Verletztes Land

Ich bin seit dem Umzug vor gut einem Monat eifrig dabei, die neue Umgebung zu erkunden. Am Waldweg von Fischbach nach Altdorf liegt etwas versteckt ein Steinkreuz aus dem 15. Jahrhundert. Eine Tafel informiert über das Alter und bietet zwei unterschiedliche Mordgeschichten als Erklärung dafür an, warum hier ein Sühnekreuz steht.

Früher hätte ich eher den Verdacht gehegt, dass hier Aberglaube im Spiel ist und Menschen ein Kreuz aufstellen, um den Fluch der bösen Tat abzuwenden und göttlichen Zorn zu besänftigen. Alles Dinge, die immer wieder mit dem Begriff „Sühne“ in Verbindung gebracht werden.

Ein Kreuz ist kein „Schlussstrich“

Diesmal dachte ich mir, vielleicht waren das gar keine so schlichten Gemüter damals. Vielleicht hatten die Menschen ein Gespür dafür, dass eine Gewalttat sich in die Landschaft einschreibt oder daran haftet. Dass nicht nur Menschenseelen, sondern auch Orte durch symbolische Handlungen geheilt werden können und müssen. Und dass die Erinnerung an die Opfer eine dauerhafte sein muss – keine Spur also von Schlussstrich-Debatten, die wir im Blick auf das Dritte Reich (dessen Ruinen hier in Nürnberg sichtbarer sind als in den meisten anderen Städten) immer wieder führen, obwohl das nicht einmal hundert Jahre zurückliegt.

Nur was betrauert werden kann, wird auch geschützt

Und dann natürlich die Frage, wo solche Kreuze heute überall stehen sollten. An den europäischen Außengrenzen, wie das Zentrum für politische Schönheit vor Jahren schon vorgeschlagen hat? Auf dem Weg zum Busbahnhof in der Innenstadt kam ich vorgestern an zwei Ghostbikes vorbei – spätmoderne Nachfahren der Sühnekreuze des Mittelalters. Eingeständnisse von Schuld, Orte der Trauer und des Gedenkens an die Opfer.

Seit 600 Jahren steht das Steinkreuz nun im Reichswald. Der Ort fühlt sich nicht mehr verwundet an. Die Aufforderung, Leid und Verwundung in unserer Nähe nicht zu ignorieren, damit wir nicht Gefahr laufen, es ständig zu reproduzieren, die nehme ich nach Hause mit. Heilung dauert. Es gibt Schäden – auch ökologische – die lassen sich nicht in ein, zwei Generationen oder Jahrhunderten restlos beheben. Wenn wir das – diese Permanenz der an einem bestimmten Ort verübten Gewalt – sichtbarer machen könnten, wäre es vielleicht ein höchst willkommener und angesagter Schutz für uns alle. Leid ließe sich schlechter bagatellisieren, oder um es mit Judith Butler zu sagen: Nur was betrauert werden kann, wird auch geschützt.

Nein, mit Aberglauben hat das nichts zu tun…

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