Zum Heulen…

Nach der verlorenen Wahl herrscht trübe Stimmung bei den US-Republikanern. Romney – jetzt darf er ja – klagt schon wieder über die ominösen 47% seiner Landsleute und der Rest der Garde findet, das ist nicht mehr ihr gutes, altes Amerika, wenn eine Wahl so ausgehen darf. So viel Selbstmitleid ist ein gefundenes Fressen für Comedians wie Jon Stewart, der gleich eine kleine, aber sehr feine Geschichtsstunde draus macht:

In der Zwischenzeit macht sich Jim Wallis hier Gedanken darüber, dass „evangelikal“ nicht mehr automatisch synonym ist mit der Religiösen Rechten. Bis die Erkenntnis sich durchsetzt, wird es aber vermutlich noch dauern.

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Wohin mit ihm?

Der Evening Standard beleuchtet den Hintergrund des neuen Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby. Er wird als neues „Alphatier“ der Anglikanischen Kirche betitelt, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Umbruch vom Ölmanager zum Theologen erfolgte, während er dort Gemeindeglied und ehrenamtlicher Mitarbeiter von Holy Trinity Brompton (bekannt für „happy clappy services“ und „squeaky clean living“, wie der Autor süffisant anmerkt) war – und dort an einem Alpha-Kurs teilgenommen hatte.

Aber es scheint nicht so leicht zu sein, den Neuen in eine bestimmte Schublade zu stecken. Für die einen ist er ein „posh Evangelical“ (nicht postevangelikal!), für ganz Konservative ist er womöglich aber schon wieder zu liberal, weil er Frauen ordiniert, demnächst wohl auch die erste Bischöfín der C of E.

(Nachtrag: vom Duktus her ganz ähnlich ist dieser Beitrag im Guardian)

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Die „Häresie der Glaubensgewissheit“

Ich bin beim Vorbereitung für eine Unterrichtseinheit mit Konfirmanden letzte Woche auf ein wunderbares kleines Buch von Hans Urs von Balthasar († 1988) gestoßen, der im katholischen Milieu vor drei Jahrzehnten so eine Art Rob Bell war, auf den die Hardliner und Traditionalisten sich mit allen Kräften einschossen. Es heißt Kleiner Diskurs über die Hölle, und wer Love Wins/Das letzte Wort hat die Liebe sympathisch fand, aber gerne noch mehr gelesen hätte, könnte hier auf seine Kosten kommen.

Das Buch ist leicht lesbar geschrieben – und es ist sogar kürzer (wahrscheinlich hat es einfach nur weniger Absätze und Leerzeilen) als das von Bell. Erfreulicherweise hat von Balthasar neben der Bibel auch die ganze Palette der Kirchenväter und der Mystiker parat, aus deren Werken und Worten er souverän zitiert.

Dass Ignatius von Loyola in seine „Geistlichen Übungen“ eine Betrachtung zur Hölle integriert hat, deren Ziel das Staunen über Gottes Barmherzigkeit ist, gerade weil mir die eigene Gerechtigkeit fehlt, hält er beispielsweise für richtig und wichtig. Allerdings hat das gerade ohne Seitenblick auf andere zu geschehen, und damit auch im „letzten Ernst“.

Bedenklich wird es dagegen, wenn man den Seitenblick riskiert und aus der drohenden existenziellen Möglichkeit der Hölle einen objektivierten theologisch-wissenschaftlichen Gegenstand macht, wie es seit Augustinus immer wieder der Fall war, nämlich die Hölle der anderen:

Denn in diesem Augenblick verwandelt sich alles: die Hölle ist nicht mehr die je-meinige, sondern sie ist das, was „den andern“ blüht, während ich ihr gottlob entronnen bin. Und ich kann mich fleißig und fromm auf die Heilige Schrift berufen [er zitiert Offb. 21,8; 1.Kor 6,9f.]

… Aber, sagt sich der theologisierende Monsignore, mir scheint, ich falle unter keine dieser Kategorien. Und schon ist ihm das Gebet auf den Lippen: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen, wie Räuber, Betrüger, Ehebrecher – oder wie dieser Zöllner da“ (Lk 18,11). Man bevölkre dann die Hölle mit allerhand Ungeheuern: Ivan dem Schrecklichen, Stalin den Entsetzlichen, Hitler dem Wahnwitzigen und all seinen Spießgesellen, was gewiss auch eine ansehnliche Gesellschaft ergibt, der man im Himmel lieber nicht begegnen möchte.

Es kann als ein die Theologiegeschichte durchziehendes Motiv gelten, dass dort, wo man die Hölle mit einer „massa damnata“ von Sündern füllt, man durch irgendeinen bewussten oder unbewussten Trick sich (vielleicht vorsichtig, aber doch getrost) auf die andere Seite stellt.

Von Balthasar zeichnet dann knapp nach, wie sich von Bonventura über Luther zu Calvin und seinen Nachfolgern eine immer absolutere Gewissheit (im Gegensatz zum Akt des Vertrauens „hat“ man die dann eben auch) entwickelt, die es möglich macht, den anderen, un- oder „schwachgläubigen“ Teil der Menschheit als der Hölle verfallen zu denken. Das passt im Übrigen erstaunlich gut zu Iain McGilchrists Analyse, die ich vor einer Weile hier skizziert habe.

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Lumpen und Heilige

Wir verändern die Welt – das ist viel leichter gesagt als getan, oft scheitern wir schon am eigenen Verhalten. Ob es nun die Krisen in der EU ist oder die Herausforderungen für Obamas zweite Amtszeit in den USA sind, ob es sich um eine Institution handelt oder eine Weltanschauung, oft sind Zwischenschritte nötig – und dann sind die Puristen und Perfektionisten unter den Reformern enttäuscht, dass man nicht mit einem großen Wurf alles komplett neu macht.

Warum das mit dem großen Wurf oft keine gute Lösung ist, das liegt wieder an den beteiligten Menschen. Mary Catherine Bateson kommentiert mit klarem Blick, was Umkehr und Umlernen in diesen Fällen bedeutet:

Es braucht viel Zeit und eingehende Erfahrung, um das rückgängig zu machen, was wir eingepflanzt haben. Wenn wir die Menschen gelehrt haben, Lumpen zu sein, können wir nicht sofort ein System errichten, das für Heilige passt, weil die Lumpen die Veränderung ausnutzen würden. …

In allen menschlichen Angelegenheiten gibt es eine Verzögerung, eine Klebrigkeit oder Zähigkeit. Und es braucht, glaube ich, mehr Zeit, unsere Irrtümer zu korrigieren, als sie zu begehen.

Wo Engel zögern. Unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen, S. 100f.

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Gott, die Gewalt und das Leben

Viel Staub aufgewirbelt hat vor ein paar Wochen der Republikaner Richard Mourdock, der für den US-Senat kandidierte und im Zuge dessen erläuterte, warum er Abtreibungen nach einer Vergewaltigung für rechtlich nicht zulässig hält. Hier sein Statement:

„I struggled with it myself for a long time, but I came to realize life is that gift from God. I think that even when life begins in that horrible situation of rape, that it is something that God intended to happen.“

Ich habe lange mit mir gerungen, aber mir wurde klar, Leben ist ein Geschenk Gottes. Ich denke, selbst dann, wenn es in der schrecklichen Situation einer Vergewaltigung entsteht, wollte Gott, dass es geschieht.“

Für eine Frau, die vergewaltigt und als Folge davon schwanger geworden ist, ist so ein Satz eine Zumutung. Ihr kann man nur sagen, dass Gott es auf keinen Fall wollte, dass sie vergewaltigt wurde. Alles andere wäre verantwortungslos. Daher völlig zu Recht die heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit auf Mourdocks Worte.

Nun sind wir hier aber auch wieder bei der Frage, inwiefern Gott – und sei es auch nur mittelbar – zum Komplizen von Gewaltverbrechen gemacht werden darf. Es gibt eben eine unselige Tradition im Christentum, die Gott durch unbedachte Rhetorik in zum Mitwisser oder gar Auftraggeber von Gewalt macht. Das ist das große Manko der Opfer-Analogie, dass sie in diese Richtung neigt, insofern sie suggeriert, Gott mache ein solches blutiges Opfer zur Bedingung für seine Vergebung.

Es ist zum Beispiel eine Sache, zu sagen, dass der Tod Christi am Kreuz das fast zwangsläufige Resultat der Zuspitzung seines Verhältnisses zu den einflussreichen Gruppen im Judentum und den römischen Besatzern war – und insofern geschehen „musste“. Ähnlich wie es in anderen Martyrien alles andere als überraschend kam, dass Blut eines Unschuldigen vergossen wurde. Aber wir können kaum mehr sagen, als dass Gott das Leiden und den Tod Jesu weder angeordnet noch verübt, sondern bestenfalls in Kauf genommen hat, um damit ein Zeichen des Protests gegen Folter und Gewalt zu setzen und den ersten Schritt zu deren Überwindung zu tun – sofern wir Gewalt an sich nicht irgendwie heiligsprechen wollen. Zugleich verbietet sich aber auch der (oft auch zur Verteidigung der eben skizzierten Ansicht angeführte) falsche Umkehrschluss, Jesu Tod sei sonst ja lediglich ein dummer Zufall und damit sinnlos.

Nun hat Mourdock natürlich auch insofern Recht, als er das Leben als Geschenk Gottes bezeichnet. Wenn er – statt mit einem traumatisierten Opfer sexueller Gewalt – nun mit einem Menschen reden würde, der gerade erfahren hat, dass er alles andere als ein Wunschkind war, der also mittelbar selbst Opfer dieser Gewalt und ihrer Folgen ist, dann wäre es ebenso falsch, diesem Menschen den Eindruck zu vermitteln, er sei aufgrund dieser Vorgeschichte von Gott „nicht gewollt“.

Aber vielleicht liegt die Antwort auf die Frage nach dem Sinn unserer Existenz ohnehin weniger in der Vergangenheit (die sich in dem Fall einfach nicht schön reden lässt), sondern in der Gegenwart, indem die betroffene Person hier und jetzt Menschen hat (oder findet), in deren Leben sie eine wichtige Rolle spielt, und indem sie Gottes bestätigendes „Ja“ hier und jetzt erreicht und die Hoffnung auf eine Zukunft öffnet, in der schließlich alle Tränen abgewischt werden?

Der theologische Punkt, um den es mir hier geht: Wenn wir lernen, wie wir Gottes Handeln in der Weltgeschichte angemessen beschreiben können, dann finden wir vielleicht auch bessere Worte, wenn es um konkrete Lebensgeschichten geht. Und vielleicht schweigen wir dann auch an der richtigen Stelle.

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Glaube und Magie

Es ist eine weit verbreitete Anschauung, dass sich Religion aus magischem Denken heraus entwickelt haben soll. Ich persönlich fand da Peter L. Bergers Begriff der „mythischen Matrix“ besser. Gregory Bateson argumentiert in Wo Engel zögern genau umgekehrt: Magie ist degenerierter Glaube, weil sie aufhört, Einheit und Verbundenheit (ob nun zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mensch, oder Mensch und Natur) rituell zu bekunden und Wege sucht, das Selbst zu ändern. Bateson schreibt:

Das Kriterium, das Magie und Religion unterscheidet,, ist in der Tat der Zweck, und ganz besonders irgendein extravertierter Zweck […] Die Magie gilt als primitiver und die Religion als ihr Aufblühen. Im Gegensatz dazu halte ich die Magie etwa in Form des Sympathie- oder Analogiezaubers für ein Produkt der Dekadenz der Religion; ich halte die Religion in Große und Ganzen für den früheren Zustand. Ich kann für einen derartige Dekadenz weder im Gemeinschaftsleben noch in der Kindererziehung irgendeine Sympathie aufbringen.

Wenn also die Verzweckung von Religion (und „Spiritualität“) sie in Magie verwandelt, indem sie zum Instrument von Manipulation und Machtgewinn wird, zum Mittel der Selbststeigerung ohne die Mühe der Veränderung des Selbst, dann treffen wir diese fatale Neigung zur „Dekadenz“ nicht nur in der Esoterik an, die alte Rituale (je „archaischer“, desto attraktiver) als hippe Wellnessartikel kommerzialisiert und durch diese Kontextverschiebung entleert und zerstört. Bestimmte Verbindungen von Glaube und Wohlstand und Erfolg fallen dann in dieselbe Kategorie von „Zauberei“.

Oder anders gesagt: Liebe ist immer „zweckfrei“. Da, wo sie Mittel zum Zweck wird, ist sie keine Liebe mehr. Vielleicht grenzt Jesus sich deshalb so scharf von Menschen ab, die zwar ständig „Herr, Herr“ sagen, aber von dem selbstlosen Gott nichts begriffen haben, den sie vor ihren Karren spannen wollen?

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„Mein rechter, rechter Platz wird leer…“ – neue(r) Kollege/Kollegin gesucht

Im kommenden Jahr wird sich wieder einmal einiges ändern bei ELIA. Mein Kollege Daniel Hufeisen wird im Sommer nach fünf Jahren (ist es wirklich schon so lange?) aufhören. Eigentlich steht sein Schreibtisch gegenüber, es ist also streng genommen keine Frage von rechts oder links.

In der zweiten Jahreshälfte möchten wir die Stelle neu besetzen und haben uns dazu in verschiedenen Gremien viele Gedanken gemacht. Das Ergebnis kann man hier einsehen und gern auch an geeignete InteressentInnen weiterleiten, es sollte sich weitgehend selbst erklären, aber natürlich helfe ich auch gern, wenn es Fragen gibt:

Stellenausschreibung2013.pdf

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„Herr, du siehst…“

Neulich in einer Gebetsgemeinschaft, in der – bevor mich jemand tadelt dafür, dass ich mein analytisches Ohr nicht diskret abgeschaltet hatte – sich die Gebete eher im Großen und Allgemeinen bewegten: Jemand beginnt mit „Herr, du siehst“ und dann beschreibt er, was er selbst sieht; vielleicht ja auch was die übrigen Anwesenden seiner Meinung nach sehen müssten.

Freilich – wenn Gott alles sieht, sieht er auch das, was wir sehen. Aber vielleicht sieht er die Dinge gar nicht so, wie wir sie sehen und beschreiben, sondern ganz anders? Es ist völlig in Ordnung, im Gebet auch explizit davon zu reden, was ich sehe. Ob Gott es dann tatsächlich so sieht wie ich, das wäre ja erst noch die Frage, und die macht das Beten vielleicht ja auch so wichtig und interessant.

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Das Evangelium und die Kritiker

Zu Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt kommen die ersten Rückmeldungen. Über viele positive habe ich mich gefreut, über kritische die letzten Tage nachgedacht. Auf amazon.de finden sich beispielsweise zwei Stimmen, die (unterschiedlich scharf im Ton) bemängeln, vor lauter Bewegung bliebe der „Inhalt“ auf der Strecke.

Vielleicht zeigen diese Reaktionen aber auch schön, warum dieses Buch wichtig sein könnte. Sebastian Rink etwa hat eine griffige Formel zur Hand und definiert das Evangelium als „Rechtfertigung des Sünders aus der freien Gnade Gottes“. Walter Faerber und ich bestreiten das ja gar nicht, wer das Buch zur Hand nimmt, wird dies als das Evangelium der Reformatoren wiederfinden. Nicht von ungefähr stammt das Zitat, das Sink anführt, aus der Leuenberger Konkordie, in der Lutheraner, Reformierte und Methodisten vor knapp 40 Jahren die Abendmahlsgemeinschaft beschlossen, also einen Streit aus dem 16. Jahrhundert beilegten.

Wir stellen allerdings in Frage, ob das die einzige und universal gültige Form des Evangeliums sein darf. Im Neuen Testament wie in der Geschichte der Christenheit spielt dieses Evangelium immer wieder eine Rolle, aber man kann auch eine ganze Reihe alternativer Formulierungen (zum Beispiel das Kommen der Gottesherrschaft) mit demselben Recht dagegen setzen. Oder besser noch daneben, und genau das ist unser Vorschlag.

Und der andere Aspekt, um den es uns geht, ist der: Die Fixierung auf Formeln, wie sie in der Kritik wieder erscheint, verdeckt das Problem, dass ein Evangelium, das nicht mehr lebendig verkörpert ist (und ja, hier geht Gottes und menschliches Handeln, wie schon in Jesus, ständig und unentwirrbar durcheinander), dass das körperlose Evangelium zeitloser Wahrheiten im Grunde schon kein Evangelium mehr ist sondern nur noch eine dogmatische Abstraktion.

Walter und ich lehnen ein Form/Inhalt-Schema ab, das eine „ewige“ und unwandelbare Substanz postuliert (die in Wahrheit immer einen historischen „Sitz im Leben hat“, der aber oft übersehen oder verschwiegen wird). Wenn die biblische Überlieferung, vielschichtig wie sie in sich längst schon ist, auf eine bestimmte lokale Kultur trifft, entsteht nicht nur eine Variation der Form, sondern die komplette „Gestalt„, die Gesamtkonfiguration wird eine andere. Sie steht damit gleichzeitig in Kontinuität und Diskontinuität zu anderen Gestalten bewegter Kirche und ihrer Verkündigung, die vor, neben und nach ihr existieren.

Die Sorge der Kritiker scheint mir zwischen den Zeilen zu sein, dass Vielfalt Beliebigkeit bedeuten würde, das Gegenmittel ihrer Wahl scheint mir die reduktionistische Fixierung zu sein. Dagegen würde ich sagen: Es gibt 7 Milliarden verschiedene Menschen und es gibt zahllose Versuche, den Begriff „Mensch“ zu bestimmen und zu beschreiben. Mehr oder weniger originell, geistreich oder geglückt, aber jetzt einen herauszugreifen und zum Maß aller Dinge zu machen ist auch keine Lösung. Im Alltag unterscheiden wir trotz allem ziemlich mühelos zwischen Menschen und anderen Spezies und können menschliches und unmenschliches Verhalten leidlich gut auseinanderhalten. Kein Grund zur Panik also.

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Mörderisches Potenzial

Sensibilisiert von unserer momentanen Predigtreihe über die Zehn Gebote stieß ich letzte Woche auf diesen Beitrag in der Zeit, wo Hans-Ludwig Gröber vom Institut für forensische Psychiatrie sich mit der menschlichen Mordlust in jedem von uns befasst. Mörder sind eben nicht per definitionen geisteskrank und im Umkehrschluss ließe sich dann zur allgemeinen Beruhigung auch sagen, dass „wir Gesunden“ ja über jeden Mordverdacht erhaben wären.

Stattdessen können gesunde Persönlichkeiten sich an der Macht, zu töten berauschen, und wenn sich die Zeiten und Bedrohungslagen ändern, wenn wir „gute“ Vorwände finden, den anderen zum Un(ter)menschen zu erklären und präventiv kalt zu stellen, bevor er uns etwas antun kann, dann wären, wie das Beispiel des Dritten Reichs oder auch des Balkankrieges zeigt, auch brave, empathische Bürger zu Mördern. Gröber schreibt:

Den Artgenossen töten ist ein – im biologischen, nicht im moralischen Sinne – zutiefst menschlicher Akt. Nachvollziehbar, wenn das Motiv rational ist: Beute machen zum Beispiel, materiell oder sexuell. Um Macht zu etablieren oder aufrechtzuerhalten. Auch emotionale Motive sind verständlich: Angst, Notwehr, Wut, Eifersucht, Niedertracht. Und nicht zu vergessen: Rache! (Rache, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt, ist das reinste Motiv. Manche nennen es auch: Bestrafung.) Auch ein Grund zum Töten: die Lust an der Zerstörung. (Es gibt Menschen, sagt der böse Joker am Ende von Batman 2, die für kein Geld der Welt morden würden – sondern bloß, um zu zerstören.) Das könnte man vielleicht als »Rache an dieser Welt« bezeichnen. Und dann gibt es auch noch sehr eigenartige, aber gar nicht seltene Tötungsdelikte, vor allem von ganz jungen Männern, die der Täter begeht, um sich selbst zu erfahren. Um zu merken, wie stark er sein kann, was er aushält, wie viel Macht ihm durch diese unglaubliche Tat zuwachsen kann. Viele junge Männer haben das früher in Uniform herausgefunden. Und wurden dafür mit Orden behängt.

Es folgen eine ganze Reihe lebendig geschilderter Beispiele, und dann fragt Gröber, wie der Gewaltneigung vor allem junger Männer beizukommen ist, wenn man sie nicht als Fall für den Therapeuten hinstellen will. Am Ende unterstreicht er im Grunde die ungebrochene Aktualität des fünften Gebots, wenn er die Aufgaben benennt, die auf uns warten:

Der Mörder ist in uns allen. Doch er wird erfolgreich domestiziert durch eine energische Pädagogik, machtvolle Vorbilder, einen entschiedenen Staat und eine Kultur, die Gewalt ablehnt und gesundes Durchsetzungsvermögen fördert.

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Schluss mit lästig

Vor einer Weile hatte ich, in der Hoffnung, dass es die Möglichkeiten erweitert, das Kommentarsystem Disqus installiert. Seither gab es zahlreiche Rückmeldungen, dass das Kommentieren hier entweder umständlicher geworden ist oder gar nicht mehr funktioniert – unterm Strich war das also ein eher lästiger „Helfer“.

Es tut mir leid, dass das bei einigen Frust verursacht hat. Und danke an alle, die mich darauf aufmerksam gemacht haben!

Vorgestern habe ich ich Disqus wieder abgestellt und hoffe, der Meinungsaustausch hier kann wieder ungestört laufen.

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Globale Emergenz: Neue Stimmen, Formen und Kulturen

In diesen Tagen ist bei Baker Academics die Festschrift für Prof. em. Eddie Gibbs vom Fuller Seminary erschienen. Herausgeber ist Ryan Bolger, der vor ein paar Jahren mit Gibbs das Buch Emerging Churches: Creating Christian Community in Postmodern Cultures veröffentlicht hat.

Der Titel des neuen Buches lautet The Gospel After Christendom: New Voices, New Cultures, New Expressions. Ryan Bolger hat 28 Beiträge aus der ganzen Welt gesammelt und die machen in ihrer vielfältigen Unterschiedlichkeit wie in den beachtlichen Gemeinsamkeiten, den Reiz dieses einzigartigen Bandes aus. Man kann wegen der lockeren Systematik alles der Reihenfolge nach lesen, oder auch kreuz und quer durchs Buch „zappen“.

Aus Deutschland haben neben mir auch Tobias Faix aus Marburg und Markus Weimer mitgewirkt, alle auf Englisch übrigens. Der Jubilar soll sich sehr gefreut haben. Hier ein Video von der Buchpräsentation in Pasadena:

Und schließlich noch das Inhaltsverzeichnis für alle Interessierten:

Introduction Ryan K. Bolger

I. Peoples

1. Iglesias Emergentes in Latin America Osias Segura-Guzman

2. Emerging Churches in Aotearoa New Zealand Steve Taylor

3. Emerging Missional Churches in Australia Darren Cronshaw

4. New Expressions of Church in Scandinavia Ruth Skree

5. New Expressions of Church in the Low Countries Nico-Dirk Van Loo

6. Fresh Expressions of Missional Church in French-Speaking Europe Blayne Waltrip

7. Emerging Christian Communities in German-Speaking Europe Peter Aschoff

II. Cultures

8. New Monastic Community in a Time of Environmental Crisis Ian Mobsby

9. Mission within Hybrid Cultures: Transnationality and the Glocal Church Oscar Garcia Johnson

10. Distinctly Welcoming: The Church in a Pluralist Culture Richard J. Sudworth

11. Our P(art) within an Age of Beauty Troy Bronsink

12. Mission Among Individual Consumers Stefan Paas

13. Mission in a New Spirituality Culture Steve Hollinghurst

III. Practices

14. Rethinking Worship as an Emerging Christian Practice Paul Roberts

15. Formation in the Post-Christendom Era: Exilic Practices and Missional Identity Dwight J. Friesen

16. Towards a Holistic Process of Transformational Mission Tobias Faix

17. Leadership as Body and Environment: The Rider and the Horse MaryKate Morse

IV. Experiments

18. The Underground: The Living Mural of a Hip Hop Church Ralph C. Watkins

19. Bykirken (The City-Church), Pray and Eat Andreas Østerlund Nielsen

20. House of Sinners and Saints Nadia Bolz-Weber

21. L’Autre Rive (the Other Bank or Shore) Eric Zander

22. With: An Experimental Church Eileen Suico

23. The Jesus Dojo Mark Scandrette

24. St. Toms: From Gathered to Scattered Bob Whitesel

25. Urban Abbey: The Power of Small, Sustainable, Nimble Micro-Communities of Jesus Kelly Bean

V. Traditions

26. Indigenous and Anglican: A Truly Native Church Emerges in the Anglican Church of Canada Mark MacDonald

27. Turning the Ocean Liner: The Fresh Expressions Initiative Graham Cray

28. On the Move: Towards Fresh Expressions of Church in Germany Markus Weimer

Conclusion Ryan K. Bolger

Afterword Eddie Gibbs

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Zusammendenken, was zusammen gehört

Gerade kommt „Die Vermessung der Welt“ in die Kinos (ich bleibe wohl lieber beim Buch). Von Kehlmanns Protagonisten lebt der eine in der Welt des abstrakten Geistes und der andere schlägt sich sammelnd und katalogisierend durch die unwegsame und unerbittliche Wildnis. Zwei Vertreter einer Moderne, die Geist und Materie nicht mehr zusammenbringt.

Der Anthropologe und Kybernetiker Gregory Bateson hielt gegen Ende seines Lebens die Überwindung dieses Dualismus für eine lebensnotwendige Aufgabe. Seine Tochter hat das Manuskript zu Wo Engel zögern nach seinem Tod fertiggestellt und veröffentlicht. Bateson grenzt sich von den sympathischen, aber abergläubisch-esoterischen Nachbarn, die auf Geister und Übersinnliches abfahren, ebenso ab wie von den Kollegen aus den Naturwissenschaften, die sich aufs Messen von Quantitäten und simple Kausalitäten haben reduzieren lassen.

Bateson ist ein origineller Denker und sein Buch eine anregende Lektüre. Seine Themenstellung – die Wiederentdeckung einer zusammenhängenden, geistleiblichen Wirklichkeit (er kann auch von „Monismus“ reden) – finde ich jedenfalls faszinierend:

Meine Aufgabe ist es, zu erforschen, ob es irgendwo zwischen diesen beiden Schreckgespenstern des Unsinns [d.h. des Materialismus und des Supranaturalismus, die beide die cartesische Spaltung der Welt in Geist und Materie widerspiegeln] einen geistig gesunden und gültigen Platz für die Religion gibt. Ob sich, wenn die Religion weder die Wirrköpfigkeit noch Scheinheiligkeit nötig hat, in Erkenntnis und Kunst die stützende Grundlage einer Affirmation des Heiligen finden ließe, die die natürliche Einheit zu Ehren bringen würde.

Würde eine solche Religion eine Einheit neuer Art bieten? Und könnte sie eine neue und dringend benötigte Demut wecken?

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