Was ist schon modern?

Heute ist es genau vier Wochen her, dass wir abends durch den Pessach-Trubel in der Jerusalemer Altstadt gingen (ich hatte in meinem Leben noch nie so viele schwangere Frauen und kinderreiche Familien gesehen wie dort. Hierzulande fällt man mit vier Kindern schon auf, dort hätten wir am untersten Ende der Skala gelegen). Aus der Ferne warfen wir einen Blick auf die Klagemauer, vor der die Haredim dicht gedrängt standen. Als wir uns auf den Rückweg machten, sprach uns einer von ihnen an. Mit seinem festlichen Schtreimel sah er aus wie eine Gestalt aus dem 18. Jahrhundert.

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Der Eindruck änderte sich jedoch, als er ein paar Bücher und Traktate aus seinem schwarzen Mantel zog. Die englischen Titel sprachen davon, wie man es schnell zu Reichtum bringt – mit Gottes Hilfe natürlich. Der Verfasser sei übrigens ein Rabbi aus Frankfurt, sagte unser Gegenüber. Auf den ersten Blick konnte ich wenig Unterschied zum christlichen Wohlstandsevangelium erkennen. Da weder die Zeit noch die Sprachkenntnisse für ein theologisches Gespräch ausreichten, gingen wir bald weiter.

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Später habe ich bei Gilles Kepel nachgelesen, der die Renaissance des (Ultra-)orthodoxen Judentums seit den Siebzigern beschreibt. Und auch da zeigt sich, dass Moderne und Vormoderne sich eigenartig mischen und durchdringen, so dass man das Ergebnis nicht einfach als „altmodisch“ abtun kann. Kegel schreibt:

Allgemein betrachtet, kann man sagen, dass die ganze jüdische Welt in den siebziger Jahren eine Bewegung der Teschuwa (was soviel bedeutet wie „Rückkehr zum Judentum“ und „Reue“, das heißt Rückkehr zu einer strikten Einhaltung des jüdischen Gesetzes, der Halacha) erlebte. Die „Reumütig Zurückgekehrten“ (Baalei Teschuwa) verschließen sich den Versuchungen der säkularen Gesellschaft, um ihr Dasein ausschließlich auf die Gebote und Verbote zu gründen, die sie heiligen jüdischen Texten entnehmen. (Die Rache Gottes, S. 205)

Kepel untersucht Bücher und Selbstzeugnisse der Rückkehrer, die vormals laizistisch, areligiös oder atheistisch waren, dann aber in Begegnung mit einem Rabbi oder in einer der zahlreichen neugegründeten Talmudschulen erkannten, dass die Säkularisierung in eine Sackgasse und die moderne Gesellschaft in eine Wertekrise führt, eine „Epoche der Anomie“. Dem konservativen Protestantismus ebenfalls nicht fremd ist die Kritik an der Aufklärung: Hochmut der Vernunft, der notgedrungen zum Totalitarismus führt, erst in der Französischen Revolution, dann im Dritten Reich. Diese Argumentationslinie ist bei verwandten Strömungen in der katholischen Kirche auch anzutreffen (ich habe sie erst vergangene Woche wieder in einer Diskussion entdeckt). (205)

Vorbereitet wurde das Wiedererstarken der Haredim in den USA. Dort zerbrach während der sechziger Jahre das Bündnis von Juden und Afroamerikanern in der Bürgerrechtsbewegung. Es kam zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen.

Eine ganze Philosophie des Universalismus, des Zusammenhalts der Gesamtgesellschaft zerbricht hier unter der Gewalt eines stark ritualisierten, den anderen gezielt ausgrenzenden Partikularismus. In dieser Situation verschärfter ethnischer, rassischer und religiöser Abgrenzungen sehen jene ihre Chance gekommen, die die äußerliche gesetzestreue und Trennung von den Gojim zum obersten Prinzip der jüdischen Identität erklären. (215)

Ein weiterer Faktor dieses Aufstiegs ist die Gegenkultur der 68er-Generation. Die Auflehnung gegen das bürgerliche Establishment, gegen Konformismus und Repression, die Begeisterung für speziale Utopien und Experimente wie die Sehnsucht, eine bessere Gesellschaft auf den Ruinen der bestehenden zu schaffen, zogen viele junge Juden an – ihr Anteil an der Protestbewegung wurde dreimal so hoch veranschlagt wie in der Gesamtbevölkerung. Viele dieser Hippies fanden den Weg in die konservativen Talmudschulen zu einer Zeit, als andere sich den Jesus People anschlossen (und dem amerikanischen Evangelikalismus einen kräftigen Wachstumsschub einbrachten).

In Frankreich waren jüdische Studenten 1968 federführend in der radikalen Linken und lang entschiedene Gegner des Staates Israel. Seit dem Schock des Münchener Attentats von 1972 wandelte sich die Stimmung jedoch. Viele distanzierten sich vom linken Aktivismus und besannen sich auf ihre jüdische Identität. Verstärkt wurde diese Bewegung in den folgenden Jahren durch junge sephardische Juden, die aus dem Maghreb eingewandert waren.

Die weitere Entwicklung ist durch den Ausgang des Sechstagekrieges bestimmt: Die heiligen Stätten sind in jüdischer Hand, die Grenzen des säkularen Staates Israel (den die Haredim ablehnten) entsprechen plötzlich denen zur Zeit Davids, selbst säkulare Juden betrachten den Sieg über die arabischen Armeen als göttliches Wunder. Wenn aber die Einnahme des Landes eine Tat Gottes war, dann ist eine Rückgabe ein Akt des Ungehorsams, also kategorisch ausgeschlossen. Das zumindest ist die Interpretation der Ereignisse durch die nationalreligiöse Bewegung Gusch Emunim. Plötzlich sind Kombinationen von Kampfanzug und Kippa, Jeans und Zizit denkbar. Religiös-zionistische Schulen und Lehranstalten entstehen und werden staatlich gefördert, der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten beginnt und wird nach der Wahl Menachem Begins 1977 nachträglich legalisiert, um nur ein paar Ereignisse zu nennen, die Kepel aufzählt. Seither wächst der Einfluss der Religiösen auf die Politik und das öffentliche Leben.

Aus ihren religiösen Traditionen weitgehend entfremdeten Hippies und Linken wurden Strenggläubige, die eigentlich gerade am Aussterben waren. Ein erstaunliches Comeback, das unter anderem die Frage aufwirft, was wohl eines Tages aus diesen religiösen Protestkulturen wird. Die widersprüchliche Sehnsucht danach, irgendwie aus der Zeit zu fallen, gehört offenbar untrennbar in unsere Zeit hinein. Anders gesagt: Pointiert unmodern sein zu wollen, ist ganz schön modern.

Die andere Lektion lautet: Fortschritt ist keine Einbahnstraße. Es wäre naiv zu glauben, dass einmal erreichte Verbesserungen unwiderruflich erhalten bleiben, und dass die Entdeckungen und Erkenntnisse, die ihnen zugrunde liegen, keiner sorgfältigen Begründung mehr bedürfen.

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