Wortversagen

Eine kleine Geschichte von den Wüstenvätern ist mir die letzten Wochen nachgegangen:

Einige Brüder … gingen, um Abba Felix zu sehen und baten, er solle ihnen ein Wort sagen. Aber der alte Mann blieb still. Nachdem sie lange gebeten hatten, sagte er zu ihnen: „Ihr wünscht, ein Wort zu hören?“ Sie sagten: „Ja, Abba.“

Der alte Mann sagte zu ihnen: „Heutzutage gibt es keine Worte mehr. Als die Brüder noch die alten Männer zu Rate zogen und taten, was ihnen gesagt wurde, da zeigte Gott ihnen, wie sie reden sollten. Aber jetzt, wo sie fragen ohne zu tun, was sie hören, hat Gott den alten Männern die Gnade des Wortes genommen und sie finden nichts mehr zu sagen, weil niemand mehr da ist, der ihre Worte ausführt.“

Als sie das hörten, seufzten die Brüder und sagten: „Bete für uns, Abba.“

Sie steht im Parker Palmers wunderbarem Buch To Know as We Are Known: A Spirituality of Education: Education as a Spiritual Journey. Was Palmer dazu alles zu sagen hat, sprengt den Rahmen dieses Posts (aber wer genug Englisch kann, um es sich zu Gemüte zu führen, sollte es unbedingt tun!). Es geht um Haltungen, die Reden und Hören unmöglich machen. Alle verlieren dabei, denn Weisheit ist nie einfach nur eine Einbahnstraße und den Alten, Wissenden zu den Jungen, Unerfahrenen.

Manchmal scheitert das an Oberflächlichkeiten: Bestimmte Leser, erklärte mir etwa neulich ein Verlagsmensch, nehmen grundsätzlich kein Buch in die Hand, das Fußnoten enthält. Da ist eine ganze Welt der Gedanken, von der sie sich ausschließen, weil sie sich überfordert, eingeschüchtert und deshalb auch oft minderwertig fühlen. Zum Gefühl, an die eigenen Grenzen zu kommen, tritt dann das negative Urteil über die, deren Grenzen an anderen Stellen liegen – die erscheinen plötzlich als eingebildete Theoretiker und mit dieser Etikettierung und diesem Pauschalurteil oder Generalverdacht ist jeder Austausch beendet. Man kann diese zugeschlagene Tür nur von innen öffnen. Sie zu öffnen heißt, dem anderen seine Andersartigkeit nicht zum Vorwurf zu machen.

Zugleich trifft die Geschichte auch die Situation der Christen und Kirchen insgesamt in unserer Gesellschaft. Es gibt Momente, wo man ganz deutlich spürt, dass „die Gnade des Wortes“ nicht vorhanden ist und man „nichts mehr zu sagen“ findet. Darüber kann man sich nun mit Bibelzitaten hinweg setzen (immer sehr beliebt: das Evangelium müsse „zur Zeit und zur Unzeit“ gepredigt werden). Also: Nicht innehalten und warten, sich nicht in Frage stellen, einfach stur weiter machen. Etliche dieser Prediger entwickeln dann eine gewisse Härte, die man ihnen auch deutlich anmerkt.

Schließlich gibt es auch die Unterrichtssituation, wo Lehrende irgendeinen Stoff durchbringen müssen oder Lernende ein zählbaren Erfolgsnachweis brauchen oder in anderer Form nach etwas „Verwertbarem“ (in der der Regel sind das „Informationen“) suchen, ohne sich innerlich wirklich auf das einzulassen, worum es in der Lernsituation geht. Auch hier entsteht keine Gemeinschaft der Wahrheit.

Freilich ist auch Resignation keine Lösung. Den Weg dahin deutet Palmer an, wenn er ganz am Ende des Buches auf Römer 8 verweist. Dort erscheint das Seufzen und das Gebet, mit dem die Geschichte so offen endet:

So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein.

Wahres Gebet bringt uns immer wieder ans Ende unserer Worte und unseres Wissens. Und hier hat dann auch die Trauer über die beschädigte Gemeinschaft zwischen einzelnen, zwischen Gruppen von Menschen und zwischen Mensch und Schöpfung ihren Platz. Zugleich aber ist das Seufzen, das auch ein Seufzen des Geistes ist, ein großer Trost, sagt Palmer: Auch wenn uns die Worte versagen, ist da noch ein Wort für und in uns, und auch wenn die Kenntnisse nicht reichen, sind wir erkannt. Das Seufzen ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer authentischen Spiritualität.

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