Heimweh ohne Verreisen

Ich habe ein neues Wort gelernt: Solastalgie. Das ist die Trauer, die manche Menschen empfinden, wenn sie die Klimaschäden und das Artensterben in ihrer gewohnten Umgebung vor Augen haben. Nicht nur die Nadelbäume verdorren gerade in den Wäldern, selbst die mächtigen Eichen und Buchen sterben. Bäche und Tümpel trocknen aus oder kippen um, Tiere verlieren ihren Lebensraum. 

Photo by Meritt Thomas on Unsplash

Naturliebhaber erwischt der Klimakummer besonders hart, aber es reicht auch der Blick auf die Bäume an den Straßen und die Grünanlagen unserer Städte. Ich erinnere mich, wie vieles, was jetzt ums Überleben kämpft, vor wenigen Jahren noch relativ gesund war. Und frage mich im selben Moment, wo das alles noch hinführen soll. Mal fühle ich mich dann hilflos und niedergeschlagen, mal traurig, mal wütend. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, das funktioniert anno 2020 nur noch ganz punktuell. Es ist wie Heimweh ohne Ortswechsel, weil die „Heimat“, die ich vermisse in der Vergangenheit liegt. Die Uhr lässt sich nicht mehr zurückdrehen.

Was hilft gegen die Depression? Mit anderen Menschen darüber zu reden, denen es ähnlich geht. Gott im Zwiegespräch meinen Kummer über den Zustand seiner Schöpfung zu klagen. Und gemeinsam mit anderen auf die Barrikaden zu gehen. Wenn die Trauer das bewirkt, dass wir zusammenfinden und uns verbünden, dann hätte die Solastalgie – der Klimakummer – doch noch einen Sinn. 

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