Kleine Worte klauben

Einmal ist mir in der heutigen Predigt doch das Wort „Liebe“ herausgerutscht. Das liegt daran, dass ich kein Volltextprediger bin, sondern lieber möglichst frei rede. Heute war der Redefluss etwas gebremst durch den Vorsatz, auf die 49 „großen Worte“ zu verzichten, die das Zentrum für Predigtkultur auf den temporären Index gesetzt hat. Eine großartige Idee und eine kreative Zumutung.

Bei der Vorbereitung war die Postkarte mit den überstrapazierten Substantiven immer auf dem Schreibtisch gelegen und hin und wieder musste ich meine Notizen korrigieren, weil ich entdeckte, dass etwa „Messias“ auch drauf stand. Rückblickend wäre ich dankbar gewesen, wenn „Jesus“ nicht auf der Liste gewesen wäre. Immerhin ist das ja ein Name – trotz aller missglückten Aussagen, die man mit ihm immer auch verbinden kann. Die Umschreibungen (von ihm gar nicht zu reden, kommt nicht in Frage) fallen, wenn sie verständlich sein sollen, auch nicht immer elegant aus; meine jedenfalls…

Wie auch immer – in 14 Tagen werde ich es wieder versuchen. Vielleicht ist es dann schon ein bisschen selbstverständlicher.

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10 Antworten auf „Kleine Worte klauben“

  1. Bin auch dabei. Letzte Woche rutschte mir einmal „Glaube“ raus. Heute im Familiengottesdienst ohne Skript gepredigt. Bin gespannt auf den nächsten Text.

    Mein Gefühl bei der Liste war: Auf Substantive sollte man als Redner sowieso nur zurückgreifen, wenn’s nicht anders geht. Umschreibungen von Jesus oder Gott bringen mir keinen Gewinn außer zu zeigen, dass es geht.
    Aber vielleicht klärt sich ja doch was. Denn ob ich Gott mit „Urgrund unseres Seins“ oder mit „Der, der uns geschaffen hat“ umschreibe, klärt zumindest, wie personal (oder gar männlich) mein Gottesbild ist.
    Aber ich finde es schwierig.

    Wenn Dich meine Erfahrungen interessieren (und dieser Teil kann gern im veröffentlichten Kommentar fehlen, irgendeinen Sinn muss die Moderationsfunktion ja haben), erzähle ich auf pastorwendt.wordpress.com ein bisschen davon. Werde da auch gern zu Deinen verlinken.

    1. Eine recht spitzfindige Lösung und eher nicht im Sinne der Erfinder – Jesus ist genauso „wirklich“ wie Jeschua, von daher ist es auch nicht anders als wenn ich die englische oder italienische Aussprache gewählt oder Isa gesagt hätte…

      1. Mir scheint, Umschreibungen für Jesus werden ihn immer „kontextualisieren“. Ich habe es versucht mit
        „Jakobus kennt auch das Vaterunser. Jakobus ist selber in Nazareth aufgewachsen, als Sohn von Maria und Joseph. Er war ein Bruder des Mannes, der es seinen Leuten beigebracht hat. Und Jakobus war immer sehr sensibel dafür, wenn er den Eindruck hatte, da ist sein Bruder mal wieder missverstanden worden.“
        oder
        „Wenn wir zu unserer Schuld stehen, dann können wir sie loswerden. Dann können wir sie bei dem loswerden, der an unserer Stelle für sie bezahlt hat, der für uns gekreuzigt wurde und auferstanden ist.“
        Dass es sich bei beiden um dieselbe Person handelt, muss die Gemeinde dann raten. 😉

        Mit derartigen Umschreibungen wird noch einmal deutlicher, in welchem Zusammenhang ich von ihm rede und welches Bild ich von ihm habe. Das Wort „Jesus“ wird auf andere Weise wiederum Fleisch.
        Vielleicht wirst Du andere Umschreibungen finden. Und je mehr ich die Aktion bedenke, ist wohl genau das auch der Sinn.

      2. Ich habe es nicht spitzfindig gemeint. – Wenn ich messianischen Juden zuhöre, finde ich es berührend, wenn sie von Jeschua sprechen. Diese Form der Verfremdung hilft mir genauer hinzuhören und das erscheint mir dann doch im Sinne der Erfinder zu sein. Wobei es nicht unbedeutend ist, dass Jesus weder Italiener noch Amerikaner sondern Orientale war.

  2. Jetzt ist die Passionszeit fast rum. Magst Du noch ein bisschen von Deinen Erfahrungen mit der Aktion berichten? Der Austausch würde mich sehr interessieren.

    1. Gern, Andreas: Ich war nur noch einmal mit Predigen dran, und da habe ich es etwas entspannter angepackt zu Jes 54. Irgendwo im Material des Zentrums kam die Anregung vor, mal narrativ dran zu gehen, und das habe ich dann bewusst sehr ausführlich gemacht, so dass nur im letzten Teil ein paar „große Worte“ fielen („Gott“ und „Jesus“ habe ich mir in evangelischer Freiheit genehmigt, aber eben auf „Gnade“ und „Erbarmen“ verzichtet). Für mich selber fand ich es stimmig, und es kam bei denen, die sich mir gegenüber geäußert haben, ganz gut an. Wie ging’s Dir?

      1. Ich konnte eine gewisse Routine entwickeln, den Großen Worten aus dem Weg zu gehen. Die Predigt für den morgigen Palmsonntag fiel schon fast leicht, obwohl der Text nun von „Großen Worten“ wimmelte. Ich habe für mich beschlossen, am Gründonnerstag das Fasten zu brechen (und in der Predigt die Gemeinde zu fragen, wer es gemerkt hat), beim Schreiben der Karfreitagspredigt habe ich aber gemerkt, wie leicht sich von Jesus reden lässt, wenn ich ihn beschreibe statt benenne. Ich mache dann beides. Eine gute Übung, die ich nicht missen, aber auch in dieser Form nicht wiederholen möchte.
        Mein persönlicher Grund mitzumachen war die Kritik an der Aktion, man wollte mit den Worten auch die Inhalte loswerden. Ich wollte also versuchen, ob es mögllich ist, ohne diese Worte bei den Inhalten zu bleiben, die mir wichtig sind. Und das ist es. Einiges wird sogar klarer, gerade bei Worten wie „Gott“ oder „Jesus“, die für viele ganz unterschiedlich gefüllt sind. Wenn ich das Wort nicht mehr habe, muss ich meine „Füllung“ nennen. Daran kann man sich dann reiben.

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