Naturverbundenheit und Spiritualität

Wie naturverbunden sind wir Menschen, und wie unterscheidet sich das von einem Land zum anderen? Wissenschaftler:innen haben das untersucht. Nepal führt die Liste an, es folgt der Iran – was ich schon überraschend fand (die Erklärung der Forschenden folgt unten). Kroatien und Bulgarien schaffen es als einzige europäische Länder in die Top Ten.

Am Ende der Liste von 61 Ländern, in den Bottom Ten quasi, finden sich deutlich mehr Europäer: In absteigendender Reihenfolge stehen da Russland, Irland, Großbritannien, die Niederlande, Deutschland und, ganz unten, Spanien. Wer hätte das gedacht. Wir sind längst nicht so grün, wie wir denken (oder wie manche so lauthals beklagen).

Der Guardian schreibt dazu: "Naturverbundenheit ist ein psychologisches Konzept, das erforscht, wie eng die Beziehung eines Individuums zu anderen Spezies ist. Studien haben herausgefunden, dass Menschen mit einer hochgradigen  Naturverbundenheit ein größeres Wohlbefinden genießen und sich mit größerer Wahrscheinlichkeit umweltfreundlich verhalten. Ein geringes Maß an Naturverbundenheit erwies sich – neben der Ungleichheit und dem Vorrang des materiellen Gewinns einzelner  – als eine von drei Ursachen für den Verlust von Biodiversität."

Warum der Perspektivwechsel so zäh voranschreitet

Der Befund erklärt, warum Klima-, Umwelt- und Artenschutz bei uns politisch so schwer durchzusetzen sind: Wohlstand ist bei uns ausschließlich finanziell, materiell und quantitativ definiert. Die Interessen der Wirtschaft (sprich: die Vermehrung von Kapital) haben in der Regel Vorfahrt. Dass es bei uns und z.B. auch im Vereinigten Königreich viele Projekte und Initiativen zum Naturschutz gibt, ändert auch nichts an der schlechten Bilanz.

Interessant und diskussionswürdig fällt die Ursachenforschung der Autor:innen aus: Spiritualität und Religiosität werden als Schlüsselfaktor dafür genannt, dass Menschen eine Verbindung zu ihren Mitgeschöpfen empfinden und sich in ihrem Handeln davon beeinflussen lassen. Das gilt für ganz unterschiedliche Religionen. „Konfessionelle“ Unterschiede (Protestanten/Katholiken/Orthodoxe bzw. Schiiten/Sunniten) werden dabei nicht untersucht, auch nicht der drittletzte Platz des Staates Israel – das alles wäre sicher noch spannend.

Sacred Urban Nature

Ein Kulturwandel ist erforderlich, sagt Professor Miles Richardson von der Universität Derby dazu im Guardian. Nicht nur, um die gefährdete Natur zu retten, sondern um der inneren und äußeren Gesundheit der Menschen willen. Nicht nur das Verhalten muss sich ändern, sondern das Fühlen, Empfinden und der Blick auf uns selbst und unser Verhältnis zu allem, was lebt – allem, was keine Maschine ist. Richardson fragt daher: „How do you create sacred urban nature? It’s easy to build a park but it needs to go deeper than that.“ Grünanlagen allein reichen

Bischof Graham Usher aus Norwich, der Heimat von Dame Julian, umweltpolitischer Sprecher der Church of England, verweist auf Jesusworte zu Lilien auf dem Feld und Vögeln am Himmel und auf die heilsame Wirkung von Naturerleben, auf Waldkindergärten und Wild Church.

Erheblicher Nachholbedarf

So weit, so richtig. Aber weder der Bischof noch der Guardian thematisieren die jahrhundertelange Komplizenschaft christlicher Theologie und Akteure bei der neuzeitlichen Objektivierung, Plünderung und Ausbeutung der Natur durch Mensch und Kapital.

Dieser Nachholbedarf besteht auch (und vielleicht erst Recht) bei uns Evangelischen in Deutschland. In den letzten Wochen habe ich immer wieder mal Menschen in kirchlicher Führungsverantwortung gefragt, ob mein Eindruck stimmt, dass unsere Haltung und unsere Aussagen zur Demokratiekrise viel klarer und engagierter ausfallen als zur Klimakatastrophe und zum Artensterben. Niemand hat widersprochen. Vor Kritik an einer Wirtschaft und einer Politik, die unsere Lebensgrundlagen zerstört, scheuen unsere Pressestellen und Repräsentanten immer noch ängstlich zurück. Wenn sie die Notwendigkeit überhaupt anerkennen. Und auch in den Kirchen ist Natur- und Klimaschutz aus Kostengründen oft massiv eingeschränkt.

Dabei wäre ein entschiedenes Eintreten für einen Bewusstseinswandel genauso wichtig wie die Positionierung gegen Rechts.

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