Good News

Zum Motto des Sommerfestes in Zabo habe ich einen kleinen Text geschrieben – als Antwort auf die Frage „Ist da jemand“ von Adel Tawil und auf die Frage, was denn die gute Nachricht ist, von der unter Christen immer die Rede ist. Bisschen zu lang, um es noch unter „elevator pitchlaufen zu lassen. Aber das war auch nicht die Vorgabe für den Festgottesdienst. Andere sagen das garantiert anders, aber das Ziel ist ja eher, es auf möglichst viele unterschiedliche Weisen zu sagen.

Photo by Jon Tyson on Unsplash

Da ist jemand, der uns und unsere Welt mit ihrer Schönheit und ihrem Wahnsinn liebevoll anschaut. Mitfiebert, ob wir im Leben klarkommen, sich manchmal eher unmerklich einmischt und manchmal merklich zurückhält. Jemand, der sich bei allem, was wir so treiben, mitfreut und mittrauert. Jemand, dessen Wesen es ist und schon immer war, Anteil zu nehmen.

Da ist jemand, dessen Energie und Einfühlungsvermögen unerschöpflich ist, der sich nicht müde, gelangweilt oder wütend zurückzieht. Jemand, der immer wieder neue Versuche unternimmt, auf uns Erdlinge zuzugehen, die guten Kräfte zu stärken und die Zerstörung zu begrenzen.

Da ist jemand, der in seiner Liebe – wie alle Liebenden – immer schon wehrlos und verletzlich war. Und der sich schließlich als verletzlicher, wehrloser, einfacher Mensch ohne Bodyguards unter die Leute mischt und alles abkriegt: Freundschaft und Verrat, Beifall und Spott, die Liebe der Kinder und die Brutalität eines Regimes, das Menschen kreuzigt. Seine Anteilnahme kennt keine Grenzen, nicht die zwischen Freund und Feind, auch nicht den Tod.

Da ist jemand, der Hoffnung verbreitet und Menschen die Augen öffnen für eine bessere, gerechtere, gewaltfreie und menschenfreundliche Welt. Er überwindet den Tod und zeigt, dass die Liebe – seine Liebe – größer und mächtiger ist als alles Dunkle und Böse. Diese ebenso hartnäckige wie zärtliche Anteilnahme hat die Kraft, Menschen und Verhältnisse zu verändern.

Da ist jemand, dessen unerschöpfliche göttliche Energie Menschen dazu bringt, über sich hinauszuwachsen: Not zu lindern, Versöhnung zu wagen und Frieden zu stiften. Kein Ort der Welt ist vor ihm sicher, keine Schuld zu groß, keine Verzweiflung zu tief, keine Resignation zu endgültig. Er startet eine Bewegung, die auch nach 2.000 Jahren nicht gestoppt ist. Jede*r kann dabei sein: Plätze sind frei, Türen stehen offen, alle Begabungen sind gefragt.

Und weil Gott noch nicht fertig ist mit uns und der Welt, sind das immer noch Neuigkeiten.

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„Geh aus, mein Herz“ – aber überleg‘ dir, wohin…

Immer schon hat es mich in den Wald gezogen. Grünkraft habe ich gespürt noch lange, bevor ich den Begriff der Hildegard von Bingen kannte. Wenn die Geräusche der Stadt und der Straßen in die Ferne rücken, nur noch die Vögel singen und der Wind rauscht, kommen mir die besten Gedanken. Und manchmal lehne ich mich ganz still an eine der großen Eichen oder Buchen und schließe die Augen. Ich gehe betrübt hinein und komme getröstet heraus. Oder besser: ich ging.

Dieses Jahr funktioniert das nicht mehr so richtig. Ich komme meist mit schwerem Herzen aus dem Wald zurück.

Im Herbst konnte man schon sehen, dass die Dürre ihren Tribut gefordert hat. Im Winter warfen ein paar Tage stürmisches Wetter hundert Jahre alte Fichten einfach um. Die Wurzeln konnten sie nicht mehr im Boden halten. Ein paar hundert Meter von unserem Haus klafft seither ein Loch im Wald, das größer ist als ein Fußballplatz. Als nach dem Winter wieder alles Grün wurde, war das auch längst nicht mehr alles. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben so viele kranke und tote Bäume gesehen zu haben. Überall in der Region: Die Erlanger ereiferten sich im Frühjahr über die kranken Bäume an den Kellern. Und ganz Zabo redete sich die Köpfe heiß über den mächtig ramponierten Siedlerwald.

Der Wald stirbt.

Im Buckenhofer Forst

Und schon wieder ist es heiß und trocken. Die Grundwasserstände sind wieder so niedrig wie vor einem Jahr. In der Zeit lese ich, dass die Förster in Thüringen von einer „schleichenden Katastrophe“ sprechen. Dem Befall durch Borkenkäfer kann man noch etwas Positives abgewinnen. Aber nur noch eine von 20 Eichen ist noch gesund.

Der Waldzustandsbericht sollte doch besser wieder in „Waldschadensbericht“ umbenannt werden. In der aktuellsten Fassung sind die Schäden der letzten Monate noch gar nicht verzeichnet. Aber schon im vergangenen Jahr waren nur 28% der Waldbäume frei von sichtbaren Schäden, im Zeit-Bericht aus Thüringen lese ich von aktuell 19%. Buchen und Eschen sterben von den vertrockneten Wurzeln her.

Die Fieberkurve auf der Website von Robin Wood wird weiter ansteigen. Die Folgen liegen auf der Hand: „Je labiler die Wälder werden, desto geringer ist auch ihr Beitrag, die Klimaerwärmung zu begrenzen.“ Es geht ja nicht um ein bisschen grüne Kulisse zum Relaxen.

Geh aus mein Herz und suche Freud – das fällt schwer im Sommer 2019. Die reine Freude ist es nur noch sehr punktuell.

Ich gehe trotzdem in den Wald und denke an Joana Macys Active Hope. Dort spricht sie davon, dass auch der Schmerz über die Zerstörung einen Raum bekommen muss (Martin Horstmann hat das hier zusammengefasst). Es gibt die Verbindung zu unseren Mitgeschöpfen nicht nur über Empfindungen wie Schönheit, Freude und Dankbarkeit, sondern auch darüber, dem Schaden ins Auge zu sehen und den Kummer mitfühlend auszuhalten. Ohne dieses Aushalten gibt es keine rechte Transformation.

Und dann gehen mir biblische Aussagen über Bäume durch den Kopf: Die stolzen Zedern des Libanon, die „Bäume der Gerechtigkeit“. Wenn Gott seinen Geist ausgießt, sagt Jesaja, dann wird Wüste zu Ackerland und Ackerland zum Wald. Was für ein Upgrade der Botanik: Ein Wald, der jubelt und Bäume auf dem Feld, die in die Hände klatschen.

Aber das liegt in der Zukunft. Stoff für einen neuen Blogeintrag vielleicht. Und für Hoffnungsbilder, die ich dem neuen Waldsterben entgegenhalte, um die schmerzliche Gegenwart aushalten zu können.

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Ein heilsamer Streit?

Vor ein paar Wochen wollte ich eine alte Dame zum 90. Geburtstag besuchen. Ich suchte ihre Telefonnummer heraus und rief an, um einen Termin auszumachen. Kurz darauf klingelte mein Telefon. Die Jubilarin war dran. Ihr Tochter hatte sie gebeten, doch noch einmal zu überprüfen, ob das wirklich der Pfarrer war, der da angerufen hatte. 

Denn es rufen allem möglichen Leute an. Falsche Polizisten zum Beispiel, die vor allem ältere Menschen manipulieren und unter Druck setzen. Kürzlich berichtete die „Süddeutsche“ von einem Fall in Nürnberg, wo jemand schließlich 70.000 € in bar vor die Tür legte, die ein Handlanger der Gaunerbande dann einsackte. 

Zum Glück geben sich die Trickdiebe (noch?) nicht als Pfarrer aus. Aber die Frage bleibt, wie man sich vor solchen gerissenen, skrupellosen Betrügern schützen kann. Im Fall der Polizei ist es einfach: Die echten Beamten rufen nie mit der „110“ im Display an und sie holen nie Geld und Wertsachen ab.

Original oder Fälschung?

Die Frage, ob der „echt“ ist oder ein Betrüger, stellt sich auch im Blick auf Jesus. Die Meinungen der Zeitgenossen gingen erheblich auseinander. Eine Gruppe stand ihm ganz besonders kritisch gegenüber: die Schriftgelehrten. Sie verstanden sich als eine Art Aufsicht in religiösen Fragen – und damals war alles eine religiöse Frage, von den Speisen bis zu den Steuern. Immer wieder verlangten sie von Jesus, sich irgendwie auszuweisen – als einer von ihnen, als rechtgläubig (oder „bibeltreu“), als „echter“ Messias. 

Fakt ist, dass es damals tatsächlich auch „falsche“ Messiasse gab: Judas der Galiläer, Menahem, Theudas zettelten im Namen Gottes Aufstände gegen die Besatzer an. Die Römer schlugen hart zurück. Wie Assad in Syrien, wie das Militär im sudanesischen Khartoum oder die Polizei in Moskau, die kürzlich 400 Demonstranten verhaftete.

Es stand also eine Menge auf dem Spiel. Jesus hat die Anfragen und Zweifel der Schriftgelehrten trotzdem ziemlich ungehalten kommentiert:

Ihr erforscht die Heiligen Schriften, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu erhalten. Auch die sind meine Zeugen. Aber ihr wollt euch mir nicht anschließen, um das ewige Leben zu erhalten. 
Ich bin nicht darauf aus, dass Menschen mir Herrlichkeit zugestehen. Außerdem habe ich euch durchschaut: Ihr habt keine Liebe zu Gott in euch. Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und ihr lehnt mich ab. Wenn aber irgendjemand anderes in seinem eigenen Namen kommt – den nehmt ihr auf. 
Wie könnt ihr denn zum Glauben kommen? Es geht euch doch nur darum, dass einer dem anderen Herrlichkeit zugesteht! Aber nach der Herrlichkeit, die der einzige Gott schenkt, strebt ihr nicht.
Ihr braucht nicht zu denken, dass ich euch vor dem Vater anklagen werde. Es ist vielmehr Mose, der euch anklagt – Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Denn wenn ihr Mose wirklich glauben würdet, dann würdet ihr auch mir glauben. Denn er weist in der Heiligen Schrift auf mich hin.  Wenn ihr schon seinen Schriften nicht glaubt, wie wollt ihr dann meinen Worten glauben?«

Johannes 5,39-47 (Basisbibel)
unsplash-logoJeremy Lishner

Wie kam das wohl an? Ich stelle mir vor, dass ein paar Tage später ein offener Brief in der Jerusalem Post erschien. So ähnlich könnte er gelautet haben:

Sehr geehrter „Kollege“ Jeschua Ben Josef,

mit Befremden haben wir Ihre jüngsten Anschuldigungen und Unterstellungen aus der Mitschrift eines gewissen Johannes zur Kenntnis genommen. Sie konfrontieren uns darin mit dem schwerwiegenden Vorwurf des Unglaubens und unterstellen uns ein defizitäres Verständnis der Heiligen Schriften. Wir weisen das mit aller Entschiedenheit zurück. Desgleichen weisen wir Ihren Anspruch zurück, über uns Schriftgelehrte ein solches Urteil aussprechen zu können. So lassen wir uns als anerkannte Fachleute nicht abkanzeln.
Ihre eigenwillige Interpretation des göttlichen Willens fällt dadurch auf, dass Sie sich selbst stets in dem Mittelpunkt rücken. Diese Verengung und Personalisierung erscheint uns unangemessen. Niemand kann sich heute ernsthaft mit dem unvergleichlichen Mose auf eine Stufe stellen wollen. Die Dreistigkeit, mit der Sie sich als Sprachrohr Gottes ausgeben, erscheint uns überzogen und hochgradig manipulativ. 
Möglicherweise liegt der Grund dafür in ihrer unzureichenden theologischen Ausbildung: Ihr letzter längerer Aufenthalt im Tempel liegt schon Jahre zurück. Sie waren damals erst Zwölf. Über eine längere Lehrzeit bei einem anerkannten Rabbi ist nichts bekannt. Auch an einschlägigen Auffrischungs- und Fortbildungsmodulen haben Sie nicht teilgenommen. Dabei fanden etliche davon sogar in ihrer galiläischen Heimat statt. 
Um das Gespräch auf einem sachlich angemessenen Niveau zu führen, sind aus unserer Sicht zwei Bedingungen zu erfüllen: Legen Sie erstens einen anerkannten Studienabschluss vor und machen Sie zweitens deutlich, dass Ihre Ausführungen auch nur eine Lehrmeinung unter und neben anderen enthalten. 
Bis dahin bitten wir Sie höflichst, die Fragen nach Gottes Reich in der Welt und der Zukunft der Menschen bewährten und fachkundigen Personen zu überlassen.

Hochachtungsvoll,
die Innung der Schriftgelehrten 

Die Situation erinnert ein bisschen an die unbeholfenen, pikierten Reaktionen aus den Reihen von CDU/CSU auf das Youtube-Video von Rezo: Wer ist der? Darf der sowas sagen? Da könnte ja jeder…! Der soll doch erst mal…!

Wenn Gott seinen Leuten entwischt

Jesus verweist auf die Heiligen Schriften, seine Kritiker auch. Eben dort gibt es allerdings zwei unterschiedliche Traditionen, die in erheblicher Spannung zu einander stehen: Die prophetisch-machtkritische mit dem freien Gott auf der Seite der Leidenden – und die königlich-priesterliche Tradition, die Gott auf der Seite der Hierarchie sieht und ihn schnell mal für die eigenen Interessen vereinnahmt.

Der Konflikt zwischen beiden begegnet uns bei Jeremia, der sich als einzelner Mahner und Warner gegen Macht und Mehrheit stellt. Jeremia prangert in der heutigen Lesung aus dem Ersten Testament trügerische Beschwichtigungen an, die jegliches Umdenken blockieren: Falsche Propheten predigen nichts als Wunschdenken und egozentrische Träume. Das priesterliche Lager verkleidet sich als prophetisch. Gott bleibt weiterhin das Maskottchen eigener Pläne. Mit anderen Worten: Er wird zum Götzen. 

Gott wäre aber nicht Gott, wenn er nicht Wege hätte, diesem Käfig der Monopolisierung zu entkommen. Er ist nicht nur der Nahe, Zahme und Vertraute, sondern manchmal eben auch der Fremde, Ferne und Verstörende. Nun läuft er frei auf der Straße herum und heilt einen Kranken. Wir lesen davon am Beginn des 5. Kapitels des Johannesevangeliums – ich komme gleich darauf zurück. Und er sagt dabei auch noch unpopuläre Sachen.

Profis unter sich?

Wir würden alle gern weitermachen wie bisher: In der Kirche, in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft. Wir tun uns alle schwer, auf Stimmen zu hören, die uns das Gegenteil sagen. Das ist einfach nicht sehr sympathisch. Wir würden uns gern gegen ungebetene Kritik isolieren. Und genau damit laufen wir Gefahr, Gottes aktuelles Reden zu verpassen, wenn wir ihn nur noch drinnen bei uns sehen und nicht mehr draußen bei den anderen.

Wo wir allerdings immer schon „wissen“, dass wir alles richtig machen, hören wir auch nur auf die, die uns das bestätigen. Bei allen anderen suchen wir, auch mit Hilfe der Bibel, nach Fehlern, um ihnen nicht zuhören zu müssen. Und wir bestätigen uns gegenseitig darin, dass wir im Recht sind. Das ist das, was Jesus meint, wenn er sagt, dass da Leute „Ehre von einander“ annehmen. Mit der Zeit wird es in solchen Gruppen, die sich ständig selbst rechtfertigen, undenkbar, noch einen anderen Standpunkt einzunehmen.

Solche Organsationen gibt es ja, in denen ein geschlossener Zirkel alles dominiert und nur seinesgleichen duldet. Aufsichtsräte, Machtkartelle, Seilschaften, und Hierarchien, die sich gegenseitig legitimieren und Störungen verhindern: „Überlasst das den Profis“. Dann reicht zur Beglaubigung auch der eigene Name oder Titel. Den erwirbt man sich durch Anpassung an die etablierte Ordnung. Und man bekommt die Achtung, so lange man nicht aus der Reihe tanzt. Der unvermeidliche Preis: wachsende Betriebsblindheit.

Hierarchien hacken

Der ganze Streit entbrennt, weil Jesus einen Kranken heilt, der keine Chance hatte, den Wettlauf um Heilung am Teich Bethesda zu gewinnen. Wenn sich das Wasser kräuselte, wurde (so sagte man) derjenige von Engelhand geheilt, der als erster im Wasser war. Aber die Schwachen und Langsamen, die besonders Bedürftigen also, hatten keine Chance. Was für eine Ungerechtigkeit! Und da soll Gott dahinter stecken?

Jesus ignoriert die Hausordnung an diesem heiligen Ort einfach. Er hilft dem Kranken nicht ins Wasser, sondern heilt ihn vom Fleck weg: „Nimm deine Matte und geh!“ Und dann trägt der Mann seine Matte nach Hause – freilich am Sabbat. In den Augen der Glaubenswächter ist das verbotene Arbeit. Und Jesus der Anstifter zum Gesetzesbruch. Wer sowas tut, kann auf gar keinen Fall ein Prophet sein…

Original oder Fälschung? Biblische Kriterien in der Frage, wo Gott am Werk ist, wären, wie die Heilung am Teich Bethesda zeigt, zum Beispiel solche eminent theologischen Fragen:

  • Wo regt sich neues Leben?
  • Wo kommen Menschen wieder auf die Beine?
  • Wo stehen sie auf für Veränderung?
  • Wo wird Ausweglosigkeit, Abstumpfung und Resignation überwunden?
  • Was bringt Menschen zum Staunen, Jubeln und Danken?

Der Evangelist Johannes zeichnet Jesus schon im Licht der Auferstehung. Nirgendwo zeigt sich deutlicher als an Ostern, dass Gott sich zu hundert Prozent zu Jesus stellt. Aber diese enge Verbindung blitzt schon vorösterlich immer wieder einmal auf. Insofern sehen wir nachösterlichen Betrachter leichter als die Schriftgelehrten damals, was jene übersehen. Wenn es nämlich Gott ist, der da mit und durch Jesus handelt, dann darf er auch die Regeln verändern. Zumal menschliche Regeln wie die Ausführungsbestimmungen zum Sabbat. Oder Kirchenordnungen, die sich überlebt haben. Oder die traditionellen Geschlechterverhältnisse. Oder Dogmatismus und Kontrollbedürfnisse.

Neu sehen lernen

Die Schriftgelehrten in dieser Episode sind nicht mehr empfänglich für andere Sichtweisen. Die Botschaft Jesu prallt förmlich an ihnen ab. Das ist weniger ein theologisches als vielmehr ein spirituelles Problem.

Rowan Williams, der frühere Erzbischof von Canterbury, sagte jüngst: „Unser Problem ist, dass wir in einem gesellschaftlichen und kulturellem Umfeld leben, in dem ein falsches Verhältnis zur Wirklichkeit systematisch verbreitet und belohnt wird. Am extremsten ist das Ausmaß dieser Verleugnung der Realität da, wo wir uns weigern, uns der Krise unserer Umwelt zu stellen.“  Und er fährt fort:

Spirituelles Wohlbefinden dreht sich, wie andere Arten von Gesundheit, um lebensfördernde Beziehungen (…) Spirituelles Wohlbefinden hat damit zu tun, jene Kontexte zu finden, jene Disziplinen, die in der Lage sind, es mit den Phantasien und Mythen aufzunehmen, die uns aufgedrückt werden. (…) Das geistliche Leben hat mit einem Bildersturm zu tun – darauf zu achten, dass wir unseren Phantasien gegenüber kritisch bleiben, damit unser Sehen letztlich frei bleibt von Zwang, Machthunger oder Gier.

Rowan Williams

Immer wieder machen uns Menschen auf diese Verleugnung der Wirklichkeit und unsere persönliche wie gemeinschaftliche Verantwortung aufmerksam. Letzte Woche hat der Kirchentag erneut eindringlich an die Krise der Seenotrettung im Mittelmeer erinnert. Gleich um die Ecke in Aachen haben „Fridays For Future“ und „Ende Gelände“ zusammen demonstriert. Da ist einerseits Hartnäckigkeit gefragt, andererseits reagieren viele erst einmal ärgerlich und genervt. Sind das Feinde der hergebrachten Ordnung, wie manche behaupten? Oder Vorboten einer anderen, menschenfreundlichen Ordnung? 

Auf welcher Seite würde der Jesus vom Teich Bethesda wohl stehen? Diese Frage zu beantworten heißt freilich, sich im nächsten Schritt zu fragen: Und wo stehe ich? Wo stehen wir? Wie halten wir einander diesen Raum des Umdenkens und der Neuorientierung offen, den Jesus in diese Welt gebracht hat?

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Der Staub an den Füßen

Es gibt theologische (und andere) Debatten, bei denen man sich verkämpfen kann. Ob es der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt ist oder der (öffentlich sanfter formulierter, hinter verschlossenen Türen häufig unverblümte) Ausschluss gleichgeschlechtlich Liebender, es haben sich vielfach Fronten gebildet, die einen hohen Grad von Verhärtung aufweisen. Dass die theologische Auseinandersetzung dann zuweilen auch noch über Facebook und Twitter stattfindet, macht es nicht einfacher. Man beißt auf Granit. Wie Flüchtlingshelfer oder Fahrradfahrer in der CSU.

Hier und da sind Menschen, die ich kenne und schätze, in solche Konflikte verstrickt. Sie möchten ihre kirchliche Heimat nicht verlieren, aber sie finden kein Gehör, erst recht keine Zustimmung, bei den Entscheidungsträgern. In der „Eule“ hat Thomas Wystrach kürzlich die Spannung aufgegriffen, in der sich die Bewegung Maria 2.0 befindet. Er zitiert darin einen Satz, der sich mit meinen Empfindungen deckt:

Warum bist du noch dabei, werde ich immer häufiger gefragt. Ich stammle dann etwas von Nostalgie und Biografie. Aber eigentlich denke ich ganz böse: Wir Geduldigen sind Komplizen. 

aus einem Blogpost von Christiane Florin

Taktische Selbstkritik

Ich bin kein katholischer Insider und ich möchte auch kein Zyniker sein. Aber die Aussichten, innerhalb dieser und/oder der nächsten Generation die Dominanz der Männer in den Ämtern der Weltkirche aufzubrechen, erscheinen mir herzlich gering. Immer wieder mal wird sich ein anderes Mitglied der deutschen Bischofskonferenz vor ein Mikrofon stellen und sagen, dass er Priesterinnen nicht für unvorstellbar hält, während seine Kollegen in Rom oder Regensburg business as usual machen. Etwa, indem sie im nächsten Atemzug gemeinsam alte Karikaturen und Vorurteile über Genderforschung verbreiten.

Oder jemand aus dem Hauptvorstand der Evangelischen Allianz (ähnlich wie die Bischofskonferenz ein Gremium, das nicht durch Wahlen von der Basis, sondern Berufung von oben bzw. von innen heraus konstituiert wird) sagt etwas Nachdenklich-Selbstkritisches über Homophobie. Laut genug, um den loyalen Dissident*innen einen Funken Hoffnung zu geben, leise genug, um das System nicht in Aufruhr zu versetzen. Das Beschwichtigungsritual ist erprobt und bewährt.

Was könnte man mit der Energie, die da seit vielen Jahren schon verloren geht, nicht alles positiv bewegen? Gerade wenn man Kirche von ihrer Sendung her denkt, kann man sich mit diesen Selbstblockaden schwerlich abfinden. Jesus weist seine Jünger an, den Staub von den Füßen zu schütteln, wenn sie mit ihrer Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft in der Dorfgemeinschaft auf taube Ohren stoßen. Eine radikale, schroffe Geste.

unsplash-logoBen White

Wenn Weitergehen nicht reicht

Aber sie deutet etwas Wichtiges an. Weitergehen alleine reicht nämlich nicht, wenn ich dabei die alten Frontstellungen verinnerliche und mitnehme. Auch nicht in der treuen oder reflexhaften Negation – wie Jan Fleischhauers Abschiedsworte auf Spiegel Online diese Woche schön zeigen:

Mir bleibt einstweilen nur, mich bei meinen Lesern zu bedanken: bei denen, die mich geschätzt haben, und bei denen, die mich hassten. Sie haben mir über all die Jahre die Treue gehalten.

Jan Fleischhauer

Der „Shitstorm“ gehört bei ihm ja zum Geschäftsmodell. Er dient als Beweis der Ignoranz und Intoleranz seiner Kritiker. Daher zählt Fleischhauer auch genüsslich die Millionen Klicks auf, die seine Beiträge erzielten. Man kann ihn lesen und sich verstanden fühlen oder sich ärgern. Brücken der Verständigung, Bewegung im Diskurs entstehen dabei allerdings kaum. Es geht nicht genug weiter. Die Blockade bleibt – im Kopf.

Gesucht: fruchtbare statt furchtbare Debatten

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade „Digital Minimalism“ von Cal Newport lese: Solche Debatten mit hohem Erregungsgrad haben ein gewisses Suchtpotenzial. Man kann auch als Repräsentant der Minderheitenmeinung eine Menge Aufmerksamkeit und Zuspruch bekommen. Fleischhauer zeigte das bisher als Konservativer im Spiegel-Milieu, andere eben vor dem Hintergrund des römischen Klerikalismus oder im Lager der „Evangelikaner“ (um mal eine ausgesprochen passende Wortschöpfung des ZDF zu verwenden).

Vor einiger Zeit rief mich ein Redakteur eines stramm konservativ christlichen Blattes an und schlug mir vor, meine Position zu einer damals gerade aktuellen Kontroverse dort darzulegen. Ich entschied mich dagegen. Weder wollte ich als liberales Feigenblatt fungieren, noch anderen einen Anlass geben, ihre ewig gleichen Gegenpositionen erneut breitzutreten. Ich war an einen Punkt gekommen, wo ich meine Energie und Lebenszeit nicht mehr in solche Debatten mit hoher Aussicht auf Erregung, aber geringer Aussicht auf Ertrag investieren wollte. Es war eine gute Entscheidung. Als ich vor ein paar Wochen Frank Rieger auf der re;publica über Fragen von Desinformation und Cyberwar zuhörte, blieb mir diese Schlussfolgerung im Gedächtnis: „Vielleicht liegt die Zukunft in (halb)geschlossenen Benutzergruppen mit freundlichen, vertrauenswürdigen Menschen“. Andere Baustelle, ähnliche Strategie.

Weniger Erregung und Kontroverse bedeutet auch erst einmal weniger Aufmerksamkeit und Dringlichkeit. Auch das kann ein Grund sein, mich aus solchen Debatten nicht zu verabschieden und wenn schon nicht Menschen, dann doch Prämissen und Positionen die Treue zu halten, die ich ablehne.

Noch eine Analogie: In der hitzigen Phase der Flüchtlingsdebatte habe ich einige CSU-Mitglieder erlebt, die unter großen inneren Schmerzen aus ihrer Partei ausgetreten sind, weil ihnen ihre christliche Überzeugung wichtiger war. Auch sie haben ein Stück Heimat aufgegeben. Dabei hätte das Konzept „Bleiben und Verändern“ in einer demokratisch strukturierten Partei ja noch eher Aussicht auf Erfolg als in jenen kirchlichen Institutionen, die von weitgehend geschlossenen Zirkeln geführt werden. Ich fand es trotzdem richtig und konsequent. Und wenn Markus Söder momentan spürbar milder daherkommt als noch vor Monaten, dann liegt das auch am Mut dieser Ehemaligen.

Hier kommt die Frage:

Ist am Ende nicht das Bleiben, sondern das Verlassen der Schritt, der nicht nur den eigenen Seelenfrieden rettet, sondern auch den entscheidenden Impuls zum Wandel der Institution setzt? Also nicht nur ein Akt der Selbstfürsorge, sondern auch der Nächstenliebe? Wir kommen ja alle aus einer spirituellen Tradition, die mit dem Ruf beginnt, die Heimat zu verlassen und dem unsichtbaren Gott zu folgen. Die Frage sollte, biblisch gesprochen nicht sein, mit wem ich die Vergangenheit geteilt habe. Sondern mit wem ich die Zukunft teilen will.

Wann dieser Punkt erreicht ist, das kann nur jede(r) selbst entscheiden. Thomas Wystrach gehört seit 2009 der altkatholischen Kirche an. Er beschreibt das Dilemma derer, die in der katholischen Kirche etwas verändern wollen, mehr als er es kommentiert.

Ich habe hier vor vier Jahren einen Abschiedsgruß an die evangelikale Bewegung geschrieben, in der ich eine Weile zu Gast war. Freundliche Kontakte gibt es nach wie vor, aber im Moment kann ich mir eine Mitarbeit in der Evangelischen Allianz nicht vorstellen. Und am postevangelikalen Gespräch habe ich auch nicht mehr groß teilgenommen. Das hat Disziplin gekostet. Aber wenn man sich auf Fragestellungen wie „Erlaubt die Bibel homosexuelle Beziehungen?“ einlässt, hat man schon verloren. Die Frage ist nicht, was die Bibel „erlaubt“, sondern wie wir heute mit der geschlechtlichen Vielfalt unter uns umgehen und wer dabei über wen bestimmen darf. Dazu würde ich dann auch gern wieder die Bibel ins Spiel bringen.

Die Kirche, in der ich arbeite, hat ihre Schwächen und Fehler. Außer dem faktisch sakrosankten Kirchsteuer- und Beamtenwesen (schade, aber verschmerzbar) gibt es freilich kaum Tabus. Dafür einen halbwegs anständigen Binnenpluralismus. Sie hat eine synodale, demokratisch legitimierte Struktur. Und sie hat sich mit einer recht unabhängigen wissenschaftlichen Theologie genug Läuse in den Pelz gesetzt, um nicht intellektuell träge und selbstzufrieden zu werden. Das sind für mich ausreichende Voraussetzungen für eine Beheimatung.

Keine Zeit mehr zu verschenken

Wir stehen gerade vor gewaltigen Aufgaben. Wenige Jahre bleiben uns noch, unsere Gesellschaften so umzubauen, um der ganz großen Klimakatastrophe zu entgehen. Die Welt gerät an so vielen Stellen aus den Fugen – politisch, sozial, religiös. Was tragen wir Christen zur Lösung dieser Fragen bei? Möchte ich da meine Zeit mit Leuten verplempern, die immer noch meinen, das Höllenfeuer sei schlimmer? Oder die auf dem Islam herumhacken? Die das Patriarchat als Gottes unumstößlichen Schöpferwillen ausgeben? Mit denen werde ich hin und wieder reden, aber nicht auf ihrem Turf und nicht zu ihren Prämissen.

Diesen Staub kann ich an meinen Füßen gerade nicht brauchen.

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Die Sieben-Tage-Schöpfung

Dass die erste biblische Schöpfungserzählung die Erschaffung der Welt in sieben Tagen beschreibt, ist immer wieder belächelt worden. Besonders seit es Naturwissenschaften gibt. Oft genug schwingt dabei das Überlegenheitsgefühl der Modernen gegenüber vermeintlich „primitiven“ Weltbildern und Vorstellungen mit. Hin und wieder auch das des Säkularen gegenüber jeglichem Aberglauben.

Und doch kommen wir heute auch in den Wissenschaften nicht ohne solche erzählerischen Kniffe zur Veranschaulichung aus: 13,7 Milliarden (Universum) oder 4,7 Milliarden Jahre (Erde) sind einfach eine zu gewaltige Zahl. Die meisten Menschen können sich das nicht vorstellen. Also rechnen wir es aus pädagogischen Gründen herunter: Auf ein Jahr, einen Tag oder auch nur 12 Stunden. Je nach gewählter Vergleichsgröße erscheinen wir Menschen in den letzten paar Minuten oder Sekunden(bruchteilen).

unsplash-logoBenjamin Voros

Übrigens reden auch wir erst seit 150 Jahren von „Milliarden“. Diese Zahlenangabe verbreitete sich im Deutschen erst 1870/71 im Kontext von Kriegsentschädigungen. Sollte man vor den jüdischen Priestern also nicht den Hut ziehen für diese didaktische Leistung? Bei allem, was wir an Komplexität und Detailwissen inzwischen dazugewonnen haben, kommen wir ohne solche Übertragungen in überschaubare, vorstellbare Zeiträume noch immer nicht aus.

Sich dafür zu entschuldigen wäre fast genauso daneben, wie darauf zu beharren, es seien buchstäblich sieben 24-Stunden-Tage gewesen (was auch immer der Begriff „Tag“ meint, wenn es noch keine Himmelskörper gibt).

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Wenn die Zukunft dir abhanden kommt

In der CDU wird gerade mächtig über die Zukunft gestritten. Das ist ja kein völlig anderes Milieu als das der großen Kirchen, und es scheint etliche Parallelen zwischen Volksparteien und Volkskirchen zu geben.

Tobias Hans, Ministerpräsident des Saarlandes, wird aktuell mit folgender Erkenntnis zitiert: „In den vergangenen Jahren sind wir dem Trugschluss aufgesessen, dass Jugendliche mit fortschreitendem Alter von alleine zu den Volksparteien kommen. Das ist fatal.“

Der Satz kam mir so bekannt vor, weil er in kirchlichen Diskussionen auch immer wieder als Placebo auftaucht. Kirchen schwinden, so heißt es dann, aufgrund stabiler soziologischer Gesetzmäßigkeiten, nicht etwa weil sie selbstgenügsam und oft ein bisschen träge den Wandel verschlafen. Und dieselben Gesetzmäßigkeiten würden die Kirchen danna auch wieder irgendwie vor der Bedeutungslosigkeit retten. Auf jeden Fall sei Alarmismus unangebracht.

Und klar, natürlich ist nicht jede Kritik intelligent und informiert und längst nicht jeder Lösungsvorschlag innovativ. Aber soll man deshalb die Kirche den Fachleuten überlassen?

unsplash-logoBayarkhuu Battulga

Ein paar Episoden aus der vergangenen Woche fallen mir ein: Der Jugendreferent, der von einer schon etwas zurückliegenden Synode erzählt, auf der der Traditionsabbruch schöngeredet wurde und die eingeladenen Fachleute den versammelten Funktionären bestätigten, dass es ja um Qualität gehe, nicht um Quantität, und dass die Qualität ja auch vorhanden sei.

Ein paar Stunden später sitze ich mit einer Neunzigjährigen beim Tee. Sie erzählt ihr Leben mit einer ganzen Serie von Schicksalsschlägen. Mit leuchtenden Augen sagt sie, wie ihr das Gebet und ihr Glaube immer wichtiger wurden. Und zugleich sagt sie: „Ich bin keine Kirchgängerin.“ Bei uns hat sie nichts gefunden, was ihr hilft und was sie hält.

Schön, könnte ich jetzt sagen, sie kommt ja auch so klar. Aber nur einen Tag später fragt eine Konfirmandenmutter beim Elternabend, ob die Gottesdienste nicht etwas interessanter sein könnten für die Altersgruppe. Und es ist deutlich herauszuhören, dass auch die Eltern der Konfirmanden unsere Liturgie und Liedgut schon nicht mehr so richtig prickelnd finden.

Ich hätte jetzt abwiegeln können – wie die CDU oder die Referenten auf der Synode, von der ich gehört hatte. Aber ich fand es ehrlicher und sinnvoller, der Mutter Recht zu geben und offen einzuräumen, dass wir noch längst nicht alle Mittel und Ideen ausgeschöpft haben, um Gottesdienst- und Aktionsformen zu finden, die mehr als nur einem kleinen Segment der Menschen im Stadtteil gerecht werden.

Egal, was man von der CDU hält: Dieser Auflösungsprozess, das plötzliche Sichtbarwerden der schleichenden Entfremdung und die Hilflosigkeit der Akteure angesichts derselben, gibt zu denken. Kein Grund zur Panik, gewiss. Aber erst recht kein Grund, sich nochmal eine Runde Sand in die Augen zu streuen. Wenn sie nichts mehr von uns erwarten, werden sie auch nicht mehr zurückkommen.

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Europa – wie weiter?

Beitrag zum Lorenzer Kommentargottesdienst vom 26. Mai 2019

(Die Wahl lief noch, als der Kommentargottesdienst mit OB Dr. Maly gestern stattfand. Die Ergebnisse sind hier also nicht berücksichtigt. Die Grundentscheidungen haben sich allerdings auch nicht geändert über Nacht. Hier also mein Text zum Nachlesen)

Der frühere britische Großrabbiner Rabbi Sacks erzählte vor einigen Monaten davon, wie er einen amerikanischen Freund fragte: „Wie ging es dir am Tag der Wahl von Donald Trump?“ Der antwortete sarkastisch: „Wie dem Mann, der an Bord der Titanic in sein Whiskyglas starrt und sagt: »Ich hatte zwar um Eis gebeten, aber das…«“

Was bringt uns diese Wahl: Europe on the Rocks? Bleiben wir noch einen Augenblick bei den Briten: Jener Nation, die seit gut zwei Jahren für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat und seither Zaungast ist – mit einer Hinterbacke schon draußen und der anderen noch drin. Nirgendwo sonst ist das Thema der EU-Mitgliedschaft so schrill diskutiert worden wie auf der Insel. Noch immer kann niemand sagen, wie die Entscheidung endgültig ausfällt. Der Blick vom Rand der EU (und womöglich des Abgrundes der Isolation) eröffnet vielleicht eine Perspektive, die manches klarer hervortreten lässt. Der Historiker Timothy Garton Ash hat kürzlich im „Guardian“ erklärt, wie „Europa“ (gemeint ist die EU) an den Punkt gekommen ist, an dem wir heute stehen. 

Das ist die List der Geschichte: Die Saat des Triumphes wurde im Augenblick der größten Katastrophe ausgestreut, 1939, aber die Saat der Krise im Augenblick des Triumphes, 1989. Im Rückblick können wir erkennen, dass viele der Probleme, die Europa heute heimsuchen, ihren Ursprung in der anscheinend triumphalen Wende nach dem Fall der Berliner Mauer haben. Ein paar Menschen mit Weitblick warnten damals. Der französische politische Philosoph Pierre Hassner schrieb, dass wir uns just in dem Augenblick, in dem wir den Triumph der Freiheit feiern, daran erinnern sollten, dass „die Menschheit nicht von Freiheit [„liberty“!] und Universalität allein lebt, dass das Bestreben, das zu Nationalismus und Sozialismus führte, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Identität und die Sehnsucht nach Solidarität und Gleichheit, zurückkehren werden, so wie sie das immer getan haben“. Und genauso kam es.

unsplash-logoChristian Wiediger

Achtzig Jahre nach Kriegsbeginn und dreißig Jahre nach dem Ende des kalten Krieges steht Europa 2019 wieder am Scheideweg. Das Gefälle zwischen Nord und Süd, West und Ost droht zur Kluft zu werden. Der Rechtspopulismus profitiert von diesem Riss und hat an vielen Orten gefährliche Ausmaße erreicht. Das Eigene wird überhöht und verklärt, das Fremde dämonisiert, Dialog durch Propaganda erstickt. Ihre Wortführer sind Unschuldslämmer und Racheengel in einer Person. Die Mächtigen in Washington, Moskau und Peking nutzen indes die Schwäche und Uneinigkeit aus, um in Europa eigene Interessen durchzusetzen. Welche gute Nachricht haben Christen in dieser schwierigen Lage anzubieten?

„Komm herüber und hilf uns“

 Mit diesem Satz wird Europa in der Bibel eingeführt, ohne dass der Begriff jemals fällt. Es ist der „mazedonische Ruf“, der den Apostel Paulus in der Apostelgeschichte durch eine nächtliche Vision ereilt. Er kommt aus einer Region Europas, in der sich heute viele Krisensymptome zeigen: Die Balkanroute mit ihren Grenzzäunen und Elendslagern, wo Frontex patroulliert, wo seit der Finanzkrise verarmte Griechen und noch viel ärmere Nordmazedonier sich mit ihrem Nationalstolz überbieten. Am anderen Ende der EU, von Britannien aus betrachtet.

Damals, Mitte des ersten Jahrhunderts, landeten dort keine Flüchtlingsboote. Aber in Philippi, einer römischen Militärkolonie, entstand die erste christliche Gemeinde in Europa. Ihre Patronin war – auch das ein Novum – eine Frau. Der neue Glaube kam – wie die Europa der griechischen Mythologie – aus Vorderasien, und nun war er dem Machtzentrum des Imperiums einen Schritt näher gekommen. 

Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass Paulus im Brief an die Philipper gerade die Demut, Gewaltfreiheit und Niedrigkeit Christi, des designierten Weltenherrschers, so in den Mittelpunkt stellt. Es war keine Invasion, sondern ein sanftes Einsickern. Eine alternative Gemeinschaft war entstanden. Und nach dem Prinzip des Sauerteigs breitete sie sich aus. Unter den Augen der misstrauischen Obrigkeit, die schon den Gründer beim ersten Anlass ins Gefängnis geworfen hatte. Man kann hier durchaus eine Gegenerzählung zum Imperialismus der Römer entdecken. Oder zur „Imperialen Lebensweise“ des globalen Kapitalismus, der Ausbeutung von Mensch und Natur durch den globalen Norden zu Lasten des Südens, die uns das Zeitalter des „Kapitalozän“ beschert hat.

„Komm herüber und hilf uns!“ – lässt sich daran im Jahr 2019 noch irgendwie anknüpfen im weithin postchristlichen Europa? 

Nach 1939 (und erst recht nach 1945) waren es die Amerikaner, die herüber kamen und halfen: Entnazifizierung, Marshallplan, liberale Demokratie, militärische und politische Kooperation in Nato und UN. Das öffnete die Tür für die Aussöhnung mit Frankreich und die Gründung der EU.

1989 kam die Hilfe aus Moskau, das seine Satellitenstaaten aufgab und sich friedlich aus Mitteleuropa zurückzog, statt auf Demonstranten in Danzig oder Leipzig einprügeln und schießen zu lassen. 

2019 regieren Donald Trump und Wladimir Putin. Beide haben hinreichend unter Beweis gestellt, dass von ihnen keine Hilfe zu erwarten ist. Woher dann? Von innen? Von außen? Von oben?

Hilfe ist unterwegs

Nun, vielleicht kommt die Hilfe gerade von unten. Von der Erde. Aus dem Boden, der Atmosphäre, der dünnen „kritischen Zone“ auf der Oberfläche unseres Planeten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit greift die Erde in unsere Pläne und Diskussionen ein. Sie ist nicht nur duldsames Material und passive Kulisse, sondern ein eigenständiger Akteur. Bühne und Kulissen erweisen sich als unerwartet lebendig und mischen sich ein in das Stück, das wir aufführen. Unsere objektivierenden Vorstellungen von „Natur“ und „Umwelt“ geben das nicht angemessen wieder. So hat es Bruno Latour, Winzersohn aus dem burgundischen Beaune und leidenschaftlicher Europäer, in seinem „Terrestrischen Manifest“ formuliert.

In religiöse Sprache übersetzt lautet die Botschaft der Erde: „Tut Buße. Ändert eure Lebensweise. Ihr könnt nicht weitermachen wie bisher.“ Alle gemeinsam leben wir über die Verhältnisse unseres Planeten. Die Reichen und Mächtigen entziehen den Armen dabei inzwischen buchstäblich die Luft zum Atmen und den Boden unter den Füßen. So kann es nicht weitergehen. Greta Thunberg und die Jugendlichen von „Fridays for Future“, unterstützt von Eltern und Wissenschaftler*innen, haben daraus die Konsequenzen gezogen. Aber es ist nicht einfach nur so, dass wir den Planeten retten müssen, er hat auch das Potenzial, uns zu retten aus unseren Sackgassen und internen Konflikten. Ulrich Beck hat das kurz vor seinem Tod ganz ähnlich beschrieben: Es geht um eine Metamorphose der Welt.

Wenn Sie das für ein esoterisches Konzept oder für rührselige Ökoromantik halten, nehmen Sie doch die Bibel zur Hand: Mitten in der Offenbarung des Johannes erscheint dort eine namenlose Frauengestalt, die unter Gefahren ein Kind zu Welt bringt und schließlich vor dem imperialen Drachen fliehen muss, der dort wütet. Es ist eine surreale Szene, aber uns erscheint ja gerade vieles Wirkliche surreal. Der Drache speit ihr einen Wasserschwall hinterher, aber dann schluckt die Erde das Wasser einfach weg und rettet so die Frau.

Schon die Urchristenheit konnte sich der Erde als Verbündete vorstellen. Warum dann nicht wir, bei allem, was wir heute über unsere Verbundenheit mit unseren Mitgeschöpfen wissen? Die von Paulus gepriesene Demut heißt im Lateinischen humilitas. Da steckt humus, Erdboden, drin.

Den Umbruch meistern

Wenn Europa sich neu finden und erfinden will, dann wäre das die Achse, an der alles andere auszurichten ist. All die anderen Gegensätze und Polaritäten sind von da aus neu zu bedenken und zu bewerten: Links und Rechts in der Politik, das Globale und das Lokale in Kultur und Identität, das Progressive und das Reaktionäre in der Gesellschaft. 

So wie Europa seit dem 19. Jahrhundert Antworten auf die soziale Frage gegeben hat, wie es im 20. Jahrhundert totalitäre Systeme und Nationalismen überwunden hat, so hat wird ihm jetzt die Bewältigung der geosozialen Probleme der Klimakrise und des Artensterbens zugemutet. 

Europa hat die Chance, der Welt ein Beispiel zu geben, wie dieser epochale Umbau in Kooperation geschehen kann statt in Konkurrenz. Wie Erdverbundenheit ohne Abschottung oder Zerschlagung der Weltordnung möglich ist, Fortschritt und Wandel ohne Entwurzelung und Entwertung des Gewachsenen. Dabei nutzen ihm auch seine vermeintlichen Schwächen. Latour schreibt:

Durch eine unglaubliche Bastelarbeit ist es der Europäischen Union gelungen, auf vielfache Weise die Überlappung, Überlagerung, den overlap der verschiedenen nationalen Interessen zu materialisieren. Mit ihrem vielfältig verzahnten Regelwerk, das die Komplexität eines Ökosystems erreicht, weist sie den Weg. Genau diese Art Erfahrung ist gefragt, wenn wir den alle Grenzen überwindenden Klimawandel in Angriff nehmen wollen.

Das terrestrische Manifest S. 116

Zurück zur Seefahrt. Vielleicht kennen Sie den Witz über einen Offizier der kanadischen Küstenwache, der einen herannahenden US-Marineverband über Funk aufforderte, den Kurs 15 Grad nach Süden zu ändern. 

Der Kapitän der Amerikaner lehnte ab und forderte seinerseits das Gegenüber auf, 15 Grad nördlich abzudrehen. Der Kanadier blieb unbeirrt und forderte erneut 15 Grad Kurskorrektur.

Dem Kapitän des US-Flugzeugträgers platzte der Kragen. Er verwies auf Größe und Anzahl seiner Schiffe und deren Feuerkraft und drohte mit Konsequenzen. 

Der Kanadier antwortete nur: „Dies ist ein Leuchtturm. Sie sind dran.“

Die Erde ist unser Leuchtturm. Sie weist uns den Weg, aber sie beugt sich nicht unseren Wünschen und Befehlen. Man muss kein Christ sein, um dieses Zeichen zu verstehen. Aber viele Christen würden sagen: Der Turm steht nicht zufällig da. Gott hat das so eingerichtet, weil er das Leben und die Menschen liebt. 

Und diesen ebenso wunderlichen wie wunderbaren, kriselnden Kontinent.

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Mit der Erde im Bunde: Frauen und die solidarische Lebensweise

Mitten in der Offenbarung des Johannes erscheint eine namenlose Frauengestalt, die unter Gefahren ein Kind zu Welt bringt und schließlich vor dem Drachen fliehen muss, der dort wütet. Es ist eine surreale Szene. Der Drache speit ihr einen Wasserschwall hinterher, aber dann schluckt die Erde das Wasser einfach weg und rettet so die Frau.

Mich hat dieses krasse Bild jüngst ganz unmittelbar angesprochen. Erstens, weil sich eine Mutter um das Überleben ihres Kindes in einer aus den Fugen geratenen Welt sorgt. Diese Fürsorge für kommende Generationen (und für alles Schwache und Schutzbedürftige) hat ja auch bei uns ein überwiegend weibliches Gesicht. Nicht nur das von Klima-Aktivistinnen, sondern auch in den meisten, wenn nicht allen sozialen Berufen. Und ehrenamtlichen Funktionen, auch und gerade in den Kirchen.

Der Fotograf Adrien Taylor schreibt: „I was blown away by the beauty of the Bangladeshi people — both in their character and appearance. Bangladesh faces losing 18% of its land, displacing thirty million people, with one metre sea-level rise.“
unsplash-logoAdrien Taylor

Dagegen steht der Drache für alles, was aktuell unter „toxischer Männlichkeit“ thematisiert wird: Aggression, Ausbeutung, Dominanz, Dogmatismus, Unterwerfung. Der Drache erbricht eine Flut von Hass gegen die Frau. Ich finde, es trifft die Situation hier und heute wirklich gut, wenn man betrachtet, wie junge Frauen wie Greta Thunberg von den Alpha-Fachmännern entweder mundtot gemacht oder gleich mit Vernichtung bedroht werden. Auf der re;publica wurde letzte Woche in vielen Foren diskutiert, wie diese Flut zu stoppen wäre.

Es sind sicher nicht ausschließlich Männer, die das betreiben, aber eben vorwiegend. Und die Wurzeln der Klimakatastrophe liegen in einer typisch „männlichen“ Lebensweise, die Fleischverzehr und Verbrennungsmotoren für identitätsstiftend hält. Das haben ja auch Ulrich Brand und Markus Wissen in „Imperiale Lebensweise“ deutlich gemacht. Diese Lebenseinstellung hinterlässt überall verbrannte Erde. Und Eltern, die mit ihren Kindern vor steigendem Meeresspiegel und sich stetig verschärfenden Naturkatastrophen fliehen müssen.

Und nun ist es ausgerechnet die Erde, die der Frau zu Hilfe kommt. „Weibliche“ Kooperation neutralisiert „männliche“ Konkurrenz und Aggression. Eine Partnerschaft zwischen der Erde und der verwundbaren Mutter tut sich auf. Das hat mich an Joana Macys Betonung von Dankbarkeit und Verbundenheit mit der Schöpfung erinnert. Und an Bruno Latours These, dass „das Terrestrische“ inzwischen als eigenständiger Akteur in der globalen Politik auftritt (N.B.: Das Kapital tut das schon längst, einige sprechen daher auch vom „Kapitalozän“).

Die Allianz zwischen der Frau und der Erde ist ein schönes Bild für eine solidarische Lebenweise – das Gegenstück zum imperialen Modus der Existenz.

Wenn wir also heute als Christ*innen und Kirchen fragen, wo unser Platz in diesen Auseinandersetzungen ist, dann legt uns diese Vision nahe, ihn an der Seite all der Frauen (und Kinder) zu finden, die den Großteil der Kosten für die imperiale Lebensweise tragen. Und an der Seite der Erde, die sich gegen den patriarchalen Kapitalismus aufbäumt.

Solche Bündnisse gilt es zu schmieden und zu stärken, zum Beispiel beim Earth Day, der 2020 zum 50. Mal stattfindet. Überall, wo Männerbünde in Politik, Wirtschaft und Kirche dominieren, ist – um Himmels willen – Wachsamkeit und Widerstand angesagt.

Nur dann wird es uns allen besser gehen.

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Gute Hirten und falsche Opfer

Am vergangenen Sonntag habe ich mir (wie viele andere auch) Gedanken über Jesus als guten Hirten gemacht – und was das für den Umgang mit Macht und Verantwortung in den Kirchen und Gemeinden heute bedeutet.

Am Ende habe ich alle meine Vorüberlegungen von letzter Woche in den Wind geschlagen und einen ganz anderen Weg der Auslegung gewählt.

Wer sich fragt, ob es gelungen ist, oder einfach Lust hat, es sich in Ruhe anzuhören, kann hier klicken und sich seinen Reim drauf machen:

unsplash-logoPawan Sharma
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Die Gewissensbisse der Generation Billigflieger

Ich habe hier schon eine ganze Weile nichts mehr zur Klimathematik geschrieben, weil es genug gute und wichtige Beiträge anderswo gibt. In den letzten Tagen hat es mich aber doch wieder gepackt. Die Widersprüche sind es, um es genau zu sagen.

Bittere Wahrheit

Bento glänzt nicht mit intellektuellem Anspruch, aber Fridays for Future erscheint immerhin in der Menüzeile. Auf den Zug ist man offenbar aufgesprungen. Nun hat sich Helene Flachsenberg dort über den CO2-Rechner des Bundesumweltamtes beschwert, weil der ihr eine schlechte Klimabilanz erstellt hat. Der Grund: Ein Langstreckenflug nach New York. Damit hat sie alles, was sie im Alltag eingespart hat, mit einer einzigen Reise wieder in die Luft gepustet.

Dass ich zu meinem Geburtstag etwas Besonderes erleben wollte, und dann auch noch in die USA, diese Hochburg von Industrialisierung und Kapitalismus reiste, erscheint mir auf einmal grenzenlos egoistisch. Wie die größtmögliche Frechheit, die ich unserem Planeten antun konnte.

Helene Flachsenberg

So klagt die Autorin über das schlechte Gewissen, dass ihr „gemacht“ wird. Und eine Art Sündenbock findet sie auch, nämlich RWE mit seinen Kohlekraftwerken. Überhaupt, die Konzerne und das irre Märchen vom nachhaltigen Konsum…

Vielleicht hätte sie, bevor sie in die Tasten griff, doch besser Felix Ekards feinen Text auf Zeit Online lesen sollen. Wie übel Langstreckenflüge (freilich Fliegen überhaupt) zu Buche schlagen, ist ja wirklich keine Neuigkeit. Da reißt man quasi mit dem Hintern wieder ein, was man mit den Händen an CO2-Einsparungen aufgebaut hat:

Selbst wer regional und bio einkauft, in einem gedämmten Mehrfamilienhaus wohnt und jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, der liegt, sobald ein, zwei Flugreisen in ferne Länder dazukommen, weit über dem deutschen Durchschnitt von elf Tonnen pro Kopf und Jahr. 

Susanne Götze im „Freitag“

Der CO2-Rechner ist einfach nur ein Spiegel. Flachsenberg gefällt schlicht das Bild nicht, das sie darin abgibt: Ein bisschen wie der Frust, wenn das große Stück Sahnetorte die Diät und die Joggingrunde zur Makulatur macht – und man plötzlich auf die perfiden Tricks der Bäckerinnung oder der Hersteller von Personenwaagen schimpfen würde.

Glaubwürdigkeit ist gefragt

Natürlich ist und bleibt es eine politische Aufgabe, die Energie- und Verkehrswende voranzutreiben. Aber das entbindet uns als einzelne doch nicht von der Verantwortung für unsere Gewohnheiten. Auch nicht im Urlaub. Im Grunde müssen wir alle jetzt schon anfangen, so zu leben und zu reisen, dass es so klimaverträglich wie irgend möglich ist. Und an einen Punkt kommen, wo es für uns in Ordnung ist, dass uns der Verzicht schmerzt (und wir es aushalten, statt auf RWE zu schimpfen). Umso mehr, als man täglich in den sozialen Medien Freunde und Bekannte sieht, die hier- und dorthin zu ihren Sehnsuchtsorten jetten und im nächsten Moment wieder Zitate von Greta Thunberg liken, ohne sich dabei viel zu denken.

Vielleicht sollte, wer künftig als Tourist in ein Flugzeug steigt – egal wohin – eine Schamfrist einhalten, bevor sie/er wieder Greta-Zitate und grüne Slogans postet. Vierzig Tage Glaubwürdigkeitsfasten wären ganz ok. Für einen Interkontinentalflug vielleicht drei Monate. Nicht aus fremdinduzierter Scham, wie Flachsenberg insinuiert, sondern um ein so wichtiges Anliegen nicht durch die eigene Doppelbödigkeit in Misskredit zu bringen.

Dazu meine nächste, wirklich ernst gemeinte Frage: Sollten wir als Pfarrkollegien und Gemeindegruppen künftig noch nach Israel, in die USA oder auf FreshX-Tagungen in Nordengland fliegen? Oder rechtfertigen Begegnung, ökumenisches Lernen und Kulturaustausch die Wunden, die das Reisen schlägt?

Reisen wie zu Omas Zeiten?

Ich habe nachgesehen, wie lange ein Bahnfahrt von Erlangen nach London dauert: Sie ist in unter acht Stunden möglich. Mit dem Flugzeug kann man das (CheckIn, Wartezeiten und die Transfers von und zum Flughafen eingerechnet) in etwas mehr als der Hälfte der Zeit schaffen. Für Glasgow oder Dublin (Ziele, die für mich interessant sind) erweitert sich die Reisezeit entsprechend um weitere 5 bis 8 Stunden. Also nichts für einen Kurztrip übers Wochenende.

Andererseits ist der Gedanke an Wochendendausflüge über tausend Kilometer und mehr ein relativ junges Phänomen: Als ich mit 16 das erste Mal nach England reiste, kam Fliegen nicht in Frage. Abgehalten hat es uns damals nicht. Dahin heißt es nun zurückzukehren. Ich lerne so manches von meinen Kindern. An diesem Punkt können wir die Lernrichtung zwischen den Generationen vielleicht mal umkehren: Nicht nur alte Gemüsesorten anbauen und essen, sondern auch Reisen wie die Großeltern damals in den Sechzigern. Statt immer gleich in die Luft zu gehen.

Nein, das Billigflugzeitalter hat keine Zukunft.

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Von Hirten und Sammlern

Den kommenden Sonntag prägt Kernmotiv der Jesustradition: Der gute Hirte. Ausflüge in die Kunstgeschichte und Ikonographie bieten sich an, wie auch alle möglichen Idealisierungen (etwa: Jesus bzw. kirchliche Amtsträger als empathische Seelsorger). Oder deren Dekonstruktion: Die zeigt dann auf, was für einen gänzlich unromantischen Knochenjob Hirten haben und was für rabiate Wesen Schafe sein können. So wie in diesem ausgesprochen krassen Beispiel:

Bei johanneischen Texten stellt sich die Frage, welche Entsprechungen sie in den synoptischen Evangelien haben. Zwei davon haben mich die letzten Wochen über beschäftigt. Sie sind etwas weniger offensichtlich als das bekannte Gleichnis vom verlorenen Schaf oder die Klage über die Schafe ohne Hirten vor der Aussendungsrede. Aber ich denke, sie sind nicht weniger bedeutsam.

Der Name Gottes und die Sammlung Israels

Ich beginne wir mit der ersten Bitte des Vaterunsers: „Geheiligt werde dein Name“. Woran hängt die Integrität des Namens Gottes? Brauchen wir strafbewehrte Blasphemieparagraphen, die seinen Verächtern das Lästern verbieten? Tanzverbote an Karfreitag oder Allerheiligen? Oder geht es um die Gedankenlosen, denen der Ausruf »Oh mein Gott« allenfalls beim Anblick eines XXL-Eisbechers über die Lippen kommt?

In der Bibel macht sich Gott einen Namen, indem er ein unterdrücktes Volk aus der Sklaverei führt. Die Offenbarung seines Namens ist die Antwort auf das Klagen und Stöhnen der Israeliten, das schon gar keinen konkreten Adressaten mehr kennt. Israels Gott setzt mit seinem Eingreifen ein Zeichen in der Welt der Ausbeuter und Unterdrücker. Und als sein Volk bei der erstbesten Gelegenheit den eben geschlossenen Bund bricht, erinnert Mose Gott an die Zusage, die er den Vätern »bei seinem Namen« gegeben hat (Ex 32,13). Würde Gott sich zurückziehen, hätten die Pharaos dieser Welt gewonnen und jeder Widerspruch (geschweige denn Widerstand) wäre verstummt.

Die großen Bußgebete der Exilszeit in Nehemia 9 und Daniel 9 schlagen ähnliche Töne an: »Herr, vernimm das Gebet und handle! Mein Gott, auch um deiner selbst willen zögere nicht! Dein Name ist doch über deiner Stadt und deinem Volk ausgerufen.« (Dan 9,19). Gerhard Lohfink hat daraus den Schluss gezogen, dass es bei der Bitte um Heiligung des Namens um die Sammlung des zerstreuten und verirrten Gottesvolkes geht. In Ezechiel 36,22-24 erscheint das im Zusammenhang mit der Bundeserneuerung, in Ez 20,41.44 heißt es kurz und bündig:

Wenn ich euch aus den Völkern herausführe und aus den Ländern sammle, in die ihr zerstreut seid, werde ich mich vor den Augen der Völker an euch als heilig erweisen. (…) Ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich um meines Namens willen so an euch handle.

Wer nicht sammelt, zerstreut

Die messianische Sammlung des Volkes Gottes und das Kommen des Reiches Gottes sind bei Jesus nicht voneinander zu trennen. Das bringt mich zum zweiten Text, der für mich zum Umfeld des guten Hirten gehört. In Mt 12,30 sagt Jesus recht schroff: »Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut«. Das war die Anklage des Ezechiel gegen die schlechten Hirten, dass sie nicht auf die Herde achten, sondern auf sich selbst und ihre Bedürfnisse fixiert sind. Wenn Jesus schließlich für seine und seiner Nachfolger Sendung das Bild der Ernte verwendet, geht es auch da um eine Sammlung, nicht nur um eine Aussaat (die Bitte um Arbeiter in der Ernte ist in Mt 9,36-38 mit dem Verweis auf die „Schafe ohne Hirten“ verbunden). Zweifellos geht Jesus dabei sehr unorthodox vor – so hatten das die wenigsten Zeitgenossen erwartet.

Aber die Transformation der Macht- und Lebensverhältnisse in der Welt geht – äußerlich wie innerlich, geistig wie praktisch – nicht ohne eine gemeinschaftliche Anstrengung, nicht ohne eine dazugehörige Bewegung, die sich bewusst als solche versteht und die sich am Handeln Gottes orientiert. Es geht, um das gleich dazu zu sagen, allerdings sehr wohl ohne Hierarchien und mit einem geringeren Grad von Institutionalisierung als in manchen Kirchentümern heute.

Damit Gottes Wille geschieht (um gleich noch die dritte Bitte ins Spiel zu bringen), müssen also Menschen vorhanden sein, die ihn aus freien Stücken, bewusst und planvoll tun. Das können wir nicht, wie im neoliberalen Zeitalter üblich, ausschließlich den einzelnen aufbürden und es damit ins Private und Individuelle (praktisch heißt das oft auch: ins Beliebige) verlagern. Sprich: Wir können uns mit der Vereinzelung das Glaubens nicht abfinden oder sie zum neuen Ideal erheben.

Sammeln – zwischen Uniformierung und Individualisierung

Nun haben bestimmte Formen der Versammlung an Ausstrahlung und Bindungskraft verloren. In den evangelischen Kirchen ist das vor allem der traditionelle Sonntagsgottesdienst. Ich habe dazu letzte Woche ein paar Gedanken und Beobachtungen gepostet. Zugleich habe ich die Diskussion um das neue Buch von Erik Flügge verfolgt. Der legte uns Protestanten nahe, das Thema gottesdienstliche Versammlung mehr oder weniger abzuhaken. Aus Mangel an Beteiligung, wie er deutlich macht. Im DLF-Streitgepräch hielt Reinhardt Mawick dagegen. Er verteidigt den Wert des Gottesdienstes, relativiert die schlechten Zahlen zum Gottesdienstbesuch und verweist auf die Bedeutung von Kasualgottesdiensten, Kirchenmusik und Kirchenräumen. Der Kommunikationsberater Flügge regt an, den Zusammenhalt und die Orientierung der evangelischer Kirchenmitglieder über prominente, medial präsente Identifikationsfiguren (»Star-Christen« quasi, oder eben Influencer und Follower) neu organisieren.

Ist das noch genug Sammlung oder schon die Kapitulation vor der spätmodernen Vereinzelung? Belebt Flügge gar den alten kulturprotestantisch-liberalen Traum aus dem 19. Jahrhundert wieder: Die Vorstellung, die Kirche würde die Gesellschaft so weit verbessern, bis sie in ihr (als einem säkularen Gottesreich) aufgeht? Und wenn er das doch nicht will, wie bleibt die kritische Kraft des Glaubens auf Dauer lebendig, wenn sich jegliches konkrete Miteinander auflöst?

Auch eine kleine Herde kann viel Kraft kosten…
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Nicht Sammeln ist keine Lösung

Kirche im Sinne Jesu, da sind sich viele einig, ist berufen »Kontrastgesellschaft« zu sein. Als solche ist sie nicht ohne Begegnung, Zusammenhalt und Kooperation zu denken. Die Formen, in denen das gelebt wird, wandeln sich. Die Lebensstile differenzieren sich aus, die Lebensrhythmen haben sich gewandelt. Digitale Kommunikation ist nicht mehr wegzudenken – auch wenn nicht jede(r) davon Gebrauch macht. Dass profilierte „Events“ wichtig sind, hat sich auch herumgesprochen (und wer am Karfreitag bei Gott im Berg war, konnte sich davon überzeugen).

Es wäre einfach zu billig, sich unter Berufung auf die veränderten Verhältnisse von der Aufgabe des Sammelns zu verabschieden. Schon das Nichtsammeln leistet der Auflösung Vorschub. Freilich haben wir in den verfassten Kirchen vielfach verlernt, Bewegung zu sein und Menschen zu einer Bewegung zu sammeln. Stattdessen haben wir uns darauf verlassen, dass unsere institutionellen Strukturen (bzw. deren Reste) noch tragfähig genug sind, und die meiste Kraft in deren Erhaltung investiert, statt uns auf Veränderung und Neues einzustellen. Darauf (auf das Konventionelle und Institutionelle) scheint mir auch die Argumentationslinie von Marwick abzuzielen, wenn er sakrale Handlungen, Räume und Musik hervorhebt: Da kommen die Menschen noch zur Kirche und ersparen es der Kirche, sich auf den Weg in fremdes, ungesichertes Terrain zu machen.

Andere Anforderungen

Indes – Sammeln zur Bewegung, so wie Jesus das getan hat, das stellt andere Anforderungen an die Hirten von heute. Im Blick auf Gott ist Sammeln Chefsache, das lässt er sich nicht nehmen. Unter den Gliedern der Gemeinde gibt es unterschiedliche pastorale (also „hirtliche“) Rollen und Funktionen. Sie können das göttliche Sammeln nur im konstruktiven Zusammenwirken abbilden. Da kann es also nicht darum gehen, es „den Profis zu überlassen“ – Klerikalismus heißt dieses Problem im kirchlichen Kontext. Die Aufgabe der Hauptamtlichen wäre es allenfalls, so viel Beteiligung zu ermöglichen, wie es nur geht. Und dabei selbst aus dem Weg zu gehen, um Horizonte offen zu halten und Zugänge zu markieren. Innerhalb der Kirche eine Unterscheidung zwischen „Hirten“ auf der einen und „Schafen“ auf der anderen Seite zu pflegen, ist nicht besonders zielführend.

Das macht den guten Hirten aus, dass er sich selbst zurücknimmt. Dass er sich nicht über andere erhebt oder mit anderen konkurriert. Jede(r) von uns kann sich mal (ver)irren. Was für ein Glück, wenn dann andere da sind, die uns helfen, den Anschluss an den einen, guten Hirten wieder zu finden.

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Müde Flieger

Eine Konfirmationspredigt

Ein Dienstag im September um kurz nach sieben am Morgen: Ich stehe auf einem Bahnsteig am Hauptbahnhof. Ein paar Strahlen der Morgensonne glitzern in den Tränen, die mir herunterlaufen. „Hoffentlich spricht mir jetzt niemand an und fragt, was mir fehlt“, denke ich, als ich dem ausfahrenden EuroCity nachblicke. Drinnen sitzt mein Sohn, der vermutlich auch einen Kloß im Hals hat. Der Zug bringt ihn nach Frankfurt und von dort fliegt er nach Japan. Neuntausend Kilometer weit weg. Ein Jahr lang werden wir einander jetzt nicht mehr direkt in die Augen schauen oder in den Arm nehmen. Ich senke den Blick und gehe die Treppe Richtung Ausgang hinunter.

So ist das, wenn Kinder flügge werden. Es ist großartig und es ist schrecklich. Du bist stolz und es bricht dir das Herz. Wenn sie dann wiederkommen, sind sie gewachsen: Stärker, unabhängiger, selbstsicherer. Sie setzen sich ein Weilchen auf den Nestrand, dann fliegen sie wieder los.

Aber es beginnt alles mit dem Loslassen.

Flügge werden

Die Konfirmation ist einer der ersten Schritte in die Selbständigkeit für Euch wie für Eure Familien. Irgendwann folgt der Schulabschluss, der Auszug von zuhause, das erste selbstverdiente Geld, oder die Gründung einer neuen, „eigenen“ Familie. Zwischendrin ist die eine oder andere Schrecksekunde oder Schramme zu überstehen. Bruchlandungen gehören schließlich auch zum Erwachsenwerden. Aber das wisst Ihr ja schon, seit Ihr Laufen und Radfahren könnt.

Es ist gut, dass das Flüggewerden im Glauben den anderen Schritten in die Erwachsenenwelt vorangeht. Wegen der Schrammen und Schrecksekunden einerseits. Und auf der anderen Seite, weil das Euch den Mut zum Absprung geben kann. Denn es ist keine ungefährliche Welt, in die Ihr Euch aufmacht.

Dass diese Welt nicht nur schön, sondern auch schrecklich ist, hat mit uns Älteren zu tun. Wir – die Generationen vor Euch – haben es nicht geschafft (und oft auch gar nicht ernsthaft genug versucht), sie für Euch in einen guten Zustand zu bringen. Wenn der Begriff „Erbsünde“ heute irgendeine Bedeutung hat, dann vielleicht die: Dieser Planet hat Fieber, und es wird gerade ziemlich schnell schlimmer. Hass und Gewalt, Armut und Ungerechtigkeit machen vielen Menschen das Leben zur Hölle (freilich ist Nürnberg im Vergleich zu Aleppo oder Kabul eine Art Insel der Seligen. Aber die meisten haben inzwischen verstanden, dass das mit den Inseln nicht mehr funktioniert). Und wir sind allesamt verletzlich und verführbar. Allzu leicht lassen wir uns mitreißen von der Angst und der Gier anderer.

Wer garantiert also, dass Ihr das besser macht? Und wenn es keine Garantie dafür gibt, solltet Ihr es überhaupt versuchen – oder doch besser gleich die Hände in den Schoß legen, Euch ins Unvermeidliche fügen und all den Lindners und Poschardts Recht geben, die gerade in jeder Talkshow erzählen, dass Ihr auch nicht besser seid als sie?

Kraftvolle Erinnerung

Vor über 2.500 Jahren gab es eine in vieler Hinsicht ähnliche Situation. Das Volk Israel befand sich im babylonischen Exil. Die ältere Generation, allen voran der König, hatte sich im Polit-Poker verzockt. Jerusalem wurde zerstört, die Menschen wurden verschleppt in den heutigen Irak. Der Tempel, das sichtbare Zeichen für Gottes Nähe, war ein Trümmerhaufen. Mitten in dem Schlamassel wuchs eine neue Generation auf. Bürger zweiter Klasse, ohne Perspektive, an einem gottverlassenen Ort.

Aber dann spricht Gott. Durch einen Propheten, eine Stimme der Hoffnung. Mitten in der totalen Sackgasse. Das sind seine Worte:

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Jesaja 40,27-31
unsplash-logoRachel Pfuetzner

Hoffnung im Anflug

Die Adler, die am Himmel ihre Kreise ziehen, sind so ein Sehnsuchtsbild, das auch uns abgebrühte Menschen des digitalen Zeitalters in den Bann schlägt. Ein Jahr nach meinem Bahnsteig-Erlebnis waren meine Frau und ich ein paar Tage an der Westküste Schottlands. Fast jeden Abend saßen wir auf einer Klippe gut hundert Meter über dem Atlantischen Ozean. Meine Frau suchte das Wasser nach Walen ab. Ich war weniger geduldig und lief umher. Und dabei sah ich sie: Ein Seeadler-Paar ließ sich vom Wind mühelos weit in die Höhe tragen, um kurz darauf pfeilschnell herabzustoßen und dann wieder fast ohne Flügelschlag zu steigen und zu steigen, bis ich sie aus den Augen verlor. Ein paar Minuten waren sie in der Nähe, dann zog es sie zurück zu ihrem Nistplatz.

„Die Adler kommen!“ Wer den Herrn der Ringe und/oder den Hobbit gelesen bzw. gesehen hat, erinnert sich an diesen Ausruf. Wenn die Adler kommen, wendet sich das Blatt zum Guten. Immer. Die Adler sind in Tolkiens Märchen die Himmelsboten. Aber Jesaja sagt uns: „Ihr müsst nicht auf die Adler warten. Ihr könnt selber welche werden. Wartet auf Gott!“

Was uns müde macht

Sehen wir uns kurz das Gegenbild zu den Adlern an: Müde Krieger. Erschöpfte Kerle. Das vermeintlich „starke Geschlecht“ am Ende seiner Kräfte. Die, die nie zugeben würden, dass sie nicht mehr können, können nicht mehr – ob sie es zugeben oder nicht. Die große Müdigkeit hat sie befallen.

Wer Euch bei der Konfifreizeit oder der Kirchenübernachtung erlebt hat, könnte meinen, dass Müdigkeit und Erschöpfung so ziemlich das Letzte sind, über das Ihr Euch Gedanken machen müsstet. Aber so einfach ist es nicht. Das liegt an der Welt und der Zeit, in der wir leben.

Vor ein paar Jahren schrieb ein Philosoph aus Berlin, Byung Chul Han, ein kleines Buch mit dem Titel „Müdigkeitsgesellschaft“. Was uns heute – oder viele von uns, früher oder später – so müde macht, ist nicht Armut oder äußere Unfreiheit, sondern das Gegenteil, sagt er: Ein „Zuviel“ an positiven Dingen macht krank. Anders krank als früher, als es der Mangel war oder die Infektion von außen. Heute kommen die Störungen von Innen – Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität sind Zustände, gegen die man nicht impfen kann. Und wer in der Leistungsgesellschaft nicht mehr können kann, wird depressiv. Dazu muss man nicht erst alt werden.

Immer mehr, immer weiter?

Die Leistungsgesellschaft ist längst auch ein Freizeitphänomen. Ich habe ja gestern davon erzählt, dass viele meiner Freunde irgendwann Marathon laufen wollten. Marathon reicht inzwischen vielen nicht mehr. Jetzt muss es schon ein Triathlon sein. Denn warum nur Laufen, wenn man auch noch Schwimmen und Radfahren kann dazu? Wie viel kann ich aus mir herausholen? Wie weit lässt sich die Grenze des Möglichen dehnen? Der Überfluss an Möglichkeiten und Angeboten erzeugt erst den Schaffensdruck. Der wächst sich aus zur Erschöpfungsdepression, neudeutsch: Burnout. Aus Hyperaktivität wird Hyperpassivität. Einigen meiner Freunde ist das so ergangen. Es hat ihren (und meinen) Glauben auf eine harte Probe gestellt, dass Gott und alles Gute und Schöne für ihn sie diesen Momenten gefühlt Lichtjahre weit weg war.

Niemand von uns sollte meinen, dass so etwas nur den denen passiert, die nicht clever oder cool genug sind. Es kann jeden treffen. Denn im Gegensatz zu Gott sind wir Menschen endliche Wesen. Diese Wahrheit hat in der Leistungsgesellschaft, die liebend gern „yes we can“ ruft, kaum einen Platz.

Paradoxerweise wachsen die Flügel des Glaubens in dem Moment, wo wir uns bewusst machen, dass wir nicht Gott sind und es auch nicht werden müssen. Wo wir uns mit unserer Endlichkeit anfreunden, weil uns der unendliche und unermüdliche Gott so geschaffen hat. Wo wir um Kraft bitten und sie uns schenken lassen, statt wie die Duracell-Hasen ohne Unterbrechung zu rödeln. „Der Exzess der Leistungssteigerung führt zum Infarkt der Seele“, schreibt Herr Han. Da hilft dann auch kein Energy Drink mehr.

Vom Gas gehen

Glaube ist keine Steigerung, sondern eine heilsame Unterbrechung. Die Fähigkeit, zu zögern und sich zu unterbrechen, unterscheidet den Menschen vom Roboter. Das wird in der Welt, in die ihr gerade hineinwachst – der künstlichen Intelligenz, selbstfahrenden Autos und was nicht alles – ein lebenswichtiger Unterschied werden. Der Sabbat und der Sonntag erinnern uns daran, dass wir solche Unterbrechungen brauchen. Und zwar nicht, um etwas zu leisten, zu produzieren oder zu konsumieren. Sondern um wieder leer zu werden von dem, was uns sonst pausenlos besetzt.

„Die auf den Herrn harren“ – was für ein altertümliches Wort! Das „Harren“, von dem hier die Rede ist, ist eine Art konzentriertes Warten. Also Ausharren und Stillhalten können, nicht auf jeden Reiz anspringen, sich nicht dauernd ablenken zu lassen. Aber auch: Nichts liefern zu müssen, um Likes und Follower zu ernten, oder Euren Wert bestätigt zu bekommen. Frei werden von dem Druck, den wir uns selbst schon machen noch längst bevor andere es tun.

Auch hier geht es ums Loslassen: Ansprüche, Erwartungen, Ungeduld, Angst…

Dafür ist Gott euer Komplize und Ihr könnt seine Komplizen sein. Das heimische Nest zu verlassen, ist einfach. In dieser verrückten Welt nicht die Hoffnung und die Lebensenergie zu verlieren, nicht einfach von ihren Kräften und Strömungen mitgerissen zu werden, ist eine gewaltige Herausforderung. Statt zu fliegen, kommt man schnell auf dem Zahnfleisch daher.

… und plötzlich fliegst du!

Menschen sind paradoxe Sehnsuchtswesen. Wir sind endlich und vergänglich, aber auf etwas Unvergängliches und Unendliches hin angelegt. Ich glaube, diese Sehnsucht, über uns hinauszuwachsen, hat Gott in uns hineingeschaffen:

  • Die Sehnsucht nach Erlösung und Heilung der Welt, die so eindrücklich im Zentrum eures Vorstellungsgottesdienstes stand.
  • Die Sehnsucht, liebevoll angesehen werden und mich zeigen zu können, wie ich bin.
  • Die Sehnsucht, etwas beizutragen zu dieser Welt, das wirkt und bleibt; für etwas leben zu können, das größer ist als ich selbst.

Gestern habe ich vom Atem Gottes gesprochen, von Heiligen Geist. Er ist der Wind unter Euren Adlerflügeln. Interessanterweise haben die ersten Christen am ersten Pfingsten genau das getan, bevor Sturm und Feuer, Mut und Begeisterung ausbrachen: Warten, ausharren, und dabei durchlässig und empfänglich werden.

Gottes Geist – die Kraft, die Jesus von den Toten auferweckt hat – ist ein Vorgeschmack auf die Neuschöpfung dieser kaputten Welt. Ich muss als Christ nicht „alles aus mir herausholen“. Ich kann etwas Größerem in mir Raum geben. Nur so wachse ich über mich hinaus, ohne dabei innerlich hohl zu werden.

Das letzte Jahr war die Übungsrunde – jetzt fliegt ihr selber. Wie die Adler – von der Erde, aber nah am Himmel. Gottes Atem in Euch und Sein Wind unter Euren Flügeln.

Und all die Grenzen, die am Boden gezogen werden – Mauern – Stacheldrähte – Checkpoints (sozial – politisch – ethnisch – religiös/konfessionell), werden in ihrer Kleinlichkeit und Vergänglichkeit sichtbar.

Das ist der Sinn und Nutzen von Kirche und Gottesdiensten, darum brauchen wir einander: Einander immer wieder daran zu erinnern, dass wir zum Fliegen geschaffen sind. Und dass wir es mit Gottes Hilfe und in seiner Kraft auch können. Hier könnt Ihr immer landen. Und immer wieder losfliegen.

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Das Lob der Langeweile

habe ich den gesammelten Werken von Walter Benjamin entnommen. Vielleicht findet Ihr es auch so anregend wie ich:

Wenn der Schlaf der Höhepunkt der körperlichen Entspannung ist, so die Langeweile der geistigen. Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das Rascheln im Blätterwalde vertreibt ihn. Seine Nester – die Tätigkeiten, die sich innig der Langenweile verbinden – sind in den Städten schon ausgestorben, verfallen auch auf dem Lande. Damit verliert sich die Gabe des Lauschens, und es verschwindet die Gemeinschaft der Lauschenden.

unsplash-logoAnnie Spratt

Langeweile haben wir, wenn wir nicht wissen, worauf wir warten. Daß wir es wissen oder zu wissen glauben, das ist fast immer nichts als der Ausdruck unserer Seichtheit oder Zerfahrenheit. Die Langeweile ist die Schwelle zu großen Taten.

Langeweile ist ein warmes graues Tuch, das innen mit dem glühendsten, farbigsten Seidenfutter ausgeschlagen ist. In dieses Tuch wickeln wir uns wenn wir träumen. Dann sind wir in den Arabesken seines Futters zuhause.

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Wie lange dauert Veränderung?

Die Tage saß ich mit Leuten zusammen, die in unserer Region „andere“ Gottesdienste machen. Also nicht traditionell (in Bayern: G1) und auch nicht im Lobpreis/Predigt Schema (das erschien den Anwesenden als „freikirchlich“). Manche sind ganz neu gestartet, an anderen Stellen gibt es das schon fast 30 Jahre. Es war ein reger Austausch und irgendwann stellten wir fest, dass seit ein paar Jahren die wertende Unterscheidung zwischen „Hauptgottesdienst“ und „zweitem Programm“ endlich flächendeckend vom Tisch ist.

unsplash-logoNicole Harrington

Ich erinnere mich noch gut daran, dass das vor 30 Jahren (als die ersten von uns anfingen) noch ganz anders aussah. Da wurde jedem, der etwas anderes wollte, Hochmut unterstellt: Wer etwas Neues möchte, dem sei das Herkömmliche ja wohl nicht gut genug – und so weiter. Man brauchte schon ein dickes Fell, um das an sich abtropfen zu lassen, zumal der Vorwurfauf dem Fuß folgte, das würde die Einheit der Kirche beschädigen.

Die gute Nachricht lautet also: Nach drei Jahrzehnten ist der Kulturkampf darüber, wie viel liturgische und stilistische Unterschiedlichkeit wir uns gönnen, halbwegs abgeschlossen. Die Einheit hängt nicht an der Uniformierung.

Dreißig Jahre sind andererseits fast ein komplettes Berufsleben. Alle, die sich heute mit Zukunftsfragen von Kirche befassen – andere Gemeindeformen, Digitalisierung, Christen als soziokulturelle Minderheit – werden wohl einen langen Atem brauchen. Mit ein bisschen Glück dauert es ja vielleicht nur 20, 25 Jahre.

So gesehen ist es sicher kein Zufall, dass Geduld und Beharrlichkeit prominente biblische Tugenden sind.

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Der kontemplative Weg, oder: Fly by the seat of your pants

Zehn Jahre auf dem kontemplativen Weg liegen hinter mir. Ich frage mich hin und wieder, ob ich ohne die Entdeckungen, die ich dabei gemacht habe, heute überhaupt glauben könnte – geschweige denn Pfarrer sein. Verschiedentlich habe ich hier über Erfahrungen geschrieben. Vieles hat sich vertieft und gefestigt, also versuche ich heute eine Zwischenbilanz. Und am Ende versteht Ihr vielleicht, was das mit dem Fliegen und dem Hosenboden auf sich hat.

Wie beim Labyrinth: weniger verwirrend, als es auf den ersten Blick scheint
unsplash-logoAshley Batz

Die äußeren Stationen

sind schnell erzählt und wer mag, kann sie überspringen. Angeregt von Stans Möhringer, der Beauftragten für Meditation im Dekanat Erlangen habe ich mich 2009 zu den Jesuiten nach St. Andrä in Kärnten gewagt zu Wanderexerzitien. Da ist man den größten Teil des Tages in Bewegung, während man schweigt, und anders hätte ich den Einstieg wohl auch kaum geschafft. 2012 habe ich dann zehn Tage im oberfränkischen Gries verbracht, 2014 auf Straßenexerzitien in München, 2015 und wieder in den letzten Tagen dann war ich im Haus HohenEichen in Dresden-Hosterwitz.

Immer bei Jesuiten. Und immer gern, weil ich das theologische Niveau und das weite, gastfreundliche ökumenische Herz der Verantwortlichen so schätze.

Behutsam mit mir selbst

Auf dem kontemplativen Weg lerne ich, die vielen Gedanken, die mir durch den Kopf rasen, immer wieder unaufgeregt ziehen zu lassen und nicht ins Grübeln zu geraten. Wir reden ja gelegentlich vom „Kopfzerbrechen“, aber viele Dinge und Angelegenheiten sind das gar nicht wert. Stattdessen rauben sie mir die Kraft für das, was wirklich wichtig ist.

Die Indifferenz gegenüber den Gedanken macht mich aufmerksam auf Gefühle und Stimmungen. Im Wald von HohenEichen lagen diesmal viele umgestürzte Bäume. Ich bin der Ursache dafür (Dürre, Sturm…) gedanklich nicht groß nachgegangen. Das führt in der Regel weg aus dem Hier und Jetzt in andere Zeiten oder andere Orte. Aber ich habe die Traurigkeit bemerkt, die der Anblick bei mir auslöst. Und im Betrachten, im Gewärtig-Sein der Traurigkeit zogen einige traurige Erlebnisse aus letzter Zeit vorbei. Nach einer Weile löste sich die Trauer und erschien auch nicht wieder. Beim nächsten Waldspaziergang standen andere Eindrücke und Stimmungen im Vordergrund. Das Schauen ging allmählich ins Lauschen über – auf eine andere Präsenz, die alles berührt und wandelt, was sich in mir regt. Rilke hat das in seinem Stundenbuch wunderschön ausgedrückt, ich habe es früher schon einmal zitiert:

Wer seines Lebens viele Widersinne

versöhnt und dankbar in ein Bildnis fasst,
der drängt die Lärmenden aus dem Palast
wird anders festlich, und du bist der Gast
den er an sanften Abenden empfängt.

Sehen, was ist

Angesichts der »Widersinne« könnte statt Versöhnung auch Streit entstehen. Dann nämlich, wenn ich dem Reflex nachgebe, sofort zu werten und zu entscheiden: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Ich übe nun, erst einmal aus- und innezuhalten. Zu sehen, was ist. Und zu warten, was wird. Ich denke, das kann auch eine Lektion aus dem Gleichnis Jesu vom Unkraut unter dem Weizen sein: Erst einmal warten und genau hinsehen, nicht schon gleich loshasten und alles ausreißen, was ich für Unkraut halte. Wieviel Schaden entsteht aus diesem Übereifer, alles sofort zurechtzustutzen, was mich gerade stört! Und wieviele Überzeugungen, die ich mit großem Ernst und Leidenschaft vertreten habe, habe ich inzwischen wieder ad acta gelegt? Was zeigt sich, wenn ich still halte? Was steckt zum Beispiel noch alles in der Wut, die irgendwer oder irgendwas bei mir auslöst? Und wie ändert sich das, wenn ich mir die Zeit dafür gebe, noch etwas länger hinzusehen?

Mit Gleichgültigkeit hat das freilich nichts zu tun. Das Buzzword Ambiguitätstoleranz macht derzeit die Runde. Vielleicht ist es gut, daran zu erinnern, dass diese Offenheit für den Widersinn vor allem eine innere Haltung ist, die man üben kann und kultivieren muss. Also nicht in erster Linie ein intellektuelles Konzept, das man zur Kenntnis nimmt und das sich so eben mal einfordern oder anknipsen lässt. Natürlich kann man nicht alles immer offen und unentschieden lassen. Aber wenn Überzeugungen reifen dürfen, tragen sie vielleicht auch länger und weiter.

Momentan werde ich oft gefragt, wie es mir nach einem guten halben Jahr auf der neuen Stelle geht. Das kann zum Vergleich verleiten: War es früher besser? Oder wäre ich vielleicht anderswo besser aufgehoben? Beim vorletzten Aufenthalt in HohenEichen habe ich über die Geschichte von Maria und Martha meditiert und den Satz Jesu: »Maria hat das gute Teil erwählt«. Jesus sagt nicht »besser«, er wählt nicht den Komparativ. Und ich stelle für mich fest, es geht gut. Hier und jetzt. Das reicht völlig aus für die nächste Zeit.

Warten, was wird

Der kontemplative Weg wird für mich von biblischen Worten und Bildern gesäumt. Zum Beispiel, dass Gott mir den Tisch deckt im Angesicht meiner Feinde – Menschen und Situationen, die mir zusetzen. „Lade sie doch ein“, lautete die überraschende Antwort meines geistlichen Begleiters in einem solchen Moment. Das hat gut funktioniert. Ich muss gar nicht kämpfen. Und sagt nicht Ex 14,14 – »Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein« – quasi dasselbe? Mit diesem Wort begannen vor 14 Tagen die Exerzitien in HohenEichen.

Manchmal kehren in der Stille alte Themen und Fragestellungen zurück. Anfangs fand ich das irritierend. Nun merke ich mehr und mehr, dass es sich wie in einer Spirale verhält: Die Beschäftigung mit den Dingen findet auf einer anderen Ebene statt. Andere Sichtweisen und Lösungen werden damit möglich.

Oft ist Kontemplation ein Ausharren. Treu dabei zu bleiben, wenn Druck von außen und innen spürbar ist. Immer wieder das wandernde oder leidende Herz zurückzuholen. Aber das allein wäre zu wenig. Es ist ein erwartungsvolles »Harren« auf den einen, lebendigen Gott. Und als solches steht es, gerade in schwierigen Zeiten, unter einer großen Verheißung:

… die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden.

Jesaja 40,31

Atemzüge und Flügelschläge

Es ist ein bisschen paradox. Ich sitze mit vollem Bodenkontakt in der Gegenwart und Wirklichkeit. Und dann schwingt sich mein Herz ganz unvermutet auf. Es lässt sich fast mühelos bis zu einem Punkt tragen, von dem aus sich meine Situation wie Puzzleteile ordnen und zusammenfügen lässt. Das hat nichts mit Überheblichkeit und Überlegenheit zu tun. Aber viel mit Ehrfurcht und Dankbarkeit. Jeder aufmerksame Atemzug ist wie ein Schlag mit geschenkten Flügeln eines Adlers, der im warmen Aufwind seine Kreise zieht.

Zurück zum Anfang: Die Redewendung „Fly by the seat of your pants“ bedeutet im Englischen so etwas Ähnliches wie „sich Hals über Kopf in ein Abenteuer stürzen“. Von außen betrachtet sieht der kontemplative Weg recht undramatisch aus. Innerlich ist das freilich eine ganz andere Sache – das wussten schon die Wüstenväter. Und wenn ich ab und zu erzähle, dann merke ich, wie allein schon der Gedanke an Stille bei manchen Unbehagen auslöst. Oder diese Mischung aus Faszination und flauem Magen, die bei mir am Anfang stand.

Es kann wundersam beflügelnd sein, sich auf den Hosenboden zu setzen.

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