Verrücktes Vertrauen

In den letzten Tagen habe ich mich gefragt: Vielleicht sollten wir neben Psychopathen und Soziopathen nun auch von „Plutopathen“ sprechen (analog zu Plutokratie, oder wäre „Monetopathen“ besser)? Die Finanzkrise hat – Deutschland ist da die krasse Ausnahme – weltweit 13 Millionen Jobs vernichtet, Familien und ganze Landstriche in die Armut gestürzt. Der billionenschwere „Krieg gegen den Terror“ fand derweil irrtümlicherweise weit weg in Afghanistan und im Irak statt.

Der wahre Schrecken kam deshalb unerwartet: Aus der US-Subprimekrise ist die Schuldenkrise in Südeuropa und Irland und die Krise des Euro geworden. Seit Wochen ringen Regierungen darum, das Vertrauen „der Märkte“ zurückzugewinnen, nachdem man in der Krise die Reform der Märkte versäumt hat, was wiederum vor allem die USA zu verhindern wussten.

Nur: Wer verbirgt sich hinter dieser Chiffre „die Märkte“? Die Antwort ist wirklich erschreckend: Die Finanzmärkte werden im Wesentlichen von Menschen dominiert, denen die Universität St. Gallen ein vernichtendes Charakterzeugnis ausstellt. Der Forensiker Thomas Noll bilanziert eine Studie zum Verhalten von Aktienhändlern laut Spiegel Online folgendermaßen:

„Natürlich kann man die Händler nicht als geistesgestört bezeichnen, […] aber sie verhielten sich zum Beispiel noch egoistischer und risikobereiter als eine Gruppe von Psychopathen, die den gleichen Test absolvierten.“ Besonders schockierend für Noll: Insgesamt erzielten die Banker gar nicht mehr Gewinn als die Vergleichsgruppen. Statt sachlich und nüchtern auf den höchsten Profit hinzuarbeiten, „ging es den Händlern vor allem darum, mehr zu bekommen als ihr Gegenspieler. Und sie brachten viel Energie auf, diesen zu schädigen.“ Es sei in etwa so gewesen, als hätte der Nachbar das gleiche Auto, „und man geht mit dem Baseballschläger darauf los, um selbst besser dazustehen“.

Wunderbar illustriert wird diese These durch ein Interview der BBC mit einem gewissen Alessio Rastani, das für große Aufregung im Internet gesorgt hat. Die Süddeutsche beleuchtet seinen etwas schillernden Hintergrund und stellt dann fest, dass der selbsternannte Experte mit der großen Klappe Dinge ausspricht, die andere schon seit langem anprangern, ohne damit groß aufzufallen. Der springende Punkt ist jedoch der: Realität und Karikatur oder Effekthascherei lassen sich für viele eben schon gar nicht mehr so leicht auseinanderhalten – Rastani hat die Baseballschläger-Rhetorik perfekt drauf.


Man fragt sich nur, warum die anderen Paten sich den Plutopathen nicht anschließen – das wäre ganz legal, und mindestens so destruktiv wie organisiertes Verbrechen, aber man könnte auf Killertrupps verzichten und muss sich nicht irgendwo auf Sizilien vor den Carabinieri verstecken. Und das gesparte Geld könnte man nutzen um – richtig – gegen den Euro zu wetten. Oder den Dollar – der kommt als nächstes dran.

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Wutbürger 2.0?

Die Berichte von den Straßenschlachten in London haben mich an unseren Urlaub vor zwei Jahren erinnert, das inzwischen letzte von vielen Malen, die ich in London war. Seither habe ich mich zwar nach den Freunden dort zurückgesehnt, nicht aber nach der Stadt. Ich mag’s im Zweifelsfall lieber „arm, aber sexy“ wie Berlin.

Ich fand die Tage dort anstrengend. Nicht wegen der Hektik, Enge und Lautstärke der Metropole, sondern wegen dem krassen Kontrast von Arm und Reich. Von Prunk und Verschwendung auf der einen Seite und Armut und Perspektivlosigkeit auf der anderen. Meine Grundstimmung, als ich meinen Sohn durch die Straßen von Kensington begleitete, wo er die Luxuskarossen bestaunte, war – das wurde mir erst heute so richtig klar – Wut und Zorn. Sie blieben knapp unter der Oberfläche des Bewusstseins, aber ich empfand den Spaziergang als anstrengend und unerfreulich.

Auf bbc.com habe ich heute einen britischen Polizeioffizier sagen hören, die Ausschreitungen hätten keinen Grund, es sei ihnen kein Unrecht vorausgegangen. Wie blind muss man eigentlich sein, um zu übersehen, dass diese stetig wachsende Kluft – wunderbar beschrieben in diesem Artikel der SZ – schon die ganze Zeit Unrecht war? Nun ist aus der Kluft ein veritabler Abgrund geworden.

Leider haben wir Deutschen den Engländern viel zu gewissenhaft nachgeeifert und hier dieselbe wachsende Kluft geschaffen. Was uns jetzt noch fehlt, ist die Clique der Superreichen in ihrem prunkvollen Kokons aus Stahl, Designerkram und Personenschützern, die allen anderen schamlos vor Augen führen, dass sie zu den Verlierern gehören. Ich erinnere mich noch an eine Werbung in der Tube, die stolz verkündete, in London sei jeder zwanzigste ein Millionär. Wie viele von den anderen 95% an und unter der Armutsgrenze leben, davon stand da nichts.

Wenn man sich schon vor zwei Jahren als Tourist mit dem Zorn, der da in der Luft lag, innerhalb einiger Tage „infizieren“ konnte, wie muss es sein, wenn man dort lebt und nicht weg kann? Die Gewaltausbrüche sind gewiss nicht zu rechtfertigen, aber eben auch keine Überraschung. Und wenn hier kein Politikwechsel kommt, erleben wir in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht ganz ähnliche Dinge.

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BiSZig

Die Süddeutsche ätzt treffend über das areligiöse österliche Freizeitverhalten hierzulande:

Die meisten aber sitzen in absurd bunten Wursthäuten auf Fahrrädern oder haben sich in Tchibo-Wanderklamotten geschmissen. Geht man übrigens zu Ostern in die Kirche, begegnet man dort keinen Wursthaut-Sportlern oder Cargohosen-Freizeitlern. Kirche hat in vielerlei Hinsicht etwas für sich.

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„pornographische Anbetung“

Ein grandios wütender Kommentar von Alexander Gorkow heute in der SZ zur Verleihung der goldenen Kamera, dem Heiratsantrag von Monica Lierhaus und der Frage, was unser Fernsehen eigentlich im Innersten antreibt:

Hinter den Kulissen von deutschen TV-Unterhaltungsformaten finden rituelle Gebete statt. Es geht in diesen Gebeten selten um die Hoffnung auf den großen Erkenntnisgewinn während einer bevorstehenden Sendung. Es geht selten auch um jene Subversion, die Engländer und Amerikaner beherrschen (…) Es geht in unserem Gebührenfernsehen – dem mit jährlich rund acht Milliarden Euro teuersten der Welt – in Ermangelung an Stil, Humor und Vertrauen in die Zuschauer wenig um Sprache. Es geht stattdessen um eine Art Gott, und es ist dies der Gott des emotionalen Augenblicks.

Es ist eine inzwischen quasi pornographische Anbetung des einen, großen und bitte absolut geilen Moments, der ins Bild muss – und heute können wir sagen: koste es, was es wolle, zum Beispiel die Würde einer Frau wie Monica Lierhaus. Es wird wegen der Fixierung der Sender auf diesen Moment kein Mensch mehr sagen können, wer zum Beispiel bei welchem „Bambi“ oder „Fernsehpreis“ mit einer Trophäe nach Hause ging. Es wird sich hingegen jeder an den Auftritt des todkranken Rudi Carrell erinnern, oder daran, wie Marcel Reich-Ranicki plötzlich herumbrüllte, weil ihm das Niveau einer Preisverleihung mit einem Mal zu niedrig vorgekommen war.

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Virtuelle Freunde und „echte“ Bekannte

„Wer hat, dem wird gegeben“ – der Satz trifft mit Sicherheit auf Facebook-Freunde zu. Die ersten hundert dauern eine Weile, dann werden es immer schneller immer mehr, dafür sorgt das geschäftstüchtige Unternehmen schon selbst mit seinen Vorschlägen, wen man vielleicht noch so alles kennen könnte.

Ich finde, dass Facebook eine wunderbare Möglichkeit ist, mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, gerade auf große Entfernungen. In letzter Zeit kommen aber auch immer wieder Freundschaftsanfragen von völlig unbekannten Menschen bei mir an, meist ohne irgendeinen erklärenden Kommentar.

Nun ist es um mein Namensgedächtnis nicht immer gut bestellt, vielleicht haben wir uns ja irgendwann mal getroffen. Wenn ich dann aber auf die „Freunde“ der Person klicke, um mir irgendwie ein Bild zu machen, wer da fragt, dann sehe ich da nicht immer, aber oft eine regelrechte „Kollektion“ von Namen, die in dieser oder jener Szene guten Klang haben oder als wichtig gelten. Und unter dem „Profil“ des potenziellen neuen Freundes steht oft irgendeine passende Parole.

Und so ist es eine zwiespältige Erfahrung: In die Galerie wichtiger Menschen eingereiht zu werden, ist ja irgendwie schmeichelhaft. Weniger angenehm ist der Gedanke, dass es gar kein echtes Interesse an mir sein könnte, sondern nur der Versuch, eine (für wen auch immer) möglichst beeindruckende Liste von „Freunden“ vorweisen zu können, das hinter mancher Anfrage steht.

Also bleibe ich doch lieber bei echten Freunden und tatsächlichen Bekannten, auch auf Facebook. Ganz so virtuell muss es ja nicht sein.

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Weisheit der Woche: Sehnsuchtsspirale

Der Trick ist es, eine Sehnsucht zu wecken, die sich fortwährend nach neuen Sehnsüchten sehnt.

(…) Die Konsumgesellschaft verspricht nicht nur das Glück, sondern sie fordert es regelrecht ein. Unglück ist nicht duldbar, die Unglücklichen verlieren ihren Platz in der Gesellschaft. Das Absurde ist freilich: Die größte Bedrohung für eine Gesellschaft, die das Glück zur höchsten Maxime erklärt hat, ist ein wunschlos glücklicher Kunde. Er kauft ja nichts mehr ein.

Zygmunt Bauman in der SZ

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Viele Lichter und doch kein Leuchten

Wer sich im Advent durch die vorweihnachtlich kaufberauschten Massen in den Innenstädten schiebt denn das Geld sitzt den Deutschen, wie man liest und hört, wieder lockerer in den Taschen, es reckt gar konsumfreudig den Hals über deren Rand hinaus – der kann schon ins Grübeln kommen, ob hier noch irgendwer mit dem Begriff „Erlösung“ etwas anfangen kann, sich nach einer Rettung (geschweige denn einem Retter) sehnt. Sofern man kein Moralist ist (und wer will das noch sein?), kann man augenscheinlich ja doch ganz fröhlich genießen.

Doch passend zum Konsumgipfel des Jahres hört man Stimmen, die den aus der Mode gekommenen Begriff der „Entfremdung“ wieder rehabilitieren. Nicht in dem alten, bevormundenden Sinne des Essentialismus derer, die immer schon ganz genau wussten, was gut und richtig ist, aber um denen zu helfen, die Erfahrungen wie in Worte zu fassen versuchen wie das Gefühl, nicht zu leben, sondern gelebt zu werden. Die Berliner Soziologin Rahel Jaeggi nennt, so beschreibt es Christian Weber in der SZ,

Menschen, die sich in ihren gesellschaftlichen Rollen fremd fühlen, von ungewollten Wünschen beherrscht sind oder an der eigenen Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Umwelt leiden.

und Ihr Kasseler Kollege Heinz Bude spricht laut Weber von

… Entfremdung in der Arbeit, wenn man keinen Stolz mehr darauf empfinden könne, selber etwas in Gang zu setzen. Entfremdung in der Liebe sei die Unfähigkeit zur Hingabe und dem Außersichsein. Und entfremdet sei auch eine Haltung zur Politik, die unfähig ist zu öffentlicher Leidenschaft. „Entfremdung ist, wenn nichts leuchtet, wenn uns nichts ergreift und wenn uns nichts auf den Grund setzen kann“, so Bude.

Ist es möglich, dass die vielen Lichter in den Fußgängerzonen, Vorgärten und Fensterbänken ein Signal der Sehnsucht sind, dass endlich wieder etwas richtig lebendig und von innen heraus leuchten möge? Und wäre das ein spätmoderner Zugang zu dem jesajanischen Text vom Volk, das im Dunklen wohnt (9,1ff), wenn Amy MacDonald in „The Road to Home“ zum Beispiel singt:

Oh the light is fading all the time and this life I’m in, it seems to pass me by

Und dann fährt sie fort:

But I’ll still remember which way to go. I’m on the road, the road to home

MacDonald sehnt sich zurück nach Schottland, nach ihrer Heimat. Weber schreibt dagegen, der Weg aus der Entfremdung heraus könne nicht im konservativen und/oder romantischen Irrtum bestehen, „den jeweils vorvergangenen Gesellschaftszustand als weniger entfremdet zu preisen.“

Die ersehnte Heimat liegt nicht hinter uns, sondern vor uns. So sagt es der Prophet auch dem Volk. Glücksratgeber und privatisierte, ihrer theopolitischen Wurzeln beraubte Religiosität helfen nur bedingt: Das Alte kehrt nicht mehr zurück, unsere ganze Hoffnung ruht auf der Verheißung, dass Gott etwas Neues tut, nämlich das drückende Joch entfernt und den Stecken des Treibers zerbricht. Auf dieses Neue passen also die Begriffe, die Jaeggi im Blick auf gutes, gelingendes Leben aufzählt, gar nicht so schlecht. Können Menschen selbstbestimmt Projekte verfolgen, mit denen sie sich identifizieren können, oder noch anders gesagt:

Ist etwas irgendwie anschlussfähig? Ermöglicht es Erfahrungen oder behindert es diese?

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Machtrausch, Marken und Moneten

Seit einer ganzen Weile schon beschäftigt mich das Stichwort „Ökonomisierung“. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, das sich überall beobachten lässt. Wirtschaftliche Kriterien werden immer häufiger in den verschiedensten Lebensbereichen angelegt, zum Teil sicher auch deswegen, weil uns ethische Kriterien als zu unscharf und zu wenig „eindeutig“ erscheinen und wir meinen, nüchterne Zahlen sprächen eine klare Sprache, zum anderen, weil ideologische Diskussionen und weltanschauliche Grabenkämpfe verfahrene Situationen produziert haben, und schließlich, weil so mancher einstmals unumstrittene Maßstab längst individueller Beliebigkeit gewichen ist.

Familie, Liebe, Partnerschaft und vor allem Kinderwunsch und Geburtenrate werden immer stärker in ökonomischer Begrifflichkeit von kurz- und langfristigen Kosten und deren Kompensation beschrieben und analysiert, im Bereich der Zuwanderung rechnet Sarrazin uns beängstigende Zahlen vor und andere rechnen engagiert dagegen, kaum jemand stellt jedoch in Frage, ob das Rechnen denn die höchste Bürgerpflicht ist. Und in der Klimadebatte geht es nicht zuerst um aussterbende Spezies und das Elend der Opfer von Flut und Dürre, sondern ein paar Schlaumeier rechnen sich hier und da äußerst zweifelhafte Vorteile heraus.

In diesen Tagen zog die Studie „Deutsche Verhältnisse 2010“, die weltweit größte Vorurteilsstudie, laut Tagesschau.de das deprimierende Fazit, dass Deutschland nicht nur momentan ganz physisch, sondern langfristig und konstant sozial vereist:

Wer eine ökonomistische Sichtweise teilt – also Menschen nach ihrem Nutzen beurteilt – neigt der Studie zufolge deutlich eher zur Abwertungen schwacher Gruppen. Der Zusammenhang ist bei denen besonders hoch, die sich selbst „oben“ verorten. Insgesamt sei „eine ökonomistische Durchdringung sozialer Verhältnisse zu registrieren“.

Aber selbst wenn man in die Kirchen schaut, wird auch überall gerechnet, gerechnet, gerechnet. Die großen Kirchen errechnen Stellenpläne, die entlang demografischer Kurven schrumpfen müssen, und am manchen Orten hat sich längst eine Art Dienstleistungsekklesiologie etabliert, wo man sich als Anbieter religiöser Waren und Leistungen versteht und aus der Nachfrage nach solchen Dingen die Existenzberechtigung der Institution wie auch ihrer Strukturen (hier vor allem der Kirchensteuer) ableitet.

In evangelikalen Gemeinschaften und den verschiedenen Freikirchen sieht man die große Institution eher kritisch, meidet tendenziell ein allzu unverbindliches Verständnis von „Dienstleistung“, hat aber das trojanische Pferd der Ökonomie von der anderen Seite her in die Stadt geschoben: Möglichst kräftiges quantitatives Wachstum wird häufig unreflektiert zum Kriterium von Erfolg und Qualität gemacht, „Kennziffern“ orientieren sich an der Zahl der Köpfe. Statt der Institution wird nun die Firma zur heimlichen Metapher, die Leiter sind nun nicht mehr Gelehrte – oder seit den 70er Jahren auch sehr verbreitet: Therapeuten –, sondern Manager und Unternehmer. Wachstumskonzepte werden (ohne das transparent zu machen) aus dem Marketing geklaut (zum Beispiel kopiert der unselige G12-Ansatz einen Strukturvertrieb). Wie in der „realen Wirtschaft“ entsteht auch hier ein Verdrängungswettbewerb mit alle möglichen ungesunden Zwängen. Plötzlich muss man sich zum Beispiel um das Image der „Marke XY“ sorgen. „Mission“ wird unter der Hand zum Vertriebsproblem: Wie bringt man das Evangelium so an den Mann, dass es sich für die Organisation auszahlt?

Andere Denkweisen sind also gefragt: Will man Kirche/Gemeinde „organisch“ denken darf man nicht nur auf exponentiale Reproduktionskurven abfahren (da wären wir wieder beim Schneeballsystem des Strukturvertriebs), sondern man muss sie eher als Ökosystem innerhalb eines größeren Ökosystems denken. Nach innen wie nach außen muss ein fruchtbarer, nachhaltiger Austausch stattfinden. Vor allem muss der Punkt herauskommen, der Paulus zu seinem organischen Vergleich in 1.Kor 12 veranlasst hat: Niemand ist minderwertig oder überflüssig. Auch nicht die, die die neuesten kirchlichen Erfolgstrends ignorieren oder verschlafen haben.

Meine grundlegende Sorge aber ist die: Wenn wir ökonomische Metaphern weiter in diesem Maß akzeptieren, werden sie unsere Gedanken und Diskussionen beherrschen – und schließlich pervertieren. Wir müssen uns von ihnen befreien. Und in einer Gesellschaft, die das schon längst exzessiv tut, müssen wir unbedingt gegen den Strom schwimmen, wenn wir das Evangelium nicht – nicht einmal mit dem besten Absichten – verraten wollen. Im Magnificat finden wir dazu eine Ahnung von Gottes alternativer, weil barmherziger Ordnung, die die Schwachen nicht ab- sondern aufwertet. Ganz einfach deshalb, weil er sie erwählt hat, und weil in dieser Erwählung Nützlichkeitskriterien keine Rolle spielen:

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er lässt die Arroganten ins Leere laufen;

er kippt die Mächtigen aus ihren Chefsesseln und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat,

Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

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Das Leben ist wie Roulette spielen…

… am Ende gewinnt immer die Bank. Beziehungsweise deren Spitzenleute, die höhere Boni als je zuvor ausgezahlt bekommen – zumindest in den USA – 144 Milliarden Dollar! Die Nachricht ging gestern fast unter: Die Boni steigen, während die Gewinne insgesamt sogar gesunken sind. Bei Goldman Sachs kassieren die Goldmännchen inzwischen die Hälfte der Erträge – im Schnitt eine halbe Million pro Nase – und werden munter weiter zocken.

Und die Welt schaut zu und lässt es geschehen. Die historische Chance, im Zuge der Bankenkrise drastische Reformen durchzusetzen, ist vorbei. Ist eine andere Welt wirklich möglich? Ich musste an Shane Claibornes Aktion auf der Wall Street denken – vielleicht brauchen wir sehr viel mehr davon?

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„Guter“ Kapitalismus

Einige US-Milliardäre spenden die Hälfte ihres Vermögens. So weit, so gut. Es ist ein riesiges Almosen, das sie geben, aber ein Almosen. Die problematischen Seiten dieser Großzügigkeit hat die Zeit treffend kommentiert. Bevor deutsche Politiker an Appelle in diese Richtung denken, sollten sie das vielleicht lesen.

Noch radikaler ist die Kritik von Slavoj Zizek, die wunderbar untermalt in diesem Video (danke an depone für den Hinweis) nicht nur die Superreichen (das nennt er „alten Kapitalismus“), sondern auch alle, die einen „kulturellen Kapitalismus“ pflegen und hoffen, dass sich so die Probleme der Welt lösen lassen. Den Kaffee bei Starbucks zu trinken macht die Welt nicht automatisch besser.

Er bietet keine Patentrezepte an, aber er rüttelt auf. Wir brauchen mehr als die Wohltätigkeit der Reichen und der fairen Konsumenten, es muss politische Lösungen und ein gründlicheres Umdenken geben, das tatsächlich auch zu besseren Lebensbedingungen für alle führt.

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ÜberbeWERTEt?

Immer wieder hört und liest man, dass man Werte verändern müsse, damit sich im persönlichen und gesellschaftlichen Leben etwas verändert. Ganze Kongresse drehen sich darum, mit Werten in Führung zu gehen. Und das ist ja auch nicht ganz falsch.

Aber vielleicht auch nicht ganz richtig…?

Ein Gespräch über die komplexen Tücken von Entwicklungshilfe hat mich diese Woche ins Zweifeln gebracht, wie erfolgsversprechend der Werte-Ansatz ist. In vielen primitiven Kulturen sind es nicht die Werte, sondern feste Praktiken und Traditionen, die Menschen Halt geben, auch wenn sie deren Sinn nicht immer verstehen oder die mittel- und langfristigen Wirkungen gar nicht abschätzen können. Werte sind also schon eher europäisch-abstrakt gedacht. Aber bestimmte Praktiken und Gewohnheiten haben das Leben mancher Stämme und Völker so geregelt, dass sie langfristig und nachhaltig lebten. Manches davon funktioniert heute nicht mehr, und nun müssen extrem mühsam alte Gewohnheiten verlernt und neue Praktiken eingeübt werden.

Und bei uns ist es im Grunde gar nicht so viel anders. Wir haben alle möglichen Werte und können die auch aufsagen, aber nicht immer bewegt uns das automatisch in die richtige Richtung. Der Grund ist gar nicht der, dass hier Heuchler in bloßen Lippenbekenntnissen einem bestimmten Wert pro forma huldigen, in Wahrheit aber andere Dinge im Schilde führen. Sondern schlicht der, dass ein Wert ohne korrespondierende Praxis und Gewohnheit bedeutungslos ist.

Ein banales Beispiel: Für viele ist Fitness oder ein passables Aussehen (wir reden nicht von Hungermodels) durchaus ein Wert. Dennoch leiden auch viele unter Übergewicht. Der Grund ist neben einer gewissen Veranlagung nicht bei den Werten, sondern den Gewohnheiten zu suchen. Wir essen zu viel, zu unregelmäßig, zu schlecht, zu oft in Eile oder vor dem Fernseher. Früher hat sich einiges davon von selbst geregelt: Es gab kaum Süßigkeiten und Fertigzeugs, Fleisch bestenfalls sonntags, man aß mit der Großfamilie zu festen Zeiten um einen gemeinsamen Tisch herum. Es gab keine Autos und weniger Bürojobs. Ulkigerweise war schlank Sein damals gar kein wichtiger Wert.

Heute haben sich die Bedingungen geändert, unter denen wir leben und arbeiten, aber wir haben keine neuen Gewohnheiten entwickelt, die jeder von klein auf lernt (an dieser Stelle kann man nun fragen, ob wir da nicht unter unerwünschten Nebenwirkungen eines anderen Wertes leiden, nämlich der uneingeschränkten Autonomie des Individuums). Vielleicht brauchen wir also mehr gesunde Gewohnheiten. Vielleicht muss man sich in sogar erst in bestimmte Praktiken einüben, um bestimmte Werte schätzen zu lernen. Klar kann ein plumpes „das macht man so“ auch als Einschränkung empfunden werden, das ist es wohl auch ab und zu, aber es waren eben nicht alle Bräuche bloß eine Form von Freiheitsberaubung. Vielleicht brauchen wir auch neue, denn allein aus den richtigen Werten ergibt sich offenbar nicht von selbst die richtige Praxis.

Liebe, Treue und Familie sind für die Mehrheit der Menschen immer noch die höchsten Werte, wenn man Umfragen glauben darf. Dennoch scheitern viele Ehen und viele Familien zerbrechen. Vielleicht scheitern sie gar nicht an irgendwelchen konkurrierenden Werten, sondern an dem, was uns die alltägliche Praxis in unserer Gesellschaft als „normal“ verkauft, angefangen bei einem ungesunden Lebensrhythmus und den allgegenwärtigen Konsumzwängen, die naiv als „Lebensstandard“ bezeichnet (und mit Lebensqualität verwechselt) werden? Vielleicht scheitern viele Menschen sogar genau daran, dass diese intimen Beziehungen ein solch hoher Wert sind und es nichts anderes gibt, was noch irgendeine Form von Sinn und Erfüllung verspricht – so wie (davon hatten wir es ja die letzten Tage auf diesem Blog) mache christliche Gemeinschaften daran scheitern, dass die Erwartungen zu hoch sind. Also nicht fehlende Werte, sondern ein Mangel an gelebten und erprobten Alternativen?

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„Nützliche“ Gottesdienste

Vor einer Weile haben wir uns entschieden, mehrmals im Jahr statt des „normalen“ Gottesdienstes eine gemeinsame Aktion zu machen, bei der nicht unsere eigenen Themen und Bedürfnisse an erster Stelle stehen. Wir nennen das dann etwas holprig den „Out-Sonntag“ – beim nächsten Mal wird es allerdings ein Samstag werden.

Doch die Sache hat ihre Tücken: Für die einen ist das schlicht „kein Gottesdienst“ – denn der besteht, wie ja jeder weiß, darin, irgendwo in einem geweihten Raum sitzen, singen und zuhören zu dürfen. Also bleiben sie daheim, fahren ins Grüne, besuchen die Oma oder gehen in eine andere Gemeinde, statt zu einer etwas anderen Zeit an einen ungewohnten Ort zu müssen. Dem Pastor der FeG fiel das immer auf, wenn bei uns so ein Sonntag war. Das ist natürlich ziemlich schlechte Theologie, wenn man an den „vernünftigen Gottesdienst“ denkt, von dem Paulus in Römer 12,1ff spricht. Wenn Sitzen, Singen und Predigt das Kriterium wäre, dann würde das meiste, was Jesus mit seinen Jüngern veranstaltet hat, auch nicht in die Kategorie „Gottesdienst“ fallen. Wenn unser ganzes Leben ein Gottesdienst sein kann, dann kann es sehr wohl auch mal einer sein, gemeinsam etwas zu tun, das anderen nützt. Und sei es, dass wir im Wald und auf Kinderspielplätzen den Müll einsammeln.

Nun kommt der nächste Einwand, und der lautet: „Ich bin die ganze Woche dabei, zu geben. Ich gebe mein Bestes im Beruf, und dann ist da auch noch die Familie, der Elternbeirat und was nicht alles. Am Wochenende brauche ich einen Punkt, wo ich geistlich auftanke. Wo ich mal nichts tun muss, einfach sein.“

Darauf gibt es gleich mehrere Antworten:

Erstens: Ja, du brauchst so einen Punkt – und zwar jeden Tag, mehrmals in der Woche. Finde eine Form des Gebets oder der Meditation, die dir gut tut. Stundengebete, Kontemplation, Bibelmeditation, geh mit Gott spazieren und nimm den Hund mit, lies die Losungen zu einer Tasse Kaffee oder deine Bibel bei einem Glas Wein, was auch immer – aber tu’s bitte, und tu’s regelmäßig! Einmal in der Woche einen Gottesdienst zu konsumieren und zu hoffen, dass einem dabei der Geist wie eine gebratene Taube in den Mund fliegt, das kann gar nicht reichen. Und wo wir schon dabei sind: Mach Pausen, bewege dich ausreichend und schlafe genug und finde eine Beschäftigung, die besser entspannt als Fernsehen. Das ist die beste Form von „einfach sein“. Du brauchst mehr davon als du denkst. Aber dafür, dass du es bekommst, bist du letztlich ganz allein verantwortlich. Kein Gottesdienst der Welt kann das ersetzen. Erwachsener Glaube besteht darin, dass wir genau das lernen.

Zweitens liegt der Einwand einfach verdammt nah am allgegenwärtigen Mantra des Konsumkults: „Was bringt’s mir?“ Der Fehler liegt ja nicht darin, Bedürfnisse zu haben, sondern ihre Erfüllung zum Maß aller Dinge zu machen. Vielleicht besteht der größte Dienst, den meine Gemeinde mir tun kann, darin, dass ich erlebe: Ich bin wichtig, aber eben nicht der Nabel der Welt. Wenn dann der Druck weg ist, etwas ganz Bestimmtes aus einem Gottesdienst mitnehmen zu müssen, dann werden wir wirklich offen für das, was Gottes Geist tun kann und will.

Drittens hat die Psychologie längst entdeckt, dass man vom Sektschlürfen und Ferrarifahren nicht nachhaltig glücklich wird. Stattdessen machen uns Dinge glücklich, die wir für andere tun und bei denen wir unsere Stärken und Fähigkeiten einsetzen. Der Psychologe Martin Seligman schreibt in seinem Buch Der Glücks-Faktor davon, wie er mit seinen Studenten verschiedene Aktivitäten verglich und dabei feststellte:

Die spaßigen Aktivitäten (mit Freunden einen draufmachen, einen Film ansehen oder einen Eisbecher schlemmen) verblassten im Vergleich zu den Auswirkungen menschenfreundlicher Unternehmungen. Waren unsere philantropischen Aktivitäten spontan entstanden und unsere menschlichen Stärken herausgefordert worden, verlief der gesamte Tag besser. … Tätige Menschenfreundlichkeit ist – im Unterschied zu Vergnügungen – eine Belohnung an sich.

Auf „Gottesdienste“ angewandt gilt dasselbe: je engagierter ich dabei bin, desto mehr „nehme ich mit“. Gottesdienstformate erlauben ein unterschiedliches Maß an aktiver Mitwirkung und (brrr…!) „Partizipation“. Manches davon wirkt ehrlich gesagt auch ab und zu wie Beschäftigungstherapie oder Trockenübungen. Aber gemeinsam irgendwo hin gehen, wo man andere Menschen trifft, und einfach einmal vorbereitet und zugleich offen zu sein, sich auf sie einzulassen und zu sehen, was sich – nein: was Gott! – dort tut, da wird jeder zum Mitspieler. Wer fröhlich gibt, ist schon beschenkt.

Freilich muss man dafür ein paar Hürden überwinden: Ein zu enges Verständnis von Gottesdienst, die Unsicherheit der offenen Situation, die Angst vor Fremden, die eigene Trägheit und eingefahrene Gewohnheiten. Das sind aber ganz zufällig die Dinge, die Jesus mit seinen Jüngern täglich trainiert hat. Ich hoffe also, dass wir als ganze Gemeinde diese Lektion noch richtig lernen.

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Lebensphilosophie

Als meistgewünschten Artikel in der Abteilung Religion und Spiritualität nennt ein großer Internet-Buchhandel heute ein Buch mit dem Titel „7 Strategies for Wealth & Happiness“.

Ist doch schön, dass so viele Leute sich tiefe Gedanken machen über die Welt und das Leben. Vielleicht sollte ich auch mal so etwas schreiben. Es wird ja nicht gesagt, dass die Strategien auch wirklich funktionieren…

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