Bibelfest?

Antenne Bayern macht(e) mit seinen Hörern ein Bibelquiz. Gestern mittag war diese Passage dran:

Sie schlugen mich, aber es tat mir nicht weh; sie prügelten mich, aber ich fühlte es nicht. Wann werde ich aufwachen? Dann will ich’s wieder so treiben.

Die Anruferin aus Unterfranken war sich sicher, das stünde nie und nimmer in der Bibel. Aber noch besser war die Antwort des Senders: „Das Alte Testament, Kapitel 23, Vers 25„. Da blieb mit dann doch die Spucke weg. Und ich habe mich wieder mal gefragt, was man leuten glauben darf, die so gründlich recherchieren…

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Blöde Frage?

Ich kämpfe mit einem Gottesdienstentwurf aus Pete Rollins‘ „How (not) to speak of God“ für den Karsamstag. Dort wird in verschiedenen Formen die Frage aufgeworfen, ob wir Christus auch dann folgen würden, wenn wir noch gar nicht wüssten, dass alles gut ausgeht. Die Implikation ist die, dass wahre Liebe und Nachfolge bedingungslos sind und dass ein Spekulieren auf ein Happy End billiger Opportunismus wäre.

Das Problem (das mich, je länger ich lese, richtig wütend macht) ist dabei die Frage selbst. Denn erstens blendet sie aus, dass Jesus im Tod von allen verlassen war. Also wäre es anmaßend, sich einreden zu wollen, wir hätten eine bessere Figur abgegeben. Umgekehrt wäre ein dauerhaftes Festhalten an einem toten Christus (wie eine fiktive Geschichte es suggeriert) auch aus der Sicht des Paulus blanker Unsinn: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden.“ (1. Kor 15,17)

Der hypothetische Schritt, sich an die Seite eines nicht nur scheinbar, sondern ganz offenkundig sinnlos Gescheiterten zu stellen, wäre nur eine tragische Pose – eine absurde Selbstinszenierung, die den Triumph des Nihilismus feiert, statt ihm eben jene Hoffnung entgegenzusetzen, aus der heraus Jesus selbst den Weg ans Kreuz überhaupt erst angetreten hatte.

Wir sollen vielleicht lernen, Jesus mehr als unser eigenes Leben zu lieben und ihm zu folgen. Aber es kann ja nicht darum gehen, ihn mehr als das Leben zu lieben. Weil er nämlich das Leben und die Liebe selbst ist. Die Antwort auf eine Auferstehung ohne Kreuz kann nicht ein Kreuz sein, das künstlich ohne Auferstehung auskommen muss. Es geht um die ganze Geschichte…

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Der andere Heldentod

David Hart kontrastiert das Ostergeschehen mit dem Heldentod der attischen Tragödie. Auch wenn der Kontrast zwischen griechischem und hebräischem Denken oft überstrapaziert wird, finde ich diese Beobachtungen spannend, weil sie uns heute noch in ähnlichen Formen begegnen:

Die Form, der Kontext und die Substanz der attischen Tragödie unterstreicht einen bestimmten narrativen Mythos, der Gewalt als die Ur-Gemeinschaft von natürlicher und moralischer Welt darstellt, und das menschliche Gemeinwesen als eine belagerte Zitadelle, die sich zum Teil dadurch erhält, dass sie den Mächten, die sie bedrohen, Tribut zollt.

Die Helden der griechischen Tragödie sterben, um eben jene Ordnung zu bestätigen und zu erhalten, die diesen Tod gefordert hat. Sie führen zu einer Kapitulation vor der unvermeidlichen Gewalt des Daseins, das ist ihre einzige Weisheit. Ihre Helden werden nicht edel durch das Leid, das ihnen widerfährt, sondern das Leid wird durch den Glanz des Edlen, der es erduldet, metaphysisch und religiös verklärt, ohne dabei überwunden zu werden. Es geht nicht um ein paar boshafte Taten einzelner Götter, sondern um einen unauflöslichen gewaltsamen Konflikt zwischen Chaos und Ordnung, der älter ist als die Götter. Der Krieg wird dem Frieden ontologisch vorangestellt, daher muss dieser durch solche Opfer immer wieder befestigt werden.

Um zu verstehen, warum die Osterbotschaft auch eine Botschaft des Friedens ist, muss man den Unterschied zwischen Tragödie und Osterevangelium betrachten:

Die Tragödie verallgemeinert die Gestalt des strahlenden Helden: und dennoch wird er ausgeschlossen und beiseite geschoben; sein Leiden kann keine neue civitas begründen, sondern es stellt das Gleichgewicht der alten Ordnung wieder her; er wagt sich hinaus in die Leere und bestätigt damit wieder, dass außerhalb der Stadtmauern nur Leere existiert. Christus aber, der außerhalb der Stadt leidet, macht seinen Tod zu einem Akt der Inklusion, der die Welt neu beginnen lässt; seine Auferweckung hebt die Grenzen auf zwischen Stadt und Ödland, Leben und Tod, rein und unrein, Ausgeschlossensein und Zugehörigkeit, indem er diese Unterscheidungen einfach umgeht… (The Beauty of the Infinite: The Aesthetics of Christian Truth, S. 385)

Der – gar nicht edle – Kreuzestod Christi verändert die Welt auch deswegen, weil das Böse und das Leid nicht etwa unsprüngliche Elemente der Schöpfung darstellen, sondern spätere, enstellende Übermalungen der ursprünglich guten Schöpfung sind – die nun wieder sichtbar wird, wenn Gott den end-gültig rechtfertigt, die Gewalt erleidet, und das System verurteilt, das Gewalt verübt.

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