Generation Jona

September 2019. Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen. „How dare you“, wie könnt Ihr es wagen“ ruft sie, und „Ich möchte dass Ihr in Panik geratet“. Ich stelle mir vor, diese historische Rede hätte derart eingeschlagen, dass die anwesenden Staatschefs hinterher nicht nur ein paar nette Worte gesagt hätten. Stattdessen hätten sie damals schonungslos eingestanden, dass die Weltgemeinschaft bei der Bekämpfung der menschengemachten Erdüberhitzung bisher versagt hat. Und hätten dann gemeinsam mit Wissenschaftlern und Aktivisten überlegt, was zu tun ist und wie die Lasten dabei fair verteilt werden können. Wie wäre das wohl gewesen? 

Wie wäre das wohl gewesen, wenn die Regierenden bei uns und anderswo Anfang 2020 die ersten Warnungen vor dem neuartigen Coronavirus radikal ernst genommen, sich informiert und miteinander abgestimmt hätten um dann grenzüberschreitend wirksame Maßnahmen zum Schutz der Menschen zu ergreifen? 

Wunderbar wäre das gewesen, aber so läuft es eben nicht. Stattdessen werden solche Warnungen totgeschwiegen oder zerredet. Ihren Überbringern werden die übelsten Motive unterstellt. Ihre Glaubwürdigkeit mit allen Mitteln beschädigt. Greta wird als naiv und hysterisch diffamiert. Klimaforscher (oder Virologen) wollen sich doch bloß wichtig machen, sagen manche, und uns den Spaß verbieten oder sich als Diktatoren aufspielen.

Also passiert erst einmal lange nichts. Jede und jeder, der sich in einer größeren Gruppe oder Organisation für Veränderung eingesetzt hat, kann ein Lied davon singen. Auch den Propheten in der Bibel von Mose bis Jesus ist es so ergangen. Die Mehrheit schlägt ihre Warnungen in den Wind. Prophet zu sein ist in der Regel ein einsames und schmerzhaftes Geschäft.

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Sagenhaft erfolgreich

Einmal, ein einziges Mal, erzählt die Bibel diese Geschichte vom einsamen „Rufer in der Wüste“ allerdings anders. Ganz anders. Der Prophet Jona marschiert durch die Straßen von Ninive, der Metropole des Assyrischen Weltreiches. Er hat nichts Erfreuliches zu sagen:

Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört! 
Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Als die Nachricht davon den König von Ninive erreichte, stand er von seinem Thron auf, legte seinen Königsmantel ab, hüllte sich in ein Bußgewand und setzte sich in die Asche. 

Was für eine überwältigende Reaktion, die Jona da entgegenschlägt! Davon wagt ein einfacher Pfarrer wie ich ja gar nicht zu träumen: Ein Ruck geht durchs Land. Veränderungsbereitschaft bricht sich Bahn, und zwar auf der ganzen Linie. 

Ausgerechnet Jona, denken jetzt alle, die die Vorgeschichte kennen: Das ist doch der Typ, der versucht, vor Gott abzuhauen. Der verrückt genug ist, das per Schiff zu tun, das in die entgegengesetzte Richtung fährt, keineswegs Richtung Ninive, und damit seine Mitreisenden in Lebensgefahr bringt. So etwas kann nicht gutgehen!  Und es geht auch nicht gut. Aber es geht wenigstens insofern gut aus, als Jona wundersam überlebt. 

Es gibt nicht viele Witzfiguren in der Bibel, aber für mich ist dieser Jona definitiv eine Karikatur. Und die hat sich keineswegs zufällig in die Heiligen Schriften hineingemogelt. Sie wurde bewusst hineingeschrieben, in der Hoffnung, dass wir Leser*innen den schrägen Vogel amüsant finden. Und dass beim Fremdschämen dann auch noch ein Stück Selbsterkenntnis abfällt. Denn Jona lebt all das ungehemmt aus, was wir  – meistens jedenfalls – gerade noch so im Zaum halten. Und er scheitert damit spektakulär.

So sagenhaft überzeichnet wie die verbohrte Hauptperson sind auch die Umstände der Jona-Geschichte: Der Riesenfisch etwa, den Gott als Vorläufer aller Seenotretter im Mittelmeer schickt. Oder die gigantischen Ausmaße von Ninive: Drei Tage braucht man angeblich, um die Weltstadt zu Fuß zu durchqueren. Ebenso krass fällt auch die Reaktion des namenlosen Königs und seines Volkes aus: Sack und Asche als Zeichen der Buße und Umkehr, sogar für die Tiere. Ein schlagartiger Kurswechsel – als hätte jemand den Schalter umgelegt. Die Menschen in Ninive scheinen felsenfest davon überzeugt, dass Jonas Gott barmherzig ist. Mit Mann und Maus stellen sie sich ihrer Schuld und flehen Gott an, die Stadt zu verschonen.

Der Jubel fällt aus

Ganz Ninive kleidet sich plötzlich in Sack und Asche. So läuft das nicht im richtigen Prophetenleben, natürlich nicht, aber das spielt keine Rolle, denn das Drama geht weiter. Jona hätte an diesem Punkt als größter Prophet aller Zeiten nach Hause zurückkehren können. Er hätte seine Memoiren schreiben können, Vortragsreisen durch ausgebuchte Synagogen machen, Prophetenworkshops halten und an seinem Haus eine Tafel anbringen lassen, die daran erinnert, wie er ganz im Alleingang ein Weltreich umgekrempelt hat. Aber Jona tut nichts von alledem. Die Kehrtwende der Leute in Ninive lässt jede Hoffnung auf einen schaurigen Showdown schwinden. Jona ist schlicht sauer:

„Das aber verdross Jona sehr und er ward zornig und betete zum Herrn und sprach: Ach, Herr, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war, weshalb ich auch eilends nach Tarsis fliehen wollte; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen. So nimm nun, Herr, meine Seele von mir; denn ich möchte lieber tot sein als leben.“

Jona 4,1-3

Schlagartig wird hier deutlich, warum Jona sich die ganze Zeit so und nicht anders verhalten hat: Gott ist ihm einfach zu nett zu den Assyrern. Er müsste mehr „klare Kante zeigen“, kräftig Furcht und Schrecken verbreiten. Nicht nur halbherzig drohen, sondern das Strafgericht durchziehen. Dann würde ihm Jona mit Stolz dienen. So tut er es missmutig und fühlt sich – trotz dieses gewaltigen Erfolges – als das betrogene Opfer. Und als wäre die ganze Empörung noch nicht theatralisch genug, will er am Ende auch gleich noch sterben.  

Zu Tränen geschmeichelt

Unser Jona – der so mühelos zum Erfolg kommt, während andere Propheten beschimpft, bedroht und verjagt werden – versinkt im Selbstmitleid. Das ist ein ganz besonderer Zustand: Irgendwie eine wohlige Melancholie. Sie steigt mir zu Kopf, sie berauscht. Und dann dreht sich alles im Kreis. „Zu Tränen geschmeichelt“ ist man, hat mal ein Dichter gesagt. Zum Unverstandensein braucht es eben eine gewisse Größe. So 08/15 Typen versteht ja jeder, aber so eine Ausnahmeerscheinung wie mich – das schafft nicht jede*r.

 Je höher meine Meinung von mir selbst, um so größer fällt die Kränkung aus, wenn andere sie nicht teilen oder erwidern. Wer sich selbst bemitleidet, ist meist davon überzeugt, dass er zu kurz gekommen ist und eigentlich mehr oder besseres verdient hätte. 

In seinem gekränkten Stolz zieht Jona sich zurück in den Schmollwinkel. Selbstmitleid genießt man nämlich am besten allein. Andere können das nie ganz nachempfinden, schreibt der irische Autor Fintan O’Toole. Er hat studiert, wie sich Selbstmitleid in menschlichen Gemeinschaften auswirkt. Es trifft ja nicht nur Einzelne – kollektives Selbstmitleid erfasst auch die, die persönlich nicht dazu neigen. Und es treibt seltsame Blüten; deswegen ist es wichtig, genau hinzusehen. O’Tooles Beispiel, die Engländer, sind von uns aus gesehen weit genug weg, um nüchtern hinzusehen. Und ähnlich genug, um die Absurditäten zu entdecken. 

O’Toole zeichnet nach, wie es vor fünf Jahren zum Brexit kommen konnte. Auch da waren gewisse Stimmungen ganz entscheidend. England dachte nach dem gewonnenen Krieg gegen Hitler, dass ihm eine Vormachtstellung in Europa zufallen würde, schreibt o’Toole. Als sich dann die EU allmählich formiert, sind die Briten sich zu schade, bei den Verlierern mitzuspielen. Irgendwann treten sie dann doch bei, weil die Wirtschaft lahmt und man Sorge hat, etwas zu verpassen. Aber es ist eher eine Vernunftehe als eine Liebesheirat. Und weil sich der Zwiespalt trotz vieler Sonderrechte nie so recht auflöst, gelingt es den nationalistischen Gegnern der EU, die Mehrheit im Land davon zu überzeugen, dass die Europäer neokoloniale Unterdrücker sind, die das große England kleinhalten. Gleichzeitig malen sie den ach so gegängelten Briten die strahlende Zukunft eines globalen „Empire 2.0“ vor Augen. Opferstatus küsst Größenwahn. 

Gibt es das auch auf Deutsch? Na klar: Zum Beispiel, wenn wir uns weismachen, wir hätten uns das Wirtschaftswunder mit Fleiß und Disziplin erarbeitet. Und uns dann empören über die Zumutung, mit unseren sauer verdienten Euros für das Dolce Vita der verschuldeten Südeuropäer zu zahlen – oder Menschen aufzunehmen, die vor Krieg, Diktatur und Dürre fliehen. 

Jona will lieber sterben, als zuzusehen, wie Gott Ninive verschont. Selbstmitleid auf die Spitze getrieben. Es geht nicht so, wie er es sich ausgedacht hat. Nun ist es an Gott, ihm die Augen zu öffnen. Er stellt ihm eine schlichte Frage:

Meinst du, dass du mit Recht zürnst?“

Jona 4,4

So leicht lässt sich Jona nicht aus dem Konzept bringen. Natürlich zürnt er mit Recht! Er bleibt in Sichtweite der Stadt sitzen und hofft weiter, dass Feuer vom Himmel fällt. Die Vierzig-Tage-Frist ist schließlich noch nicht um. Jona wettet quasi darauf, dass Gott seinem Einspruch stattgibt und an Ninive doch noch ein Exempel statuiert. Die Büßer in der Stadt wetten ihrerseits darauf, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als sein berechtigter Zorn. So wie zuvor die heidnischen Seeleute, die Jona auch dann nicht über Bord werfen wollen, als er sich schuldig bekennt und sie dazu auffordert: Werft mich ins Meer! Stattdessen rudern sie erst einmal wie verrückt, um ihn noch zu retten. Und selbst als es unausweichlich wird, bitten sie um Vergebung dafür, dass sie diesen Passagier auf Abwegen nicht schützen können.

Solche Solidarität ist Jona freilich fremd. Er sitzt da wie mit einem Eimer Popcorn im Kino und wartet fest entschlossen darauf, dass der Katastrophenfilm endlich losgeht. Und Gott startet die zweite Phase seiner Therapie: Er spielt Jona einen Streich. Während der in der heißen Sonne des heutigen Iraks brutzelt, wächst neben ihm eine Rizinusstaude, die ihm Schatten spendet. Doch kaum hat sich Jona an die Annehmlichkeit gewöhnt, lässt ein Parasit sie wieder eingehen. Als der Ostwind bläst und die Sonne immer höher steigt, und kein Schatten mehr Erleichterung verschafft, will Jona – na klar – schon wieder sterben.

Ein Anstoß zum Umdenken

Natürlich fällt uns an anderen deutlich schneller auf, wie albern Selbstmitleid ist. Das Bemerkenswerte an der Jona-Geschichte ist jedoch, dass Israel eine Geschichte erzählt, in der der einzige Israelit, Jona, denkbar schlecht wegkommt. Es zeigt nicht mit den Fingern auf die anderen, sondern fasst sich an die eigene Nase. Nicht anklagend, sondern humorvoll. Das ist schon ein entscheidender Schritt weg vom Größenwahn. Wer Humor hat, hat Distanz zu sich selbst und den eigenen Launen. Jona freilich gehört nicht zu dieser Sorte Mensch oder er ist noch dabei, es zu begreifen. Also spricht Gott noch einmal mit ihm:

Gott aber fragte Jona: Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein? Er antwortete: Ja, es ist recht, dass ich zornig bin und mir den Tod wünsche. Darauf sagte der Herr: Dir ist es leid um den Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht großgezogen hast. Über Nacht war er da, über Nacht ist er eingegangen. Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können — und außerdem so viel Vieh?

Mit diesen Worten bricht die Geschichte ab. Wir erfahren nicht mehr, ob Jona sich auf den Perspektivwechsel einlässt, den Gott ihm hier anbietet: Du jammerst, weil dir heiß ist, Jona? Dir ist ein Strauch mehr wert als über hunderttausend Menschen, die genauso verpeilt sind, wie du selbst? Und von den Tieren haben wir dabei noch gar nicht geredet!

Die Geschichte bricht ab, weil nicht Jona die Antwort auf diese Frage geben muss, sondern wir, die Leserinnen und Hörer. Wir kennen das mit dem offenen Ende auch von den Gleichnissen Jesu. Dieses Gleichnis, dieses Jona-Selbstmitleid-Gleichnis stellt uns vor die Frage: Will ich eine Witzfigur sein, oder aus meinem Selbstmitleid herausfinden und lernen, die Welt mit Gottes Augen zu sehen? Selbstmitleid ist ja nicht angeboren, sondern erlernt. Und es wird besonders schnell und gründlich erlernt, wenn es in meinem Umfeld die verbreitete Stimmung ist. 

Selbstmitleid ist daher auch etwas völlig anderes als Mitgefühl. Wenn ich mit anderen fühle,  sind sie nicht meine Konkurrenten um Anerkennung und Privilegien. Und Jonas Gemaule ist auch etwas ganz anderes als die Klagen leidender Menschen. Es vergrößert seine Distanz zu Gott. Echte Klage aber verbindet Menschen mit Gott. So wie im folgenden Lied von Coldplay, in dem es heißt: „Wenn mir elend zumute ist, dann lass du, Gott, dein Licht über mir leuchten.“

Deprivilegiert euch!

Humorlose Wehleidigkeit. Mir scheint, dass unsere öffentlichen Debatten gerade schwer darunter leiden, und das vergiftet den Umgangston. Autofahrer, die jahrzehntelang von den Verkehrsplanern privilegiert wurden, fassen es als Kriegserklärung auf, dass sie vom Gas gehen und sich die Fahrbahn mit Fahrradfahrern teilen sollen. Jugendliche und junge Erwachsene: ihre Chancen in Bildung und Beruf sind durch den Lockdown spürbar beeinträchtigt, Gutverdiener aus dem Homeoffice aber haben sie im Winter beschimpft, wenn sie ab und zu Freunde trafen. Impfgegner, denen niemand ein Haar krümmt, stilisieren sich zu Holocaustopfern. Menschen, die nie Opfer von Sexismus und Rassismus waren, beschimpfen jedes Bemühen um gerechte Sprache als Diktatur. Kaum etwas scheint schwerer aufzugeben, als der grundlose Anspruch auf bevorzugte Behandlung. 

„Für ihre kleine heile Welt muss anderswo die Sache den Bach heruntergehen.“, las ich kürzlich. Vielleicht teilen wir nicht Jonas Lust am Untergang der anderen. Aber wir haben uns wie er immunisiert gegen das Leid der anderen, das wir ungerührt in sicherer Entfernung geschehen lassen. 

„Hier schwimmt meine, die Boomer-Generation, gleichsam als Fettauge auf einer Suppe, die die Jüngeren auszulöffeln haben.“

taz futurzwei vom 8. Juni 2021

Der Satz oben stammt von Harald Welzer. Er gehört, wie ich auch, zur Altersgruppe der „Boomer“. Das sind die geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1969, die Kinder des Wirtschaftswunders und der Wohlstandsgesellschaft. Groß geworden mit viel Sicherheit und wenig Verzicht. Aber auch wenig Bewusstsein für die Folgen unseres Konsums, die wir einfach den kommenden Generationen aufbürden. Wir hatten unsere Privilegien, wir haben sie genossen, aber jetzt, sagt Welzer, ist es höchste Zeit, unsere Ansprüche herunterzuschrauben. Uns zu „deprivilegieren“. 

Und ich merke: Ich kann mich fröhlich und freiwillig deprivilegieren und anderen damit ein gutes Beispiel geben. Oder ich kann mir zeternd und beleidigt ein Zugeständnis nach dem anderen abringen lassen. Das Ergebnis wäre dasselbe, aber ich hätte mich unsterblich blamiert. 

Zusehen oder Zupacken?

Mein Vater erzählte einmal von einem baltischen Pfarrer aus dem 19. Jahrhundert. Der war am Meer aufgewachsen, aber er stieg nur höchst ungern in ein Schiff. „Da ist man zu sehr in Gottes Hand“, lautete seine fromme Erklärung. Dem hätte Jona nach seinem Ausflug übers Meer wohl zugestimmt. Später, an einem eisigen Wintertag, brach vor den Augen dieses Pfarrers jemand im zugefrorenen Haff ein. Da fasste sich die alte Landratte ein Herz und riskierte Kopf und Kragen. Der Rettungsversuch kostete ihn tatsächlich das Leben. Aber das Mitgefühl mit dem Ertrinkenden war im Ernstfall doch stärker als die Angst und die Sorge um sich selbst. Er konnte den Untergang nicht mit ansehen.

Totale Selbstaufgabe ist in den seltensten Fällen nötig – eher viele kleine Schritte der Selbstzurücknahme. Und wenn mir dabei etwas sauer aufstößt, hilft hoffentlich immer wieder der Gedanke an Jona, die Witzfigur, und die Frage: „Meinst du, dass du mit Recht zürnst?“ Gern auch aus dem Mund der Gretas und Luisas und aller, die nach ihnen kommen. Und hoffentlich auch das Gespräch mit dem Gott, der nicht nur die netten Menschen und nicht nur die niedlichen Tiere liebt. 

Wenn ich Gottes Einladung annehme, mit meinen Mitgeschöpfen so barmherzig zu werden, wie er es ist, dann hat die Jona-Geschichte doch noch ein Happy End.

Nachtrag: Diesen Text habe ich für die Evangelische Morgenfeier vom 11.7.2021 auf Bayern 1 Radio geschrieben.

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Viele kleine Flammen

Leider ohne den schönen Gesang und die Begleitung von heute vormittag - ein pfingstlicher Weg von Eden über Babel und Jerusalem  bis nach Rom aus dem Gottesdienst heute morgen in der Auferstehungskirche. Die Lesungen habe ich in Form von Anmerkungen eingefügt, so ist es etwas kompakter und übersichtlicher. Frohe Pfingsten!

Lesung aus Genesis 1 und 2 1Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. 
Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz.
Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. 
Gott sprach: Licht werde! Licht ward. 
Gott sah das Licht: daß es gut ist.
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. 
Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!
Abend ward und Morgen ward: Ein Tag. 

Am Tag, da Er, Gott, Erde und Himmel machte, 
noch war aller Busch des Feldes nicht auf der Erde,
noch war alles Kraut des Feldes nicht aufgeschossen, 
denn nicht hatte regnen lassen Er, Gott, über die Erde,
und Mensch, Adam, war keiner, den Acker, Adama, zu bedienen: 
aus der Erde stieg da ein Dunst und netzte all das Antlitz des Ackers, 
und Er, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker,
er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens,
und der Mensch wurde zum lebenden Wesen. 

Ach ja, die da drüben. Ja, früher waren wir mal ganz eng. Wie eine ganz große Familie. Dann kam irgendwer auf die Idee mit dem Bau. Tolle Pläne haben wir gemacht: Türme, einer größer als der andere. So etwas schafft Zusammenhalt, haben alle gesagt. Und es zeigt, dass mit uns zu rechnen ist. Wir schaffen eine Attraktion, um die sich alle sammeln. Die Geburt einer großen Nation, und wir Erdlinge sind ihre Schöpfer.

Bild: Laurenz Heymann via unsplash.com

Ich weiß nicht, was die von drüben euch erzählt haben. Oder habt ihr sie noch gar nicht gesprochen? Das wird auch nicht ganz leicht, die versteht man nämlich nicht. Ganz komisch reden sie da drüben. Das kam fast über Nacht. Plötzlich hat nichts mehr funktioniert. Bestellungen wurde nicht ausgeliefert, Material kam am falschen Ort an, Rechnungen wurden nicht bezahlt. Steinmetze gegen Maurer, Zimmerleute gegen Flößer, alle schreien sich an, bis sie irgendwann frustriert verstummen.

Ich sage euch: Die wollen nicht, dass wir sie verstehen. Irgendwas verheimlichen sie uns, ganz sicher nichts Gutes. Selbst wenn sie unsere Sprache sprechen würden, wir würden ihnen nichts mehr glauben. Und das Beste ist ja, dass sie jetzt uns vorwerfen, wir seien es, die anders reden, und die schuld sind an den Missverständnissen. 

Wir überlegen jetzt, ob wir aus diesem Tohuwabohu der Bauruine eine Mauer hochziehen. Ich meine, irgendwie muss man sich ja schützen vor denen. Aber vielleicht verläuft sich das auch alles noch. Wenn man nicht redet, verliert man sich leicht aus den Augen und kriegt sich nicht in die Wolle.

Ezechiel 362Meinen großen, bei den Völkern entweihten Namen, 
den ihr mitten unter ihnen entweiht habt, werde ich wieder heiligen.
Und die Völker werden erkennen, dass ich der Herr bin,
wenn ich mich an euch vor ihren Augen als heilig erweise.
Ich hole euch heraus aus den Völkern,
ich sammle euch aus allen Ländern und bringe euch in euer Land…
Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust
und gebe euch ein Herz von Fleisch.
Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt
und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt.

Vielleicht haben wir uns einfach übernommen. Und nicht bedacht, dass wir neben dem Fortschritt am Bau auch auf die Beziehungen achten müssen. 

Manche sagen, da steckt Gott dahinter. Der wollte nicht, dass wir so hoch hinaus kommen. Andere sagen, ja vielleicht war es Gott, aber er wollte uns vor uns und unserem Übereifer beschützen. Der Turmbau hätte uns allmählich aufgefressen. Früher waren wir alle gleich. Jetzt gibt es Chefs und Untergebene, Zeitdruck und Einschüchterung, Peitsche und Zuckerbrot. 

Und wenn wir einander ansehen, dann sind die Blicke stumpf und die Sorgen- und Zornesfalten hart eingeschnitten, wie eingemeißelt in Stein. Nicht nur mit der Sprache stimmt etwas nicht mehr, sondern auch mit den Herzen. Vielleicht war das ja schon länger das Problem, als wir dachten. Aber wie lässt sich das jetzt noch ändern?

Markus 13Johannes verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; 
ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.
Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa
und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.
Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete
und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.
Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: 
Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.
Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste.

Manchmal denke ich, wie das wohl wäre, wenn wir nur für einen Tag wieder die alten wären. Wenn ein Wunder geschähe und wir wieder unbeschwert reden könnten. Oder vielleicht auch zum ersten Mal überhaupt zu Lebzeiten dieselbe Sprache sprächen. Wenn jeder von jedem gehört werden könnte. Was würden wir entdecken an Gemeinsamkeiten? Könnten wir wieder produktiv streiten und würden uns die Unterschiede dann noch so viel Angst machen? 

Welche Sprache spricht eigentlich Gott: Unsere? Die von drüben? Keine von beiden, sondern eine ganz andere, eine himmlische? Oder gar alle Sprachen? Und wenn wir ihn hören und verstehen könnten, was würde er uns sagen? Würde er freundlich zu uns reden oder uns zornig die Leviten lesen? Vielleicht ist ja das die richtige Antwort auf unsere Sprachverwirrung: Einfach mal still sein und nicht ständig anklagen oder mich rechtfertigen? 

Das Gegenteil von Reden ist nicht das Schweigen, hat mal jemand gesagt, sondern die Geschwätzigkeit. Man kann Dinge ja auch tot reden. Vielleicht ist unsere größte Angst ja die, wir könnten nichts zu sagen haben. So lange man zetert und zankt, braucht man sich der Stille und Leere nicht zu stellen. Was passiert wohl, wenn wir einfach mal warten und dem Gesang des Windes lauschen? Manche sagen, der Wind ist so eine Art Atem Gottes.

Apostelgeschichte 24Dann kam der Pfingsttag.
Alle, die zu Jesus gehört hatten, waren an einem Ort versammelt.
Plötzlich kam vom Himmel her ein Rauschen wie von einem starken Wind.
Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten.
Dann erschien ihnen etwas wie züngelnde Flammen.
Die verteilten sich und ließen sich auf jedem Einzelnen von ihnen nieder.
Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.
Sie begannen, in fremden Sprachen zu reden –
ganz so, wie der Geist es ihnen eingab.
In Jerusalem lebten auch fromme Juden aus aller Welt,
die sich hier niedergelassen hatten.
Als das Rauschen einsetzte, strömten sie zusammen.
Sie waren verstört, denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
Erstaunt und verwundert sagten sie:
»Sind das denn nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden?
Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört?
Wir kommen aus Persien, Medien und Elam.
Wir stammen aus Mesopotamien, Judäa, Kappadozien,
aus Pontus und der Provinz Asien, aus Phrygien und Pamphylien.
Aus Ägypten und der Gegend von Zyrene in Libyen, ja sogar aus Rom sind Besucher hier.
Wir sind Juden von Geburt an und Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind.
Auch Kreter und Araber sind dabei.
Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen,
was Gott Großes getan hat.«
Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen: »Was hat das wohl zu bedeuten?«
Wieder andere spotteten: »Die haben zu viel neuen Wein getrunken!«

Kann das geschehen, dass Gott mitten unter den Trümmern der alten Welt noch einmal neu beginnt? Dass er sich einfach nicht abhalten lässt von unserem Misstrauen, unseren Feindseligkeiten, unserer Resignation und unserem Selbstmitleid? 

Das wären auf jeden Fall heftige Geburtswehen, die uns bevorstehen, wenn die alte Welt neu werden soll. Andererseits – wir wissen ja, wozu es gut ist. Meine Nachbarn erwarten ein Baby. Die Übelkeit während der Schwangerschaft, die beschwerliche Entbindung und der Schlafmangel in den Monaten, die folgen, beschäftigt sie dabei nur am Rande. Viel größer ist die Vorfreude darauf, ihre Liebe mit diesem Neugeborenen zu teilen und es aufwachsen zu sehen. 

Und wir Älteren drum herum stellen uns auf mehr Lärm in der Straße ein. Aber wenn wir die beiden strahlen sehen, dann schaffen es selbst die Griesgrämigsten unter uns nur mit Mühe, sich davon nicht anstecken zu lassen. 

Römer 8 5Wir wissen ja:
Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt vor Schmerz
wie in Geburtswehen – bis heute.
Und nicht nur sie! Uns geht es genauso.
Wir haben zwar schon als Vorschuss den Heiligen Geist empfangen.
Trotzdem seufzen und stöhnen auch wir noch in unserem Innern.
Denn wir warten ebenso darauf, dass Gott uns endgültig als seine Kinder annimmt – und dabei unseren Leib von der Vergänglichkeit erlöst.
Denn wir sind zwar gerettet, aber noch ist alles Hoffnung. (…)

Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen.
Und auch nicht, wie wir unser Gebet in angemessener Weise vor Gott bringen.
Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein –
in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.

Wir wissen aber: Denen, die Gott lieben, dient alles zum Guten.

Das Neue müsste aber überall geboren werden. Hier bei uns und drüben bei all den anderen. Wir brauchen es ganz nah, in der Nachbarschaft. Wir müssen es eine Weile beäugen, uns dafür erwärmen dürfen. Ein großes Feuer hält alle auf Abstand. Viele kleine Flammen lassen es gleichmäßig warm und hell werden. Niemand darf das Neue kontrollieren und anderen den Zugang verwehren. 

Was tun wir uns schwer, die Kontrolle abzugeben. Wir finden tausend Ausreden, um sie uns zurückzuholen. Und doch gehören die Momente zu den glücklichsten im Leben, wo wir auf die Kontrolle pfeifen. Vielleicht also drehen wir das einfach mal um mit dem Bauen. Gott ist der Architekt und wir sind sein Material. Lebendige Steine quasi. So wird ein Schuh draus. Kein Turm vielleicht, aber ein Schuh. Sagt man das auch so, da wo ihr herkommt?

Die Welt liegt in Wehen. 
 Die Völker streiten um eine gerechte Ordnung. 
 Kinder sterben, aus Wohnhäusern werden Ruinen. 
 Segne die Friedensstifter im Nahen Osten und anderswo.
 Komm heiliger Geist. Komm und erbarme dich.
 
 Die Welt liegt in Wehen. 
 Menschen sehnen sich nach Normalität nach der Pandemie.
 Öffne uns die Augen für die Nöte und Bedürfnisse des anderen.
 Lass Ausgleich und Verständigung gelingen.
 Komm heiliger Geist. Komm und erbarme dich.
 
 Die Kirche liegt in Wehen. 
 Wir wissen nicht, wie wir beten können und wo wir etwas ausrichten sollen.
 Wer werden wir künftig sein, wenn sich so vieles ändert?
 Sprich zu uns in der Wüste des vertrockneten Glaubens, 
 und der Zerstreuung in Konfessionen, Milieus und Prägungen.
 Komm heiliger Geist. Komm und erbarme dich. 
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Das Glück und die Generationenfrage

In der vergangenen Woche hat das Bundesverfassungsgericht nicht nur das Klimaschutzgesetz des schwarzroten Bundesregierung für unzureichend erklärt, sondern auch noch deutlich gemacht, dass die Freiheitsrechte der unterschiedlichen Generationen unmittelbar zusammenhängen. Und dass sie auch so behandelt werden müssen, damit unsere Kinder und Kindeskinder nicht die Lasten unserer Untätigkeit und Ignoranz tragen müssen. Was für ein großartiger Erfolg!

Während ich noch rätselte, ob es lustig, peinlich oder einfach nur dreist unverschämt ist, dass Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf das Urteil reagierte wie ein Autofahrer, der bei Rot über die Ampel gefahren ist, und nun auf den Polizisten beschwichtigend einredet („Danke, Herr Wachtmeister, das war ein ganz wichtiger Hinweis, sie machen das großartig!“)  stieß ich auf diesen Segenswunsch aus Tobit 9,1:

„Und Gott gebe, dass ihr eure Kinder und eure Kindeskinder seht bis ins dritte und vierte Glied; und eure Nachkommen seien gesegnet vom Gott Israels, der in Ewigkeit herrscht und regiert!“

Die Bibel kennt ja auch die Klage, dass die Väter saure Trauben gegessen und die Kinder stumpfe Zähne bekommen haben. Aber Gott gibt dem Protest gegen die Fahrlässigkeit der Alten Recht: Unsere Freiheit zu konsumieren darf die Freiheit der Kinder und Kindeskinder nicht auffressen.

Photo by Rod Long on Unsplash

Der Homo Oeconomicus hat keine Kinder, nur einen Taschenrechner

Der Satz aus dem Buch Tobit zeigt: Wahres Glück und ein gutes Leben sind für die Menschen der Bibel nicht ohne das Glück der Kinder und Kindeskinder vorstellbar. Eben diese Lebensperspektive über mehrere Generationen erzieht zur Nachhaltigkeit. Der moderne Individualismus hingegen neigt zur Maßlosigkeit und Verschwendung: Der Homo Oeconomicus aus der neoliberalen Theorie hat keine Kinder, nur einen Taschenrechner. Gletscherschmelze, Meeresspiegel interessieren ihn nicht, da fallen aktuell noch keine Kosten an (oder sie lassen sich noch günstig auf die Allgemeinheit abwälzen).

Aber wir sind eben keine homines oeconomici, sondern allesamt jemandes Kinder; und viele von uns sind zugleich Geschwister, Eltern oder Onkels und Tanten. Wir sind Teil der Familie Gottes aus allen Generationen. Sie gehören zu uns und wir zu ihnen, ebenso wie die/der globale Nächste. Es ist keine Sentimentalität, so zu denken und zu reden, sondern schlichter Realismus.

Zugleich, das muss man ja heute extra betonen, sitzen wir wie in Noahs Arche in einem Boot mit allen Lebewesen. Den Bäumen, den Insekten, den Singvögeln, den Geschöpfen der Tiefsee. Es ist zutiefst beunruhigend, zu hören, nur 3% aller Ökosysteme zu Land sind noch intakt.

Sanfter und lauter zugleich

Nun ist es ja keineswegs so, dass meine Generation aus lauter Klimakillern und die meiner Kinder aus lauter Klimaschützern besteht. Das Urteil der vergangenen Woche erinnert uns alle daran, künftig noch sanfter aufzutreten bei Emissionen, und vor allem noch lauter mitreden bei der Transformation hin zu einer solidarischen, nachhaltigen Lebensweise und zur Klimaneutralität.

Denn vor dem Konsens kommt der Konflikt. Auch das hat dieser Streit gezeigt. Er entscheidet sich auf den Straßen, in den Medien, manchmal vor den Gerichten. Und für uns Ende September in den Wahlkabinen.

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Fruchtbare Kränkung

Kleiner akustischer „Nachklapp“ vom vergangenen Wochenende. Im Gottesdienst haben wir den Evangelientext vom Weinstock und den Reben gelesen. Da steckt ja eine gewisse Kränkung oder Zumutung für uns Moderne drin, die sich gern als autonome Individuen begreifen.

Photo by Ranjith Solomon on Unsplash

Ich habe mal versucht, das mit Judith Butlers Überlegungen aus ihrem neuen Buch über die Macht der Gewaltlosigkeit ins Gespräch zu bringen. Sie zeigt: Wenn wir an unsere Abhängigkeit von anderen erinnert werden, kann das ganz schön aggressiv machen. Im Verlauf der Pandemie haben wir das – die Abhängigkeit, das Ausgeliefertsein – alle gespürt, und vielleicht erklärt das auch manch aggressives Verhalten einzelner oder ganzer Gruppen. Da würde mich Eure Einschätzung interessieren.

Der Umgang mit dieser Zumutung aber auch fruchtbar verlaufen. Für mich selbst und für andere auch. Darum geht es eigentlich. Das könnte dann auch ein positiver Ertrag sein für das Leben in einer postpandemischen Welt.

Hier ist der Mitschnitt:

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Was bitte sind „Verschwörungsmystiker“?

Der Ausdruck „Verschwörungsmystiker“ ist mir inzwischen ein paarmal begegnet – in Pressetexten und sogar bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Er ist, ich kann es nicht anders sagen, leider ein terminologischer Totalschaden.

Zwei Dinge kommen hier zusammen: Erstens gab und gibt es Stimmen, die darauf drängen, nicht von „Verschwörungstheorien“ zu sprechen, um seriöse Theoriebildung in den Wissenschaften nicht zu diskreditieren. Stattdessen solle man besser von „Verschwörungsmythen“ sprechen.

Photo by Mika Baumeister on Unsplash

Probleme verlagern statt lösen

Damit wird das Problem freilich nur aus dem Bereich der Naturwissenschaft in den der Sprach- und Literaturwissenschaft verlagert. Denn die Protokolle der Weisen von Zion, Gerüchte über Chemtrails oder Bill Gates, der uns Chips implantieren möchte, sind einfach böswillige Konstrukte und vorsätzliche Fälschungen. Man muss als schon die Vulgärdefinition von Mythos als einer unwahren Geschichte zugrundelegen, um die argumentative Kurve noch zu kriegen. Eigentlich aber geht es in Mythen, wenn man sie richtig versteht, um etwas ganz anderes, wie die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong schön erklärt:

In popular parlance, a “myth” is something that is not true.  But in the past, myth was not self-indulgent fantasy; rather, like logos, it helped people to live effectively in our confusing world, though in a different way.  Myths may have told stories about the gods, but they were really focused on the more elusive, puzzling, and tragic aspects of the human predicament that lay outside the remit of logos.  Myth has been called a primitive form of psychology.  When a myth described heroes threading their way through labyrinths, descending into the underworld, or fighting monsters, these were not understood as primarily factual stories.  They were designed to help people negotiate the obscure regions of the psyche, which are difficult to access but which profoundly influence our thought and behavior.

Karen Armstrong

Was ähnlich klingt, ist noch lange nicht dasselbe

Passend zu Verschwörungstheorien gibt es den Ausdruck „Verschwörungstheoretiker“. Das sind Menschen, die sich Verschwörungstheorien ausdenken oder sie verbreiten. Wer aber meint, „Verschwörungsmythen“ sagen zu müssen, braucht nun eine analoge Wortbildung. Die müsste, wenn schon, „Verschwörungsmythiker“ lauten. Aus Ahnungslosigkeit und Denkfaulheit jedoch wandert hier ein „s“ ein und macht die Mythiker zu Mystikern. Klingt ja ganz ähnlich, kommt beides aus dem Griechischen, das muss doch reichen…? Ein bisschen wie: Obama oder Osama – Hauptsache Hassfigur, der Rest ist egal.

Damit sind nun zwar alle Theoretiker aus dem Schneider, allerdings auf Kosten der Mystiker. Denn Mystik hat mit Mythen erst einmal gar nichts zu tun. Mystiker üben sich im Schweigen und der Meditation, sie fabrizieren also keine Mythen. Mystik setzt auch keine Mythen voraus. Möglicherweise fällt es Menschen, die Erfahrung mit Meditation haben, leichter, mit echten, gewachsenen Mythen umzugehen. Sie verstehen die Sprache der Seele und finden Zugang zu deren Codes und Bildern, ohne diese mit Historie, Tatsachenbehauptungen oder „Informationen“ zu verwechseln.

Mystiker sind nicht weniger rational und vernünftig als andere Menschen. Im besten Fall wissen sie um die Grenzen von Vernunfterkenntnis und Argumenten und um den Wert spiritueller Erfahrung. Einer Erfahrung, die (um es mal mit Martin Buber zu sagen) nicht im instrumentellen und objektivierenden Ich/Es Modus stattfindet, sondern sich im Ich/Du-Verhältnis zu Gott und Schöpfung bzw. Welt vollzieht.

Es waren Theoretiker wie Immanuel Kant, die im 18. Jahrhundert den Kampfbegriff „Mystizismus“ prägten, der zum Synonym für dumpfen Aberglauben wurde und differenziertes Hinsehen überflüssig machte. Aberglauben und religiösen Wahn gibt es freilich auch. Aber es gibt eben ein weites, buntes Feld zwischen diesen beiden Polen: der monarchischen Vernunft und dem magischem Denken oder Spiritualismus (was wiederum ganz ähnlich klingt wie „Spiritualität“, aber etwas ganz anderes ist).

Der Versuch, die Theorie vor dem Wahn zu retten, indem man die Verschwörung erst Richtung Mythos und dann weiter zur Mystik verschiebt, produziert also allerhand sprachliche Kollateralschäden. Dabei wäre das Gegenteil nötig: Auf begriffliche Klarheit zu achten, die gedankliche Klarheit ja überhaupt erst ermöglicht.

Nicola Gess hat an dieser Stelle mit ihrem Buch Halbwahrheiten. Zur Manipulation von Wirklichkeit hilfreiche Arbeit geleistet. Merkt Euch also schon mal den Begriff – Fortsetzung folgt.

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Stadt – Land – Flut…

Zwei Meldungen aus den letzten Tagen beschäftigen mich in dieser Woche. Zum einen ein Bericht der Zeit aus dem Bergstädtchen Saint-Martin-Vésubie. Dort schlug der Sturm Alex im Oktober derart schwere Wunden, dass manche Einwohner bis heute nicht wissen, ob sie noch einmal nach Hause zurückkehren können.

Die Sommer sind immer heißer und trockener geworden. In Südfrankreich ist es jetzt schon gut zwei Grad wärmer im Schnitt. Und die Regenfälle werden durch die Verdunstung aus dem Mittelmeer immer ergiebiger. In St.-Martin kamen pro Quadratmeter mehr als sechs Badewannen Wasser zusammen.

Die andere Nachricht kam aus der Antarktis. Die Region hat sich um drei Grad erwärmt in den letzten 50 Jahren. Der Pine-Island-Gletscher enthält etwa zehn Prozent des antarktischen Eises und er fließt bereits immer schneller. Forscher schätzen, er überschreitet gerade seinen Kipppunkt. Damit ist der gesamte westantarktische Eisschild bedroht. Dessen Kollaps könnte den Meeresspiegel um drei Meter ansteigen lassen.

Drei Meter!

Verschärfte Gangart

Was gestern noch schriller Katastrophismus oder ferne Zukunftsmusik war, könnte jetzt nach und nach Wirklichkeit werden.

Wie gehen wir mit solchen Nachrichten um? Derzeit werden sie überlagert vom kurzatmigen, coronabedingten „Schimpfdesaster„. Wir hatten übrigens eine Art Jahrtausenddürre in den letzten Jahren. Aber auch das haben nur wenige überhaupt zur Kenntnis genommen. Das ist schon verrückt, wenn man sich das ungeheure Gefahrenpotenzial vor Augen hält, das sich gerade aufbaut.

Vermutlich aber hat die Rat- und Tatenlosigkeit auch mit der richtigen Ahnung zu tun, dass wir unseren gesamten Lebensstil überdenken und ändern müssen. Und ein Blick auf die Nervosität und Ungeduld, die uns Covid-19 beschert hat, stimmt da wenig hoffnungsvoll. Sind unsere sozialen und politischen Systeme und Strukturen dem Druck gewachsen, der sich im Zuge der Klimakrise aufbaut?

Mayday

Am 1. Mai findet das Emergent Forum digital statt. Da geht es um das Stichwort „Meta:Krise“ – die Krise der Krisenbewältigung. Wie kommt es, dass wir in entscheidenden Zukunftsfragen so wenig geregelt kriegen? Und was könnte eine gesunde Reaktion auf diese Beobachtung sein? Wenn Ihr könnt und mögt, sehen wir uns da.

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Trotz allem – Ostern!

Das zweite Ostern im Schatten der Pandemie. Beim Nachdenken über die richtigen Worte und Bilder fiel mir ein Motiv wieder ein, das ich hier vor zehn Jahren einmal erkundet habe: Der Ausbrecherkönig.

Ich habe es ein bisschen aktualisiert für die dritte Welle. Und mit der Hilfe vieler wunderbarer und talentierter Menschen aus Zabo haben wir einen kleinen, bunten Gottesdienst drumherum gebastelt, alles aufgenommen und online gestellt.

Während sich draußen der lange, kalte und einsame Winter gerade nochmal ein Stelldichein gibt, könnt Ihr hier ein paar – hoffentlich herzerwärmenden! – Worten und Klängen lauschen. Und wenn ihr mögt, am Ende sogar ein bisschen tanzen.

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Ostern ist nichts für Kinder

In diesen Tagen geht mir immer wieder ein Gedicht von Steve Turner im Kopf herum. Ich habe es einfach mal übersetzt. Das Original steht auf poemhunter.com

Weihnachten ist echt was für Kinder.
Vor allem für Kinder,
die Tiere mögen, Ställe, Sterne
und in Windeln gewickelte Babies.
Dazu gibt es noch Weise,
Könige in edlen Gewändern,
redliche Hirten und einen
Hauch teuren Parfums.

Ostern ist eigentlich
nichts für Kinder
es sei denn, man versüßt es
mit Schokoladeneiern.
Es gibt Peitschen, Blut, Nägel,
einen Speer und Gerüchte
über einen Leichenraub.
Es enthält Politik, Gott
und die Sünden der Welt.
Es tut Leuten nicht gut,
die zu Nervosität neigen.
Sie sollten besser an Hasen, Küken
und die ersten Schneeglöckchen
des Frühlings denken.

Oder sie sollten warten,
bis die Wiederholung von Weihnachten läuft –
ohne groß zu fragen,
was Jesus tat, als er erwachsen war
oder wie das zusammenhängt.

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Stop-and-Go in der Zeitschleife

Neulich war ich seit geraumer Zeit mal wieder auf der Autobahn unterwegs. Es kam ein längerer Streckenabschnitt mit einer Baustelle, verengter Fahrbahn, Tempo 80 und streckenweise darunter. Am Fahrbahnrand erschienen in regelmäßigen Abständen jene gelben Schilder, die anzeigen sollen, wieviel Baustelle schon hinter mir liegt und wieviel noch vor mir. Leider hatten die Menschen, die die Schilder aufgestellt hatten, die Positionsmarker überall gleich gesetzt. Es war kein Fortschritt erkennbar. Ich fühlte mich wie in einer Art Zeitschleife gefangen. Wir schlichen dahin und kamen nicht erkennbar vom Fleck.

Das trifft die allgemeine Corona-Gemütslage ganz gut, dachte ich mir.

Weil es aber keine Zeitschleifen gibt auf deutschen Autobahnen, kam irgendwann doch das Ende der Baustelle in Sicht. Und all die dunklen Audis, BMWs und Mercedes hinter mir fuhren immer dichter auf, um sich in Position zu bringen. Der angestaute Baustellenfrust war quasi messbar von Stoßstange zu Stoßstange. Und das Bedürfnis, den gefühlten Verlust zu kompensieren, immens. Kaum herrschte freie Fahrt, brach ein wüstes Gedrängel und Gerangel aus, vor dem man nur auf der rechten Fahrspur halbwegs sicher war.

Alle wollen wieder Gas geben – oder?

Die Kanzlerin und die Ministerpräsident:innen scheinen sich gefühlt zu haben wie ein alter Opel Corsa mit lauter Touaregs, Q7 oder X5 im Nacken, die ungeduldig aufblenden. Sie haben sich zu eiligen Öffnungen drängen lassen, obwohl die Mehrheit der Bürger:innen das gar nicht wollte, schrieb Thomas Fricke bei SPON und nannte es ein „Demokratiedesaster„.

Das Chaos, das sich daraus ergibt, lässt sich vor Ort besichtigen: Als ich am 14. März mittags den Inzidenzwert für Erlangen suchte, konnte ich auswählen zwischen 67,5 (Zeit Online), 63,1 (Süddeutsche und RKI), 59,5 (Spiegel, da war es eine Stunde zuvor noch 37), oder 55,1 (Erlanger Nachrichten). Zwei Tage vorher hatte die Stadt verkündet, dass die Schulen wieder geöffnet werden. Da lag der Inzidenzwert beim RKI bei 47, während das LGL schon einen Wert weit über 50 meldete. Von „Übermittlungsfehlern“ war in Online-Diskussionen die Rede. Was die Frage aufwirft:

• Warum bekommen wir es nach einem Jahr immer noch nicht hin, solch wichtige Daten täglich und zuverlässig zu übermitteln?
• Und wenn wir es nicht schaffen, warum knüpfen wir folgenreiche Öffnungsbeschlüsse an Daten, die derart unzuverlässig erhoben werden? (Und wer glaubt allen Ernstes, dass eine Taskforce mit den Ministern Spahn und Scheuer die Misere in den Griff kriegt?)

Ausgebremst

Jetzt, eine Woche später, rudern wieder alle zurück. Es ist gerade so, als würde auf der Autobahn des gesellschaftlichen Lebens die Anzeige auf den Schilderbrücken flackern und jedesmal eine andere Höchstgeschwindigkeit anzeigen. Und so nimmt im Stop-and-Go auch unter denen, die sich bemühen, ruhig zu bleiben, der Frust zu. Denn andere treffen Entscheidungen über das Tempo meines Lebens und allzu oft wirken sie dabei fahrig und überfordert. Die pandemiebedingte Ungeduld bringt die grundlegende Ungeduld und das Getriebensein ans Licht, das in mir steckt:

„Je mehr man das Gefühl hat, Oh Gott, ich muss eigentlich schon dieses und jenes erledigt haben, Oh Gott, ich muss schon hier sein, desto ungeduldiger und aggressiver wird man natürlich, wenn man durch diese Wartesituation ausgebremst wird. Das ist ja oft ein Grund für diesen großen Ärger, dieses Gefühl, ich werde plötzlich in meiner wunderbaren Erledigungsschlange ausgeknockt – und das erzeugt Ärger.“

Friederike Gräff kürzlich im DLF (Es lohnt sich, diesen Beitrag ganz zu lesen oder zu hören!)
Nichts für Eilige, diese Nebenstraße…

Kann man Ungeduld fasten?

Einige Freunde haben geschrieben, dass sie in diesem Jahr nicht fasten wollen in der Fastenzeit. Wir verzichten ohnehin auf so vieles. Das stimmt natürlich. Ich überlege unterdessen, wie ich Ungeduld fasten kann. Indem ich das Warten auf eine Rückkehr zur Normalität (was auch immer das dann ist) annehme? Dazu brauche ich die Situation ja nicht künstlich zu beschönigen. Und ich kann mir bewusst machen, wie sehr mein Leben, Glück und Wohlergehen von anderen abhängt.

Das anzuerkennen hat seine schmerzhafte Seite, aber auch seine schöne. Wenn mir beides zusammen vor Augen steht, setze ich mich und meine Mitmenschen hoffentlich weniger unter Druck.

Im oben erwähnten DLF-Beitrag ist mit Simone Weil vom Warten Gottes die Rede: Gott wartet darauf, dass wir ihm Liebe und Aufmerksamkeit schenken. Schon immer – oder auch immer noch. Er drängelt nicht, aber er hat auch nicht aufgegeben. Da hätten wir also schon etwas gemeinsam, Gott und ich. Und während ich darauf warte, dass alle möglichen anderen Dinge wieder möglich werden, kann ich im Warten auf und mit Gott meiner Ungeduld immer wieder ein Schnippchen schlagen.

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Siedler und Pioniere – ein Herzensthema zum Jahreswechsel

Von Lederstrumpf bis Lucky Luke: Der Wilde Westen hat die Fantasie vieler kleiner und großer Jungs beschäftigt. High noon und das Lied vom Tod, Büffelherden und Bürgerwehren, Lagerfeuer und Lynchjustiz, reichlich Feuerwasser und am Ende immer ein einsamer Cowboy, der in den Sonnenuntergang reitet. 

Man kann sich über die Klischees, die in dieser Männerwelt drinstecken, amüsieren. Oder kritisieren, wie historisch ungenau und vorurteilsbeladen da erzählt wird – etwa wenn die amerikanische Urbevölkerung abwechselnd als edle Wilde oder zähnefletschende Barbaren auftaucht. Aber vielleicht hatte das alles ja schon immer damit zu tun, dass wir Europäer uns selbst in diesen Geschichten wiederfinden wollten. Ein literarischer Spiegel unserer Ideale und Abgründe, Abenteuerlust und Albträume.

Kürzlich habe ich mich wieder an einen Text von Brennan Manning erinnert. Er greift die Gegenüberstellung von Siedlern und Pionieren aus einem älteren Buch, Western Theology von Wes Seliger, auf. Und weil bekanntlich das Sein das Bewusstsein bestimmt, sehen diese beiden Communities Gott und die Welt ziemlich unterschiedlich.

Western ist freilich nicht jedermanns Sache. Wer damit Mühe hat, kann beim Weiterlesen genauso gut an Star Trek mit seinen Kapitänen Kirk und Picard und ihrer Crew denken. Die Zivilisationsgrenze wird da vom amerikanischen Kontinent in den Weltraum verlegt: „The final frontier“, sagt der Vorspann. Und dann folgt das berühmte „to boldly go where no man has gone before“.

Ich bin in den letzten Jahren aus einem eher pionierhaften Kontext in eine mehrheitlich (aber keineswegs ausschließlich) von Siedlern geprägte Kultur umgezogen. Fun fact am Rande: Mitten durch die Kirchengemeinde, in der ich jetzt arbeite, zieht sich die Siedlerstraße. Auf der einen Seite die Siedlerhäuschen, auf der anderen der Wald: Eine stetige Erinnerung an diese Western-Typologie.

Meine Eltern, eher stetige Wesen, haben einmal gefragt, wie es eigentlich kommt, dass ich immer diesen Drang über das Gewohnte hinaus habe und mich mehr für das Morgen interessiere als für das Gestern. Kurz darauf stieß ich auf das Familienwappen meines im Krieg verschollenen Großvaters. Dort steht als Wahlspruch: „Immer vorwärts“. Wir sind uns zwar nie begegnet, aber ausgehend von dem Wenigen, was ich über ihn weiß, würde ich sagen: Das passt.

Und damit zurück in den Wilden Westen.

Die Typologie

Siedler sehen das Leben als einen Besitz an, der sorgsam gehütet werden muss. Pioniere sehen es an als ein abenteuerliches, wundersames Geschenk.

In der Welt der Siedler dreht sich alles um Sicherheit. Das Weideland wird eingezäunt, die Haustüre verriegelt, das Geld auf die Bank gebracht. Kirche ist für sie wie das Rathaus der Westernstadt. Mit seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern gleicht es einer Festung. Drinnen werden Akten geführt, Steuergelder aufbewahrt und Bösewichten der Prozess gemacht. 

Gott ist in dieser Welt der Bürgermeister. Eine ehrwürdige Erscheinung in seriösem Schwarz. Er residiert gut abgeschirmt ganz oben im Rathaus. Von dort hat er die ganze Stadt im Blick. Er zeigt sich selten. Aber die Ordnung, die in der Stadt herrscht, beweist ja, dass es ihn gibt. Die Siedler fürchten ihn, andererseits halten sich deshalb aber auch alle an die Regeln. Wenn mal wieder ein Zug von Pionieren näherkommt, schickt er den Sheriff hin, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wer hier den Ton angibt.

Bei den Pionieren ist alles in Bewegung. Ihre Kirche ist der Planwagen, immer unterwegs in die Zukunft. Das ganze Leben spielt sich dort ab: Sie essen, schlafen, lieben, kämpfen und sterben dort. Der Planwagen knarzt und holpert, ist eng und unbequem. Aber den Siedlern ist das egal. Denn Gott ist der Zugführer, der Trail Boss. Er ist ungehobelt und voller Leben, kaut Tabak und trinkt den Whisky unverdünnt. Immer wieder zieht er die Karren mit aus dem Dreck. Und wenn jemand schlapp machen will, nimmt er ihn sich zur Brust. 

Foto: Jon Toney auf unsplash.com

Für die Pioniere ist Jesus der Scout. Er reitet voraus und setzt sich damit noch größeren Gefahren aus als die anderen. Er weiß wie kein anderer, was der Trail Boss vorhat. An ihm können alle ablesen, was es bedeutet, ein Pionier zu sein. Der Heilige Geist ist für sie der Büffeljäger. Ein rauer, unberechenbarer Geselle mit einem höllisch lauten Schießeisen. Er versorgt die Pioniere auf ihrem Zug mit lebenswichtiger Nahrung. Aber man weiß nie genau, was er als nächstes anstellt.

Am Sonntagmorgen zieht es den Büffeljäger in die Stadt. Da treffen sich nämlich die Siedler im Rathaus zum Kaffeekränzchen. Er schleicht bis unters Fenster und lauscht. Plötzlich ballert er in die Luft. Fenster klirren, Hunde bellen und die Leute drinnen verschlucken sich an der Torte. 

Für die Siedler ist Jesus der Sheriff. Er reitet mit seinem weißen Hut durch die Stadt, verjagt das Gesindel und buchtet die Störenfriede ein. Und der Heilige Geist ist das Mädchen im Saloon. Bei ihr suchen die Siedler Trost, wenn sie einsam sind oder vor etwas Angst haben. Sie krault die Siedler unterm Kinn, damit sie sich besser fühlen. Und wenn im Saloon die Fetzen fliegen, kreischt sie so laut, dass der Sheriff kommt. Sünde ist für die Siedler, wenn jemand sich nicht an die Ordnung hält. Für die Pioniere ist es Sünde, wenn jemand aufgibt und umkehren will.

Wild West Reloaded

Unsere Welt hat sich in den letzten drei Jahrzehnten massiv Richtung Wildwest 2.0 verändert. Vieles, was Orientierung, Halt und Sicherheit gab, ist weggebrochen. In der SZ schrieb Sebastian Gierke kürzlich: „Der Marktliberalismus will vor allem das selbstbestimmte, kreative, atomisierte Individuum. Narzissten, Egomanen und Selbstausbeuter.“ Die Politik der Deregulierung hat den fürsorglichen Sozialstaat der Nachkriegszeit entkernt. Unternehmensgewinne wurden privatisiert, die Aktienmärkte hingegen mit Steuergeldern gerettet. Mittlerweile beschert uns der globale Plünderungskapitalismus eine Krise nach der anderen – wirtschaftlich, ökologisch und sozial. Und kriminelle Postkutschenräuber wie die Chefs von Wirecard. Oder einen US-Präsidenten, den der Philosoph Cornel West als Gangster bezeichnet.

Seit 2008 bröckelt daher weltweit das Vertrauen, dass die liberale Demokratie ihren Bürgern Wohlstand und Chancengleichheit garantiert. Populisten versprechen uns auf Facebook und Twitter die Sicherheit und Stabilität von früher – wenn wir nur einfach alle wieder Diesel fahren und mit deutscher Kohle heizen, die Grenzen mit Stacheldraht dichtmachen und Solidarität strikt auf gesunde und fleißige Biodeutsche beschränken. 

Die Zivilisationsgrenze des 21. Jahrhunderts verläuft im Internet. Wie damals im Wilden Westen hat die Digitalisierung uns heute Situationen beschert, für die es noch keine guten Regeln und Ordnungen gibt oder in denen das Recht nicht durchgesetzt werden kann. Und nun auch noch die Pandemie, die vieles verschärft. Australiens Milliardäre sind im letzten Jahr um 50% reicher geworden, meldet der Guardian. Auf der anderen Seite rutschen gerade 207 Millionen Menschen in extreme Armut ab. Da kann einem wirklich Angst und Bange werden. Die Sonne geht unter, wir sind allesamt einsame Cowboys – und nichts daran ist romantisch.

Verunsicherte Kirchen

Hier und da sind Kirchen der Versuchung erlegen, sich im Strudel der Veränderung als Inseln der Stabilität anzubieten. Das ist verständlich, weil wir in den Großkirchen eine sehr seßhafte und solide Gestalt von Kirche entwickelt haben. Seit Jahrzehnten, oft seit Jahrhunderten stehen die Kirchen mitten im Dorf. Fest gegründet im bürgerlichen und bäuerlichen Milieu, mit verbeamtetem Personal zur Pflege traditionellen Brauchtums. Konrad Adenauers berühmtes Motto „Keine Experimente“ steht auch 60 Jahre später noch hoch im Kurs. Wenn in dieser kirchlichen Binnenkultur ein Vorschlag als „abenteuerlich“ bezeichnet wird, kann man sicher sein, dass das kein Kompliment war. 

Für immer mehr Menschen erweist sich das als fremde, unzugängliche Blase, in der die Unsicherheit ihres Alltags vielleicht bedauert wird, aber Antworten und Lösungen (eben weil sie Experimente erfordern) Mangelware sind. Das hat zur oft thematisierten Krise der Kirchen hierzulande beigetragen, und nun zeigt sich, dass sich die alte Normalität (und von Corona reden wir hier noch gar nicht…) nicht mehr lange aufrecht erhalten lässt, weil das Geld und das Personal knapp wird. Wenn wir aber so verunsichert sind, dass wir keine Sicherheit mehr bieten können, was haben wir dann noch – außer ein zaghaft-trotziges „Fürchte dich nicht“?

Der heikle Flirt mit der Ökonomie

Die Diskussion um eine Umgestaltung und Reform der Kirchen ist in vollem Gange, aber sie verläuft nicht immer glücklich oder konstruktiv. Manche Akteure haben Sprache und Konzepte aus der New Economy übernommen. Schlagwörter wie „StartUp“, „Entrepreneur“ oder „Flexibilisierung“ erinnern aber nicht nur hartgesottene Traditionalisten an die Ich-AGs der Agenda 2010, an Entsolidarisierung und die Ideologie der „kreativen Zerstörung“. Kurz: All das, was unser gesellschaftliches Schlamassel mit verursacht hat. Ich denke nicht, dass dieser Reflex den Absichten und Vorschlägen der Reformer gerecht wird. Aber ich kann verstehen, wie manche auf die Idee kommen, hier finde ein Angriff statt und sie müssten die Kirche vor der totalen Ökonomisierung retten. Die hat schließlich schon im Sozialsystem und im Bildungswesen massive Schäden verursacht. Droht also eine Zerschlagung der Gemeinden und kommt am Ende eine Art marktkonforme Kirche heraus – flexibel und verflüssigt bis zur baldigen Unkenntlichkeit – oder ist das nur falscher Alarm aus der Siedlerecke?

Wir könnten uns freilich auch an den Megachurches amerikanischen (oder australischen) Zuschnitts orientieren. Sie glänzen mit unverschämt gut aussehenden Typen in Designerklamotten, professionellem Corporate Design und positiv-sentimentaler Wohlfühlmusik. In Sachen Marketing macht ihnen jedenfalls keiner etwas vor: Sie liefern die perfekte Synthese aus Bibel und Konsumgesellschaft. Zwischen den Zeilen wird kommuniziert: Schließ dich uns an, dann bist du bald auch so attraktiv wie wir. Wenn ich ihnen eine Weile zuhöre, entdecke ich da reichlich Tipps zur spirituellen Selbstoptimierung, aber meistens fehlt mir die ernsthafte Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Ursachen unserer Sorgen, Selbstzweifel, Müdigkeit und Resignation. Auch hier wird mir signalisiert: Gott begegnest du im Vertrauten, Beherrschbaren und Reproduzierbaren – und eher nicht im Unbekannten und Fremden.

Pioniere des wilden Ostens

Die großen, prägenden Gestalten der Bibel haben das ganz anders erlebt: Der seßhafte Abraham verlässt seine Heimat auf Geheiß eines unsichtbaren Gottes, der ebenfalls keinen festen Wohnsitz hat. Mose führt die Israeliten aus Ägypten in das verheißene Land. Er selbst sieht es nur noch aus der Ferne. Aber Gott zieht die ganze Zeit voraus, in Wolke und Feuer gehüllt. Jesus und seine Jünger folgen diesem Muster. Ständig sind sie unterwegs. Am Ende stirbt auch Jesus draußen, vor den Toren Jerusalems. Nach Pfingsten wandern die ersten Christen unermüdlich durch das römische Reich. Die Verfasser*in des Hebräerbriefes blickt zurück auf diese Pioniere:

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, 
Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. 
Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, 
wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; 
und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. 

Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder 
im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf 
und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; 
denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, 
die Gott selbst geplant und gebaut hat. 

Hebr 11,1ff

Die Mütter und Väter des Glaubens, ohne die es kein Evangelium und keine Kirche gäbe, waren allesamt Menschen, die ihr Leben lang auf dem Weg durch den wilden Osten waren. Ihre Zelte waren die Vorläufer der Planwagen.  Und sie lebten als „Gäste und Fremdlinge“, sagt die Bibel. Oder um ein anderes Wort zu verwenden: Sie waren Pilger. 

Und so gilt auch für uns:

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Hebr 13,14

Was die Pioniere des wilden Ostens und Westens verbindet (und zugleich von heutigen Rotstift-Reformern, Monaden und Selbstvermarktern unterscheidet), das ist die Einsicht, wie sehr sie auf einander angewiesen sind. Dasselbe gilt für die Pilger: Sie sind ja keine Einsiedler. Die vielen Begegnungen auf dem Weg sind mindestens so heilsam und bereichernd wie die Stille und die Konfrontation mit dem inneren Schweinehund. Der Weg, der uns aufgegeben ist, ist so weit und so entbehrungsreich, dass er nur gemeinsam gemeistert werden kann. Und wenn wir die großen Herausforderungen anschauen, vor denen unsere Gesellschaft steht – die ungelöste Klimakrise, Konflikte, die in Hass und Gewalt umschlagen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich – dann wird das mit Siedlermethoden (alles bleibt wie es war) nicht zu lösen sein.

Zeit zur Erkundung

Religionssoziologen haben beobachtet, dass über die letzten Jahrzehnte immer mehr Menschen eine „Spiritualität der Seßhaftigkeit“ aufgeben und eine „Spiritualität des Suchens“ vorziehen: Erfahrungen statt Wissen, Vorläufiges statt Fixiertes, ausgehandelte statt vorgegebene Deutungen. Dass wir in den Kirchen das Pilgern neu entdeckt haben, fügt sich gut in dieses Bild. Weil vieles Gewohnte in den Kirchen seit Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr funktionierte, haben viele Gemeinden munter experimentiert. Plötzlich geht etwas!

Kann es also sein, dass im Lärm der Krisen, der unsere Kirchenfenster klirren lässt, der Schuss des Büffeljägers zu hören ist? Der will den Siedlern ja nicht einfach nur einen Streich spielen. Sondern sie aufwecken und daran erinnern, dass sie selbst (oder ihre Eltern und Großeltern) irgendwann einmal Auswanderer und Pioniere waren. 

T.S. Eliot schreibt: 

We shall not cease from exploration, 
and the end of all our exploring 
will be to arrive where we started 
and know the place for the first time. 

Four Quartets

Das Ankommen, das Erkennen und Erkanntwerden steht uns allen erst bevor. Bis dahin gibt es noch viel zu erkunden. Je nach Tagesform bin ich mal mehr Siedler und mal mehr Pionier. Im Alltag ist das gar kein so klares Entweder-Oder. Ich merke aber, dass es mir besser geht, wenn ich öfter auf den Pionier in mir höre. Und wie ich aufblühe, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die sich in den Umbrüchen dieser Zeit nicht verkriechen, sondern zum Aufbruch bereit sind. 

Wenn ich anfange, Gott außerhalb des Bekannten und Gewohnten zu suchen, dann habe ich mit den Menschen um mich herum – ob sie religiös sind oder nicht – diese eine Sache schon einmal gemeinsam: Ich weiß nicht genau, was mich erwartet. Wie ich mit diesem Nichtwissen umgehe, ist für die anderen Bewohner des WildWest 2.0 womöglich interessanter als das, was ich schon weiß. 

Ging es nicht genau darum an Weihnachten? In dieser ganzen Ungewissheit ist uns der Sohn Gottes nahe. Geboren zwischen Tür und Angel. Bei den underdogs, im prekären Milieu der Hirten und Tagelöhner. Seine merkwürdigen Gäste aus dem Morgenland standen in Jerusalem unter Spionageverdacht und mussten untertauchen. Die Weihnachtsgeschichte redet die Welt nicht schön. Aber sie weiß von der Herrlichkeit Gottes darin zu erzählen.

Der Pionier in mir

Wenn in jedem von uns ein Pionier schlummert, wie kann er wachgeküsst werden?

Pioniere können Pioniere wachküssen. Sie sind freilich nicht automatisch netter oder unkomplizierter als Siedler. Wenn mir das nächste Mal welche begegnen, kann ich ein eventuell auftretendes Unbehagen zur Kenntnis nehmen. Aber dann kann ich es auch zurückstellen und fragen: Was treibt dich an? Was hast du entdeckt? Wolltest du schon mal aufgeben und warum hast du es nicht getan? Wo ist dir Gott begegnet?

Kann ich Pilger sein, wenn die Welt im Lockdown ist? Ja, natürlich. Ich muss ohnehin auf vieles Gewohnte verzichten: Reisen, Aktivitäten, Fortbildungen oder Feste. Da ist Platz für neue Routinen und spirituelle Suchbewegungen: Stillhalten und Lauschen. Horizontwerweiternde Lektüre. Die liebevolle Aufmerksamkeit, mit der ich meine inneren Widerstände und Fluchttendenzen wahrnehme, ohne ihnen nachzugeben. Und der Zuspruch von Weggefährt*innen – funktioniert auch mobil und digital.

Gilbert K. Chesterton, der Schöpfer des listigen Pater Brown, hat einmal festgestellt:

Ein Abenteuer ist bloß eine recht verstandene Unannehmlichkeit. 
Eine Unannehmlichkeit ist bloß ein missverstandenes Abenteuer. 

Das neue Jahr wird erst einmal mit allerhand Ungewissheit und Unannehmlichkeiten losgehen. Daran können wir nichts ändern. Aber wir könnten die Einladung annehmen, die pionierhaften Wurzeln unseres Glaubens wieder neu zu entdecken – abseits der gewohnten Pfade.

Also da, wo wir alle gerade herumstolpern.

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Allein im Advent

Als die Welt im März die Begriffe „Lockdown“ und „Social Distancing“ lernte, erschien im Fair Observer ein Artikel von Kate Bracht über Hannah Arendt. Der Inhalt hat auch in der zweiten Welle nichts an Aktualität verloren. Für den nun beginnenenden Advent wurden die Beschränkungen gerade verlängert. Weihnachtsmärkte und Geselligkeit an Glühweinständen fallen aus. Die Stille und Leere sind wir nicht gewohnt. Kann Hannah Arendt uns dafür einen Leitfaden geben?

Arendt unterscheidet in „Origins of Totalitarianism“ zwischen Isolation, Einsamkeit (loneliness) und Alleinsein (solitude). Letzteres könnte man vielleicht auch mit „Stille“ übersetzen, um den Unterschied zur Einsamkeit deutlicher zu machen.

Photo by Kristina Tripkovic on Unsplash

Isolation und Einsamkeit wirken sich destruktiv aus auf Menschen. Isolation entsteht, wenn Tyrannen Angst und Misstrauen verbreiten, so dass Bürger nicht mehr zusammenfinden, um sich für eine bessere Gesellschaft stark zu machen. Donald Trumps unablässige Diskreditierung der US-Wahlen ist nur das jüngste Beispiel für diese Strategie.

Einsamkeit entsteht, wenn eine Person Feindseligkeiten ausgesetzt ist oder es ihr nicht gelingt, von sich aus Verbindung zu anderen aufzunehmen. Das ist eine existenzielle Notlage. Und sie hatte schon Mitte des 20. Jahrhunderts epidemische Ausmaße erreicht.

Im Alleinsein steckt Potenzial

Überraschenderweise ist nicht Geselligkeit, sondern das Alleinsein für Hannah Arendt die Arznei gegen Einsamkeit und Isolation. Das Selbst ist zwar physisch allein, aber es leistet sich selbst Gesellschaft und vergegenwärtigt sich die Welt – und ist damit gerade nicht von ihr abgeschnitten, isoliert oder verlassen. Im Alleinsein entsteht der Raum zum Denken, das immer eine Art fruchtbares Selbstgespräch ist und dessen Ertrag dann ins Gespräch mit anderen einfließen kann. Ohne die Kunst des Alleinseins verflacht auch die Konversation.

Gedanken- und Gewissenlosigkeit gehören für Arendt eng zusammen. Insofern ist die Stille auch der Ort, wo sich das Gewissen melden kann und der moralische Kompass sich neu justieren lässt. Und weil Alleinsein uns auch schöpferisch und erfinderisch macht, liegt hier die Quelle zur Erneuerung der Welt, des Gemeinwesens und des öffentlichen Lebens. Ohne stetige Erneuerung – das haben die letzten Jahre bewiesen – erodieren Institutionen und stabilisierende Selbstverständlichkeiten mit der Zeit.

Erwartung kultivieren

Jetzt im Advent, wo die Tage kurz und die Nächte kalt werden, könnten wir das Alleinsein kultivieren. Wir könnten uns im Warten und in der Erwartung üben. Nicht nur der Erwartung, dass ein Impfstoff und die Frühjahrssonne die ersehnte Corona-Wende bringen und alles wieder wird wie früher. Es wäre zu wenig, nur etwas Auszusitzen. Es geht um so viel mehr. Kate Bracht schreibt dazu:

Our world is sorely in need of renewal, but renewal most likely won’t come from the top. It will come from below, in the everyday choices made by individuals. Ultimately, what solitude restores is the capacity for beginning, the ability to bring something new into the world. For Arendt, this capacity to bring something unique into a world needing renewal is a gift each of us receives at birth. For her, it constitutes a sort of miracle and is a source of faith and hope.

Kate Bracht im „Fair Observer“

Da wir schon bei Glaube und Hoffnung sind: Wenn wir das Alleinsein als ein Alleinsein im Angesicht Gottes verstehen, finden wir einen zusätzlichen Anreiz, die Stille zu suchen. Und gibt es einen stärkeren Gegensatz zum dauertweetenden Lügenpräsidenten, der sich pausenlos Nachrichten über sich selbst ansieht, oder zu den dauerempörten Querdenkern, deren Erregungsspirale keine Unterbrechung duldet?

Ganz ähnliche Gedanken wie Hannah Arendt kenne ich von Henri Nouwen. In seinem Klassiker „Reaching Out“ beschreibt er unter anderem das Potenzial in der Bewegung von der Einsamkeit zur Stille. Hier, hier und hier habe ich einiges davon zusammengefasst.

In diesem Sinne – einen nachdenklichen, empfänglichen und schöpferischen Advent Euch allen!

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Ein Song für die Ewigkeit

Rund um den Ewigkeitssonntag geht mir ein Titel von Sting nicht mehr aus dem Kopf: Das eher unbekannte „Dead Man’s Rope“ von seinem Album „Sacred Love“.

Ich habe gelesen, dass Sting der Text einfiel, als er an seinen Memoiren („Broken Music“) schrieb. Deshalb ist dort vom „Brunnen der Erinnerungen“ die Rede, einem inneren Schwebezustand zwischen Himmel und Hölle. Aber auch von schwerem seelischen Gepäck, von Enttäuschungen und dem sanften Regen der Vergebung.

In diesem Moment des Heraustretens aus sich selbst fällt der Blick auf eine endlos lange Wanderung – tausend Jahre, eine Million Schritte. Sie hat kein besonderes Ziel, eher gleicht sie einer Flucht vor Kummer, Einsamkeit und Leere. Aber vor dem eigentlichen Problem, der Vergänglichkeit, gibt es kein Entrinnen: Den Grabstein trägt er schon auf seinem Rücken.

Im Brunnen der Erinnerung wird deutlich, dass die Flucht nur ein Laufen im Kreis war. Sisyphus lässt grüßen. Und dass er nicht nur vor Angst, Wut und Trauer, sondern auch vor der Liebe Jesu (das steht wörtlich so da) davonlief.

Und als wäre diese Erkenntnis die Wende, ändert sich die Stimmung an dieser Stelle. Im Rückblick klärt sich der Ausblick nach vorn. Er spürt die Hand eines Engels, der ihm über den Kopf streicht. Dann singt Sting davon, dass er nun „in seiner Gnade“ wandelt und „in seine Fußstapfen“ tritt. Man kann das durchaus so lesen, dass mit „er“ wieder Jesus gemeint ist.

Als er weitergeht, geht er nicht mehr mit Leere, Kummer, Zorn und Schmerz weiter, sondern er lässt sie zurück. Er geht auch nicht mehr allein weiter. Stattdessen singt er:

All the days of my life I will walk with you
All the days of my life I will talk with you
All the days of my life I will share with you
All the days of my life I will bear with you 

Für mich ist 2020 nun das dritte Jahr in Folge, in dem wir ein Familienmitglied verloren haben. Je länger, je mehr merke ich: Es dauert eine ganze Weile, bis das trauernde Herz den Trost hören kann.

Vielleicht ist der Advent, der dieses Jahr so viel stiller auf uns zukommt als sonst, ja ein guter Zeitpunkt, um sich in den Brunnen der Erinnerungen zurückzuziehen. Oder in den warmen Regen der Vergebung hineinzugehen, der Scham, Groll und Ärger löst und abwäscht.

Davon war auch heute im Gottesdienst die Rede: Vom Abwischen der Tränen, vom „Gott mit uns“, vom lebendigen Wasser, vom festlichen Ende einer langen Trennung, von unverbrüchlichem Zusammenhalt.

Der Seher und der Sänger. Ich fühle mich von beiden verstanden – und jetzt auch wirklich getröstet.

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Auf Kollisionskurs zur Seenotrettung

Ein Nürnberger Kollege hat vor einiger Zeit mit einem Leserbrief an das Korrespondenzblatt des Pfarrervereins landesweit für Aufsehen gesorgt, weil er dort die (aus dem rechten Spektrum massiv angefeindete) Seenotrettung im Mittelmeer (bzw. das kirchliche Engagement für diese) in Frage gestellt hat. Nun macht die Nachricht die Runde, dass er seine Kirchengemeinde verlassen muss. Und auch die löst einiges an Betroffenheit aus. Viele hätten sich eine versöhnlichere Lösung gewünscht. Wobei ihm die allermeisten in der Sache widersprechen. Die Art, wie das Ganze eskaliert ist, hat freilich eine gewisse Tragik.

Diese Tragik hat wiederum mit der Sache zu tun. Die Argumentation des Kollegen beruft sich auf Luthers Lehre von den zwei Reichen/Regimenten. Aber können wir nach einem halben Jahrtausend noch so einfach auf Luther zurückgreifen, ohne das gleichzeitig zu problematisieren und (gut lutherisch) kritisch auf biblische Aussagen zu beziehen?

Photo by nikko macaspac on Unsplash

Ein Rezept für Tragödien

Die Zwei-Reiche-Lehre hat schon Luther zur tragischen Gestalt werden lassen, nämlich im Bauernkrieg. Schön nachlesen lässt sich das in der Luther-Biografie von Schilling. Luther setzt sich in seiner Panik beim Gedanken an Anarchie und Aufruhr nach und nach zwischen alle Stühle. Er hetzt gegen die Bauern, als diese sich radikalisieren. Die Reichsfürsten nehmen seine Äußerungen zum willkommenen Vorwand, den Aufstand mit äußerster Brutalität niederzuschlagen. Die evangelische Bewegung gerät in der Folgezeit immer mehr in die Abhängigkeit von Fürsten. Sie wird tendenziell obrigkeitshörig und gesellschaftlich reaktionär. Die Zwölf Artikel der Bauern aus dem Schicksalsjahr 1525 hingegen gelten heute als Vorläufer der allgemeinen Menschenrechte. Auch sie argumentieren biblisch-theologisch in ihrer Herrschaftskritik.

Luther löst die Spannung zwischen Römer 13 (der römische Staat und dessen Gewaltmonopol als Garant von Recht und Ordnung) und Offenbarung 13 (das römische Imperium als totalitäres, repressives Ungeheuer) auf, indem er letzteres vor allem auf das Papsttum bezieht. Wenn aber Römer 13 der primäre Bezugspunkt ist, zementiert das ein autoritäres Verständnis staatlicher Macht, die nur Gott gegenüber verantwortlich ist, aber nicht den Bürgern. Und das Mittel, mit dem die Obrigkeit Frieden und Ordnung herstellt, ist für Luther in erster Linie das Schwert, nicht das Gespräch und die Suche nach Konsens und Kompromiss. Das ist schon noch etwas anderes als das staatliche Gewaltmonopol, das wir heute kennen.

Wrong side of history?

Vielleicht ist es ja das Binäre an dieser lutherischen Zuordnung von Kirche und Welt, Staat oder Gesellschaft, das tragische Folgen nach sich zieht? Es ist unmittelbar anschlussfähig für andere Dualismen. Etwa den zwischen dem Privaten und dem Politischen (und Religion ist dann Privatsache), dem Spirituellen und dem Sozialen, dem Ewigen und dem Zeitlichen.

Dann entstehen solche Sätze wie: Kirche sollte sich nicht in die Politik einmischen, sondern Menschen auf ihre Beziehung zu Gott hin ansprechen (oder wie in diesen Tagen, dass der „Politische Islam“ böse ist und der gute Islam unpolitisch). Dabei fällt dann oft unter den Tisch, dass Nichteinmischung in manchen Situationen Unrecht und Leid überhaupt erst ermöglicht. Von Martin Luther King kennen wir den Satz: „Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.“

Das Feld erweitern

Nun gibt es ja – heute vermutlich mehr als zu Luthers Zeiten – das weite Feld des Politischen, das von der Politik im engeren Sinn (staatliche Strukturen, Regierungshandeln, die Organisation von Macht) zu unterscheiden ist: Zivilgesellschaft, NGOs, soziale Diskurse, Hannah Arendts „acting in concert“. Da sind die Kirchen (und nicht nur einzelne Christ*innen) auch in einem weltanschaulich neutralen Staat vielfältig beteiligt. Und genau hier sind ja auch die Aktivitäten zur Seenotrettung angesiedelt. Freilich mit der legitimen Perspektive, Druck auf den Staat zu erzeugen und die öffentliche Aufmerksamkeit auf das anhaltende Sterben im Mittelmeer zu lenken.

Ich sehe unter evangelischen Christen gerade niemanden, der die Notwendigkeit staatlicher Ordnungen bestreitet. Aber sollte man diese im 21. Jahrhundert als von Gott eingesetzt und beauftragt denken? Ist ein göttliches Mandat die Voraussetzung, um dann im nächsten Schritt auch von Verantwortung und Rechenschaft vor Gott sprechen zu können? Oder lässt sich auch ein menschlich-weltliches Mandat so verstehen, dass es in Verantwortung vor Gott wahrgenommen werden muss? Wäre das gar ein Schutz gegen die pseudomessianische Aura, mit der sich Autokraten wie Bolsonaro und Trump umgeben?

Anders ansetzen

Warum also nicht direkt zurück zur Bergpredigt, zu den jüdischen Propheten und dem einen Willen Gottes. Für den Buß- und Bettag diese Woche steht eine Gerichtsrede des Jesaja zur Auslegung an. Da geht es nicht nur um Wohltätigkeit, sondern auch um Menschenwürde und das bedrohte Recht. Oder, um es mit Johann Baptist Metz zu sagen: Um Leidempfindlichkeit und die Verantwortung, die sich daraus unmittelbar ergibt.

In Fragen der Seenotrettung lohnt sich indes ein Blick zu Bonhoeffer. Der folgerte schon 1933: „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören.“ Das lässt sich auch im Blick auf das Grenzregime der EU und dessen Handlanger im Jahr 2020 sagen. Aus dieser Verpflichtung entlässt uns die Berufung auf die Zwei-Reiche-Lehre nicht.

Der Kollege Dreher bemüht in einer späteren Erklärung zu seinem Leserbrief übrigens noch einmal den Reformator. Diesmal, indem er sich auf dessen Kreuzestheologie beruft. Vertretern des „selbstglorifizierenden Idealismus“ (das dürfte in die Richtung zielen, aus der die Kritik an seinen Äußerungen kam) wirft er vor, einer „theologia gloriae“ anzuhängen. Das wirkt auf mich trotzig – und allenfalls insofern „lutherisch“, als sich auch Luther nach dem Blutbad an den Bauern theologisch im Recht sah.

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Die himmlische Feuerwehr streikt

Bibeltexte können unfassbar aktuell sein. Nicht jeder Text zu jeder Zeit, aber zu fast jeder Zeit einer oder mehrere. Vor ein paar Tagen bin ich über ein Stück aus dem Buch Jeremia gestolpert. Inzwischen verdeckt die herbstliche Laubfärbung ja die vielen braunen Stellen, die im Frühjahr und Sommer dieses Jahres überall sichtbar waren. Lokal und zeitlich begrenzt ist Extremwetter wie Dürre und Trockenheit kein neues Phänomen. Aber solche Zeilen, wie sie der Prophet vor über 2.500 Jahren niederschrieb, werden im Zuge des Klimawandels und dauerhaft sinkender Grundwasserpegel noch viel eindringlicher:

Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor.

Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter.

Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter.

Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.

Jeremia 14,1ff

Bis in die Villen der Reichen hinein reicht die Dürre. Brunnen und Zisternen sind leer, der Ackerboden bekommt Risse, wilde Tiere verenden, weil sie keine Nahrung mehr finden. Sie verlassen sogar ihre Jungen. Verhüllte Häupter und erloschene Augen, keine Zukunft für nachfolgende Generationen: Dieselben Reaktionen ruft das Wald- und Artensterben unserer Zeit hervor. Es vollzieht sich nur langsamer – und es ist unumkehrbar. Der Spuk ist nicht nach ein paar Monaten wieder vorbei, wenn sich die gewohnten Wetterzyklen zurückmelden. Noch können wir uns – entsprechenden Wohlstand vorausgesetzt – gegen manche Folgen isolieren. Es kommt uns aber immer teurer zu stehen.

Der 93jährige David Attenborough hat das jüngst in seiner Dokumentation „Mein Leben auf unserem Planeten“ eindringlich dargestellt und dies als sein Vermächtnis an die Nachwelt bezeichnet:

Dass wir – und wie damals ist das kein homogenes „Wir“: die Reichen mehr als die Armen, der globale Norden mit seinen (neo)kolonialen Zentren mehr als der Süden, (weiße) Männer mehr als Frauen – ursächlich verantwortlich sind für die Misere, ist nicht zu widerlegen. Eher schon ist es verwunderlich, dass das Volk zu Jeremias Zeiten an dieser Stelle auf die eigenen Sünden zu sprechen kam:

Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Gott wird in den Gebeten und Klagen an seine Rolle erinnert. Die ist in der Erwartung der Menschen glasklar definiert: Trost und Nothelfer. Das ist bis heute nicht anders: Dass Psalm 91,11 bei weitem der beliebteste Taufspruch ist, belegt überdeutlich, wie wenig sich geändert hat.

Wie schön wäre es, wenn Gott angesichts der epochalen Waldbrände dieses Jahres in Kalifornien, Australien, Sibirien und Brasilien seinen kosmischen Feuerlöscher (wahlweise auch einem ergiebigen Landregen) ausgepackt hätte. Aber er nimmt die Rolle des Feuerwehrmanns nicht an. Er tut so, als hätte er mit dem ganzen Chaos nichts zu tun. Als wäre das nicht sein Land und seine Leute. Oder – und hier keimt ein neuer, beängstigender Verdacht auf – ist er nicht gar unbeteiligt, sondern genauso rat- und hilflos wie wir?

Noch einmal wird Gott beschworen, sich an seine Pflichten zu erinnern. Aber offenbar ist die Beziehung an jenem Punkt angekommen, an dem ein Partner den anderen ständig verletzt, dann mit Krokodilstränen beschwichtigt, nur um kurz darauf wieder übergriffig zu werden. Darauf hat Gott offenkundig keine Lust mehr. Er streikt. Heute würden wir sagen: Er mischt sich unter die immer zahlreicheren Klimaflüchtlinge. Das Herumgeeirere geht ihm auf die Nerven. Der Prophet protokolliert:

So spricht der HERR von diesem Volk: Sie laufen gern hin und her und schonen ihre Füße nicht. Darum hat der HERR kein Gefallen an ihnen, sondern er denkt nun an ihre Missetat und will ihre Sünden heimsuchen.

Wir sollten es uns also nicht so leicht machen mit der Frage, wo Gott steht im Blick auf den Klimakollaps, auf den wir feste und nahezu ungebremst hinarbeiten. Vieles haben wir – die Menschheit – selbst in der Hand. Vielleicht brauchen wir Gott derzeit mehr als distanzierten Kritiker denn als Ausputzer? Mehr auf der Seite der aussterbenden Arten, unbewohnbaren Landstriche, kollabierenden Gleichgewichte – und kommender Generationen?

So viel ist klar: Hier gehts nicht mehr darum, lästige Klimafolgen durch ein paar Windräder und etwas Aufforstung zu reparieren. Sondern um eine grundlegend andere Art zu leben und zu wirtschaften.

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Heimweh ohne Verreisen

Ich habe ein neues Wort gelernt: Solastalgie. Das ist die Trauer, die manche Menschen empfinden, wenn sie die Klimaschäden und das Artensterben in ihrer gewohnten Umgebung vor Augen haben. Nicht nur die Nadelbäume verdorren gerade in den Wäldern, selbst die mächtigen Eichen und Buchen sterben. Bäche und Tümpel trocknen aus oder kippen um, Tiere verlieren ihren Lebensraum. 

Photo by Meritt Thomas on Unsplash

Naturliebhaber erwischt der Klimakummer besonders hart, aber es reicht auch der Blick auf die Bäume an den Straßen und die Grünanlagen unserer Städte. Ich erinnere mich, wie vieles, was jetzt ums Überleben kämpft, vor wenigen Jahren noch relativ gesund war. Und frage mich im selben Moment, wo das alles noch hinführen soll. Mal fühle ich mich dann hilflos und niedergeschlagen, mal traurig, mal wütend. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, das funktioniert anno 2020 nur noch ganz punktuell. Es ist wie Heimweh ohne Ortswechsel, weil die „Heimat“, die ich vermisse in der Vergangenheit liegt. Die Uhr lässt sich nicht mehr zurückdrehen.

Was hilft gegen die Depression? Mit anderen Menschen darüber zu reden, denen es ähnlich geht. Gott im Zwiegespräch meinen Kummer über den Zustand seiner Schöpfung zu klagen. Und gemeinsam mit anderen auf die Barrikaden zu gehen. Wenn die Trauer das bewirkt, dass wir zusammenfinden und uns verbünden, dann hätte die Solastalgie – der Klimakummer – doch noch einen Sinn. 

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