Sühnetheorien: Geht’s auch ohne?

Ob rituelles Opfer, mythischer Kampf oder Lösegeld – traditionelle Sühnetheorien stehen nicht erst seit gestern schwer in der Kritik. Das entscheidende Problem dabei ist, dass sie ihre Plausibilität deshalb verloren haben, weil der Deutungsrahmen, dem sie entstammen, heute so nicht mehr existiert: Niemand (außer ein paar Voodoo-Freaks) tötet noch Tiere und verspritzt Blut, kaum jemand fühlt sich in unseren Breiten von böswilligen Geistern und Himmelswesen bedrängt, und metaphysische Transaktionen zur Lösung des Schuldproblems führen nur allzu leicht zu reichlich schrägen Gottesbildern.

Vor ein paar Monaten haben ich mit einer Gruppe einen ganzen Tag lag über diese Themen nachgedacht, wir haben einiges dekonstruiert oder – so muss man das vermutlich sagen – festgestellt, dass sich die klassischen Sühnetheorien eben selbst dekonstruiert haben. Sie waren zu erfolgreich! Und dann standen wir vor der Verlegenheit, wie man denn jetzt vom Kreuz reden soll, ohne auf die ausgelutschten Klischees zurückzugreifen.

Ich spürte in der Gruppe die Hoffnung, dass nun jemand eine neue Master-Metapher aus dem Hut zaubern könnte, an die wir uns ab jetzt halten und die wir in unseren Predigten und Gesprächen fortan benutzen können. Ich hatte nur leider keine auf Lager. Dass Jesus „für uns gestorben“ ist, zweifelt dabei ja kaum jemand an. Nur wie man sich die Wirkung dieses Todes erklären soll, das ist offener denn je.

Ich will nicht ausschließen, dass irgendein „Anselm reloaded“ demnächst einen Geniestreich landet und uns für die nächsten Jahrzehnte einen stabilen, stimmigen und universal gültigen Deutungsrahmen liefert. Momentan erscheint es mir aber unwahrscheinlich – unsere Welt ist viel zu uneinheitlich geworden, und was für den einen ganz selbstverständlich ist, findet der nächste schon völlig absurd.

Anstrengender, aber vielleicht unvermeidlich ist der Weg, den Andrew Perriman einschlägt: Solche Theorien und Master-Metaphern hinter sich zu lassen und die neutestamentlichen Texte Schritt für Schritt so nachzubuchstabieren, dass sie in unsere Situation wieder hineinsprechen:

We still come to God as sinners, trapped in a corrupted order of things from which we are powerless to escape. We may still need to say, quite simply, that Jesus died for our sins so that we may be part of a people reconciled to the God who brought it into existence to be “new creation”. Jesus’ death has opened up to me personally the possibility of being a player in God’s new world. But the continuing dependence of the people of God on the death of Jesus needs to be construed and explained not in abstract theoretical terms but narratively, historically—and of course, biblically.

Wir kommen immer noch als Sünder zu Gott: gefangen in einer verkommenen Ordnung der Dinge, ohnmächtig, ihr zu entkommen. Wir müssen vielleicht immer noch ganz einfach sagen, dass Jesus für unsere Sünden starb, damit wir Teil eines mit Gott versöhnten Volkes sein können, das er zu einer „neuen Schöpfung“ gemacht hat. Jesu Tod hat mir persönlich die Möglichkeit eröffnet, ein Akteur in Gottes neuer Welt zu werden. Aber die anhaltende Abhängigkeit des Volkes Gottes vom Tod Jesu darf nicht mit abstrakten theologischen Begriffen konstruiert und erklärt werden, sondern narrativ, historisch – und natürlich biblisch.

In der Bibel finden sich neben den erwähnten Metaphern viele Erzählzusammenhänge, die sich auf unsere Lebenswirklichkeit beziehen lassen, wenn man sich die Zeit nimmt, genau hinzuschauen. Sie lassen sich von den Evangelien über die Briefe bis ins Leben der alten Kirche weiterverfolgen, was den Vorteil bietet, dass sie nicht nur ein zurückliegendes Ereignis erklären, sondern auch zu einer bestimmten Lebensweise einladen. Recht gut gelungen ist das beispielsweise in Ted Jennings‘ Buch  Transforming Atonement: A Political Theology of the Cross, das ich hier verschiedentlich schon erwähnt habe.

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Auf die Schrippe nehmen

Nach ein paar Tagen medialem Schrippenkrieg stellt sich mir die Frage: Muss ich mich jetzt auch aufregen, weil beim Bäcker jemand Brötchen statt Semmeln kauft? Und wäre „Semmeln“ nicht zu bayerisch, müsste man also doch bitteschön auf „Weggla“ bestehen und den Brötchenkunden oder Schrippenkäufer im Laden so lange zappeln lassen, bis er die richtigen Worte findet?

Liebe Berliner, von denen nicht gerade wenige in den letzten Jahrzehnten nach Erlangen oder München gezogen sind: Willkommen in unserer Welt! Unsere Städte bestehen schon seit Jahrzehnten hauptsächlich aus Zugereisten, die ihre Sprachgewohnheiten ungefragt mitbringen und verbreiten. Wir leben eigentlich ganz gut damit, als Eingeborene in der Minderheit zu sein. In München etwa spricht noch ein Prozent der jungen Leute Dialekt, hieß es vor zwei Jahren. In Erlangen dürfte sich die Mundartkompetenz entsprechend im Promillebereich bewegen.

Aber vielleicht braucht es ja ein paar Schwaben, um aus der Berliner Seele den Spießer hervorzulocken, den dort niemand vermutet hätte – schon gar nicht die Berliner selbst. Nehmt Euch doch mal wieder selbst auf die Schrippe! Oder tut Euch mit den Schweizern zusammen, die sind Euch in Sachen Schwabenpolemik ein Stück voraus und freuen sich über unerwartete Schützenhilfe.

Freilich hat die östliche Schweiz im Mittelalter lange zum Herzogtum Schwaben gehört und die preußischen Könige und Erbauer des modernen Berlin sind Hohenzollern. Deren Stammsitz steht …im tiefsten Schwaben.

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HauptSache die Ordnung stimmt?

Das Gender-Thema bzw. dessen eigentümliche Behandlung in bestimmten Teilen des bunten christlichen Kosmos bewegt die Gemüter in meinem Bekanntenkreis. Krish Kandiah setzt sich hier mit Tim Keller auseinander, ein anderer Repräsentant der „Gospel Coalition“ hat Michael Frost beschäftigt, der auf einen Blogpost von Michael Bird verweist, es ist kein Geringerer als John Piper.

Geht es vielfach (etwa in der katholischen Kirche) nur um die Frage, ob Frauen Pfarrerinnen werden dürfen oder Bischöfinnen, so steht hier bei Piper die Stellung der verheirateten Frau ihrem Ehemann gegenüber im Zentrum. Piper musste eine Aussage aus diesem Video klarstellen, in der er auf die Frage, was eine Frau denn tun solle, wenn ihr Ehemann sie misshandelt, geantwortet hatte, sie müsse das hinnehmen (sofern der Mann sie nicht zu verbotenen Dingen zwingen wolle) und könne sich ja gegebenenfalls an „die Gemeinde“ wenden, deren Aufgabe es dann sei, den Ehemann zur Ordnung zu rufen.

In seiner Klarstellung schreibt Piper nun, dass sich freilich auch Männer an die staatlichen Gesetze halten müssten und Frauen daher zu ihrem Schutz auch die Behörden hinzuziehen könnten, ohne sich der Insubordination schuldig zu machen. Das ist, so vermerkt Bird, schon mal erfreulich.

Aber ist es auch genug? Doch eher nicht! Piper schreibt unter anderem (zitiert bei Bird): „Dass sich eine Frau um Christi willen dem bürgerlichen Recht unterordnet, kann ihre Unterwerfung unter die Forderung eines Ehemanns aufheben, sich von ihm verletzen zu lassen.“

Ich finde dieses Denken in vertikalen Autoritätsstufen verstörend. Piper sagt doch im Grunde, dass eine Frau unter dem Mann steht und diesem selbst dann, wenn sie in der Beziehung Schaden nimmt, noch zu folgen hat – es sei denn, eine höhere Instanz greift zu ihren Gunsten ein. Aber er sagt eben kein Wort davon, dass Frauen von sich aus ihren Männern Grenzen setzen dürfen und dass Männer diese Grenzen zu respektieren haben.

Wenn Frauen dieses Unterwerfungsdenken einmal verinnerlicht haben, kann man dann (nach allem, was wir über Missbrauch wissen) noch ernsthaft davon ausgehen, dass sie sich im Fall von psychischer oder physischer Misshandlung durch das Familienoberhaupt tatsächlich an die Polizei wenden oder anderweitig Hilfe suchen? Mir scheint das alles andere als sicher.

Aber in einer postmodernen, pluralen Gesellschaft sind eben viele Lebensentwürfe erlaubt. Und die Bestsellerlisten des Buchhandels verraten ja auch, dass Unterwerfung und bewusst zugefügter Schmerz schwer im Trend liegen. Das jetzt psychologisch auszudeuten überlasse ich lieber den Expertinnen. Die Ironie an der ganzen Sache könnte aber eben die sein, dass diese Art von Theologie gerade von dem lebt, was sie vordergründig bekämpft, nämlich dem modernen Relativismus, der diese patriarchalischen Welten aufs Private begrenzt und die Tür zu einem Ausstieg auch ständig offen hält. So bekommt das alles etwas Spielerisches, und vielleicht sollte man es auch so betrachten, dann erspart man sich die Empörung.

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Monster und Märtyrer

Das neue Jahr beginnt hier mit einem Nachtrag aus dem alten: In unserer Reihe zur Offenbarung des Johannes haben wir den Advent aber so interpretiert, dass er mehr im Horizont der zweiten als der ersten Ankunft Christi steht; daher ist es auch ganz und gar nicht unweihnachtlich, wenn da von Monstern und Märtyrern die Rede ist, sondern eher als ein leicht verfrühter Beitrag zum Stephanustag zu verstehen.

In einem an Actionszenen nicht gerade armen Buch sind die Kapitel 12 und 13 zwar noch nicht der furiose Showdown, aber die für das Genre typische dramatische Verfolgungsjagd findet hier statt. Was das mit uns zu tun hat? Viel mehr, als die meisten denken. Hier geht’s zum Podcast.

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