Die autoritäre Sackgasse

Ich muss gestehen, dass ich zu jenen Bürgern gehöre, die in den vielen Umfragen, die derzeit durchgeführt werden, zu Protokoll geben, dass ihre Sorgen im Zuge der Flüchtlingskrise zugenommen haben. Was mir dabei weniger Sorge macht, das sind die Flüchtlinge selbst oder unser Wohlstand. Wirklich besorgt bin ich über das, was in den letzten Monaten an Hetze, Hass, Gewalt unter uns Deutschen aufgebrochen ist und über die Vorurteile, Ressentiments, den Nationalismus und die Angstmacherei, die dem Ganzen zugrundeliegen.

Vor einiger Zeit habe ich das im Blick auf die europäische Entwicklung schon einmal in Worte gefasst. Und mich ein paar Tage später von der heute show (ab 44:40) bestens verstanden gefühlt.

Hilfreich fand ich in diesem Zusammenhang auch Philipp Bloms Analyse des autoritären Traums, der sich vom liberalen Denken der Aufklärung verabschiedet. Er…

sieht die Welt in Kollektiven, in Völkern und historischen Gemeinschaften, um deren Reinheit und Fortbestand er besorgt ist. Er spricht von traditionellen Werten und sieht sich verachtet. Er wütet gegen die Dekadenz der liberalen Gesellschaft und „unnatürliche“ sexuelle Ausschweifungen. Er sieht Frauen in traditionellen Rollen und achtet Fremde, solange sie in der Fremde bleiben. Sein Verständnis von Kultur ist essentialistisch. Wo er „Kultur“ sagt, sprach man vor 80 Jahren noch von „Rasse“. Politisch setzt er auf starke Führungspersönlichkeiten. Nennen wir ihn den autoritären Traum. Er hat seinen Ursprung in dem Gefühl, betrogen worden zu sein.

Ziemlich analog zu dieser Polarisierung verläuft in der evangelikalen Welt gerade der Konflikt, der sich an Michael Dieners Interview mit der Welt entzündet. Obwohl Diener gar keine liberalen Positionen vertritt, sondern als Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland lediglich seinen Respekt für Mitchristen ausdrückt, die in der Frage gleichgeschlechtlicher Liebe und Partnerschaft anders denken, wird er zur Zielscheibe antiliberaler Kritik aus der Feder von Ulrich Parzany, die von idea bereitwillig verbreitet wird. Auch hier spricht jemand von traditionellen Werten und fühlt sich verachtet – und jeder, der diejenigen achtet, von denen man sich selbst verachtet fühlt, wird automatisch zur Gefahr: Parzany lässt durchblicken, dass er Diener für eine Art EKD-Irrlehren-Trojaner hält und einen autoritäreren Kurs gegen abweichende Meinungen favorisiert.

the authoritarian mind by fallsroad, on Flickr
the authoritarian mind“ (CC BY-NC-ND 2.0) by fallsroad

Blom trifft diese polemisierende und polarisierende Denkweise recht gut mit der folgenden Formulierung:

Der Vision einer intakten, rechtgläubigen und reinen Gesellschaft stellt der autoritäre Traum ein Bild des orientierungslos hedonistischen Relativismus gegenüber, das Leben in der Geldmaschine, gelenkt von fremden Mächten, ein zügelloses großes Fressen bei dem alles erlaubt ist und nichts etwas bedeutet, ein Leben ohne Ehre und Spiritualität.

Die Gefahr des autoritären Traums ist um so größer, desto unkritischer der liberale Traum gelebt wird. Das geschieht, wenn man Fortschritt und Demokratie für einen Selbstläufer hält, der keinen persönlichen Einsatz erfordert. Es geschieht auch dadurch, dass unsere liberalen Demokratien mit den Plutokraten dieser Welt paktieren – den Großkonzernen, den Wirtschaftseliten und den autokratischen Herrschern. Er nimmt Schaden, wo wir uns nicht mehr als Bürger verstehen und Verantwortung übernehmen, sondern nur noch Konsumenten sind. Überall da, wo wir in Fragen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen nicht konsequent am Ball bleiben, sondern halbherzig und nachlässig werden.

Der Traum von den Menschenrechten, sagt Blom, ist ein verwundbarer Traum. Die Alternative – für Deutschland wie für Europa – ist allerdings beklemmend:

Es ist nicht schwer, sich eine nahe Zukunft vorzustellen, in der eine von Zäunen und Mauern umgebende, alternde und zunehmend ängstliche und autoritäre Festung Europa neben einem orthodoxen Großrussland und einem islamischen Kalifat im Nahen Osten lebt. Es wäre ein neues, uraltes Einverständnis zwischen Herrschern und Beherrschten, eine Art Wertegemeinschaft und ein gigantischer kultureller Zusammenbruch.

Solche Verhältnisse zu verhindern ist eine politische und eine spirituelle Aufgabe. Auch wenn es zwischendurch immer mal düster aussieht und wenn Rückschläge nicht nur drohen, sondern eintreten – wir dürfen nicht aufgeben. Parker Palmer schreibt dieses Jahr zum Weihnachtsfest davon, wie riskant es sein kann, wenn Worte Fleisch annehmen:

Oft gibt es eine zermürbende Kluft zwischen den guten Worten, die wir sagen, und dem, wie wir leben. In persönlichen Beziehungen und in der Politik, den Massenmedien, der akademischen Welt und der organisierten Religion neigen unsere guten Worte dazu, in dem Augenblick, wo sie unsere Lippen verlassen, davonzutreiben und sich in eine Höhe aufzuschwingen, wo sie die conditio humana weder widerspiegeln noch berühren.

Wir sehnen uns danach, dass Worte wie Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit Fleisch werden und unter uns wohnen. Aber in unserer gewalttätigen Welt ist es eine riskante Angelegenheit, solche Worte in unser verletzlichen Fleisch zu hüllen, und diese Aussichten gefallen uns nicht.

Share

Die Verfolgungs-Formel

Es gibt Gruppen und Kreise, in denen der Dank dafür, „dass wir uns hier in Freiheit versammeln dürfen“ zum eisernen Grundbestand der Liturgie gehört – ob nun in einem Gebet vor Beginn, am Beginn oder im Verlauf einer Veranstaltung und egal, ob man sich der Tatsache überhaupt bewusst ist, dass man eine Liturgie hat – zumal eine ausgesprochen konstante: mancherorts kommt sie öfter vor als das Vaterunser.

Ich bin davon immer wieder überrascht: Über Religionsfreiheit wird zwar eifrig diskutiert, aber sie scheint mir nicht akut in Gefahr, und das nun schon seit 70 Jahren. Hat sich diese Phrase in schlechteren Zeiten so tief eingeprägt, dass sie heute noch selbstverständlich ist?

Oder ist das eine Geste der Erinnerung an das Schicksal der vielen Gläubigen unterschiedlichster Herkunft, die heute weltweit Verfolgung und Benachteiligung erleben, auf die aktuell z.B. der Gebetsaufruf der EKD für den Sonntag Reminiscere hinweist?

Vielleicht ist der Sinn dieser Dankesfloskel ja auch der, die Frage aufzuwerfen, wie Christen hier und jetzt mit dem Geschenk der Freiheit umgehen. Ob sie es also wirklich mutig nutzen und es wagen, mit dem Evangelium positiv zu provozieren und denen eine Stimme zu geben, die sich in unserer Gesellschaft kein Gehör verschaffen können?

Schließlich habe ich mich auch schon ab und zu gefragt, ob sich darin auch ein Misstrauen gegenüber dem säkularen Staat und der multireligiösen Gesellschaft verbergen kann, dessen höchste Repräsentanten bewusst plakativ sagen können, dass auch der Islam zu Deutschland gehört und der Gesetze zur Gleichstellung von unterschiedlichsten Minderheiten erlässt. Wenn dieser Staat, so das Unbehagen, mit seiner Macht gesellschaftliche Gruppen schützt, die man selbst als Konkurrenz oder Gefahr empfindet und deren Freiheit man lieber eingeschränkt sähe, dann ist tatsächlich jeden Moment damit zu rechnen, dass der labile Frieden kippt und Repressionen wahrscheinlich werden.

Welche der unterschiedlichen Motivationen nun jeweils den Hintergrund der Verfolgungsformel bildet, das muss sich jede(r) selbst bewusst machen und gegebenenfalls auch verdeutlichen, wie sie nicht zu verstehen ist. Man könnte sie freilich auch aus dem Standardrepertoire streichen und andere Schätze der reichen Liturgiegeschichte an ihre Stelle setzen.

Share