Alles im Fluss

Seit dem unerwarteten Wahlausgang werden plötzlich Lösungen diskutiert, die noch Stunden zuvor völlig undenkbar waren. Mal ganz abgesehen davon, wie die Jamaika-Debatte noch endet, finde ich das reizvoll und ein Gewinn für die ramponierte politische Kultur.

Vielleicht ist das ja die Botschaft der Stunde – nicht nur für die Politik: Denkt über ungewöhnliche Koalitionen nach, überwindet alte Frontstellungen und Vorurteile, lasst euch auf ein spannendes und anstrengendes Miteinander ein, denn es geht um die gemeinsame Zukunft und nicht die eigene Bequemlichkeit oder Überlegenheit. Sucht das Gemeinsame und das Verbindende, statt endlos auf den Unterschieden herumzureiten.

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Benebelt?

Meine Tochter kam eben aus der Schule mit interessanten Neuigkeiten: In der Geschichtsstunde haben sie die Wahl und die Berliner Runde besprochen und gerätselt, ob Gerhard Schröder gestern angetrunken war bei seinem Fernsehauftritt. Das wäre eine genial einfache Erklärung für sein seltsames Verhalten – Doris fand es offenbar “krawallig”, andere Kommentatoren peinlich. O-Ton Harald Schmidt: “Es ist erstaunlich, was so ein Mineralwasser auslösen kann!”

Ähnlich benebelte Assoziationen weckt der Ausdruck “Jamaika-Koalition”. Könnte die uns am Ende eine Reggae-ierung bescheren? Passen die Grünen in Angela Merkels Rasta oder steht wieder ein Frisurwechsel an? Warten wirs ab…

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Langweilige Ewigkeit?

Bei einem Spaziergang am äußersten Westzipfel Frankreichs gestern haben wir über die Frage nachgedacht, ob es in der Ewigkeit nicht langweilig werden würde. Ich denke, das wird es sicher nicht, sondern wir haben eine Menge spannender Dinge zu tun. Es beginnt damit, dass die Bibel (wenn man sie nicht durch die neuplatonische Brille liest) glasklar sagt, dass sich “der Himmel” auf der Erde und nicht im Äther abspielt. Ich könnte mir vorstellen, dass Gott uns wieder als Gärtner einstellt und wir alles wieder ins Lot bringen, was die Menschheit in der Schöpfung so zerstört hat über die Jahrhunderte, besonders im letzten. Finistere – das „Ende der Welt“ (in Wirklichkeit nur das Ende Frankreichs…) bietet genug Natur, um sich das vorzustellen: Nachts hörte man ein Käuzchen und der Sternenhimmel war so klar wie er in der Stadt nie ist.

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Aber es geht ja nicht nur um Natur, sondern auch um Kultur:
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Trauer um Frère Roger

Gestern spät abends berichteten die Nachrichten vom Mord an Frère Roger Schutz, dem Prior von Taizé. Es hat mich aus drei Gründen tief bewegt:

Erstens war ich als 14 Jähriger zu Pfingsten in Taizé und habe meine ersten tiefen, bewussten Erfahrungen mit Gott in der Kirche gemacht, in der das Attentat verübt wurde. Dass der Wahnsinn (es war in jedem Fall einer, wenn auch vielleicht kein psychiatrisch relevanter) an diesen Ort dies Friedens vordringen kann, ist schlimm.

Zweitens verliert die Kirche einen großen und eigentlich immer noch dringend benötigten Brückenbauer und drittens verliert der Protestantismus seine wohl größte spirituelle Persönlichkeit, jemand der mit Johannes Paul II. nicht nur auf guten Fuß stand, sondern an Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit gleichziehen konnte und so eine ähnliche Wirkung auf die junge Generation entfaltete. Ein “Heiliger”, ohne Zweifel.

Kein guter Tag. Kardinal Meisner hat festgestellt, dass (wieder einmal!) ein Versöhner und Friedensstifter Opfer einer Gewalttat wurde. Wie hatte Chesterton in seiner Orthodoxie geschrieben? “(A)ny man who preaches real love is bound to beget hate. It is as true of democratic fraternity as of divine love; sham love ends in compromise and common philosophy; but real love has always ended in bloodshed.

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Vergaloppiert

In den Augen vieler denkender Menschen hat unser Ministerpräsident sich in den vergangenen Tagen zunehmend weiter ins Abseits geredet. In Berlin braucht er sich, wenn die Union doch noch gewinnt, jedenfalls nicht mehr sehen lassen. Sicher findet sich der eine oder andere Stammtischbruder, der findet, sowas gehörte schon lange einmal gesagt (da wäre es nur interessant, was derselbe Biertrinker zu anderen Themen denkt…).

Es ist eine Sache, sich zu vergaloppieren. Es ist eine andere, es nicht einzusehen und/oder zuzugeben.
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Evangelikal UND Intellektuell?

Im aktuellen Aufatmen-Heft schreibt Markus Spieker unter dem Titel “Tiefgang und Testosteron” (bitte – geht es denn hier nur um Männer?) unter anderem davon, dass der deutsche Evangelikalismus durch eine geistige (nicht geistliche) Enge bei christlichen Intellektuellen für lange Gesichter sorgt und am Glauben interessierte (noch-nicht-christliche) Intellektuelle kaum noch erreicht. Da hat er wohl Recht.

Noch nachdenklicher hat mich gemacht, dass etwas später eine Liste geistig-geistlicher Vordenker und Vorbilder folgt (Pascal, Kierkegaard, C.S. Lewis, Bonhoeffer), von denen auch noch extra vermerkt wird, dass sie keine Evangelikalen seien. Was zu der Frage verleitet, ob intellektuelle Impotenz (ah, deswegen “Testosteron”?) schon in der Genetik der Bewegung verankert liegt.
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Ausgeschlossen

Eine e-mail hat mich eben an einen Gedanken von neulich erinnert: In Genesis 12 sagt Gott, dass er durch Abraham allen Völkern Segen bringen will und dann kommt (mit höchst problematischer Wirkungsgeschichte) der Satz, dass Gott die verflucht, die Abraham verfluchen.

Manche begründen mit diesem Satz eine Art christlichen Zionismus. Ich denke, dass der Zusammenhang eine ganz andere Deutung nahe legt.
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Gurus, Mentoren und transformatorisches Lernen

Nächsten Samstag wirke ich bei einem Seminar zum Thema “Mentoring” mit und bin mitten in den Vorbereitungen. Dabei bin ich auf einen Artikel von Elizabeth Debold zur Zukunft der Schüler-Lehrer-Beziehung gestoßen. Vielleicht ist er um so interessanter, als ihm der christliche Hintergrund völlig fehlt. Sie setzt sich engagiert und detailliert mit dem Buch “Do you need a Guru?” von Mariana Caplan auseinander. Caplan beschäftigt sich ihrerseits mit der Autoritätskrise östlicher Spiritualität nach den Guru- und Sektenexzessen des 20. Jahrhunderts (zu denen es wenigstens weitläufige Parallelen in verschiedenen christlichen Strömungen gab).

Die Lehrer-Schüler Beziehung als der wichtigste Kontext für echte Transformation – also ein Lernen, das die Person verändert und nicht nur ihren Kenntnisstand – hat im letzten Jahrhundert durch den beispiellosen Vertrauensschwund in so gut wie alle Autoritäten (beziehungsweise deren Integritätsverlust) schwer gelitten. Bezold meint “wir sind zu aufgeklärt, um die Rolle des Abhängigen in einer autoritären Beziehung anzunehmen. und nur allzu oft ist der Wunsch nach einem Lehrer tatsächlich mit all unseren anderen Motivationen vermischt, welche mehr mit Bequemlichkeit und Trost zu tun haben als mit echter Transformation.”
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Orale “Potenz”?

Neulich kam eine der verbreiteten Viagra-Spams mit der netten Formulierung “oral potency pill”. Das wäre eine wesentlich interessantere Variante des Präparats. Zu klären wäre, ob orale Impotenz darin besteht, dass man nichts zu sagen hat oder es nicht in (die richtigen) Worte fassen kann?

Jedenfalls gäbe es einen Markt für die Pillen: “In 30 Minuten zum Power-Prediger”. “Reden Sie Stunden ohne dass ihre Zuhörer einschlafen oder wegbleiben.” Nicht nur Prediger, auch Wahlkämpfer würden sich damit dopen. Wenn keine Kontrollen eingeführt werden! Was, wenn Oskar Lafontaine oder Guido Westerwelle positiv getestet würden? Folgt dann die Disqualifikation bei positiver B-Probe?

Bei Gregor Gysi glaubt niemand, dass er das nötig hätte. Er muss auf seine Gesundheit achten und es könnte mit den Nebenwirkungen Probleme geben. Über die zu spekulieren wäre auch noch spannend.

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Nichts zu verschenken?

Letzten Sonntag habe ich eine sehr inspirierende Predigt über Jesaja 56 gehört, zum Thema Barmherzigkeit. Am Ende stand mir wie aus dem Nichts der Satz vor Augen “Wir haben hier nichts zu verschenken”. Hier treffen sich das Judentum des 5. Jahrhunderts vor und Deutschland im 21. Jahrhundert nach Christus: Man muss nur die Zeitung aufschlagen oder die Nachrichten anschalten. Ganz zu schweigen vom gewaltigen Appell der Live8 Konzerte (auch wenn offenbar nicht jeder den Akteuren oder dem Publikum uneingeschränkte Ernsthaftigkeit unterstellen möchte und Alibi-Aktionen oder Trittbrettfahrer vermutet). Dabei geht es für uns nicht alleine um Geld und Status (die Verengung ist schon Teil des Problems), sondern auch um Anteilnahme, Zeit zum Zuhören, Geduld, Privilegien und vieles andere.
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Galaktischer Film

Aus einem Kultbuch könnte ein Kultfilm werden: Gestern habe ich Douglas Adams‘ “Per Anhalter durch die Galaxis” gesehen. Eine wunderbar schräge Geschichte genial in Bilder umgesetzt, auch dank Aliens aus Muppet-Vater Jim Hensons Werkstatt.

Ganz nebenbei zeigt sie, dass etliches, was heute unter Postmoderne diskutiert wird, schon über 25 Jahre alt ist: Beißender Spott über die Industriegesellschaft (und ihre Umgehungsstraßen), über technischen Fortschritt (Roboter Marvin, der menschliche Psyche simuliert und depressiv wird), über die eine letzte Antwort auf alle Rätsel der Welt, die zwar existiert (typisch modern-reduktionistisch gedacht: eine Zahl), aber niemand kennt die entsprechende Frage dazu. Verkündet wird sie von einer Mischung aus Computer und Buddha-Statue. Weltformel ade.

Kleine theologische Fußnote: Dan Kimball zitiert in “The Emerging Church” Dan Allenders Aussage auf einem Willow Creek (!) Leadership Summit: “Wir sind an Prinzipien orientierte, linear und in Vereinfachungen denkende Menschen, denen Antworten wichtiger sind als Jesus Christus selbst.”

Bingo, Douglas!

Am Ende kehrt Arthur Dent zurück in “sein” Haus, alles sieht aus wie vorher und ist es doch nicht. Die Realität ist nur eine dünne, brüchige Oberfläche. Was wirklich zählt, sind Freunde. Hinterher kann man noch stundenlang nachdenken und darüber reden, was diese oder jene Szene vielleicht alles andeuten wollte. Wirklich sehenswert. Oder gleich das Buch? Die englische Hörbuchvariante, gelesen von Steve Fry, ist auch eine schöne Alternative.

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Liebe und Wahrheit

Diese Woche haben wir einen Abend lang das Thema „Wahrheit“ diskutiert. Eher von der philosophischen Richtung her denn von bestimmten Bibelstellen. Es war recht deutlich, dass der moderne positivistische Ansatz von Objektivität heute nicht mehr trägt. Wir können nicht ernsthaft zurück zu dieser naiven Weltsicht und ihren haarsträubenden Reduktionen (Die Welt/der Mensch/das Leben ist „nichts als…„).

Wahrheit lässt sich aus persönlichen Bezügen herauslösen (die sie immer in gewisser Weise relativieren, wenn auch nicht völlig). Jede Wahrheit ist „irgendjemandes Wahrheit“. Wenn N.T. Wright eine „Epistemologie der Liebe“ vorschlägt, dann wird genau die Illusion neutraler Objektivität aufgegeben. Vielleicht bedeutet es auch, wie Paulus in 1.Kor 13 zuzugestehen, dass unser Erkennen fragmentarisch ist. Deshalb braucht der einzelne die Gemeinschaft, aber auch die verschiedenen (Kirchen-) Gemeinschaften sich gegenseitig und natürlich lernt „die“ Kirche von der sie umgebenden Kultur, selbst wenn diese gar nicht christlich sein sollte – in der Bibel kann Gott durch Esel und heidnische Armeen sprechen, wenn niemand die Wahrheit hören will.
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Vorsicht, eine Organisation!?

Eine schönere Illustration für den Gedankengang von gestern hätte ich mir gar nicht ausdenken können: Emergent US hat einen Hauptamtlichen eingestellt. Riesenfehler: Man verwandte unbedarft den Begriff „Director“. Ein Sturm der Entrüstung brach aus: Es gehe gar nicht um Beziehungen, hier werde unter der Hand eine Denomination gegründet (warum das schlecht wäre, wenn es so wäre, brauchte man gar nicht zu begründen).

Heute hat emergent US korrigiert: Der Direktor ist „nur“ ein Koordinator. Das wird nur manche beruhigen, andere werden ein taktisches Manöver darin sehen und noch misstrauischer werden.

Fakt bleibt, dass Wachstum (und das erlebt emergent US erfreulicherweise!) mehr Koordination nötig macht. Damit auch mehr Organisation und, richtig, auch Leitung. Auch das ist ja nicht weiter schlimm, so lange man nicht prinzipiell und zwanghaft antihierarchisch denkt.

Vielleicht sollten manche der Beteiligten, statt Unkenrufe abzusetzen, doch mal die eigenen Denkvoraussetzungen überprüfen. Es könnte sich herausstellen, dass gerade die, die jede Art Hierarchie beklagen (meist selber „Leiter“ von irgendwas), sich gegen einen notwendigen Entwicklungsschritt stemmen. Meine Familie ist eine Wachstumshierarchie. Irgendwann werden aus ihr neue Familien entstehen. Bis dahin habe ich aber eine gewisse Pflicht, gute Ordnungen zu schaffen und aufrecht zu erhalten, damit wir als Familie wachsen, die Kinder (und wir Eltern) uns gut entwickeln.

Anders geht es ganz offenkundig nicht. Alles Gute, Tony Jones, für den Job bei emergent!

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Richtige und „falsche“ Rebellen

Der Philosoph Ken Wilber hat sehr treffend analysiert, wie postmoderne Dekonstruktion und Pluralismus der „kulturell Kreativen “ (also just die von Paul Ray so bezeichnete Gruppe, in der ich jüngst im Weltbild-Test gelandet bin…) ins Leere laufen können: „Bei dem noblen Versuch (…), über die konformistischen Regeln hinauszugehen (von denen viele in der Tat unfair und ausgrenzend sind), und in dem ehrlichen Wunsch, eine starre Rationalität aufzubrechen (die in vieler Hinsicht repressiv und verdummend sein kann) – also in dem bewundernswerten Bestreben (…), postkonventionell zu werden -, hat es oft jegliches Nichtkonventionelle propagiert. Und zum Nichtkonventionellen gehört nun einmal (…) vieles, das eindeutig präkonventionell, rückschrittlich und narzisstisch ist.“ Anders gesagt: Wer bei allen aneckt, kann manchmal auch den „richtigen“ Gegner bekämpfen. Er ist damit aber noch immer kein Wohltäter, weil es ihm nur um den eigenen Vorteil gegangen ist.

Offenbar ist dieser Narzissmus auch eine Gefahr mancher neuer Ansätze von Kirche. So hat mehr als eine Gemeinde, die ich kenne, Schwierigkeiten bekommen, etwa mit dem typisch postmodern-dekonstruktivistischen Ansatz von Jim Thwaites, der institutionelle Kirche als „Konstrukt“ (!) bezeichnet, das geradezu verhindert, dass der einzelne Christ seine Rolle in der Gesellschaft wahrnimmt und erfüllt. Thwaites vermeidet es, seinerseits konkrete Modelle für die praktische Umsetzung seiner Thesen zu formulieren. Aber wo diese Theologie nun auf frustrierte oder unreife (eben narzisstische) Individuen trifft (ähnlich kann man auch mit Hauskirchen-Theologie verfahren), da wird mit einem seltsamen Eifer „reformiert“. Nur ist es eben oft leicht zu sagen, wogegen man ist, aber viel schwerer, wofür man dann positiv steht.
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