Blitzableiter-Mission

Christian Morgenstern hat sich – wie über vieles Andere auch – über manche Eigenarten religiösen Redens lustig gemacht, zum Beispiel in dem Gedicht vom Heiligen Pardauz:

Im Inselwald ›Zum stillen Kauz‹,

da lebt der heilige Pardauz.

Du schweigst? Ist dir der Mund verklebt?

Du zweifelst, ob er wirklich lebt?

So sag ichs dir denn ungefragt:

Er lebt, auch wenn dirs mißbehagt.

Er lebt im Wald ›Zum stillen Kauz‹,

und schon sein Vater hieß Pardauz.

Dort betet er für dich, mein Kind,

weil du und andre Sünder sind.

Du weißt nicht, was du ihm verdankst, –

doch daß du nicht schon längst ertrankst,

verbranntest oder und so weiter –

das dankst du diesem Blitzableiter

der teuflischen Gewitter. Ach,

die Welt ist rund, der Mensch ist schwach.

Der Name „Pardauz“ fällt sofort auf, er gehört zu den aussterbenden Begriffen (heute hieß der vermutlich „boing!“), allerdings war er das zu Morgensterns († 31.3.1914) Zeiten sicher nicht. Aber wer das Wort noch versteht, denkt unwillkürlich an jemand, der durch die Gegend stolpert oder irgendwie linkisch agiert. Und so passt das Linkische und „Kauzige“ zur implizierten vormodernen Weltferne, die in der Kombination von Insel und Wald besteht. Ein verschrobener Einsiedler also.

Es folgt die Auseinandersetzung des Gläubigen mit dem Zweifler. Welche Rolle spielt es denn für den Bewohner der modernen Großstadt, was der Heilige in seinem Hain tut und lässt? Der säkulare Adressat dieser Worte schweigt vermutlich nicht deshalb, weil er zweifelt, sondern weil er das Ganze verständlicherweise für vollständig irrelevant hält, worauf der Gläubige seine missionarische Botschaft mit einem trotzigen „so sag ichs dir denn ungefragt“ intoniert und die Ablehnung seines Gegenübers schon vorwegnimmt („auch wenn dirs missbehagt“).

Solche Töne begleiten die Affirmation des Glaubens: „Er lebt – es gibt ihn wirklich. Er lebt am angegebenen Ort, und das hat auch eine Vorgeschichte, die durch die Gleichnamigkeit mit dem Vater aber ins Zeitlose aufgelöst wird. Und dann wird die Not-Wendigkeit seiner Existenz aus der Warte des Wissenden herablassend („mein Kind“) erläutert: Der Mensch hat als „Sünder“, der er ist (etwa weil er zweifelt?), vom Leben im Grunde nur Böses zu erwarten – darauf deutet die für schaurige Ergänzungen offene Liste der „teuflischen Gewitter“. Allerdings steht der Missionar vor der schwierigen Aufgabe,einem eigentlich recht zufriedenen Sünder dessen gefährliche Lage dringlich bewusst zu machen.

Dabei überfällt ihn, noch während er redet, die fromme Melancholie. Denn es sind aus seiner Perspektive ja gerade die treuen Fürbitten des Heiligen, die dem Sünder eben jene Sorglosigkeit ermöglichen, aus der heraus er die Existenz des Mittlers und „Blitzableiters“ für unerheblich halten kann. „Die Welt ist rund“ (wie bei Sepp Herberger der Ball, zitierte der am Ende also Morgenstern?) und von dieser unumstößlichen Gewissheit aus geht es zur nächsten: „der Mensch ist schwach“.

Und so finden der Missionar und sein widerstrebender Adressat, religiöse und säkulare Weltdeutung, so fremd sie einander bleiben, doch noch einen gemeinsamen Nenner im Fatalismus, der alles beim Alten lässt. In der Schwachheit treffen der überforderte Evangelist und der desinteressierte Agnostiker sich wieder.

Wenn Papst Franziskus diese Woche in Evangelii Gaudium mahnt, Jesus müsse „aus den langweiligen Schablonen befreit werden, in die wir ihn gepackt haben“, gehört dazu auch die Schablone des „Blitzableiters“ (zumal der auch noch den Zorn Gottes abfängt), mit der das Relevanz- und Plausibilitätsproblem wundersam gelöst wird, oder die Schablone mythischer Zeitlosigkeit und Weltferne? Vielleicht wäre endlich auch der Pendelschwung zwischen Trotz und Melancholie überflüssig?

Freilich: Morgensterns Karikatur entspringt ja der puren Lust am Schabernack (ein Wort, so alt wie „pardauz“). Und der ernsthafte Theologe hat längst seinen Psalm 1 gelesen und mit solchen Spöttern rein gar nichts am Hut!

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Tragischer Verlust

Wenn nächstes Jahr die WM in Brasilien stattfindet, bleibt Zlatan der Große allein zu Haus. Indigniert gab der schwedische Superstar gestern nach der Pleite gegen Portugal den epischen Satz zu Protokoll: „Eines ist sicher. Eine WM ohne Zlatan lohnt sich gar nicht anzuschauen.“

Das animiert zur Nachahmung, und vielleicht tröstet das den Untröstlichen ja auch ein bisschen: Eine WM ohne Zlatan ist…

  • wie Schweden ohne Stechmücken
  • wie Paris ohne Touristen
  • wie der Club ohne Abstiegssorgen
  • wie die FIFA ohne Sepp Blatter
  • wie Große Koalition ohne Horst Seehofer
  • wie die Kanzlerin ohne den Verband der Automobilindustrie
  • wie Neapel ohne Vesuv
  • wie Verfassungsschutz ohne Neonazis
  • wie die NSA ohne Internet
  • wie Gerhard Schröder ohne Putin
  • wie Limburg ohne Dom

 

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Transatlantischer Kälteschock

Als Obama seine zweite Amtszeit antrat, haben einige Kommentatoren geschrieben, nun habe er die Chance, doch noch ein großer Präsident zu werden. Eine Wiederwahl sei nicht möglich, nun könne er befreit von Zwängen und Erwartungen das Gute und Richtige tun.

Derzeit sieht es jedoch nach dem Gegenteil aus. Mag sein, dass wir nun Obamas wahres Gesicht sehen, aber den wenigsten dürfte gefallen, was sich da zeigt, nämlich der distanzierte Drohnenkrieger und Datenscanner. Das Komitee für den Friedensnobelpreis wird seine Vorschusslorbeeren vermutlich längst bereut haben. Matthias Rüb hat die Empfindungen vieler in der FAZ schön auf den Punkt gebracht:

Hinter der „coolness“ von Obama verbirgt sich eine kalte Machttechnik, die Wählergruppen, Völker und ganze Weltgegenden nur als Datencluster erfassen kann. Altmodische Tugenden der Diplomatie wie Geschichtsbewusstsein, Verlässlichkeit oder Vertrauenspflege sind Obama fremd. Statt mit Staatsgästen über die Familie zu plaudern und dabei die Grundlage für persönliche und politische Partnerschaft zu schaffen, lässt sich Obama lieber von seinen Adlaten die neuesten Zahlenkolonnen, Abhörprotokolle und Satellitenaufnahmen präsentieren.

Jetzt, wo alle verstehen, wie Obama das mit dem „Zuhören“ unter Verbündeten tatsächlich gemeint hat, sind neue Allianzen gefragt, die dazu helfen, sich technologisch vom allzu großen Bruder und seinen seltsamen Definitionen von Freundschaft und Partnerschaft zu emanzipieren. Ob unsere zukünftige Regierung den Mut hat, für Bewegung zu sorgen, bleibt abzuwarten. Dass allen Ernstes die Herren Pofalla und Friedrich wieder ins Rennen geschickt wurden diese Woche, die sich in dieser Sache ja schon durch außergewöhnlichen Mut und bestechendes Urteilsvermögen ausgezeichnet haben, spricht leider kaum dafür.

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Pausenbild (2)

Knapp drei Wochen Urlaub liegen vor mir – Zeit, einen Gang herunterzuschalten, ein paar schöne Ecken aufzusuchen, ein gutes Buch (oder zwei, oder drei…) aufzuschlagen und die Nase in den sommerlichen Wind zu hängen!

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Der Jona-Komplex (3)

Wir kennen alle die Geschichte mit dem Fisch, mit dessen Hilfe Gott Jona wieder auf „Los“ setzt. Im Bauch des Fischs wird Jona merkwürdig gesprächig und offen, aber die wundersame Veränderung hält nicht lange an. Man muss sie daher auch nicht lange kommentieren.

Immerhin: Der zweite Anlauf sieht anfänglich besser aus: Jona geht auf Gottes erneute Anweisung tatsächlich in die große Stadt – den Hort des Bösen. Ein Tag wenig enthusiastischer Verkündigung dort bringt eine Wirkung hervor, von der andere Propheten nur träumen können: Wie schon die Seeleute glauben auch die Bürger von Ninive bereitwillig.

… viel zu bereitwillig?Es ist ja kaum zu glauben, wie leicht das geht.

Mann und Maus in Ninive flehen Gott auf Geheiß des Königs an, sie zu verschonen – sogar die Tiere fasten mit, um Gott noch umzustimmen. Dabei hatte Jona die Möglichkeit ja gar nicht erwähnt, dass Gott es sich anders überlegen könnte! Aber wie schon die Seeleute im ersten Kapitel unterstellen auch die Menschen in Ninive Gott zu allererst, dass er barmherzig ist.

… und sie behalten Recht!

Jona, der selbst gerade Barmherzigkeit erfahren hatte und dessen Leben verschont wurde, ist alles andere als glücklich über diese Entwicklung. Der einzige akzeptable Ausgang seiner Mission wäre der, dass Gott seine Drohung wahr macht. So, wie für viele Christen der einzig akzeptable Ausgang der menschlichen Geschichte der wäre, dass Gott seine Drohungen wahr macht und alle, die anders glauben und leben als man das selbst für richtig hält, dafür im Jenseits büßen lässt?

Sie übersehen, dass der Gott der Bibel eine lange Geschichte von Drohungen hat, die ihm später leid taten. Und dass genau das vermutlich auch ihr eigenes Glück ist, dass Gott gar nicht um jeden Preis Recht behalten will.

Warum also nicht hoffen, dass die Hölle am Ende vielleicht leer ist? Wäre Gott dann zu harmlos? Wäre alle Verkündigung Zeitverschwendung?

Aber Gott ist nicht harmlos. Und er ist noch nicht fertig mit Jona.

Ein interessantes Licht auf diese Erzählung werfen manche Gedanken aus Arno Gruens Buch Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden. Für Gruen besteht ein Zusammenhang zwischen autoritären Gesellschaften und strafenden, Gehorsam fordernden Gottesbildern – beides hat sich mit den ersten Großreichen entwickelt (parallel dazu fand eine Verschiebung von Kooperation zum Wettkampf statt und eine Objektivierung der Welt, die Gruen ähnlich wie Iain McGilchrist mit einem kulturell bedingten Ungleichgewicht zwischen den Hemisphären des Gehirns in Verbindung bringt). Gruen schreibt:

Seit aber Kampf, Eroberung und Unterdrückung das Leitmotiv unserer Weltzivilisation bilden, wird alles, was auf emphatischen Wahrnehmungen [sprich: „Barmherzigkeit“…] gründet, als schwach eingestuft. Leid, Schmerz und Trauer wurden zum Fluch des Männlichen und daher aus dem Bewusstsein verdrängt. […] Angst wird auf diese Weise zum Kern des eigenen Seins: Die Angst, den Erwartungen nicht zu genügen; aber auch die Angst, eigene Gefühle zu haben; und schließlich die Angst, weil Selbst-Sein ungehorsam zu sein bedeutet. (S.36)

Diese Kultur der Unterwerfung und des Gehorsams gegenüber Autoritäten, so Gruen weiter, führt zum Feinddenken: Wer die Regeln verletzt, wer ungehorsam ist, muss ausgeschlossen werden, weil er das unterdrückte Ich an die eigenen mühsam verdrängten Aggressionen erinnert, die es sich aber keinesfalls eingestehen darf, weil eben jene Kultur mit ihren Göttern, Instanzen und autoritären Protagonisten das eigene Überleben garantiert und sichert:

Man muss dann den Feind im Außen finden, um ihn für die Demütigung der erlebten, selbstverschuldeten Unterjochung zu bestrafen, die man nicht zugeben darf. (S. 39)

Die Gehorsamskultur fördert aber eben auch den Buchstabenglauben, ein äußerst ungesundes Verlangen nach Eindeutigkeit. Und so beharrt Jona auch dann noch darauf, Gott müsse seine Drohung in allen Einzelheiten wahr machen, als dem Leser schon sonnenklar ist, dass es nicht mehr dazu kommen wird. Die Menschen in Ninive nimmt Jona als Mitmenschen gar nicht mehr wahr, nur als anonyme Masse und als Objekte des Zorns. Für Kuscheltheologie hat er keine Zeit. Und weil Gottes Zorn ausbleibt, qualmt nun Jona mächtig vor sich hin.

Vor ein paar Wochen legte ein Tornado eine Kleinstadt in den USA in Schutt und Asche. Viele Christen fuhren dorthin, um den Überlebenden beim Wiederaufbau zu helfen. Es gab aber leider auch andere Stimmen: John Piper dagegen twitterte Hiob 1,19: „Und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß auf die vier Ecken des Hauses und warf’s auf die jungen Leute, daß sie starben; und ich bin allein entronnen, daß ich dir’s ansagte.“ Sein erster Impuls war nicht Mitleid mit den Opfern, sondern es ging darum, klar(!)zustellen, dass sich hier ein Bibelwort erfüllt. Es ging, anders gesagt, schlicht ums Recht haben.

Ein autoritäres Gottesbild verhindert die Identifikation mit menschlichem Leid; und da auch das eigene Leid unterdrückt werden muss, betrachtet man das Leid anderer sogar noch mit einer gewissen Genugtuung. Irgendein „biblischer“ Grund lässt sich schon finden, warum die das verdient haben könnten.

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Danke, Dallas!

Dallas Willard ist gestern im Alter von 77 Jahren gestorben. John Ortberg hat einen bewegenden Nachruf auf ihn verfasst. Für mich ist der Autor von The Divine Conspiracy (leider nicht ins Deutsche übersetzt!) einer der originellsten und tiefsinnigsten christlichen Denker unserer Zeit gewesen.

Für mich persönlich gehört er in die Top Ten zum Thema Spiritualität und Glaube. Für die vielen Anregungen, die ich durch ihn bekommen habe, bin ich unendlich dankbar. Vielleicht ist das ein guter Anlass, sein Verschwörungsbuch wieder aus dem Regal zu ziehen und noch einmal zu lesen.

Willard zitiert in seinem großen Werk über das Reich Gottes Dwight L Moody. Der hatte gesagt: Eines Tages werdet ihr hören, dass ich tot bin. Glaubt es nicht. Ich werde lebendiger sein als je zuvor.

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Barmherziger ist gerechter

Eine Welle der Anteilnahme hat gestern die Nachricht ausgelöst, dass Rick Warrens jüngster Sohn sich das Leben genommen hat. Die Familie Warren, die für ihren Sohn lange gekämpft und mit ihm gelitten hat, hat das ebenso verdient wie viele andere, weniger bekannte Menschen, die mit dem Suizid eines Angehörigen zurecht kommen mussten und müssen. Die meisten von uns kennen betroffene Familien und wir alle ahnen, was für ein schwerer Schatten damit auf ihr Leben gefallen ist.

Freilich ist diese positive Anteilnahme in der Geschichte christlicher Moralvorstellungen ein relativ junges Phänomen. In früheren Zeiten wurden Selbstmörder nicht kirchlich bestattet oder zumindest nicht in „geweihter Erde“. Familien fürchteten die Schande und das böse Gerede der anderen und deshalb wurden viele Selbstmorde geleugnet oder vertuscht. Trauern musste man dann ganz heimlich. Heute schütteln wir – völlig zu Recht – darüber nur noch den Kopf.

Theoretisch kann man mühelos „biblisch“ begründen, warum es eine Sünde ist, sich das Leben zu nehmen. Aber wird man damit der konkreten Situation und vor allem Motivation dessen gerecht, dem seine Lage womöglich so ausweglos erscheint, dass er keine andere Lösung findet? Und hilft man mit der kategorischen Verurteilung und der sozialen Ächtung einer solchen Tat (und damit auch der Person, die sie begeht und sich nicht mehr von ihr distanzieren kann) denen, die mit den Folgen leben müssen und sich ohnehin oft genug schon mitschuldig am Tod des geliebten Menschen fühlen?

Wie gesagt, das alles muss man zum Glück kaum noch jemandem erklären. Die Frage wäre, ob man diesen Fortschritt nun noch auf ein paar andere Situationen übertragen könnte, wo das mit der Annahme und Barmherzigkeit und dem Aussetzen des Urteils noch nicht so gut funktioniert.

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Wahnsinnig interessant

Ein ausgesprochen spannender TED-Talk des Journalisten Jon Ronson über Geisteskrankheit, seelische Gesundheit, einseitige Wahrnehmungen, vorschnelle Urteile und die Schwierigkeit, hier überhaupt eine klare Unterscheidung zu treffen.

Wer erst einmal im Verdacht steht, ein Psychopath zu sein, kann eigentlich fast nichts mehr richtig machen. Ist das Fazit zu pessimistisch? Es klingt jedenfalls fast wie ein Kommentar zum Fall Mollath.

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Bemerkenswerte Selbstkritik

Vor ein paar Wochen lief Töte zuerst auf Arte und in der ARD. In den letzten Tagen hatte ich zwischendurch Zeit, die Aufnahme in mehreren Etappen anzusehen. Der Film dokumentiert die Geschichte des Schin Bet, Israels Inlandsgeheimdienst, und dessen unbarmherzigen Kampf gegen den Terror – den palästinensischen zumindest, denn militante jüdische Fanatiker wurden vom Parlament nach kurzer Haft begnadigt.

Dabei kommen mehrere ehemalige Chefs zu Wort, die wenig Gutes über die Besatzungspolitik ihres Staates zu sagen haben. Wie klar und reflektiert sie reden, das verdient großen Respekt (erst Recht, wenn man das mit unseren pannen- und skandalgeplagten Verfassungsschützern vergleicht). Hoffnungsvoll klingt keiner von ihnen, aber immerhin wird klar: Es gibt schlicht keine Alternative zu Friedensgesprächen, und man muss mit allen reden, selbst mit dem Iran.

Die derzeitige Führung scheint daran kein großes Interesse zu haben, wie die verhaltenen Reaktionen auf Obamas Werben für den Friedensprozess zeigen. Benjamin Netanjahu soll sich geweigert haben, den Film überhaupt anzuschauen. Am 16. April wird er auf Arte wiederholt, wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte unbedingt einschalten oder den Aufnahmeknopf drücken.

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Des Papstes neue Kleider…

Lieber Peter Rollins,

seit dem Apostel Paulus ist es keinem christlichen Theologen mehr gelungen, eine „Narrenrede“ im Stil von 2. Korinther 10 hinzulegen. Paulus, der den von obskuren „Superaposteln“ verwöhnten Korinthern nicht nur paradox den Spiegel vorhält, in dem sie ihre eigene Blasiertheit erkennen konnten, sondern der auch noch den Jargon und die Superlative seiner Kritiker ins Absurde zieht. Und der dreist genug ist, von der äußeren Armseligkeit seiner eigenen Existenz die Verbindung zu leidenden Christus zu ziehen.

Doch jetzt, das muss ich anerkennend sagen, hat Paulus in Dir einen kongenialen Nachfolger gefunden. Und ein paar Zeilen Werbetext reichen dazu aus:

the Idolatry of God event has been carefully curated to provide a stage upon which the most innovative and paradigm shifting evolution in Christian thought and practice can be presented. Calling into question the most basic assumptions concerning faith that are shared by theists and atheists alike a radical form of faith collective will be explored that has the potential of usurping the dying church in its currently existing form.

Einfach genial, wie Du hier die Superlative des frommen Marketing vorführst: Der „innovativste Ansatz überhaupt“, und zwar nicht nur Theologie, sondern auch Praxis. Hoch überlegen, egal ob man der „sterbenden Kirche“ angehört oder schon Atheist ist. Und dann wird auch noch eine feindliche Übernahme der Konkursmasse religiösen und areligiösen Denkens in Aussicht gestellt. Weltherrschaft!

Christen und Atheisten werden ihre Grabenkämpfe aussetzen und auf deine Provokation anspringen. Sie werden Dich als neuen gemeinsamen Feind entdecken, ihre Differenzen begraben und vereint gegen Dich antreten. Und damit wird Dir gelingen, was seit 200 Jahren oder mehr nicht möglich war, nämlich Frieden zu schaffen in einer ganz neuen Dimension.

Denn Dein Ziel ist es ja gar nicht, sie zu überwinden oder zu widerlegen – zumal Dein Cocktail aus zusammengewürfelten Paradoxien von Johannes vom Kreuz, Heidegger/Bultmann, frühem Barth und Zizek alles ja andere als bahnrechend neu ist – sondern sie mit der Aussicht auf einen leichten Sieg im theologischen Boxkampf zum Übermut zu verleiten und dazu zu bringen, am Ende über ihre eigenen Füße zu stolpern – Dekonstruktion im wahrsten Sinn des Wortes. Argumentativ ist den Taschenspielertricks, mit denen Du Glauben und Unglauben ständig vertauschst, ja gar nicht beizukommen. Wer es versucht, hat schon verloren, weil Du Dich im entscheidenden Moment in ein unscharfes „Kollektiv“ verwandelst, dessen Position unbestimmbar ist.

Und schließlich führt das Hypermarketing für Euren Event in Belfast die Superlativrhetorik des frommen Kommerzes und Konferenztourismus souverän vor. Wenn die ganz Unentwegten dann im April bei Euch auf der Matte stehen, werden sie nichts anderes sehen, als ein paar nachdenkliche Leute, die sich redlich mühen, das mit Jesus irgendwie zu kapieren und praktisch umgesetzt zu bekommen, und die dabei irren und scheitern. Sie werden sehen, dass sie das dort, wo sie sind und leben, auch ganz leicht schaffen, gern dahin zurückkehren und sich zusammen mit anderen unspektakulären Leuten fragen, was es wohl bedeutet, Gott und ihren Nächsten zu lieben. Denn wer genau hinsieht, erkennt in Dir trotz der theatralischen Pose des Besserzweiflers den weinenden Propheten, der die „sterbende Kirche“ liebt und ihre Auferweckung ersehnt.

Daher suggeriert das Projekt „Pyrotheology“ ein rauschendes Feuerwerk, das in Wirklichkeit aus einem einzigen Knallfrosch besteht – aber wir beide wissen ja auch: Schon ein Knallfrosch reicht aus, dass jemandem, der hoch zu Ross daherkommt, der theologische Gaul durchgeht. Und wenn darnach einem solchen schmerzhaften Sturz alle demütig und rechtschaffen ernüchtert über sich selbst begriffen haben, dass sie nur da stark sind, wo sie zu ihrer Schwäche stehen und sich gegen allen Augenschein an Gott halten, dann ist das Ziel erreicht und die Evolution 1950 Jahre nach Paulus ans Ziel gekommen. Gott sei Dank! Das neue Zeitalter ist angebrochen, Phönix emergiert aus der Asche toter Tradition und die widersprüchliche Widerspruchsfreiheit bisheriger Inkarnationen des Glaubens weicht einer widerspruchslosen Widersprüchlichkeit, der sich niemand mehr entziehen kann. Halleluja.

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Frommer Irrsinn

Wir sind sicher nicht die einzigen, die das betrifft, und es ist nicht das erste Mal, dass es mir auffällt. Da haben wir mit „Gott im Berg“ ein Projekt entwickelt, das gut läuft und auch bei Menschen auf Zuspruch stößt, die sonst kaum in kirchlichen Veranstaltungen auftauchen.

Kaum aber machen die ersten „Erfolgsmeldungen“ die Runde, setzt der fromme Tourismus ein. Diese Woche schrieb eine Gemeinde, sie wollten am Karfreitag mit einem ganzen Bus kommen, grob geschätzte Fahrzeit 45 Minuten einfach. Aber das sind nicht die Leute, für die wir uns die Arbeit machen, sondern es geht uns um unsere Nachbarn, Arbeitskollegen und Mitbürger, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß kommen können, Fahrzeit unter 15 Minuten.

Ich habe immer noch nicht begriffen, was für Christen so toll daran ist, die Veranstaltungen anderer Christen zu besuchen, selbst wenn die etwas origineller sein sollten als die eigenen. Da setzt man sich doch besser auf den Hosenboden und denkt sich selbst etwas aus. Wenn ich höre oder lese, dass anderen etwas gelingt, dann freut mich das und spornt mich an, aber ich organisiere doch keine Busreise! Wenn uns (gewiss: liebe und wohlmeinende) Mitchristen den Keller verstopfen, dann haben wir dadurch weniger Zeit und Ruhe für die Menschen, die uns wirklich am Herzen liegen.

Aber vielleicht hat sich das in einer gewissen Szene längst eingebürgert, weil viele Macher von „evangelistischen“ Veranstaltungen etwas zahlenverliebt sind und dabei vorsichtshalber schon gar nicht mehr fragen, wie das Verhältnis von alten Hasen und „Neuen“ überhaupt aussieht. Plakate und Flyer scheinen sogar bevorzugt an Mitchristen aller Art versandt zu werden, ohne zu vermerken, dass die es zwar gerne weitergeben dürfen (oder auch jemanden einladen und begleiten), aber ansonsten tunlichst daheim bleiben sollten und etwas Vernünftiges tun, statt hier zu konsumieren, oder aus Solidarität zu erscheinen, oder was auch immer sonst die Motivation sein mag.

Lässt sich dieser Irrsinn irgendwie abstellen? Wir haben in diesem Jahr einem christlichen Fernsehsender abgesagt, weil wir nicht ohne Grund fürchten, ein Bericht würde sich ungünstig auf die Besucherstruktur auswirken. Zum Glück sind wir dort auf Verständnis gestoßen. Das ist schon mal ein guter Anfang.

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Torn (6): Vom braven zum bösen Buben

Die Geborgenheit, die Justin Lee nach seinem Entschluss, Gott bedingungslos zu vertrauen, erlebt, muss sich wenig später in verschiedenen Situationen bewähren. Davon handeln die nächsten beiden Kapitel von Torn. Rescuing the Gospel from the Gays-vs.-Christians Debate.

Justin meldet sich bei einem Pastor seiner Baptistengemeinde zu einem Seelsorgegespräch an. Dort beschreibt es seine Situation: Er ist homosexuell und die Ex-Gay-Geschichte ist nicht sein Fall. Auf die Frage, was er nun tun solle, antwortet sein Gegenüber, so lange er sich auf kein Verhältnis mit einem anderen Mann einlasse, dürfe er gern weiter zum Gottesdienst kommen. Andernfalls freilich nicht. Er wird, so kommt das an, ab sofort lediglich unter Vorbehalt geduldet.

An der Uni sind inzwischen Gerüchte im Umlauf, er sei schwul. Fromme Kommilitonen fangen in scheinbar unverfänglichen Gesprächen plötzlich an, einschlägige Bibelstellen zu zitieren. Trost findet Justin derweil in einer christlichen Online-Community, in der er unter einem Pseudonym angemeldet ist und so einfach ein Christ unter anderen sein kann. Über sein Privatleben teilt er dort nur wenigen Leuten irgendetwas mit. Um so überraschter ist er, als er von einer Sekunde auf die andere ausgeschlossen wird. Irgendwoher wissen die Administratoren, dass er homosexuell ist, und das allein reicht für den sofortigen Rauswurf.

Seine christliche Unigruppe organisiert kurz darauf ein Seminar unter dem Titel: „Homosexualität – Barmherzigkeit und Wahrheit“. Der Hauptreferent ist jemand aus der Ex-Gay-Szene. Er nimmt Kontakt auf und bekommt von dem Experten sinngemäß die Auskunft, er müsse seine sündige Orientierung ändern und es sei seine eigene Schuld, dass er sich zu Männern hingezogen fühle. Er versucht, mit dem Leiter der Unigruppe ins Gespräch zu kommen, um eine weitere Belastung des Verhältnisses zwischen Christen und Homosexuellen abzuwenden, die dann droht, wenn diese Positionen öffentlich und als offizielle Doktrin verkündet würden. Der Leiter interessiert sich weder für Justins Sorgen, noch für seine Lebensgeschichte und nicht für seine Argumente. Stattdessen hält er ihm eine Predigt über das Gräuel der Homosexualität, und Justin Lee weiß: Er ist vom „guten Jungen“ nun endgültig zum Häretiker geworden.

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Fataler Griff zur Flasche

Der Livestream von kirchehochzwei war nicht aktiv, aber auf meiner Suche nach beruflicher Fortbildung wurde ich dann doch noch fündig. Redner aller Art, natürlich auch Prediger, können am folgenden Beispiel wunderbar verfolgen, wie man mit ein paar nervösen Kleinigkeiten die Rede seines Lebens so vermasseln kann, dass der Inhalt völlig egal ist. Und Stephen Colbert zeigt dann, wie es professionell geht. Viel Vergnügen beim Zuschauen:

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Weisheit der Woche: Erfolg haben

Oft und viel zu lachen; sich die Achtung intelligenter Menschen und die Zuneigung von Kindern zu verdienen; von ehrlichen Kritikern geschätzt zu werden und den Verrat falscher Freunde auszuhalten; Schönheit zu schätzen zu wissen; das Beste in anderen zu entdecken; die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, sei es durch ein gesundes Kind, ein Stück Garten, ein gelöstes soziales Problem; zu wissen, ein Mensch atmete auf, weil man gelebt hat. Das bedeutet es, erfolgreich zu sein.

Ralph Waldo Emerson via minemergent

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