Zum Heulen…

Nach der verlorenen Wahl herrscht trübe Stimmung bei den US-Republikanern. Romney – jetzt darf er ja – klagt schon wieder über die ominösen 47% seiner Landsleute und der Rest der Garde findet, das ist nicht mehr ihr gutes, altes Amerika, wenn eine Wahl so ausgehen darf. So viel Selbstmitleid ist ein gefundenes Fressen für Comedians wie Jon Stewart, der gleich eine kleine, aber sehr feine Geschichtsstunde draus macht:

In der Zwischenzeit macht sich Jim Wallis hier Gedanken darüber, dass „evangelikal“ nicht mehr automatisch synonym ist mit der Religiösen Rechten. Bis die Erkenntnis sich durchsetzt, wird es aber vermutlich noch dauern.

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Wohin mit ihm?

Der Evening Standard beleuchtet den Hintergrund des neuen Erzbischofs von Canterbury, Justin Welby. Er wird als neues „Alphatier“ der Anglikanischen Kirche betitelt, nicht zuletzt auch deshalb, weil der Umbruch vom Ölmanager zum Theologen erfolgte, während er dort Gemeindeglied und ehrenamtlicher Mitarbeiter von Holy Trinity Brompton (bekannt für „happy clappy services“ und „squeaky clean living“, wie der Autor süffisant anmerkt) war – und dort an einem Alpha-Kurs teilgenommen hatte.

Aber es scheint nicht so leicht zu sein, den Neuen in eine bestimmte Schublade zu stecken. Für die einen ist er ein „posh Evangelical“ (nicht postevangelikal!), für ganz Konservative ist er womöglich aber schon wieder zu liberal, weil er Frauen ordiniert, demnächst wohl auch die erste Bischöfín der C of E.

(Nachtrag: vom Duktus her ganz ähnlich ist dieser Beitrag im Guardian)

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Lumpen und Heilige

Wir verändern die Welt – das ist viel leichter gesagt als getan, oft scheitern wir schon am eigenen Verhalten. Ob es nun die Krisen in der EU ist oder die Herausforderungen für Obamas zweite Amtszeit in den USA sind, ob es sich um eine Institution handelt oder eine Weltanschauung, oft sind Zwischenschritte nötig – und dann sind die Puristen und Perfektionisten unter den Reformern enttäuscht, dass man nicht mit einem großen Wurf alles komplett neu macht.

Warum das mit dem großen Wurf oft keine gute Lösung ist, das liegt wieder an den beteiligten Menschen. Mary Catherine Bateson kommentiert mit klarem Blick, was Umkehr und Umlernen in diesen Fällen bedeutet:

Es braucht viel Zeit und eingehende Erfahrung, um das rückgängig zu machen, was wir eingepflanzt haben. Wenn wir die Menschen gelehrt haben, Lumpen zu sein, können wir nicht sofort ein System errichten, das für Heilige passt, weil die Lumpen die Veränderung ausnutzen würden. …

In allen menschlichen Angelegenheiten gibt es eine Verzögerung, eine Klebrigkeit oder Zähigkeit. Und es braucht, glaube ich, mehr Zeit, unsere Irrtümer zu korrigieren, als sie zu begehen.

Wo Engel zögern. Unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen, S. 100f.

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Nochmal: Freiheit

Vor ein paar Tagen habe ich hier drei Sätze über die Freiheit gepostet. Eben habe ich auf Zeit Online in einem Beitrag von von Thomas Assheuer die folgenden Sätze gelesen, die, wie ich finde, dazu sehr gut passen:

Freiheit, sagt der erwähnte Pastor Terry Jones, sei nur etwas wert, wenn man »Dinge sagen kann, die andere nicht mögen«. Dieser triviale Satz ging um die Welt, denn er klingt so, als sei die westliche Freiheit umso freier, je mehr sie den anderen verletzt. Aber das wäre keine Freiheit, sondern Unfreiheit, denn sie kalkuliert mit der Empörung des anderen, sie braucht den Ausschluss und die Abgrenzung, um sich in ihrer irdischen Göttlichkeit selbst zu bestätigen.

Es stehen noch eine ganze Reihe kluger Gedanken in diesem Text über Religion, Meinungsfreiheit und die globale Öffentlichkeit – allein schon die gelungene Problemanzeige einer „Selbstbestätigung der Freiheit durch kalkulierte Fremdverletzung“. Die fünf Minuten Lesezeit sind gut angelegt!

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Beschämende Bestandsaufnahme

Die SZ nimmt sich den Armutsbericht der Bundesregierung vor. Während dem Staat immer mehr das Geld ausgeht (auch weil er für private Verluste haftet, und zwar nicht die der Geringverdiener…), besitzen die zehn Prozent der Reichen die Hälfte allen Privatvermögens, die 50% am unteren Ende der Einkommensskala teilen sich ein Prozent vom Kuchen.

Dazu passt die Nachricht vom neuesten Bock, den Mitt Romney schon wieder geschossen hat, wiederum blendend. Der erwartet sich von den 47% der US-Amerikanern nichts, die angeblich keine Einkommensteuer zahlen, und sagt das auch ganz direkt und „unelegant“ vor potenten Geldgebern. Es scheint ziemlich riskant zu sein, den Mann frei reden zu lassen – dann sagt er offenbar, was er denkt: dass nämlich knapp die Hälfte seiner Mitbürger der irrigen Ansicht sei, sie hätten Anspruch auf Essen, medizinische Versorgung und ein Dach über dem Kopf, dass sie keine Verantwortung für sich selbst übernehmen, sondern das alles dem Staat und Obama überlassen.

Hoffen wir also, dass ein signifikanter Teil der verbleibenden 53% der US-Bürger Romney seine Verachtung der Armen übel genug nimmt, um ihm im November die Stimme zu verweigern. In Deutschland ist erst nächstes Jahr wieder Wahl, und die Arroganz des Geldadels ist ja durchaus ein transatlantisches Phänomen.

Soll heißen: Um das alte Reizwort der „Umverteilung“ wird man dabei wohl nicht herumkommen. Sie existiert seit langem, nur verläuft sie eben, scheinbar von selbst, ganz einseitig in die falsche Richtung. Immer noch anzunehmen, das sei im Wesentlichen ein Resultat individueller Leistung, scheint inzwischen reichlich absurd. Im Kommentar von Heribert Prantl steht dazu:

Der Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes ist keine Jugendsünde der Bundesrepublik. Dieser Artikel ist auch kein sozialistischer Restposten. Er ist das vergessene Fundament des deutschen Sozialstaates. Er ist von erhabener Kargheit: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.“

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Herbstsonntagslektüre

Meteorologisch ist der Herbst schon da, und wer heute zur Einstimmung auf fallende Blätter und dunklere Abende ein paar nachdenkliche Sachen lesen möchte, während der Himmel draußen grau bleibt, kommt zum Beispiel hier auf seine Kosten:

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Helden und Heilige

Andrea Roedig schreibt bei Der Freitag über das immer beliebtere Genre moderner Heldenerzählungen. Das Thema hat mich hier ja auch ab und an schon beschäftigt. Vielleicht liefert die Olympiade ja neue Dramen. Dabei kommt alles darauf an, wie hier erzählt wird. Roedig beschreibt die neue Faszination des Journalismus für die Lichtgestalten unserer Zeit so:

Kennzeichen des Heroen sind Exzeptionalität, Mut und Größe. Der Held ist außergewöhnlich durch Kraft, Genie oder eine besondere Gabe. Seinen Mut beweist er im Kampf gegen Widerstände und Mächte. Immer verläuft seine Entwicklung am narrativen Faden von siegreich zu überwindenden Schwierigkeiten. Und groß wird der Held, weil er sich übersteigt. […]

Der Held ist kein Beamter, kein Angestellter, er ist kein Stratege und auch nicht unbedingt ein Demokrat. Vor allem aber ist er eines nicht: ein Opfer. Er siegt, und wenn er unterliegt, dann klagt er nicht, er nimmt den Schmerz auf sich als notwendigen Preis für sein Ziel und den Ruhm. „The Trick is: not minding that it hurts“, erklärt Lawrence of Arabia einem Untergebenen, der sich zu lautstark an einem Streichholz verbrennt. Besser kann man die Essenz des Heroischen nicht definieren.

Dass Helden wieder Konjunktur haben, liegt an den gesellschaftlichen Verhältnissen: Aus der Aufstiegs- ist eine Abstiegsgesellschaft geworden. Allzu oft hat der Tüchtige kein Glück, während zugleich allzu viele Glückspilze alles andere als tüchtig sind. Die neoliberale Botschaft an den Normalo heißt: Durchhalten und den Schmerz ignorieren; es ist immer noch alles möglich, der tatsächliche Erfolg steht aber unter dem Vorbehalt eben jenes launischen Schicksals, das die volatilen Märkte regiert. Den Blick auf jene, die es in den Olymp geschafft haben (oder dort geboren wurden), sollte man trotzdem nicht abwenden – etwa, indem man kritisch den Preis hinterfragt, den man für den Aufstieg zu zahlen bereit ist.

Sind das am Ende säkularisierte Hagiographien, mit denen wir es hier zu tun haben? Legen Helden wie Heilige einen beschwerlichen Weg zurück, erdulden beide eine schmerzhafte Passion, werden beide zum Modellfall von Tugendhaftigkeit, vollbringen beide uneigennützig Wunder, indem sie für sich und andere Unmögliches möglich machen?

Es wäre eine interessante Aufgabe (sucht vielleicht noch jemand ein Thema für eine Diplom- oder Masterarbeit?!?), einmal alle christlichen Blogposts zum Tod von Steve Jobs auf solche Korrelationen zu untersuchen, wie man sie zwischen Heldenmythen und Heiligenviten schon erforscht hat. Und dann nach Kriterien theologischer Kritik an diesem Narrativ und seinen Adaptionen zu fragen:

  • Darf man beispielsweise Paulus‘ eschatologisch motivierte Gedanken über den Gratifikationsaufschub des Wettkämpfers in 1.Korinther 9 auf den Kontext eines weltlichen Erfolgs und Ruhmes übertragen?
  • Sind die Gründer von Megachurches, die gefragten Konferenzredner und Bestseller-Autoren solche Kultfiguren?
  • Wie lässt sich das Neue Testament so auslegen, dass es Menschen gegen zweifelhafte Ideale von Erfolg immunisiert, die nur wie die berüchtigte Karotte vor dem Maul des Esels baumeln, der den Karren anderer zieht?

Diese Vertröstung auf später wurde ja oft den christlichen Kirchen vorgeworfen, die tatsächlich in verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte mehr an möglichst gefügigen Untertanen interessiert waren als an einer Veränderung ungerechter Verhältnisse. Roedig wendet die Hermeneutik des Verdachts nun gegen eine Gesellschaft, in der das „unternehmerische Selbst“ postuliert und zunehmend die soziale Position vererbt wird, in der Heldenmythen den Status Quo eher sichern als in Frage stellen:

Wo gesellschaftliche und ökonomische Verhältnisse wie unbeherrschbare Naturgewalten erscheinen, braucht man die alten Geschichten. Der Mythos blendet und er tröstet, in ihm treffen sich Ideologie und Katharsis.

Es steckt also auch ein resignatives Element in diesen Geschichten. Vielleicht ist das auch ein Zeichen der Hoffnung, dass um viele „Heilige“ herum Gemeinschaften entstanden sind, die Jahrhunderte überdauert haben, nicht nur Firmen, Kapital und Medienhype. Und vielleicht ist bei einer/einem „Heiligen“ das Kriterium vor allem dies, dass sie/er einer bestimmten Berufung treu geblieben ist, egal mit welchem zählbaren Erfolg.

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Postmodernes Abendlied

When the calls and conversations
Accidents and accusations
Messages and misperceptions
Paralyze my mind

Busses, cars, and airplanes leaving
Burnin‘ fuel and gasoline and
And everyone is running and I
Come to find a refuge in the

Easy silence that you make for me
It’s okay when there’s nothing more to say to me
And the peaceful quiet you create for me
And the way you keep the world at bay for me

Dixie Chicks

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Sweet little lies

Zeit Wissen interviewte jüngst den Psychologen Robert Feldman, der sich mit der Rolle von Lügen in menschlicher Kommunikation auseinandersetzt. Lügen definiert der dabei als Aussagen, die der eigenen Wahrnehmung der Realität widersprechen. Für knallharte Moralisten eine schwere Lektüre: Denn vieles ist (das zeigt etwa der Vergleich mit fernöstlichen Kulturen) kulturell bedingt, und so haben längst nicht alle Lügen negative Auswirkungen, sie werden nicht einmal bemerkt:

… die meisten sozial kompetenten Menschen praktizieren das Lügen unbewusst als eine wirksame Technik. Es geht in ihr natürliches Repertoire ein. So natürlich, dass sie oft gar nicht merken, dass sie lügen.

Mein Eindruck ist, dass man in den angelsächsischen Ländern oder auch in der Schweiz mit Kritik etwas zurückhaltender und indirekter ist als bei uns. Aber auch hier gilt Feldmanns Beobachtung:

wenn es darum geht, im Alltag mit anderen Menschen auszukommen, macht man sich das Leben sehr schwer, wenn man diesem Ideal strikt folgt. Wer stets unverblümt die Wahrheit sagt, ist meist unbeliebt. […] Weniger beliebte Menschen sind nicht so sensibel dafür, was ihre Gesprächspartner hören wollen, daher sind sie eher verletzend. Gute Lügner sind sympathischer.

Freilich können auch die freundlichen Lügen, die zum Schmierstoff der Kommunikation werden, sich auf Dauer negativ auswirken: Erstens verliert man ohne ehrliche Rückmeldungen das Gespür dafür, wie man auf andere wirkt, zweitens verstrickt man sich gerade in den langjährigen Beziehungen zunehmend in Unwahrheiten – der klassische Stoff für Sketche über alte Ehepaare.

Lügen ist erlernt. Schon Kinder entdecken, dass es keineswegs immer erwünscht ist, dass man die Wahrheit sagt, und dass es positive Konsequenzen haben kann, wenn man so geschickt lügt, dass man nicht erwischt wird. So kann dann leicht das Dilemma eintreten, dass „die Wahrheit“ zwar allenthalben lautstark gefordert wird, aber dann trotzdem jeder ahnt oder weiß, welche Wahrheiten man in welcher Umgebung auf keinen Fall sagen sollte. Eine positive Kultur der Wahrhaftigkeit ist also eine Lebensaufgabe.

Noch etwas komplexer wird die Wahrheitsfrage in diesem Text von Vaclav Havel beleuchtet (danke, Arne!)

Den passenden Song dazu liefert Fleetwood Mac…

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Urbaner Geist

Der israelische Forscher Avner de-Shalit spricht in diesem kurzen uns interessanten RSA-Video über den jeweiligen „Geist“ einer Stadt, und meint damit den Charakter und das unverwechselbare Flair unterschiedlicher Metropolen. In dem Maße, wie Nationalstaaten an Bedeutung und Integrationskraft einbüßen, nimmt der Stellenwert der Städte zu.

Manche Methoden zur Erkundung, die de-Shalit beschreibt, kann auch jede Gemeinde einsetzen.

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Der vergessene Lottoschein

Nicht nur als mehr oder weniger witziger Sketch, sondern auch als mehr oder weniger abgedroschenes Predigtbeispiel ist mir früher immer wieder der Fall begegnet, dass man, um in einer Lotterie zu gewinnen, seinen Schein auch wirklich abgegeben und den Einsatz bezahlt haben muss. Nur dann kann auch die ersehnte Benachrichtigung über den Gewinn ins Haus flattern.

Wie so viele andere Dinge hat sich auch das im Internetzeitalter geändert. Nun werde ich jede Woche angeschrieben, weil ich in einer Lotterie irgendwo „gewonnen“ habe, bei der mitgespielt zu haben ich mich gar nicht erinnern kann. So ändern sich die Zeiten.

Was gleich bleibt: Bei jeder Lotterie gewinnt unterm Strich die Bank. Oder der Spammer.

Und neue Predigtbeispiele sind sowieso immer eine gute Idee.

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Voll im Flow

Gestern hatte ich endlich Zeit, den Dokumentarfilm Work Hard – Play Hard von Carmen Losmann zu sehen. Er zeigt den alltäglichen Wahnsinn der Büro- und Personaloptimierer – ob das nun Consultants sind, Architekten, Vertreter von Personalsoftware oder Teamtrainer in Kletterguten. Die FAZ schreibt im Feuilleton ganz treffend über frische Farben und Kaffeenischen:

Man soll sich wohl fühlen, ohne faul zu werden, konzentriert und effektiv arbeiten, aber dabei einen „Flow“ bekommen, weil man sich in diesem Zustand am besten selbst ausbeutet.

Dieser innere Zwang zu Selbstausbeutung, der durch all die Manipulationen des Arbeitsumfelds ausgelöst wird, kommt wirklich gut heraus. Ein Film, den man unbedingt sehen sollte. Nicht wegen des vordergründigen Enthüllungscharakters, er zeigt ja keine Geheimnisse, die verdeckt gefilmt werden mussten. Die Akteure treten sich ja freiwillig auf.

Dennoch wird hier ganz allmählich und leise sichtbar, dass in der Branche zwar viel vom Menschen geredet wird, aber immer nur der Profit gemeint ist. In der Einstiegssequenz über den Neubau von Unilever in Hamburgs Hafencity fordert der Boss in einer grandios uninspirierten Rede eine Verdoppelung des Umsatzes (oder war’s der Gewinn?). Und niemand fragt, ob der alle Tassen im Schrank hat.

Symptomatisch für diese Kombination aus Huxley und Orwell ist vielleicht die Szene, wo bei einem Teamtraining die Crew mit verbundenen Augen durch einen Tunnel robbt, um sinnlose Aufgaben zu erledigen, und der Chef mit den Trainern alles über den Monitor beobachtet und seine Rückschlüsse daraus zieht. Einen Orden für Mut und Ehrlichkeit verdient hat dagegen die Postangestellte, die (nach Einführung des LEAN-Programms) dem Teamleiter auf die Frage, wie der gestrige Tag so verlief, antwortet: „Gut – da war ich auch nicht hier.“

Vielleicht lag es an den Sachen, die ich in den letzten Tagen gelesen habe, aber als ich aus dem Filmhaus kam, habe ich mich gefragt: Hat schon jemand darüber nachgedacht, wie eine Befreiungstheologie für die Frondienstleistenden der schönen neuen Firmenwelt aussehen müsste? Ich muss vielleicht mal bei Walter Brueggemann nachlesen…

Frage zum Schluss: Kann man eigentlich Christ sein und Unternehmensberater? Und wenn ja, was bedeutet das ganz konkret für das Berufsethos? Oder wird man unweigerlich, auch mit den besten Vorsätzen, zum Komplizen derer, die auch noch das letzte Quäntchen Leistung aus ihren Leuten herauszupressen versuchen, weil man ein unmenschliches System stabilisiert, statt es zu bekämpfen?

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Nicht jede Hilfe hilft

Die Zeit hat neulich den Kenianer James Shikwati interviewt, der sich neben anderen ernsthaften Stimmen aus Afrika schon vor Jahren sehr kritisch zur Wirkung der Entwicklungshilfe in Afrika geäußert hat – und das auch weiter tut. Die (Hinter-)Gründe dafür erläutert er so:

Das Betriebssystem der afrikanischen Köpfe, die Software, ist korrumpiert worden durch die Entwicklungshilfe-Industrie, wie wir sie kennen. Zu denken, man lebe auf einem armen Kontinent, obwohl man natürliche Ressourcen hat, um die die reichen Länder kämpfen, ist ein Resultat dieser geistigen Korruption. Es ist die ganze Idee der Entwicklungshilfe, dass man sich hilfsbedürftig fühlt, obwohl man eigentlich alles hat, um selber mehr Einkommen zu generieren.

Die Kritik gilt aber auch den Regierenden in Afrika:

An den sogenannten Regierungen in Afrika. Wie wurden diese eingesetzt? Sind sie eine Fassade, die von den Kolonialherren vor ihrem Abzug etabliert wurde? In Wahrheit sind sie einfach eine Clique von Eliten, die den Interessen der reichen Länder dient und die die afrikanische Bevölkerung als ihre Gegner ansieht. Und die Entwicklungshilfe stützt diese Fassaden-Regierungen. Ein weiterer Punkt ist: Schauen Sie mal auf das globale Wirtschaftssystem. Afrika verschickt Rohstoffe – Erze, Kaffeebohnen – in die reiche Welt, wo dann die eigentlich profitable Weiterverarbeitung betrieben wird. Und von dieser riesigen Mehrwertschöpfung kriegen wir einen kleinen Teil als Entwicklungshilfe zurück.

Just diese Woche kamen zu diesem Thema wieder schlechte Nachrichten. Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf wird Vetternwirtschaft vorgeworfen. Aber davon einmal abgesehen – welche Hilfen können und sollen Europäer denn tatsächlich sinnvollerweise leisten in Afrika? Trifft Shikwatis Kritik auch auf die Arbeit humanitärer und kirchlicher Organisationen zu (die oft nicht mit den Regierungen, sondern mit Partnern an der Basis arbeiten), wäre das also ein anderes Thema als staatliche Entwicklungshilfe? Oder erzeugt doch schon die Hilfe an sich ungesunde Abhängigkeit, jedenfalls in den Köpfen, so dass es zu dem Effekt kommt, den er im Interview beschreibt: Alle verlassen sich auf die Feuerwehr und deshalb fragt kaum jemand, warum es ständig brennt?

Leonardo Boff hat schon vor 25 Jahren den „Assistenzialismus“ als unzureichend kritisiert, weil mit vielen Hilfsaktionen (Essen, Kleider, Medikamente) zwar einzelnen Menschen geholfen wird, das Volk aber doch immer Objekt der Mildtätigkeit anderer bleibt. Ebenso reicht der „Reformismus“ nicht aus, der zwar den Fortschritt allgemein oft fördert, aber die gesellschaftlichen Strukturen nicht so verändert, dass alle, auch die Armen, vom Wachstum profitieren. Reich werden nur die Eliten.

Wie problematisch die Prämissen mancher gut gemeinter Aktionen sind (und wie fatal deren Folgen sein können), zeigt auch die aktuelle Diskussion über „Kony 2012“, zu der Julia Leininger – ebenfalls in der Zeit – heute schreibt:

Invisible Children pflegt dabei ein Afrikabild, das dem ganzen Kontinent schadet: Angesichts eines scheinbar unkontrollierbaren Chaos, ausgelöst von Individuen, die offensichtlich das Böse verkörpern, benötigt es eine von den Vereinigten Staaten angeführte militärische Kampagne, um diese grenzenlose Brutalität im „Herzen Afrikas“ zu stoppen.

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Die Ergründung des Unergründlichen

Am Wochenende habe ich in der SZ den Artikel Höher als Gott. Die Ketzerei des Fundamentalismus von Matthias Drobinski gelesen. Er habt sich in mehrfacher Hinsicht sehr positiv von vielem ab, was zu dem Begriff sonst oft in unseren Medien so gesagt wird. Drobinski gelingt es, das Phänomen Fundamentalismus als ein typisch modernes zu erfassen und so differenziert zu beschreiben, dass er dabei weder verharmlost noch karikiert, dramatisiert oder diffamiert. Einzig zu den Pfingstkirchen fehlt ein Hinweis, dass es auch dort natürlich beides gibt: fundamentalistische und nichtfundamentalistische Denker.

Ich bin offensichtlich nicht der einzige, den das Thema bewegt hat. Auf die Gefahr hin, hier der „Lobhudelei“ verdächtigt zu werden, möchte ich kurz ein paar Punkte antippen, die die weitere öffentliche Debatte befruchten könnten (und hoffentlich auch werden). Fundamentalismus ist für Drobinski ein typisch modernes Phänomen, von dem man sich gar nicht so leicht überheblich distanzieren kann:

Fundamentalismus ist modern. Er ist ohne die Moderne nicht vorstellbar und die Moderne nicht ohne ihn. Er wohnt in uns Individualisten, weil er eine höchst individuelle Angelegenheit ist. Wir tragen ihn in uns, unauslöschlich, als abgründigen Teil der eigenen Freiheitsgeschichte, deren anderer Abgrund die Auflösung aller Grundsätze in endgültiger Vorläufigkeit ist.

Er ist uns eigentümlich vertraut, umso mehr, je mehr wir unsere eigenen Götter erschaffen. Denn das tut der Fundamentalismus auch. Und manchmal ist er dabei intelligenter als die durchschnittlich bornierte Alles-egal-Liberalität.

Das Moderne liegt auch darin, dass man versucht, die Ambivalenzen des geistlichen, gemeindlichen und alltäglichen Lebens aufzulösen, indem man auf eine Klarheit und Eindeutigkeit drängt, die in dieser Radikalität neu war:

Man kann sie sich kaum unterschiedlicher vorstellen, die amerikanischen Erweckungsprediger, jüdischen Heiliglandträumer, Islamisten. Und doch einte sie viel: Sie heiligten die Schrift. Sie teilten die Welt in Gut und Böse ein, sie verachteten das Unentschiedene des Liberalismus. Sie waren antistaatlich und antiinstitutionell, setzten auf die kleine Gruppe, die persönliche Erfahrung, die radikale Entscheidung. Sie gaben vor, das Ursprüngliche wieder zur Geltung bringen zu wollen – und brachen doch radikal mit den Traditionen ihrer Religionen.

Während die Aufklärung diese Ambiguität zum Anlass nahm, eine Abkehr vom Dogma zu fordern, schlugen die Fundamentalisten den entgegengesetzten Weg ein. Ähnlich den eifernden Reformpäpsten vor 1.000 Jahren wollen sie das Leben einem möglichst absoluten Dogma unterwerfen, in dem ein Gott sich restlos entschlüsselt hat, dessen größte Abneigung den Unentschlossenen gilt. Das zwingt sie zum Ausschluss alles Fremden im Namen der Reinheit:

Es gewinnt, wer sich abgrenzt, weltweit. In Afrika, Lateinamerika und den Ländern Asiens ist das so – weil Abgrenzung und Profilschärfe im Kampf der Religionen um Menschen, Einfluss und geistige Ressourcen die größte Durchschlagskraft erzielen. Im reichen Westen ist das so – weil untergeht, wer sich nicht unterscheidet.

Dieser Zwang zur Häresie, wie es bei Peter L. Berger heißt, oder die „Individualismusfalle“, wie Drobinski es nennt, äußert sich immer öfter auch als „Lebensabschnitts-Fundamentalismus“ einseitiger Bewegungen, die gar nicht unbedingt religiös sein müssen, so lange sie nur radikal sind. Was er aber nicht leisten kann und will, ist die Integration einer pluralen Gesellschaft und ihrer Spannungen und Gegensätze. Fundamentalismus polarisiert auf Kosten der Gemeinsamkeit, und in dieser Hinsicht ist er gesellschaftlich gesehen parasitär und destruktiv. Wer nicht mitmacht, gerät in einen doppelten Zwang zur Rechtfertigung.

Grund zur Hoffnung sieht Drobinski nicht in gesellschaftlichen Mechanismen – die scheinen den Fundamentalisten eher in die Hände zu spielen. Er sieht sie aber im Zentrum des christlichen Glaubens begründet, in der Auferstehung:

Der lebendige Gott, überhaupt jedes lebende Sinngebäude, lebt vom Fremden, davon, dass es unergründlich bleibt, weil das Leben unergründlich und nicht steuerbar ist – nur so kann es lebendig sein, traurig und glücklich, leidvoll und lustig. Ein ausgedeuteter, berechenbarer Gott ist tot, ein Untoter bestenfalls, der sein bisschen Lebenskraft aus denen saugt, die ihm zu Diensten sind. Und das ist ja die Osterhoffnung, die die Christen über die eigene Religion hinaus der Welt verkünden: Das Leben siegt.

Für den Bereich des Islam hat übrigens gestern der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza in der Zeit einen Aufruf zum Widerstand gegen den Säuberungswahn der Wahabiten veröffentlicht. Beten wir dafür, dass er gehört und beherzigt wird!

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Zwischen Apathie und Alarm

In der Passionszeit erinnern wir uns an das Leiden des Messias. Und damit auch an das Leiden derer, die sich mit den Opfern von Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung solidarisieren und so selbst zur Zielscheibe von Gewalt werden, weil sie an eine bessere Welt und an eine höhere Gerechtigkeit glauben. Solche Menschen nennt man – auch wenn verschiedentlich Selbstmordattentäter den Begriff pervertieren wollen – Märtyrer: Menschen, die ihre Überzeugungen gewaltfrei, zugleich aber so aktiv und beharrlich vertreten, dass sie dafür angegriffen werden.

Nun werden auch Christen in etlichen Ländern verfolgt oder gewaltsam unterdrückt. Über Hintergründe und Ausmaße gibt es unterschiedliche Einschätzungen. So hat vor kurzem das Publik Forum die Organisation Open Doors als „alarmistisch“ kritisiert, weil die Zahl von 100 Millionen verfolgten Christen übertrieben sei. US-amerikanische Organisationen aus dem evangelikalen Spektrum, so die Kritik weiter, reden schon einmal von 200 Millionen. In der Tat nannten nicht nur Evangelikale solche Hausnummern, sondern auch Katholiken – und die beriefen sich dabei auf den britischen Geheimdienst MI6.

Interessanter ist vielleicht, was der Artikel über den Konflikt in Nigeria berichtet, der auch bei uns für Aufsehen gesorgt hat. Es geht dabei nicht um einen Religionskrieg. Vielmehr ist es so,

dass der Erzbischof von Jos und zweite Vorsitzende der Bischofskonferenz, Ignatius Kaigama, sein junger Nachbarbischof von Maiduguri, Oliver Dache Dome, und viele andere Oberhirten mit beeindruckender analytischer Klarheit deutlich machen, dass das Wesen der Konflikte nicht eine Feindschaft zwischen den Religionen sei. Erfreulicherweise agierten führende Muslime ähnlich aufklärerisch, besonders Nigerias oberster Muslim, der Sultan von Sokoto.

Neben der Dramatisierung solcher Ereignisse kritisieren die kirchlichen Hilfswerke auch die mangelnde Umsicht mancher Missionare oder Organisationen in islamischen Ländern, deren – so die Kritik – kleine Erfolge anderen große Probleme machen können. Ganz am Ende dann stellt der Bericht fest:

Am härtesten verfolgt werden derzeit weltweit Nichtchristen: Schiiten, Aleviten und die Bahai’s. Verfolgt werden sie zumeist von sunnitischen Muslimen.

Es ist gut und nötig, dass unser Staat sich für verfolgte Christen einsetzt. Und hoffentlich ebenso für alle anderen, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden.

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