Was sich momentan in Polen abspielt, unterstreicht wieder einmal, dass man Freiheit betätigen muss. Da haben bei sensationell niedriger Wahlbeteiligung die autoritären Kaczynskis den Sprung an die Macht geschafft und sorgen nun – etwa im selbst inszenierten Karikaturenstreit mit der taz und ihrer Koalition mit noch schrägeren Gestalten – für allerlei Misstöne, die letztlich dem ganzen Land nur schaden können. Freiheit ist wie ein Muskel: Wer ihn nicht beansprucht, schwächt ihn.
“Der Fisch stinkt immer vom Kopf her”…
… sagte diese Woche ein ob des holprigen Verfahrens beim Gesundheits-Kompromiss erzürnter zorniger SPD-Funktionär und meinte die Kanzlerin, nicht aber den Vizekanzler – der ist ja aus den eigenen Reihen.
Weil es ein Sprichwort ist, widerspricht niemand. Dafür hat man Sprichwörter ja, sie nehmen uns das Selberdenken ab. Ohne es für den konkreten Fall verifizieren oder widerlegen zu können, frage ich mich, ob es denn immer so simpel ist. Bequemer ist es allemal, “die da oben” für alles verantwortlich zu machen, was einem nicht passt, ohne selbst in die Schusslinie zu geraten?
Hat jemand das mal überprüft – an Fischen? Vielleicht stimmt es ja nicht mal da. Dann können wir die Phrase getrost entsorgen. Wir haben noch genügend komplizierte Probleme zu lösen, wo wir es nicht allen Recht machen können. Da wird es noch vieles geben, was dem einen oder anderen stinkt.
Sternstunden des Sportjournalismus II: “Was ist das für ein Gefühl?”
Kompliment an Monica Lierhaus: In unzähligen, fast schon kreativen Variationen stellte sie heute auf der Fanmeile den Akteuren die Frage, was sie empfinden. Martina kommentierte dazu nur süffisant: „Das sind doch alles Männer. Denkt sie wirklich, dass sie eine Antwort bekommt auf diese Frage?“
Sie bekam eigentlich auch keine. Seit Generationen antworten Sportler bei solchen Ereignissen mit dem ausweichenden Hinsweis, dass sie bestimmt erst in etlichen Tagen gänzlich begreifen werden, was sich am Tag des Erfolgs ereignet hat. Diesen semantischen Haken können auch unsere Nationalspieler schlagen. Nur unsere Moderatoren versuchen es immer aufs Neue. Vielleicht sind auch die Berufsschwätzer urlaubsreif?
Sternstunden des Sportjournalismus I: Macht Klinsmann weiter?
Ein superpeinliches Kapitel des WM-Jouralismus spielt sich seit dem kleinen Finale gestern abend ab: Jeder meint, er müsse der erste sein, der Jürgen Klinsmann das Versprechen entlockt, dass er weitermacht. Wenn das so weitergeht, sagt er nur deswegen ab, um diesen Nervensägen nicht wieder über den Weg laufen zu müssen.
Angela Merkel hat gestern gesagt, der größte Gefallen, den man Klinsi tun kann, ist ihm Zeit zu geben für seine Entscheidung. Als ich darüber nachdachte, habe ich begriffen, dass die beiden tatsächlich Freunde sind und es kein Zufall war, dass der Bundestrainer die Kanzlerin im Daimler-Stadion umarmt hat wie das zuvor kaum jemand in der deutschen Öffentlichkeit mit ihr gemacht hat.
Erwachsen Beten
Ich arbeite an einer Predigt zum Thema Gebet, die ich gern “erwachsenes Beten” nennen möchte. Wer will, kann hier mit einem Kommentar zu diesem Post also noch das Schlimmste abwenden 😉
Der Grundgedanke ist, dass sich unsere Beziehung zu Gott im Laufe der Zeit verändert, uns manchmal aber nicht klar ist, wie und warum. Und plötzlich “funktionieren” Dinge nicht mehr so wie früher. Die Unmittelbarkeit und Naivität der Anfangszeit wird durch Fragen und Zweifel erschüttert, weil Gott sich scheinbar zurückzieht.
Das Glaubensleben wird auf einmal komplizierter. Die einen verdrängen das und singen noch etwas lauter, beten etwas angestrengter und formulieren ihre brüchigen Parolen etwas dogmatischer und trotziger, andere resignieren still und hören auf oder halten treu, aber ohne große Erwartung an einer guten Gewohnheit fest.
And I can’t quite remember how to pray anymore
I can’t quite remember what to say anymore
If it turns out that I can’t have my way anymore
How will I know which way to turn, when I walk out the door?
There’s a molecule of faith in this room
What they used to call the mustard seed
There’s a molecule of faith in this room
And a book that says that’s all I’ll ever need
I don’t know where it is, but I hope I find it soon
Cause nothing else will ever set me free
There’s a molecule of faith in this room
And even though it’s much too small to see,
If I have the courage to believe
I’ll find the one who left it here for me
Stubborn (Psalm 151) by Lee Ann Womack
Freiheit – flach oder tief?
Im LebensArt Team hatten wir eine interessante Diskussion über Freiheit. Jemand sagte, dass man durch eine Entscheidung wie zum Beispiel Heiraten seine Freiheit einschränkt. Mich hat an dem Gedanken etwas gestört, und dann begriff ich, dass es in Wahrheit umgekehrt ist: Durch eine Entscheidung nutze und betätige ich meine Freiheit, selbst wenn ich mich festlege. Sie wird dadurch nicht geringer, sondern wirklicher.
Sich alles offen zu halten (was Bruder Paulus als “flächendeckende Suche” beschreibt) ist nur die Illusion von Freiheit, nach dem Motto “Ich könnte jederzeit…” Echte Freiheit hat dagegen immer mit Mut und Verantwortung zu tun. Mut, sich zu entscheiden und bestimmte Dinge mit ganzer Hingabe zu tun. Verantwortung, weil ich zu meinen Entscheidungen samt deren (oft unabsehbaren) Folgen für mich und andere stehe: Partnerschaft, Berufswahl, mein spiritueller Weg.
Positiv überrascht
Wenn mir noch vor kurzem jemand gesagt hätte, ich könnte Countrymusik gut finden, hätte ich das weit von mir gewiesen. Seit ich das neue Album der Dixie Chicks Taking The Long Way kenne, ist das anders.
Die Musik alleine wäre es noch immer nicht ganz, aber die intelligenten Texte heben sich angenehm ab von viel heiler-Welt-Lyrik, die in dem Genre sonst oft schablonenhaft transportiert wurde. Manches davon trifft bei mir momentan gefühlsmäßig voll ins Schwarze.
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Freundliche Selbstbespiegelungen
Wer meint, die emerging church hätte es mit der Selbstreflexion auf die Spitze getrieben, muss mal den deutschen Blätterwald ansehen. Auf mysteriöse Weise hat sich die Abwärtsspirale der Selbstkritik umgekehrt.
Eine Nation entdeckt die Begeisterung
über die eigene Nation
und ist davon total begeistert
Das können wirklich nur wir 🙂
Zeitgemäß Feiern
Weil niemand weiß, wie lange wir noch Grund zum Feiern haben bei dieser WM, tun wir nach jedem Spiel so, als wäre das schon der Titel. Verkehrskollaps in den Innenstädten, lärmende Verbrüderung mit konkurrierenden Teams, Schwarz-Rot-Gold allenthalben und so weiter.
Heute habe ich zwei Autos mit portugiesischer Fahne hupend vorbeifahren sehen. Vor ein paar Jahren (EM? WM?) hat Italien ein Viertelfinale gewonnen und die Tifosi haben in Nürnberg den Altstadtring dicht gemacht. Ich blieb im Verkehr stecken, weil ich nicht mit so viel Siegestaumel gerechnet hatte.
Warum fahren eigentlich nicht nächstes Jahr an Ostern mal Christen aus allen Gemeinden mit dem Auto hupend in die Stadt, schwenken Fahnen (‚tschuldigung, auf kanaanäisch: “Banner”), nehmen ein paar Flaschen Abendmahlswein mit (und Traubensaft…), grölen “so ein Tag” und verbrüdern sich mit jedem, der vorbei kommt – Materialisten, Muslimen, Mormonen, …?
Da muss man nicht viel organisieren, das bleibt anders als viele Gottesdienste nicht unbemerkt und es macht manchen von uns sogar Spaß. Vielleicht eine etwas flottere Version der Fronleichnams-Prozessionen
Mein Höhlengleichnis
Gestern waren wir zu viert in der Schönsteinhöhle. Ein eindrückliches Erlebnis: atemberaubende Tropfsteinformationen, glitschige Kletterpartien, schließlich auf dem Bauch durch den Schlamm robben. Zwischendurch habe ich fast einmal den Koller bekommen, aber Thomas war ein guter Führer. Alleine hätte ich mich hoffnungslos verfranst. Weil er so viel Ruhe ausgestrahlt hat und mir glaubhaft versicherte, dass hinter einer unangenehmen Kriechpassage ein lohnenswertes Ziel (oder der Rückweg) zum Eingang lag, habe ich meine eigenen Widerstände überwinden können.
Beim Nachdenken hinterher fiel mir auf, dass es Lebenssituationen gibt, wo es wie in einer Höhle zugeht, aber ganz unplatonisch: Der größte Fehler, den man machen kann, ist es allein zu versuchen. Die Gefahr, sich zu verirren, in “ein Loch zu fallen”, stecken zu bleiben oder (noch wahrscheinlicher) durchzudrehen ist erheblich. Also brauche ich jemanden, der ruhig bleibt, der den Weg kennt, der selbst die Engpässe durchgestanden hat und weiß, dass dahinter ein weiter Raum liegt. Dann kann ich meine Angst und Fluchtgedanken herunterschlucken und mich auf das konzentrieren, was vor mir liegt, und es wird schließlich eine gute Erfahrung.
Emerging Gummibären (Martin Rauh zum 40. Geburtstag)
Seit einigen Jahren macht der emerging Gummibär zunehmend von sich reden. Hatte der moderne Gummibär in der Form des Goldbären (Tagesproduktion: 80 Millionen) über Generationen zusammen mit der Colaflasche hinweg die Regale der Warenhäuser dominiert, versank er in den vergangenen Jahren in einer Flut neuartiger Gummiprodukte. Die Globalisierung öffnete die Menschen für andere, exotische Geschmäcker. Eine existenzielle Krise war die Folge: Sollten Gummibären sich dem Pluralismus des Supermarktes beugen? Waren also synkretistische Gummimischungen angesagt: Bären, Flaschen, Schnuller, saure Pommes oder gar bislang als okkult verschrieene Vampire und Chiliteufel? Noch schwerer wog die Frage, ob über die Ökumene der Fruchtgummis hinaus Berührungen mit den Zucker- und Gelatine-Ersatzstoffen denkbar und legitim waren. Kann man süß sein und doch zuckerfrei, um all denen gerecht zu werden, die keinen Zucker mögen oder vertragen?
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Fans von einander werden
Anlässlich einer Traupredigt habe ich über Hebräer 10,24 nachgedacht, wo es darum geht, auf einander zu achten und einander zu guten Taten anzufeuern. Wenn man das mal so kurz vor der WM mit Fußballfans – nicht mit Hooligans! – vergleicht (die Autorin bzw. der Autor des Hebräerbriefs macht ja auch Anleihen beim Sport), dann erkennt man einige Parallelen, die nicht nur, aber eben auch für Ehepaare gelten:
- Fan werden ist etwas lebenslängliches und Schicksalhaftes, für das man oft keine plausiblen Gründe angeben kann. Man muss nur mal Nick Hornbys “Fever Pitch” dazu lesen, um es zu verstehen. Ein Fan wechselt nicht einfach den Verein.
Der Altmeister
Bob Dylan, den der Independent respektlos schon zum 50. Geburtstag als “Rob Zimmerframe” bezeichnete, wird 65. Als heute morgen alle Hausbewohner in die Schule verschwunden waren, habe ich mir zum Gedenken eine Runde seiner Klassiker aus “Live at Budokan” gegönnt, richtig laut. Irgendwie fühle ich mich mit ihm verbunden, weil wir beide im gleichen Jahr (1979) zum Glauben fanden – freilich aus recht unterschiedlichen Richtungen.
Christsein ist laut Wikipedia immer noch ein wichtiges Thema, auch wenn Dylan nicht mehr mit der Tür ins Haus fällt wie in der Anfangszeit. Der australische Theologe Ben Myers hat als Hommage auf seinem Blog unter anderem ein paar kryptische Dylan-Zitate zusammengetragen.
Uns fällt die Decke auf den Kopf…
Die Angst der Gallier vor dem Himmel, der ihnen auf den Kopf fallen könnte, wurde heute mitten im Gottesdienst ganz plastisch nachvollziehbar. Etwaige Predigtschläfer wurden unsanft unterbrochen, denn rund zwei Quadratmeter Stuck lösten sich von der Decke und fielen zum Glück so herab, dass nach meinem augenblicklichen Wissensstand mehrere Erwachsene (danke, Gernot, für die Info!) blaue Flecken oder Prellungen und ein Baby einen Kratzer am Kopf davontrugen. Eine Person hatte eine Platzwunde am Kopf. Alles in allem trotzdem Grund, Gott dankbar zu sein für die Bewahrung. Da hätte sehr viel mehr und Schlimmeres passieren können. Ein bis zwei Kilo Gips und Mörtel aus 8m Höhe hätte auch tödlich sein können, gerade bei den Kleinen.
Familiengeschichte in nuce
Nach gut 17 Jahren haben wir kürzlich unser altes Bett ausrangiert. Über 6000 Nächte (und Tage) hat es hinter sich und war gegen Ende etwas wacklig geworden. Es war das dienstälteste Möbelstück im Haus. Beim Zerlegen zogen Erinnerungen vorbei – an romantische Abende mit Kerzenschein und Weinglas, schlaflose Nächte wegen Sorgen oder quakender kleiner Quälgeister, diverse Krankheiten; an manche schwierige und viele gute Gespräche, an glückliches und ratloses Schweigen, Tränen und Gekicher, an Gähnen und müde Augen am Abend, verschlafenes Blinzeln am Morgen; an vier Kinder, die gestillt wurden, zum Kuscheln kamen, auf der Matratze hopsten oder getröstet werden mussten nach Kummer und Albträumen – und die unaufhaltsam größer wurden.
Keine Ahnung mehr, wie viele Bücher ich in diesem Bett gelesen habe, wie viele Ideen und Gedanken mir vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen gekommen sind und noch viel weniger, was ich in diesem Bett wohl so alles geträumt habe. Jetzt steht ein neues da – mit “Himmel”. Wenn das keine Verheißung ist…




