Geist der Kritik

Mike hat einen nachdenklichen Post zum Thema “Kritik” geschrieben. Mir fiel dazu ein, dass ich vor einigen Jahren mit einem Freund für eine christliche Zeitschrift eine Glosse fabrizierte (es war die April-Ausgabe – aber es nützte nichts, die meisten haben es doch wörtlich genommen, obwohl es reichlich absurd war).

Später haben wir dann gehört, dass in einer kleinen Freikirche ein Disput darüber ausbrach. Einer der Anwesenden fand, das könne nicht ernst gemeint sein. Der Pastor war anderer Meinung (zu Unrecht, wie sich später heraus stellte). Also warf er dem anderen kurzerhand vor, er habe einen “Geist der Kritik”. Dumm gelaufen…

Diese Formulierung ist auch eine Möglichkeit für Nicht-Päpste, sich für unfehlbar zu erklären. Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich (und, natürlich, auch gegen Gott). Gestützt wird das in einem solchen Milieu mit Aussagen über Gottes “Gesalbte”, gegen die man nicht die Hand (und natürlich auch nicht die Stimme) erheben dürfe, ohne sich schlimmstes Gericht einzufangen. Seufz…

Andererseits: Es gibt wirklich auch dämliche und kleinkarierte Kritik. Aber vielleicht ist es dann besser, man erklärt, warum man das dämlich und kleinkariert findet – sprich: man prüft sich selbst und konfrontiert den anderen dann gegebenfalls mit seinen Fehlern im Anbringen der Kritik (oder dem, was man dafür hält) – anstatt mit irgendwelchen Geistern anzukommen.

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Verwarrener Ethik Code

Rick Warren schlägt aktuell einen Ethik-Code für verheiratete Mitarbeiter (Hauptamtliche vermutlich) vor, der in apodiktischer Sprache neben einer Reihe vernünftiger Anweisungen auch folgende Vorschläge enthält, die der Meister notfalls auch mit dem Baseballschläger (das meint er nicht ernst, oder doch?) durchzusetzen gewillt ist, um Ehebruch und Unmoral in den eigenen Reihen zu verhindern. Zunächst die gute Nachricht – der Schleier wird nicht eingeführt. Warrens Gebote lauten unter anderem vielmehr so:

  • Thou shalt not go to lunch alone with the opposite sex.
  • Thou shalt not have the opposite sex pick you up or drive you places when it is just the two of you.
  • Thou shalt not kiss any attender of the opposite sex or show affection that could be questioned.
  • Thou shalt not visit the opposite sex alone at home.

Ich frage mich, ob das erstens den gewünschten Erfolg bringt und zweitens in dieser Form erwachsenen Menschen angemessen ist. Wenn das jemand so machen möchte, schön. Aber als “Gesetz”? Keine Küsschen (Punkt 3) – geschenkt; aber welcher Ausdruck von Zuneigung kann denn nicht in Frage gestellt oder missverstanden werden?

Ich kenne natürlich die Geschichten nicht, die zu diesen Maßnahmen geführt haben. Trotzdem: Müsste man nicht an ganz anderen Stellen ansetzen und das Verhältnis eher entkrampfen, so dass nicht jeder Kontakt gleich verdächtig erscheint und Leute ins Grübeln bringt – ganz abgesehen davon, wie kompliziert alles wird, wenn man sich nicht mehr traut, jemanden im Auto irgendwohin mitzunehmen? Leuten helfen, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und damit verantwortlich umzugehen?

Und schließlich: Muss es eigentlich immer nur das andere Geschlecht sein, das einen in Verlegenheit bringt? Erinnert alles ein bißchen an Wal-Mart, auch wenn Unverheiratete in Saddleback (noch?) mit einem Exemplar des anderen Geschlechts Essen gehen dürfen.

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Englisches Blog

Eben habe ich mein englisches Blog angefangen – auf aboutlife.com. Ich habe etwas mit der Benutzeroberfläche gekämpft bis ich festgestellt habe, dass die Eingaben mit Safari nicht klappen, mit Firefox dagegen schon. Gut so, denn englisch zu schreiben ist schon anstrengend genug.

Wenn jemand von Euch eine Einladung zu about life, der Web-Community von Alpha International, möchte, schreibt mir eine kurze Mail. Ich bin gespannt, wie sich die Sache entwickelt.

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Was man(n) so sucht

Es ist schon erstaunlich, mit welchen Suchbegriffen mancher Surfer auf diesem Blog landet. Eigentlich war ich versucht, sie hier mal aufzulisten, bis ich begriff, dass ich damit nur noch mehr skurrile “Treffer” von Google & Co erzeuge.

Vielleicht versuche ich es mal mit einer Umschreibung: Jemand suchte in unzweideutiger Absicht (Suchwort 1, hat 3 Buchstaben und hört mit “x” auf) jüngst nach “Frauen”. Wichtig schien der Zusatz “ohne finanzielle”, der die Auswahl deutlich einschränken dürfte. Vielleicht hat der virtuelle Schürzen- und Schnäppchenjäger den Post über David Schnarch wenigstens ganz gelesen, bevor er weitergeklickt (oder sich eines Besseren besonnen) hat.

Oder eben suchte jemand “techem, die mafia”. Das macht neugierig, aber ich werde die Hintergründe wohl nie erfahren. Der “allmächtige Google”, wie Andrew Jones sagt, sieht und findet alles, was unsereins so bloggt; aber er verrät es auch gleich jedem, der fragt – egal in welcher Absicht der sucht. Manchmal, wenn ich hier vor mich hin tippe, ist mir das gar nicht so präsent. Jetzt wieder mehr.

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„Zum Materazzi werden“

Heute morgen habe ich eine Predigt über Feindesliebe gehört. Zwei Szenen standen mir dabei sofort vor Augen: Erstens die Lage im Libanon, wo die Hisbollah es mit asymmetrischer Kriegsführung geschafft hat, Israel dazu zu bringen, sich durch seine überharte Gegenwehr selbst ins Unrecht zu setzen. Das ist dann wieder Wasser auf die Mühlen des Iran und der von dort unterstützten Terroristen.

Das andere Bild: Zidane und Materazzi – letzterer ist inzwischen in der Öffentlichkeit zum archetypischen Fiesling geworden (vielleicht ist er privat ja doch ein netter Typ?). Hätte Zidane mit Kuß statt Kopfstoß geantwortet (man hätte auf dem Video später auch noch Materazzis Lippen lesen und disziplinarisch ahnden können), wäre er als ganz großer Held gegangen. So wurde er selbst ein Stück weit zum „Materazzi“.

Wenn mich also jemand dumm anmacht, habe ich die Wahl, mich von ihm in meiner Reaktion bestimmen zu lassen (indem ich hinterher sage, ich hätte im Grunde keine Wahl gehabt, wie die Israelis, wie Zidane…). Oder ich sehe, wie ich die Spirale anhalte, indem ich mir meine Antwort nicht diktieren lasse. Natürlich darf ich dabei Unrecht beim Namen nennen, das mir angetan wird. Nur eben Hass und Gewalt und unfaire Mittel sind tabu. Verachtung übrigens auch (etwa das naserümpfende “nicht mein Niveau…”). Den Feind lieben bedeutet trotzdem nicht, alle Selbstachtung in den Wind zu schlagen und ihm alles durchgehen zu lassen.

Im Gegenteil. Und nun, wo ich das schreibe, fällt mir gerade eine Situation ein von letzter Woche. Also, mal überlegen…

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Eschatoklesiologie ;-)

Seit meiner kleinen Zusammenstellung von Moltmann-Zitaten neulich habe ich mich weiter mit der Frage beschäftigt, ob die eigentliche Verschiebung in der Diskussion um emerging church nicht so sehr in der Christologie oder Ekklesiologie (Lehre von der Kirche), sondern in der Eschatologie (die “letzten Dinge”) zu suchen ist. Dafür spricht meiner Meinung nach folgendes:

  • Wir sprechen hier von Zukunftsfragen. Also spielt nicht nur die kurzfristige Erwartung eine Rolle, sondern genauso unsere Vorstellung davon, auf was Gott im Großen und Ganzen eigentlich hinaus will.
  • Ekklesiologie hat (und das hat Moltmann schön herausgearbeitet) immer einen eschatologischen Horizont. Reichs- und Mehrheitskirchen neigen dazu, Erwartungen auf ein noch ausstehendes Kommen und Wirken Gottes zu unterdrücken, während Minderheits- und Märtyrerkirchen genau das herbeisehnen und darum beten.
  • Die entscheidende Verschiebung zwischen Moderne und Postmoderne liegt in der Eschatologie: Die Moderne ging vom weltimmanenten Fortschrittsprinzip aus, das erstens einen stetigen, linearen Aufstieg annahm und sich selbst als das angebrochene goldenen Zeitalter der Menschheit begriff, während die Denker der Postmoderne entdeckt haben, dass aller “Fortschritt” ambivalent ist und nur der vom goldenen Zeitalter reden kann, der auf der Sonnenseite unserer globalen Wirtschaftssysteme lebt. (N.B.: Emergenztheorien kann man als Versuch verstehen, monokausales lineares Fortschrittsdenken zu öffnen und zu überwinden, ohne es nur abzulehnen und damit in totaler Ziellosigkeit zu enden).

Die Frage, wie sich Christen zur “Welt” im umfassenden (und nicht zwangsweise negativen) Sinn verhalten, ist eine Frage der Eschatologie. Wer davon ausgeht, dass das Reich Gottes in einem bestimmten System (christlicher Kaiser, Staat der Pilgerväter, aufgeklärte Demokratie etc.) im Grunde schon angebrochen ist, tut sich schwer mit Kritik an den sozialen Verhältnissen und wird die Kirche als Instrument des Staates verstehen, die sich im günstigsten Fall in eine ideale Gesellschaft hinein auflöst.

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Und wenn du denkst, es geht nicht mehr…

kommt von irgendwo ein Tröpfchen Testosteron her. Zu früh gefreut, die A-Probe von Herrn Landis war positiv. Wenn sich das bestätigt, dann hätte es kaum schlimmer kommen können für den Radsport. Pereiro als Sieger und Klöden (wenn sie denn sauber waren, nehmen wir das mal an) als Zweiter werden sich nicht freuen können, überhaupt wäre alles renntaktisch anders gelaufen.

Gestern stand in Bild “Spinnt Ullrich?”. Heute muss man fragen, was denn in Landis gefahren ist, so dreist zu agieren? Hat sich da jemand in der Dosis vertan, dass es herauskam? Vielleicht hätte man Phonak doch die Lizenz entziehen sollen. So lange Mogeleien im Spitzensport wie Kavaliersdelikte behandelt werden (obwohl es um gewaltige Summen geht – schönen Gruß an Tante Juve), werden wir wohl immer wieder von solchen Enthüllungen erschüttert

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Eine Wolke

Ich habe schon lange nicht mehr so fasziniert (und erwartungsvoll) das Regenradar verfolgt wie heute nachmittag…

Eine Wolke, klein wie eine Menschenhand, steigt aus dem Meer herauf. Darauf sagte Elija: Geh hinauf und sag zu Ahab: Spanne an und fahr hinab, damit der Regen dich nicht aufhält. Es dauerte nicht lange, da verfinsterte sich der Himmel durch Sturm und Wolken und es fiel ein starker Regen.

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Tour 2006: Mensch(en), wie spannend!

Gestern totgesagt, heute auferstanden: Floyd Landis bei der Tour de France. Seit die gedopten Stars weg sind, wird der Radsport wieder aufregend. Es treten keine Maschinen an, sondern wirkliche Menschen, die am einen Tag unerklärlich schwach und am nächsten unglaublich stark sein können. Gibt es ein besseres Argument für sauberen Sport?

Ganz nebenbei: Gott findet auch nichts interessanter und spannender als wirkliche Menschen mit ihren Höhen und Tiefen. Gut, sich mal wieder dran zu erinnern.

Und noch eins: Vielleicht sollte T-Mobile Landis verpflichten – dann wäre er „Pink Floyd“ 😉

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Die Kunst des Zuhörens

Mit ein paar Leuten kam ich auf das bekannte Phänomen zu sprechen, dass 100 Besucher desselben Gottesdienstes – hinterher befragt – anscheinend 150 verschiedene Predigten gehört haben. So weit, so gut. Dann aber kamen wir auf die Frage, wie wir (ob Predigt oder nicht) überhaupt zuhören. Jesus kennt das Phänomen auch, wenn er in Markus 4,12 davon redet, dass man hören kann, aber trotzdem nichts versteht.

Ich kenne eine Reihe wirklich guter Zuhörer, aber auch das Gegenteil, wo Leute völlig in ihrer eigenen Gedankenwelt bleiben und selektiv nur das aufnehmen, was da unmittelbar eine Resonanz hervorruft. Der Rest fällt unter den Tisch und der Beitrag des anderen war nur der Anstoß, um mit den eigenen Gedanken fortzufahren. Das Interesse ist dabei weniger darauf gerichtet, was der andere sagen, sondern was man selbst hören möchte (“was mir gut tut”).

Manchmal tut es mir aber gut, aus meinen eigenen Gedanken herausgerissen zu werden, selbst wenn das anstrengend ist. Ich meine das jetzt nicht als Vorwurf, aber gutes Zuhören ist eine Kunst. Meine Tagesform wird schwanken, aber ich kann besser darin werden. Es wird eine bewusste Anstrengung sein, aber dafür auch mehr abwerfen als das oberflächliche und passiv “konsumierende” Hören.

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Bloß nicht zu weit werden…?

Meine Moltmann-Lektüre hat mich wieder dran erinnert: Vor ein paar Jahren schrieb ich für eine christliche Zeitschrift einen Bericht, wie Alpha Kurse die verschiedenen Konfessionen verbinden und Gräben überwinden helfen. Mein Titelvorschlag “Alpha-Söhnung” wurde allerdings abgelehnt und fiel der freiwilligen Selbstzensur zum Opfer. Bis heute weiß ich nicht, ob die Redakteure nur Angsthasen waren oder die Leserschaft tatsächlich so intolerant, dass man bei einem harmlosen Wortspiel mit Kündigungen der Abonnenten rechnen musste.

Egal. Jedenfalls ist in manchen Kreisen die Vorstellung, dass Gott am Ende ein paar mehr Leute in den Himmel lassen könnte, als die eigene Dogmatik das vorsieht, ein rotes Tuch. Warum eigentlich? Sollte der Gedanke – ob wir ihn nun für plausibel und begründbar halten oder nicht – wenigstens enorm sympathisch und wünschenswert sein? Sollten wir nicht lieber unsere unvermeidlichen Irrtümer auf der großzügigen statt der kleinkarierten Seite begehen wollen?
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Die finale Verstimmung

Die Diskussion um Zidane und Materazzi ist noch lange nicht beendet. Frage an alle Interessierten: War das Zidanes wahrer Charakter, der da zum Vorschein kam, oder hat Zidane unter extremer Anspannung gegen sein eigentliches Wesen gehandelt – out of character, wie die Engländer sagen, ein “Ausrutscher”?

Werden in Zukunft die Spieler mit einem Funkmikro versehen, damit man wie bei der Formel 1 den “Streckenfunk” abhören kann und Entgleisungen mit einer “Durchfahrt durch die Boxengasse” ahnden kann? An manchen Stellen wird sogar gemunkelt, Italien könne am Ende der Titel aberkannt werden. Unvorstellbar – auf so viele Dummheiten muss man doch nicht noch eine draufsatteln. Wer sollte davon etwas haben?

Bei aller Tragik, dass Italien völlig unnötigerweise gerade gegen “uns” das beste Spiel während dieser WM abgeliefert hat: Wieviel schöner war das “kleine” Finale. Keine Platzverweise, viele Tore, Abwechslung und tausend versöhnliche Gesten. Luis Figo, Olli Kahn und, wie wir seit heute wissen, auch Jürgen Klinsmann nehmen würdevoll Abschied. Ehrlich: Lieber so positiv und fröhlich Dritter als Finalist oder Champion mit einem fadem Beigeschmack.

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Muskelspiele

Was sich momentan in Polen abspielt, unterstreicht wieder einmal, dass man Freiheit betätigen muss. Da haben bei sensationell niedriger Wahlbeteiligung die autoritären Kaczynskis den Sprung an die Macht geschafft und sorgen nun – etwa im selbst inszenierten Karikaturenstreit mit der taz und ihrer Koalition mit noch schrägeren Gestalten – für allerlei Misstöne, die letztlich dem ganzen Land nur schaden können. Freiheit ist wie ein Muskel: Wer ihn nicht beansprucht, schwächt ihn.

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