Nach dem bösen Erwachen: Weisheit in Zeiten der Polarisierung

Manchmal setzen sich Gedanken aus ein paar Gesprächsfetzen zusammen. In diesem Fall Gespräche über den gesellschaftlichen Diskurs, der an vielen Stellen mit wachsender Erbitterung geführt wird.

Mitten hinein fiel der Hinweis auf die Geschichte vom weisen König Salomo, die ich noch aus der Kinderbibel kenne: Zwei Frauen teilen sich eine Unterkunft, beide haben ein neugeborenes Baby, eines morgens ist das eine Kind tot. Die Mutter, die es im Schlaf erdrückt hat, nimmt der anderen Mutter heimlich das lebende Kind und legt das tote in ihren Arm.

So liest sich das in der Klage, die daraufhin vor dem König landet und die mit dem Schwert – freilich unblutig – entschieden wird. Der gilt fortan an weiser Mann: Er droht, das lebende Kind zu zerteilen und jeder Mutter die Hälfte zu geben. Die Frau, die nachgibt, ist die wahre Mutter. Die Frau, die hart bleibt, ist die Betrügerin. Heute würden wir kein Schwert mehr nehmen, sondern eine Speichelprobe. Dem Fortschritt sei Dank.

Aber das würde die salomonische Pointe kaputt machen, um die es mir heute geht.

Die vordergründige Analogie zuerst: Wir haben leider keinen weisen König, der zwischen den gesellschaftlichen oder globalen Streitparteien schlichtet. Wir sind alle immer schon Partei. In vielen Konflikten setzen sich momentan die durch, die bereit sind, über Leichen zu gehen. Und es haben die das Nachsehen, die Kompromisse zu machen, um Menschenleben zu retten. Schmerzhafte Kompromisse, für die sie selbst einen hohen Preis zahlen und für die sie wenig Gegenliebe und Anerkennung ernten.

Dahinter liegt die Frage: Woher die Härte? Es bleibt ja offen, ob in der Geschichte vom weisen Salomo die Mutter des toten Kindes bewusst lügt, oder ob sie sich selbst betrügt und darüber jedes menschliche Maß verliert. Vielleicht spielt das aber auch keine entscheidende Rolle – weder für das Verständnis der Geschichte, noch für unsere Situation.

Da haben also zwei bisher zusammen gelebt. Eher ein Zweckbündnis als eine Frage tiefer Zuneigung, so ist es ja in unserer spätmodernen Welt auch. Dann kommen Kinder zur Welt, der kleine Haushalt wächst, aber die Gleichheit steht nicht in Frage.

Plötzlich geschieht das Unglück: Ein Kind ist tot. Ob tatsächlich im Schlaf erdrückt oder unverschuldet durch plötzlichen Kindstod – wir wissen es nicht. Menschen geben sich freilich sich oft auch dann die Schuld, wenn es gar keinen ursächlichen Zusammenhang gibt. Die Schuldfrage führt hier nur in Sackgassen. Doch was für eine Tragik, wenn eine Mutter das Leben, das sie gerade zur Welt gebracht hat, versehentlich zerstört. Und mit dem Kind sterben all die Erwartungen und Hoffnungen an die Zukunft.

Die Entscheidung nach dem bösen Erwachen fällt augenblicklich. Die Kinder werden vertauscht, das Faktum des Verlusts verleugnet, die Schuld umgekehrt, das Leid weggeschoben. Freilich erkennt die betrogene Mutter sofort, was geschehen ist. Aber weil wohl niemand sonst die Kinder gut genug kannte, hat sie kaum eine Chance, die „Fake News“ zu widerlegen, die ihre Kontrahentin schon aktiv verbreitet und hinter denen sie sich verschanzt.

Johann Walter Bantz

Die Frau, der die Zukunft durch einen bösen Zufall, durch eigene Erschöpfung und Unachtsamkeit oder beides zusammen genommen wurde, bemächtigt sich der Zukunft der anderen. Dabei verliert sie auch noch den letzten Menschen, der sie hätte trösten können, wenn sie die Trauer denn zugelassen hätte. Denn die Mitbewohnerin, die alles hat, was sie nicht hat, erscheint ihr in diesem Augenblick als Feindbild par excellence. Da spielt es keine Rolle, dass sie keinerlei Schuld trifft am Verlust der Zukunft. Die andere mit einem lebenden Kind zu sehen, ist schlicht unerträglich.

Nun kämpfen zwei trauernde Frauen um eine Zukunft. Und es gibt nur noch ein Entweder/Oder. Die eine, die eigentlich schon alles verloren hat, kann sich die Totalverweigerung leisten – schlimmer wird es nicht mehr. Vor allem steigen ihre Gewinnchancen, je kälter und unnachgiebiger sie agiert. Denn die andere Mutter wird ihr Kind lieber weggeben als sterben sehen, selbst wenn sie dann nicht nur das Kind verloren hat, sondern auch noch als Lügnerin dasteht.

Aber dahinter steht, gut versteckt, eine Stärke: Diese Mutter weiß, dass sie über diesen Verlust lange und schwer trauern wird. Sie weiß aber auch, wie sie der Trauer einen Sinn geben kann. Sie denkt an das Kind, das zur nicht mehr ihres ist, aber sein Leben ist ihr wichtiger als ihre Verfügung darüber. Die Härte fehlt: Bei allem Ringen um das Recht, sie kann keine „Alles-oder-nichts“- Strategie fahren. „Nihilismus“ nannte ein Freund das kürzlich.

Brexiteers, Tea-Partisanen, Deutschlandretter hadern mit dem Verlust einer Zukunft, die tot ist und die tot bleibt. Das hat durchaus etwas Tragisches an sich. Darüber ließe sich unter Umständen reden und auch trauern. Vielleicht kann, wenn das durchgestanden ist, auch eine neue, etwas andere Zukunft geboren werden. Sie sehen die Lösung aber vor allem darin, denen, die sie für irgendwie privilegiert halten, die Zukunft wegzunehmen: Den Minderheiten, die sich in den letzten Jahrzehnten mühsam gleiche Rechte erkämpft haben, oder den Migranten, die ihr Leben häufig riskieren, um überhaupt irgendeine Zukunft zu haben.

Komplett doppelbödig wird es dagegen bei der Kritik an den „Eliten“: Die Finanzelite lässt man ungeschoren und die intellektuellen Eliten werden zwar nach Kräften diskreditiert, aber die eigenen akademischen Titel bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit eifrigst zur Schau gestellt. Das Problem ist eben nicht, dass es Eliten gibt, sondern nur, dass man selbst nicht dazu gehört.

Inzwischen werden im konservativen Christentum quer über das konfessionelle Spektrum dieselben Reflexe wirksam. Wahlweise werden die Kinder der anderen für tot erklärt oder die anderen als (potenzielle oder tatsächliche) Mörder der eigenen Kinder angeklagt. Trauer und Klage bekommt man kaum zu hören. Dafür Kampfansagen, Abgesänge, ein bisschen Sarkasmus und viel Empörung.

Nun höre ich schon den Einwand, ich drehe die Geschichte hier so hin, dass ich in diesem Kulturkampf auf der Seite der Guten stehe. Das Dilemma ist ja tatsächlich, dass Dritte erst einmal verwirrt vor der Tatsache stehen, dass sich da in schönster Symmetrie zwei Frauen gegenseitig beschuldigen, ihr eigenes Kind erdrückt und sich des anderen Kindes bemächtigt zu haben.

Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichte hier auch: Nicht, damit alle einfach meine Deutung übernehmen. Die könnte in der Tat eine Täuschung sein.

Sondern um genau hinzusehen:

Wo in diesem Ringen ist diese Kompromisslosigkeit am Werk?
Wo versucht jemand, es kalt lächelnd auf eine „Alles-oder-Nichts“-Entscheidung hinauslaufen zu lassen?
Wo ist echte Trauer und Sorge spürbar?
Wo nimmt das Denken und Argumentieren immer rigidere Züge an?

Diese Fragen führen auf die richtige Spur. Weisheit, das bedeutet: Wir sollten sie uns immer und immer wieder stellen.

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2 Replies to “Nach dem bösen Erwachen: Weisheit in Zeiten der Polarisierung”

  1. Wieder ein guter Artikel. Danke.

    Die wichtigen Fragen gegen Ende führen in die richtige Richtung.

    Im Falle der Geschichte Salomos, hatte dieser als „unwissender Dritte“ in seiner richterlichen Macht-Position angerufen, Recht zu sprechen. Zwei Frauen erhoben Rechtsanspruch darauf die rechtmäßige Mutter eines überlebenden(!) Kindes zu sein. Dadurch wurde das Kind zum (unfreiwilligen) Objekt degradiert. Salomos Androhung das Kind zu töten, hat das Innerste in den Herzen der beiden Mütter – und damit Wahrheit – ans Licht gebracht.

    Ich frage mich, was eigentlich passiert wäre, wenn sich die wahre Mutter nicht gegen den König ausgesprochen hätte? Denn dem Richterspruch zu widersprechen, dazu gehört Mut. Vielleicht ja, der „Mut der Verzweiflung“.

    Das Kalkül Salomos, mit seiner richterlichen Androhung einen unschuldigen Dritten zu opfern, um durch den Widerspruch der echten Mutter ein Recht zu sprechen, welches die Zukunft sichert, finde ich das eigentlich Erstaunliche.

    Ob dies heute weniger drastisch möglich ist, als Rückgriff auf ein drohendes (End-)Gericht zu nehmen, dass den Tod einer unschuldigen Zukunft in Kauf nimmt? Wäre die Kunst die richtigen Fragen an jeden Einzelnen zu stellen ausreichend eine bessere Zukunft zu sichern und den Gefragten, zu für ihn vorübergehend schmerzhaften Entscheidungen, aufgrund von persönlichem Verzicht, zu bewegen – ohne die drastischen Konsequenzen und Folgen ungerechter und dummer Entscheidungen aufzuzeigen?

    Geht es doch sowohl in Salomos Urteilsspruch, als auch im Kulturkampf, wie in allen existenziellen Zukunftsfragen nicht zuletzt auch darum, mehr Kontinenz und Selbstbeherrschung (die durchaus auch schmerzvoll sein wird), gegenüber einem Überschuss an zukünftigen Möglichkeiten zu üben. Um gerade dadurch Zukunft erst zu ermöglichen und sie nicht zu verspielen?

    Die überflussverwöhnten, reicheren Kulturen und Länder (vorwiegend in der westlichen Hemisphäre) werden m.E: nicht ohne Konfrontation mit massiver (Be-)Drohung ihres Wohlstandes (ohne die Ursachen für immanente Probleme zu externalisieren) zum Umdenken zu bewegen sein. (Stichwort: Flüchtlinge und Migranten)

    Erfolgreiche Früchte wahrscheinlicher werden lassen, aufgrund von präventivem Kontingenz-Verhalten, benötigt wohl zumindest ausreichend starke Utopien und Dystopien, welche dazu fähig sind, verheißungsvolle Früchte zu realisieren und unerwünschte Bestrafungen zu vermeiden hilft.

  2. Danke für die weiterführenden Gedanken. Eine tragische Nebenwirkung der Kulturkämpfe ist ja tatsächlich, dass sie Kräfte binden, die dringend gebraucht würden, um noch mehr Leid und Tod abzuwenden.
    In der Hinsicht wäre auch nochmal ein Blick auf die Geschichte geboten: Die beiden Frauen werden ja als Prostituierte vorgestellt. Sowohl die Tatsache, dass sie schwanger waren, als auch die beengten Verhältnisse, in denen sie lebten, waren ja der wirtschaftlichen Not geschuldet, in der sie lebten. Über die sagt Salomo leider nichts. Dafür fehlte im jegliches Gespür. Insofern war es auch mit seiner Weisheit nicht so weit her. Außer dieser einen Episode war da nicht mehr viel…
    Und wenn man an den gordischen Knoten denkt, fällt auf: große Könige damals hatten offenbar eine Vorliebe dafür, Konflikte mit dem Schwert zu lösen.

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