Wie Achtsamkeit und Absichtslosigkeit zusammengehören

Gestern las ich auf Spektrum.de das hilfreiche Interview mit Thomas Joiner über die Vermarktung von Achtsamkeit. Dabei erinnerte ich mich wieder an eine Gesprächsrunde über Spiritualität vor einigen Wochen. Dort standen wir schon vor der Schwierigkeit, dass Spiritualität (die viel mit Achtsamkeit zu tun hat, aber noch mehr umfasst) eigentlich in dem Moment schon kompromittiert ist, wo ich sie als Mittel zum Zweck verstehe.

Absichtlich Absichtslos?

Absichtslosigkeit ist hier das Stichwort. Ich muss das kurz erklären. Absichtslos zu handelt, bedeutet: Ich tue, was ich tue, nicht um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Zweck – wenn man überhaupt davon reden will – liegt vielmehr in dem, was ich tue. Nehmen wir ein Seelsorgegespräch. Ich denke, es verläuft anders, wenn es nicht meine Absicht ist, mein Gegenüber in einer bestimmte Richtung zu lenken. Dann kann ich einfach da sein, Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Ich muss aber hinterher meine Performance nicht bewerten und auch nicht den therapeutischen Ertrag. Beim Gebet ist es dasselbe. Statt von »Absichtslosigkeit« könnte man (mit Einschränkungen) auch von »Ergebnisoffenheit« oder (besser) von »Selbstvergessenheit« reden.

Mein Eindruck ist, dass viele der Wirkungen von Meditation eigentlich Nebenwirkungen dessen sind, dass ich mich für eine tiefere, spirituelle Wirklichkeit öffne. In dem Augenblick, wo diese Effekte nicht mehr unbeabsichtigt sind, verändert sich der Charakter dessen, was ich tue. Die biochemischen und neurologischen Wirkungen etwa von Atemübungen sind durchaus real. Aber ich bleibe dabei immer noch der Mittelpunkt meiner Realität, mein Befinden das Maß der Dinge.

Daniil Kuželev

Empfänglich werden

Ich denke, es ist völlig in Ordnung, Dinge zu tun, von denen ich merke, dass sie mir gut tun. Das an sich lässt sich mit einer absichtslosen Haltung durchaus verbinden. Spaziergänge im Grünen etwa tun mir gut. Schwierig wird es, wenn diese Spaziergänge dazu dienen, mich in anderen Bereichen und zu anderen Zeiten mit einem Lebensstil zu arrangieren, der Raubbau an meinen Ressourcen und denen der Natur bedeutet. Also draußen in der Schöpfung „aufzutanken“, um danach meiner Natur und der Natur um mich herum zu schaden. Aber es könnte ja auch sein, dass mich der Spaziergang sensibilisiert für das zarte Gleichgewicht, für die vielen verschiedenen Lebewesen und deren Bedürfnisse. Vielleicht stellt sich sogar eine Harmonie ein.

Ich bin, so betrachtet, nicht darum bemüht, eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Vielmehr werde ich empfänglich für Einwirkungen, die das Alltagsbewusstsein oft ausblendet. Manche kommen tief aus meinem Inneren, vom Grund der Seele. Andere kommen eher von außen, oder von „oben“. Räumliche Metaphern sind da etwas schwierig, aber als körperliche Wesen kommen wir kaum ohne sie aus.

Indem ich die wertende Dauerfrage des Alltagsbewusstseins („Was bringt’s mir?“) zurückstelle, schaffe ich die Möglichkeit, dass sich Unerwartetes ereignet. Absichtslose Achtsamkeit dezentriert mich also in gewisser Weise. Ich trete einen Schritt zu Seite, um zu defokussieren und den inneren Richter auszuschalten. So können andere Seiten meiner selbst und meiner Beziehungen zu dem, was mich umgibt, in den Blick kommen. Das ist dann schon etwas anderes als die von Joiner bemängelte Achtsamkeitspraxis, die im Selbstbezug stecken bleibt.

Zuletzt: Auch Gott kann sich mir dabei zeigen oder zu mir sprechen. Freilich ist  das weder machbar, noch kann ich es zur Bedingung dafür erheben, still zu werden. Kontemplation ist in erster Linie eine Haltung, keine Technik. Und Übungen können helfen, diese Haltung einzunehmen und zur Gewohnheit zu machen.

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Sind wir mehr? Warum Zahlen weniger zählen, als man meinen könnte

In den Gesprächen und Diskussionen mit allen möglichen Leuten tauchte in letzter Zeit immer wieder die Frage nach Mehr- und Minderheiten auf.

Mit #wirsindmehr haben sich viele Bürger gegen rechte Aufmärsche gestellt. Und deren Versuch, eine autoritäre und rassistische Politik durchzusetzen, zurückgewiesen.

Viele Christen (auch und gerade in volkskirchlichen Leitungsaufgaben) erleben, wie sie sich mit ihren Überzeugungen und Gewohnheiten immer öfter in einer Minderheitensituation wiederfinden: »Wir« werden weniger, von einzelnen Ausnahmen abgesehen. Was bedeutet das für die Kirchen in 20 Jahren? Auf was bereiten wir uns vor, worauf stellen wir uns ein? Und werden wir ob des schwindenden gesellschaftlichen Einflusses zaghafter und leiser oder mutiger und deutlicher den Mächtigen gegenüber?

Justin Snyder Photo

Christen brauchen sich vor einer Minderheitenkirche nicht zu fürchten und Demokraten sollten sich auf ihren Mehrheiten nicht ausruhen. So zumindest würde es wohl Yuval Noah Harari sagen. In »Homo Deus« vertritt der Historiker die These, dass es in größeren sozialen Gebilden eine untergeordnete Rolle spielt, wer in der Mehrheit ist. Gut organisierte Minderheiten erreichen deutlich mehr als desorganisierte Massen:

Revolutionen werden üblicherweise von kleinen Netzwerken von Agitatoren in Gang gesetzt, nicht von den Massen. Wenn man eine Revolution anzetteln möchte, fragt man nicht; »Wie viele Menschen unterstützen meine Ideen?«, sondern: »Wie viele meiner Anhänger sind zu effektiver Zusammenarbeit fähig?« […] 1917, zu einer Zeit, da die russische Ober- und Mittelschicht mindestens drei Millionen Menschen umfasste, zählte die kommunistische Partei lediglich 23.000 Mitglieder. Trotzdem erlangten die Kommunisten die Kontrolle über das riesige russische Reich… (184f.)

Ob in Sachen Demokratie oder Kirche, und natürlich auch überall da, wo Kirche Anwältin der Demokratie ist: Es geht also darum, den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zu fördern und zu stärken. Man muss damit freilich nicht warten, bis man zur Minderheit geschrumpft ist. Aber als Mehrheiten leisten wir uns Eitelkeiten, Exzesse und Egotrips, die den Zusammenhalt schwächen oder stören. Weil wir meinen, es zu können. An dem Punkt ließe sich sofort ansetzen.

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Katastrophenwerbung

Ich komme zum Taufgottesdienst in eine alte Dorfkirche im Umland. Beim Betreten der Kirche wundere ich mich, dass Stufen von draußen in das Kirchenschiff hinab führen. Der Mesner erklärt, dass liege an der Pest im Mittelalter. Um die vielen Toten alle begraben zu können, musste der Friedhof um die Kirche herum „aufgestockt“ werden. Man schüttete zusätzliche Erde auf, und dabei blieb es bis heute.

In Homo Deus, das auf meinem Schreibtisch liegt, las ich diese Woche, wie verheerend solche Epidemien bis vor rund 100 Jahren tobten. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung Eurasiens starb an der Pest, in England überlebten von 3,7 Millionen Menschen nur 2,2 Millionen, schreibt Yuval Noah Harari und spricht von einem „Seuchen-Tsunami“.

Ich mache mich auf den Heimweg. Ein paar hundert Meter entfernt von der Kirche steht ein Wahlplakat der FDP. Dort lese ich:

Geschenkt: Keinen Empfang zu haben, ist ärgerlich. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher, und der Netzausbau kommt unter dem CSU-Minister Scheuer – wie so vieles – bisher nicht vom Fleck. Darauf könnte man hinweisen.

Aber was, bitteschön, hat das mit der Pest im Mittelalter zu tun? Wo genau soll der Vergleichspunkt liegen? Und was will der stramm gescheitelte junge Kandidat damit sagen? Dass es uns heute besser geht als damals? Wohl eher nicht, auch wenn es natürlich stimmt. Dass Funklöcher lebensgefährlich sein können? Beschämend, aber es betrifft nur einzelne. Vermutlich hat er einfach nur einen dramatischen Aufhänger gesucht. Irgendeine Katastrophe musste halt her. In Bayern am besten etwas, das mit Schwarz assoziiert wird, also schwarzer Tod, Pest, fertig und ab in den Druck.

Die Toten auf dem erhöhten Friedhof werden sich in ihren Gräbern umdrehen. Und froh sein, dass sie damals wenigstens keine Wahlplakate der FDP ertragen mussten.

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Das Reich Gottes (3) – es bewegt sich was

Ein letzter Gedanke zum Thema Reich Gottes (bzw. der Gottesherrschaft). Es ist kein Projekt und es lässt sich nicht ohne weiteres lokalisieren, objektivieren oder definieren. Das hat mit dem Beziehungs- und dem Ereignis- oder Widerfahrnischarakter zu tun, der Gottes Handeln ausmacht. Wenn es in die Gegenwart einbricht, dann als Vorwegnahme der Zukunft Gottes. Es weckt eine bleibende Sehnsucht nach dieser Zukunft, es schafft Erwartung und Hoffnung, es lässt Gottes Möglichkeiten erkennen. Kurz: Es setzt etwas in Bewegung auf diese Zukunft hin.

Mir sind dafür vier Beschreibungen eingefallen:

Von der Trennung zur Verbindung

Wo immer Gottes Reich anbricht, da schafft es Verbindungen. Jesus sammelt und beruft Menschen. Andere Bindungen werden dafür gelockert oder gar gelöst, aber unter dem Strich bleibt ein Zuwachs an Beziehung, kein Schwund. Das macht es so problematisch, wenn ganze Kirchen sich in die gesellschaftliche oder ökumenische Isolation begeben und wenn einzelne Menschen sich aus Angst oder Verachtung der „Welt“ gegenüber aus dieser zurückziehen. Gottes Reich schafft Offenheit für neue Verbindungen, freilich ohne dabei bei einer Beliebigkeit zu landen. Denn es geht um generative Beziehungen, nicht um autoritäre und parasitäre Verhältnisse. Oder anders gesagt: Es geht um Liebe und Fürsorge, nicht um Ausbeutung und Unterdrückung.


Anders Jildén

Von der Ohnmacht zum Mutanfall

Wo immer Gottes Reich sich ausbreitet, da werden Menschen von Ohnmacht befreit. Sie entdecken sich nicht nur als Empfänger von Gottes Wohltaten und denen anderer Menschen, sondern sie erleben, dass auch ihr eigener Beitrag zählt und wirkt. Oft gehören sie ja nicht zur überschaubaren Gruppe der mover and shaker. Alles ist möglich, wenn jemand glaubt sagt Jesus – nichts ist mehr alternativlos. Selbst in aussichtslosen äußeren Situationen wie einem Gefängnis oder einer Diktatur ist da noch das Gebet, das Kraft entfaltet. Und zwar nicht nur auf die betende Person selbst, sondern (zumindest nach biblischen Aussagen und Vorstellungen) darüber hinaus auf Gott und die Außenwelt. Sophie Scholl, die durch ihren Mut wahrlich viel bewegt hat, schrieb am 15. Juli 1942:

„O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich. Dir in die Hand will ich meine Gedanken legen an meinen Freund, diesen kleinen Strahl der Sorge und der Wärme, diese winzige Kraft, verfüge Du mit mir nach Deinem besten, denn Du willst es, dass wir bitten und hast uns auch im Gebet für unseren Bruder verantwortlich gemacht. So denke ich an alle anderen. Amen.“

Von der Konkurrenz zur Kooperation

Die dritte Bewegung folgt aus den ersten beiden. Wenn neue Verbindungen  und neue Optionen entstehen, dann hören all die Nullsummenspiele auf, bei denen der Gewinn des einen zum Verlust des anderen führt. Sie waren schon immer ein Irrtum. Aus dem Gegeneinander kann ein Miteinander werden: sozial, wirtschaftlich, kulturell und politisch. Bei den ersten Christen hat das funktioniert. Sie haben die destruktiven Gegensätze zwischen Ethnien, Geschlechtern und Klassen (vgl. Gal 3,28) in ein Miteinander verwandelt, in dem keiner ohne den anderen sein wollte und sollte. Und wenn die Schätze der Völker der Erde in der Offenbarung des Johannes ins neue Jerusalem gebracht werden, dann ja gerade nicht von einem Siegervolk, das alle anderen unterworfen hat.

Vom Mangel zur Fülle

Jesus hielt sich viel unter der armen Landbevölkerung auf. Immer wieder erzählen Geschichten von plötzlichen Erfahrungen der Fülle und des Überflusses. Bei der Hochzeit zu Kana, der Speisung der Fünftausend, der extravaganten Salbung. Immer wieder klingt in seiner Verkündigung des Reiches Gottes die Erwartung und das Vertrauen an, dass gieriges Hamstern nicht reicher und glücklicher und großzügiges Teilen nicht ärmer und elender macht. Aus einem winzigen Senfkorn wächst ein riesiger Baum. Dahinter steht die Vorstellung von Gottes unerschöpflicher Großzügigkeit. Sie macht es möglich, einander die Schulden zu erlassen. Anders gesagt: Sie ist die Grundlage menschlicher Freiheit.

Gewiss lassen sich noch weitere Bewegungen bestimmen, die Gottes Reich charakterisieren. Für mich sind das Sehhilfen in Momenten, wo es mir gerade schwer fällt, Gott am Werk zu sehen. Und Entscheidungshilfen, wenn ich mich frage, wo hinein ich meine begrenzte Kraft investieren soll. Und wenn wir beten „Dein Reich komme“, dann stelle ich mir solche Veränderungen und Bewegungen vor.

 

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Showtime am Altstadtring

Freitagabend am Altstadtring in Nürnberg. Ein schwarzer Lambomaserrari nimmt an der Ampel beim Kartäusertor mit brachialem Gedröhne Fahrt auf. Der Fahrer jagt die Drehzahl nach oben und der Motor prügelt den Boliden über den Asphalt.

Freilich viel zu schnell: Zweihundert Meter weiter ist die nächste Ampel noch rot. Sie ist an solche Beschleunigungen nicht gewöhnt. Im Normalbetrieb hat sie es mit Opels und Golfs, Fiats und Kias zu tun. Also muss er vom Gas, was der Motor mit drei oder vier ohrenbetäubenden Fehlzündungen quittiert. Vermutlich sind die ein bewusster Effekt und kein Defekt. Die Ampel schaltet auf Grün, das Ritual beginnt von vorn. Zwei Minuten später erscheint ein Kollege mit einem getönten und getunten Mercedes, in weiß.

Showtime!


Oscar Sutton

Die Typen wirken ein bisschen wie Raubtiere in viel zu kleinen Zoogehegen. Der Auslauf reicht vorne und hinten nicht. Keine Chance, die tatsächliche Höchstgeschwindigkeit je zu erreichen. Aber sie haben noch etwas gemeinsam mit den Zootieren: Das Publikum. Ein Leopard in der Savanne wird ja von niemandem gesehen. Der im Zoo schon.

Der Unterschied zwischen Leopard und Lambofahrer hingegen ist, dass letzterer freiwillig da ist. Gesehen zu werden ist ihm so wichtig, dass er den albernen, absurden Auftritt in Kauf nimmt.

Bleibt wohl nur zu hoffen dass solch benzingetränkten Balzritualen und PS-Potenzgeprotze der evolutionäre Erfolg versagt bleibt. Vielleicht sollte man eine Art Zoo einrichten für solche Show-Bedürfnisse. Aber bitte Abseits des Altstadtrings.

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Das Reich Gottes (2) – und warum man nicht drauf zeigen kann

Das Reich Gottes ist nichts, was Menschen „bauen“ könnten, sondern die Kritik aller menschlichen Projekte, hatte ich vor ein paar Tagen geschrieben.

Es steht aber auch nicht als etwas vom Himmel Gefallenes neben anderen (nicht vom Himmel gefallenen, also „irdischen“) Dingen in der Welt. Es lässt sich nicht objektivieren als etwas, auf das man zeigen kann. Jesus sagt in Lukas 17,21: „…man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! , oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Nicht „dingfest“ zu machen

Um das zu verstehen, kann man auf ein rein innerweltliches Phänomen verweisen: das Internet.  „Das Internet“ kann man nicht lokalisieren. Freilich besteht es aus Leitungen, Rechnern, Softwareprotokollen, Datenspeichern, Endgeräten und vielen immateriellen Inhalten. Ich kann zwar auf das Display meines Smartphones zeigen und sagen: „Da ist das Internet“. Der Satz ist jedoch zugleich richtig und falsch. Das Internet ist so viel mehr als das, was ich gerade sehe und zeige, und es verändert sich mit jeder Sekunde. Es ist an keinen Ort gebunden. Sondern es besteht in der Verbindung vieler Orte, Geräte und Inhalte, die Menschen dort erzeugen und ablegen. Eine simple Bildersuche zum Thema Internet offenbart die Unmöglichkeit, es anders als pars pro toto oder durch eine völlig unanschauliche Abstraktion zu zeigen. Man kann sich einen Dreck um das Internet kümmern, man kann leugnen, dass es existiert, und es für Spinnerei halten. Und doch wirkt sich das Internet auch im Leben derer aus, die nichts mit ihm zu tun haben wollen.

Wirksame Verbindungen

Ganz ähnlich kann das Reich Gottes auch in jeder Sekunde irgendwo wirksam in Erscheinung treten. Es läuft ja zum Glück auf jeder Hardware. Ich kann dann sagen: „Hier ist es!“ und weiß zugleich, dass es nur ein winziger Ausschnitt ist, der sich hier zeigt. Worauf ich hinauswill ist dies: Das Reich Gottes besteht in Verbindungen. Der Verbindung mit Gottes Geist und den Verbindungen, die dieser zwischen Menschen herstellt. Deshalb sagt Jesus: „es ist mitten unter euch“. Hannah Arendt hat Politik und Philosophie einmal im „dazwischen“ angesiedelt. Gottes Reich hat ja durchaus eine politischen Dimension und es existiert genau da – im Dazwischen.


Mario Purisic

Einen Schritt voraus

Das Reich Gottes ist aber nicht einfach nur „dazwischen“ in einem statischen Sinn. Es ist auch der Bereich Gottes schöpferischer Möglichkeiten. Wo immer es aufbricht, da fordert es uns heraus, über das Bestehende, Normale, Anerkannte und Vertraute hinauszugehen. Es bringt uns dazu, über uns selbst hinauszuwachsen, ohne dabei weniger wir selbst zu werden. Auch deswegen kann man nicht darauf zeigen: Es ist das noch unverwirklichte Potenzial – Walter Wink nannte es einmal „the sphere of creative novelty“. Es ist seiner (oder besser: unserer) Zeit voraus. Wir können uns danach ausstrecken, uns in die Zukunft locken und zum Guten verführen lassen – oder mit den Schultern zucken und business as usual vorziehen.

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Das Reich Gottes – und warum man es nicht „bauen“ kann

In den letzten Wochen habe ich mir die Frage gestellt, was für mich theologisch wesentlich ist. Immer wieder bin ich bei Jesu Botschaft vom Reich Gottes gelandet. Wenn mich jemand nachts aufwecken würde und fragen, welcher Bibelvers mir der wichtigste ist, würde ich sagen: Matthäus 6,33 „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, dann wird auch das alles [was man sonst noch zum Leben braucht] zufallen“. Man könnte sagen, das ist eine Einladung zum Leben nach dem „Zufallsprinzip“.

Rosie Kerr

Immer wieder mal höre ich jemanden davon reden, dass er/sie/wir „Reich Gottes bauen“ würde. Dieser unbiblische Sprachgebrauch zeigt schon, dass es da noch mächtig mit dem Verstehen hapert: Gottes Reich lässt sich nämlich nicht bauen. Schon gar nicht von uns! Es ist kein menschliches Projekt, keine religiöse Institution, auch keine interkonfessionelle Aktion oder übergemeindliche Struktur. Das Reich Gottes ist vielmehr die Kritik aller menschlichen Projekte. Es kommt, es bricht an, es wächst, es breitet sich aus (auch durch unser Zutun), aber wir bekommen es nicht zu fassen. Im Buch Daniel löst sich ein Felsbrocken im Gebirge und poltert in die Ebene hinab. Dort legt es eine Statue in Trümmer, die für die Supermächte der alten Welt steht. Menschen sind durchaus verwickelt in dieses Geschehen, aber es geht nicht auf menschliche Initiative zurück.

Wir können Kirche und Gemeinde bauen. Wir können Projekte durchführen, und viel Gutes kann dabei geschehen – nur sollten wir das nicht mit Gottes Reich verwechseln. Diese Dinge laufen vielmehr Gefahr, zu unserem Reich zu werden, wenn wir sie nicht klar vom Reich Gottes unterscheiden und von dort her kritisch betrachten. Das Reich Gottes stellt sie alle unter Vorbehalt. Und manchmal stellt es sie einfach auf den Kopf. Es hat eine ausgesprochen subversive Ader. Und das ist auch wichtig: Ein Blick nach Venezuela oder Zimbabwe zeigt, dass der Revolutionär von gestern zum Diktator von heute werden kann und das Projekt zum Problem. Kirchlich gilt das natürlich auch, Beispiele schenke ich mir an dieser Stelle.

Deshalb schickt uns Jesus in der Bergpredigt auf die Suche nach dem Reich Gottes. Es liegt oft abseits den Offensichtlichen: Im Verborgenen und Unscheinbaren, an den Rändern von Kirche und Gesellschaft, nicht in den Zentren der Macht und Aufmerskamkeit und nicht an der Spitze der Hierarchien. Unsere Bauten (das ist die Crux dieser Metapher) sind Immobilien – statisch und unbeweglich. Gottes Reich hingegen ist mobil, es lässt sich nicht dingfest machen. Es entzieht sich jeder Art von Verzweckung aus persönlichen oder politischen Motiven.

Es entzieht, wenn alles richtig läuft, mich am Ende mir selbst.

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Das Zeitalter der Verstockung

Wenn man sich gegenwärtig in der Welt umsieht, kann man an das alte biblische Konzept der „Verstockung“ denken. Vielleicht muss man sogar. Verstockung, das heißt: Jemand erzwingt den eigenen Untergang. Es fehlt nicht an Warnungen, aber sie kommen nicht an. Die Möglichkeit eines Kurswechsels war da, aber sie wurde nicht genutzt.

Der Pharao aus der Exodustradition wird so beschrieben. Die Könige von Israel und Juda, deren Reiche den Assyern und Babyloniern in die Hände fallen. Paulus bezieht den Begriff dann auf sein eigenes jüdisches Volk, das den prophetischen Ruf Jesu zur Umkehr ignoriert.

Persönliche Tragödien

Im Blick auf einzelne Menschen kennen wir das Phänomen schon lange. Die einen richten ihre Gesundheit zu Grunde, andere zerstören ihre Familien, Freundschaften und Nachbarschaft, wieder andere die Karriere. Wider besseres Wissen, trotz aller Warnungen, blind für die Folgen des eigenen Tuns.

Manchmal erscheint uns das tragisch, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Die Helden der antiken Tragödien scheitern ja daran, dass sie das Verhängnis, dem sie  unbedingt entgehen wollen, durch ihr vorbeugendes Tun erst heraufbeschwören. Die Verstockten sind im Vergleich dazu nur albern und dumm. Verstocktsein hat, anders als echte Tragik, nichts mit Größe und Edelmut zu tun. Sondern mit Hochmut, Kleingeisterei und fehlendem Augenmaß, die ein Ausmaß annehmen, dass der einzelne oder die Gruppe sich nicht mehr davon lösen kann.

Verstockung ist kein psychologischer, sondern ein theologischer Begriff. Gottes Anteil daran ist der, dass er irgendwann die Türe schließt, die einen Ausstieg möglich macht. Es bleibt es Rest, mit dem nach dem Untergang Neues möglich wird. Der Rest, das sind möglichweise all jene, die gegenwärtig noch trauern können. Diese Fähigkeit zu echter Trauer (im Unterschied zu primitivem Selbstmitleid) ist das letzte Zeichen der Hoffnung. Sie markiert den Ort in der Welt, wo Gott angesichts des Untergangs noch zu finden ist.

Aktuelle Beispiele

Aus den Nachrichten der letzten Wochen kommen mir zwei Beispiele in Erinnerung. Das eine ist der Rechtsruck der CSU und die Entfremdung der Parteiführung von den kirchlichen und sozial engagierten Wählern. Eine Weile lang dachte ich, das sei vielleicht eine Show, die auf taktischen Überlegungen beruht. Doch wenn man hört und liest, wie Horst Seehofer die Medienkritik der Rechtsradikalen übernimmt, und wie Kritik an dem immer radikaleren Kurs der Partei zur Hetze gegen sie umetikettiert wird, dann hat das schon diese wahnhaften Züge, die der Begriff der Verstockung in sich trägt. Die Psycho-Logik der AfD, die zwischen Weinerlichkeit und Gehässigkeit oszilliert, hat sich in den Gehirnen der Parteigranden anscheinend fest etabliert. Erst wollten sie nicht anders, jetzt können sie nicht mehr. Die bundesdeutsche Parteienlandschaft ändert sich in diesem Wochen gerade unwiderruflich.

Der Brexit ist die englische und der Waffenwahn in den Staaten ein Aspekt der amerikanischen Version dieses Phänomens. Es ist aber – und das ist neu – die Phase der multiplen Verstockungen angebrochen – mit globalen Auswirkungen.

Die viel größere Sorge sollte nicht der CSU, sondern dem Klima unseres Planeten gelten. Denn da spricht vieles dafür, dass entscheidende „Kippunkte“ schon überschritten sind. Das katastrophale Ausmaß der drohenden Zerstörung und ihrer Folgen für die Weltbevölkerung über viele Generationen hinweg lässt die Kriege der jüngeren Vergangenheit harmlos erscheinen. Seit Jahrzehnten ist die Gefahr bekannt. Sie wurde heruntergespielt und verdrängt, oder erstickt von der neoliberalen Dauerpropaganda gegen Regulierungen aller Art. Immer gab es wichtigere Dinge: Den Primat des Kapitals und dessen Hunger nach kurzfristiger, maximaler Rendite – den „Krieg gegen den Terror“ – die groteske Obsession mit Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlingen.

Dikaseva

Düstere Aussichten

Das Sommerloch und die Hitzewelle werden vorbeigehen. Die Große Koalition in Berlin wird wieder zu ihrer Tagesordnung übergehen, auf der die Klimakrise (weil zu groß, zu komplex und trotz aller Sprünge in letzter Zeit zu langsam) ganz weit unten rangiert. Die Deutschen werden weiter massenhaft Billigflüge buchen, SUVs und andere Spritfresser fahren, ungesund viel Fleisch aus Massentierhaltung futtern und gegen den Netzausbau für grünen Strom demonstrieren. Ein paar Lippenbekenntnisse müssen reichen, damit sehen wir im Unterschied zu Donald Trump (wie Vladimir Putin abhängig von der Kohle- und Ölindustrie) ja schon ganz gut aus. Ein Teil von uns wird nicht aufhören, jedes Bemühen um Nachhaltigkeit als „linksgrüne“ Verschwörung gegen Volk und Kultur hinzustellen, die Sorge um die Opfer der Erdüberhitzung als Verrat am Vaterland zu verleumden und die erschütternden Berichte des Weltklimarates und der Forscher als Fake News.

Das millionenfache Sterben von Mensch und Tieren, von Landschaften und Lebensweisen hat begonnen. Anklagen und Polemik, so berechtigt sie sind, verschärfen die Verstockung eher, als dass sie sie aufbrechen könnten. Vielleicht sollten die Kirchen einen Sonntag im Monat der öffentlichen Trauer widmen. Das klingt nach viel, aber es steht ja auch viel auf dem Spiel – so gut wie alles. Wir sind im Augenblick zu wenige, um einen Kurswechsel herbeizuführen. Aber wir sind zu viele, um einfach nur zu schweigen. Und billigen Trost oder positives Denken, das keinen Anstoß erregt, haben wir nicht im Angebot.

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Auf der Spur der Zeit

Gleich bei uns um die Ecke geht der Radweg Nummer 2 vorbei, der rund um Erlangen führt. Im letzten Frühjahr, als gerade die Entscheidung anstand, ob ich nach dem Ende des Vikariats bei ELIA bleibe oder an einem anderen Ort neu anfange, bin ich diese Runde gefahren. Eigentlich nur, um den Kopf frei und den Kreislauf ein bisschen in Schwung zu kriegen.

Ich war überhaupt nicht darauf gefasst, so vielen Erinnerungen zu begegnen: Stücke meines ehemaligen Schulweges waren darunter – Ecken, die ich in morgendlicher Eile hunderte Male passiert hatte. Irgendwann kam ich zu der Stelle, wo meine Frau und ich am ersten Tag, als wir zusammen waren, spazieren gingen. Etwas später sah ich in der Nähe ein Waldstück, in dem sich ein junger Mann das Leben genommen hatte, für den ich die Trauerfeier hielt. Der Weg kreuzte mehrfach Laufstrecken, auf denen ich mit meinem Freund Udo unterwegs war, oft in intensive Gespräche vertieft. Spielplätze, auf denen unsere Kinder herumgeturnt hatten, zogen vorbei, ebenso etliche Orte, an denen wir regelmäßig Gottesdienst gefeiert hatten, zuletzt die Franconian International School. Dann war ich wieder zuhause.

Ein großer Teil des Lebens, eingeschrieben in einen Rundweg: Schönes und Schreckliches wird für einen Augenblick wieder lebendig; Dankbarkeit für vieles Gute steigt auf, und auch, dass manches Schwere vorüber ist. Aus dem Staub des Alltäglichen funkelt hier und da Einmaliges hervor.

Echte Bedeutung haben diese Orte  freilich alle nur durch die unvergesslichen Menschen erlangt, mit denen ich dort war. Gesichter und Geschichten tauchen aus der Erinnerung auf. Aber erst der jeweilige Ort hat sie wieder hervorgeholt.

Unterm Radeln schloss sich der Kreis. Nicht nur äußerlich, weil die Runde beendet war, sondern auch innerlich – in der allmählich reifenden Gewissheit, dass der Abschied ansteht.

An manchen Stellen des Rundkurses kann man weit über das Stadtgebiet hinaus sehen – unter anderem hinüber nach Nürnberg. Da drehe ich die nächsten drei Jahre meine dienstlichen Runden. Am Fuß des Schmausenbuck liegt Z(erz)ab(elsh)o(f). Im September geht es los an der Auferstehungskirche.

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Ein bisschen angezählt

Vor einer Woche war mein offizieller Abschied von ELIA, mit einem Gottesdienst an historischer Stätte, etlichen Überraschungsgästen, vielen Umarmungen und Erinnerungen.

Es dauert, das emotional zu verarbeiten. Denn das mit dem lachenden und weinenden Auge funktioniert – anders als die Redensart das suggeriert – leider nicht synchron. Dafür kann es ziemlich zügig hin und her wechseln.

Irgendwie kommt mir diese Stimmung bekannt vor. Es fühlt sich an wie in den Augenblicken, in denen eines der erwachsenen Kinder dauerhaft das Haus verlässt. Nun kommt so ein Abschied ja selten überraschend. Du weißt, es ist der richtige Schritt und er ist an der Zeit. Dennoch – wenn es dann so weit ist, meldet sich das Herz plötzlich mit ein paar ganz tiefen Gefühlen und Erinnerungen.

Genau so war es letzte Woche. Nur dass ich in so viele vertraute und nicht minder gerührte Gesichter geschaut, viele Hände geschüttelt und viele gute Wünsche mitbekommen habe. Es hätte noch viel zu sagen gegeben, aber nicht genug Zeit, alles in Worte zu fassen.


Jan Tinneberg

In dem ganzen Durcheinander der Emotionen habe ich mich an Paulus erinnert, der auch väterliche und mütterliche Gefühle gegenüber den Gemeinden hegt, die er mitbegründet hat. Dann verlässt er die technische Begrifflichkeit  des Baumeisters, die er auch beherrscht, und wechselt in die Sprache des Herzens. Jetzt kann ich das nachempfinden.

Denn miteinander sind wir die geworden, die wir sind – nicht ohne die/den anderen. Diese Verbindung bleibt, auch wenn wir uns zukünftig seltener sehen und die Wege in unterschiedliche Richtungen führen.

Darüber kann man schon  mal ein bisschen angezählt sein. Und sich zugleich an Karl Barth erinnern: „Nur ja die Ohren nicht hängen lassen!“ Kinder werden groß und die Rolle der Eltern verändert sich. Alles gut.

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Was uns zusammenhält (und was nicht)

Die Einheit und der Zusammenhalt wirkt bedroht wie lange nicht mehr. Darin sind sich alle einig. Um so eifriger wird sie angemahnt – kirchlicherseits und in der Gesellschaft. Als ich heute über diesen Worten des Paulus saß, fiel mir auf, warum das manchmal ein weiter Weg sein kann:

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Paulus wünscht sich eine einmütige und einträchtige Gemeinde in Philippi. Das ist also auch unter Christen – damals wie heute – nicht selbstverständlich. In diesen Tagen haben sich bei uns ja ausgerechnet die Parteien mit dem C, die auch noch die Einheit (lateinisch Unio) im Namen führen, ungeahnt erbittert beharkt und sich mit der Fiktion einer Nicht-Spaltung in die Sommerpause gerettet. Christen stehen auf beiden Seiten der Gräben, die die aktuellen Kulturkämpfe aufgerissen haben. Führt ein Weg zurück zur Einheit – und wenn ja, welcher?

Nun liest sich das mit der Einmütigkeit hier ja so, als sei sie das Sahnehäubchen auf einem Kuchen. Sehen wir also nach, was drunter liegt. Die Grundlage der Eintracht wird klar benannt: Ermahnung, Trost, Liebe und Barmherzigkeit.

Ermahnung – ich lasse mit mir reden. Trost – ich suche nach Worten und Gesten, die heilen und aufbauen. Liebe – ich nehme mich zugunsten anderer zurück. Und Barmherzigkeit –  ich lasse mich vom Leid anderer berühren und bewegen.

Wo es freilich an solchen Dingen fehlt, da wird Eintracht zur Farce und zum Problem. Geschlossenheit ist ja kein Wert an sich: Organisiertes Verbrechen und totalitäre Bewegungen agieren oft sehr geschlossen, um sich auf Kosten anderer zu bereichern oder ihre Dominanz auszubauen.

Und es hat vielfach an Liebe und Barmherzigkeit gefehlt. Sie sind aus dem trostlosen Wortschatz der öffentlichen Debatten verschwunden. Die Ermahnung zu barmherzigen Tun und zur Mitmenschlichkeit wird als Verrat am Volk oder als fahrlässiges Gutmenschentum beschimpft, als Rechtsbruch und Ordnungswidrigkeit.

Der Anspruch, gut und respektvoll von Menschen zu reden, ihre Bedürftigkeit nicht abschätzig als Makel zu werten, sich nicht vom Leid anderer abzuschotten, wird  als „Hypermoral“ beziehungsweise ideologischer „Tugendterror“ diffamiert – Abschiebungen in akute Todesgefahr dagegen schamlos als nette Geburtstagsüberraschungen gefeiert.

Heather Mount

Nicht mehr die Kategorien von Menschlichkeit, Gleichheit und Hilfsbereitschaft prägen unser öffentliches  Gespräch, sondern Härte, Feindseligkeit und die Dämonisierung des Fremden. Von Barmherzigkeit und Menschenrechten zu reden gilt vielen inzwischen als Ausweis „linksradikaler“ Gesinnung, die Wohlstand und Ordnung im Land bedroht.

Wer aber auf Grundlage der fortwährenden Entmenschlichung anderer Geschlossenheit fordert, hat Gott nicht auf seiner Seite, egal, wieviele Kreuze er an die öffentliche Wand nagelt. Die Spannungen, mit denen wir zu tun haben, haben längst die alte Polarität konservativ/progressiv überschritten. Wer den Gedanken universaler Menschenrechte (und damit das Grundgesetz) – oder theologisch: der Gottebenbildlichkeit des Menschen – für selbstverständlich hält, ist inzwischen gewissermaßen konservativ. Nur dass der Gegenpol dazu heute nicht mehr im Progressiven, sondern im Regressiven und im Protofaschismus besteht.

Echte Konservative wie Norbert Blüm und Hans Maier haben das verstanden und ermahnen ihre politischen Weggenossen, die derzeit nicht ganz bei Trost sind, auf den Weg der Liebe, Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit zurückzukehren. So lange das noch aussteht, brauchen wir auch über Eintracht nicht zu reden.

Sie wäre nur das Sahnehäubchen auf einem Misthaufen.

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Abschied vom Priester-Paradigma: Das „geistliche Amt“ neu denken

Das Vikariat ist nun fast vorbei, nur ein paar Dinge sind noch zu tun: In den letzten Tagen saß ich über meiner obligatorischen Stellungnahme zu den Themen Schrift und Bekenntnis, Amt und Ordination. Und wäre diese Reihenfolge nicht vorgegeben gewesen, wären mir die Frage vielleicht nie gekommen, ob wir die Theologie rund um „das geistliche Amt“ nicht komplett neu durchdenken sollten. Ich schreibe das hier einfach mal ins Unreine und freue mich auf Kommentare und Rückmeldungen.

Kurz zurück zur Schrift, denn da setzt meine Frage an. Ich habe hier schon einmal ausführlich beschrieben, warum für mich die „Mitte der Schrift“ (oder, um mich als gute Lutheraner auszuweisen, „das, was Christum treibet“) nicht die Metapher vom Sühnetod ist, sondern das Exodus-Motiv der Befreiung aus vielfältigen Formen von Zwang und der egalitären Sozialcharta des mosaischen Bundes. Diese Tradition wird von den Schriftpropheten gegen das Königtum (und vielfach auch die mit dem Königtum eng verbandelte Priesterschaft) neu akzentuiert. Die Linie führt über weiter Johannes den Täufer zu Jesus. Beide üben prophetische Kritik am herodianischen Königshaus und der reichen Priesteraristokratie des (von Herodes prunkvoll errichteten) Jerusalemer Tempels.

So.

Nachdem ich mir das alles noch einmal vergegenwärtigt hatte, schlage ich die Handreichung der VELKD „Ordnungsgemäß berufen“ auf. Und plötzlich lese ich fast nur noch „Priester“ und „Priestertum“: Zwölfmal erscheint das Stichwort allein im Inhaltsverzeichnis.

Klar: Wenn man die Frage von Kirche und Amt, Klerus und „Laien“ vom Priestertum her aufbaut, dann ist man einerseits ökumenisch anschlussfähig, andererseits lässt sich die reformatorische Tradition über ein „allgemeines Priestertum“ nach 1. Petr. 2 einspielen. Wobei es den Bischöfen, die hier schreiben, erkennbar schwer fällt, die Alltagschristen auf echter Augenhöhe mit der Pastorenkirche zu sehen. Immer wieder rutschen ihnen dabei paternalistisch anmutende Formulierungen über die Rolle der „Laien“ heraus.


Josh Applegate

Dabei gab es in den paulinischen Gemeinden und im frühen Christentum keine Priester: Die Abkehr vom Tempel ist spätestens in Apg 6-7 greifbar. Seit 70 n.Chr. gibt es auch im Judentum weder Tempel, noch Opfer, noch Priester. Priester üben ihre Tätigkeit am Altar in einem abgegrenzten heiligen Bezirk aus, und ein ganz wesentliches Element ist der Opferkult. Daran erinnert der Hebräerbrief – und erklärt fortan alle Opferrituale durch den Tod Christi für überholt. Wenn überhaupt von „Priestern“ die Rede ist, dann entweder ganz exklusiv und im Singular von Christus oder ganz inklusiv und strikt im Plural vom Gottesvolk. Der Begriff „Tempel“ bezeichnet entsprechend dynamisiert im die leibliche Existenz und Präsenz der Christen in der Welt, und die gottesdienstliche Gemeinschaft der lebendigen Steine, aber gerade keinen festen Ort, keinen Prunk und kein Kirchengebäude: Wir sind alle Tempel und wir sind alle Priester und jeder Gedanke eines „mehr oder weniger“ würde diese biblische Zusage konterkarieren.

Die Sakramente Taufe und Abendmahl sind von ihrer Entstehung her eher prophetische Zeichenhandlungen, die mit der Zeit in eine liturgisches Gewand gekleidet wurden. Das Passah wird im Haus gefeiert, und erst in zweiter Linie im Tempel. Also auch ohne Priester und ohne Altar. Jesus und der Täufer stehen in kritischer Distanz zum Tempel und der Priesterschaft, aber sie identifizieren sich eindeutig mit den Propheten.

Priester waren im Judentum stets Männer – daher kann die katholische Kirche, die Orthodoxie (und die Lutheraner in Lettland) immer noch Frauen von geistlichen Ämtern ausschließen und einfach auf das Priestertum verweisen. Prophetinnen (und ja, Apostelinnen) sind uns hingegen aus der Schrift durchaus bekannt.

In den wenigen Aufzählungen geistlicher Ämter tauchen „Priester“ nicht auf. Nicht in 1. Kor 12 (Apostel, Propheten, Lehrer), nicht in den Pastoralbriefen („Bischöfe“ und Diakone), nicht in Eph 4 (Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer). Anregend finde ich Umschreibung dieser fünf Rollen bei Frost und Hirsch: Pioneer – Disturber – Recruiter – Humanizer – Systematizer. Sie lassen sich als funktionale Aspekte des einen Amtes denken, praktisch freilich wohl nur dann, wenn es mehr als eine Amtsträger*in gibt.

Mir geht es an dieser Stelle um das „Framing“ der Diskussion um Ämter und Funktionen. Gehen wir vom Priestertum aus, dann wird es wahrscheinlich sehr statisch, zeremonial und tendenziell männlich ausfallen.

Warum nicht einmal anders herum denken? 

Während sich aus Calvins Dreiklang der Ämter Christi das Priesterliche und das Messianisch-Königliche nur auf das gesamte Gottesvolk beziehen lassen, sieht es bei der dritten (im Luthertum vernachlässigten) Funktion anders aus. Es kann durchaus von einer prophetischen Kirche und von prophetischen Individuen beiderlei Geschlechts die Rede sein.

Denken wir also Kirche von ihrem prophetischen Auftrag her. Damit steht sie in der Nachfolge Jesu, des Täufers und über die hebräischen Propheten zurück bis Mose. Sie kündigt das Kommen des Reiches (der herrschaftsfreien Ordnung) unter den Augen der Imperien dieser Welt an und ringt zugleich mit der ständigen  Versuchung, selbst zum Imperium zu degenerieren, das Menschen benutzt, um seine Macht zu festigen und sein Überleben zu sichern. Damit die Kirche ihre prophetische Rolle nach außen spielen kann, braucht es prophetische Stimmen in ihrem Inneren. Hier lässt sich an Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Oscar Romero und andere, kleine Propheten („disturber“!) denken. Menschen, die sich und andere in Bewegung halten, die allzu Selbstverständliches in Frage stellen, die falsche Harmonie und faule Kompromisse beim Namen nennen, die Abstumpfung und Schweigen angesichts von Unrecht und Gleichgültigkeit überwinden helfen. Menschen, die Hoffnung auch in finsteren Zeiten sehen und verbreiten. Ronald Marstin hat in „Beyond the Tribal Gods“ geschrieben:

„Prophetische Religion ist die eines Volkes, das nicht an Grund und Boden gebunden ist, ein Volk im Aufbruch, ein Volk, das eine historische Aufgabe vor sich hat – die Aufgabe, Grenzen zu überwinden.“

Und Walter Brueggemann fügt der räumlichen eine zeitliche Dimension hinzu, wenn er schreibt:

„Der Prophet engagiert sich im Ausmalen der Zukunft. Der Prophet fragt nicht, ob die Vision umgesetzt werden kann, denn Fragen der Umsetzung sind ohne Folgen, bis man sich die Vision vorstellen kann. […] Unsere Kultur kann fast alles implementieren, aber fast nichts imaginieren.“

Karl Barth wundert sich gegen Ende von KD IV,3 §72, dass die Neuentdeckung des prophetischen Amtes Christi für Calvin bislang ohne Folgen für die Ekklesiologie blieb. Und er schickt sich an, die Lücke zu schließen:

„Das Handeln der Gemeinde im Dienst ihres Zeugnisses ist ein prophetisches Handeln, wobei wir unter «prophetisch» verstehen: ein Handeln in Erkenntnis des Sinnes der jeweils gegenwärtigen Ereignisse, Verhältnisse und Gestalten ihrer eigenen Geschichte und auch der ihrer Umwelt in ihrer positiven und negativen Beziehung zu dem von ihr bezeugten nahe herbeigekommenen Reiche Gottes und also in ihrer Tragweite für die konkrete Gestalt dieses ihres Zeugnisses.“ (S. 1026)

Vom nahenden Reich Gottes her bestimmt Barth den prophetischen Impuls (wie Marstin und Brueggemann) als ein „Vorwärts!“, das mitunter den Widerspruch der „Allianz der Priester [!], der falschen Propheten, der Fürsten und des Volkes“ herausfordern wird:

Prophetie beruht auf einem besonderen Vernehmen und besteht in einer besonderen Kundgebung des von Gott je und je in seinem Werk, nämlich in der von ihm regierten Geschichte seines Volkes und der Welt gesprochenen Wortes: des Wortes, in welchem er, was er in Begründung des Bundes ein für allemal gesprochen, nicht etwa durch etwas Anderes ersetzt, ergänzt oder überbietet, wohl aber zu bestimmter Zeit neues Gehör und neuen Gehorsam fordernd, in neuer Klarheit wiederholt und bestätigt.

Im prophetischen Element und Charakter ihres Dienstes blickt, greift, schreitet die Gemeinde in der jeweiligen Gegenwart und aus ihr hinaus hinüber in die Zukunft: nicht willkürlich, nicht auf Grund eigener Analysen, Prognosen und Projekte, wohl aber lauschend auf die Stimme ihres Herrn, der auch der Herr der Welt ist, welcher eben das, was er sprach, indem er sie berief, begründete und beauftragte, wieder und neu spricht in dem, was in ihr und in der Welt jetzt und hier als in seinem Machtbereich geschieht, der sie eben damit in die Zukunft weist und führt, ihr eben damit das ihr anvertraute Zeugnis, ohne daß es ein anderes würde, in neuer Gestalt auf die Lippen legt.

Barth hält fest, dass der prophetische Dienst Sache der ganzen Gemeinde ist und nimmt doch auch zur Kenntnis, dass die Rollen der einzelnen Gemeindeglieder dabei variieren.

Statisch und hierarchisch wird sich dieses „Vorwärts!“ gewiss nicht strukturieren und organisieren lassen. Zum Trost für alle Sanften, Stetigen und Strukturierten unter uns, die befürchten, es könnten Chaos und Unordnung ausbrechen: Barth hält Prophetie für „nicht ekstatisch, nicht enthusiastisch, nicht tumultuarisch“. Aber gerade in Zeiten, in denen die eine historische Gestalt von Kirche dem Ende entgegengeht und die andere noch nicht (oder nur punktuell) sichtbar geworden ist, liegt in dieser Rückbesinnung auf die prophetische Dimension eine große Chance.

Ein solches Reframing, ein Paradigmenwechsel vom Priesterlichen zum Prophetischen, hätte durchaus das Potenzial, die Lehre und Praxis des geistlichen Amtes aus alten Sackgassen herauszuführen.

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Unbrauchbar

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht“, sagt der Arzt zu seinem Patienten. „Erst die schlechte:  Sie haben Krebs. Und jetzt die gute: Ich habe heute Geburtstag.“

Den makabren Uralt-Witz hat mir vo 40 Jahren ein Mitkonfirmand erzählt. Ich habe ihn nie weitererzählt, weil er so schlecht war. Heute fiel er mir wieder ein, als Horst Seehofer sich öffentlich darüber freute, dass  just an seinem 69. Geburtstag exakt 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben wurden.

In beiden Fällen: Jemand, der so von sich eingenommen ist, dass er jede Verhältnismäßigkeit und jedes Gespür für andere verloren hat.

So einen Arzt braucht kein Mensch.

Mit so einem Minister ist kein Staat zu machen, der noch etwas auf Mitmenschlichkeit gibt.

Vitor Barros

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Nochmal: Männer

Die Begeisterung für Männergruppen und Männerarbeit hat bei mir nie gezündet. Ich fühle mich unter Männern wohl, aber ich bin da auch nicht mehr ich selbst als sonst. Ich bin recht gut ohne Initiationsriten durchs Leben gekommen (auch wenn mir jetzt vermutlich gleich ein paar Leser beweisen wollen, dass mir Substanzielles für meine Identität entgangen ist und ich das bloß nicht erkenne oder wahrhaben will). Macho-Christen wie Mark Driscoll und klischeeverhaftete Bücher wie die von John Eldredge fand ich immer ausgesprochen peinlich.

Wil Stewart

Diese Woche habe ich zum ersten Mal begriffen, warum wir uns tatsächlich dringend um Männer kümmern müssen. Ulrich Brand und Markus Wissen beschreiben in ihrem Buch „Imperiale Lebensweise“ sehr zutreffend, dass sich unser aktuelles Krisen-Konglomerat aus Klimawandel, Ressourcenextraktion, Externaliserung der ökologischen und sozialen Kosten, und einer Tendenz zu autoritären und hierarchischen Formen der Machtausübung  tief in die Geschlechterverhältnisse eingeschrieben hat. Immer noch verrichten Frauen weit mehr unbezahlte Sorgearbeit oder schlecht bezahlte ungelernte Tätigkeiten. Und Männer haben im Schnitt nicht nur marginal größere Füße, sondern mit ihrer Liebe zu Verbrennungsmotoren oder ihrem deutlich höheren Fleischkonsum einen wesentlich höheren ökologischen Fußabdruck als Frauen: „Der andro- und eurozentrische Lebensentwurf einer hegemonialen Männlichkeit ist integraler Bestandteil der imperialen Lebensweise.“ (S. 54)

Also lasst uns all die Sachen machen, die Männer toll finden…

… Moment, stop, nein:

Lasst uns Sachen finden, die Männer gern tun, ohne dabei gleichzeitig anderen die Folgekosten für den Spaß aufzubürden. Ohne Diesel und Dry Aged Beef. Und währenddessen reden wir dann von Mann zu Mann darüber, wie wir die Verantwortung dafür übernehmen können, dass künftige Generationen auf dieser Erde in Frieden leben. Über den Mut zu anderen Lebensentwürfen als dem androzentrischen und imperialen.

So könnte ein Schuh draus werden. Und wenn Frauen gelegentlich dabei wären, wäre das kein Problem.

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Gott und die kleinen Männer

In der Grundschule haben wir über das Vaterunser gesprochen. Irgendwann stellt ein Kind die unvermeidliche Frage: „Ist denn Gott nicht nur Vater, sondern auch Mutter?“

Wir diskutieren ein paar Minuten. Die Meinungen gehen auseinander und viele sind sich unsicher. Zwei Jungs, die größten in der Klasse, finden, Gott sei doch ganz eindeutig ein Mann. Und ich spüre in der Art, wie sie es sagen, wie wichtig es für sie ist, dass Gott einer der ihren ist. Klar: das wertet Männer auf, vor allem die kleinen. 

Joel Bengs

Aber ich kann ihnen nicht zustimmen: Männer sind Gott nicht ähnlich, weil sie Männer sind. Geschlechtlichkeit ist eine Kategorie, die sich auf Geschöpfe anwenden lässt, aber eben nicht auf den Schöpfer.

Nachdenklich verlasse ich daraufhin das Schulhaus. Im Grunde wünschen wir uns ja alle, dass Gott uns ähnlich ist: Dass er uns gut findet, dass er auf unserer Seite ist, dass ihm dieselben Sachen wichtig sind wie uns und wir auf ihn zählen können, wenn wir unsere Ziele im Leben verfolgen.

Jesus hat im Vaterunser vorgebaut. „Geheiligt werde dein Name!“, das heißt auch: Niemand darf Gott vor den eigenen Karren spannen oder ihn gegen andere instrumentalisieren. Und „Dein Reich komme!“ schließt aus, dass Menschen über andere herrschen. Egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion oder welchen Pass jemand hat.

Gut, dass das schon Zehnjährige lernen.

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