Barth missional (16): Singende Gemeinde

Den Dienst der Gemeinde an Gott und der Welt beschreibt Barth grundsätzlich als Verbindung von Sprechen und Handeln. Das gilt auch für den Gottesdienst, zum Beispiel für das unentbehrliche Singen:

Das kann und muß man mit Sicherheit sagen: eine Gemeinde, die nicht sänge, wäre gar nicht Gemeinde. Und wo sie nicht in ihrer Sprache singt, oder nur archaisierend in Wiederholung der Texte und Weisen ihrer Vorfahren zu singen weiß, wo sie nur beiläufig, unfreudig, verschämt mehr seufzt und brummt als singt – da ist sie mindestens eine betrübte, ihrer Sache offenbar nicht recht sichere Gemeinde, von deren Dienst und Zeugnis gewiß auch sonst nicht viel zu erwarten ist.

Er stellt aber auch gleich klar:

Mit einer Konzertveranstaltung kann ihr Singen nichts zu tun haben. Sie singt aber, und das aus innerer, sachlicher Notwendigkeit. Singen ist menschliche Aussage in ihrer höchsten Potenz.

Und im Blick auf die Tendenz einer sich verselbstständigenden Kirchenmusik – das wird für Diskussionen sorgen, zum Glück nennt er weder Gitarren noch Schlagzeug! – schreibt der Mozart-Liebhaber doch tatsächlich:

Daß daneben auch noch Orgel oder Harmonium gespielt werden muß, ist jedenfalls nicht als notwendig einzusehen. […] wenn es nur gewiß wäre, daß die Geister, denen mit den uns nur allzu vertrauten Klängen gerade jener Instrumente gerufen wird, lauter reine Geister sind! Für Orgelsolovorträge jedenfalls dürfte in der kirchlichen Liturgie kein Raum sein – auch nicht in Form der so beliebten Vor- und Nachspiele! (KD IV,3, S. 994)

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Aufschlussreiche Funde

Wer diesen Blog öfters liest hat vielleicht meine Abneigung gegen plumpe “Steinzeit-Theorien“ mitbekommen, die zur Erklärung der Unterschiede zwischen Frauen und Männern herangezogen werden. Für mein Empfinden wurden da wahllos und willkürlich Vermutungen angestellt und moderne Stereotypen zurückprojiziert. Etwa die Vorstellung, die Frauen hätten in der Höhle Feuer und Kind gehütet, während die Männer hinaus zogen in die große Welt, weshalb sie auch heute noch besser einparken, sich dafür im Kühlschrank nicht zurechtfinden. Solche (wenigstens im Blick auf heutige Verhältnisse) fixen Ideen hat nun ein Forscherteam widerlegt: Bei den frühen afrikanischen „Vorfahren“ des homo sapiens kamen die Frauen deutlich weiter herum als die Männer.

Ein andere Abneigung gilt den gelegentlich arg funktionalen und simplen „Erklärungen“ zum Ursprung von Glaube und Religion. Und auch hier scheint sich eine Wende anzudeuten. In der aktuellen Ausgabe berichtet National Geographic von den Ausgrabungen in Göbekli Tepe, unweit der Quelle von Euphrat und Tigris. Dort wird gerade die älteste Tempelanlage der Welt ausgegraben, und die Funde deuten darauf hin, dass die bisherige Annahme – Ackerbau führt zur Siedlungsgründung und diese ist die Voraussetzung für die Entstehung der ersten Religionen – revisionsbedürftig ist. Es könnte gut sein, dass „Religion“ der Grund dafür war, dass viele Menschen sich versammelten und Ackerbau in größerem Stil nötig wurde, um sie zu versorgen.

Menschen sind also nicht einfach irgendwann religiös geworden, vielleicht waren sie es schon immer – was im Umkehrschluss auch bedeuten könnte, dass sie es womöglich auch bleiben und kaum als „Krankheit“ (Dawkins etwa spricht polemisch von einem „Virus“) gedeutet werden können, die eine ursprünglich „gesunde“ Menschheit irgendwann einmal befallen hat. Der deutsche Archäologe Klaus Schmidt sagt im Interview kurz und knapp: „Der Mensch hatte immer religiöse Gedanken. Das unterscheidet ihn vom Tier.“

Vielleicht gibt es früher oder später auch wieder andere Entdeckungen und neue Thesen. So oder so finde ich es gut, dran zu denken, dass es in all diesen Fragen keineswegs immer so einfach und eindeutig ist, wie es oft dargestellt wird.

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Kapstadt und eine christliche Postmoderne

Beim gestern schon erwähnten „Runden Tisch“ war eine gewisse Grundspannung hörbar. Da war einerseits Volker Gäckles eher (er)nüchtern(d)e Frage, ob sich der Kongress von Kapstadt und das Cape Town Commitment in seinen „ethischen Passagen“, die den Schwerpunkt bilden, nicht nur der gewachsenen und verstärkt wahrgenommenen Weltverantwortung der Bewegung gestellt, sondern sich mit der Fülle und Komplexität der Themen nicht zu viel vorgenommen und zugemutet haben könnte. Auch die Frage nach einem „Machbarkeitswahn“ eher reformiert-angelsächsischer Provenienz stand im Raum, deren Kontrast die lutherisch-teutonische Selbstbescheidung der Kirche auf die Rechtfertigung des Sünders bildet.

Den Gegenpol bildete Ansgar Hörstings engagierter Aufruf, doch endlich „Maximalisten“ zu werden, wobei die konkrete Näherbestimmung seines Schlagwortes so ausfiel, dass sich kaum jemand noch freiwillig als „Minimalist“ geoutet hätte, der Gott weniger zutraut, als dass er über Bitten und Verstehen unvorstellbar viel Gutes bewirken möchte.

Zwischendurch geisterte auch immer wieder der Begriff „postmodern“ durch die Debatte, in der Regel als vages Synonym für Dinge, die uneinheitlich, widersprüchlich oder einfach nur fremd erscheinen.

Vielleicht könnte das Neue, das alle zu fassen suchten, besser mit der vorsichtigen (mehr ist es noch nicht) Abkehr von Totalitätsansprüchen aller Art beschrieben werden. Wenn das so ist, und wenn die ethischen Appelle gar nicht darauf abzielen, den Himmel auf Erden zu schaffen, sondern nur darauf, das jeweils Mögliche zu tun und damit ein Zeichen zu setzen, dass Gott (und mit ihm sein Volk) sich nicht einfach abfindet mit Unrecht, Leid und heilloser Zerrüttung, deren endgültiges Ende zwar erst Gottes neue Welt bringt, die aber auch jetzt unter den Bedingungen der alten Welt – freilich immer wieder von Neuem – überwunden werden können. dann könnte man doch gut damit leben. Und wenn das einherginge mit dem Verzicht auf theologische Totalitätsansprüche (z.B. auf Unfehlbarkeiten jeglicher Art), dann wäre damit nur die Türe für vertiefte Ökumene und einen respektvollen, aber auch klaren Dialog mit anderen Religionen geöffnet.

Der für (die Postmoderne kennzeichnende) Verzicht auf einen Totalitätsanspruch – darauf, sich der irreduzibel komplexen Welt in einer umfassenden Theorie oder auch einer alle Probleme lösenden Praxis zu bemächtigen – muss keineswegs in einen radikalen oder auch nur naiven Relativismus führen, wie mancher vielleicht minimalistisch-pessimistisch argwöhnt. Man kann ihn christlich auch als die Demut interpretieren, dass unser Tun und Erkennen Stückwerk bleibt. Als dieses Stückwerk ist es aber keineswegs wertlos und kein Grund, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen. Insofern wäre Capetown 2010 mit seiner Tendenz zu einer Hermeneutik der Liebe und deren Praxis vielleicht tatsächlich ein Schritt in eine christliche Postmoderne.

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Himmel, Hölle und die „Reichen“

Mich beschäftigt immer noch ein Beitrag zum Runden Tisch Evangelisation im Rückblick auf den Kongress von Kapstadt. Die Frage, die dort aufgeworfen wurde, lautete: Immunisiert unser Wohlstand Menschen gegen das Evangelium? Wie gehen wir mit Menschen um, die – so weit wir sehen können – ganz zufrieden leben und materiell gesichert sind? Müsste man, so die Frage, nicht wieder mehr über Himmel und Hölle predigen?

Mag sein. Gern über die real und global existierende Hölle der Armut (die wir nur zu gern ignorieren, wo wir auf sie stoßen), biblische (Sozial-)Kritik an Gier und Reichtum und über die quälenden Sorgen, die sowohl der Mangel als auch der Reichtum (man könnte ihn ja verlieren) hervorrufen. Die Drohung mit einer rein jenseitigen Hölle bliebt aber (zumal wenn man ihre Ansätze oder Spuren in der Gegenwart nicht aufzeigen kann, sei also nicht auch eine schon gegenwärtige wäre) ebenso unbefriedigend wie das Winken mit einem rein jenseitigen Himmel, dessen Schilderungen zudem oft nach endlosen Gottesdiensten klingen, die viele schon im irdischen Kurzformat als langweilig empfinden.

Wenn „der Himmel“ – die Herrschaft Gottes, seine neue Welt – schon jetzt eine (wenn auch erst in Ansätzen) erfahrbare Wirklichkeit ist, dann wäre doch die theologische Arbeit, die es im Blick auf Wohlhabende (die Definition des Begriffs lassen wir mal dahingestellt sein) zu leisten gilt, die Beantwortung der Frage: Welche gute Nachricht haben wir eigentlich jemandem zu sagen, der materiell schon “alles hat“? Anders herum gefragt: Ist unser Evangelium beziehungsweise unsere Verkündigung so defizitorientiert, dass wir, wie Bonhoeffer schon bemängelte, immer nur beim Mangel ansetzen können, um dann „Lösungen“ anzubieten? Und könnte das ein Indiz für eine theologische Engführung sein, die schon seit Generationen besteht? Immerhin stammen die folgenden Worte aus dem Jahr 1944:

Die Religiösen sprechen von Gott, wenn menschliche Erkenntnis (manchmal schon aus Denkfaulheit) zu Ende ist oder wenn menschliche Kräfte versagen – es ist eigentlich immer der deus ex machina, den sie aufmarschieren lassen, entweder zur Scheinlösung unlösbarer Probleme oder als Kraft bei menschlichem Versagen, immer also in Ausnutzung menschlicher Schwäche bzw. an den menschlichen Grenzen: das hält zwangsläufig immer nur solange vor, bis die Menschen aus eigener Kraft die Grenzen etwas weiter hinausschieben und Gott als deus ex machina überflüssig wird; das Reden von den menschlichen Grenzen ist mir überhaupt fragwürdig geworden (ist der Tod heute, da die Menschen ihn kaum noch fürchten, und die Sünde, die die Menschen kaum noch begreifen, noch eine echte Grenze?), es scheint mir immer, wir wollten dadurch nur ängstlich Raum aussparen für Gott; – ich möchte von Gott nicht an den Grenzen, sondern in der Mitte, nicht in den Schwächen, sondern in der Kraft, nicht also bei Tod und Schuld, sondern im Leben und im Guten des Menschen sprechen. An den Grenzen scheint es mir besser, zu schweigen und das Unlösbare ungelöst zu lassen. Der Auferstehungsglaube ist nicht die „Lösung“ des Todesproblems. Das „Jenseits” Gottes ist nicht das Jenseits unseres Erkenntnisvermögens!

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Verfolgte Unschuld?

Ratko Mladic ist – das entbehrt nicht einer gewissen Ironie – in den Niederlanden eingetroffen und die Welt wartet auf den Prozess wegen Völkermords. Der Mann behauptet natürlich, er sei unschuldig. Anlass genug, hier einen kleinen Auszug aus Mirolsav Volfs „Exclusion and Embrace“ zu posten. Das Buch entstand Ende der Neunziger aus den Erfahrungen der Balkankriege. Der Mord fängt – das lässt im Blick auf die Rhetorik der erstarkten FPÖ in Österreich auch Sorgen aufkommen – schon mit dem Reden an:

Wenn die Sprache und Denke der Exklusion – wir können das „symbolische Exklusion“ nennen – moralisch dazu dient, die Praxis der Exklusion zu untermauern, sollten wir davor gewarnt sein, sie auf „Ignoranz“ zurückzuführen, in ihr ein „fehlendes Wissen“, „Uneinsichtigkeit“ oder „verarmte Phantasie“ zu sehen […] Bosheit als Ignoranz setzt zu viel falsche Unschuld voraus und erzeugt zu viele trügerische Hoffnungen. Es impliziert, dass die Verderbnis der Übeltäter in erster Linie eine Frage des Verstandes ist, dem mit anständiger Aufklärung abgeholfen werden kann. Sowohl die christliche Tradition als auch die Erfahrung lehren uns, das dies selten der Fall ist. Symbolische Exklusion ist oft eine Entstellung des anderen, nicht bloßes Unwissen in Bezug auf ihn; sie ist eine willentliche Fehlkonstruktion, kein Versagen der Erkenntnis. Wir dämonisieren und bezeichnen andere als Tiere, nicht, weil wir es nicht besser wüssten, sondern weil wir uns weigern, das Offensichtliche anzuerkennen, und uns dafür entscheiden, nur das zu wissen, was unseren Interessen dient. Dass wir unsere Verzerrungen dennoch für schlichte Wahrheiten halten ist kein Gegenargument; es unterstreicht nur, dass das Böse fähig ist, ein gedankliches Umfeld zu erzeugen, in dem es unerkannt gedeihen kann.

Die „Praxis der Exklusion“ und die „Sprache der Exklusion“ gehen Hand in Hand mit einer ganzen reihe von emotionalen Reaktionen auf den anderen, die von Hass bis Gleichgültigkeit reichen; diese Exklusionen rufen emotionale Reaktionen hervor und werden zugleich von ihnen aufrecht erhalten. Bevor Jitzchak Rabin 1995 ermordet wurde, trugen rechtsgerichtete israelische Demonstranten Plakate herum, auf denen er wie Yassir Arafat dargestellt wurde, mit einer Kufiya auf dem Kopf und Blut, das von seinen Händen tropfte. Das Bild diente dazu, Hass zu erzeugen, den Widerwillen gegenüber dem anderen, der sich aus dem Gefühl, Schaden oder Unrecht erlitten zu haben, nährt, und von der Demütigung befeuert wird, das nicht verhindert haben zu können […]. Einige der brutalsten Akte von Exklusion beruhen auf Hass, und wenn die allgemeine Geschichte der Menschen und Gruppen nicht genug Gründe zum Hass liefert, werden die Meister der Exklusion die Geschichte umschreiben und Unrecht erfinden, um Hass zu erzeugen.

Mehr von Miroslav Volf über das Thema Versöhnung nächstes Jahr beim Studientag Gesellschaftstranformation am 18. Februar 2012.

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