Hier – viel Spaß beim Lesen
🙂
Interessantes Interwiew mit John Milbank von der Uni Nottingham und Catherine Pickstock aus Cambridge über ihren Ansatz der Radical Orthodoxy und ihre Kritik an modernen, säkularen Konzepten und Denksystemen und deren Entzauberung der Welt, einem distanzierten Gott und absolutistischer, willkürlicher Macht in den politischen und sozialen Systemen – und einer Bürokratisierung der Kirche.
Im Grunde, sagt Milbank dort, vertritt Benedikt XVI in seiner Regensburger Ansprache einen ähnlichen Standpunkt, wenn er die folgenreiche Spaltung von Glaube und Vernunft beklagt. Die schlüsseln Milbank und Pickstock dann auf, ob es nun um Politik geht, den Zusammenhalt der Gesellschaft, das Wesen und den Sinn von Sprache oder die Frage nach dem Wesen und der Gestalt von Kirche.
Spannend – am besten, Ihr hört selbst hinein…
Heute wurde ich in einem Gespräch über alternative Lebensstile gefragt, wie es gehen kann, dass Singles und kinderlose Paare in einer eher zahlenmäßig eher familiendominierten Gemeinde einen Platz haben, wo sie nicht nur geduldet, sondern als gleichwertig behandelt werden. Also nicht als defizitär, und es ist ja für viele ein Kampf, sich angesichts subtiler alltäglicher Taktlosigkeiten und Diskrimierungen nicht so zu fühlen (welche Eltern träumen nicht von glücklich verheirateten Söhnen und Töchtern und süßen Enkeln – und agieren nicht gerade sehr konstruktiv, wenn sie allmählich merken, dass ihnen die Erfüllung des Wunsches vielleicht versagt bleibt?).
Die Frage traf mich an einem Punkt, der mich seit Tagen beschäftigt. Es begann neulich in einer Gesprächsrunde, wo wir aufgefordert wurden, zu erklären, was wir an „der Ehe“ großartig finden. Ich konnte nicht genau erklären warum, aber ich brachte keinen Satz heraus. Vielleicht erschienen mir manche Beiträge als zu abstrakt (ich muss ja nicht die Ehe lieben, sondern meinen Partner, und das fällt je nach Tagesform mal leichter und mal schwerer). Viele Aussagen wiederholten sich dann auch erwartungsgemäß: Die Anwesenden waren alle verheiratet und damit offenbar ausnahmslos glücklich, das ist für heutige Verhältnisse ja eine eher atypische Konstellation.
Ohne dieses Glück jetzt in Abrede zu stellen oder die Leistung dahinter zu schmälern (denn oft genug haben es sich die Paare auch hart erarbeiten müssen), das „Hohelied der Familie“ klingt eben doch schnell zwiespältig, wenn wir damit über das Ziel hinaus schießen. Man kann es verstehen, weil auf evangelischer Seite noch der historische Frontstellung gegen die katholisch-mittelalterliche Verklärung des Zölibats und die moderne Unverbindlichkeit situativer Lebenspartnerschaften oder hoher Scheidungsraten und verbreiteter Resignation zu einer Art Trotzreaktion führten, eben so wie die Tatsache, dass manche Leute (vor allem Männer) die Verantwortung für Kinder scheuen und keine Abstriche an ihrem materiellen Lebensstandard machen wollen.
Da neigt man schon mal dazu, zu übersehen, dass Jesus selbst unverheiratet war (Dan Brown zum Trotz, der sich das als typisches Kind unserer Zeit offenbar gar nicht vorstellen kann) und den traditionellen Wert von Ehe (vgl. Mt 22,30) und Familie (Mt 12, 46ff) kräftig relativierte, und dass Paulus große Vorteile darin sah, auf die Ehe (und folglich auch Kinder) zu verzichten – freilich aus anderen Gründen, als es heute oft der Fall ist. Und mit dem Virus des modernen Individualismus sind ohnehin alle infiziert, ob verheiratet oder nicht, denn unsere Kernfamilien sind nur ein müder Rest der Großfamilie, die zu biblischen Zeiten die Norm war und mehr als zwei Kinder und zwei Generationen einschloss. Manche Ehen zerbrechen heute nicht nur an den Schwächen und Fehlern der Partner, sondern auch an dem gewaltigen Druck der instabilen Lebensumstände. Der etwas unbeholfene Versuch, hier eine christliche Gegenkultur zu schaffen (der von konservativen Politikern gern zum Stimmenfang genutzt wird), misslingt ebenfalls leicht, wenn man zu theologischen Überhöhungen der Ehe greift und/oder wenn Kirche sich vor den Karren der Hochzeits- und Romantikindustrie spannen lässt (vgl. den kleinen Rundumschlag von Ben Myers)
Echte Gegenkultur wäre ein durchdachtes, ehrliches und gleichwertiges Miteinander von Singles und Paaren, Geschlechtern und Generationen, für das es noch nicht so viele funktionierende Modelle gibt. Können Gemeinden das leisten oder bleibt das den alten und neuen Orden und Lebensgemeinschaften überlassen? Was muss geschehen, damit alle gemeinsam das Hohelied der Liebe singen, das eben weitaus mehr ist als das Hohelied der Ehe und Familie?
Staus, Streiks, Abgase und Hitze. Passend dazu dieser Zwischenruf auf jetzt.de:
Wer nicht auf Anhieb fünf Dinge nennen kann, die ihn an der heimatlichen U-Bahn faszinieren, was will so jemand bei den Pyramiden in Ägypten? Was gäbe es da zu sehen für ihn, der doch schon zuhause nichts sieht? Nichts gäbe es. Wer achtlos an jedem Aufkleber, jeder technischen Neuerung, jeder Veränderung in seinem Lebensumfeld vorbeimarschiert, was will er auf den Inseln der Karibik? Ihm bleiben nur des Kaisers neue Kleider: Weil jeder sagt, wie schön der Urlaub war, wird auch er es sagen, denn er will nicht als der Depp dastehen, der nicht dazugehört. Solange Reisen dieses ungeheure, sich selbst aufrechterhaltende Lügengebäude ist, solange bitte zuhause bleiben.
Seit ich meine Fahrradkette vor einer Weile neu geölt hatte, rutschte sie bei jedem kräftigen Antritt mit lautem Knacken von den hinteren Zahnrädern und brachte mich immer wieder in Verlegenheit, man kann da böse abrutschen.
Eine Weile versuchte ich es mit einem sanfteren Tritt, aber wenn man eine befahrene Straße überqueren will, ist das oft zu wenig. Genervt brachte ich das Rad heute zur Reparatur und wurde einen Batzen Geld für eine neue Kette und neue Zahnkränze los.
Nun schnurrt das Velo wieder, aber ich ertappte mich bei der ersten längeren Ausfahrt (mit Bergstrecke) immer wieder dabei, wie ich innerlich angespannt auf den nächsten Knacks und die nächste gefährliche Situation wartete. Sie kam nicht, in keinem der 21 Gänge. Aber es dauerte, bis ich wieder Vertrauen gefasst hatte. Dabei wusste ich, dass die kritischen Teile alle erneuert waren.
In menschlichen Beziehungen fällt das noch schwerer. Oft hat sich der andere schon geändert, aber es dauert eine Weile, bis man es wieder wagt, die Beziehung normal zu beanspruchen, so wie ich heute meine Fahrradkette. Das erfordert dann mehr als eine Spazierfahrt…
ZEIT Campus interviewt Armin Maiwald von der „Sendung mit der Maus“. Der gelernte Theaterwissenschaftler erklärt seine Vorliebe für Karl Popper, gibt seine Ansichten zum Niveau des Fernsehens preis und erzählt unter anderem auch, dass er Gott und Glauben nie zum Thema gemacht hat, weil das eben nicht ein Gegenstand unter anderen ist. Und dann sagt er auf die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen:
Ich bin kein gläubiger Mensch im Sinne der kirchlichen Institutionen. Aber je mehr ich in wissenschaftliche Grenzbereiche eindringe, desto mehr zweifele ich, dass das alles nur Zufall sein kann. Ich habe mal eine Geschichte über Frösche gedreht. Der Biologieprofessor konnte auf den Tag genau sagen, wann ein Frosch lurcht. Aber auf die Frage: »Warum macht er das?«, kam nur die Antwort: »Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Da kann man nur gläubig werden.«
Heute zitiert die SZ eine Grundschullehrerin, deren Klasse dem Schulamt zu gut ist, mit diesen Worten:
Ein Fünferschüler bleibt ein Fünferschüler, egal wie viel Nachhilfe er bekommt, wie sehr sich seine Lehrerin auch um Förderung bemüht, einfach weil es Fünferschüler geben muss. Wir werden genötigt, Versager zu produzieren!
Denn wenn er besser wird, werden einfach die Anforderungen verschärft, damit der Schnitt wieder stimmt. Bildung mit einem vorab längst festgelegten Durchschnitt, und das heißt: Mittelmaß, als Vorgabe. Der einzelne zählt dabei gar nicht. Für Lehrer wie Schüler gleichermaßen deprimierend.
Während die hiesige Staatspartei den Status Quo aus Kostengründen schönredet, haben die Grünen Kati Jauhiainen aus Finnland eingeladen, das bildungspolitisch eine andere Welt zu sein scheint. Wir brauchen offenbar nichts weniger als einen völligen Mentalitätswechsel:
Kinder bräuchten das Gefühl, etwas geschafft zu haben, sagt Kati Jauhiainen und staunt ihrerseits über die deutsche Realität. Über Schüler, die sich vor lauter Angst krank in die Schule schleppen, über Lehrer, die bei Elterngesprächen nicht mehr als den dürren Rat parat haben, das Kind müsse sich eben mehr anstrengen. Dafür, so die Referentin, würde sich jeder finnische Lehrer schämen.
Solche Gespräche kenne ich nur zu gut. Bei einem der letzten hatte ich das Gefühl, dass der Lehrer (Mathematik, mit Sport im Nebenfach) eher seinen Ehrgeiz daran setzte, den Schülern bei Prüfungen ihre Lücken und Grenzen vor Augen zu führen (und damit die eigene Überlegenheit…), als ihnen ein Erfolgserlebnis zu vermitteln.
Der zweite Film der Narnia-Reihe hat in jeder Hinsicht deutlich gewonnen. Aslan klingt zwar immer noch wie Elmar Gunsch, sieht aber nicht mehr so plüschig aus – und das ist nur ein Indiz dafür, dass es keine Kindergeschichte mehr ist, die hier erzählt wird.
Die Fabelwesen bevölkern das unterdrückte Narnia nach wie vor, aber diesmal sind sie nicht vor einer weißen Hexe, sondern vor sehr weltlichen Truppen, die stark an die skrupellosen spanischen Conquistadores erinnern, in den Untergrund abgetaucht.
Es ist eine Geschichte über erwachsenen Glauben, der auch damit klarkommen muss, dass Gott scheinbar nicht eingreift und sich nicht zeigt, der mit Zweifeln fertig werden muss und mitten in fast schon hoffnungslosen Situationen Verantwortung wahrnehmen und Tapferkeit zeigen muss. Wenn Peter und Susan am Ende für immer in „unsere“ Welt zurückkehren, hat man das Gefühl, sie sind ihr auch wirklich gewachsen und warten auch nicht mehr auf den nächsten Trip.
Die Animationen sind stark verbessert und es ist den Machern bei allem Schlachtenlärm (der gegenüber der Buchvorlage stets überwiegt) immer wieder gelungen, kleine witzige Szenen einzubauen. Langeweile kommt also nicht auf, und das Ganze ist auch noch in sehr schöner Natur gefilmt.
Jetzt freue ich mich auf das Konzert mit Addi M. am kommenden Sonntag. Vorher aber muss ich das Buch doch noch einmal aus dem Schrank ziehen…
Hier habe ich eben die folgende Information über einen „gläubigen“ Politiker gefunden:
Der 63-Jährige hat inzwischen in seiner Belgrader Gefängniszelle vom serbisch-orthodoxen Bischof Amfilohije die heilige Kommunion erhalten. Karadzic habe gebeichtet und dem Bischof versichert, dass er schon 30 Jahre lang sein persönliches und professionelles Leben nach den „Geboten von Jesus Christus“ führe, gab die serbische Kirche am Samstag bekannt.
Das stellt so ziemlich jede böswillige Karikatur fieser Frommer in den Schatten, oder?
… und es findet wieder bei uns statt! Diesmal mit noch mehr Austausch und weniger eingeflogenen Zugpferden.
Die Details werden in den nächsten Wochen veröffentlicht – einfach hier klicken.

Obama auf allen Titelseiten und Deutschland zwischen Wogen der Sympathie und dem Eisregen der Skepsis. Der Verdacht der Verführung gehört zur Rolle des Messias untrennbar dazu, ebenso wie die unausrottbare Hoffnung der meisten Menschen auf eine bessere Welt.
Dieses Video auf Zeit Online fand ich in seiner freundlichen Nüchternheit eine sehr willkommene Abwechslung: Die Begeisterung für Obama zeigt, dass die Kritik an Bush nicht das war, als was seine Anhänger und die Vertreter des arroganten Amerika sie immer einstufen wollten: Antiamerikanismus.
Und natürlich lohnt sich auch ein Blick zu Haso, der live dabei war, und auch freundlich-nüchtern berichtet von der gestrigen Rede.
Weder freundlich noch nüchtern dagegen: Martin Walser redet nach der historischen Schuld des Nationalsozialismus nun auch noch die Korruptionsexzesse der Wirtschaftseliten schön und findet die Kritik an den Verantwortlichen bzw. ihre Strafverfolgung „Deutsch bis in Mark“. Die FAZ hat dazu das passende Walser-Zitat gefunden: „Im Alter nimmt Verschiedenes ab. Auch die Kraft, moralisch zu sein. Oder sich so zu geben.„
Wenn es eine Hölle im klassischen Sinn gibt, dann sieht sie vielleicht aus wie das Untersuchungsgefängnis für Kriegsverbrecher in Den Haag, in das Radovan Karadzic demnächst eingeliefert wird. Es sitzen da noch einige andere ein wegen kalt lächelnd begangener „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.
Sie dagegen werden sagen, sie haben sich nicht das Geringste vorzuwerfen. Und wiederholen dort in alle Ewigkeit ihr Mantra, dass sie stolz sind auf das, was sie getan haben, weil es das einzig Richtige war, und dass alle Vorwürfe nur Lügen und Intrigen sind. Sie werden wie damals Milosevic sagen, dass das Gericht nicht für sie zuständig ist und dass in Wahrheit andere schuld sind an den Gräueln.
Vielleicht wird es auch einige geben, die Einsicht zeigen und gestehen. Und vielleicht gibt es dann auch noch eine späte Gnade, wer weiß. So oder so bleibt es eine schaurige Vorstellung.
Das Epo der dritten Generation war vom Hersteller mit einem geheimen Molekül getürkt, so dass der Nachweis im Blut der Radprofis gelingen konnte. Ganz neu ist die Idee nicht – die Nachricht hat mich sehr an Asterix bei den Olympischen Spielen erinnert.
Trotzdem – ein kluger Schachzug der WADA. Im Blick auf Olympia werden schon einige Doper jetzt anfangen zu zittern und sich fragen, wie sie die Moleküle wieder loswerden. 🙂
Jason Clark hat unter dem Titel „Hands down, we’re British“ ein paar lesenswerte Gedanken zum Abklingen charismatischer Praxis, die wohl nicht nur die Situation auf der Insel beschreiben. Im Anschluss an eine Umfrage der Zeitschrift „Christianity“ lässt sich Folgendes sagen:
Jason sieht darin eine Gegenreaktion auf die Machtspiele charismatischer Leiter und Gruppen und eine Bewegung hin zu einem breiteren und gesünderen Verständnis des Geistes. Das Charismatische muss auch in der emerging culture erneuert und darf nicht aufgegeben werden. Er markiert aber ein paar kritische Punkte:
Gott wird in der Moderne vom Subjekt allen Lebens zum Objekt menschlicher Betrachtung und zum Unterstützer menschlicher Selbstverwirklichung (autopoiesis). Oder, mal ohne Fremdwörter, vom Herrn zum Helfer. Charismatische Erfahrung konnte sich also um meine Erlebnisse drehen und das Leben, das ich mir wünsche. Anbetung wurde zu einem privaten ästhetischen Erleben. Dies führte zu einem therapeutischen Schwerpunkt vieler Gemeinden, der sich dann in einen Rückzug aus der Öffentlichkeit ins Private äußert, wo man (etwa in der post-church-Bewegung) die Bedingungen des eigenen geistlichen Lebens frei bestimmen kann.
Anders gesagt: Bestimmte Akzente (etwa die ziemlich ungebremste Subjektivität dieses Frömmigkeitstypus) waren und sind sehr anfällig für den Zeitgeist der Konsumgesellschaft, der die soziale und öffentliche Dimension des Glaubens unterhöhlt. Wenn man an Pfingsten und die Apostelgeschichte denkt, dann kann gerade das Wirken des Geistes auch in eine ganz andere Richtung führen. Wir müssten nur verstehen, was die Christen damals anders gemacht haben…