Lieber Nicky Gumbel,

in diesen Tagen ist es 20 Jahre her, dass wir mit Nicky Lee bei uns zuhause in der Schuhstraße 47 eine Flasche Wein zu Brot und Käse geleert haben. Ihr beide seid dann wieder ins nahe Hotel zurück und am nächsten Tag ging die Alpha-Konferenz weiter, aus der in den Folgejahren viele hundert Glaubenskurse entstanden sind – landauf, landab und quer über das ökumenische Spektrum.

Inzwischen ist es etwas ruhiger geworden, und wir haben uns auch schon fast sechs Jahre nicht mehr gesehen. Aber ich wurde diese Woche wieder an zwei Impulse erinnert, die durch Dich und Alpha bei mir angekommen und hängengeblieben sind, und für die ich dankbarer denn je bin.

Das erste ist die Kultur der Gastfreundschaft: Das Essen, zu dem nicht gebetet werden muss und bei dem religiöse Gesprächsthemen nicht erwünscht sind, zum Beispiel. Diese Art der offenen Begegnung ist nicht nur eine nette Nebensache oder ein pädagogischer Kniff, sondern das Herzstück eines menschen- und weltzugewandten Gemeindelebens. Als diese Woche jemand über die Emmaus-Geschichte sprach, habe ich mich wieder einmal gefragt, ob nicht Tischgemeinschaft an sich (also auch ohne jede explizite Liturgie) schon eine Art Sakrament ist. Henri Nouwen hat das in „Reaching Out“ wunderschön weiter gedacht und ein ganzes Ethos daraus entwickelt. Die vielen Fotos in meiner Facebook Timeline mit deutsch-syrischen (oder deutsch-irakischen/afghanischen/eritreischen) Tischgemeinschaften überall im Land sprechen dafür.

Das zweite ist die Achtung vor dem Gegenüber und das geduldige Zuhören. Irgendwie gehört das natürlich zur Gastfreundschaft dazu, aber es wurde öfter noch als ein pädagogisches Prinzip bei Alpha thematisiert. In vielen „missionarischen“ Gemeinden mussten Mitarbeitende nun mühsam lernen, ihren (realen oder gefühlten) Wissensvorsprung und ihre unschlagbaren Argumente zurückzustellen. Manche bis dahin ebenso beliebten wie unnötigen Auseinandersetzungen (z.B. Evolution contra Schöpfungsglaube) hast Du ihnen ausgeredet. Die waren noch nie mein Fall gewesen, aber das hat mich darin bestärkt, auf manch traditionelle „Apologetik“ zu verzichten. Wie sensibel ich auf Situationen reagiere, die ich als emotional und sozial übergriffig empfinde, das fiel mir diese Woche während der Besprechung eines anonymisierten Seelsorgeprotokolls auf. Und das verdanke ich – nicht nur, aber auch – Deinen Impulsen.

Theologisch bin ich nicht jeder Spur gefolgt, die Du bei Alpha gelegt hast. Die Vorträge zu den einzelnen Abenden würde ich inzwischen ziemlich anders halten (meine Anfragen dazu habe ich schon vor ein paar Jahren auf diesem Blog gepostet). Eigentlich ja auch ganz natürlich angesichts des langen Zeitraums. Nicht nur ich habe mich verändert, auch unsere Gesellschaft und ihre Fragen. Du bestimmt auch? Das Gespräch darüber würde mich interessieren.

Zwei Dinge möchte ich heute sagen: Erstens, vielen Dank für diese bereichernden Denkanstöße! Und zweitens, weil Ihr bei Alpha ja auch fragt „is this it?“: Ich glaube, in den zwei genannten Impulsen steckt noch mehr Potenzial drin. So viel kann ich nach 20 Jahren sagen – aus Erfahrung.

Share

Ein bitterer Abschied

Es war ein grauer, kalter Nachmittag an der Hackerbrücke. Auf dem Bussteig Nr. 18 standen sie, klein und eng zusammen, neben den vier schweren Koffern und ein paar Taschen Handgepäck, die ihre sämtlichen Habseligkeiten enthielten. Bis der Bus nach Skopje fuhr, hatten sie noch sechs Stunden auszuharren, um dann 22 Stunden im Bus zu sitzen. „Müssen immer Gott vertrauen“, diesen Satz wiederholten sie oft und neben der Hoffnung schwang auch ein gewisser Fatalismus mit. Sie lächelten und bedankten sich zum Abschied, trugen mir Grüße auf an Familien und Freunde, aber die Verzweiflung stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Sie hatte sich über Wochen hinweg eingegraben. Familie M. war im Herbst aus Mazedonien gekommen. Vor ein paar Wochen dann machte die Nachricht die Runde, dass Bekannte mitten in der Nacht und ohne jegliche Vorwarnung von Polizisten aus dem Schlaf gerissen und abgeschoben wurden, ohne sich von irgendjemandem verabschieden zu können. Florian Neumann vom ZDF bezeichnete das jüngst als Rückführung-Roulette. Verängstigt und eingeschüchtert haben sie dann auch sofort unterschrieben, dass sie unverzüglich und freiwillig ausreisen, als klar wurde, dass ihr Asylantrag abgelehnt wird. Ich glaube, das hat sogar die Sachbearbeiterin beim Ausländeramt überrascht. Und selbst dann schliefen die beiden Söhne lieber bei Freunden und Bekannten, um nicht doch noch plötzlich verhaftet zu werden.

Und viele von uns, die von ihren Sorgen und Ängsten wussten, schliefen auch schlecht.

In der Familie M. sprechen inzwischen alle genug Deutsch, um in Alltagsdingen zurecht zu kommen, ihre Muttersprache ist Türkisch, der Vater kann auch Albanisch und Serbokroatisch (sagt man das heute noch?). Einer der beiden Söhne ist kleinwüchsig und die mazedonische Gesellschaft ist im Umgang mit Handicaps aller Art im Vergleich zu uns noch ein paar Generationen zurück, dort ist er ein Außenseiter ohne Perspektive. Hier hatte er einen Ausbildungsvertrag in Aussicht, der ihm eine menschenwürdige Existenz ermöglicht hätte, und seine Mutter hätte die psychotherapeutische Behandlung fortsetzen können, die sie eigentlich dringend braucht, um emotional wieder richtig auf die Beine zu kommen.

In Mazedonien stehen sie erst einmal vor dem Nichts. Das Haus der Familie ist unbewohnbar, es gibt in der Region, aus der sie stammen, kaum Arbeit – die Arbeitslosenquote für das gesamte Land lag 2014 bei 34%, bei Jugendlichen ist sie deutlich höher, und nachdem Griechenland als der größte Investor geführt wird, dürfte sich daran in den letzten anderthalb Jahren wenig verbessert haben.

Auf Zeit Online habe ich diese Woche „Aleks ist weg“ gelesen. Es geht um eine Roma-Familie die in Ostfriesland als Vorzeige-Beispiel für Integration galt und dennoch abgeschoben wurde. Die Autorin schreibt:

Politiker reden dieser Tage viel von Abschiebungen: Menschen ohne Bleibeperspektive sollen Platz machen für Kriegsflüchtlinge. Über die, die das betrifft, reden alle immer weniger. Denn der Druck von rechts, die Flüchtlingszahlen zu begrenzen, steigt. Und eine Diskussion über eine Obergrenze lässt keinen Platz für Einzelschicksale.

Und ein Helfer aus Ditzum sagt: „Menschlich ist das nicht in Ordnung“. Zu derselben frustrierenden Schlussfolgerung kommt eine Frau aus dem hiesigen Helferkreis: Auch wenn das alles legal ist, ist es kein Ruhmesblatt für unsere Gesellschaft. Und ich denke mir: Wenn wir die einzelnen Schicksale und Potenziale von Menschen nicht mehr sehen (egal ob In- oder Ausländer!), dann verspielen wir etwas Wesentliches unserer Kultur, nämlich die Wertschätzung des Individuums.

Während ich das schreibe, dürfte sich der Bus schon irgendwo in Serbien befinden. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie vielen der Mitreisenden in diesem Bus genauso elend zu Mute ist.

Nachtrag: Wer möchte, kann diese Petition zur Aufhebung der „Balkanlager“ in Bayern unterzeichnen, die dasselbe Anliegen verfolgt, nämlich die Einzelschicksale ernsthaft zu prüfen.

Share

Nochmal die Schulbank drücken

Es kommt wohl eher selten vor, dass ein Schüler mehr graue Haare hat als sein Mentor. In meinem Fall wird das so sein. Viele wissen es schon, dass ich ab dem ersten März bayerischer Vikar werde. Ich freue mich auf die Kirchengemeinde St. Leonhard-Schweinau im Westen von Nürnberg und auf Pfr. Dr. Gunnar Sinn, den ich vor einigen Wochen schon kurz kennengelernt habe. Zwischendurch werde ich immer wieder mal ein oder zwei Wochen im Predigerseminar in Nürnberg zubringen und vermutlich sind manche der Vikarskolleg*innen dort nicht wesentlich älter als meine Tochter. Aber es ist ja auch ein seltener Luxus, in dieser Lebensphase noch einmal alle wichtigen Fragen zu durchdenken, alte Kenntnisse aufzufrischen und professionelles Feedback zu bekommen. Schweinau ist ein Stadtteil, der mit seiner Sozialstruktur in vieler Hinsicht ein Kontrastprogramm zu Erlangen darstellt, da gibt es für mich eine Menge zu lernen und zu entdecken. Und während viele erst das Pflichtprogramm und dann die „Sonderformen“ von Gemeinde und Gottesdienst entdecken, läuft es bei mir nun eben umgekehrt. Mit vier Kindern in Studium und Berufsausbildung ist das kein ganz kleines Abenteuer.

Im Freundes- und Bekanntenkreis hat die Nachricht viel Zustimmung und positive Resonanz ausgelöst, aber auch ein paar nachdenkliche Fragen dazu, warum ich das mache und wie der Schritt zu deuten ist. Fangen wir doch beim Offensichtlichen an: Bei ELIA laufen die Dinge gut, das die Pionierphase liegt im 24. Jahr schon eine Weile hinter uns, und es hängt weniger an meiner Person, als manche(r) vielleicht vermutet. Dass es uns allen über 20 Jahre gelungen ist, ohne Zank oder Entfremdung gemeinsam älter zu werden, empfinde ich als ein echtes Wunder. Es gibt auch im Augenblick keine Konflikte, die über jene produktive Grundspannung hinausgehen, die bei so vielen Charakterköpfen und einer derart bunten Mischung an Prägungen und Frömmigkeitsstilen normal sind. Ein guter Zeitpunkt, um mich etwas zurückzunehmen, ohne ganz auszusteigen. Wir wohnen weiter in Erlangen, ich werde auch während des Vikariats regelmäßig bei ELIA predigen und andere Aufgaben übernehmen.

Vor 25 Jahren war ich schon einmal an diesem Punkt: Ich hatte eine Vikariatsstelle in Hof zugewiesen bekommen und die dann abgesagt, um mein Promotionsstudium anzupacken. Während dieser Zeit entstand dann ELIA, ohne dass ich das so geplant hatte, und ich stellte fest, dass mir die flexiblen Strukturen und die Spielräume zum Experimentieren sehr liegen. In einer solchen Gründungsphase kann man aber nicht nach zwei oder drei Jahren aussteigen, also lag die weitere kirchliche Laufbahn für unbestimmte Zeit auf Eis (der Computer im Landeskirchenamt führte mich als „Abbrecher“, aber so fühlte sich das von meiner Seite aus nicht an). Die Entscheidung für die Promotion und die Gemeingründung war nie eine Entscheidung gegen die Landeskirche (ebensowenig ist diese Entscheidung jetzt für das späte Vikariat eine Entscheidung gegen dies oder jenes – oder eben nur in dem Sinn, dass man nicht alles gleichzeitig machen kann, was gut und sinnvoll ist).

In den letzten Jahren entwickelte sich dieses Verhältnis sehr konstruktiv. Ich bekam eine Prädikantenbeauftragung, arbeitete in verschiedenen kirchlichen Arbeitsgruppen mit, nahm an Tagungen und Konferenzen teil, der Landesbischof besuchte die Gemeinde. Meine theologische Sprache und die Themen, mit denen ich mich beschäftige, haben sich in den letzten zehn Jahren noch einmal so kräftig wie konsequent weiterentwickelt. Ebenso die Spiritualität: Ich habe einen sehr positiven Zugang zu Liturgie gefunden. Insofern ist das Vikariat nun ein weiterer, logischer Schritt auf einem Weg der Konvergenz. Und wie die nächste Etappe dann in zweieinhalb Jahren aussieht, ist noch völlig offen. Aber bei allen Verantwortlichen, mit denen ich in den letzten Monaten über diese Entscheidung gesprochen habe, war der Wunsch spürbar, nach dem Vikariat auch einen Platz zu finden, an dem die Erfahrungen, die ich schon mitbringe, sinnvoll zur Geltung kommen können.

In den letzten Monaten habe ich, nicht immer ganz leichten Herzens, so viele Einladungen zu Kursen, Tagungen und Kongressen abgesagt wie noch nie, und mich aus verschiedenen Kreisen und Gremien ausgeklinkt, um Platz für das Neue zu schaffen. Wie viel Zeit mir zum Bloggen bleibt beim Pendeln ich die große Nachbarstadt und wie sich meine Themen und Perspektiven verschieben bei allem, was da neu auf mich zukommt und meine Aufmerksamkeit beansprucht, kann ich noch nicht abschätzen.

Erst einmal wird es bestimmt etwas ruhiger hier.

Es hat eben alles seine Zeit.

Share

Verkleidungen

Es ist Faschingsdienstag und in der Abenddämmerung begegnen mir zwei Mädchen im Prinzessinnenkostüm. Sie lieben Verkleidungen, denke ich, als sie auf mich zukommen. Aber dann fällt mir ein, dass man das auch umgekehrt sehen kann:

Im Fasching dürfen sich die Kinder aussuchen, was sie sind (so sagen sie das ja auch). Und dann tragen sie ihre Wünsche und Träume, ohne zu fragen, wie realistisch das ist. Natürlich sind die von Disney & Co kulturell überformt, aber sie werden trotzdem noch sichtbar.

Die eigentlichen Verkleidungen, die sie verhüllen, sie tendenziell austauschbar und unsichtbar machen, die tragen sie an den übrigen 360 Tagen im Jahr.

Share

Der ultimative Theologie-Test

Vor ein paar Wochen war ich mit meiner Kollegin Sabrina und 14 Konfirmanden ein Wochenende unterwegs. Wir haben uns mit der Person Jesu befasst, haben das Markusevangelium interaktiv gelesen und über viele Entdeckungen diskutiert. Es ist eine lebhafte und aufgeweckte Gruppe, was sich vor allem an den klugen Fragen ablesen ließ, die sie uns stellten.

Auf dem Heimweg dachte ich mir dann: Herrlich, genau dafür hast Du Theologie studiert! Damit Du die neugierigen Fragen, die dreizehnjährige über Gott stellen, mit zehn Sekunden Bedenkzeit und in maximal zwei Minuten allgemeinverständlich und ohne Fachjargon beantworten kannst – ohne dabei trivial zu werden oder Dinge zu sagen, die Dir eine halbe Stunde später schon wieder peinlich wären.

Vielleicht sollte man zukünftig in den theologischen Examina Konfirmanden die Fragen stellen lassen? Bei der Notenvergabe können die Professoren ja gern weiterhin assistieren.

Share

Lichter im Advent

Der Discounter wollte es den Kunden ermöglichen, bei kleinen Einkäufen auf den großen Einkaufswagen zu verzichten. Also stellte er kleine Rollkörbe bereit. So weit so gut. Leider vergaßen die Manager, dass es keine Ablagefläche für die Waren an der Kasse gab, weil dort ja seit jeher alles wieder in den Einkaufswagen geräumt wurde. Also können Kunden und Personal nun sehen, wie sie die Sachen dort auf dem schmalen Rand stapeln und auf dem Arm jonglieren, während kassiert und verpackt wird. Gut gemeint, aber ein bisschen zu kurz gedacht.

An der Imbisstheke beim Metzger bekamen die Angestellten Plastikhandschuhe an eine Hand, um den Leberkäs und die anderen fettigen Produkte damit anfassen zu können. Hand bleibt fettfrei, Futter bleibt keimfrei. Die andere Hand kann verpacken und kassieren. In der Praxis jedoch hantiert das Fleischereifachverkaufspersonal oft so lange mit Händen, Geld und Wurst, bis ich fettige Münzen aus eine plastikverpackten Hand gereicht bekomme, weil die eben gerade frei ist. Wieder: Gut gemeint, aber…

Draußen im spätherbstlichen, spätnachmittäglichen Sprühregen sind immer noch viele Radfahrer unterwegs. Für kurze Wege ist das Radeln praktisch, bei längeren Wegen heldenhaft und aller Ehren wert. Ein paar von ihnen haben jedoch am Licht gespart: Statt einer kräftigen weißen Leuchte vorn und einer weithin sichtbaren roten nach hinten funzelt oder blinkt dort, wenn überhaupt, ein trübes LED’chen. Alle anderen Verkehrsteilnehmer erleben viele spannende Überraschungen mit diesem lebensgefährlichen Arrangement.

Also – nehmt Euch den Advent zum Anlass und lasst Euer Licht leuchten.

Share

Anhaltend anders

Diese Woche wurde ich auf die Exerzitien angesprochen, an denen ich vor dreieinhalb Jahren teilgenommen habe (hier habe ich meine Eindrücke damals festgehalten). Die Frage dazu lautete: „Hat das gehalten? Kannst Du Dich erinnern?“

Die Frage klang noch eine Weile nach, und ich begann auf einmal selbst zu staunen, wie viel sich seitdem verändert hat. Natürlich erinnere ich mich! Die Erfahrungen in der Kontemplation und die Einübung in diese Grundhaltung haben mein Gottesbild verändert – die Vorstellung, die allem Leben, Denken und Beten zugrunde liegt und sich nicht in Sätze fassen lässt (jedenfalls nicht erschöpfend), sondern die Summe aller Erfahrungen bildet, die sich in meine Seele eingeprägt haben – es hat neu zu leuchten begonnen.

201511061222.jpg

Photo by Mayur Gala

Hin und wieder bemerke ich die Auswirkungen dieses Wandels: Ich erlebe mich gelassener in unsicheren oder angespannten Situationen. Mein Denken und Reden über Gott (also meine Theologie) hat sich geweitet und geschärft. Ich merke auch, dass ich unbefangener rede. Eine ganze Reihe von Beziehungen (enge und weniger enge) haben sich geklärt, neue Freundschaften sind entstanden und „alte“ wurden aufgefrischt. Ich treffe meine Entscheidungen anders – vor allem fällt mir das Neinsagen und die Beschränkung auf das Wesentliche leichter. An manchen Situationen und Personen reibe ich mich heute nicht mehr auf. Und je mehr mir Gott im Gewöhnlichen begegnet, desto weniger steht mir der Sinn nach dem Außerordentlichen – das lässt sich ohnehin nicht forcieren.

Freilich sind das graduelle Veränderungen, die nichts mit Perfektion zu tun haben. Ich habe vielmehr das Gefühl, erst am Anfang einer weiten Reise zu stehen, und sehe viele Menschen, die mir voraus sind. Und doch breitete sich Dankbarkeit aus, als ich begann, auf diese Wegstrecke zurückzublicken und zu spüren, was alles schon neu geworden ist. Vor allem, weil es ja nichts ist, was ich mir durch irgendwelche Anstrengungen erarbeitet hätte. Deshalb kann ich darüber hier auch ganz entspannt schreiben.

Share

Füttern für den Frieden

Als ich vorgestern nach Hause kam, lag ein totes Rotkehlchen vor dem Fahrradschuppen. Einer der zahlreichen Stubentiger aus unserer Straße dürfte der Übeltäter gewesen sein. Wenn er wenigstens eine der vielen Elstern erwischt hätte, aber an die trauen sich Hauskatzen nicht heran.

Ich war wütend.

Anders als Hunde, deren Jagdtrieb von ihren Haltern weitgehend kontrolliert wird und die auch gar kein Interesse an Singvögeln zeigen, nehmen die Besitzer der lieben Kätzchen es achselzuckend hin, dass die Vogelpopulation um uns her mächtig leidet. Sinnlos, sich bei ihnen zu beklagen, sie müssten ihre Lieblinge schon einsperren (oder ihnen Glocken umhängen).

Gestern hatte ich dann eine Idee, wie sich das Problem eleganter lösen lässt: Katzen lassen sich ja nach meiner Beobachtung von so ziemlich jedem füttern. Wenn ich die Verdächtigen möglichst reichlich mit Nahrung versorge, dann sind sie irgendwann nicht mehr ohne weiteres in der Lage, Meisen und Rotkehlchen zu morden. Nicht, weil sie nicht mehr hungrig wären – Hunger ist nicht ihr Antrieb zum Töten, die Beute wird ja nicht verspeist – sondern weil sie zu langsam und zu schwer sind.

Die Devise heißt also: Füttern für den Frieden.

Share

Missverständliches Mitgefühl

In einem Gespräch neulich berichtete jemand von einer Auseinandersetzung und machte seiner Empörung Luft über die Ungerechtigkeit, die ihm dabei widerfahren war. Eine andere Person aus der Gruppe antwortete zustimmend auf seine Äußerung. Ich kannte die andere Seite dieses offenkundig schmerzhaften Konfliktes nicht, daher war ich erst einmal recht zurückhaltend.

Als ich die zweite Person später wieder traf, sagte ich, dass ich über ihre emphatische Zustimmung verwundert war. Und ich entdeckte, dass die Zustimmung nicht dem Urteil des Betroffenen über die Sachlage und die Kontrahenten gegolten hatte, sondern als Ausdruck von Mitempfinden und als Ermutigung gemeint waren, sich nicht von den Sorgen überwältigen zu lassen. Das Problem war nur, dass man den Wortlaut dieses Zuspruchs auch so hätte verstehen können, dass die eine Konfliktpartei recht hat und die andere im Unrecht ist.

Mag sein, dass das sogar zutrifft – ich weiß das nur nicht und kann es auch nicht so leicht herausfinden.

Nachdenklich hat mich das Erlebnis deshalb gemacht, weil ich fürchte, mir und anderen ist es auch schon so ergangen. Wir regen uns über etwas auf, unsere Freunde bekommen das mit und wollen uns aufmuntern. Wir fühlen und dann in unserem gerechten Zorn bestätigt und denken, dass wir einen Verbündeten gefunden haben, der unsere Position teilt und unterstützt. Denn wenn wir unter Druck stehen, dann wollen wir solche Dinge ja auch hören. Vielleicht werden wir dadurch mutiger (oder rücksichtsloser) und versuchen mit aller Macht, uns durchzusetzen.

Das kann ins Auge gehen.

Vielleicht steckt ein ähnliches Muster auch in den Verweisen auf angeblich schweigende Mehrheiten in manchen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten. Es könnte ja sein, dass auch da jemand das Mitgefühl anderer irrtümlich als inhaltliche Zustimmung zu seiner Position interpretiert. All das macht Konfliktlösungen nicht einfacher.

Share

Hut ab

Diese Woche habe ich zum letzten Mal an einer Sitzung des Leitungskreises der „Koalition für Evangelisation/Lausanner Bewegung“ teilgenommen. Ich bin, wenn ich mich richtig erinnere, noch im letzten Jahrtausend zu der Runde dazugestoßen, auf Einladung von Ulrich Eggers, der damals den Vorsitz innehatte. Die evangelikale Gremienwelt war für mich damals terra Incognita.

Über die Jahre habe ich viele interessante und engagierte Menschen kennengelernt, vor allem durch die jährlichen „runden Tische“, die ich ein paar Jahre lang mit geplant und vorbereitet habe. Für mich war es immer dann am spannendsten, wenn es den Charakter eines ThinkTanks hatte. So oder so – es war nie genug Zeit, um alle spannenden Themen auszudiskutieren, die angerissen wurden. Sicher eines der beeindruckendsten Erlebnisse war der internationale Kongress 2010 in Kapstadt mit Delegierten aus der ganzen Welt, über den ich einige Blogposts geschrieben habe. Die Stärken (und auch die Grenzen) der Bewegung waren dort mit Händen zu greifen.

Victoria & Albert Waterfront by D-Stanley, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution 2.0 Generic License   by  D-Stanley 

Meine inneren und äußeren Prioritäten haben sich über die letzten Jahre so verschoben, dass ich im Sommer beschloss, diesen „Hut“ wieder abzugeben und Platz zu schaffen für neue Gesichter, die ihre Werke und Verbände dort repräsentieren. Das ist auch deshalb nötig, weil die Truppe für 2017 einen großen Kongress plant (dynamissio soll er heißen), da muss jetzt viel geackert werden. Vielleicht gelingt es ja, etwas von der Weite und Themenvielfalt von Kapstadt in die fromme Szene hierzulande hineinzutragen.

An ein Treffen erinnere ich mich noch besonders. Ich fuhr nach Kassel (dort trifft sich der Kreis fast immer) und stieg am Bahnhof Wilhelmshöhe aus. Als ich die Rampe zum Bahnhof hinauflief, kam mir der Vorsitzende entgegen. Ich fragte, ob er denn heute nicht dabei sei. Er sah mich verdutzt an und erklärte, die Sitzung sei doch erst morgen. Die Terminfindung war etwas kompliziert verlaufen und ich hatte die letzte von mehreren Änderungen nicht in meinen Kalender übertragen. Ich trank einen Cappuccino und fuhr wieder zurück. Als ich am nächsten Tag erneut nach Kassel kam und ein paar Minuten später zur Sitzung erschien, grinste mich der ganze Haufen schon breit an, als ich zur Tür hereinkam. Meine Terminpanne am Vortag war offenbar Punkt 1 auf der Tagesordnung gewesen.

Vielleicht fahre ich jetzt mal nach Lausanne. Da war ich nämlich noch nie. 🙂

Share

Verhörhammer

Ich wollte eigentlich nur den Verkehrsfunk hören, als der Radiosender seinen neuesten „Verhörhammer“ präsentierte. Ein Schnipselchen aus einem englischen Popsong enthielt scheinbar eine Nachricht auf Deutsch. Der Moderator erklärte zur Sicherheit auch genau, was ich gleich hören würde. Und es funktionierte so halbwegs, das Genuschel konnte man so verstehen.

Später versuchte ich, das Soundbyte in meinem Kopf auf seine ursprüngliche Bedeutung hin zu analysieren, aber es gelang mir nicht. Die Deutung, die mir vorab aufgedrängt worden war, ließ sich nicht von der Erinnerung trennen. Und es fehlte der Kontext des gesamten Songs.

Das Erlebnis ging mir noch eine Weile nach. Passiert das auch in anderen Zusammenhängen, dass ich mir Deutungen aufdrängen lasse, noch bevor ich eine Erfahrung mache?

Funktioniert das mit Vorurteilen und Ressentiments in Politik und Gesellschaft ähnlich, dass solche Stimmen ein freies Erleben verhindern und dass von da ab jede Erfahrung das Vorurteil nur noch festigt? Kann man öffentlich punkten, indem man eine möglichst plakative (Fehl-)Deutung einer Sache (nehmen wir nur mal die Gendertheorie…) früh genug hinausposaunt, dass die meisten gar nicht erst unbefangen hinhören können?

Fremdenfeindlichkeit scheint oft nach diesem Muster zu funktionieren: Gerade da, wo es kaum Erfahrungen mit Fremden gibt, lassen sich besonders viele Menschen erzählen, wie bedrohlich diese doch seien. Und wenn sie Fremden dann mit dem Filter dieser Erwartung je einmal begegnen sollten, sehen sie nur noch das Vertraute, das sie sehen sollen und wollen, egal wie viele Indizien gegen ihre Anschauung sprechen.

Aber auch in anderen Zusammenhängen gibt es Leute, deren Deutung schon vor aller Wahrnehmung feststeht. Ich habe mir dann übrigens keine Mühe mehr gegeben, die eigentliche Bedeutung des Verhörstücks zu ermitteln. Wann immer es aber von Bedeutung ist, etwas richtig zu verstehen, würde ich gern

  • ungestört hinhören dürfen,
  • den Kontext einbeziehen können und
  • mir bewusst machen, dass ich einen Text nicht in meiner, sondern in seiner Sprache verstehen muss
Share

Zufall oder Zukunft?

Ein befreundeter Pfarrer sagte mir gestern, er sei von einem Kollegen gefragt worden, warum es in der Landeskirche (bzw. den Landeskirchen) eigentlich nicht mehr Initiativen wie ELIA gibt. Im Hintergrund steht natürlich die Frage, ob wir ein merkwürdiger Zufall sind oder ob etwas Zukunftsweisendes dran sein könnte.

Future by Max Fridman, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-No Derivative Works 2.0 Generic License   by  Max Fridman 

Nach über 20 Jahren Gemeindeaufbau und vielen Gesprächen mit den unterschiedlichen Leitungsebenen und -gremien kann ich das ziemlich klar beantworten. Ich denke, es gibt immer wieder Leute, die bereit sind aufzubrechen und Neues zu wagen. Dieses Neue hat keineswegs immer selbstbezogenen oder sektiererischen Charakter (obwohl es das freilich auch gibt).

Abgesehen von wenigen Glücksfällen, die mit ganz bestimmten persönlichen Konstellationen zusammenhängen, ist die Mehrheit dieser Initiativen in den Landeskirchen entweder eingegangen oder irgendwann ausgewandert.

Der Grund dafür ist, dass einem das System auf tausend unterschiedliche Arten kommuniziert, dass solche Dinge nicht vorgesehen sind und daher den Betrieb gefühlt eher stören als bereichern:

  • Das Kirchenrecht hat keine passende Kategorie für nichtparochiale Gemeindeformen anzubieten, es gibt nur wackelige Hilfskonstruktionen.
  • Dazu gesellt sich eine unterentwickelte Kultur des Experimentierens, die Kräfte und Mittel werden fast ausschließlich zur Erhaltung und Reproduktion des Vorhandenen eingesetzt.
  • Querdenker und Pioniertypen werden strukturell eher eingebremst als ermutigt, ihre „Pfunde“ einzusetzen.
  • Es fehlen geeignete und von allen Seiten akzeptierte Kriterien für Scheitern und Gelingen neuer Unternehmungen und ein Katalog geeigneter und angemessener Fördermaßnahmen.

Es ist schon absurd: Jeder weiß, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter differenziert. Dass diese Differenzierung auch das Verhältnis evangelischer Christen zu ihrer Kirche betrifft, ist ebenfalls eine Binsenweisheit. An differenzierten Formaten im kirchlichen Angebot wird gearbeitet. Aber wenn es um Amt und noch mehr wenn es um Gemeinde geht, dann ist Differenzierung plötzlich ein Unwort. Wieso eigentlich?

Auch im Blick auf die Form und Gestalt von Gemeinde gilt gemeinhin: Wenn man tut, was man immer schon getan hat, wird man auch die Ergebnisse bekommen, die man immer schon bekommen hat – qualitativ. Quantitativ freilich mit meist rückläufiger Tendenz. Der Verdacht liegt nahe, dass viele auch genau das wollen, was sie schon immer hatten, einfach weil es so schön vertraut ist.

PS: Mein Gesprächspartner gestern nannte das „morphologischen Fundamentalismus“. Solche bissigen Termini liegen mir natürlich völlig fern, daher zitiere ich das hier auch nur anonym.

Share

Dreimal drei Dinge, die ich an Evangelikalen liebe

Ich ließ kürzlich meine Begegnungen mit Christen, die sich als Evangelikale identifizieren, einmal Revue passieren und wollte dabei „das Gute behalten“ – im Gedächtnis, und als Folge davon in diesem Post. Es kam einiges zusammen:

  1. Der „geschwisterliche“ Umgang: In den meisten Gruppen und Gremien ist man nach kurzer Zeit beim vertraulichen „Du“. Evangelikale pflegen eine warme, wenig distanzierte Frömmigkeit und haben, wenn überhaupt, eher informelle Hierarchien. Unter den Älteren wird man gelegentlich noch ausdrücklich mit „Bruder“ oder „Schwester“ angeredet.
  2. Die Bereitschaft, sich in Frage zu stellen: Die christliche Tugend der „Bußfertigkeit“ hat sich in weiten Kreisen erhalten. Immer wieder prüfen sich meine evangelikalen Freunde, ob ihr Leben mit ihrem Glauben und Reden übereinstimmt, und sie lassen sich auch von anderen daraufhin ansprechen. Eines der größten Komplimente, dass man als Prediger bekommen kann, ist, dass man seine Hörer „überführt“ und zur Umkehr bewegt hat (in manch anderen christlichen Milieus reagiert man eher verschnupft, wenn man mit seinen dunklen Seiten konfrontiert wird).
  3. Das hohe Engagement: Evangelikales Christentum ist tätiges Christentum. Und auch wenn dieses Selbstverständnis vielleicht radikaler ist als die Praxis an manchen Orten, so fördert es eine rege Praxis, indem es nachdrücklich dazu aufruft. Das ist in der Regel übrigens keine „Leistungsfrömmigkeit“, sondern hier schlägt das Anliegen durch, Nachahmer Christi zu sein.
  4. Die Jesusfrömmigkeit: Der etwas antiquierte Begriff „Heiland“ (mein pietistischer Urgroßvater wurde noch „Heilandsbäck“ genannt, weil er Sonntags seine Backstube kalt ließ) hat weithin ausgedient als Anrede für Gottes Sohn, dafür dreht sich nun alles um den Jesusnamen. Die Jesusfrömmigkeit betont die Nähe und Menschlichkeit Gottes, die immanente Seite des christlichen Glaubens.
  5. Mut zur Minderheit: Evangelikale haben sich immer als Minderheit verstanden und sind dies, gesamtgesellschaftlich betrachtet, auch immer gewesen. Sie haben das selten beklagt, aber oft in ein robust positives Selbstbild übersetzt, nämlich das des Propheten, der den Mächtigen so unerschrocken wie undiplomatisch die Wahrheit ins Gesicht sagt. Daher blühen evangelikale Gemeinden oft auch dort besonders, wo Regierungen sie einzuschränken versuchen. Sich dem Mainstream anzubiedern ist also gewiss nicht ihre größte Versuchung.
  6. Das Gründergen: Seit den Anfängen des Pietismus haben Evangelikale überall Basisgruppen und Vereine gegründet und (meistens) ohne obrigkeitliche Förderung am Leben erhalten. Gemeinschaften, diakonische Einrichtungen, Ausbildungsstätten, Missionsorganisationen, Verlage. Und auch wenn davon manche inzwischen in die Jahre gekommen sind, sprießen munter neue Werke aus dem Boden. Wenn die Großkirchen die religiösen DAX-Konzerne in unserer Kultur sind, dann sind die evangelikalen Gründungen wie mittelständische Familienbetriebe. Pioniertypen werden hier sehr geschätzt.
  7. Ihre Opferbereitschaft: Sie setzen für ihre Mission in der Welt Zeit, Kraft und Geld ein und eben auch den guten Ruf ab und an aufs Spiel und wundern sich gelegentlich, dass nicht alles Christen das mit derselben Selbstverständlichkeit tun.
  8. Über den dogmatischen Schatten springen: Weil evangelikaler Glaube konkret und praktisch sein will und meistens auch ist, findet er auch zu einem pragmatischen Umgang mit vielen Phänomenen der modernen Welt wie Kommunikationstechnik oder Management. Theologische Streitfragen (etwa die nach der rechten Form der Taufe) lassen sich um der gemeinsamen Mission willen hinten anstellen, selbst wenn diese für das Selbstverständnis der einzelnen oder einer Gemeinschaft einen hohen Stellenwert haben oder an anderer Stelle (etwa in der Ökumene) kirchentrennend sind.
  9. Wie sie beten: Form und Stil mögen sich unterscheiden, aber sie beten, und sie beten gern gemeinsam. Verschämtes Schweigen oder strikter Formalismus sind eher die Ausnahme. Es gibt kaum etwas, wofür sie nicht beten, weil Gott für sie mit allem zu tun hat, was ihnen begegnet. Davon lasse ich mich gern immer wieder anstecken.

PS: Ich habe auf diesem Blog gelegentlich Ereignisse und Meinungen aus der bunten evangelikalen Welt kritisch oder ironisch kommentiert. Manche LeserInnen haben das leider als Vorurteil oder pauschalen Angriff empfunden (obwohl es unter Evangelikalen zu all diesen Themen auch Kritik und Differenzen gab und gibt und ich darauf in der Regel auch Bezug nehme). Diesmal habe ich den Blick ausschließlich auf die positive Seite gerichtet. Und keine Sorge, das ist weder der Auftakt für eine Serie von Abgrenzungen und Vorwürfen, noch so gemeint, dass alles, was ich hier nicht erwähne, kritikwürdig wäre.

Share

Klingelschildbürger, oder: Moderne ohne Post

Mein Briefkasten ist seit Tagen leer und seit Wochen unterversorgt. Alles nicht so schlimm, es gibt ja email. Gerade eben kam eine vom DHL. Eine Lieferung (seit 10 Tagen unterwegs) konnte mir nicht zugestellt werden, weil ich unter der Adresse, von der aus ich jetzt gerade auch schreibe, „nicht aufgefunden“ werden konnte.

mail bike by Genista, on Flickr
Creative Commons Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic License   by  Genista 

 

Wie bitte?

Ein Anruf beim Servicecenter ergab, dass mein Name auf dem Klingelschild stehen muss. Er steht zwar in großen und deutlichen Buchstaben am Fenster direkt neben der Eingangstür steht, aber spielt für die Post keine Rolle, wurde mir erklärt. Na klar: Wo käme man denn auch hin, wenn man mal 50 Zentimeter nach rechts oder links sähe?

Ich habe keine Ahnung, welcher arme Wicht hier eingeflogen wurde, um  für den gierigen Post-Vorstand (3 Milliarden Gewinn im Jahr 2014 waren nicht genug) den Streikbrecher zu spielen, aber hochmotiviert war diese Person nicht. Ein kleiner Vorgeschmack für das, was uns alle erwartet, wenn es den Oberen gelingt, ihr Personal in schlecht bezahlte Servicegesellschaften auszugliedern.

Der Mensch von der Hotline hat den Vorgang so apathisch-achselzuckend kommentiert, dass anzunehmen ist: auch er befindet sich schon in einem gelockerten Verhältnis zu seinem Arbeitgeber. Die Sendung geht jetzt übrigens zurück an den Absender. Vielleicht ist sie ja dann in drei Wochen wieder da.

Share

A Sense of Wonder

Vor anderthalb Jahren sollte ich einen Text darüber schreiben, wie es ist, wenn man auf seinen 50. Geburtstag zugeht. Ich nahm drei Anläufe und stellte schließlich fest, dass ich es nicht sagen konnte, weil ich einfach noch nicht da war. Man kann die eigene Entwicklung nicht gedanklich extrapolieren (um es mal mathematisch zu sagen) und dann zurückschauen wollen.

Hebron

Jetzt aber liegt tatsächlich ein Jahrzehnt hinter mir mit Erfahrungen, die mich verändert haben – mehr als die Dekade zuvor. Wenn ich nachdenke über das Leben und die Welt, über Theologie und Politik, dann fällt mir auf, wie groß der Unterschied ist. Aber auch die Art der Veränderungen war eine andere. Die Beben fanden viel tiefer unter der Oberfläche statt. ich habe in mehr und tiefere Abgründe geblickt als zuvor. Und es war wohl das tränenreichste Jahrzehnt bisher, auch das gehört dazu.

Der 9. Juni ist der Gedenktag des St. Columba von Iona, Patron der Buchbinder und Dichter. Zwei von vielen Gründen, warum mich der große Crimthann nun schon seit Jahren fasziniert. Apropos Poeten: Aus dem Lautsprecher neben mir fragt sich Bruce Cockburn gerade, wo nur die Löwen geblieben sind, und stellt dann fest Some kind of ecstasy got a hold on me

Ecstasy – da war doch was: Die Juden feiern 50 Tage nach dem Passa ein Erntefest. Christen feiern die Ausgießung des Geistes. Das lässt sich vielleicht auch auf ein Menschenleben übertragen: Freudig einsammeln, was gewachsen ist. Dann stellt sich die Begeisterung und das ekstatische Gefühl ganz von selbst ein.

Van the Man gibt meine Stimmung heute gut wieder:

Didn’t I come to bring you a sense of wonder
Didn’t I come to lift your fiery vision bright
Didn’t I come to bring you a sense of wonder in the flame

 

 

Share