Anfragen an Alan Hirsch: Institution und Amt

Ich denke immer noch über Alans spannende Impulse nach. Hier sind noch ein paar Fragen:

Anti-institutionelle Thesen, wie sie ab und zu in der Debatte um überschaubare, einfache oder “organische” Gemeindestrukturen vorkommen, hier in der Kritik zum Stichwort “Christendom”, also dem Zeitalter institutionellen (Staats-)Kirchentums seit Konstantin, passen gar nicht so übel zum Zeitgeist. Und gegen Konstantin zu schießen ist seit Gottfried Arnolds Unparteiischer Kirchen- und Ketzerhistorie (1699) nicht unbedingt originell. Angriffsfläche bietet das Thema Kirche und Staat genug. Aber ab einem bestimmten Punkt, wenn Kirche ein Faktor des öffentlichen Lebens wird, muss man es wohl einfach mal regeln.

Das kann man sicher geschickter oder weniger geschickt tun. Natürlich verkrusten und degenerieren Institutionen auch, aber wenn man gar keine größeren und komplexeren Strukturen schafft, dann wird man auch die Kultur eines Landes nicht beeinflussen. Nun muss das nicht Immobilienbesitz und Hierarchie oder Beamtenapparat (oder wie in den USA christliches Fernsehen, Lobbyismus und Marketing) bedeuten, aber wenn man nachhaltig ein Land mit prägen möchte (und das nicht anderen überlassen, oft mit bösen Folgen), dann muss man die Herausforderung anpacken – auch als bewusste Minderheitenkirche.

Meine andere Anfrage ist die nach Amt und Hierarchie. In der Untergrundkirche Chinas mag es zutreffen, dass es netzwerkartige Strukturen gab und sich Dienste im Sinne von Epheser 4 entwickelt haben. In der alten Kirche zwischen den Jahren 100 und 300 aber sehen wir, wie das Bischofsamt etwa unter Polykarp von Smyrna, Tertullian und später Cyprian von Karthago einen stetigen Aufstieg nahm, noch mitten unter den Verfolgungen.

Seltsamerweise reden die Kirchenväter, auch wenn die Ämterstruktur bunter und flexibler war als die späterer Jahrunderte, nicht vom fünffältigen Dienst, sondern es gibt vorwiegend Bischöfe, Diakone und Presbyter. Ist das nur eine Frage der Begrifflichkeit oder wird das Thema “fünffältiger Dienst” (finde ich sympatisch, gerade in der “APEPT”-Version von Hirsch/Frost) hier etwas überstrapaziert und eher hinein- als herausgelesen? Mir geht es nicht darum, hier das Bestehende zu rechtfertigen. Nur muss man in der Argumentation doch auf diese Probleme gründlich eingehen, oder?

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2 Antworten auf „Anfragen an Alan Hirsch: Institution und Amt“

  1. Danke sehr für deine Gedanken – auch in den Gesprächen die wir kürzlich geführt haben.

    Ich frage mich auch immer wieder, wie normativ der so genannte ›fünffältige Dienst‹ für die Gemeindepraxis ist. Die Ergänzung durch unterschiedliche Persönlichkeiten und Gaben/Fähigkeiten leuchtet mir ein, aber müssen diese immer in die angesprochenen Kategorien passen?

    Die angesprochenen Fragen nach dem wie Gemeinde „geleitet“ wird stelle ich auch in meiner Master-Thesis, weswegen mich auch gerade interessieren würde, welche Literatur du zur Beschäftigung mit Kirchenstruktur für die ersten 300 Jahre Kirchengeschichte empfehlen würdest?

  2. Hallo Peter,
    ich war auch auf dem Kongress für Gemeindeinnovation und auch mich bewegen die Fragen dieses Kongresses schon seit über einem Jahr.
    Was Deine Anfrage an Alan Hirsch bzgl. des Amtsverständnisses angeht, so verstehe ich es so, dass Alan Hirsch die Begriffe Apostel, Prophet, etc. nicht als Ämter auffasst, sondern funktional versteht. Damit wäre es möglich, dass in der Alten Kirche zwar der Begriff Bischof verwendet wurde, dieser aber z.B. apostolische Funktionen ausgeübt hat. Dennoch stellt sich auch mir die Frage, warum der fünffältige Dienst nicht stärker im Neuen Testament oder den frühkirchlichen Schriften behandelt wird, wenn er von so zentraler Bedeutung ist.
    Auch für mich stellen sich noch eine Menge Fragen. Alan hat seine Grafik zwar einzeln erklärt, aber wie das Gesamtbild nun aussieht und wie es dann daraus zu einer Multiplikationsbewegung kommt, ist für mich noch offen geblieben. Würde mich interessieren, ob Du dazu Gedanken hast.
    Liebe Grüße, Thomas

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