Es war gut gemeint und aufrichtig empfunden, und dennoch war ich gestern seltsam unangenehm berührt vom Bild einer Umarmung, in der ein totes Paar aus den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik an Bangladesh geborgen wurde. Ein Freund hatte den Link auf Facebook „geteilt“. Irgendwer vor Ort hatte rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt und das Bild veröffentlicht – mit riesiger Resonanz.
Klar kann man mit einem solch unter die Haut gehenden Bild nun für ehrenwerte politische Ziele werben. Aber es ist eben trotzdem Werbung. Worte für meinen Widerwillen fand ich kurz darauf bei Carolin Ströbele auf Zeit Online. Sie kritisiert den Ansatz, mit sehr persönlichen Bildern Einfluss nehmen zu wollen:
All diese Arbeiten rechtfertigten sich dadurch, dass sie über ein persönliches Schicksal auf einen sozialen Missstand, ein gesellschaftliches Problem hinwiesen. Doch je mehr Künstler die Elendskarte zogen, desto schwieriger wurde es irgendwann zu unterscheiden, was Kunst war, und was Exhibitionismus. Das Private war nicht mehr politisch, es war einfach nur öffentlich. Die Fotografie als soziales Gewissen funktionierte spätestens zu dem Zeitpunkt nicht mehr, als die Werbung den Begriff der Authentizität für sich entdeckte.
Das Bild hatte nicht mein ästhetisches Empfinden, sondern mein Empfinden von menschlicher Würde verletzt, selbst wenn das vermutlich niemand beabsichtigte. Wäre es nur hässlich oder schockierend gewesen, hätte es keine Zärtlichkeit gezeigt, läge die Sache wohl anders.

