Das ist doch nicht normal!

Feierabend. Ich radle flott durch die Innenstadt nach Hause. Ein weißer BMW parkt mitten auf dem Radweg und zwingt mich zu einer Vollbremsung. Ich weiche lieber nicht auf die Fahrbahn aus, sondern zwänge mich vorsichtig auf dem Fußweg vorbei. Der Fahrer sitzt im Wagen, das Fenster ist offen. Ich spreche ihn an und bitte ihn freundlich, sich einen anderen Parkplatz zu suchen.

Photo by AbsolutVision on Unsplash

Statt sich zu entschuldigen, wird der Mann am Steuer wütend. „Das ist doch nicht normal!“ schreit er mir von seinem Sportsitz entgegen, und dass er ja sowieso nur kurz… Ich habe keine Lust, mit ihm zu streiten. Offenbar ist es für ihn normal, Radwege als Parkstreifen zu nutzen. Für andere ist es normal, den Hund sein Häufchen in den Park setzen zu lassen, Zigarettenkippen am Bahnhof ins Gleisbett zu schnippen oder sexistische Sprüche zu klopfen.

Unsere Normalität kann ziemlich problematisch sein. Deshalb ändern sich manchmal die Regeln. Privilegien fallen weg. „Normal“ ist plötzlich nicht mehr normal. 

Was gilt noch, wenn sich alles ändert? Die „goldene Regel“ aus der Bibel hilft mir: Gehe mit anderen so um, wie du es dir selber auch wünschst. Wenn ich mich in andere, vor allem Schwächere, hineinversetze – Fußgänger, Kinder, Fremde, alte Menschen – dann werde ich Rücksichtslosigkeit auch da nicht „normal“ finden, wo die Gesellschaft noch ein Auge zudrückt.

Wer’s lieber hört, kommt hier auf seine Kosten

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Eines schönen Tages

Es hat ein bisschen gedauert, mich in Stings Album 57th and 9th hinein zu hören. Der Titel „One Fine Day“ passt perfekt in die Woche des globalen Klimastreiks, weil er die ganze Ambivalenz der öffentlichen Debatte anspricht.

Da spricht die Skepsis der Historiker, ob man der Menschheit zutrauen kann, sich gegen kurzfristige Bequemlichkeit und für nachhaltiges Leben und Wirtschaften zu entscheiden („Histories say we’re doomed to make the same mistakes again“), und die Optimisten, die versuchen, düstere Ausblicke zu relativieren. Und dann folgt das Mantra der Vielen: Ich kann mich nicht entscheiden, mich einer Seite anzuschließen.

Es folgen Debatten-Schnipsel der Klima-Apologetiker („Wetter hat sich schon immer geändert“), der Widerspruch der Wissenschaftler („Wir haben die Regelkreise gestört“) und dann der – zaghafte? hilflose? lauwarme? – Appell an die politischen Verantwortungsträger:

„Dear leaders, please do something quick. Time is up, the planet’s sick.“ Mit einem ironisch nachklappenden „But hey, we’ll all be grateful one fine day“

One fine day – eines schönen Tages, werden wir wissen, was Sache war und wer Recht hatte. Aber dann ist es zu spät, um noch etwas zu ändern. Die Anzeichen dafür, dass der Klimawandel schneller kommt und heftiger ausfällt als bislang prognostiziert („Three penguins and a bear got drowned. The ice they lived on disappeared. Seems things are worse than some had feared“) werden ähnlich halbherzig kolportiert. Und überhaupt: Wer weiß denn schon, was wir noch alles entdecken?

Sting fragt, wie wir uns entscheiden sollen. Kopf und Herz erscheinen hier als gegenläufige Pole:

So do you trust your head or heart
When things all seem to fall apart?

Für mich sind Rationalität und Empathie keine Gegensätze. Es wäre interessant, mit Sting ins Gespräch zu kommen, wie er das meint. Er führt das nicht aus, vielmehr kippt der Text (vordergründig) ins Absurde. Extreme Wetterphänomene werden wie ein Zauberkunststück bestaunt, ihre schnelle Abfolge hält alle in Atem. Aber mit dem Hinweis auf biblische Plagen spielt Sting (hintergründig) auch auf eine andere Dimension der Ereignisse an – nämlich die des drohenden Gerichts und menschlicher Verstockung. Ein Zustand, in dem nicht mehr zu unterscheiden ist, ob es noch Unwilligkeit oder schon Unfähigkeit ist, angemessen auf die Wirklichkeit zu reagieren. Oder anders gefragt, ob wir uns schon so effektiv immunisiert haben gegen die Einsicht, wie ernst die Lage ist, die wir heraufbeschworen haben:

Today it’s raining dogs and cats
Rabbits jumping out of hats
And now what’s got us all agog
Tomorrow it’s a plague of frogs
We must do something quick or die
When snakes can talk and pigs will fly

Aber hey, bis wir eines Tages wissen, wie das Ganze ausgeht, wird der absurde Eiertanz der Unentschlossenheit erst mal weitergehen.

Ist Sting also ein Pessimist? Oder will er uns mit einer Ladung Sarkasmus aufrütteln? Doch wer macht sich überhaupt die Mühe, den vordergründig unbeschwert-fröhlichen Song zu verstehen?

Oder, um es biblisch auszudrücken: „Wer Ohren hat, der höre!“

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Die Gewitterbrille

Meine Frau ist mit dem Fahrrad unterwegs zu einer Freundin. Auf halber Strecke sieht sie, dass sich am Himmel rabenschwarze Wolken auftürmen. „Oh, da braut sich ein Unwetter zusammen, und ich fahre genau darauf zu“, denkt sie. Weil sie keine Regensachen dabei hat, dreht sie vorsichtshalber um und sagt der Freundin für heute ab. 

Zuhause angekommen stellt sie fest, dass sie die ganze Zeit ihre Sonnenbrille auf hatte, und nimmt sie ab. Ohne dunkle Gläser sehen die finsteren Wolken plötzlich ganz harmlos aus. Aber es ist inzwischen zu spät, um noch einmal loszuziehen. Wir lachen gemeinsam über ihren gescheiterten Ausflug.

Photo by Katarzyna Kos on Unsplash

Manchmal begegnen mir Menschen, die in harmlosen Situationen schon schwarz sehen. Ich frage mich dann, was es wohl braucht, damit sie ihre mentale Gewitterbrille abnehmen. Sie müssen sie ja nicht gleich gegen eine rosafarbene eintauschen. Den größten Gewinn hätten sie dabei selber: Weniger Sorgen, keine unnötigen Rückzieher. Mehr Zeit mit Freunden, mehr gute Momente auf Gottes Erde.

Ein Weg dahin, die getrübte innere Optik zu korrigieren, ist die Dankbarkeit. Sonntags lasse ich die Lichtblicke der letzten Woche Revue passieren: War war gut? Was ist mir (oder uns!) gelungen? Was habe ich neu gelernt? Worüber habe ich mich gefreut? 

So eine Dankbarkeitsbrille ist übrigens völlig ungefährlich, sagt meine Frau…

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Der Riesen-Fehler

In jenen Tagen gab es auf der Erde die Riesen. Ihr Konto, ihr Ego und ihre Macht hatten keine Grenzen. Sie lebten gut abgeschirmt an allen schönen Flecken der Welt. Sie stellten den Menschentöchtern nach und plünderten die Erde und die Staatskassen. Das sind die Riesen der Neuzeit, die Helden des Raubtierkapitalismus.

Aus ihren Penthäusern, SUVs und Privatjets blickten sie hinunter auf die Erde. Sie war verdorben, und alle Sterblichen auf der Erde waren davon befallen. Das Elend erfüllte sie mit Verachtung und Ekel: Wie viele es geworden waren, die jenseits der Stacheldrähte und Überwachungskameras dahinvegetierten. Wie sie die Riesen unterwürfig bewunderten und sich um die paar Almosen zankten, die für sie abfielen. Wie ihre Anführer den Riesen aus der Hand fraßen.

Da sprachen die Riesen: Wir sehen, das Ende aller Wesen aus Fleisch ist da; denn sie werden immer mehr und immer schwächer. Sie streiten um sauberes Wasser, Luft und Lebensmittel, anstatt nach Höherem zu streben wie wir. Das Heil der Welt liegt fortan in der Disruption, Erlösung kommt durch Zerstörung.

Bauen wir uns doch Yachten, Helikopter und Raumkapseln. Statten wir sie mit Kabinen aus, und dichten alles ab mit Panzerglas und Elektrozäunen. Wir bestimmen, wer mit uns überlebt: Haustiere, Sicherheitspersonal – und wer sonst geeignet ist, den Genpool der neuen Menschheit zu boosten und uns unsterblich zu machen.

Und dann bringen wir eine Flut über die Erde, um alle Wesen aus Fleisch unter dem Himmel, alles, was Lebensgeist in sich hat, zu verderben. Alles auf Erden soll verenden. Artenvielfalt ist überbewertet. Gletscher stehen der Rohstoffgewinnung im Weg. Regenwald bringt keine Rendite.

Die Moderne war keine sechshundert Jahre alt, als die Flut über die Erde kam. Ölquellen und Brandherde wurden geöffnet. Kreuzfahrt- und Containerschiffe trübten die Luft auf See ein. Flugzeuge überzogen den Himmel mit Kondensstreifen. Das Wasser schwoll an und auch die Temperatur stieg immer mehr auf der Erde. Die Yachten aber trieben elegant auf dem Wasser dahin, zwischen Plastikstrudeln und zerfetzten Schwimmwesten.

Photo by rachman reilli on Unsplash

Allmählich verendeten alle Wesen aus Fleisch, die sich auf der Erde geregt hatten, Vögel, Vieh und sonstige Tiere, alles, wovon die Erde gewimmelt hatte, und auch alle Menschen. Alles, was auf der Erde durch die Nase Lebensgeist atmete, kam um.

Nach vierzig Monaten schickte die Flotte der Maßlosen eine Drohne los. Aber sie fand keinen lebenswerten Ort an Land. Sieben Tage später zeigte ein Satellitenfoto irgendwo frisches Grün. Ein Vorauskommando bestieg ein Landungsboot, um die Gegend zu erkunden.

Als sie am Ufer eintrafen, saß dort ein bärtiger Mann in einem altertümlichen Gewand und briet über dem Feuer einen Fisch. Seine Sprache wurde von den Übersetzungsapps der Kundschafter als Aramäisch identifiziert. Er nannte sich Adam der Zweite (anscheinend hielt er sich für einen König…). Der Mann deutete zum Himmel, an dem gerade wieder ein Regenbogen zu sehen war, und sprach:

Seit es Menschen gibt, gab es Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Bis Ihr kamt und alles aus dem Takt geriet. Furcht und Schrecken vor euch haben sich auf alle Tiere der Erde gelegt, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch waren sie ausgeliefert. Denn ihr wolltet unbedingt Gott spielen.

Diese Erde bekommt eine andere, legitime Herrschaft: Die Gewaltlosen, die Boden besitzen können ohne ihn zu plündern. Die Behutsamen, die für Anvertrautes sorgen und mit anderen teilen. Die Maßvollen, die ihren eigenen Appetit zügeln, damit alle zum Zug kommen.

Die Wende ist nahe. Deshalb kehrt um.

Denn an Bord eurer Archen fährt die Hoffnung nicht mit.

PS: Wenn man die Sintflutgeschichte aus Genesis 6-9 nicht in der Kinderbibel liest (wie die meisten Erwachsenen), dann merkt man beim Lesen nur zu deutlich, dass an diesen Sätzen immer wieder gearbeitet wurde. Vielleicht ist das ja ein Hinweis darauf, dass der Text immer wieder einmal aktualisiert werden sollte. Hier sind die Impulse von Bruno Latour und die Gespräche von Con:Fusion 2019 eingeflossen.

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