Der Gott, den wir lieber hätten

Wir sind dein Volk und meistens stört uns das nicht
außer, dass du in keine unserer Kategorien passt.

Ständig drängeln wir
und zerren
drehen hin
und her;
versuchen, dich dem Gott ähnlich zu machen, den wir lieber hätten.
Und jedesmal, wenn wir dich so verzerren
bleibt uns ein Götze, der eher uns ähnelt.

In unseren ehrlicheren Augenblicken der Trauer und des Schmerzes
sind wir sehr froh, dass du bist, wer du bist,
und dass du uns gegenüber in all deiner Freiheit der bist,
der du uns gegenüber gewesen bist

Sei also dein treues Selbst
und gerade durch dein treues Engagement in dieser leidenden Welt
verwandle die Welt, während auch du verändert wirst.

Das beten wir im Namen Jesu
der das Zeichen deiner leidenden Liebe ist.

 

aus: Awed to Heaven, Rooted in Earth: Prayers of Walter Brueggemann

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Aktive Hoffnung (3): Es beginnt mit Dankbarkeit

Wer meint, man könne Menschen durch Kosten-Nutzen-Rechnungen dazu bringen, ihre Gewohnheiten zu ändern und Rücksicht auf Mitmenschen und Mitgeschöpfe zu nehmen, der irrt vermutlich ebenso wie jemand, der stets mit allerlei Schreckensmeldungen aufrütteln will (oder wie jemand, der mit drastischen Botschaften über die Hölle müde Gemeinden für Mission mobilisieren möchte…?). Der Weg über die Dankbarkeit ist deutlich vielversprechender.

Dankbarkeit ist ein soziales Gefühl, sagen Macy und Johnstone. Sie macht uns anderen zugetan und wohlwollend. Je ausgeprägter jemand Dankbarkeit empfindet, desto eher wird er eine Gefälligkeit erwidern oder einem Fremden zu Hilfe kommen. Anders als der auf Gegenstände fixierte Materialismus führt Dankbarkeit als Beziehungsphänomen dazu, dass Menschen glücklicher und zufriedener sind. Während die Werbung ständig uns Unzufriedenheit einreden will, uns auf das fixiert, was wir (noch) nicht besitzen, um den Konsum in Schwung zu halten (mit all den fatalen Folgen für den Planeten), freut sich die Dankbarkeit an dem, was schon ist.

Dankbarkeit fällt uns nicht immer leicht, aber sie lässt sich einüben, auch wenn in manchen Lebenssituationen nicht alles nach Wunsch läuft. Dann ist sie umso wichtiger, denn Unrecht und Gewalt zerstören das Vertrauen und den Glauben an das Gute. Schön und für Christen völlig kompatibel (Hildegard von Bingen hätte ihre Freude daran gehabt) haben das die Haudenosaunee in ihrem Aufruf zum Umdenken ausgedrückt:

Uns ist gesagt, dass die ersten Menschen, die über die Erde gingen, mit allem ausgestattet waren, was sie zum Leben brauchten. Wir sind angewiesen worden, Liebe für einander zu hegen und allen Wesen auf dieser Erde große Achtung entgegenzubringen. Und wurde gezeigt, dass unser Leben mit dem Leben der Bäume zusammenhängt, dass unser Wohlergehen vom Wohlergehen der Vegetation abhängt, dass wir mit den Vierbeinern eng verwandt sind. In unseren Wegen ist das spirituelle Bewusstsein die höchste Form der Politik…

Wenn Menschen aufhören, all diesen Dingen mit Achtung und Dankbarkeit zu begegnen, dann wird alles Leben vernichtet und das menschliche Leben auf diesem Planeten wird zu Ende gehen.

Das Wort „Dankbarkeit“ bei den Indianerstämmen der Haudenosaunee hießt wörtlich übersetzt: „die Worte, die vor allen anderen kommen“. Sie bilden den Auftakt zu jeder ihrer Versammlungen. Darin steckt eine tiefe Weisheit: Dank stärkt das Bewusstsein des Eingebundenseins in ein großzügiges Geflecht des Teilens, das unser Leben trägt und ermöglicht. In der Welt des „Business as Usual“ hingegen befindet sich fast alles im Privatbesitz, und für alles, was uns nicht gehört, empfinden wir auch keine Verantwortung, weil wir für Zugehörigkeit nur diese Kategorien aus der Welt der Objekte haben.

Verstehen wir aber unsere Zugehörigkeit in diesem lebendigen globalen Ökosystem (für Theologen: dass wir durch die Zugehörigkeit zu Gott mit allem verbunden sind, was lebt und was Gott geschaffen hat und liebt), dann wächst der Wunsch, für die empfangenen Wohltaten etwas zurückzugeben. Nun lässt sich das insofern schwer umsetzen als der Sauerstoff, den wir atmen, von Pflanzen in die Atmosphäre gebracht wurde, die längst nicht mehr da sind. Hier sprechen die Autoren nun vom „giving forward“ – wir fangen an zu überlegen, was wir künftigen Generationen von Lebewesen auf diesem Globus Gutes hinterlassen können.

 

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Aktive Hoffnung (2): Die Spirale umkehren

In den großen Abenteuergeschichten stehen die Helden in der Regel zu Beginn auf verlorenem Posten, schreiben Joanna Macy und Chris Johnstone in Active Hope: How to Face the Mess We’re in Without Going Crazy. Es ist eben das Eigenartige an der Hoffnung, dass sie nicht primär mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet, sondern von der tiefen Sehnsucht nach einem guten Ausgang lebt. Und dass sie aus dieser Sehnsucht eine immense Kraft schöpft.

Um der ökologischen und mentalen Abwärtsspirale etwas entgegenzusetzen, ist es nicht genug, mit Problemanalysen zu arbeiten. Der Ausgangspunkt für ein hoffnungsvolles Engagement muss vielmehr

  1. die Dankbarkeit sein: Für die Schönheit unserer Welt, für das Geschenk des Lebens, für alles Geben und Nehmen. Von der Freude führt die Bewegung dazu,
  2. den Schmerz über die Zerstörung zu seinem Recht kommen zu lassen, der häufig unterdrückt oder ignoriert wird. Aber nur der wirklich angenommene Schmerz sensibilisiert für Gefahren und offenbart das vorhandene Mitgefühl – in beidem drückt sich unsere Verbundenheit mit den Mitgeschöpfen aus. Diese Verbundenheit ermöglicht
  3. neue Sichtweisen einer im innersten tief verbundenen Welt, und wir finden Ansporn und Ansätze dazu in den Wissenschaften, in den spirituellen Traditionen und in unsrer Vorstellungskraft. Neue Perspektiven helfen, neue Möglichkeiten zu entdecken. Und von denen gilt es, dann auch
  4. entschlossen Gebrauch zu machen und das in konkrete Ziele und Schritte zu fassen und einen eigenen, konstruktiven Beitrag zu den nötigen Transformationsprozessen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu leisten.

Jedes der vier Elemente dieser Spirale stärkt unsere Verbundenheit mit unserer Welt und macht es möglich, daraus Kraft und Mut zu schöpfen. Es ist also kein bloßer Aktivismus, sondern auch ein Gewinn an Resilienz.

Christen – das ist jetzt meine Ergänzung – können sich hier wunderbar daran erinnern, dass Gottes Geist einerseits die lebensspendende Kraft der Schöpfung und Neuschöpfung ist, und zugleich das verbindende Element – nicht nur in der Trinitätslehre zwischen Vater und Sohn, sondern auch zwischen Schöpfer und Geschöpfen wie auch der Geschöpfe (und zwar aller Geschöpfe!) untereinander. Tiefenökologie und christliche Pneumatologie lassen sich also ähnlich gut in Beziehung setzen wie das auf dem Gebiet der Eschatologie funktioniert.

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Zwischen Depression und Ignoranz: Schritte der Hoffnung

Die Warnungen vor ökologischen Katastrophen, besonders die drastischen, führen bei der Mehrheit der Menschen dazu, dass man das Problem verdrängt und den Kopf in den Sand steckt – ein Phänomen, das sich auch im NSA-Skandal beobachten ließ. Lieber zweifelt man die Glaubwürdigkeit derer an, die auf solche Dinge hinweisen, zumal man den Klimawandel ja nicht unmittelbar zu spüren bekommt, sondern immer nur mittelbar. Je eindringlicher die Warnung, desto größer das Desinteresse – Jeremia lässt grüßen.

Doch auch bei den Menschen, die sich nicht einfach Augen und Ohren zuhalten, wirken sich solche düsteren Botschaften über die Folgen unseres Raubbaus am blauen Planeten negativ aus. Psychologen sprechen, wie Kathrin Bruder in einem sehr lesenswerten Bericht für die taz schreibt, von der doom(er) depression. In Neuseeland und Australien stiegen nach den vielen großen Naturkatastrophen der letzten Jahre die Selbstmordraten in den betroffenen Gebieten spürbar an.

Der Artikel bezieht sich positiv auf die Ansätze der Transition-Bewegung, die nicht nur kognitiv aufklärt und informiert, sondern Menschen zum Gespräch zusammenbringt, bei dem Schmerz und Verzweiflung über die Zerstörung der Schöpfung thematisiert werden können. Auch das Schweigen und die Meditation haben dabei einen Platz, denn über die christliche Mystik besteht eine Brücke zur Tiefenökologie. Aber dann unternimmt man gemeinsam auch konkrete Schritte in Sachen nachhaltiger Lebensstil, jeder fängt da an, wo er kann und wo es Spaß macht.

An dieser Stelle besteht für das westliche Christentum noch ein gewisser theologischer Nachholbedarf, der mir immer wieder auffällt, wenn ich mir wie in den letzten Wochen und Monaten immer wieder den engen Bezug der keltischen Christen zur Schöpfung vergegenwärtige. Sie haben die Welt, in der sie lebten gewiss nicht romantisch und naiv verklärt oder spirituell überhöht, auf der anderen Seite war sie aber auch keine leblose Materie und kein stummes Objekt wie für das moderne Denken seit Descartes. Stattdessen verstanden sie die Schöpfung als Sakrament.

Die enge Verbindung zwischen den Geburtswehen der neuen Welt aus der alten und dem erneuernden Werk des Geistes Gottes, von dem Paulus in Römer 8 spricht, ist uns spätestens im Zuge der Industrialisierung weitgehend abhanden gekommen. Und damit fehlt auch eine prophetische Stimme der Hoffnung im Gespräch über Klimawandel, Energiewende, Rohstoffkrisen und was da noch alles ansteht. Gott, der in der Geschichte Christi rettend eingreift, greift damit auch rettend in die Geschichte seiner Welt ein. In der Abendmahlsliturgie der Iona Community heißt es zum Beispiel:

Liebender Gott, durch deine Güte bringen wir dieses Brot und Wein

die die Erde hervorgebracht und Menschenhände gemacht haben

Lass uns deine Gegenwart erkennen, wenn wir dieses Brot teilen

so dass wir deine Berührung erkennen in jedem Brot und aller Materie

Die weitgehende Reduktion der Umweltpolitik und Ethik auf das Ökonomische jedenfalls hat dem gesellschaftlichen Diskurs bei uns nicht gut getan. Bruder zitiert den Umweltpsychologen Florian Kaiser, der nüchtern das „Rebound-Phänomen“ beschreibt:  „Wer sich nur wegen finanzieller Anreize umweltbewusst verhält, wird zwar reicher, verkonsumiert dieses zusätzliche Geld jedoch wieder, da das Energiesparen ja nicht aus einer inneren Überzeugung herrührt.“

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Wortversagen

Eine kleine Geschichte von den Wüstenvätern ist mir die letzten Wochen nachgegangen:

Einige Brüder … gingen, um Abba Felix zu sehen und baten, er solle ihnen ein Wort sagen. Aber der alte Mann blieb still. Nachdem sie lange gebeten hatten, sagte er zu ihnen: „Ihr wünscht, ein Wort zu hören?“ Sie sagten: „Ja, Abba.“

Der alte Mann sagte zu ihnen: „Heutzutage gibt es keine Worte mehr. Als die Brüder noch die alten Männer zu Rate zogen und taten, was ihnen gesagt wurde, da zeigte Gott ihnen, wie sie reden sollten. Aber jetzt, wo sie fragen ohne zu tun, was sie hören, hat Gott den alten Männern die Gnade des Wortes genommen und sie finden nichts mehr zu sagen, weil niemand mehr da ist, der ihre Worte ausführt.“

Als sie das hörten, seufzten die Brüder und sagten: „Bete für uns, Abba.“

Sie steht im Parker Palmers wunderbarem Buch To Know as We Are Known: A Spirituality of Education: Education as a Spiritual Journey. Was Palmer dazu alles zu sagen hat, sprengt den Rahmen dieses Posts (aber wer genug Englisch kann, um es sich zu Gemüte zu führen, sollte es unbedingt tun!). Es geht um Haltungen, die Reden und Hören unmöglich machen. Alle verlieren dabei, denn Weisheit ist nie einfach nur eine Einbahnstraße und den Alten, Wissenden zu den Jungen, Unerfahrenen.

Manchmal scheitert das an Oberflächlichkeiten: Bestimmte Leser, erklärte mir etwa neulich ein Verlagsmensch, nehmen grundsätzlich kein Buch in die Hand, das Fußnoten enthält. Da ist eine ganze Welt der Gedanken, von der sie sich ausschließen, weil sie sich überfordert, eingeschüchtert und deshalb auch oft minderwertig fühlen. Zum Gefühl, an die eigenen Grenzen zu kommen, tritt dann das negative Urteil über die, deren Grenzen an anderen Stellen liegen – die erscheinen plötzlich als eingebildete Theoretiker und mit dieser Etikettierung und diesem Pauschalurteil oder Generalverdacht ist jeder Austausch beendet. Man kann diese zugeschlagene Tür nur von innen öffnen. Sie zu öffnen heißt, dem anderen seine Andersartigkeit nicht zum Vorwurf zu machen.

Zugleich trifft die Geschichte auch die Situation der Christen und Kirchen insgesamt in unserer Gesellschaft. Es gibt Momente, wo man ganz deutlich spürt, dass „die Gnade des Wortes“ nicht vorhanden ist und man „nichts mehr zu sagen“ findet. Darüber kann man sich nun mit Bibelzitaten hinweg setzen (immer sehr beliebt: das Evangelium müsse „zur Zeit und zur Unzeit“ gepredigt werden). Also: Nicht innehalten und warten, sich nicht in Frage stellen, einfach stur weiter machen. Etliche dieser Prediger entwickeln dann eine gewisse Härte, die man ihnen auch deutlich anmerkt.

Schließlich gibt es auch die Unterrichtssituation, wo Lehrende irgendeinen Stoff durchbringen müssen oder Lernende ein zählbaren Erfolgsnachweis brauchen oder in anderer Form nach etwas „Verwertbarem“ (in der der Regel sind das „Informationen“) suchen, ohne sich innerlich wirklich auf das einzulassen, worum es in der Lernsituation geht. Auch hier entsteht keine Gemeinschaft der Wahrheit.

Freilich ist auch Resignation keine Lösung. Den Weg dahin deutet Palmer an, wenn er ganz am Ende des Buches auf Römer 8 verweist. Dort erscheint das Seufzen und das Gebet, mit dem die Geschichte so offen endet:

So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein.

Wahres Gebet bringt uns immer wieder ans Ende unserer Worte und unseres Wissens. Und hier hat dann auch die Trauer über die beschädigte Gemeinschaft zwischen einzelnen, zwischen Gruppen von Menschen und zwischen Mensch und Schöpfung ihren Platz. Zugleich aber ist das Seufzen, das auch ein Seufzen des Geistes ist, ein großer Trost, sagt Palmer: Auch wenn uns die Worte versagen, ist da noch ein Wort für und in uns, und auch wenn die Kenntnisse nicht reichen, sind wir erkannt. Das Seufzen ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer authentischen Spiritualität.

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Charisma – ohne „Tick“?

Wir haben uns für die nächsten Wochen ein recht herausforderndes Predigt- und Gesprächsthema vorgenommen. Wie viele andere Etiketten, so ist auch der Begriff „charismatisch“ immer wieder in der Diskussion. Die ist allerdings oft mühsam, denn

  • zum einen sind die verschiedenen Strömungen nur noch schwer voneinander abzugrenzen, seit jeder von jedem lernt – das ist die positive Seite.
  • zum anderen gibt es unter den unterschiedlichen Labels oft auch so viel Peinliches und Absurdes, mit dem man lieber nicht identifiziert werden möchte – die „Ticks“. Vor allem, wenn der Begriff pauschal und polemisch verwendet wird, was immer wieder vorkommt. Viele halten deshalb ja auch das Label „evangelikal“ für verbrannt – zu Recht, wie ich finde.
  • Drittens ist es ein Zeichen von Reife, wenn man sich nicht über Etiketten identifiziert, sondern eine eigene Persönlichkeit entwickelt hat, die solche Denk- und Erwartungsschablonen überflüssig macht. Das gilt für einzelne wie für ganze Gruppen und Gemeinden.

Dennoch wäre es m.E. ein Fehlschluss, wenn man nun meint, mit der Selbstidentifikation als „charismatisch“ (was auch immer damit gemeint sein mag) sei auch das Interesse am Heiligen Geist an sich aufgegeben worden. Die Formen und die Sprache verändern sich freilich für viele. Deshalb sind wir nun dabei, uns ein paar grundlegende Gedanken dazu zu machen, wer der Heilige Geist ist und was er bewirkt – und wie wir im Licht dessen die Praxis der Vergangenheit prüfen (ein eminent spiritueller Vorgang!) können, um das Gute zu behalten und es mit Neuem zu verbinden.

Die erste Station auf unserem Weg ist die Skandalpredigt eines jungen Propheten, der sich auf Gottes Geist beruft und seine Heimatgemeinde in lebensgefährlichen Aufruhr versetzt. Sie steht in Lukas 4,16-30 und wer neugierig geworden ist, was Gottes Geist mit unserer Selbstimmunisierung gegen das Leid anderer zu tun hat – oder schon immer mal wissen wollte, was der „Torentosegen“ ist – kann hier zuhören.

 

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Weisheit der Woche: Gewaltlos gegen mich selbst

Passend zum Wochenbeginn: In seinem Facebook-Feed kommentiert Parker Palmer Gedanken von Thomas Merton (s.u.) über die Gefahr des Aktivismus und warum Kontemplation keine Flucht vor drängenden Aufgaben ist. Für alle KontemplAktiven als Ermutigung

Wenn wir in den Rausch der Überarbeitung geraten, tun wir uns selbst Gewalt an und töten „die Wurzel der Weisheit in unserem Inneren, die Arbeit fruchtbar macht“. Die Auswirkungen reichen von unkontrollierbarem Zorn über mürrischen Groll bis zum Ausgebranntsein, sie alle führen zu fehlgeleiteten Aktionen – und nehmen uns letztlich aus aller Aktion heraus.

Wir müssen unser Verständnis von Gewalt erweitern, ein Konzept, das weiter reicht, als jemandem körperlich Schaden zuzufügen. Wir handeln jedesmal gewaltsam, wenn wir unsere Seele oder die eines anderen Menschen verletzen oder nicht achten. Psychologische und spirituelle Gewalt verursachen auf ihre Art eben so viele Schäden wie Gewehrkugeln und Bomben.

Gewaltlos zu leben bedeutet mehr als „du sollst nicht töten“. Es bedeutet „du sollst keine Seele verletzen, deine eigene eingeschlossen“.

 

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Singkrise

Vor einer Woche saß ich (weit weg von hier) in einem Gottesdienst und die Band spielte Matt Redmans berühmtes Lied „Heart of Worship“. Die Story dazu ist vielen bekannt: Redmans Gemeinde stellte fest, dass die Lobpreismusik dabei war, zum Selbstzweck zu werden und Gott selbst in den Schatten zu stellen – gerade weil sie so angesagt und mitreißend war. Also verschrieb man sich eine Phase der Entwöhnung und verzichtete auf die Musik – wie die Katholiken auf die Glocken in der Karwoche. In dieser Zeit entstand das Lied, das davon handelt, dass es nicht um Lieder und Musik geht.

So weit, so gut. Es ist wirklich ein schönes und bewegendes Lied. Und es bringt einen zum Nachdenken…

Redmans Gemeinde hat längst wieder begonnen zu singen und „Heart of Worship“ hat überall auf der Welt begeisterte Aufnahme gefunden. Vielleicht, weil es ein Dilemma anspricht, das viele ganz ähnlich empfinden: das Medium entwickelt eine Eigendynamik, es verdeckt mehr als dass es noch Hinweischarakter hätte, geistliche Musik wird zum Konsumartikel.

Aber reicht es, in einem Lied (unter etlichen anderen) darüber zu singen, dass Singen nicht alles ist und manchmal mehr von Gott ablenkt als zu ihm hinführt, ohne dann auch tatsächlich den Ausknopf zu drücken und zu sehen, was denn wirklich passiert, wenn wir mit leeren Händen dastehen, die Stille tatsächlich aushalten, in der der innere Lärm und die Störgeräusche von nichts mehr übertönt werden – und können wir glauben, dass Gott uns dann auch darin begegnet?

Sollte man dieses Lied eigentlich singen, ohne sich die damit verbundenen Herausforderungen tatsächlich zugemutet zu haben? Anders gefragt: Verhindert es am Ende vielleicht genau den Erneuerungsprozess, den es beschreibt?

 

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Wo (das) Fleisch ist, da ist Freiheit

Sascha Lobo stellte gestern in seinem Fazit zur Wahl nicht ohne Befremden fest: „Die Bürger fürchten den Veggie-Day in der Firmenkantine mehr als die Totalüberwachung des Internets.“ Fleischtöpfe statt Freiheitsrechte, das ist ein Thema, das auch in der Bibel schon gelegentlich vorkam.

Nun sind wir gesamtgesellschaftlich bei der Umkehrung des Freiheitsgedankens angelangt, den Paulus in 2.Kor 3,17 formuliert: Die Option des Konsumenten, Fleisch (oder was auch immer sonst) zu konsumieren – und zwar wann, wo, wie oft und in wie viel er will – wird als wichtige Freiheit behauptet. Das ist auch eine Art, sich über die fortschreitende Fremdbestimmung unseres Lebens hinwegzutrösten. Offenbar eine bevorzugte, weil sie uns weder mit den komplexen äußeren Ursachen dieser Unfreiheit konfrontiert noch unsere innere Verstrickung in dieselben beleuchtet.

Die Freiheit des Geistes, von der Paulus spricht, würde bedeuten, sich genau diesen Themen zu stellen und die Angst vor der Auseinandersetzung mit sich selbst wie mit den treibenden Kräften hinter unseren Ohnmachtsgefühlen zu verlieren, um am Ende sogar zu der Hoffnung zu gelangen, dass das Wunder der Freiheit nicht nur in der Innerlichkeit des einzelnen, sondern auch in gesellschaftlichen Beziehungen passieren kann.

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Wer verliert, wenn die Verlierer gewinnen?

Das Thema Macht lässt mir keine Ruhe, weniger wegen der (nun doch noch spannenden?) Wahl am Sonntag, sondern aus einem theopolitischen und soziospirituellen Interesse, das mich seit langem schon begleitet. Gestern habe ich dazu einen langen Post zu Zygmunt Baumans Analyse der Sicherheitsreflexe unserer verunsicherten Gesellschaft geschrieben – die sind im aktuellen Wahlkampf mit Händen zu greifen.

Einen anderen wichtigen Aspekt steuert dieser Artikel von Sven Stillich auf Zeit Online bei. Dort wird unter anderem beschrieben, dass das Bedürfnis, andere Menschen zu demütigen, bei Menschen mit niedriger Anerkennung und sozialem Status deutlich höher ist als bei den „wirklich“ Mächtigen (die Mächtigen mit hohem Status neigen „nur“ zu Überheblichkeit und werden einsam): „Menschen, die ihren eigenen Status als Erniedrigung auffassen, [lassen] bei Machtgewinn oftmals andere darunter leiden.“ Die Wärter von Abu Ghraib waren, so Stillich, Reservisten, auf die der Rest der Truppen im Irak herabsah.

Wer sich als Ohnmächtig erlebt, neigt also zum Missbrauch der wenigen Macht, die ihm noch bleibt. Das ließe sich nun an vielen Beispielen durchbuchstabieren, nicht nur in Syrien und Ägypten, sondern auch direkt vor unserer Haustüre.

Vielleicht ist aber eine andere Frage interessanter: Welche Art von innerer Veränderung ist nötig, damit die ehemals Ohnmächtigen tatsächlich mit Macht und Verantwortung umgehen können? Was lässt sich der perversen Logik der Despoten entgegensetzen, die behaupten, nach ihrer Entmachtung werde alles nur schlimmer?

Das ist auch, ja vor allem eine spirituelle Frage. Möglicherweise liegt hier das Potenzial des Evangeliums, das Menschen die Würde der Gotteskindschaft zuspricht, und das von einem wahrhaft Mächtigen handelt, der sich selbst erniedrigt. Der es nicht nötig hat und für nötig hält, andere seine Überlegenheit schmerzhaft spüren zu lassen. Wie lässt sich das nun so vermitteln, dass es sein revolutionäres Potenzial tatsächlich entfaltet und die Rache- und Gewaltphantasien schon im Keim erstickt?

Einen kleinen Hinweis darauf, wie es aussehen könnte, gibt dieser Bericht über die Arbeit der Franziskaner in der Bronx. Da gewinnen die Verlierer, ohne jemand anderen eine Niederlage beibringen zu müssen.

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Beten: ungekünstelt kunstvoll

Walter Brueggemann ist nicht nur jemand, der die poetischen Texte der Propheten und Psalmisten wunderbar erklären kann, es gelingt ihm auch, dieses sprachliche und gedankliche Niveau in seinen eigenen Gebeten zu halten. Im Vorwort zu einem Sammelband schreibt er, warum ihm das wichtig ist, und bringt das, wie so oft, schön auf den Punkt:

… ich bin zu der Ansicht gelangt, dass vieles öffentliche Beten in der Kirche achtlos und schlampig ist, und dass vieles als Spontaneität durchgeht, was in Wirklichkeit nur der Verzicht auf Vorbereitung ist. Ich glaube daher, dass öffentliche Gebete „gut gesprochen“ werden wollen, auf eine kunstvolle Art; nicht um auf die Kunstfertigkeit selbst aufmerksam zu machen, sondern um die Aufmerksamkeit der betenden Gemeinschaft zu mobilisieren und zu erhalten. Solch ein Gebet muss kunstvoll genug sein, um durchlässig zu werden, so dass die ausgesprochenen Worte Zugänge schaffen für die anderen Mitglieder der betenden Versammlung, diese Äußerungen zu ihren eigenen machen.

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Warum Sterngucker im Vorteil sind

Sternschnuppen am Himmel sind für viele ein bewegendes Schauspiel, auch wenn wir das nur noch ein kleines bisschen „magisch“ finden. Im Augenblick stehen die Chancen ja wieder bestens, und so war ich am Sonntag Abend noch mal draußen, um den Nachthimmel rund um den Perseus zu betrachten – gar nicht so leicht, bei der Häufigkeit genug Wünsche parat zu haben. Irgendwie fühlt es sich schon so an, als würde Gott uns zuzwinkern.

Comet ISON Source: Hubblesite.org

Man kann an diesem Beispiel aber auch schön sehen, wie die Kunst der Aufmerksamkeit funktioniert. Fotografen zum Beispiel empfahl die Wissenschaftsredaktion des BR, einen Weitwinkel und Langzeitbelichtungen zu nutzen, um Sternschnuppen aufs Bild zu bekommen. Ein Teleobjektiv dagegen hätte wenig Sinn, höchstwahrscheinlich würde ich damit immer gerade auf die falsche Stelle zielen.

Aufmerksamkeit bedeutet, das Gesichtsfeld möglichst weit und offen zu halten. Sie ist etwas anderes als die Konzentration auf einen einzelnen Punkt. Weil sie sich ganz wach auf Sinne und Empfindungen richtet, bedeutet Aufmerksamkeit auch, möglichst nicht in Gedanken abzuschweifen in Zukunft (ob meine Fotos gelingen und was ich damit mache), Vergangenheit (warum es beim letzten Mal nicht geklappt hat und was wohl der Grund gewesen sein könnte) oder an einen anderen Ort (wo ich vielleicht eine viel bessere Sicht hätte), sondern in der Gegenwart zu bleiben.

Gerade der weite Horizont der Aufmerksamkeit hat einen befreienden Aspekt. Am Himmel des Augenblicks entdecke ich viele kleine und große Dinge, und plötzlich ist die störende Wolke, über die ich mich geärgert hatte, oder der dunkle Fleck, der mir Kummer oder Angst macht, nur noch eine Sache unter anderen. Immer noch präsent, aber nicht mehr so erdrückend. Immer noch ein reales Gefühl, aber nicht mehr eines, das mich völlig besetzt. „Ich“ bin mehr als diese eine Empfindung, dieser eine Gedanke, ich kann meine Aufmerksamkeit wandern lassen und wieder zurückkehren – in aller Freiheit.

In Jesaja 40 hat das schwer gebeutelte Israel den Eindruck, Gott habe es vergessen. Der Prophet benutzt die Sterne als ein Beispiel für Gottes liebevolle Aufmerksamkeit: So unwandelbar wie der Fixsternhimmel ist auch Gottes Zuwendung. Sein unermüdliches Interesse ist es, das die Sterne jede Nacht wieder pünktlich ihren Platz einnehmen lässt. Und mit derselben aufmerksamen Verlässlichkeit begleitet und lenkt er den Weg seines Volkes durch unergründliche Tiefen und Finsternis auf ein gutes Ende hin – es lohnt sich also, ihm zu vertrauen und aufmerksam abzuwarten, was gerade Unerwartetes geschieht. Der Blick nach oben bereitet uns darauf vor, auch die Dinge vor unserer Nase neu und anders zu sehen:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat die (Sterne) dort oben erschaffen? Er ist es, der ihr Heer täglich zählt und heraufführt, der sie alle beim Namen ruft. Vor dem Allgewaltigen und Mächtigen wagt keiner zu fehlen. Jakob, warum sagst du, Israel, warum sprichst du: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, meinem Gott entgeht mein Recht? Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der Herr ist ein ewiger Gott, der die weite Erde erschuf. Er wird nicht müde und matt, unergründlich ist seine Einsicht.

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Weltbildende Rede

Licht aus Licht. Schöpfung aus Chaos. Leben aus Tod. Freude aus Trauer. Hoffnung aus Verzweiflung. Friede aus Hass.

All deine Gaben, all deine Liebe, all deine Macht. Alles aus deinem Wort, frisch von deinem Wort, alles Gaben deiner Rede. Wir danken für deine welt-bildende Rede.

Danke auch für unser Reden zurück zu dir, die Rede der Mütter und Väter, die es wagten, in Glauben und Unglauben zu reden, in Vertrauen und Misstrauen, in dankbarem Gedenken und in höchstem Schmerz. Wir genießen diese Rede so, wie wir deiner vertrauen.

Höre heute auf das Seufzen und Sehnen deiner Welt, höre auf unsere Lieder der Freude wie auch auf unser Geplagtsein vom Tod und mitten hinein in unser Gestammel sprich dein klares Wort des Lebens

im Namen deines Wortes, das Fleisch geworden ist.

Amen.

Walter Brueggemann nach Psalm 19 (hier gefunden)

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Achsenzucken, oder: Wer bin ich, und wenn ja, wie oft?

Menschliche Identität wird in den verschiedenen Lebensaltern ganz unterschiedlich empfunden, schreibt James Hollis in The Middle Passage. Es ist vielleicht ganz hilfreich, sich das hin und wieder ins Gedächtnis zu rufen:

Als Kind erlebt sich das Ego als abhängig von der Welt seiner Eltern. Nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch. Das Kind identifiziert sich mit seiner Familie. Viele Kulturen haben Mythen und Rituale, die den Abschied aus der Kindesalter und die Verbindung in die weitere Welt begleiten.

Ohne solche Riten erleben viele die Pubertät als verwirrend und destabilisierend. Hollis nennt die Zeit zwischen 12 und 40 Jahren das „erste Erwachsenenalter“. Der heranwachsende Mensch versucht, die „Großen“ nachzuahmen. Die Abhängigkeit des Kindes tritt zurück, beziehungsweise wird sie auf die kollektiv geprägten Rollen des Erwachsenen projiziert: Karriere, Partnerschaft und Elternrolle (und natürlich der „gute Christ“ mit dem „richtigen“ Glauben) verheißen Halt und Sicherheit und dämmen die gelegentlich auftretende Angst ein. Und doch ist dies erst eine recht oberflächliche, schablonenhafte und damit auch vorläufige Identität.

Erst im Übergang zum zweiten Erwachsenenalter brechen die Projektionen zusammen. Die Rollen, die man sich ausgesucht hat, führen keineswegs automatisch zum erfüllten Leben. Enttäuschung und Ernüchterung sind die Folge, der Sinn des eigenen Tuns und Daseins verflüchtigt sich, die Antworten anderer Menschen passen nicht mehr zu den eigenen Fragen. Manche flüchten sich dann in Elternkomplexe und unter den Schirm einer fremden Autorität und die Entwicklung der Persönlichkeit kommt zum Stillstand. Andere stellen sich der neuen Verantwortung, die aus dem Sterben des Egos und erwächst, und fangen an, bewusster und klarer zu leben. Für die entscheidenden Fragen im Leben taugen geborgte Antworten nichts. Die gute Nachricht, schreibt Hollis, die aus dem Tod des ersten Erwachsenenalters folgt, ist dass man sein Leben zurückbekommt.

Die vierte Identität schließlich hat mit dem Bewusstsein der Sterblichkeit zu tun.

Hollis ordnet jeder diese Lebensphasen eine Achse zu: Für die Kindheit ist es die Eltern/Kind-Beziehung. Das erste Erwachsenenalter dreht sich um die Achse zwischen Ego und der äußeren Welt, in der es sich behauptet und einrichtet. Immer, wenn die Achse sich ändert, gerät die bisherige Identität notwendigerweise ins Wanken: Im zweiten Erwachsenenalter bekommt das gedemütigte Ego es mit dem geheimnisvollen Selbst zu tun, das einer größeren Bestimmung folgt als einfach nur zu „funktionieren“, und das der Verstand nie ganz zu fassen bekommt. Die vierte Achse ist die zwischen dem Selbst und Gott: Was ist meine ganz eigene Rolle als vergänglicher Mensch im kosmischen Drama?

Bei aller Konfusion, die diese Übergänge mit sich bringen, ist es doch auch tröstlich, dass wir alle vor der gleichen Aufgabe stehen.

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Der innere Kindergarten

Es ist nicht so, dass wir ein einzelnes Kind in uns hätten, vielleicht verletzt, verängstigt, das gebraucht werden will oder sich zurückzieht, um etwas zu kompensieren, sondern eine ganze Schar von Kindern, einen veritablen Kindergarten, zu dem der Klassenclown gehört, der Künstler, der Rebell und das spontane Kind, das mit der Welt im Einklang ist. So gut wie alle wurden vernachlässigt oder unterdrückt. Daher fördert es die Therapie oft, wenn man ein Gespür für ihre Anwesenheit entwickelt. Gewiss ist das eine Art, Jesu Feststellung aufzugreifen, dass man wieder ein Kind werden muss, um in das Reich Gottes zu kommen.

Sicher müssen wir uns auch mit unserem narzisstischen Kind auseinandersetzen, unserem eifersüchtigen Kind, unserem wütenden Kind, dessen, Ausbrüche oft peinlich und destruktiv sind. Aber noch wahrscheinlicher haben wir die Freiheit vergessen, die wunderbare Naivität, sogar die Freude, wenn man das Leben frisch lebt. Eine der zersetzendsten Erfahrungen der Lebensmitte ist das Gefühl der Vergeblichkeit und Freudlosigkeit, das mit der Routine einhergeht. Und freilich ist das freie Kind, das wir mit uns herumtragen, im Büro selten erwünscht, vielleicht nicht einmal in der Ehe.

James Hollis, The Middle Passage

 

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