Gott spielen

Im Krippenspiel am Heiligabend spielt Gott mit. Er trägt Pferdeschwanz und Brille und geht in die siebte oder achte Klasse.  Anscheinend hat Gott dem Religionslehrer von seiner Rolle erzählt. Der fragte prompt zurück, ob das nicht eine sehr persönliche Vorstellung von Gott sei, wenn er da leibhaftig mitspielt. Gott schaut mich fragend an, ich bin ja der Pfarrer. Wenn das ein Problem sei, antworte ich, dann dürften wir ja auch nicht „Vater unser im Himmel“ beten. Gott nickt zufrieden und spielt weiter.

Natürlich ist Gott in einem anderen Sinn Person als wir. Das Attribut bezeichnet „nur“ eine Ähnlichkeit. Aber ihn als Nichtperson zu betrachten wäre noch viel falscher. Vielleicht sind wir manchmal nicht Person genug, um Gott sinnvoll abzubilden. Eine Grundähnlichkeit bleibt allerdings. 

Ursprünglich hatten wir eine andere Besetzung im Auge, mit erkennbarem Migrationshintergrund, aber der streng (christlich-) religiöse Vater verbot dem Darsteller den Auftritt mit Verweis auf das mosaische Bilderverbot. Dieses bezieht sich jedoch nicht auf Gott allein, sondern auf Lebewesen aller Art. Buber übersetzt: 

„Nicht mache dir Schnitzgebild, — und alle Gestalt, die im Himmel oben, die auf Erden unten, die im Wasser unter der Erde ist.“

Ex 20,4

Jede Art gegenständlicher religiöser Kunst wäre damit streng genommen tabu. Wenn wir aber wie hier über Schauspiel sprechen, darf man ja nicht übersehen, dass Gott im Ersten Testament rituell ständig repräsentiert wird, nämlich durch Priester. Also Menschen. 

unsplash-logoBen Sweet

Das eigentliche Problem liegt darin, dass wir meinen könnten, ein ganz bestimmter Mensch sei exklusiv Gottes Bild und Stellvertreter. Oder dass unsere Inszenierungen von Macht, Reichtum und Schönheit Annäherungen an Gott darstellen. Der Menschensohn, das authentischste Bild Gottes, das wir haben, fällt nicht in diese Kategorie des Spektakulären. Vielmehr weiß der Prophet:

Wie ein Keimling stieg er auf vor sich hin, wie eine Wurzel aus dürrer Erde, nicht Gestalt hatte er, nicht Glanz, daß wir ihn angesehn hätten, nicht Aussehn, daß wir sein begehrt hätten, 

Jes 53,2 (Buber)

Wenn wir dann noch ernst nehmen, dass Gottes Geist auch in Menschenkindern wirkt, die Pferdeschwanz und Brille tragen, in die achte Klasse gehen oder sonst irgendwelche gewöhnlichen Dinge tun – wie wir alle –, dann sollte es auch kein Problem sein, ihn am Heiligabend mitspielen zu lassen. 

Und wenn uns Weihnachten daran erinnert, dass Gott nun ganz viele menschliche Gesichter hat, dann kommen wir vielleicht nicht so schnell auf die Idee, Gott zu spielen. Wie manche Eltern im Leben ihrer Kinder. Wie manche Chefs und Professoren. Wie manche Ärzte und Wissenschaftler oder auch Pfarrer und Bischöfe. Wie manche – nein, alle! – Kriegsherren.

Dann hätte sich der ganze Aufwand gelohnt.

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Vom Himmel hoch?

Vielleicht gibt es wirklich spirituelle Menschen, aber der sichere Test, sie  von den falschen zu unterscheiden, besteht darin, ob sie ihre Gesprächspartner »nach oben« führen, indem sie versuchen, den Wegen der Information mit anderen Mitteln Konkurrenz zu machen, oder sie im Gegenteil nach und nach herabführen zu Sprechakten, die den Sprecher transformieren, ohne seinen Wissensdurst im geringsten zu schmälern. (…)

Das Beste wäre noch (…) sich ein paar Jahre den Reflex abzugewöhnen, Religion mit Höhe zu verbinden.

Bruno Latour, Jubilieren, S. 53

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Beichte: das halb leere Glas?

Kürzlich habe ich nach längerer Zeit wieder einmal an einer „allgemeinen Beichte“ teilgenommen. Ich weiß gar nicht, ob es diesen Ritus in anderen Konfessionen überhaupt gibt, oder ob das ein lutherisches Proprium ist:

  • Ein paar allgemeine Aussagen in Bekenntnisform dazu, dass wir Sünder sind und der Vergebung bedürfen,
  • ein Augenblick der Stille, um das für sich persönlich zu konkretisieren,
  • die Frage nach der Reue und dem Glauben, dass die bevorstehende Absolution im Namen und Auftrag Gottes erfolgt,
  • schließlich der Zuspruch der Vergebung, Dank und Segen.

Was ich aber sagen kann: Ich finde diese Form, mit Schuld umzugehen, seltsam. Und zwar auf mehreren Ebenen: Zum einen betont die lutherische Liturgie hier den Zusammenhang von Schuld und Strafe ganz massiv. Indem man das eine bekennt, wendet man das andere ab. Das ist der theologische Aspekt meiner Unzufriedenheit.

Zum anderen scheint mir, dass ich bei dieser Form der „Beichte“ alles Wesentliche doch mit mir selbst ausmache. Das muss kein Schaden sein, aber dann brauche ich auch keinen Pfarrer und keinen hörbaren Zuspruch. Ich habe in der Regel keine große Mühe, ernsthaft zu glauben, dass Gott mir vergibt, wenn mir etwas wirklich leid tut.

Aber es gibt Situationen, wo ich das hören muss, weil ich es nicht glauben kann. Dann aber von jemandem, der (wie Gott auch) tatsächlich weiß, worum es konkret geht, und mich trotzdem nicht verurteilt. Das nämlich hat eine heilsame, befreiende und beflügelnde Wirkung, die sich in der allgemeinen Form, in der alles Konkrete unausgesprochen bleibt, zumindest bei mir nicht einstellt. Es bleibt eine einsame Sache.


Shalone Cason

Und ein letzter Aspekt: Oft muss die Vergebung der Sünden der Erkenntnis derselben vorausgehen. Anders gesagt: Der wahre Charakter meines Denkens und Handelns wird mir erst dann bewusst, wenn ich es nicht mehr beschönigen oder rechtfertigen muss und es zum ersten Mal ehrlich anschauen kann. Beichte wäre für mich dieser Prozess,

  • etwas anzusprechen – ans Licht zu bringen –, das sich ungut anfühlt und mich belastet,
  • ein Gegenüber zu haben, das mich nicht verurteilt, mich wohlwollend anhört und mir damit im Angesicht Gottes
  • einen angstfreien Raum gewährt, in dem sich verknotete Verhältnisse klären und Versöhnung möglich wird.

Kommen wir also mit der allgemeinen Beichte Menschen auf halbem Weg fürsorglich entgegen oder versäumen wir es, ihnen gerade die Schritte zuzumuten (und sie dabei zu begleiten), durch die sie wachsen und heil werden könnten? Ob halb voll oder halb leer – in diesem Glas ist mir zu wenig drin.

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Wer ist verloren?

Für Bruno Latour ist die Religion kaputt: Sie ist unverständlich und selbstreferenziell geworden, sie spaltet die Menschen in Insider und Outsider, Gläubige und Ungläubige, statt zwischen ihnen Brücken zu bauen. Es hat vor allem mit der Sprache zu tun. Statt sie lebendig zu halten, haben die Kleriker sie eingefroren und festgeschrieben.

In der Religion gibt es wie in der Wissenschaft Artefakte, die es sorgsam abzubauen gilt. Denn die Zeit vergeht, die Wörter, die Sinn hatten, verlieren ihn. Die aber, deren Beruf darin besteht, die Wörter zu ändern, um den Sinn zu bewahren, die Geistlichen, haben es vorgezogen, die Wörter fromm zu bewahren, auf die Gefahr hin, den Sinn zu verlieren. 
… Indem sie ihr Erbe zu schützen glaubten, verschleuderten sie es.

Inzwischen ist die Distanz kaum noch zu überwinden. Aber damit findet er sich nicht ab:

Ich habe weit Besseres zu tun, als in den Schoß der Gemeinde zurückzukehren, denn nicht mehr ein Schaf hat sich verirrt, die ganze Herde samt Weide, Tal, Gebirge, samt dem ganzen Erdteil ist unterwegs verlorengegangen; ja, es ist am Hirten, zur Herde zurückzufinden, es ist am Schoß, an der Schäferei, am Bauernhof, am Dorf, sich wieder auf den Weg zu machen, um die verlorene Zeit einzuholen, das verheißene Land wiederzugewinnen, das sie brach hinter sich ließen.

Bruno Lautour, Jubilieren

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Fundgrube zum Bußtag

Morgen ist Buß- und Bettag, einer dieser Feiertage mit permanenter Existenzkrise. In Bayern versinnbildlicht dadurch, dass Schüler frei haben, Lehrer Konferenzen machen und arbeitende Eltern sich was einfallen lassen müssen.

Letzteres müssen auch die Pfarrer*innen, die morgen Gottesdienste halten. Unerwartete Hilfe kommt diesmal ausgerechnet vom geschätzten philosophie magazin, das pünktlich zum November mit den Thema „Vergebung“ aufwartet.

Das Dossier nimmt religiöse Bezüge auf, etwa durch den Erfahrungsbericht eines jungen Katholiken mit der Beichte. Aber eben auch da, wo Gott und christliche Tradition nicht explizit vorkommen, ist es eine gewinnbringende Lektüre. Weil ganz  unterschiedliche Perspektiven zusammentreffen. Denn unser kirchliches Reden von Vergebung krankt gelegentlich daran, dass wir uns wenig neue Gedanken machen und lieber das Bekannte wiederholen.

Mir kommt es jedenfalls so vor. Es ist nicht falsch, was ich dann höre, aber oft eben auch nicht ganz taufrisch. Vergebung ist womöglich so tief in liturgische und homiletische Routine gegossen, dass wir seltener über selbstbezügliche Selbstverständlichkeiten hinausdenken, als uns gut täte.

Greg Willson

Wer also noch in der Predigtvorbereitung für morgen steckt, findet hier reichlich gute Denkanstöße. Bei mir ist die Formulierung von Emanuel Levinas hängen geblieben, dass Verzeihen es ermöglicht, „das Band mit der Vergangenheit neu zu knüpfen“ (Seite 44). Dafür müssen alte Knoten erst mal gelöst werden. Und Derridas Hinweis (Seite 3), dass sich die Frage der Vergebung eigentlich erst richtig vom Unverzeihbaren her stellt. In einer Zeit, wo ganz fatale Verknüpfungen mit der Vergangenheit (Gaulands „Fliegenschiss“) die Runde machen und gleichzeitig Schlussstriche gefordert werden, die ins Schweigen und die Täter-Opfer-Umkehr führen, ist das hilfreich und wichtig. Die Vergangenheit bleibt dieselbe. Sie wird nicht gut. Aber wir werden frei von den Zwang, sie zu verharmlosen, zu verdrängen oder gar zu wiederholen.

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Ein Engel in Schwarz

Kürzlich begleitete ich einen Mitarbeiter der Kirchengemeinde in eine Flüchtlingsunterkunft. Es wurde allmählich dämmrig, als wir das abgelegene Gelände betraten. Ein Schlagbaum versperrte die Einfahrt. Als wir den zu Fuß umkurvten, näherte sich ein in Schwarz gekleideter Wachmann und sprach uns an.

Mir kamen sofort diverse Presseberichte in den Sinn, die alle davon handelten, wie Mitarbeiter von Security-Firmen Flüchtlinge schikanierten und Helfer abwimmelten. War das auch so einer?

Steve Halama

Wir kamen ins Gespräch, und unser Gegenüber erzählte uns, wie friedlich und angenehm die Geflüchteten seien. Und zwar nicht nur hier, sondern überall in der Stadt. Niemand brauche sich zu fürchten. Und dass man es doch verstehen müsse, wenn ein Geflüchteter Frust schiebe, weil er von Behördenmitarbeitern unfreundlich behandelt wird, unter miesen Bedingungen lebt und trotz bester Voraussetzungen keine Ausbildung oder Arbeit antreten darf. Er wurde richtig leidenschaftlich, als er auf die Ungerechtigkeit solch arroganter Willkür zu sprechen kam.

Je länger er sprach, desto beschämter betrachtete ich meine anfängliche Voreingenommenheit. Aber dann überwog die Freude, dass da jemand das Herz am rechten Fleck hat. Wenn mir das nächste Mal jemand Unbekanntes in Security-Uniform begegnet, werde ich mich an dieses Erlebnis erinnern. Und erst mal das Beste über ihn denken.

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Freiheit – ein Gedankenpuzzle

Freiheit war das Stichwort, das mich am zurückliegenden Wochenende beschäftigte. Es begann mit einer Diskussion in einer Gruppe. Je länger wir redeten, desto größer wurde für mich die Spannung. Auf der einen Seite stand der bürgerlich-liberale Begriff von Freiheit, der das Individuum in den Mittelpunkt stellt und Freiheit im Wesentlichen negativ bestimmt, als Abwesenheit von äußerem Zwang: Frei bin ich, wenn ich tun und lassen kann, was ich will. Es ist eine asoziale Vorstellung von Freiheit. Denn andere Menschen schränken diese meine Willkür fast unweigerlich ein. Beziehungen, die über das Instrumentelle hinausgehen und Kompromisse erfordern, erweitern oder vertiefen die Freiheit nicht.

Sozial oder solitär?

Ich erinnerte mich an eine Bildersuche zum Stichwort „Freiheit“. Es tauchten darin fast ausnahmslos menschenleere Szenen auf oder eine solitäre Person – bestenfalls noch mit Hund. David Foster Wallace nennt das „die Freiheit für jeden von uns, Herrscher seines winzigen, schädelgroßen Königreichs zu sein, allein im Mittelpunkt der Schöpfung.“

Die biblischen Vorstellung von Freiheit beginnt nicht mit dem Individuum, sondern immer mit einer Gemeinschaft. Sie ist von Grund auf sozial angelegt. Der Gott Israels befreit keine Ansammlung von Individuen aus der Knechtschaft in Ägypten, sondern sein Volk. Und wenn Paulus im Galaterbrief die Freiheit so mächtig betont, dann spricht er auch da im Plural, nicht im Singular. Biblische Bilder und Schilderungen von Freiheit handeln von Gemeinschaften. Und sie machen ein Aussage über das „wofür“ der Freiheit, nicht nur das „wovon“. Oder, um es noch einmal mit Foster Wallace zu sagen:

Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.

Von Paulus zu Banksy

Parallel hatte ich für den Sonntag noch den Predigttext aus Römer 7 im Kopf. Der thematisiert den Zwiespalt und die Zerrissenheit, die jemand erlebt, der das Gute kennt und eigentlich auch will, aber es einfach nicht tut. Der Grund dafür ist die Macht der Sünde, die alle guten Ansätze korrumpiert und pervertiert. Da wird das Problem der Freiheit insofern verschärft, als der Ursprung der Unfreiheit auch in der Person selbst lokalisiert wird: Wir können die besten Absichten haben und das Schlimmste bewirken.

Das, freilich, hat seine Ursache nicht allein in der menschlichen Psyche: Eine aktuelle Analogie ist vielleicht der Wirbel, den Banksy jüngst mit der Schredder-Aktion seines Werkes Girl with Balloon verursachte. In ersten Kommentaren wurde das als Protest gegen den Kapitalismus und gegen irre Phantasiepreise auf dem Kunstmarkt gefeiert. Dann aber wurde der Ton nachdenklicher und kritischer. Hat Banksy seinen eigenen Rebellen-Mythos (der zum Wert seiner Kunst nicht unwesentlich beiträgt) damit weiter gesteigert? Schließlich las ich, dass die Käuferin das zerschnittene Bild behält (es ist ja noch berühmter). Und dass der Wert durch die Aktion eher gestiegen als gesunken sein dürfte. Der Punkt ist: Ganz egal, was Banksy nun im Sinn hatte, als er seine Aktion bei Sotheby’s einfädelte – der kapitalistische Kunstbetrieb im Zeitalter des Neoliberalismus versilbert es so oder so. Der Protest, wenn es einer war, greift zu kurz.

Verschiedene Dimensionen

Die Sehnsucht nach Freiheit wird nur dann eine Chance auf Erfüllung haben, wenn wir das ganze Bild im Blick behalten. Faire Gesetze und Strukturen, Geschlechter- und Verteilungsgerechtigkeit gehören als äußere Bedingungen ebenso dazu wie der Mut, den Blick in die eigenen Abgründe zu wagen und sich an der eigenen Nase zu fassen. Das schafft Freiheit, den über- und außermenschlichen Inkarnationen von Sünde wie dem Turbokapitalismus ein Schnippchen zu schlagen. Also all jenen Mechanismen, Stimmungen und Strukturen, die menschliches Leid und die Zerstörung der Schöpfung verursachen, verschärfen und verstetigen.


Nick Fewings

Paulus spricht in Römer 7,6 vom „neuen Wesen des Geistes“. Es werden nicht nur Werte und Regeln ausgewechselt, sondern das gesamte Empfinden einer Person ändert sich. Von innen heraus, gewiss, aber mit handfesten Folgen.  Aus einer Haltung der Aufmerksamkeit und Empathie erwächst die Bereitschaft, in aller Freiheit und um der Freiheit willen (der eigenen wie der der anderen) Opfer zu bringen. Es ist die Freiheit, sich hinzugeben und zu verschenken. Ihr Ursprung ist das Herz Gottes, ihr konzentriertester Ausdruck in der Welt das Kreuz Christi.

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Jesus und die Erstklässler

Der Unterrichtsentwurf für die erste Klasse sah vor, den Kindern drei Personen zu zeigen: Ein armes Kind, ein wohlhabendes Kind und eine berühmte Person. Dann sollten die Kinder die drei der Wichtigkeit nach ordnen wie auf einem Siegertreppchen. Das erste Kind legte noch die Berühmtheit auf die Eins. Fast alle weiteren Vorschläge aber zogen das arme Kind vor.

Ich hatte Mühe, beim Zuhören nicht dahinzuschmelzen, musste mich aber im Zaum halten. Denn die Lösung am Ende war so gedacht, dass alle – ob reich oder arm oder normal – gleich wichtig sind: Alle auf die Eins.

Dieser Vorschlag kam gar nicht gut an bei den Kindern. Sie beharrten darauf, dem armen Kind einen Bonus zu geben. Und ich frage mich, ob sie nicht goldrichtig damit liegen: Jesus sagt immerhin im Evangelium, dass die Letzten die ersten sein werden. Das ist etwas anderes als „alle werden die Ersten sein“ oder „es wird keine Letzten mehr geben“.

Im besten Fall wird es die Privilegierten dieser Weltzeit am Ende nicht stören, wenn all jene, die ein härteres Los hatten, einen Ausgleich bekommen. Ganz sicher sind auch sie Gott wichtig. Aber auf dem Weg zu einer gerechten Welt haben manche mehr zu verlieren und andere mehr zu gewinnen. Jesus und die Erstklässler erinnern uns: An der Option für die Armen kommen wir nicht vorbei.

Ich glaube, St. Martin wird ein Festtag für die Kleinen

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Geistreiches Weltbild

Eher zufällig dominiert gerade das Thema Evolution im (stets evolvierenden) Bücherstapel auf meinem Schreibtisch. Irgendwie passend dazu hörte ich neulich den Comedian Michael Mittermeier im Fernsehen sagen, dass Gott, „als er die Evolution erschuf (!)“, sich dieses oder jenes aktuelle Ergebnis auch nicht so vorgestellt hatte. Klar, muss man nicht so ernst nehmen. Trotzdem ein bemerkenswerter Satz: Dem Prozess der Evolution wird eine zielgerichtete Absicht unterstellt. Kein blindes Würfeln. Zufällig oder nicht: Vielleicht können wir Menschen kaum anders reden und denken als so?

Jaredd Craig

Thomas Nagel gehört zu den bekannten Stimmen in der Philosophie. Vor ein paar Jahren riskierte er seinen guten Ruf, indem er sich kritisch mit dem reduktiven Materialismus als der bevorzugten Erklärung für die Evolution der Welt befasste: Geist und Kosmos heißt sein Versuch. Der Untertitel – „Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ – liest sich wie eine kleine Kampfansage. Entsprechend ungnädig fielen die Reaktionen aus, als das Buch 2012 in den USA erschien. Dabei verzichtet Nagel in seiner nüchternen Darstellung auf Polemik. In Deutschland verlief die Rezeption hingegen positiver.

Auch für Theologen von Interesse

Spannend ist die Lektüre deswegen, weil Nagel sich explizit von allen religiösen Erklärungen distanziert – auch von Kreationismus und Intelligent Design. Er sucht nicht den Dialog mit Glaube und Religion. Stattdessen diskutiert er als Philosoph mit seiner eigenen Zunft und das Verhältnis zu den Naturwissenschaften. Für Theologen gleichwohl interessant ist dabei

  • erstens seine Kritik am gegenwärtigen Geltungsanspruch strikt materialistischer Welterklärung,
  • zweitens seine Suche nach alternativen Ansätzen und
  • drittens seine Aussagen zum Verhältnis von Geist und Materie (er ist eher Monist als Dualist, folgt mehr Spinoza als Descartes) wie auch zum Problem von Leib und Seele.

Seine durchdachte Dekonstruktion der strikt materialistischen Erzählung finde ich interessanter als die Spekulationen und Andeutungen einer möglichen Alternative. Er möchte das Problem teleologisch lösen, nicht intentional (wie Mittermeier, wenn er Gott ins Spiel bringt). Letzteres würde bedeuten: Die Absicht eines Schöpfers ist der Grund dafür, dass die Welt ist, wie sie ist. Ersteres bedeutet: Es liegt in der Natur der Dinge, dass sie sich nicht nach dem Muster eines blinden Zufalls entwickelt haben. Sondern relativ zielgerichtet, nämlich in Richtung auf Richtung Geist, Bewusstsein, Vernunft und Moral.

Denn – und damit sind wir bei den Kulturkämpfen unserer Zeit, die sich 2012 bestenfalls vage abzeichneten – wenn Wahrheit und Werte nicht realistisch verstanden werden können (d.h. sie existieren unabhängig davon, ob sie mir bewusst sind oder ich sie anerkenne), sondern rein subjektivistisch oder konstruktivistisch (im pragmatischen Sinne evolutionärer Nützlichkeit und Vorteilhaftigkeit oder einer rein willkürlichen kulturellen Präferenz), dann werden das Zusammenleben und alle Konfliktlösungen schwierig.

Wichtige Unterscheidungen

Ein paar Sätze zu Nagels methodischem Vorgehen: Mit der Urknall-Hypothese ist nach der Biologie (da war es Darwin) auch die physikalische Kosmologie zu einer historischen Wissenschaft geworden. Das rückt sie in die Nähe von und bringt sie ins Gespräch mit den Geisteswissenschaften. Das Vorhandensein von Leben, Bewusstsein (bzw. Geist) und Werten als Resultat dieser Geschichte verlangt nach einer Erklärung:

Eine angemessene Konzeption des Kosmos muss mit ihren Mitteln erklären können, wie er zur Entstehung von Wesen führen konnte, die fähig sind, erfolgreich darüber nachzudenken, was gut und schlecht, richtig und falsch ist,  und die moralische und evaluative Wahrheiten entdecken können, die nicht von ihren eigenen Überzeugungen abhängen. (S. 152)

Alle wissenschaftlichen Erklärungen, sagt Nagel, müssen sowohl konstitutiv als auch historisch funktionieren: Sie müssen sowohl die Bedingung der Möglichkeit vernünftiger Wesen plausibel machen als auch den konkreten Prozess, der schließlich dazu geführt hat, dass Menschen heute über Evolution, Politik und Werte diskutieren.

Dabei können sie drei unterschiedliche Wege verfolgen:

  • Den kausalen Ansatz der Analyse der Ursachen und Elemente,
  • den teleologischen Ansatz, der vom komplexen Ergebnis her nach den Prinzipien der Selbstorganisation des Lebens fragt,
  • oder den intentionalistischen, der die Absicht eines Schöpfers im Vorhandensein und den Strukturen der Welt erkennt.

Die dritte Lösung lehnt Nagel für sich persönlich ab. Aber er merkt auch an, dass er die erste Variante einer quasi geistlosen, weil rein materiellen Kausalität für ein ebenso großes Wunder hält – und damit für äußerst unwahrscheinlich. Bewusstsein, Vernunft, Wahrheit und Verantwortung als vom Zufall generierte Epiphänomene zu beschreiben, hält er für unangemessen (in eine ähnliche Richtung denkt Patrick Spät in „Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein“, auf das ich vor ein paar Jahren durch die Rezension von Michael Blume stieß).

Theologisch  interessant ist gleichwohl Nagels Vorschlag, Geist als etwas zu verstehen, das der Materie weder geschichtlich noch sachlich nachgeordnet ist. Sondern als etwas, das die Evolution des Kosmos von Anfang an bestimmt und das überall wirkt. Das wäre doch ein Projekt, an dem sich unter Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftlern gemeinsam arbeiten ließe. Und auch wenn ich das Stichwort bei Nagel nicht explizit gefunden habe – ist das Bemühen um eine holistische Sicht der Welt nicht auch ein Schritt in diese Richtung?

Nachtrag (13.10.): Harald Lesch geht als Physiker in diesem Vortrag den von Nagel aufgeworfenen Fragen  nach. Er bewertet das Konzept der Emergenz positiver als Nagel, teilt aber dessen Kritik am Reduktionismus. Immaterielle Dinge haben kausalen Einfluss, sagt Lesch, und höhere Ebenen beeinflussen niedrigere, während sie umgekehrt nicht von den niedrigeren Ebenen umfassend bestimmt werden.

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Barmherzigkeit triumphiert

Diese Formulierung aus dem Predigttext von heute klingt immer noch nach. In einer Zeit, in der sich Gesellschaften spalten und in der viele politische Auseinandersetzungen immer unbarmherziger geführt werden, klingt das wie eine Stimme aus einer fremden Welt.

Vielleicht ist es ja das, was wir wieder neu in den Mittelpunkt rücken müssen. Barmherzigkeit heißt doch: Auch die Person auf der anderen Seite des Grabens, der sich zwischen uns auftut, hat Anspruch auf mein Mitgefühl. Der Graben ist zudem weit weniger tief und fundamental, als er oft scheint. In Wirklichkeit verbindet uns viel mehr, als uns trennt: Meinungen und Überzeugungen trennen uns, aber die können wir verändern und auswechseln. Was unveränderlich bleibt, das ist unser verletzliches Menschsein, unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse, Hoffnungen, Ängste und Schmerzen.

Joey Yu

Vielleicht erleben wir das noch einmal: Barmherzigkeit triumphiert über das Verurteilen. Denen gegenüber, die andere besonders vehement verurteilen, barmherzig zu bleiben, ist freilich ein Kunststück. Recht geben können wir ihnen ja nicht. Sie mit derselben Abscheu zu verurteilen, mit der sie anderen begegnen, würde aber bedeuten, denselben Fehler zu begehen wie sie. Nein, diese Unterschiede werden erst einmal bleiben und man darf sie auch offen benennen.

Aber parallel dazu könnte es Wege geben, im Kleinen wie im Großen, die Gemeinsamkeiten wieder stark zu machen. Kirche wäre ein Ort, das auch abseits der Tagespolitik immer wieder geduldig zu üben und andere dazu einzuladen.

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Memento

Im Umkleideraum eines Nürnberger Friedhofes steht ein Kassettenrecorder auf dem Fenstersims.  Er ist alt, etwas staubig und die Abdeckklappe ist herausgebrochen. Schwer zu sagen, ob er noch benutzt wird oder nur deswegen nicht in den Müll gewandert ist, weil niemand mehr weiß, wem er gehört.

Eigentlich passt er gar nicht so schlecht an diesen Ort: Auf seine Art ist er auch ein Memento Mori.  Es ist schon Jahre her, dass ich eine Kassette in der Hand hatte. Und dann auch nur, um sie wegzuwerfen.

Ich spüre einen Anflug von Nostalgie: So vergänglich ist Technik. Immerhin, Vinylplatten erleben ein Comeback im Smartphone-Zeitalter. Es gibt also in der Welt der Tonträger so etwas wie eine Auferstehung.

Steht der traurige Kassettenrekorder noch lange genug herum, um die Auferstehung seines Systems zu erleben? Ich kann gut ohne die ollen Magnetbänder leben. Es gibt ja die Vorstellung, dass Gott uns Menschen bis zur Neuschöpfung der Welt im Gedächtnis hält. Quasi ein Speichermedium, das seit Milliarden von Jahren funktioniert, ohne an Kapazitätsgrenzen zu stoßen, dem Verschleiß zu erliegen oder inkompatibel zu werden.

Als wäre ich ein Song auf seinem großen Mixtape. Und irgendwann holt er es hervor, spielt es ab und singt dazu. Und während er singt, passiert das, was immer passiert: Seine Worte werden fassbare und fühlbare Wirklichkeit.

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Paradoxe Heimat

Inzwischen wirbt sogar die Piratenpartei mit dem Thema Heimat. Eine weitgehend grüne Landschaft von oben ist zu sehen. Wahrscheinlich ist das piratentypische daran, dass es von einer Drohne fotografiert wurde.

Soll man das als Signal der Verzweiflung verstehen, oder als Aufhänger für einen eigenständigen Diskussionsbeitrag? Es scheint, dass auch die Piraten um dieses Thema nicht herumkommen. Beispiellos unpopulär indes: Heimatminister Seehofer. Irgendwas ist faul mit dieser Heimat. Nicht nur im Wahlkampf.

Mehrfach habe ich in den letzten Wochen gehört: Christen haben ihre Heimat „im Himmel“. So weit, so korrekt. Die Tageslosung vom 13. September wirft ein interessantes Licht darauf: „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.“ (2.Mose 23,20) Sie ist eine Art Pendant zu dieser Aussage aus dem Pentateuch.

Für Israel zur Zeit des Exodus galt das, was für Christen heute noch gilt: Die eigentliche Heimat haben wir noch gar nicht gesehen. Sie kann also gar nicht in einer verklärten Vergangenheit bestehen. Sondern in einer Zukunft, die sich erst in der Begegnung mit Gott klärt. Heimat ist nicht das Bekannte, sondern das Unbekannte. Nicht das Erwartbare, sondern das Überraschende. Und so wie beim Geburtsort suche ich mir die endgültige, ultimative Heimat nicht selber aus. Nur die Zwischenstationen.


Sweet Ice Cream Photography

Immer noch suchen (und finden) Menschen Heimat in den Kirchen. Wenn wir das falsch anpacken, nämlich reaktionär, werden unsere Gemeinden zum Heimatmuseum. Wenn wir es richtig verstehen, dann werden aus ihnen Weggemeinschaften, die miteinander unterwegs sind. In unwegsamem Gebiet, hin zu einem Ziel, das sie noch gar nicht richtig kennen. Aber mit einem Vorgeschmack in der Nase und auf den Lippen: Frisches Brot und neuer Wein, das Salz getrockneter Tränen und abgewischten Schweißes, oder ein gebratener Fisch.

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Wie Achtsamkeit und Absichtslosigkeit zusammengehören

Gestern las ich auf Spektrum.de das hilfreiche Interview mit Thomas Joiner über die Vermarktung von Achtsamkeit. Dabei erinnerte ich mich wieder an eine Gesprächsrunde über Spiritualität vor einigen Wochen. Dort standen wir schon vor der Schwierigkeit, dass Spiritualität (die viel mit Achtsamkeit zu tun hat, aber noch mehr umfasst) eigentlich in dem Moment schon kompromittiert ist, wo ich sie als Mittel zum Zweck verstehe.

Absichtlich Absichtslos?

Absichtslosigkeit ist hier das Stichwort. Ich muss das kurz erklären. Absichtslos zu handelt, bedeutet: Ich tue, was ich tue, nicht um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Der Zweck – wenn man überhaupt davon reden will – liegt vielmehr in dem, was ich tue. Nehmen wir ein Seelsorgegespräch. Ich denke, es verläuft anders, wenn es nicht meine Absicht ist, mein Gegenüber in einer bestimmte Richtung zu lenken. Dann kann ich einfach da sein, Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Ich muss aber hinterher meine Performance nicht bewerten und auch nicht den therapeutischen Ertrag. Beim Gebet ist es dasselbe. Statt von »Absichtslosigkeit« könnte man (mit Einschränkungen) auch von »Ergebnisoffenheit« oder (besser) von »Selbstvergessenheit« reden.

Mein Eindruck ist, dass viele der Wirkungen von Meditation eigentlich Nebenwirkungen dessen sind, dass ich mich für eine tiefere, spirituelle Wirklichkeit öffne. In dem Augenblick, wo diese Effekte nicht mehr unbeabsichtigt sind, verändert sich der Charakter dessen, was ich tue. Die biochemischen und neurologischen Wirkungen etwa von Atemübungen sind durchaus real. Aber ich bleibe dabei immer noch der Mittelpunkt meiner Realität, mein Befinden das Maß der Dinge.

Daniil Kuželev

Empfänglich werden

Ich denke, es ist völlig in Ordnung, Dinge zu tun, von denen ich merke, dass sie mir gut tun. Das an sich lässt sich mit einer absichtslosen Haltung durchaus verbinden. Spaziergänge im Grünen etwa tun mir gut. Schwierig wird es, wenn diese Spaziergänge dazu dienen, mich in anderen Bereichen und zu anderen Zeiten mit einem Lebensstil zu arrangieren, der Raubbau an meinen Ressourcen und denen der Natur bedeutet. Also draußen in der Schöpfung „aufzutanken“, um danach meiner Natur und der Natur um mich herum zu schaden. Aber es könnte ja auch sein, dass mich der Spaziergang sensibilisiert für das zarte Gleichgewicht, für die vielen verschiedenen Lebewesen und deren Bedürfnisse. Vielleicht stellt sich sogar eine Harmonie ein.

Ich bin, so betrachtet, nicht darum bemüht, eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Vielmehr werde ich empfänglich für Einwirkungen, die das Alltagsbewusstsein oft ausblendet. Manche kommen tief aus meinem Inneren, vom Grund der Seele. Andere kommen eher von außen, oder von „oben“. Räumliche Metaphern sind da etwas schwierig, aber als körperliche Wesen kommen wir kaum ohne sie aus.

Indem ich die wertende Dauerfrage des Alltagsbewusstseins („Was bringt’s mir?“) zurückstelle, schaffe ich die Möglichkeit, dass sich Unerwartetes ereignet. Absichtslose Achtsamkeit dezentriert mich also in gewisser Weise. Ich trete einen Schritt zu Seite, um zu defokussieren und den inneren Richter auszuschalten. So können andere Seiten meiner selbst und meiner Beziehungen zu dem, was mich umgibt, in den Blick kommen. Das ist dann schon etwas anderes als die von Joiner bemängelte Achtsamkeitspraxis, die im Selbstbezug stecken bleibt.

Zuletzt: Auch Gott kann sich mir dabei zeigen oder zu mir sprechen. Freilich ist  das weder machbar, noch kann ich es zur Bedingung dafür erheben, still zu werden. Kontemplation ist in erster Linie eine Haltung, keine Technik. Und Übungen können helfen, diese Haltung einzunehmen und zur Gewohnheit zu machen.

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Sind wir mehr? Warum Zahlen weniger zählen, als man meinen könnte

In den Gesprächen und Diskussionen mit allen möglichen Leuten tauchte in letzter Zeit immer wieder die Frage nach Mehr- und Minderheiten auf.

Mit #wirsindmehr haben sich viele Bürger gegen rechte Aufmärsche gestellt. Und deren Versuch, eine autoritäre und rassistische Politik durchzusetzen, zurückgewiesen.

Viele Christen (auch und gerade in volkskirchlichen Leitungsaufgaben) erleben, wie sie sich mit ihren Überzeugungen und Gewohnheiten immer öfter in einer Minderheitensituation wiederfinden: »Wir« werden weniger, von einzelnen Ausnahmen abgesehen. Was bedeutet das für die Kirchen in 20 Jahren? Auf was bereiten wir uns vor, worauf stellen wir uns ein? Und werden wir ob des schwindenden gesellschaftlichen Einflusses zaghafter und leiser oder mutiger und deutlicher den Mächtigen gegenüber?

Justin Snyder Photo

Christen brauchen sich vor einer Minderheitenkirche nicht zu fürchten und Demokraten sollten sich auf ihren Mehrheiten nicht ausruhen. So zumindest würde es wohl Yuval Noah Harari sagen. In »Homo Deus« vertritt der Historiker die These, dass es in größeren sozialen Gebilden eine untergeordnete Rolle spielt, wer in der Mehrheit ist. Gut organisierte Minderheiten erreichen deutlich mehr als desorganisierte Massen:

Revolutionen werden üblicherweise von kleinen Netzwerken von Agitatoren in Gang gesetzt, nicht von den Massen. Wenn man eine Revolution anzetteln möchte, fragt man nicht; »Wie viele Menschen unterstützen meine Ideen?«, sondern: »Wie viele meiner Anhänger sind zu effektiver Zusammenarbeit fähig?« […] 1917, zu einer Zeit, da die russische Ober- und Mittelschicht mindestens drei Millionen Menschen umfasste, zählte die kommunistische Partei lediglich 23.000 Mitglieder. Trotzdem erlangten die Kommunisten die Kontrolle über das riesige russische Reich… (184f.)

Ob in Sachen Demokratie oder Kirche, und natürlich auch überall da, wo Kirche Anwältin der Demokratie ist: Es geht also darum, den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zu fördern und zu stärken. Man muss damit freilich nicht warten, bis man zur Minderheit geschrumpft ist. Aber als Mehrheiten leisten wir uns Eitelkeiten, Exzesse und Egotrips, die den Zusammenhalt schwächen oder stören. Weil wir meinen, es zu können. An dem Punkt ließe sich sofort ansetzen.

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Katastrophenwerbung

Ich komme zum Taufgottesdienst in eine alte Dorfkirche im Umland. Beim Betreten der Kirche wundere ich mich, dass Stufen von draußen in das Kirchenschiff hinab führen. Der Mesner erklärt, dass liege an der Pest im Mittelalter. Um die vielen Toten alle begraben zu können, musste der Friedhof um die Kirche herum „aufgestockt“ werden. Man schüttete zusätzliche Erde auf, und dabei blieb es bis heute.

In Homo Deus, das auf meinem Schreibtisch liegt, las ich diese Woche, wie verheerend solche Epidemien bis vor rund 100 Jahren tobten. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung Eurasiens starb an der Pest, in England überlebten von 3,7 Millionen Menschen nur 2,2 Millionen, schreibt Yuval Noah Harari und spricht von einem „Seuchen-Tsunami“.

Ich mache mich auf den Heimweg. Ein paar hundert Meter entfernt von der Kirche steht ein Wahlplakat der FDP. Dort lese ich:

Geschenkt: Keinen Empfang zu haben, ist ärgerlich. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich hinterher, und der Netzausbau kommt unter dem CSU-Minister Scheuer – wie so vieles – bisher nicht vom Fleck. Darauf könnte man hinweisen.

Aber was, bitteschön, hat das mit der Pest im Mittelalter zu tun? Wo genau soll der Vergleichspunkt liegen? Und was will der stramm gescheitelte junge Kandidat damit sagen? Dass es uns heute besser geht als damals? Wohl eher nicht, auch wenn es natürlich stimmt. Dass Funklöcher lebensgefährlich sein können? Beschämend, aber es betrifft nur einzelne. Vermutlich hat er einfach nur einen dramatischen Aufhänger gesucht. Irgendeine Katastrophe musste halt her. In Bayern am besten etwas, das mit Schwarz assoziiert wird, also schwarzer Tod, Pest, fertig und ab in den Druck.

Die Toten auf dem erhöhten Friedhof werden sich in ihren Gräbern umdrehen. Und froh sein, dass sie damals wenigstens keine Wahlplakate der FDP ertragen mussten.

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