Auf der Spur der Zeit

Gleich bei uns um die Ecke geht der Radweg Nummer 2 vorbei, der rund um Erlangen führt. Im letzten Frühjahr, als gerade die Entscheidung anstand, ob ich nach dem Ende des Vikariats bei ELIA bleibe oder an einem anderen Ort neu anfange, bin ich diese Runde gefahren. Eigentlich nur, um den Kopf frei und den Kreislauf ein bisschen in Schwung zu kriegen.

Ich war überhaupt nicht darauf gefasst, so vielen Erinnerungen zu begegnen: Stücke meines ehemaligen Schulweges waren darunter – Ecken, die ich in morgendlicher Eile hunderte Male passiert hatte. Irgendwann kam ich zu der Stelle, wo meine Frau und ich am ersten Tag, als wir zusammen waren, spazieren gingen. Etwas später sah ich in der Nähe ein Waldstück, in dem sich ein junger Mann das Leben genommen hatte, für den ich die Trauerfeier hielt. Der Weg kreuzte mehrfach Laufstrecken, auf denen ich mit meinem Freund Udo unterwegs war, oft in intensive Gespräche vertieft. Spielplätze, auf denen unsere Kinder herumgeturnt hatten, zogen vorbei, ebenso etliche Orte, an denen wir regelmäßig Gottesdienst gefeiert hatten, zuletzt die Franconian International School. Dann war ich wieder zuhause.

Ein großer Teil des Lebens, eingeschrieben in einen Rundweg: Schönes und Schreckliches wird für einen Augenblick wieder lebendig; Dankbarkeit für vieles Gute steigt auf, und auch, dass manches Schwere vorüber ist. Aus dem Staub des Alltäglichen funkelt hier und da Einmaliges hervor.

Echte Bedeutung haben diese Orte  freilich alle nur durch die unvergesslichen Menschen erlangt, mit denen ich dort war. Gesichter und Geschichten tauchen aus der Erinnerung auf. Aber erst der jeweilige Ort hat sie wieder hervorgeholt.

Unterm Radeln schloss sich der Kreis. Nicht nur äußerlich, weil die Runde beendet war, sondern auch innerlich – in der allmählich reifenden Gewissheit, dass der Abschied ansteht.

An manchen Stellen des Rundkurses kann man weit über das Stadtgebiet hinaus sehen – unter anderem hinüber nach Nürnberg. Da drehe ich die nächsten drei Jahre meine dienstlichen Runden. Am Fuß des Schmausenbuck liegt Z(erz)ab(elsh)o(f). Im September geht es los an der Auferstehungskirche.

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Ein bisschen angezählt

Vor einer Woche war mein offizieller Abschied von ELIA, mit einem Gottesdienst an historischer Stätte, etlichen Überraschungsgästen, vielen Umarmungen und Erinnerungen.

Es dauert, das emotional zu verarbeiten. Denn das mit dem lachenden und weinenden Auge funktioniert – anders als die Redensart das suggeriert – leider nicht synchron. Dafür kann es ziemlich zügig hin und her wechseln.

Irgendwie kommt mir diese Stimmung bekannt vor. Es fühlt sich an wie in den Augenblicken, in denen eines der erwachsenen Kinder dauerhaft das Haus verlässt. Nun kommt so ein Abschied ja selten überraschend. Du weißt, es ist der richtige Schritt und er ist an der Zeit. Dennoch – wenn es dann so weit ist, meldet sich das Herz plötzlich mit ein paar ganz tiefen Gefühlen und Erinnerungen.

Genau so war es letzte Woche. Nur dass ich in so viele vertraute und nicht minder gerührte Gesichter geschaut, viele Hände geschüttelt und viele gute Wünsche mitbekommen habe. Es hätte noch viel zu sagen gegeben, aber nicht genug Zeit, alles in Worte zu fassen.


Jan Tinneberg

In dem ganzen Durcheinander der Emotionen habe ich mich an Paulus erinnert, der auch väterliche und mütterliche Gefühle gegenüber den Gemeinden hegt, die er mitbegründet hat. Dann verlässt er die technische Begrifflichkeit  des Baumeisters, die er auch beherrscht, und wechselt in die Sprache des Herzens. Jetzt kann ich das nachempfinden.

Denn miteinander sind wir die geworden, die wir sind – nicht ohne die/den anderen. Diese Verbindung bleibt, auch wenn wir uns zukünftig seltener sehen und die Wege in unterschiedliche Richtungen führen.

Darüber kann man schon  mal ein bisschen angezählt sein. Und sich zugleich an Karl Barth erinnern: „Nur ja die Ohren nicht hängen lassen!“ Kinder werden groß und die Rolle der Eltern verändert sich. Alles gut.

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Was uns zusammenhält (und was nicht)

Die Einheit und der Zusammenhalt wirkt bedroht wie lange nicht mehr. Darin sind sich alle einig. Um so eifriger wird sie angemahnt – kirchlicherseits und in der Gesellschaft. Als ich heute über diesen Worten des Paulus saß, fiel mir auf, warum das manchmal ein weiter Weg sein kann:

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Paulus wünscht sich eine einmütige und einträchtige Gemeinde in Philippi. Das ist also auch unter Christen – damals wie heute – nicht selbstverständlich. In diesen Tagen haben sich bei uns ja ausgerechnet die Parteien mit dem C, die auch noch die Einheit (lateinisch Unio) im Namen führen, ungeahnt erbittert beharkt und sich mit der Fiktion einer Nicht-Spaltung in die Sommerpause gerettet. Christen stehen auf beiden Seiten der Gräben, die die aktuellen Kulturkämpfe aufgerissen haben. Führt ein Weg zurück zur Einheit – und wenn ja, welcher?

Nun liest sich das mit der Einmütigkeit hier ja so, als sei sie das Sahnehäubchen auf einem Kuchen. Sehen wir also nach, was drunter liegt. Die Grundlage der Eintracht wird klar benannt: Ermahnung, Trost, Liebe und Barmherzigkeit.

Ermahnung – ich lasse mit mir reden. Trost – ich suche nach Worten und Gesten, die heilen und aufbauen. Liebe – ich nehme mich zugunsten anderer zurück. Und Barmherzigkeit –  ich lasse mich vom Leid anderer berühren und bewegen.

Wo es freilich an solchen Dingen fehlt, da wird Eintracht zur Farce und zum Problem. Geschlossenheit ist ja kein Wert an sich: Organisiertes Verbrechen und totalitäre Bewegungen agieren oft sehr geschlossen, um sich auf Kosten anderer zu bereichern oder ihre Dominanz auszubauen.

Und es hat vielfach an Liebe und Barmherzigkeit gefehlt. Sie sind aus dem trostlosen Wortschatz der öffentlichen Debatten verschwunden. Die Ermahnung zu barmherzigen Tun und zur Mitmenschlichkeit wird als Verrat am Volk oder als fahrlässiges Gutmenschentum beschimpft, als Rechtsbruch und Ordnungswidrigkeit.

Der Anspruch, gut und respektvoll von Menschen zu reden, ihre Bedürftigkeit nicht abschätzig als Makel zu werten, sich nicht vom Leid anderer abzuschotten, wird  als „Hypermoral“ beziehungsweise ideologischer „Tugendterror“ diffamiert – Abschiebungen in akute Todesgefahr dagegen schamlos als nette Geburtstagsüberraschungen gefeiert.

Heather Mount

Nicht mehr die Kategorien von Menschlichkeit, Gleichheit und Hilfsbereitschaft prägen unser öffentliches  Gespräch, sondern Härte, Feindseligkeit und die Dämonisierung des Fremden. Von Barmherzigkeit und Menschenrechten zu reden gilt vielen inzwischen als Ausweis „linksradikaler“ Gesinnung, die Wohlstand und Ordnung im Land bedroht.

Wer aber auf Grundlage der fortwährenden Entmenschlichung anderer Geschlossenheit fordert, hat Gott nicht auf seiner Seite, egal, wieviele Kreuze er an die öffentliche Wand nagelt. Die Spannungen, mit denen wir zu tun haben, haben längst die alte Polarität konservativ/progressiv überschritten. Wer den Gedanken universaler Menschenrechte (und damit das Grundgesetz) – oder theologisch: der Gottebenbildlichkeit des Menschen – für selbstverständlich hält, ist inzwischen gewissermaßen konservativ. Nur dass der Gegenpol dazu heute nicht mehr im Progressiven, sondern im Regressiven und im Protofaschismus besteht.

Echte Konservative wie Norbert Blüm und Hans Maier haben das verstanden und ermahnen ihre politischen Weggenossen, die derzeit nicht ganz bei Trost sind, auf den Weg der Liebe, Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit zurückzukehren. So lange das noch aussteht, brauchen wir auch über Eintracht nicht zu reden.

Sie wäre nur das Sahnehäubchen auf einem Misthaufen.

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Abschied vom Priester-Paradigma: Das „geistliche Amt“ neu denken

Das Vikariat ist nun fast vorbei, nur ein paar Dinge sind noch zu tun: In den letzten Tagen saß ich über meiner obligatorischen Stellungnahme zu den Themen Schrift und Bekenntnis, Amt und Ordination. Und wäre diese Reihenfolge nicht vorgegeben gewesen, wären mir die Frage vielleicht nie gekommen, ob wir die Theologie rund um „das geistliche Amt“ nicht komplett neu durchdenken sollten. Ich schreibe das hier einfach mal ins Unreine und freue mich auf Kommentare und Rückmeldungen.

Kurz zurück zur Schrift, denn da setzt meine Frage an. Ich habe hier schon einmal ausführlich beschrieben, warum für mich die „Mitte der Schrift“ (oder, um mich als gute Lutheraner auszuweisen, „das, was Christum treibet“) nicht die Metapher vom Sühnetod ist, sondern das Exodus-Motiv der Befreiung aus vielfältigen Formen von Zwang und der egalitären Sozialcharta des mosaischen Bundes. Diese Tradition wird von den Schriftpropheten gegen das Königtum (und vielfach auch die mit dem Königtum eng verbandelte Priesterschaft) neu akzentuiert. Die Linie führt über weiter Johannes den Täufer zu Jesus. Beide üben prophetische Kritik am herodianischen Königshaus und der reichen Priesteraristokratie des (von Herodes prunkvoll errichteten) Jerusalemer Tempels.

So.

Nachdem ich mir das alles noch einmal vergegenwärtigt hatte, schlage ich die Handreichung der VELKD „Ordnungsgemäß berufen“ auf. Und plötzlich lese ich fast nur noch „Priester“ und „Priestertum“: Zwölfmal erscheint das Stichwort allein im Inhaltsverzeichnis.

Klar: Wenn man die Frage von Kirche und Amt, Klerus und „Laien“ vom Priestertum her aufbaut, dann ist man einerseits ökumenisch anschlussfähig, andererseits lässt sich die reformatorische Tradition über ein „allgemeines Priestertum“ nach 1. Petr. 2 einspielen. Wobei es den Bischöfen, die hier schreiben, erkennbar schwer fällt, die Alltagschristen auf echter Augenhöhe mit der Pastorenkirche zu sehen. Immer wieder rutschen ihnen dabei paternalistisch anmutende Formulierungen über die Rolle der „Laien“ heraus.


Josh Applegate

Dabei gab es in den paulinischen Gemeinden und im frühen Christentum keine Priester: Die Abkehr vom Tempel ist spätestens in Apg 6-7 greifbar. Seit 70 n.Chr. gibt es auch im Judentum weder Tempel, noch Opfer, noch Priester. Priester üben ihre Tätigkeit am Altar in einem abgegrenzten heiligen Bezirk aus, und ein ganz wesentliches Element ist der Opferkult. Daran erinnert der Hebräerbrief – und erklärt fortan alle Opferrituale durch den Tod Christi für überholt. Wenn überhaupt von „Priestern“ die Rede ist, dann entweder ganz exklusiv und im Singular von Christus oder ganz inklusiv und strikt im Plural vom Gottesvolk. Der Begriff „Tempel“ bezeichnet entsprechend dynamisiert im die leibliche Existenz und Präsenz der Christen in der Welt, und die gottesdienstliche Gemeinschaft der lebendigen Steine, aber gerade keinen festen Ort, keinen Prunk und kein Kirchengebäude: Wir sind alle Tempel und wir sind alle Priester und jeder Gedanke eines „mehr oder weniger“ würde diese biblische Zusage konterkarieren.

Die Sakramente Taufe und Abendmahl sind von ihrer Entstehung her eher prophetische Zeichenhandlungen, die mit der Zeit in eine liturgisches Gewand gekleidet wurden. Das Passah wird im Haus gefeiert, und erst in zweiter Linie im Tempel. Also auch ohne Priester und ohne Altar. Jesus und der Täufer stehen in kritischer Distanz zum Tempel und der Priesterschaft, aber sie identifizieren sich eindeutig mit den Propheten.

Priester waren im Judentum stets Männer – daher kann die katholische Kirche, die Orthodoxie (und die Lutheraner in Lettland) immer noch Frauen von geistlichen Ämtern ausschließen und einfach auf das Priestertum verweisen. Prophetinnen (und ja, Apostelinnen) sind uns hingegen aus der Schrift durchaus bekannt.

In den wenigen Aufzählungen geistlicher Ämter tauchen „Priester“ nicht auf. Nicht in 1. Kor 12 (Apostel, Propheten, Lehrer), nicht in den Pastoralbriefen („Bischöfe“ und Diakone), nicht in Eph 4 (Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer). Anregend finde ich Umschreibung dieser fünf Rollen bei Frost und Hirsch: Pioneer – Disturber – Recruiter – Humanizer – Systematizer. Sie lassen sich als funktionale Aspekte des einen Amtes denken, praktisch freilich wohl nur dann, wenn es mehr als eine Amtsträger*in gibt.

Mir geht es an dieser Stelle um das „Framing“ der Diskussion um Ämter und Funktionen. Gehen wir vom Priestertum aus, dann wird es wahrscheinlich sehr statisch, zeremonial und tendenziell männlich ausfallen.

Warum nicht einmal anders herum denken? 

Während sich aus Calvins Dreiklang der Ämter Christi das Priesterliche und das Messianisch-Königliche nur auf das gesamte Gottesvolk beziehen lassen, sieht es bei der dritten (im Luthertum vernachlässigten) Funktion anders aus. Es kann durchaus von einer prophetischen Kirche und von prophetischen Individuen beiderlei Geschlechts die Rede sein.

Denken wir also Kirche von ihrem prophetischen Auftrag her. Damit steht sie in der Nachfolge Jesu, des Täufers und über die hebräischen Propheten zurück bis Mose. Sie kündigt das Kommen des Reiches (der herrschaftsfreien Ordnung) unter den Augen der Imperien dieser Welt an und ringt zugleich mit der ständigen  Versuchung, selbst zum Imperium zu degenerieren, das Menschen benutzt, um seine Macht zu festigen und sein Überleben zu sichern. Damit die Kirche ihre prophetische Rolle nach außen spielen kann, braucht es prophetische Stimmen in ihrem Inneren. Hier lässt sich an Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King, Oscar Romero und andere, kleine Propheten („disturber“!) denken. Menschen, die sich und andere in Bewegung halten, die allzu Selbstverständliches in Frage stellen, die falsche Harmonie und faule Kompromisse beim Namen nennen, die Abstumpfung und Schweigen angesichts von Unrecht und Gleichgültigkeit überwinden helfen. Menschen, die Hoffnung auch in finsteren Zeiten sehen und verbreiten. Ronald Marstin hat in „Beyond the Tribal Gods“ geschrieben:

„Prophetische Religion ist die eines Volkes, das nicht an Grund und Boden gebunden ist, ein Volk im Aufbruch, ein Volk, das eine historische Aufgabe vor sich hat – die Aufgabe, Grenzen zu überwinden.“

Und Walter Brueggemann fügt der räumlichen eine zeitliche Dimension hinzu, wenn er schreibt:

„Der Prophet engagiert sich im Ausmalen der Zukunft. Der Prophet fragt nicht, ob die Vision umgesetzt werden kann, denn Fragen der Umsetzung sind ohne Folgen, bis man sich die Vision vorstellen kann. […] Unsere Kultur kann fast alles implementieren, aber fast nichts imaginieren.“

Karl Barth wundert sich gegen Ende von KD IV,3 §72, dass die Neuentdeckung des prophetischen Amtes Christi für Calvin bislang ohne Folgen für die Ekklesiologie blieb. Und er schickt sich an, die Lücke zu schließen:

„Das Handeln der Gemeinde im Dienst ihres Zeugnisses ist ein prophetisches Handeln, wobei wir unter «prophetisch» verstehen: ein Handeln in Erkenntnis des Sinnes der jeweils gegenwärtigen Ereignisse, Verhältnisse und Gestalten ihrer eigenen Geschichte und auch der ihrer Umwelt in ihrer positiven und negativen Beziehung zu dem von ihr bezeugten nahe herbeigekommenen Reiche Gottes und also in ihrer Tragweite für die konkrete Gestalt dieses ihres Zeugnisses.“ (S. 1026)

Vom nahenden Reich Gottes her bestimmt Barth den prophetischen Impuls (wie Marstin und Brueggemann) als ein „Vorwärts!“, das mitunter den Widerspruch der „Allianz der Priester [!], der falschen Propheten, der Fürsten und des Volkes“ herausfordern wird:

Prophetie beruht auf einem besonderen Vernehmen und besteht in einer besonderen Kundgebung des von Gott je und je in seinem Werk, nämlich in der von ihm regierten Geschichte seines Volkes und der Welt gesprochenen Wortes: des Wortes, in welchem er, was er in Begründung des Bundes ein für allemal gesprochen, nicht etwa durch etwas Anderes ersetzt, ergänzt oder überbietet, wohl aber zu bestimmter Zeit neues Gehör und neuen Gehorsam fordernd, in neuer Klarheit wiederholt und bestätigt.

Im prophetischen Element und Charakter ihres Dienstes blickt, greift, schreitet die Gemeinde in der jeweiligen Gegenwart und aus ihr hinaus hinüber in die Zukunft: nicht willkürlich, nicht auf Grund eigener Analysen, Prognosen und Projekte, wohl aber lauschend auf die Stimme ihres Herrn, der auch der Herr der Welt ist, welcher eben das, was er sprach, indem er sie berief, begründete und beauftragte, wieder und neu spricht in dem, was in ihr und in der Welt jetzt und hier als in seinem Machtbereich geschieht, der sie eben damit in die Zukunft weist und führt, ihr eben damit das ihr anvertraute Zeugnis, ohne daß es ein anderes würde, in neuer Gestalt auf die Lippen legt.

Barth hält fest, dass der prophetische Dienst Sache der ganzen Gemeinde ist und nimmt doch auch zur Kenntnis, dass die Rollen der einzelnen Gemeindeglieder dabei variieren.

Statisch und hierarchisch wird sich dieses „Vorwärts!“ gewiss nicht strukturieren und organisieren lassen. Zum Trost für alle Sanften, Stetigen und Strukturierten unter uns, die befürchten, es könnten Chaos und Unordnung ausbrechen: Barth hält Prophetie für „nicht ekstatisch, nicht enthusiastisch, nicht tumultuarisch“. Aber gerade in Zeiten, in denen die eine historische Gestalt von Kirche dem Ende entgegengeht und die andere noch nicht (oder nur punktuell) sichtbar geworden ist, liegt in dieser Rückbesinnung auf die prophetische Dimension eine große Chance.

Ein solches Reframing, ein Paradigmenwechsel vom Priesterlichen zum Prophetischen, hätte durchaus das Potenzial, die Lehre und Praxis des geistlichen Amtes aus alten Sackgassen herauszuführen.

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Unbrauchbar

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht“, sagt der Arzt zu seinem Patienten. „Erst die schlechte:  Sie haben Krebs. Und jetzt die gute: Ich habe heute Geburtstag.“

Den makabren Uralt-Witz hat mir vo 40 Jahren ein Mitkonfirmand erzählt. Ich habe ihn nie weitererzählt, weil er so schlecht war. Heute fiel er mir wieder ein, als Horst Seehofer sich öffentlich darüber freute, dass  just an seinem 69. Geburtstag exakt 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben wurden.

In beiden Fällen: Jemand, der so von sich eingenommen ist, dass er jede Verhältnismäßigkeit und jedes Gespür für andere verloren hat.

So einen Arzt braucht kein Mensch.

Mit so einem Minister ist kein Staat zu machen, der noch etwas auf Mitmenschlichkeit gibt.

Vitor Barros

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Nochmal: Männer

Die Begeisterung für Männergruppen und Männerarbeit hat bei mir nie gezündet. Ich fühle mich unter Männern wohl, aber ich bin da auch nicht mehr ich selbst als sonst. Ich bin recht gut ohne Initiationsriten durchs Leben gekommen (auch wenn mir jetzt vermutlich gleich ein paar Leser beweisen wollen, dass mir Substanzielles für meine Identität entgangen ist und ich das bloß nicht erkenne oder wahrhaben will). Macho-Christen wie Mark Driscoll und klischeeverhaftete Bücher wie die von John Eldredge fand ich immer ausgesprochen peinlich.

Wil Stewart

Diese Woche habe ich zum ersten Mal begriffen, warum wir uns tatsächlich dringend um Männer kümmern müssen. Ulrich Brand und Markus Wissen beschreiben in ihrem Buch „Imperiale Lebensweise“ sehr zutreffend, dass sich unser aktuelles Krisen-Konglomerat aus Klimawandel, Ressourcenextraktion, Externaliserung der ökologischen und sozialen Kosten, und einer Tendenz zu autoritären und hierarchischen Formen der Machtausübung  tief in die Geschlechterverhältnisse eingeschrieben hat. Immer noch verrichten Frauen weit mehr unbezahlte Sorgearbeit oder schlecht bezahlte ungelernte Tätigkeiten. Und Männer haben im Schnitt nicht nur marginal größere Füße, sondern mit ihrer Liebe zu Verbrennungsmotoren oder ihrem deutlich höheren Fleischkonsum einen wesentlich höheren ökologischen Fußabdruck als Frauen: „Der andro- und eurozentrische Lebensentwurf einer hegemonialen Männlichkeit ist integraler Bestandteil der imperialen Lebensweise.“ (S. 54)

Also lasst uns all die Sachen machen, die Männer toll finden…

… Moment, stop, nein:

Lasst uns Sachen finden, die Männer gern tun, ohne dabei gleichzeitig anderen die Folgekosten für den Spaß aufzubürden. Ohne Diesel und Dry Aged Beef. Und währenddessen reden wir dann von Mann zu Mann darüber, wie wir die Verantwortung dafür übernehmen können, dass künftige Generationen auf dieser Erde in Frieden leben. Über den Mut zu anderen Lebensentwürfen als dem androzentrischen und imperialen.

So könnte ein Schuh draus werden. Und wenn Frauen gelegentlich dabei wären, wäre das kein Problem.

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Gott und die kleinen Männer

In der Grundschule haben wir über das Vaterunser gesprochen. Irgendwann stellt ein Kind die unvermeidliche Frage: „Ist denn Gott nicht nur Vater, sondern auch Mutter?“

Wir diskutieren ein paar Minuten. Die Meinungen gehen auseinander und viele sind sich unsicher. Zwei Jungs, die größten in der Klasse, finden, Gott sei doch ganz eindeutig ein Mann. Und ich spüre in der Art, wie sie es sagen, wie wichtig es für sie ist, dass Gott einer der ihren ist. Klar: das wertet Männer auf, vor allem die kleinen. 

Joel Bengs

Aber ich kann ihnen nicht zustimmen: Männer sind Gott nicht ähnlich, weil sie Männer sind. Geschlechtlichkeit ist eine Kategorie, die sich auf Geschöpfe anwenden lässt, aber eben nicht auf den Schöpfer.

Nachdenklich verlasse ich daraufhin das Schulhaus. Im Grunde wünschen wir uns ja alle, dass Gott uns ähnlich ist: Dass er uns gut findet, dass er auf unserer Seite ist, dass ihm dieselben Sachen wichtig sind wie uns und wir auf ihn zählen können, wenn wir unsere Ziele im Leben verfolgen.

Jesus hat im Vaterunser vorgebaut. „Geheiligt werde dein Name!“, das heißt auch: Niemand darf Gott vor den eigenen Karren spannen oder ihn gegen andere instrumentalisieren. Und „Dein Reich komme!“ schließt aus, dass Menschen über andere herrschen. Egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion oder welchen Pass jemand hat.

Gut, dass das schon Zehnjährige lernen.

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Der Weg, den es nicht gibt, oder: Trail and Error

Kürzlich habe ich hier etwas geschrieben über die Notwendigkeit, Kirche nicht primär von den „Vätern“ her zu denken und zu entwickeln, sondern eher als „Haus von morgen“ zu begreifen.

Wenn wir das tun, sind wir in guter Gesellschaft. Zwei aktuelle Beispiele möchte ich hier kurz nennen:

Arnd Bünker hat auf feinschwarz.net über die Bedeutung des Verlernens in kirchlichen Bildungsprozessen geschrieben. Er diagnostiziert eine „Gefangenschaft in alten Kirchenbildern“, die in ihrer unhinterfragten Selbstverständlichkeit der gegenwärtigen Situation nicht mehr entsprechen: Im Personalwesen, in der Orientierung an den Sakramenten, in der Pfarrei als dominierender Sozialform.  Um wieder handlungsfähig zu werden, müssen wir manches erst verlernen. Das erfordert Zeit, gezielte Übung, neue Lernformen, Vertrauen in die Prozesse und Hoffnung auf Verbesserung – und eine Spiritualität, die das alles trägt und belebt. „Sonst fliesst immer mehr Energie in das Bemühen um den Erhalt letzter Biotope kirchlicher Vergangenheit“, warnt Bünker. „Dies mag hier und da gelingen, aber es verhindert die Fähigkeit der Kirche zur zeitgenössischen Solidarität mit den Menschen, deren Alltag ja auch in ständigen Veränderungen besteht – mit allen Chancen und Risiken.“

Das ist ja nicht nur in Deutschland so. So stellt Alan Roxburgh aus Vancouver in einem Blogpost fest: Kirchenleitungen und Kirchenreformen der „Euro-Tribal Churches“ (treffende Formulierung…) setzen weithin auf technische Rationalität, Management und Kontrolle, sie neigen zum Ekklesiozentrismus und zur einseitigen Fokussierung auf Hauptamtliche. In dieser Hinsicht sind sie typisch modern. Gott wird dabei unter der Hand zum nützlichen Symbol für die Säulen des modernen Westens – den Nationalstaat, den Konsum-Kapitalismus und das (therapeutische) Selbst. Erneuerung, Reform und Innovation scheitern, weil sie an diesen Selbstverständlichkeiten nicht rütteln.

Entsprechend redet Roxburgh nicht mehr von „Reforming“, sondern „Refounding“ – einer Neubegründung von Kirche im säkularen Westen. Die seßhafte Kirche, die sich in ihren alten und modernen Immobilien eingerichtet hat, wird wieder zur Pilgerkirche. Er zitiert den spanischen Dichter Antonio Machado (1875-1939), der schrieb: „Wanderer, es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht beim Gehen.“

trail

Die spirituelle Dimension dieses Kulturwandels liegt darin, beim Gehen gemeinsam auf Gott zu hören und so neue Pfade zu bahnen. Roxburgh schreibt in seinem Post an dieser Stelle von „Trail and Error“ – das könnte ein Tippfehler sein, aber dann wäre es eher ein sinnerhellender statt ein sinnentstellender „Fehler“. Einer jener Fehler, für die im Verlernen des vormals Selbstverständlichen Platz sein muss. Um Bünker noch einmal zu zitieren: „Niemand kann sich auf Neues einlassen, wenn es dazu im Umfeld keine Kultur des Vertrauens gibt. Diese signalisiert den Willen zur Veränderung ebenso wie Offenheit für Experimente und deren mögliches Scheitern.“

Die Chance läge darin, nicht nur Kirche, sondern auch Gott neu zu entdecken.

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Die Toten die Toten begraben lassen

Jesus hat sich selten gescheut, Leute vor den Kopf zu stoßen. Bei einer dieser Gelegenheiten sagte er zu einem zögerlichen Nachfolger: „Lass die Toten die Toten begraben!“

Das ist kein populärer Predigttext in einer Kirche, deren Selbstbild darunter leidet, dass sie inzwischen auch am Ende des Lebens immer seltener gebraucht wird. Viele finden, wir sollten alles daran setzen, die Toten besser als alle anderen zu begraben. Und hoffen, dass wir dann auch wieder mehr gebraucht werden.

 

Es war tatsächlich eine Trauerfeier, die mich wieder ins Nachdenken brachte über diesen Bibelvers. Der herben Aufforderung lassen sich nämlich durchaus heilsame Aspekte abgewinnen:

  • (Erwachsene) Kinder müssen das Leben ihrer Eltern nicht wiederholen (das geschieht ja oft eher unwillkürlich).
  • Sie müssen es auch nicht vollenden und die Ziele erreichen, die die Generation vor ihnen nicht realisieren konnte.
  • Sie müssen auch nicht reparieren und wieder gut machen, was die Alten zerstört und beschädigt haben. Zumindest nicht in erster Linie.

Kinder sind frei, sich von den Eltern zu lösen. Khalil Gibran hat das zeitlos schön und tiefsinnig formuliert:

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihrem Leib ein Haus geben, aber nicht ihrer Seele,
Denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Jesus nachzufolgen und Gottes Reich zu entdecken heißt, im Haus von morgen zu wohnen. Sich nicht aus dem heraus zu verstehen, was war, sondern von dem her, der kommt. Daran scheitert auch jede reaktionäre Identitätspolitik.

So, und jetzt nochmal zurück zur Kirche:

Bestattungskultur ist zweitrangig, es geht um viel mehr. Kurt Marti hat einmal die Vermutung geäußert: „Ein Gott, der kirchenförmig gedacht wird, hindert die Kirche daran, gottesförmig zu denken.“ Der kirchenförmige Gott ist nämlich der Gott der Väter (seltener der Mütter…!) und der Vergangenheit. Mich macht es immer fassungslos, wie selbstverständlich unter Lutheranern in ekklesiologischen Debatten CA VII als axiomatischer, umhinterfragter Ausgangspunkt gesetzt und akzeptiert wird, und wie wenig zugleich von Jesus, der Nachfolge Christi und der Herrschaft Gottes die Rede ist. Mal abgesehen davon, dass so eine Traditionsverhaftung völlig unevangelisch ist – sie bringt auch keine neuen Bilder von Kirche hervor.

Wie wäre es stattdessen, jungen Pfarrer*innen bei der Ordination, Konfirmand*innen bei der Konfirmation und Kirchenvorsteher*innen bei der Einführung in ihr Amt (demnächst ja wieder aktuell) ausdrücklich zuzusprechen:

„Ihr müsst das Werk der »Väter« nicht imitieren, ihr müsst es nicht vollenden, ihr müsst euch für diese Kirche weder entschuldigen noch sie rechtfertigen. Sie ist, wie sie ist. Manches davon werdet Ihr in Würde begraben, anderes wird wieder aufblühen.  Aber dann [und hier borge ich mir nochmal die Worte von Kurt Marti]

wispert
aus trauernder weide
fröhlich die stimme
folge mir nach.

Also hört den lebendigen Christus. Und folgt ihm, wohin er geht.“

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Präsenz: Christsein als Minderheit in einer zerstrittenen Welt

Immer mehr wird Christen hierzulande bewusst, dass wir nach Jahrhunderten der selbstverständlichen kulturellen Symbiose von Staat und Kirche inzwischen in einer Minderheitensituation leben oder direkt darauf zusteuern. Zugleich eskalieren die Konflikte in Bereichen, die uns bisher weitgehend stabil erschienen.

Die Epistel des vergangenen Sonntags aus dem ersten Petrusbrief hat mich (nicht zum ersten Mal) zum Staunen gebracht, wie so ein alter Text in der veränderten Situation des Jahres 2018 (Rechtsruck, Regierungskrise, Rohe Christen) neu zu sprechen anfängt, und wie ermutigend oder tröstlich es sein kann, ihm zuzuhören.

Gestern habe ich versucht, das einmal zu umreißen. Wer ca 25 Minuten Zeit hat, kann es hier nachhören:  Präsenz (1.Petr 3,8-15a)

Kleiner Tipp: Die Vorbemerkungen bis 2:35 könnt Ihr am besten überspringen.


Daniel von Appen

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Was man beim Grillen über Politik lernen kann

Gestern ging ich zum Metzger meines Vertrauens, um Sachen zu Grillen einzukaufen. Zwischen Steaks und Würsten in der Auslage fielen mir Spieße auf, die aus schwarzen Auberginenscheiben, rotem Fleisch und gelben Paprikasteifen bestanden. Zweifellos ein findiger und wohlschmeckender Beitrag zur Fußballweltmeisterschaft-WM.

Tuân Nguyễn Minh

Erst als ich wieder draußen war, dämmerte mir, was das Problem bei der Schwarz-rot-goldigen Herrlichkeit ist: Packt man die Spieße auf den Grill oder in die Pfanne, ist am Ende alles mehr oder weniger braun. Geschmacklich sicher ein Gewinn, symbolisch (und das sollte ja der Clou sein) leider eine Katastrophe.

Vielleicht lässt sich das ja auch auf die Politik übertragen: Wenn man das Nationale derart aufheizt, wie das prominente Akteure gerade hier in Bayern tun, dann darf man sich nicht wundern, wenn am Ende alles braun wird.

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Die Sonne, die Fröhlichen und die Fertigen

Wir stehen auf den berühmten Klippen von Moher. Die Sonne geht unter und malt vor uns aufs Wasser eine goldene Straße. Sie führt direkt zu mir. Ich sage zu meinem Sohn: „Hast Du ein Glück, dass du neben mir stehst. Die Sonnenstrahlen zeigen nämlich genau auf mich. Unter all dem Leuten, die hier gerade aufs Meer schauen, finden sie immer mich!“

Er schaut mich an und wir grinsen beide. Natürlich sehen alle, die hier stehen, dass die Straße aus Licht ganz allein auf sie zu zeigen scheint. Das Besondere ist nur der Sonnenuntergang – nicht ich und meine Leistung (oder mein Versagen).

Ich merke, dass mir das nicht immer so klar ist. Zum Beispiel wenn ich mir – ganz im Stillen freilich nur – denke, das schöne Urlaubswetter hätte ich ja irgendwie verdient. Etwa weil ich die letzten Monate so hart gearbeitet habe. 

So funktioniert nur die Tourismuswerbung.

„Der Vater im Himmel lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Ich bin nicht der Nabel der Welt. Wenn Gott mir schöne Augenblicke schenkt, darf ich das genießen, ohne mir etwas drauf einzubilden. In stürmischen Zeiten, ist Geduld angesagt, aber ich muss mich auch nicht fertig machen, wenn es mal nicht so läuft. 

Und weil das Schöne und das Schlimme manchmal so ungleich verteilt sind, dürfen die Fröhlichen und die Fertigen einander trösten und erden. Auch das ist echtes Glück.

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Der Mann im blauen T-Shirt

Ein sonniger Maitag im Burren-Nationalpark. Nur wenige Menschen sind unterwegs auf dem Weg zum Mullaghmore, der sich mit seinen konzentrischen Ringen über die Karstlandschaft erhebt. Der Weg wendet sich zurück zum Ausgangspunkt. Auf dem zerklüfteten Untergrund balanciere ich von Stein zu Stein. Ich staune, wie gut das klappt, auch wenn der Boden nur im sekundären Gesichtsfeld ist.

Mein Blick geht nach vorne. Ein Mann im blauen T-Shirt sitzt in einiger Entfernung und schaut in die Weite. Ich betrachte die friedliche Szene und plötzlich schießen Gedanken durch meinen Kopf – Szenen aus einem Mini-Katastrophenfilm. Was, wenn das ein Messerattentäter ist, der auf mich losgeht, wenn ich mich ihm nähere? Wie würde ich mich verteidigen? Könnte ich noch einen Notruf absetzen? Was würde mit den anderen aus unserer kleinen Gruppe passieren, die ein paar hundert Meter hinter mir sind? Hätten sie Zeit, mir zu helfen? Sollten sie lieber sich selbst in Sicherheit bringen?

Ich erschrecke – über mich selbst: Wie um Himmels Willen ist das möglich, sich mitten in der Schönheit, Stille und Einsamkeit dieser außergewöhnlichen Landschaft einen derartigen Horror auszumalen? Mein Filmkonsum ist tendenziell eher unblutig; aber vielleicht ist es eine kurze Nachrichtenmeldung vom Vortag, die hier noch einmal „aufploppt“?

Ich habe den Mann im blauen T-Shirt inzwischen erreicht. Wir unterhalten uns über das Wetter und über die Aussicht. Er erzählt, dass er oft hierher kommt, und einfach nur da sitzt und schaut. Wenn man das eine Weile macht, sagt er, dann versteht man gar nicht, warum es in der Welt so viel Aufregung und Streit gibt. Ich fühle mich ein bisschen ertappt, aber noch viel mehr erleichtert, einem Seelenverwandten zu begegnen. Wir reden noch ein paar Minuten weiter, dann verabschiede ich mich.

Ein warmer Wind umweht mich beim Abstieg. Angst und Schreckensvisionen – das kann passieren angesichts der heutigen Nachrichtenlage. Aber Panik ist kein unentrinnbares Schicksal. Solche stillen Orte und weise, sensible Mitmenschen helfen mir, mich nicht verrückt machen zu lassen und einen klaren Kopf zu bewahren. Im Alltag sieht das vielleicht anders aus, aber auch hier gibt es solche Orte, die mich erden. Ich muss einfach nur hingehen, wie der Mann im blauen T-Shirt.

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Gebetserhörungen

Anderen von erhörten Gebeten zu erzählen kann leicht kitschig oder schräg rüberkommen. Barbara Brown-Taylor hat die damit verbundene Schwierigkeit für mein Empfinden sehr gut auf den Punkt gebracht, wenn sie schreibt:

Wenn mir jemand erzählen will, wie Gott Gebet erhört hat, sind meine ersten Gedanken folgende: 1) Diese Person möchte mir etwas verkaufen, oder 2) Diese Person ist nicht ganz nüchtern.

Das Problem ist, denke ich, dass göttliche Antwort auf ein Gebet eine jener Schönheiten ist, die im Auge des Betrachters liegen. Was sich für die eine wie eine Erhörung anhört, klingt für den anderen wie Schweigen. Was dem einen wie ein großer Fisch der Vorsehung erscheint, verbucht eine andere als blinden Zufall. Die Bedeutung, die wir dem zuschreiben, was in unserem Leben geschieht, ist unsere letztendliche, unverbrüchliche Freiheit. Nur du kannst sagen, ob Gott dich erhört hat.

(An Altar in the World, 182)

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Lernschritte: Öfter „und“ statt „oder“ denken

Es gibt so viele Stellen in der Bibel, in denen auf den ersten Blick nur Männer angesprochen oder genannt werden. Historisch lässt sich darüber viel sagen, aber die meisten Christen, die ich kenne – auch sehr konservative – haben inzwischen keine Mühe mehr, sich hier ein „und“ dazu zu denken: Frauen sind natürlich mitgemeint, wenn etwa Petrus in seiner Pfingstpredigt „Ihr Männer, liebe Brüder“ sagt. Dass das der Wortsinn des Textes streng genommen nicht hergibt, spielt dabei glücklicherweise keine Rolle mehr: Wir verstehen das inklusiv. Bei Amtsträgerinnen hat das mit dem „und“ etwas länger gedauert, aber inzwischen ist es – unter Evangelischen – weithin selbstverständlich.

Und nun steht derselbe Schritt noch einmal an: Gelten die Verheißungen Gottes für die Ehe nur, wenn die Partner verschiedenen Geschlechts sind (das wäre die „oder“-Variante), oder können wir auch hier ein „und“ setzen, das in den biblischen Texten noch nicht dasteht?


Tyler Nix

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Er braucht ein Gegenüber. Und sollte das Gegenüber, das ein Mensch findet, dasselbe Geschlecht haben, dann liegt die Lösung nicht darin, dass er deswegen doch lieber allein bleiben soll, auch wenn es ihm erkennbar nicht gut tut.

Die Schöpfungstexte selbst formulieren kein solches „Oder“, sie nennen als unerwünschte Alternative nur das Alleinsein, und sie beschreiben ohne zu normieren. Sie lassen uns den Raum, hier kein einschränkendes „oder“, sondern ein einschließendes „und“ zu setzen.

Klar: Beides ist verantwortete Interpretation. Aber hier das „und“ zu setzen ist nicht einfach willkürlich und beliebig, wie konservative Polemik immer wieder unterstellt. Hetero- und Homosexuelle Partnerschaften haben viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Das eine ist nicht das Gegenteil des anderen, so wie Xenophobie etwa das Gegenteil der Liebe zum Fremden ist.

Die Diskussion wird uns noch eine Weile begleiten. Es sind ja auch noch längst nicht alle Reste des Patriarchats verschwunden, wie ein Blick in die Ökumene zeigt. Es wird immer wieder Versuche geben, die alte Ordnung zu restaurieren, wie etwa in Lettland. Nur das Scheinargument, dass die eine Position bibeltreu und die andere zeitgeistbedingt ist, das lässt sich nicht halten. Zumal nicht in Zeiten, wo der Zeitgeist sich so reaktionär gibt wie im Augenblick.

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