Vorsicht, eine Organisation!?

Eine schönere Illustration für den Gedankengang von gestern hätte ich mir gar nicht ausdenken können: Emergent US hat einen Hauptamtlichen eingestellt. Riesenfehler: Man verwandte unbedarft den Begriff „Director“. Ein Sturm der Entrüstung brach aus: Es gehe gar nicht um Beziehungen, hier werde unter der Hand eine Denomination gegründet (warum das schlecht wäre, wenn es so wäre, brauchte man gar nicht zu begründen).

Heute hat emergent US korrigiert: Der Direktor ist „nur“ ein Koordinator. Das wird nur manche beruhigen, andere werden ein taktisches Manöver darin sehen und noch misstrauischer werden.

Fakt bleibt, dass Wachstum (und das erlebt emergent US erfreulicherweise!) mehr Koordination nötig macht. Damit auch mehr Organisation und, richtig, auch Leitung. Auch das ist ja nicht weiter schlimm, so lange man nicht prinzipiell und zwanghaft antihierarchisch denkt.

Vielleicht sollten manche der Beteiligten, statt Unkenrufe abzusetzen, doch mal die eigenen Denkvoraussetzungen überprüfen. Es könnte sich herausstellen, dass gerade die, die jede Art Hierarchie beklagen (meist selber „Leiter“ von irgendwas), sich gegen einen notwendigen Entwicklungsschritt stemmen. Meine Familie ist eine Wachstumshierarchie. Irgendwann werden aus ihr neue Familien entstehen. Bis dahin habe ich aber eine gewisse Pflicht, gute Ordnungen zu schaffen und aufrecht zu erhalten, damit wir als Familie wachsen, die Kinder (und wir Eltern) uns gut entwickeln.

Anders geht es ganz offenkundig nicht. Alles Gute, Tony Jones, für den Job bei emergent!

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Richtige und „falsche“ Rebellen

Der Philosoph Ken Wilber hat sehr treffend analysiert, wie postmoderne Dekonstruktion und Pluralismus der „kulturell Kreativen “ (also just die von Paul Ray so bezeichnete Gruppe, in der ich jüngst im Weltbild-Test gelandet bin…) ins Leere laufen können: „Bei dem noblen Versuch (…), über die konformistischen Regeln hinauszugehen (von denen viele in der Tat unfair und ausgrenzend sind), und in dem ehrlichen Wunsch, eine starre Rationalität aufzubrechen (die in vieler Hinsicht repressiv und verdummend sein kann) – also in dem bewundernswerten Bestreben (…), postkonventionell zu werden -, hat es oft jegliches Nichtkonventionelle propagiert. Und zum Nichtkonventionellen gehört nun einmal (…) vieles, das eindeutig präkonventionell, rückschrittlich und narzisstisch ist.“ Anders gesagt: Wer bei allen aneckt, kann manchmal auch den „richtigen“ Gegner bekämpfen. Er ist damit aber noch immer kein Wohltäter, weil es ihm nur um den eigenen Vorteil gegangen ist.

Offenbar ist dieser Narzissmus auch eine Gefahr mancher neuer Ansätze von Kirche. So hat mehr als eine Gemeinde, die ich kenne, Schwierigkeiten bekommen, etwa mit dem typisch postmodern-dekonstruktivistischen Ansatz von Jim Thwaites, der institutionelle Kirche als „Konstrukt“ (!) bezeichnet, das geradezu verhindert, dass der einzelne Christ seine Rolle in der Gesellschaft wahrnimmt und erfüllt. Thwaites vermeidet es, seinerseits konkrete Modelle für die praktische Umsetzung seiner Thesen zu formulieren. Aber wo diese Theologie nun auf frustrierte oder unreife (eben narzisstische) Individuen trifft (ähnlich kann man auch mit Hauskirchen-Theologie verfahren), da wird mit einem seltsamen Eifer „reformiert“. Nur ist es eben oft leicht zu sagen, wogegen man ist, aber viel schwerer, wofür man dann positiv steht.
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Reifenwechsel, oder: Zur dunklen Seite der Macht?

Ein heftiges Erdbeben für die Mac-Gemeinde kam gestern abend aus Cupertino: Apple-Boss Steve Jobs läuft über zu Intel, weg von IBM. Es ist eine durch und durch pragmatische Entscheidung, aber sie löst ein mittleres Erdbeben bei all jenen Fans aus, die den Goliath Intel bisher als feindliches Imperium betrachtet haben, gegen das Davids wie Apple (angeführt von „Steve Skywalker“) rebellieren. Hat die dunkle Seite der Macht nun triumphiert, indem sie den Widerstand korrumpiert?

Ich sehe es auch lieber pragmatisch: So lange Macs benutzerfreundlich und sicher bleiben wie kein anderes System auf dem Markt (und wer wollte das bestreiten?), soll hinter der ästhetischen Außenhaut doch alles ticken dürfen, was schnell und stabil genug ist. Von Ferrari erwarten die Fans ja auch, dass es Bridgestone kündigt, wenn die Reifen nicht konkurrenzfähig sind. Mein Weltbild kann solche Erschütterungen verkraften 😉

(Diese Zeilen entstanden auf einem iMac unter MacOS 10.4 „Tiger“)

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Weltbild-Test

Endlich hatte ich ein paar Minuten Zeit, den beliebten Weltbild-Test zu machen. Hier ist mein Ergebnis – Ihr könnt es mit dem Euren vergleichen:

You scored as Cultural Creative. Cultural Creatives are probably the newest group to enter this realm. You are a modern thinker who tends to shy away from organized religion but still feels as if there is something greater than ourselves. You are very spiritual, even if you are not religious. Life has a meaning outside of the rational.

Cultural Creative

75%

Postmodernist

63%

Idealist

38%

Modernist

38%

Fundamentalist

38%

Existentialist

31%

Romanticist

25%

Materialist

6%

What is Your World View? (updated)
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Die Medien, Angie und der Papst

In den letzten Wochen habe ich gleich zwei Mal einen erstaunlichen Umschwung der veröffentlichten Meinung verfolgt: Kardinal Ratzinger wurde sein Image als reaktionärer Ordnungshüter los und zum Vorschein kam ein freundlicher, bescheidener Mann, der zugleich ein brillianter Denker ist.

Nun, da die Bundesregierung die Lust aufs Weitermachen verloren zu haben scheint, wird Angela Merkel neu entdeckt als Hoffnungsträgerin und Intergrationsfigur. Plötzlich heißt sie überall wieder „Frau Dr. Merkel“. Sind das eigentlich die gleichen Leute, die ihr jetzt alles mögliche Gute zutrauen, die sich Monate und Jahre lang über ihre Firsur mokiert und sie immer ein bißchen mitleidig-süffisant runtergemacht hatten?

Welches Bild von den beiden soll ich nun glauben? Liegt die Wahrheit in der Mitte? Wann wird sich der Wind im launischen Blätterwald wieder drehen? Vielleicht müssen wir alle etwas mehr Abstand zur gemachten Meinung finden und selbständiger denken und urteilen lernen? Oder vielleicht ist es ja so, dass man nur weit genug zurück sein muss, um wieder vorn zu stehen – weil alles im Kreis läuft oder ständig die Richtung wechselt? Verwirrend, das Ganze…

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Relativismus und Kultur

Die Art, wie Menschen Glauben und Sinn erleben, ändert sich: „Alle Glaubenssysteme der ersten Liga existieren noch, aber sie haben alle postmoderne Schwierigkeiten: interne Bürgerkriege. Gläubige, die hinein und herauspendeln. Erneuerer, die seltsame Abwandlungen erfinden: Kommunismus mit freiem Markt, feministisches Christentum, esoterische Wissenschaft. Wir leben in einer neuen Welt, einer Welt, die nicht weiß wie sich sich aus dem definiert, was ist, sondern nur aus dem, was sie aufgehört hat zu sein“, sagt Walter Truett Anderson, Präsident der US-Zweigs der World Academy of Art and Science.

Kultur ist das Schlüsselwort für den postmodernen Zugang zu Wahrheit und Werten. In der Moderne lieferte die Naturwissenschaft das Paradigma einer objektiven, logischen und eindeutigen Wahrheit (und verdrängte damit Kirchen, heilige Schriften oder Priester und Propheten, denen offenbarte Wahrheit anvertraut war und die damit Menschen – so argwöhnte man – bevormundeten).

Heute sind es die Kulturanthropologen, durch deren „Brille“ wir Wahrheit betrachten – und wir entdecken, dass es keine absolute Objektivität gibt, sondern Spache und Kultur schon unsere Wahrnehmung und noch mehr unser Denken bestimmen. Unser Verstehen ist nur relativ objektiv.
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Wie bitte?

Manche Lieder sind schön fürs Ohr, aber eine echte Zumutung fürs Hirn. Heute habe ich in einem Treffen „Komm in Vollmacht“ singen müssen. Gott war gemeint. Das Problem ist, er ist der einzige auf der Welt, der das nicht kann (obwohl er natürlich allmächtig ist…). Vollmacht ist ja eine abgeleitete, übertragene Macht, man wird von jemand anderem autorisiert: Dem Staat, einer Institution, einem Mandanten etc. Gott hat keine Vollmacht, nur pure Macht. Der Liedtext ist also widersinnig. Aber wen stört das?

Mein anderer Favorit ist die Zeile Zeilen wie „ich geh im Geist auf die Knie“ (wie macht man denn das, bitte?). Die fromme Phrasensprache im Lobpreis treibt ihre ganz eigenen Blüten. Neulich betete jemand „Danke Vater, dass du für uns gestorben bist“. Das ist selbst nach dem Grundsatz „opera ad extra sunt indivisa“ („nach außen hin sind Gottes Werke nicht aufteilbar“) vermutlich die einzige Ausnahme in der Geschichte der Trinität: Gestorben ist tatsächlich nur der Sohn, und zwar ganz alleine.

Aber hat es jemand gemerkt, dass dieses Gebet etwas seltsam war? Leider nicht. Wir haben aufgehört, unseren eigenen Gebeten aufmerksam zuzuhören. Mir kommt es vor wie Textbausteine, die zufällig zusammenkopiert werden. Vielleicht sollten wir wieder anfangen, weniger und bewusster zu formulieren. Und um Vollmacht beten – für sinnvolle Texte.

Wer gerne weiterlesen und -denken möchte, kommt hier und hier auf seine Kosten.

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Wer möchte „missioniert“ werden?

Ich arbeite gerade an einem Artikel zum Thema „Warum ich nicht missioniere“. Es gab eine ganze Reihe von Anstößen dazu. Etliche Gespräche mit Freunden, aber auch die Lektüre von Brian McLarens Buch „More Ready Than You Realize“ und Teilen von „The Church On The Other Side“.

Die Begrifflichkeit (ein Verb, das aus einem Substantiv gebildet wurde) verrät schon das ganze Dilemma. „Evangelisieren“ ist sprachlich mindestens genau so schlimm. Warum fällt es uns so schwer, natürlich darüber zu sprechen, wie wir mit anderen Menschen über die gute Nachricht ins Gespräch kommen? Jesus konnte das (um gleich die steilste und prägnanteste Schriftstelle anzuführen) in Matthäus 28 noch ganz einfach: Geht – macht zu Jüngern – tauft – lehrt.

Die Künstlichkeit der Begriffe verrät die Künstlichkeit der Bemühungen. Wundert es da noch, wenn „Evangelisieren“ zur Pflichtübung wird und viele Christen trotz aller Seminare und Trainingsmaterialien einen gewissen Widerwillen hegen?

Mein nächstes Projekt wird es sein, eine Reihe von Nicht-Christen zu befragen, ob sie gerne missioniert werden möchten. Ich bin gespannt, welche überraschenden Antworten da kommen. Demnächst mehr zu diesem Thema, und wenn jemand Anregungen hat, her damit…

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Denkmalschutz: Das konservative Dilemma

Ich komme eben von einer Versammlung konservativer Christen – viele nette Leute, fast alle deutlich älter als ich. Der Referent hat mir allerdings das Gefühl gegeben, ich bin im falschen Film. Wieder mal habe ich mich gefragt, ob Christsein und Konservativismus vereinbar ist. Ich glaube es nicht mehr.

Konservative wollen bewahren oder bestenfalls erneuern (nach alten Plänen – wie der Denkmalschutz). Ihr Blick ist rückwärts gewandt. Und auch wenn es natürlich stimmt, dass nicht alles Frühere schlecht war und über Bord geworfen werden darf, so ist das Reich Gottes keine vergangene, sondern allenfalls eine gegenwärtige, aber immer auch eine zukünftige, also noch offene Angelegenheit.

Wann immer wir das vergessen, werden wir konservativ. Dann friert man den Status Quo ein, indem man ihn verklärt. Oder – schlimmer – man klagt andere (die „Liberalen“ oder Modernisierer) als Verräter an. So habe ich es heute gehört. Wer ungewohnte Wege einschlägt, wird der Fahnenflucht verdächtigt. Die „gerechte“ Entrüstung sorgt für eine gewisse Schärfe in der Auseinandersetzung, die die Fronten zusätzlich verhärtet.

Konservativismus macht auch blind, weil er die Perspektive verengt. In den USA haben „konservative“ Christen George Bush an der Macht gehalten, weil er in die zwei Reizthemen Abtreibung und Homosexualität besetzt hat. Und – natürlich nicht zu vergleichen, sondern unendlich viel schlimmer! – weil Hitler sich als Konservativer gebärdete, sind 1933 viele „Fromme“ auf ihn hereingefallen und haben viel zu spät gemerkt, was sie angerichtet hatten.

Natürlich gibt es viele Dinge, die man nicht einfach über Bord werfen kann. Aber unser Heil liegt nicht im Blick zurück. Am Ende der Industriegesellschaft, der Aufklärungskultur, des Nachkriegs-Wohlstands und des christlichen Abendlands überwiegt die Diskontinuität. Wer das nicht begreift, läuft Gefahr, zur musealen subkulturellen Blase zu degenerieren. Auch so kann man wohl etliche Generationen überdauern.

Jesus – haben wir das vergessen? – wurde als Revolutionär hingerichtet. Zwar hat man das bewusst missverstanden, indem man ihn als „gewaltbereit“ einstufte. Aber er war gefährlich! Und seinen Nachfolgern legte man zur Last, sie würden den Erdkreis in Aufruhr versetzen, die Welt auf den Kopf stellen.

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