden und das Recht wiederherzustellen, verschenkten sie auch Orangen und Schokolade. Nicht selten unkten die propagandahörigen Alten: „Geht bloß nicht hin. Die vergiften euch!“ Die Schwarzmaler, die jedes Geschenk für eine Falle halten, sitzen allzu oft selbst in der Falle – in der Falle ihrer Ängste und Albträume. Die Belagerung im Kopf ist immer noch da, als die äußere Belagerung schon längst vorbei ist.

In Samaria finden sie schließlich eine pragmatische Lösung: Ein paar schnelle Pferdegespanne werden zur Erkundung vorgeschickt. Als die Bestätigung eintrifft, dass die Feinde tatsächlich abgezogen sind, gibt es kein Halten mehr am Stadttor. Und weil der skeptische Stabschef des Königs nicht schnell genug Platz macht, rennt ihn die hungrige und aufgeregte Menge kurzerhand über den Haufen.

Im Advent 1986, vor fast 40 Jahren, habe ich in Amsterdam einen Gottesdienst besucht. Der ist mir seither nicht aus dem Sinn gegangen. Ein Pfingstprediger aus Amerika spricht über die Aussätzigen von Samaria. Davon, dass die Kirche sein könnte wie diese „Misfits“, diese Außenseiter, die einfach mal was riskieren. Aber damit nicht genug: Plötzlich redet er davon, dass der eiserne Vorhang in Kürze fallen wird und die Türen der Länder des damaligen Ostblocks offen stehen. Gott habe ihm das gezeigt.

Das ist der Punkt, wo ich innerlich aussteige. Ich bin als Kind ganz nah an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen. Bei jedem zweiten Sonntagsausflug war irgendwo das bedrohlich schwarze Band des Todesstreifens zu sehen. Der bange Blick auf Wachtürme, Minenfelder, Stacheldraht, Selbstschussanlagen. „Der weiß nicht, wie das ist“, denke ich. „Der hat das nur mal auf der Durchreise gesehen. Das geht nicht von heute auf morgen einfach weg.“

Drei Jahre später, im November 89, sitze ich sprachlos vor dem Fernseher. Jubelnde Menschen fluten den Checkpoint Charlie. Wie damals das Stadttor von Samaria, nur dass hier niemand im Weg steht. Es wird nicht geschossen, niemand wird daran gehindert, die Brücken und Mauern zu überqueren.

Der Prophet war wirklich einer! Er hatte Recht und ich, ich hab’s nicht kommen sehen. Mein Kopf und mein Herz waren belagert.

Ich finde, Samaria ist kein schlechtes Bild für unsere Gegenwart: Wir werden umzingelt von allerlei Feinden, die wir selbst stark gemacht haben.

Drinnen bei uns, den Belagerten, werden die Vorräte knapper und die Verteilungskämpfe härter. Vermeintlich starke Männer poltern wütend herum. Sündenböcke werden durchs Dorf getrieben. Und wenn jemand laut über Lösungen nachdenkt, ertönt der dumpfe Chor derer, die immer eine Falle wittern und sagen, die Schokolade ist bestimmt vergiftet.

Prophetische Vorstellungskraft

Was kann ich noch vom Herrn erwarten? Sehhilfen zum Beispiel: Prophetinnen und Propheten sind selten populär, aber es gibt immer wieder welche. Manchmal sind sie von Traumtänzern nur schwer zu unterscheiden. Jane Goodall zum Beispiel, die am 1. Oktober gestorben ist, sah etwas, was außer ihr niemand sah. Mit ihrem leidenschaftlichen und unermüdlichen Einsatz hat sie nicht nur zum Schutz von Gorillas und Schimpansen beigetragen, sondern vielen Menschen einen neuen Blick auf unsere Mitgeschöpfe ermöglicht – voller Wärme, Staunen und Respekt.

Im Zweifelsfall hilft zur Unterscheidung ein Blick auf einen anderen adventlichen Text, den prophetischen Lobgesang der Maria:

Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben und schickt die Reichen mit leeren Händen fort. (Lukas 1,52-53)

Wer den Mächtigen nach dem Mund redet und die Niedrigen verachtet, ist garantiert kein Prophet. Echte Propheten erinnern uns daran, dass Gottes Uhr gegen die Despoten und Diktatoren läuft. Vor gerade mal einem Jahr brach die Gewaltherrschaft von Baschar al-Assad in Syrien zusammen. Kaum jemand hatte damit gerechnet. Es ist auch noch lange nicht alles gut. Aber der Schlächter ist weg. Warum vergesse ich das immer wieder so schnell?

Wie komme ich Gott auf die Spur? Am ehesten, wenn ich bei denen nachsehe, die zwischen allen Stühlen sitzen. Bei den Aussätzigen von Samaria, bei den Hirten von Bethlehem, bei der jungen Familie im Stall. Es gibt keine Garantie und es kann eine Weile dauern.

Aber was habe ich schon zu verlieren? Ich könnte ja einfach mal hingehen und nachsehen.

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Söder und die Zecken

Es kommt nicht oft vor, dass Nachrichten so passgenau zusammentreffen. Neulich erfahre ich: Das Europaparlament hat mit den Stimmen der Unionsparteien beschlossen, dass vegetarische Produkte nicht mehr „Wurst“, „Burger“ oder „Schnitzel“ heißen dürfen. Wäre ja tragisch, wenn jemand nichtsahnend gesundes Gemüse futtert.

Am nächsten Morgen beim Frühstück fällt mein Auge auf auf die Schlagzeile, dass Zeckenbisse jetzt auch Allergien gegen Fleisch und Milchprodukte verursachen können. Ich reibe mir die Augen: Beantwortet die ausgebeutete Natur den Schachzug der Fleischlobby mit einer neuen Strategie? 

Amüsiert stelle ich mir vor, wie Markus Söder in den Wald geht und als Vegetarier wieder rauskommt. Werden Schweinemäster und Wurstfabrikanten demnächst Warnschilder in Wald und Flur sponsern oder teure Impfstoffe entwickeln lassen? 

Man könnte glatt auf die Idee kommen, dass da gerade eine höhere Intelligenz Regie führt. Ja, ich weiß, sehr speckulativ, aber hey…

(Foto von Victor G auf Unsplash)

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Alles im Fluss

Ich stehe auf einer kleinen Brücke mitten im Knoblauchsland. Rings um mich her Gemüsefelder, unter mir kreuzt der Bucher Landgraben die kleine Straße. Ich bin hergeradelt, um nachzusehen, wie es den Bächen da draußen geht. In den letzten 14 Tagen hatten wir gut 100 mm Regen. Alles, was der Juni gelbbraun gefärbt hatte, ist nun wieder grün. Und auch die Gräben füllen sich wieder.

Bei Rob McFarlane in „Is A River Alive?“ habe ich gelesen, dass schon Leonardo da Vinci die großen und kleinen Wasserläufe in der Landschaft mit den Adern des menschlichen Körpers verglichen hat. Das gilt nicht nur für die Struktur, die sich immer feiner verästelt, sondern auch für die Funktion: Alles Leben hängt von Ihnen ab. Deshalb ist es mir so wichtig, wenigstens die Namen der Bäche hier zu kennen. Sie waren vor uns Menschen da, und auch wenn heute vieles verändert und überbaut ist, sie haben dem Land, auf dem ich lebe, seine Gestalt gegeben.

Im Bucher Landgraben, der begradigt zwischen den Äckern eingezwängt verläuft, fließt wieder klares Wasser. Zwei Rotschwänzchen führen einen kleinen Tanz auf unter einem Busch am Ufer. Seine Zweige ragen über das Wasser, und plötzlich schießt da ein kleiner Vogel im Tiefflug den Graben entlang. Er fliegt unter der Brücke durch und taucht ein paar Meter weiter pfeilschnell ins Wasser. Sein Gefieder schimmert in leuchtenden Blau und Türkis: Es ist ein Eisvogel.

Er taucht auf dem aus dem Wasser, bleibt kurz sitzen und folgt dann dem weiteren Verlauf des Grabens. Ich bleibe noch eine Weile stehen, aber er kommt nicht wieder zurück. Ein Feldhase beäugt neugierig das Gemüsefeld. Ich wende mein Fahrrad Richtung St. Johannis. Auch der Poppenreuther und der Wetzendorfer Landgraben führen wieder Wasser. Eine Woge der Dankbarkeit schwappt über mich hinweg.

Und der Eisvogel – das war ein Augenzwinkern vom Himmel.

(Foto: Siegfried Poepperl via unsplash.com)

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Fröhlich währt am längsten

(Evangelische Morgenfeier vom 30. März 2025 – hier geht’s zur Hörfassung)

Das meiste haben wir schon hinter uns.

Genau drei Wochen sind es ab heute noch bis Ostern. Der größere Teil der Passions- und Fastenzeit ist geschafft. In diesem Jahr überschneidet sie sich mit dem Fastenmonat Ramadan. Der geht morgen zu Ende. Wir Christen feiern heute erst mal eine Art „Bergfest“. 

Fast vorbei das Fasten. Fast vorbei das freiwillige Verzichten in allen möglichen Formen. Es geht dabei nicht um heldenhafte Anstrengung. Niemand, den ich kenne, fastet zwischen Aschermittwoch und Ostern in dem Sinne, dass sie oder er auf jede Nahrung verzichtet. So etwas geht vielleicht mal für ein paar Tage, wenn man den normalen Alltag noch bewältigen muss.

Aber viele verzichten auf einen bestimmten Genuss: Schokolade, Fleisch, Rauchen, Soziale Medien, Netflix – solche Dinge. Meine Frau fastet diesmal Alkohol, und weil es alleine weniger als halb so schön ist, ein Feierabendbier zu trinken, mache ich mit. Am Sonntag, also heute, unterbrechen wir das Fasten. So sieht es schon die alte christliche Regel vor. Da gönnen wir uns dann ein Glas Wein. Und was soll ich sagen – letzten Sonntag haben wir beide zusammen beim ersten Schluck festgestellt: Der Wein schmeckt intensiver, gerade weil er nicht alltäglich ist. Auch Genießen kann sich offenbar abnützen.

Verliebt ins Leiden?

Fasten wäre also missverstanden, wenn wir so eine Art religiösen Hungerstreik draus machen würden. Es geht gerade nicht darum, möglichst elend daherzukommen, damit Gott etwa Mitleid mit mir bekommt oder beeindruckt ist von meiner Härte gegen mich selbst und mich entsprechend belohnt. Nein, der Lohn des Fastens, wenn es einen gibt, der liegt im Fasten selber: Ich stelle fest, es geht auch ohne. Und nicht einmal schlecht. Und auf einmal ist da auch mehr Platz für einen anderen Hunger, den Hunger nach Gott und das Mitfühlen mit anderen Menschen.

Mitfühlen ist wichtig. Und dran. Statt Fastenzeit sagen wir Evangelischen zu diesen sieben Wochen vor Ostern: Passionszeit. Die Leidensgeschichte Gottes mit seiner Welt rückt ins Zentrum. Der Leidensweg von Jesus. Wir lesen die Geschichten von Jesus, der klammheimliche, aber auch wütende Ablehnung erlebt – wie viele Menschen vor und nach ihm. Ein aufgebrachter Mob wünscht ihm den Tod an des Hals, er wird verhaftet, misshandelt, er erlebt einen unfairen Prozess und wird brutal hingerichtet. Fast alle seine Leuten verlassen ihn. 

Die Geschichten vom leidenden Christus sind und bleiben eine Zumutung. Ebenso wie die Geschichten, die mich über die Nachrichten erreichen: Krieg, Ausbeutung, Hass, Gewalt. Und natürlich auch die Schicksalsschläge in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis. Manchmal habe ich das Gefühl, gleich erdrückt mich das alles. Es schnürt mir die Luft ab und raubt mir die Kraft.

Dann will ich mich daran erinnern lassen: Gott steht nicht abseits und sieht ungerührt zu, wie Menschen leiden und trauern. Gott ist denen nahe, die ein zerbrochenes Herz haben – so heißt es in der Bibel. Der Schmerz aller Lebewesen geht ihm zu Herzen, auch mein ganz persönlicher. In Jesus stellt er sich unmissverständlich auf die Seite der Opfer. Ich glaube, wenn das nicht wäre, wäre die Welt wirklich zum Verzweifeln.

In diesem Jahr spüre ich aber auch noch ein anderes Bedürfnis. Ich will mich nicht überwältigen lassen von all dem, was entsetzlich ist. Das ist ein bisschen wie das eine Glas Wein am Sonntagabend: Es sorgt dafür, dass das Fasten keine griesgrämige Geschichte wird. Ich brauche zwischendurch schöne und fröhliche Momente. Nichts Großes und Aufwändiges. Aber genug, um alle eigene und mitempfundene Traurigkeit, Sorge und Ohnmachtsgefühle für eine Weile etwas aufzuhellen und zu lindern. In der Hoffnung, dass ich dann wieder in der Lage bin, dem Bedrückenden nicht auszuweichen und es nicht zu verdrängen. Und ganz offensichtlich bin ich mit diesem Wunsch nicht allein. Lange vor mir haben andere das auch schon gespürt.  Und deshalb haben sie diesen Bergfest-Sonntag „Laetare“ genannt. Das ist Lateinisch – auf Deutsch heißt es: „Freut euch“. 

Und was könnte der Freude besser auf die Sprünge helfen als fröhliche Musik? Die Musiker:innen um Amy Grant haben mit einer alten Melodie ein bisschen gespielt. Es wird schwer, die Füße stillzuhalten. Riverdance meets Johann Sebastian Bach: „Jesu bleibet meine Freude“. 


Das Bankett auf der Baustelle

Das Buch Nehemia in der Bibel erzählt von der Rückkehr der Juden in das zerstörte Jerusalem vor zweieinhalbtausend Jahren. Vielleicht geht es heute in Gaza, in Aleppo oder Odessa ganz ähnlich zu. Die Leute machen sich mit dem wenigen, was sie haben, an den Wiederaufbau. Manchmal geht es nur schleppend voran, aber dann endlich steht die Stadtmauer wieder. Und bevor in ihrem Schutz die Wohnhäuser drankommen, feiern sie – ein Bergfest. Der Priester Esra sagt zu den Israeliten: 

„Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Nehemia 8,10)

Anschließend wird eine ganze Woche gefeiert. Bis die Strapazen der vorangegangenen Wochen nicht mehr allen in den Knochen stecken und die Köpfe so weit frei sind, dass alle Bewohner Jerusalems wieder über das hinausschauen, was alles noch fehlt und was jetzt sofort und unbedingt getan werden muss. Nach dieser Woche geht es wieder weiter. Es ist noch einmal ein Kraftakt, der auf Esra & Co zukommt. Sie werden die Ärmel hochkrempeln, Balken und Steine schleppen und abends kaputt ins Bett fallen. Tag für Tag, Woche für Woche.

Ich frage mich, wie das damals wohl ankam. Vielleicht waren einige dabei, die – so wie ich ab und zu auch – die Arbeit nicht unterbrechen wollen. Lieber durchziehen. Zähne zusammenbeißen und weiter. Auch wenn’s auf Kosten der guten Stimmung oder der Gesundheit geht. Bestimmt haben einige gesagt: Feiern können wir, wenn wir fertig sind, wenn alles gut ist. Wenn unsere Familien wieder alle ein Dach über dem Kopf haben, wenn die Gärten wieder angelegt sind, wenn es auf dem Markt wieder etwas zu kaufen gibt. Wir wollen keine kostbare Zeit verlieren. 

Esra ist der Meinung: Das können wir uns nicht leisten. Nicht feiern können wir uns nicht leisten. Natürlich ist noch nicht alles gut und fertig. Aber wenn wir uns nicht mehr an dem freuen, was schon jetzt gut und schön ist, dann geht uns irgendwann die Puste aus. Auch wenn bloß der erste Bauabschnitt fertig ist und das Ergebnis nicht besonders beeindruckend. Aber das ist ja auch gar nicht der Grund für das festliche Essen, Musik und Gesang. Nicht die Freude am Erfolg ist die Kraftquelle, aus der ich schöpfen kann. Die Freude am Herrn ist eure Stärke!

Vergesst die nicht vor lauter Durchhalten und Schuften. 

Zu Gast bei Feinden

Das Fest im Rohbau erinnert mich an ein Gespräch vor einigen Jahren. In der Zeit hatte es uns  familiär ziemlich gebeutelt und dann kommen auch in der Arbeit Enttäuschungen und Konflikte dazu. Alles ist mit allem ungut verknotet. Ich wache mitten in der Nacht auf und fange an, Probleme zu wälzen. Also habe ich mir ein paar Tage Auszeit genommen. Aber auch das scheint erst mal nicht zu helfen. Die Stimmen von Streit und Kritik, Sorge und Zweifel stecken mir immer noch im Kopf. Ich kann sie nicht abschütteln oder stumm schalten. Im Gegenteil – wenn weder Arbeit noch Zerstreuung mich ablenken, werden sie erst richtig laut. Und dann dieses Gespräch. Mein geistlicher Begleiter fragt, wie es mir geht. Ich sage: „Ich fühle mich gerade wie im 23. Psalm – der Herr ist mein Hirte –, wo es heißt: Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Mein Gegenüber lächelt und sagt: „Dann lade sie doch ein!“

Ich bin erst einmal sprachlos. Aber dann … – klar: Einladen. Kommt, setzt euch. Das hier ist ein sicherer Ort mit genug Platz für uns alle. Ich muss die Feinde, das Ungelöste nicht erst verjagen, um Gottes Nähe zu spüren. Die Sturköpfe und Nervensägen, die mich so viel Kraft gekostet haben, tauchen immer noch in meinen Gedanken auf. Aber jetzt fange ich nicht mehr an, in Gedanken mit ihnen zu diskutieren – mich zu rechtfertigen, ihnen Vorwürfe zu machen oder zu verhandeln. Stattdessen denke ich: „Oh, du bist auch da. Nimm Platz. Hier ist es schön. Sei ein bisschen still mit mir. Vielleicht möchtest du dich auch an Gott freuen.“ Und dann fühlt es sich an, als würden diese Schatten schrumpfen und alles Bedrohliche verlieren. Nach und nach verstehe ich, was ich jetzt tun kann. Ich finde den Weg aus der Krise. Raus aus der dunklen Nacht der Seele.

Von dieser „Dark Night of the Soul“ singt die Folkpoetin Eliza Gilkyson. Ich finde, wie sie das tut, klingt alles andere als bedrückend oder düster. Sie verharmlost nichts, sie spielt nichts herunter. Sie nimmt ernst, was ist – dass die Welt Kopf steht. 

„Lass dein Licht brennen,“ singt sie, „und gelobe, dass du weiterkämpfst in der dunklen Nacht der Seele. Hör’ nicht auf zu tanzen und zu singen. Lass die Glocken der Freiheit erklingen, bis die Mauern einstürzen.“ 

Ich weiß nicht, ob Eliza ein religiöser Mensch ist. Auf jeden Fall hat sie hat den Titel ihres Songs aus der christlichen Mystik geborgt. Und ich erkenne eine ganze Reihe von biblischen Motiven in ihrem Text: Jesus, der in der Bergpredigt sagt: Lasst euer Licht leuchten. Oder die mächtigen Mauern von Jericho, die Gott urplötzlich zerbröseln lässt. 

Nur noch Angst, Wut und Triumph?

Eliza Gilkyson hat „Dark Night of the Soul“ erst im Februar veröffentlicht. Zwischen den Zeilen höre ich die kritische Situation in den USA heraus – die Demontage von Rechtsstaat und Demokratie, deren Schockwellen auch uns erschüttern und mächtig auf die Stimmung drücken. Ein Kommentator zitierte kürzlich aus George Orwells düsterem Klassiker „1984“ den Chefindoktrinator, der sagt, dass es keine anderen Gefühle als Angst, Wut und Triumph mehr geben soll. Wenn ich auf die letzten paar Wochen zurückblicke, dann scheint diese Strategie zu wirken. Angst, Wut und Triumph sind unglaublich ansteckend. Und wo sie herrschen, da wird das Leben zur Hölle.

Ich will in diesen Zeiten nicht aufhören zu singen, zu tanzen und zu feiern. Mich erinnern: Die Freude am Herrn ist eure Stärke!

Denn sonst hätten die Feinde, die „Hater“, von denen Gilkyson auch singt, schon gewonnen. Ich möchte noch viel besser darin werden, das Gute und Schöne zu hegen und zu pflegen, wo immer es mir begegnet. In mir selbst und um mich herum. Damit es an möglichst vielen Stellen die Zerstörungen überdauert, die wir gerade erleben. Ich brauche keine Fröhlichkeit, die davon lebt, dass sie das Schwere ausblenden muss. Ich brauche eine Fröhlichkeit, die alles im Licht einer noch viel größeren Liebe und Güte sieht.

Freude finden – Freude schenken

Gut unterwegs in schweren Zeiten, das trifft auch Madeleine Delbrêl zu. Für alle, die sie nicht kennen: Madeleine lebte im frühen 20. Jahrhundert in Frankreich. In jungen Jahren gewann sie mit einem Gedichtband einen Literaturpreis. Man merkt das ihren Gebeten und Tagebucheinträgen immer noch an. Sie ist als Atheistin aufgewachsen, findet aber in einer großen Lebenskrise zu einem lebendigen Glauben. Im Jahr 1933 zieht sie mit zwei Gefährtinnen nach Ivry, einem Arbeitervorort von Paris, und übernimmt dort eine Sozialstation. Bei den „Leuten von der Straße“, wie sie es nennt.

Kurz darauf organisiert Madeleine Delbrêl ein antifaschistisches Bündnis zwischen Christen und Kommunisten. Während der Besatzung durch die Nazis koordiniert sie Sozialdienste rundum Paris. Die Gegend ist arm, dann die Bomben, viele müssen evakuiert werden oder vor einer Verhaftung in Sicherheit gebracht werden. Es geht ihr nicht einfach nur um Wohltätigkeit, sie will verändern. Und noch was: Sie will ein fröhliches Leben für alle Menschen.

Schon mit 22 Jahren schreibt sie an eine Freundin:

Andererseits bin ich davon überzeugt, dass es in unserer Zeit Menschen braucht, die sich der Freude widmen. Wenn kaum jemals eine Epoche vielleicht rauschhafter vergnügt war als die unsere, so frage ich mich doch, ob es nicht auch jemals eine gab, der die echte Freude so sehr fehlte. Diejenigen, die diesen Mangel am tiefsten spüren oder die am meisten darum gekämpft haben, haben die Aufgabe, sie den anderen zu schenken.

Madeleine kämpft und geht ihren ganz eigenen Weg. Sie trägt (zeitlebens) bunte Kleider, trinkt gerne Rotwein und raucht Gauloises. Fröhlich leben. Wie schafft sie das?

Beim Blättern in ihren Schriften komme ich dem Geheimnis ihrer Freude auf die Spur. Madeleine will Gott durch sich wirken lassen. Und so arbeiten, Gutes tun, helfen, was verändern.

Keine großen spektakulären Dinge, sondern viele kleine, banale und alltägliche Sachen – was das jeweilige Gegenüber eben gerade so braucht. Unter so vielen armen Leuten sind die Frauen aus der kleinen Lebensgemeinschaft in Ivry damit auch mehr als gut beschäftigt. Aber die viele Arbeit war nicht das eine und Gott das andere. Sondern das eine mitten im anderen, Gott mitten in den vielen Handgriffen und Berührungen, die Nächstenliebe mit sich bringt. Die Freude am Herrn ist eure Stärke!

Wenn wir wirklich Freude an dir hätten, o Herr,
Könnten wir dem Bedürfnis zu tanzen, nicht widerstehen,
das sich über die Welt hin ausbreitet…

Denn ich glaube, du hast von den Leuten genug,
Die ständig davon reden, dir zu dienen – mit der Miene von Feldwebeln,
Dich zu kennen – mit dem Gehabe von Professoren,
Zu dir zu gelangen nach den Regeln des Sports
Und dich zu lieben, wie man sich in einem alten Haushalt liebt.

Eines Tages, als du ein wenig Lust auf etwas anderes hattest,
Hast du den heiligen Franz erfunden
Und aus ihm einen Gaukler gemacht.
An uns ist es, uns von dir erfinden zu lassen,
Um fröhliche Leute zu sein, die ihr Leben mit dir tanzen. 

Allmählich fange ich an zu begreifen: Für Madeleine Delbrêl entspringt die Freude an Gott aus der Freude Gottes über uns. Darin besteht dieser Tanz. Gott freut sich über mich und ich freue mich –überwältigt von der Entdeckung, dass ich ihm ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann. Und das taucht alles, auch das Widrige und Gewöhnliche, in einen festlichen Glanz.

Lehre uns, jeden Tag die Umstände unseres Menschseins anzuziehen.
Wie ein Ballkleid, das uns alles an ihm lieben lässt
um deinetwillen, wie unentbehrlichen Schmuck. 

Gib, dass wir unser Dasein leben […]
Wie ein Fest ohne Ende, bei dem man dir immer wieder begegnet,
Wie einen Ball,
Wie einen Tanz
In den Armen deiner Gnade,
Zu der Musik allumfassender Liebe,
Herr, komm und lade uns ein.

Das ist mein Lätare-Fest: Klar, dass mich so einiges bedrückt – aber zugleich ist da eine Quelle der Freude, die nie aufhört zu sprudeln. Schon bald feiern wir Ostern, den Anfang vom Ende des Todes und der dunklen Nacht der Seele. Auch wenn es gerade ganz schön verrückt klingt: Die Welt ist schon über den Berg. 

(Foto: Senjutu Kundu auf unsplash.com | Zitate aus: Madeleine Delbrêl, „Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße“, hg. von Annette Schleinzer, München/Zürich/Wien 2014, S. 46, 118 und 120.)

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Was uns die Engel zeigen

Heute möchte ich mit Euch über Engel nachdenken. Wir sind ja gerade umgeben von ganz vielen: In den weihnachtlich dekorierten Straßen, aus den Fenstern der Geschäfte und Wohnungen funkeln und leuchten sie mir entgegen. Weihnachten ist Engelzeit: Der Engel Gabriel besucht Maria und kündigt ihr an, dass sie ein Kind bekommt. Und ein anderer Engel kümmert sich um ihren Verlobten Joseph und erscheint ihm zweimal im Traum. 

Die ganze Weihnachtsgeschichte funktioniert nur mit Engeln. 

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lukas 2, 8-14)

Kein „Fürchtet euch nicht“ und kein „Friede auf Erden“ ohne Engel. Und dann verschwinden sie wieder. Die Hirten machen sich auf den Weg zur Krippe. Sie wissen jetzt, wonach sie die Augen offen halten müssen.

Schon in der Bibel sind Engel ganz und gar nicht alltäglich. Und heute ist es nicht anders. Mir ist bisher noch keiner begegnet. Meinen Freunden und den Pfarrerskolleginnen auch nicht, so weit ich weiß. Verkleiden sie sich nur ganz raffiniert, oder können sie sich unsichtbar machen? 

Wir wissen deshalb so wenig über sie, weil die Engel nie über sich reden, sie reden immer über Gott. Beziehungsweise sie bringen Botschaften von Gott. Das Wort „Engel“ bedeutet „Bote“. Im Grunde ist das wie beim Postboten: Wir freuen uns, wenn er freundlich ist und sympathisch. Aber viel interessanter und wichtiger ist die Frage, was er mitbringt.

Was bringen Engel in unsere Welt? Welche Nachricht, welche Überraschung haben sie dabei? Meine erste Vermutung ist: Sie lassen uns spüren, dass wir nicht allein sind.

Scheue Zwischenwesen

Eben weil die allermeisten von uns noch keinen „echten“ Engel gesehen haben, haben unsere Künstler sich etwas ausgedacht. Sie haben ihnen Flügel an den Rücken gemalt oder geschnitzt. Vielleicht als Zeichen dafür, dass sie sich schneller und anmutiger fortbewegen als wir, die vom Laufen müde werden und Blasen an den Füßen kriegen. Oder dass sie zwischen dem Himmel, der Sphäre Gottes, und der Erde wie im Flug hin und her pendeln.

Engel sind Zwischenwesen. Sie tauchen aus einer anderen Dimension auf und entschwinden wieder dorthin. Ganz eindrücklich ist das in der Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäusevangelium. Da tritt nur zweimal ein Engel auf. Beide Male begegnet er Joseph, und beide Male im Traum. Indirekter, unaufdringlicher kann man sich das kaum vorstellen: Gott schickt einen Traum und im Traum einen Engel. Wenn ich träume, befindet sich mein Bewusstsein in einem Zwischenzustand. Vieles, was ich im Wachzustand ausblende, regt sich dort. Meine Phantasie bringt im Schlaf Bilder und Szenen hervor, die ihre ganz eigene Wahrheit und Bedeutung haben. Manchmal schüttele ich mich dann beim Aufwachen und schiebe den Traum beiseite. Das tut Joseph nicht. Gott sei Dank! Sonst wüssten wir heute nichts von ihm und seiner kleinen Familie. 

Der Skeptiker in mir fragt an dieser Stelle: Wenn die Engel vor allem im Traum und in der Phantasie auftauchen, wenn man ihre Existenz nicht mit den Mitteln der Wissenschaft eindeutig feststellen kann –  sind sie dann nur ein Hirngespinst? Frommes Wunschdenken, eine nette Illusion?

Vielleicht haben wir ja gar nicht zu viel Phantasie, sondern zu wenig. Ausgerechnet bei einem renommierten Naturwissenschaftler fand ich diesen erstaunlichen Gedanken:  

„Ich habe den Verdacht, das Universum ist nicht nur seltsamer als wir annehmen, sondern seltsamer, als wir annehmen können. […] Ich nehme an, es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wir uns träumen lassen, oder als wir träumen können.“ 

(J. B. S. Haldane, Possible Worlds, in: Ders., Possible Worlds and Other Papers, New York (Harper & Brothers) 1928, S. 298f.)

Das könnte das zweite Geschenk sein, das die Engel mir bringen: Eine Einladung, den Blick für das Seltsame, Schräge und Verrückte, das Unerwartete und Überraschende in der Welt und in den Ereignissen meines eigenen Lebens nicht zu verlieren. 

Rettung, die kommt und Rettung, die ausbleibt

In meiner Familie erzählt man sich auch eine Engelsgeschichte. Mein Urgroßvater war Bäcker in einem kleinen Ort auf der schwäbischen Alb. Damals, vor über hundert Jahren, transportieren die Bauern ihre Sachen noch mit Ochsenwagen und Pferdefuhrwerken. An diesem Tag kommt ein schwer beladener Erntewagen nach dem anderen von den Feldern zurück. Mitten in der Rush Hour läuft die kleine Tochter auf die Straße, fällt hin und gerät unter einen dieser schwer beladenen Pferdewagen, mit schmalen, eisenbeschlagenen Holzrädern. Der Vater sieht das von der Backstube aus. Aber er ist zu weit weg, um eingreifen zu können. „Heiland, hilf!“ Er schickt ein Stoßgebet zum Himmel. Und dann sieht er, wie sich das Hinterrad des Wagens über die Kleine hebt. Da muss eine unsichtbare Hand im Spiel sein … ein Engel!? Das Kind lebt und ist unverletzt und die ganze Familie erleichtert und dankbar für dieses Wunder. So dankbar, dass die Geschichte schon über fünf, sechs Generationen weitererzählt wird. 

Schutzengel stehen hoch im Kurs. Viele Eltern wünschen sich so eine Art himmlischen Bodyguard für ihr Kind. Wir wissen, wie verletzlich so ein Menschenwesen ist. Und wie begrenzt unsere Mittel und Möglichkeiten, Schaden von ihm abzuwenden. Halbwegs heil durchs Leben zu kommen ist keine Selbstverständlichkeit. 

Ich erinnere mich noch gut, wie an einem Sommerabend auf einer Party mein Handy klingelt. Unser Babysitter erzählt völlig aufgelöst, dass unser Vierjähriger aus dem offenen Fenster seines Kinderzimmers im ersten Stock gefallen ist. Die Sanitäter bringen ihn gerade ins Krankenhaus. Mit Herzrasen eilen wir in die Kinderklinik. Und hören: Es geht ihm gut. Die Ärzte konnten außer ein paar blauen Flecken nichts finden. Kein Knochenbruch, keine Gehirnerschütterung, nichts. Meine Frau nimmt den verstörten Kleinen in den Arm und ich sage leise zu ihr: „Ich glaube, da ein Engel einen unsichtbaren Airbag aufgepustet.“ Der Schrecken steckt mir trotz aller Erleichterung noch Tage in den Gliedern. Ich weiß nur zu gut, dass es nicht immer so glimpflich ausgeht. Zwei meiner besten Freunde sind im Abstand von ein paar Jahren tödlich verunglückt. Wo war der Schutzengel da? Ich weiß keine Antwort.

Sehnsucht nach Schutz

Engel sollen Menschen behüten, weil in unserem Leben Gefahren lauern. Unfälle, Krankheiten, oder Menschen tun anderen schlimme Dinge an. „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, lautet ein beliebter Taufspruch. Im Gespräch mit Eltern spüre ich, wie gut ich den Wunsch verstehe. Ich würde ihnen ja so gern versprechen, dass ihr Kind von Schicksalsschlägen verschont bleibt. Aber meine Lebenserfahrung deckt das nicht, und die Jesus-Geschichte gibt das auch nicht her. 

Jesus hatte, als er erwachsen wurde, ständig mit Leuten zu tun, die körperlich und seelisch angeschlagen waren oder von der Mehrheit mit Misstrauen und Verachtung bestraft wurden. Und weil er half, wurde auch er, der Helfer, beschimpft und angegriffen. Am Ende – daran erinnert das Kreuz – wurde er sogar umgebracht. Hat Gott vergessen, seinem eigenen Kind eine Engel-Eskorte zu schicken? Ich stelle mir das so vor: An dem Tag, als Jesus stirbt, ergeht es Gott wie vielen menschlichen Eltern: Er kann sein Kind nicht retten. Gott weiß nicht nur aus zweiter Hand um Trauer und Verlust. 

Aber damit hört die Geschichte noch nicht auf: Zwei Tage später sind dann doch wieder Engel da. Sie warten vor dem Grab, in dem Jesus gelegen hat. Das Grab ist leer. „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?“ fragt der Engel. Etwas total Unerwartetes und Unvorhersehbares ist geschehen. Und ein Engel ist zur Stelle, um den Menschen die Augen zu öffnen für das größte aller Wunder.

Der Komponist John Rutter kennt den Kummer und den Schmerz. Sein 19-jähriger Sohn ist an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben. Zwei Jahre später nimmt John Rutter eine Kindermesse auf. Er erinnert so an seinen Sohn, und hängt am Ende noch ein (älteres) Lied an, das zum Staunen einlädt: Schau die Welt an, alles um uns herum. Schau die Welt an und staune jeden Tag über so viele Freuden und Wunder. 

Ein Engel für schwere Zeiten

Ich möchte noch eine Engelgeschichte erzählen – eine für Erwachsene. In ihr finde ich all das wieder, was mich umtreibt, wenn ich den Zustand der Welt betrachte. Sie tröstet mich ohne etwas zu verharmlosen oder zu beschönigen. 

1921 – der Schriftsteller Walter Benjamin verliebt sich in ein kleines, eher unscheinbares Bild des Malers Paul Klee. Angelus novus heißt das Bild, neuer Engel. Benjamin kauft das Bild und viele Jahre lang hängt es in seiner (Berliner) Wohnung. Später wird es ihn ins Exil nach Frankreich begleiten und sogar auf der Flucht vor den Nazis über die Pyrenäen. Immer ist der Engel dabei. Heute ist er im Israel-Museum in Jerusalem zu sehen.

Angelus novus zeigt ein Wesen mit ausgebreiteten, kurzen Flügeln und weit geöffneten schwarzen Menschenaugen. Die Nase erinnert eher an einen Hund oder eine Katze, der Mund ist ein Stück geöffnet und hat spitze Zähnchen. Der Kopf ist recht groß im Vergleich zum Körper, wie bei einem Baby oder Kleinkind. Der „neue Engel“ ist also tatsächlich ein neugeborener Engel. Benjamin beschäftigt sich mit der Engellehre der Kabbala – so heißt die mystische Tradition des Judentums – und findet dort eine Erklärung: 

»Die Kabbala erzählt, daß Gott in jedem Nu eine Unzahl neuer Engel schafft, die alle nur bestimmt sind, ehe sie in Nichts zergehen, einen Augenblick das Lob von Gott vor seinem Thron zu singen. Als solcher Engel gab der neue sich aus.«

Der neue Engel wirkt ganz lebendig, er scheint seinem Betrachter von dem zu erzählen, was er vor Augen hat: Vor Gottes Thron spielt sich ein ständiges Werden ab. Immer neue Engel erscheinen. Sie bestaunen die Herrlichkeit Gottes, sie fangen spontan an zu singen, ein immer neues Lied vom unendlichen Glück, diese unbeschreibliche Schönheit zu schauen. Und so, wie Menschen manchmal das Gefühl haben, vor Glück gleich zu platzen, versinken die frischen Engel gleich wieder – friedlich und ohne Angst – in dem überirdischen Glanz, der sie umgibt. Ich stelle mir das vor wie Seifenblasen, die schwerelos aufsteigen und in allen Farben im Sonnenlicht schillern. Dann trägt der Wind sie sanft davon, während von irgendwoher schon wieder neue angeschwebt kommen. Jedes Kind weiß: Diese Leichtigkeit und Flüchtigkeit ist es ein bezaubernder Anblick. Die Engel aus der Weihnachtsgeschichte, die den Hirten erscheinen und Gottes Herrlichkeit besingen – sind das auch solche neuen Engel?

Trümmerhaufen, die in den Himmel wachsen

Paul Klees neuer Engel ist auf Papier gebannt und kann sich nicht einfach wieder auflösen. Er bleibt. Er wirkt. Er wird zu einem Meditationsbild. Dieser Engel begleitet Walter Benjamin. Und Benjamin braucht ihn, weil die junge Demokratie in Deutschland in die brutale NS-Diktatur umschlägt. Juden und Andersdenkende werden verfolgt und in Lager gesperrt. Benjamin erkennt, dass er in Lebensgefahr schwebt, und verlässt Deutschland. In dieser dunklen Zeit sieht er den Engel mit neuen Augen. 

Als der Krieg beginnt, ist er für ihn zum „Engel der Geschichte“ geworden. Denn die Geschichte, wie Walter Benjamin sie gerade erlebt, ist kein zielgerichteter Fortschritt mehr. In ihr wird gerade nichts besser, klüger, vernünftiger oder sinnvoller. In den weit aufgerissenen dunklen Augen erkennt Benjamin nur noch das Entsetzen über die Verwüstung, die sich anbahnt. Der Engel schaut nicht mehr erwartungsvoll in die helle Zukunft, sondern er blickt hilflos auf Vergangenheit und Gegenwart:

„Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Zusammen mit der Welt, die in Trümmern liegt, entfernt sich der Engel immer weiter vom Paradies. Der Sturm der Geschichte trägt ihn davon und er blickt zurück auf die Spur der ungebremsten Verwüstung, die Autokraten, Warlords, Oligarchen, Hassprediger und Egomanen hinter sich herziehen. Alles im Namen irgendeines Fortschritts hin zur schönen neuen Welt, alles mit dem Versprechen von Größe, Ruhm und Ehre. Trotzdem bleibt der Engel…

Trümmerhaufen, die in den Himmel wachsen, die gab es auch 2024. Ich denke an die Ukraine, an Gaza, an die Inselstaaten im Pazifik, denen das Wasser bis zum Hals steht, an die Leute in der Region Valencia, deren Habseligkeiten die Fluten fortgerissen und zertrümmert haben. Es ist doch verrückt, dass vor allem die politischen Kräfte in der Krise Zulauf bekommen, die ein „weiter so“ versprechen – allen Trümmerhaufen zum Trotz.

An der Aufgabe, „das Zerschlagene zusammenzufügen“, scheitert der Engel der Geschichte. Ich finde mich jetzt selber wieder in seinem fassungslosen Blick; und die nach oben gerichteten Flügel wirken auf mich so, als würde er die /seine Hände zur Kapitulation erheben und sagen: Ich sehe die Trümmer überall. Aber was kann ich schon ausrichten?

Nach jüdischer Vorstellung ist es allerdings nicht die Aufgabe eines Engels, die verlorene und verwundete Welt zu heilen. Zu vollenden, was gescheitert oder unfertig geblieben ist, ist die Aufgabe des Messias. Es ist eine menschliche Aufgabe. Benjamin selbst schreibt dazu: 

„Es besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Uns ist wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat.“

Mit diesem Hinweis auf die messianische Kraft wandert mein Blick schon wieder Richtung Weihnachten. Wo Engel die Menschen mit der Nase darauf stoßen müssen, dass sich hier Gott selbst durch die Hintertüre in die Weltgeschichte schleicht: Der Immanuel, der Gott-mit-uns. Der Messias, den schon die Propheten angekündigt haben.

Heilige Funken überall

Komm, Immanuel. So viel ist gerade zu heilen und zu retten. Und unsere Kraft ist wahrlich klein. 

Aber auch das weiß Walter Benjamin: Jede Sekunde ist „die kleine Pforte, durch die der Messias treten“ kann. Davon reden die Engel, die die Hirten zum Kind in der Krippe schicken. Der Immanuel, der Messias, ist klein, aber er ist gekommen. Er ist der Hauptdarsteller im großen Drama von Gott und der Welt. Die Engel sind, wie es bei den Oscar-Verleihungen immer so schön heißt, best „supporting actors“. Im Deutschen ist das mit „Nebendarsteller“ zu blass wiedergegeben. Die supporting actors lassen die Hauptrolle richtig gut herauskommen. Das ist ihre Aufgabe. Die Engel erinnern mich daran: Mit Jesus ist die messianische Kraft endgültig in der Welt. Mag sie auch klein sein, unterschätzen sollte man sie nicht. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort entfaltet sie ihre Wirkung.

Die jüdische Mystik der Kabbala lehrt: Es gibt überall „heilige Funken“. Eine Art messianisches Potenzial, das in Gottes Welt schlummert. Es möchte geweckt und entdeckt werden. Ich schließe die Augen und stelle mir das vor: Eine dunkle Gegend mit vielen kleinen, tanzenden Lichtern, die sich nicht bändigen und einfangen lassen. Und schon schwindet die Sorge, dass die Dunkelheit mich überwältigt. Schon fühle ich mich nicht mehr machtlos. Ich kann helfen, manches Zerschlagene zusammenzufügen. Jetzt schon.

Die heiligen Funken im Tumult der Welt – das erinnert an die ersten Sätze des Johannesevangeliums: Vom wahren Licht, das in die Welt gekommen ist. Das in der Finsternis leuchtet, die ihm nichts anhaben kann. Es erleuchtet alle Menschen, die in die Welt kommen, schreibt Johannes. Er hätte auch sagen können: Es versprüht heilige Funken und lässt die neu aufleuchten, die schon da sind. 

Wenn wir in diesen Tagen zuhause Kerzen anzünden und wenn dann in der Neujahrsnacht bald wieder allerlei Funken fliegen, dann will ich mich an die heiligen Funken erinnern. Dieses Licht, das in Christus, dem Messias, gekommen ist, um zu bleiben. 

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Abschied vom Auenland

Seit ein paar Tagen ist es offiziell: Ich werde nach gut sechs Jahren Zabo zum Jahreswechsel verlassen und nach St. Johannis gehen.

Der Hintergrund ist schnell und nüchtern erklärt: Hier in Zabo fällt eine halbe Stelle weg. Das ist auch ganz plausibel: Die Gemeinde ist, wie fast überall, im Lauf der Jahre geschrumpft. Und parallel dazu das Budget der Landeskirche wie auch die Zahl der Pfarrer:innen und Hauptamtlichen.

Arbeit wäre noch genug da. Und in den letzten Jahren war (und wurde) sehr vieles sehr gut. Wir sind hier ganz wunderbar aufgenommen worden und viele haben mir geholfen, in die Rolle des Gemeindepfarrers hineinzufinden. Das macht den Abschied schwer, aber mit dem Blick auf die Segensspuren auch tröstlich.

Zabo, das Dorf in der Großstadt, hat schon eine Art Auenland-Vibe. Ganz buchstäblich, weil hier ein großes Stück naturnaher Auwald liegt, aber es wohnen auch viele gemütliche und gesellige Halblinge hier.

Wir freuen uns zugleich, dass es uns nicht in ferne Gefilde verschlägt, sondern in einen lebendigen, zentrumsnahen Stadtteil und eine große Kirchengemeinde, die dort fest verwurzelt und gut vernetzt ist. auf fitte und freundliche Kolleg:innen – und nicht zuletzt auf einen kurzen Weg zu unserem Enkelkind, das in St. Johannis zur Welt kam und dort mit seinen Eltern wohnt.

Es ist auch objektiv ein guter Zeitpunkt zum Wechseln. Alle Kirchenvorstände werden bis zum Sonntag in einer Woche neu gewählt, und so kann ich zu Beginn der neuen Amtsperiode mit einsteigen – und mein:e Nachfolger:in in Zabo etwas später, aber auch noch in der Phase, wo sich alles einruckelt.

Nach vielen Wochen des Wartens, was aus dieser Bewerbung wohl werden würde, geht nun alles ganz schnell.

Gut, schon der gute alte Bilbo Beutlin wusste ja:

The Road goes ever on and on,
Down from the door where it began.
Now far ahead the Road has gone,
And I must follow, if I can,
Pursuing it with eager feet,
Until it joins some larger way
Where many paths and errands meet.
And whither then? I cannot say.

Die Straße gleitet fort und fort
Weg von der Tür, wo sie begann,
Weit überland, von Ort zu Ort,
Ich folge ihr, so gut ich kann.
Ich lauf ihr müden (?) Fußes nach,
Bis sie sich groß und weit verflicht
Mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht.
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Neues Projekt: Wild und unaufhaltsam

Ich habe die letzten paar Jahre hier deutlich weniger geschrieben als vorher. Das hatte auch damit zu tun, dass ich an der Frage dran war, wie eine theologische und sprituelle Antwort auf die Klimakatastrophe und das Anthropozän aussehen könnte: Eine Theologie der Ermächtigung und eine Spiritualität des Engagements.

Ich habe dafür unter dem Motto „Wild und unaufhaltsam. Mutig leben auf einem erschöpften Planeten“ eine neue Website gebastelt, auf der die Texte dann sukzessive und aufeinander aufbauend erscheinen. Wenn Ihr einsteigen mögt: Hier sind die ersten paar Kapitel, es werden noch einige:

  1. Vorwort: Unkraut vergeht nicht
  2. Umzingelt von Monstern: Warum viele Menschen sich so ohnmächtig fühlen
  3. Gefährliche Erinnerungen: Das Exodus-Muster
  4. Der andere Anfang: Warum nichts bleiben muss, wie es ist

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Naturspiritualität: Nicht alles gut?

Ich war diese Woche bei einer Gesprächsrunde über Naturspiritualität. Viele motivierte Menschen, tolle Ideen und interessante Konzepte. Viel positive Energie schwappte hin und her durch den Raum.

Wenn man in dem Bereich unterwegs ist, muss man sich oft rechtfertigen. Oder besser: Hat man es mit vielen kritischen Anfragen zu tun. Eine davon ist, ob die Natur nicht naiv verklärt wird, wenn wir sie als Weg zu Gott oder „Spiegel der Seele“ betrachten. Ob wir sie, anders gesagt, also nicht einfach nur so sehen, wie wir sie gerne hätten.

Gestern begegnete mir das – die Abwehr dieses vermuteten Einwands – anhand zweier Beispiele: Dass es jetzt gerade so viele Nacktschnecken gibt und dass es Viren und Pandemien gibt – das ist zum Beispiel nicht gut.

Das hat mich auf dem Heimweg noch länger beschäftigt, weil beide Beispiele das meines Erachtens nicht hergeben. Die Nacktschnecken sind erstens hauptsächlich ein Problem für unsere Gärten und Parks, also die domestizierte Natur (auch unsere Wälder sind überwiegend Nutzwälder, also Holzplantagen. Nur etwa ein Drittel gelten noch als naturnah, echte Naturwälder machen weniger als 5% aus!).

Sie sind zweitens eine Klimafolge, weil die wärmere Atmosphäre zu ergiebigeren (und in diesem Sommer auch viel häufigeren) Niederschlägen führt.

Die Corona-Pandemie entstand höchstwahrscheinlich aus einer Zoonose, die wiederum eine Folge des Zivilisationsdrucks auf Tierpopulationen ist.

In beiden Fällen bekommen wir also eine verwundete, beschädigte Natur zu spüren, die Folgen unserer Verwüstung. Vorletztes Jahr kam ich von einer Wild Church mit einer dicken Auwaldzecke zurück. Eine Borreliose musste anschließend mit Antibiotika niedergeknüppelt werden. Wäre das vielleicht ein besseres Beispiel? Nur bedingt, denn die Verbreitung von Zecken hat eben auch damit zu tun, dass das Rotwild in unseren Wäldern bei weitem nicht ausreichend bejagt wird. Auch da ist das Gleichgewicht längst gestört.

Die Aussage „in der Natur ist auch nicht alles gut“ ist oft eben nur Ausdruck unseres verqueren Blicks auf die Natur, in dem sich immer noch alles um unsere Bedürfnisse und unser Wohlbefinden dreht und alles übrige Leben daran bemessen wird.

Eine Lektion in der Begegnung mit der Natur könnte sein, dass wir aufhören, alles auf unmittelbare Nützlichkeit hin zu bewerten und in ein Gut/Schlecht-Schema einzuordnen. Sie hat nicht erst dann ihren Wert, wenn sie erkennbar „zu etwas gut“ ist. Das wäre ja auch eine wichtige spirituelle Grundhaltung, das Urteil auszusetzen, um einen klareren Blick auf die Dinge und uns selbst zu bekommen. Sehen, was da ist.

Auf diesem Weg gibt es noch eine Menge zu entdecken. Je weniger blinde Flecken im Spiel sind, desto interessanter könnte es werden.

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Eine Legion geht baden

An einem nieseligen Sonntagnachmittag warte ich vor der Nürnberger Lorenzkirche. Da höre ich, wie sich knapp hinter mir ein Schwall Wasser geräuschvoll auf das Pflaster ergießt. Ich springe zur Seite und blicke nach oben. Hoch über mir reißt ein grimmig dreinblickendes Wesen aus Stein sein Maul auf: Ein Wasserspeier, wie er an vielen mittelalterlichen Kirchen zu finden ist.

Die Steinmetze hatten ganz offensichtlich ihren Spaß an den finsteren Gestalten. Drinnen in der Kirche, auf den Altären und in den Fenstern, sind Heilige und Szenen aus der Bibel abgebildet. Für böse Geister gilt also: „Wir müssen draußen bleiben.“ Da aber haben sie ihren Platz: Als Erinnerung daran, dass in dieser Welt nicht nur gute Kräfte am Werk sind. Und vielleicht auch daran, dass wir nicht immer alles verstehen und einordnen können, was um uns herum passiert. 

Diese Faszination für skurrile Fratzen und Fabelwesen begegnet uns heute eher in der den Fantasy-Welten von Harry Potter über den Herrn der Ringe bis zu Game of Thrones. Und in Horrorfilmen wie „der Exorzist“, oder Action-Klamauk á la „Ghostbusters“, der in diesem Monat vor genau 40 Jahren ins Kino kam. If there’s something strange in the neighborhood – wenn in der Nachbarschaft komische Sachen passieren, dann holt man diese Kammerjäger fürs Paranormale. Statt Kakerlaken entfernen sie mit ordentlichem Getöse lästigen Spuk. Geister, die kein Wasser speien, aber ekligen Schleim hinterlassen. Und die verschreckten Kunden können wieder aufatmen und sich sagen: „I ain’t afraid of no ghost – ich hab keine Angst nicht vor Geistern“.

Auf der Leinwand und zwischen den Buchseiten haben Geister und Dämonen an den Rändern unseres aufgeklärten Denkens überlebt. Draußen statt drinnen, ordentlich aufgeräumt, dürfen sie sie ihr Maul aufreißen wie die Wasserspeier an alten Kirchen. Ein bisschen Gruseln ist ganz nett.

Da kann man nichts machen…?

Ganz so aufgeräumt ist die Welt freilich nicht. Denn die konkrete Erfahrung, dass es zerstörerische Kräfte gibt, oder Orte mit einer bedrückenden Atmosphäre, das kenne ich ja auch. Momente, in denen ich mich ganz bewusst dagegen stemmen muss, um nicht von Angst und Hoffnungslosigkeit überwältigt zu werden. Und ich höre, wie andere vom „Ungeist“ des erstarkenden Rechtsextremismus reden. Oder von den „Dämonen der Vergangenheit“, wenn Rassisten aufmarschieren und Nazi-Parolen auf Partys gegrölt werden. Dämonen, das ist und bleibt ein schillernder Begriff. Offenbar aber einer, auf den wir nicht ganz verzichten können, wenn wir darüber reden wollen, wie es uns hin und wieder ergeht.

Wenn die Bibel von Dämonen erzählt, dann handeln diese Geschichten immer von Menschen, die sich als hilflos und ohnmächtig erleben und von etwas scheinbar Übermächtigem bedroht werden. So wie in dieser Episode aus dem Markusevangelium, in der Jesus mit seinen Jüngern den See Genezareth überquert und im Gebiet der „Zehn Städte“ landet. Die Leute dort sind keine Juden. Sie sprechen Griechisch und verehren die Götter der Griechen. Aber manche Probleme gleichen sich hüben wie drüben.

Und sie kamen ans andre Ufer des Sees in die Gegend der Gerasener. Und als Jesus aus dem Boot trat, lief ihm alsbald von den Gräbern her ein Mensch entgegen mit einem unreinen Geist, der hatte seine Wohnung in den Grabhöhlen. Und niemand konnte ihn mehr binden, auch nicht mit Ketten; denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen und hatte die Ketten zerrissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn bändigen. Und er war allezeit, Tag und Nacht, in den Grabhöhlen und auf den Bergen, schrie und schlug sich mit Steinen.
Als er aber Jesus sah von ferne, lief er hinzu und fiel vor ihm nieder und schrie laut: Was willst du von mir, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht! 
Denn er hatte zu ihm gesagt: Fahre aus, du unreiner Geist, von dem Menschen!

Jesus begegnet einem Menschen, der außer Rand und Band ist. Er lebt abseits der Stadt, vor allem aber gefährdet und verletzt er sich ständig selbst. Die Leute haben vor ihm Angst und wissen sich nicht anders zu helfen, als ihn zu fesseln. Sie bekommen ihn allerdings nicht so recht in den Griff. Vielleicht haben sie auch ein schlechtes Gewissen; jedenfalls sind die Stricke und Fesseln locker genug, dass er sich immer wieder befreien kann. Resignation macht sich breit: Wir haben alles versucht, nichts hat geholfen.

„Besessenheit“ und Besatzung 

Der Mann bei den Grabhöhlen scheint nicht zu wollen, dass andere ihm nahekommen. Aber Jesus tut genau das: Kaum setzt er – vom jüdischen Ufer des Sees kommend – seinen Fuß auf heidnischen Boden, kommt Bewegung in die festgefahrene Situation. Unwiderstehlich zieht es den Mann zu Jesus hin. Oder wird er von dem bösen Geist getrieben? Es klingt fast so! Und Jesus? Der wirkt kein bisschen überrascht. Er scheint gespürt zu haben, dass da unheilvolle Kräfte wirken, die er mit seiner Ankunft aufscheucht. Jesus fragt seelenruhig: 

Wie heißt du? Und er sprach: Legion heiße ich; denn wir sind viele. Und er bat Jesus sehr, dass er sie nicht aus der Gegend vertreibe.

Der kurze Wortwechsel ist aufschlussreich: 

Die Dämonen geben sich als „Legion“ zu erkennen. Also die militärische Formation, mit der das römische Imperium seine knallharte Besatzungspolitik durchsetzt in dieser unruhigen Region. Gerasa war ursprünglich eine Ansiedlung mazedonischer Kriegsveteranen durch Alexander den Großen und seine Nachfolger. Und tatsächlich ist auch zu der Zeit, als Markus sein Evangelium niederschrieb, ganz in der Nähe eine Legion stationiert. Wirtschaftlich und psychisch ist das eine riesige Belastung für die einfachen Leute. Liebend gern hätten sie die Soldaten aus der Gegend vertrieben. Zwischen „Besessenheit“ und „Besatzung“ besteht offenbar ein Zusammenhang. 

Und der Mann, aus dem die Geisterarmee gerade zu sprechen scheint, ist keineswegs der einzige Betroffene. In seiner Person verdichten sich sämtliche Ohnmachtsgefühle der ganzen Umgebung, von allen, die hier leben. Manchmal kann halt nur einer, der sich wie ein Verrückter benimmt, ungestraft den Wahnsinn aussprechen, den alle tagein, tagaus erleben. 

Im Neuen Testament ist viel häufiger von Dämonen die Rede als im Ersten Testament, der hebräischen Bibel. Die stammt überwiegend aus der Zeit, in der Israel nicht besetzt war, sondern eigenständig. Es war für mich ein echtes Aha-Erlebnis, als ich auf Berichte aus der Kolonialzeit in Afrika aufmerksam wurde. Dort häuften sich mit dem Eindringen der Europäer die Fälle von Menschen, die unter Dämonen litten. Oft trugen die Geister Namen, die mit den Besatzern zu tun hatten. Manche imitierten das Geräusch einer Lokomotive. Und umgekehrt verwendeten die Heilkundigen Motoröl, Konservendosen oder Weißbrot, um die Geister fernzuhalten oder zu besänftigen: Typische Gegenstände jener Kultur, die ihre eigene bedrohte. 

Jedes gewaltsame Aufbegehren gegen die reale Besatzung wäre glatter Selbstmord gewesen. Und jedes friedliche wurde gewaltsam niedergeschlagen. Im Scheingefecht mit den Dämonen war die Ohnmacht vorübergehend aufgehoben. Eine tödliche Eskalation äußerer Gewalt war trotzdem nicht zu befürchten.

Die Dämonen, auf die Jesus hier trifft, sind also keine paranormalen Spukphänomene, und auch keine wüsten Poltergeister wie bei Ghostbusters. Sie sind keine immateriellen Kobolde oder spirituellen Parasiten, die man sich wie Zecken oder Fußpilz irgendwo einfängt. Es geht auch nicht um die Seelen Verstorbener, die keine Ruhe finden und deshalb die Lebenden heimsuchen. In der Ein-Mann-Legion spiegelt sich vielmehr jener Teil der Wirklichkeit, den alle am liebsten vergessen und ausblenden würden: Das Ausgeliefertsein an fremde Eindringlinge, die Einschüchterungen und Demütigungen, die Angst vor Willkür und Gewalt, die angestaute Wut über die eigene Schwäche und der verzweifelte Hass auf die Warlords/Kriegstreiber und ihre Handlanger. 

„Wenn du dich so machtlos fühlst, was wirst du dann tun?“, fragt Nelly Furtado. Sie fragt das als Kind von Einwanderern aus den Azoren. Soll sie sich an die weiße Mehrheit in Kanada anpassen, ihre Fotos retuschieren lassen und damit ihre Herkunft ausradieren? Oder riskiert sie, als fremd und störend ausgegrenzt zu werden – von einer Gesellschaft, die es sich noch immer nicht abgewöhnt hat, nicht-weiße Menschen als „Wilde“ zu betrachten. Dafür, findet sie, ist das Leben zu kurz. 

Und plötzlich eskaliert das Ganze…

Zum Glück nicht: Mit dem Augenblick der Wahrheit über die „Legion“, die ihm so zusetzt, geht die Action erst richtig los. Und für einen kurzen Augenblick erinnert die Szene doch an Ghostbusters, wenn es da (Landwirte und Tierschützerinnen bitte kurz weghören) heißt:

Es war aber dort an den Bergen eine große Herde Säue auf der Weide. Und die unreinen Geister baten ihn und sprachen: Lass uns in die Säue fahren! Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Säue, und die Herde stürmte den Abhang hinunter ins Meer, etwa zweitausend, und sie ersoffen im Meer.

Und die Sauhirten flohen und verkündeten das in der Stadt und auf dem Lande. Und die Leute gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war, und kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, wie er dasaß, bekleidet und vernünftig, den, der die Legion unreiner Geister gehabt hatte; und sie fürchteten sich.

Und die es gesehen hatten, erzählten ihnen, was mit dem Besessenen geschehen war und das von den Säuen. Und sie fingen an und baten Jesus, aus ihrem Gebiet fortzugehen.

Die „Legion“ verhandelt wie eine echte Armee über ihren Abzug. Oder besser: Nicht-Abzug. Die Dämonen möchten nämlich in der Gegend bleiben. Sie bieten an, in ein anderes „Quartier“ umzuziehen – beziehungsweise, das trifft es wohl besser, ihre derzeitige Geisel gegen andere einzutauschen. Schweine gelten für Juden als unrein, vielleicht ist ja der Rabbi aus Nazareth bereit, sich auf einen Deal zu einzulassen? 

Und tatsächlich – Jesus stimmt zu. Doch im nächsten Moment zerschlägt sich schon jede Hoffnung, ungeschoren davonzukommen: Hat Jesus es geahnt, hat er es vielleicht so geplant, oder passiert das alles spontan – wir erfahren es nicht. Wir lesen nur, dass die Schweine prompt den Hügel hinunterrasen und im Wasser untergehen. Die Geisterarmee versenkt sich selbst auf ihrer Flucht nach Westen.

Nach Westen, und das ist kein Zufall. Von Westen über das Meer kamen nämlich die römischen Schiffe, die Soldaten brachten und den größten Teil dessen mitnahmen, was Land und Leute erwirtschaftet hatten. Viele Menschen in der Region – Juden wie Griechen – hätten die Besatzer liebend gern nach Westen ins Meer zurückgedrängt. Und jetzt spielt sich genau das vor ihrer Nase ab, nur dass keine Menschen zu Schaden kommen. Zweitausend Schweine, das sind eine gewaltige Herde. Nicht ganz so viele, wie eine römische Legion Soldaten hat, aber die Richtung stimmt, und darauf kommt es an. Das ist mehr als ein Scheingefecht. Es ist ein Paukenschlag für die Freiheit, der weit ins Land hinein zu hören ist.

Schon einmal hat ein jüdischer Prophet eine Armee im Meer untergehen lassen. Aber an den Showdown zwischen Mose und den Ägyptern am Schilfmeer denkt im Augenblick nicht jeder. Denn alle staunen, dass der „Besessene“ plötzlich wie ausgewechselt erscheint: Er ist anständig gekleidet, seine Stimmung ausgeglichen, die Kontrollverluste überstanden. 

Er ist sogar ganz erschreckend normal

Freiheit, die nicht alle freut

Das kleine Drama weckt bei dem Umstehenden die Neugier und verursacht zugleich eine Menge Unbehagen. Es bleibt auch unklar, ob das Unbehagen eher dem Verlust der Schweine zuzuschreiben ist oder der Veränderung des Mannes, mit dem die Dämonen ihr böses Spiel getrieben hatten. Vielleicht wissen die Menschen es selbst nicht. Mit der veränderten Lage tut sich für sie ein Problem auf: Solange da ein „Besessener“ herumläuft, kann man sich daran abarbeiten. Oder sich daran gewöhnen und irgendwie damit arrangieren. So oder so braucht man keine Fragen zu stellen, auf die man die Antwort gar nicht wissen will.

In der Familientherapie ist das ein bekanntes Phänomen. In dysfunktionalen Familien, wo Menschen nicht miteinander klar kommen und einander immer wieder verletzen, gibt es oft ein „schwarzes Schaf“. Ein Familienmitglied, das sich auffällig verhält und auf das alle zeigen, wenn es um die Probleme im Miteinander geht. Es ist aber nur der Symptomträger, und nicht der Hauptverursacher der bestehenden Probleme. Das ist oft die einzige Person, die nicht am Rad dreht. Jesus hat das Schwarze Schaf aus seiner Rolle entlassen. Und plötzlich kriegen alle anderen die Krise.  

Die Situation erinnert ein bisschen an jenen alten Witz von dem Betrunkenen, der im Lichtkegel einer Straßenlaterne seinen Haustürschlüssel sucht. Eine Nachbarin kommt vorbei und hilft suchen. Nach einer Weile fragt sie: „Bist du sicher, dass du den Schlüssel hier verloren hast?“ Er antwortet: „Nein, da hinten. Aber da ist es viel zu dunkel.“

Den Symptomträger in eine Klinik zu stecken, ihn mit Medikamenten ruhigzustellen, während alles bleibt, wie es ist, das wäre so eine Schlüsselsuche unter der Laterne. Ihn im desolaten Zustand bei den Gräbern hausen zu lassen, auch. Aber das geht jetzt nicht mehr. Nicht, so lange Jesus da ist. Und ich merke: Kein Wunder, dass nicht nur die Schweinehirten möchten, dass er verschwindet. Der Schlüssel zur Lösung ihrer Probleme liegt im dämonischen Dunkel ihrer Ängste und Albträume. Da wird man ganz schnell überwältigt.

Es sei denn…

Kleine Aufstände allenthalben

Es sei denn, die Gerasener könnten in dem ganzen Tumult auch erkennen, dass sich das un- und übermenschliche Böse gerade selbst zerstört hat. Dass im Untergang der Schweinelegion sogar schon der Untergang der römischen Militärdiktatur durchschimmert. Dass da schon jemand im Namen Gottes unterwegs ist, der ganz erstaunlich furchtlos und handlungsfähig ist, und der Menschen aus ihrer Ohnmacht und Verzweiflung herausholt. 

Wir leben derzeit zum Glück nicht unter fremder Besatzung oder in einer Diktatur. Ohnmachtsgefühle und alles, was sie begleitet, kennen wir trotzdem. Sie entstehen bei uns durch Probleme, die wir als einzelne lösen sollen, obwohl sie viel zu groß sind für jede und jeden einzelnen: 

  • Wenn durch Inflation und Spekulation die Mietpreise explodieren und die Armut zunimmt, ist Obdachlosigkeit nicht einfach nur das Problem einzelner, die irgendwie versagt haben. 
  • Die Klimakrise trifft die am härtesten, die am wenigsten dafür können. Egal wie radikal ich meinen persönlichen Konsum ändere, es reicht noch lange nicht aus, um sie zu stoppen. 
  • Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt von Männern werden, erleben diese Übergriffe als etwas ganz Persönliches und Intimes. Es dauert oft lange, bis sie aufhören, den Fehler bei sich selbst zu suchen. Bis sie Worte finden für das, was ihnen angetan wurde. Erst dann zeigt sich: Nicht nur ein paar wenige sind betroffen. Und die Täter finden immer wieder Wege, ihre Schuld zu verschleiern, weil es Denkmuster und Machtkonstellationen gibt, die das fördern und begünstigen. (Auch in unserer Kirche.)

Wenn die Autor:innen der Bibel von Dämonen erzählen, dann zeigt es, wie ernst sie die Schadensmächte nehmen, die Menschen anfallen. Die sie so lange drangsalieren, bis sie sich nicht mehr vorstellen können, dass sich etwas ändert – bis ihnen die Kraft abhanden kommt, sich zu wehren. Das sind keine bloßen Wahnvorstellungen, kein primitiver Aberglaube, und wer so empfindet, ist nicht verrückter als alle anderen. 

Diese krasse Geschichte tut mir richtig gut. Ich staune erleichtert darüber, wie das Böse, das manchmal so übermächtig auftrumpft, sich selbst zerstört. Gegen die Resignation ist also doch ein Kraut gewachsen: Gott selbst hat den destruktiven Mächten und Gewalten dieser Welt den Kampf angesagt. Er hat sich in Jesus auf die Seite der Ohnmächtigen und Traumatisierten geschlagen. Er erleidet am Kreuz dieselbe brutale Gewalt wie sie. Aber er zerbricht nicht daran. Er kommt mit dem verlorenen Schlüssel in der Hand aus der tiefsten Dunkelheit zurück und schließt die Tür zur Freiheit auf. Am Ende seines Evangeliums erzählt Markus die verrückteste Geschichte von allen: Vom leeren Grab. Und deutet damit an: Niemand ist jetzt vor Jesus mehr sicher. Er könnte wer weiß wo auftauchen…

Denn so wie der irdische Jesus auf Schritt und Tritt kleine, gewaltlose Aufstände vom Zaun gebrochen hat, so tut der Auferstandene das nun überall da, wo sich Menschen auf ihn einlassen und mit ihm zusammentun. Da endet die Machtlosigkeit und die Isolation. Da geht was. Und manchmal, manchmal auch ein bisschen mehr.

Die Jars of Clay singen davon, dass hoffnungslose Fälle Gottes Spezialität sind. Und dass Gott Menschen Kraft und Mut schenkt, sich einzumischen: „Small rebellions… Gib uns Tage, die voller kleiner Aufstände sind. Mutwillige, wüste Akte der Freundlichkeit von uns allen. Wir stemmen uns gegen den Strom (und den Verfall). 

Und am Ende singen sie: We will never walk alone.

(Foto von Claudio Mota auf unsplash.com)

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Pilgern mit Hindernissen

Ich komme gerade zurück von einer „Pilgerreise“ nach England und Schottland. An- und Abreise hat unsere Gruppe, um möglichst klimaschonend unterwegs zu sein*1, mit der Bahn unternommen. Dabei haben wir den ganzen Katalog der Widrigkeiten erlebt: Kaputte Weichen, verpasste Anschlüsse, verfallene Reservierungen, total überfüllte Züge (hinwärts mit Fans von Manchester City und United, rückwärts mit Fans des BVB). Buchungen für zwei Unterkünfte platzten und um ein Haar hätten wir an einem Reisetag die letzte Fähre verpasst.

Nichts für schwache Nerven!

Wir hatten aber auch wunderbar ruhige Tage mit unverschämt gutem Wetter – an Orten, wo sich Himmel und Erde schon besonders nahe sind. Und als es an die Rückreise ging, war es ganz schwer zu sagen, was davon nun eindrücklicher war: Die Highlights oder all die Hindernisse, die wir gemeinsam bewältigt haben.

Jemand hat mal gesagt: „Eine Unannehmlichkeit ist nur ein missverstandenes Abenteuer. Ein Abenteuer ist eine richtig verstandene Unannehmlichkeit“. Mir scheint, wir haben entdeckt: Bei einer Pilgerreise gehört sowas wohl einfach dazu. Jedenfalls haben wir jetzt eine Menge zu erzählen.

  1. kleiner Nachtrag: Ich finde, Pilgern lässt sich mit Flugreisen nur schwer bis gar nicht vereinbaren. Es geht ja gerade darum, nicht möglichst schnell und bequem möglichst weit zu kommen. Und darum, anderen Menschen und dem Planeten nicht zur Last zu fallen. Es gibt genug Pilgerwege und -stätten, die mit der Bahn erreichbar sind. Lassen wir es doch einfach dabei. Und wenn diese Anreise länger dauert als der Flug, kann man sich einfach entsprechend mehr Zeit dafür nehmen und es als integralen Bestandteil des Pilgerweges betrachten. ↩︎
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Einfach Mann sein – geht das?

„Wann ist ein Mann ein Mann?“ fragt – mal wieder – ein Beitrag in der Arte-Mediathek im Anschluss an Herbert Grönemeyer. Und deutet damit im Titel an, dass es nicht ausreichen könnte, auf ein Y-Chromosom zu verweisen und/oder auf testosteronbasierte Geschlechtsmerkmale. Dass also zu Genetik und Anatomie noch etwas kommen muss, um ein „echter“ Mann zu sein. Und das das, was dazukommt, sogar irgendwie das Eigentliche sein könnte.

Lässt man sich auf den Gedanken ein, dann geht es ab da nicht einfach um Eigenschaften, nicht um ein bestimmtes So-Sein, sondern um das Tun: Männlichkeit wird ganz überwiegend performativ aufgefasst, und zwar absurderweise ganz besonders nachdrücklich von denen, die sich strikt gegen jede gendertheoretische Relativierung physischer Gegebenheiten verwahren.

Am sogenannten „Vatertag“ werden gewisse Stereotypen performativer Männlichkeit besonders zelebriert. Andere haben mit Bier und Bollerwagen weniger zu tun, aber auch da gilt: Man ist nur (oder vor allem) dann ein „richtiger“ Mann, wenn man dieses oder jenes tut.

Es gibt eine ganze Männlichkeitsindustrie, die Männern „hilft“, sich als Männer zu fühlen, indem Sie irgendwelche Männerdinge tun. Irgendeinem Ideal nacheifern, das mal so und mal so aussieht. Grölen, Grillen, irgendwas verbrennen oder irgendwas jagen … ach, und vor allem scheinen viele „richtige“ Männer sich dadurch auszuzeichnen, dass sie anderen nur allzu bereitwillig unter die Nase reiben, dass sie gar keine echten Männer sind, solange sie das nicht tun, was Männer angeblich ausmacht. Oder üble Ressentiments gegen Frauen entwickeln und verbreiten, die vermeintliche Männerdinge tun und deshalb als Bedrohung der Männlichkeit insgesamt wahrgenommen werden.

Wäre also am Ende einfach dies das Wesen des Männlichen, dass man immer einem (reichlich wandelbaren) Ideal hinterherhechelt? Ein Ideal, das deshalb auch unerreichbar sein muss, weil man in dem Augenblick, wo man es erreichte, nichts mehr tun könnte und sich die zugrundeliegende Performativität damit selbst erledigt hätte?

Oder ist dieser Anspruch, das eigene Mannsein immer und immer wieder zu verwirklichen oder zu unter Beweis zu stellen, eher eine als Problemanzeige zu sehen und eine Beeinträchtigung – wenn schon nicht der Männlichkeit, dann auf jeden Fall der Lebensqualität?

Was würde wohl passieren, wenn Männer die Nonchalance an den Tag legen könnten, einfach die zu sein, die sie gerade sind: Jetzt, in diesem Augenblick, ohne nach rechts und links zu schielen und auf Bestätigung von irgendwem zu warten, wie männlich ich dabei erscheine? Gottes Erlaubnis dazu habe ich. Aber gestehe ich mir es auch selbst zu?

(Foto von Vince Fleming auf Unsplash)

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Privilegien: Der Zankapfel unserer Zeit

Selten hatte ich das Gefühl, dass ein Perikopentext besser in die Zeit passt, als gestern am Palmsonntag. Wir sind ja ständig dabei, Privilegien auszuhandeln. Aber seit ein paar Jahren erleben wir ein besonders zähes, immer verbisseneres Ringen: Die einen möchten ihre Privilegien zementieren, die anderen reduzieren. Mit gravierenden Folgen für die Demokratie und den gesamten Planeten.

Was das Ganze mit Jesus zu tun hat und auf welche Spur es seine Nachfolger*innen in den gegenwärtigen Kulturkämpfen setzt, dazu habe ich mir gestern ein paar Gedanken gemacht. Hier könnt Ihr sie anhören.

(Und wer es gern noch vertiefen möchte: Das neue Buch von Daniel Mullis über den aufstieg der Rechten und die Regression der Mitte ist sehr informativ und gut zu lesen)

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Winter, Wald und Wunden

Ein stiller Moment im winterlichen Wald. Ich stehe neben einem kleinen Wasserlauf, der fast unmerklich vor sich hin tröpfelt. Als ich mich umdrehe, sehe ich am Stamm einer schlanken Rotbuche Spuren eines Sonnenbrandes. Benachbarte Bäume sind umgefallen oder geschlagen worden, das Kronendach hat dadurch ein Loch bekommen und der Stamm hat die Hitze der Sommersonne nicht gut verkraftet. Die RInde ist aufgeplatzt und hat um die offene Stelle eine dicke Wulst gebildet.

Ich lege meine Hand ein paar Augenblicke in die vernarbte Wunde. Mein Blick wandert umher. Der Schnee verbirgt etliche Baumstümpfe und die vielen am Boden liegenden Äste und Zweige. Aber es ist immer noch deutlich, dass da ein verwundeter Baum in einem verwundeten Wald steht.

Ich habe aus zwei Ästen ein Kreuz auf dem Waldboden gelegt. Das erscheint mir ein passender Ort, um an einen verwundeten Gott zu erinnern. Einer, von dem es rätselhafterweise heißt, dass wir in seinen Wunden Heilung finden. Wie sie wohl aussehen wird? Wie lange wir noch auf sie warten müssen? Was noch alles verwundet oder zerstört wird, bis es so weit ist?

Aber die Buche steht noch, und für eine Weile stehen wir hier zusammen. Eine tröstliche Weile.

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Wir Frösche im Kochtopf

Diese Woche kam die offizielle Bestätigung: Das vergangene Jahr war weltweit das heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und nach allem, was wir wissen, das wärmste seit 125.000 Jahren.

Weil es im Sommer öfter geregnet hat als in den vorausgehenden Dürrejahren, haben viele Leute hier das gar nicht zur Kenntnis genommen. Gefühlte und gemessene Temperaturen –davon könnte der Frosch ein Lied singen, wenn er den Kochtopf denn überlebte – sind zwei Paar Stiefel.

Der Frosch im sich allmählich erhitzenden Kochtopf merkt nämlich nicht, dass er in Gefahr ist. Würde er direkt vom kalten ins heiße Wasser geworfen, wäre das anders. Der Temperaturschock würde eine schnelle, heftige Reaktion hervorrufen. Und in dieser Hinsicht, dass wir langsame, schleichende Veränderungen nicht als Gefahr wahrnehmen, sind wir Menschen leider eher wie Frösche. Deshalb ist es auch so wichtig, auf die Messwerte zu schauen. Und sie ernst zu nehmen.

Ich habe die Messwerte des letzten Jahres für Nürnberg hier mal in der Übersicht. Mit Ausnahme des – nur gefühlt eisigen – April liegen alle weit über dem Mittel der 30 Jahre vor 1990. Doch selbst der April ist nur Durchschnitt, also eigentlich doch nicht kalt gewesen.

Quelle: wetterkontor.de

Neun von zwölf Monaten waren mindestens zwei Grad wärmer. Da kann man nicht mehr von Einzelfällen, Anomalien und Ausreißern sprechen. Bei drei Grad Erwärmung wären mindestens 20% mehr Regen nötig, um den ansteigenden „Dampfhunger“ der Atmosphäre auszugleichen. Das haben wir in Nürnberg gerade mal so erreicht, aber es war eben nicht genug, um die niedrigen Grundwasserstände in der Region wieder aufzufüllen. Und weil ein Teil dieser Niederschläge als Starkregen fiel, floss das Wasser ab, bevor es in den Bödern verscikern konnte.

Auch in anderer Hinsicht sind Zahlen aufschlussreich: Naturkatastrophen haben im vergangenen Jahr Schäden in Höhe vom 250 Milliarden Dollar verursacht. Fast ein Drittel davon waren Gewitterschäden. Die fielen in Europa und Nordamerika heftiger aus als je zuvor. Für die globale Situation gibt es diese gelungene Kurzübersicht bei Zeit Online.

Unsere Parteien streiten derzeit über die Schuldenbremse im Staatshaushalt. Die Verengung auf das Monetäre ist in dieser Form verantwortungslos, verrückt und kurzsichtig, weil wir täglich weiter Klimaschulden auftürmen, die uns in Form von immens kostspieligen Klimafolgen viel teurer zu stehen kommen als alle Kredite und Anleihen, die zum ökologischen Umbau der Wirtschaft und Gesellschaft nötig wären. Geldschulden kann man zurückzahlen, aber wenn die Kippunkte unserer Ökosysteme erreicht sind (und etliche sind bereits überschritten), wird diese Schuldenspirale sehr schnell und vor allem unwiderruflich außer Kontrolle geraten.

Wenn Jesus in den Evangelien mit dem Kernsatz zitiert wird „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“, dann würde die Entsprechung angesichts der Risiken, die wir heute gemeinschaftlich entfesseln, jetzt lauten:

Es ist möglich, unsere destruktive Art zu leben und zu wirtschaften zu verändern. Aber dazu müssen wir bereit sein, umzudenken und uns einzugestehen, dass es so nicht weitergehen kann. Und wir müssen eine Haltung gegenüber Menschen und Mitgeschöpfen einüben, die nicht darauf aus ist, sie uns anzueignen und zu unterwerfen. Denn selbst wenn wir das nicht vorsätzlich tun, darauf läuft es derzeit hinaus. Und dass es nicht so bleiben darf, ist einfach nur fair und gerecht.

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