Liebe, Lieder und der Abwasch

Neulich erzählte ein Pfarrer, dass sich manche Gemeindeglieder mit Lobpreisliedern auch deshalb schwer tun, weil Gott darin nicht in der dritten Person erscheint, sondern in der zweiten. Es sind Lieder an Gott und nicht, wie gewohnt über Gott. Im Falle der Lobpreislieder gibt es eine doppelte Analogie zu ihren Gunsten, die bei der Gewöhnung helfen könnte:

Erstens entspricht es der Mehrzahl der biblischen Psalmen, Gott unmittelbar zum Adressaten zu machen (viele der neutestamentlichen Hymnen allerdings wählen die dritte Person).

Zweitens ist das intime „Du“ auch in der Popmusik zuhause, wo die Angebetete (oder Verflossene…) meist auch in der zweiten Person angeredet wird. Bis dahin, dass auf den ersten Blick gar nicht mehr so leicht auszumachen ist, ob da noch ein menschliches Wesen gemeint ist oder ein göttliches. Schön zu sehen aktuell bei Sunrise Avenue und „Lifesaver“. Es sieht fast danach aus, als hätte der Texter sich von Amazing Grace inspirieren lassen, wenn es unter anderem heißt:

Oh, my friend, you’re holding out your hand


I take it like an oar from the depth 


Hey, Lifesaver, I’m drowning in despair 


But you’re fighting for me right until the end. 


You pull me back to land and save me once again.

You help me wash away 


The insane mistakes I’ve made 


And I see it in your face 


My only source of grace

Kleine Randbemerkung: Diese Songtext-Website hat die Zeile „You help me wash away“ mit „Du hilfst mir beim Abwaschen“ übersetzt. So praktisch kann Liebe sein! Andererseits – gar nicht so ganz falsch, das Ganze: Auch in den geistlichen Liedern muss immer Gott den „Abwasch“ erledigen…

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„Was ist Wahrheit?“

Nietzsche fand bekanntlich, dass Pilatus besser abschneidet als Jesus, weil er illusionäre Wahrheitsansprüche ironisiert. David Bentley Hart betrachtet das Gespräch der beiden aus einem anderen, sehr erhellenden Blickwinkel, wie ich finde:

Die Frage des Pilatus ist höchst dialektisch, höchst sokratisch: Mit einem Wahrheitsanspruch konfrontiert, einer rhetorischen Geste, die den Angesprochenen zur Anerkennung einlädt, aber die abgesehen von dieser Einladung nicht in eigener Sache argumentiert, versucht Pilatus, deren Kraft umzuleiten, indem er seinen Blick von der Wahrheit vor seinen Augen abwendet, hin zu einer abstrakten Frage bezüglich der Wahrheit von Wahrheit.

Jesus jedoch hat keine Behauptung aufgestellt, die besagt, dass er wahr sei, dass er im Abstrakten an „Wahrheit“ appelliere, vielmehr hat er gesagt, dass er die Wahrheit ist, die er anbietet und bezeugt; er hat die Frage des Pilatus tatsächlich schon beantwortet, und Pilatus manövriert sich nun weg von dem beunruhigenden Anspruch, vor den Christus ihn stellt. Und dann wieder, nachdem Christus gegeißelt und verspottet worden ist, versucht Pilatus Christus ein letztes Mal dazu zu zwingen, über sich Auskunft zu geben, irgendein reinrassiges – „Wo bist du her?“ – das den außerordentlichen Ansprüchen, die er stellt, Autorität verleiht oder sie wenigstens erklärbar macht; Pilatus ringt darum, die Kraft der Rhetorik aufzulösen, die vor ihm steht, mit Dornen gekrönt, und schließlich kann er nur die eine Wahrheit aussprechen, die er kennt – „weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu kreuzigen?“ – und dann kann er nur diese Wahrheit herbeiführen, … indem er Christus dem Tod übergibt.

Pilatus ist also nicht der vornehme Ironiker, sondern schlicht ein kurzsichtiger Reaktionär; Jesus hat die Ordnung von Wahrheit, der Pilatus sich verschrieben hat, längst untergraben, also hat Pilatus keine andere Wahl, als sie wiederherzustellen, indem er handelt. Christi Wahrheit jedoch ist derart, dass sie umso offenkundiger wird, je mehr man sie unterdrückt; ihre Geste ist die des Geschenks, das selbst dann gegeben wird, wenn es abgelehnt wird; und so macht Christus am Kreuz die schiere Gewalt, die den Ökonomien weltlicher Wahrheit zugrunde liegt, für sich selbst transparent, und eröffnet eine Wahrheit anderer Ordnung, eine andere Geschichte, eine, die jedes Mal neu und mit größerer Kraft erzählt wird, wenn man sie mit Gewalt zu Schweigen bringt. (The Beauty of the Infinite, S. 332f.)

(Wer dem Wahrheitsthema gern weiter nachgehen möchte, kann hier zu Parker Palmers Gedanken klicken).

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