Freunde auf verschiedenen Wegen

Gestern abend rief aus heiterem Himmel ein alter Freund an. Das letzte Mal haben wir uns vor drei Jahren gesehen und seither nur mal kurz Weihnachtsgrüße ausgetauscht. Wir hatten uns auf einem Kongress kennen gelernt und ein paar Jahre ganz regen Kontakt mit etlichen Besuchen hin und her. Er war sehr engagiert in seiner charismatischen Gemeinde, die wir damals ziemlich faszinierend und cool fanden. Ihn selber natürlich auch, außer dass mir manchmal seine Theologie etwas zu eng schien.

Wir haben einmal eine Führung durch eine Höhle in der fränkischen Schweiz gemacht und dabei das Alter der Tropfsteine erklärt bekommen. Er hatte Mühe mit den Zeitangaben, weil die Erde für ihn erst 6.000 Jahre alt war. Ein Tropfstein von mehr als 100.000 Jahren passte da nicht hinein. Er fuhr die klassisch fundamentalistische Argumentationslinie, Gott könnte die Steine ja so gemacht haben, dass sie aussähen, als wären sie so alt. Ich fand, dann hätte zwar die Bibel recht, aber Gott wäre mir ziemlich suspekt, wenn er solche Spielchen mit uns macht und uns täuscht.

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Aus persönlichen und beruflichen Gründen wechselte er dann den Wohnort und zog in die USA. Dort fasste er in seiner neuen modernen Gemeinde nie mehr richtig Fuß. Aber seine Zweifel, Fragen und Probleme hatten da anscheinend keinen rechten Platz. Eine Weile lang ging er dann regelmäßig in eine katholische Kirche, wo ein Franziskanerpater Dienst tat – der klassische postcharismatische Schwenk, nachdem sich ein paar Enttäuschungen eingestellt hatten, die sicher ihre Ursachen auf beiden Seiten hatten. Seine eher rechtslastige politische Überzeugung wurde deutlich liberaler, aber er hatte dann schon kaum noch christliche Freunde. Von emerging churches wusste er nichts – ich damals leider auch nicht.

Noch ein bisschen später hörte er ganz auf, in die Kirche zu gehen. Kurzfristig warf er den hoch bezahlten Job hin (eine Art Midlife Crisis, meinte er gestern), stieg bei einer Öko-Kommune in Lateinamerika ein und gleich wieder aus. Jetzt lebt er – aus Amerika zurück – sehr einfach in einer Kleinstadt am Meer, nahe bei seiner inzwischen alten Mutter und hält sich mit Gelegenheitsjobs einigermaßen über Wasser. Vor allem aber warf er die Reste seines christlichen Glaubens über Bord und entschied sich für eine Art Öko-Neuheidentum. Damit konnte ich vor drei Jahren gar nichts mehr anfangen. Es war ein schwieriges Gespräch damals über einem Becher Starbucks Kaffee.

Gestern sprachen wir lange darüber, welche Veränderungen wir beide auf unserem Weg erlebt hatten. Er redet sehr freundlich und (natürlich nicht uneingeschränkt) positiv über seine Zeit als Christ. Mit den meisten frommen Dogmen kann er natürlich gar nichts mehr anfangen. Manches ist dadurch leichter geworden für ihn, sagte er, anderes eher nicht. Aber zu hören, dass ich inzwischen auch viele Dinge anders sehe (ohne an Jesus oder – das wäre wahrscheinlicher – den Christen irre zu werden), das fand er spannend.

Ich war sehr nachdenklich, als ich den Hörer aufgelegt hatte. Wir hatten ähnliche Dinge durchgemacht, aber mit recht unterschiedlichen Resultaten. Natürlich kommt das ständig vor, Menschen sind eben unterschiedlich. Aber mal angenommen er wäre in einem etwas weiteren geistlichen Horizont aufgewachsen und Glauben, wie Rob Bell sagt, nicht als Mauer, sondern als Trampolin verstanden. Mal angenommen, er hätte in seiner Glaubenskrise eine Gemeinde (oder wenigstens ein paar Freunde) gefunden, die ihm geholfen hätten, zu sehen, dass Jesus nachzufolgen vielleicht mehr mit den Gerechtigkeit und Sensibilität für die Schöpfung zu tun hat, als er bis dahin glaubte, und dass viele seiner Zweifel gut und berechtigt waren. Mal angenommen, er hätte dort eine Spiritualität kennen lernen können, die Gott nicht nur in der vermeintlich unmittelbaren, innigen Umarmung kennt, sondern auch im Weinen mit den Leidenden, im Feiern und Streiten mit den schrägen Vögeln, im Träumen mit den Revolutionären.

Wir bleiben im Kontakt, haben wir uns versprochen. Ich bin dankbar, dass ich ein wirklich gutes Umfeld hatte, um meine Fragen und Zweifel in den letzten Jahren zu bewältigen (oder einfach nur ans Licht zu bringen…). Dankbar für gute Theologie, die ich entdeckt und gelesen oder diskutiert habe. Und ich fühle mich verantwortlich, mit dafür zu sorgen, dass jeder in seiner Nähe einen Ort (eine Gemeinde) findet, die ihm dasselbe ermöglicht.

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2 Antworten auf „Freunde auf verschiedenen Wegen“

  1. Ich fand den Terminus vom postcharismatischen Schwenk recht interessant und auch zutreffend, genauso wie der post Willow-, der post Promisekeeper- und was weiss ich noch für Post-Schwenks.
    Unversehens stieg in mir der (etwas ketzerische) Gedanke auf, in welche Richtung sich wohl der Post-Emergent Schwenk bewegen mag… Ich finde, es ist eine große Herausforderung den christlichen Glauben so zu leben und zu verkündigen, dass es keiner Schwenks bedarf.

  2. Ich kann deine Nachdenklichkeit sehr gut nachvollziehen. Auch mir ist es mit Freunden schon so ergangen, und ich frage mich: Was wäre aus ihnen geworden, wenn…? Besonders unangenehm finde ich manch lieblose Reaktion, die die Sündhaftigkeit solcher „Rückfälle“ betont und jegliche mögliche Verantwortung der Gemeinde ausblendet.

    Ich wünsche mir (auch für mich selbst!) mehr von zwei Dingen:
    – Ein fester Glaube, ein festes Vertrauen auf Gott darauf, dass er real ist und bleibt, und dass kritikfreies vereinheitlichtes Denken dafür keine Grundlage ist.
    – Ein neues, tiefes Bewusstsein der Bedeutung von Gnade und Liebe Gottes in meinem Leben. Damit ich noch mehr erfassen kann, was es für einen Menschen bedeutet, das _nicht_ zu erleben. Und damit jegliche Schadenfreude („Den Schwulen/Muslimen/Katholiken/Pfingstlern/Verweltlichten/… wird’s Gott schon zeigen!“) keinen Platz hat

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