Fragen, die es in sich haben

Am Mittwoch soll ich in 30 Minuten die folgenden Fragen beantworten:

  • Vor welchen Herausforderungen steht die Gemeinde?
  • Welche Trends und Konzepte helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen? Helfen Trends und Konzepte?
  • Welche Werte geraten aktuell ins Blickfeld?
  • Wozu braucht es Gemeinde?

Eine halbe Stunde ist nicht so furchtbar viel Zeit. Ein paar Ideen habe ich natürlich auch schon. Trotzdem: Was müsste da auf jeden Fall vorkommen?

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8 Replies to “Fragen, die es in sich haben”

  1. + Eine Kultur des Herausgehens statt des Hineinziehens fördern. Das würde heissen: Nicht die Zahl der Gottesdienstbesucher ist die Messlatte des ‚Erfolgs‘
    +
    + Menschen dienen statt anpredigen
    + Zur ggs. Ermutigung zum Dienst

  2. Das „Denken in zwei Räumen“ gilt es zu überwinden – und alle Begleiterscheinungen (von blindem sozialen Aktivismus bis zur so genannten Freundschaftsevangelisation).

  3. Welche Herausforderungen? Ganz praktisch gedacht:

    bestehende Gemeinde-Ressourcen überdenken. Was ist mit dem Gemeindehaus, die Kirche, für die jährlich viel Geld und menschliche Energie „verheizt“ wird? Ist eine solche Bindung von Kapital für die Gemeinde der Zukunft zeitgemäß? Und was ist mit „Human Ressources“, also die Peter Aschoffs der Gemeindewelt (sorry) ?

    DAS sind echte Herausforderungen für die Zukunft…

  4. Hallo Peter,

    Ich muss etwas ausholen: Ich lese Deinen Blog seit einiger Zeit v.a. als „stiller Genießer“, auch wenn (oder grade weil) ich mich natürlich auch an der ein oder anderen Aussage reibe. Nun komme ich mir eigentlich sehr komisch, gar anmaßend vor, dass ich ausgerechnet demjenigen auf eine Frage antworte, von dem ich selbst so viele Antworten und Gedankenanstöße zum Thema Kirche / Christentum in der Postmoderne, emerging conversation etc erhalten habe… Zumal ich zwar ein ev. Theologe bin, aber nicht im Gemeinde-, sondern im Schuldienst an einem katholischen Gymnasium wirke. Aber vielleicht helfen ja auch die Gedanken eines eher Außenstehenden weiter? Wenn nicht, dann hat es mir wenigstens geholfen, meine eigenen Gedanken zu sortieren 😛

    Warum ich mich überhaupt (seit erst einigen Monaten) mit der Emerging Church beschäftige, ist die seit einem Jahr tagtägliche Erfahrung, als recht junger Relilehrer vor Kindern und Jugendlichen zu stehen, die zwar religiös durchaus aufgeschlossen sind, mit den traditionellen christlichen Lehren aber bestenfalls kaum noch etwas anfangen können. Am schlimmsten (und zugleich aufwühlendsten) waren die Stunden in der Oberstufe zur Trinitätslehre… Daraufhin begann ich wieder, Bonhoeffers Briefe an E. Bethge (Widerstand und Ergebung) zu lesen, besonders seine Gedanken zum religionslosen Christentum, der nicht-religiösen Interpretation biblischer Begriffe und der mündig gewordenen Welt, v.a. aber dazu:

    Vor welchen Herausforderungen steht die Gemeinde?

    Sie wird neu und v.a. konsequent über die Frage nachdenken müssen, „was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist“ (Widerstand und Ergebung, Brief vom 30.04.1944). Oder, in Deinen Worten: Was ist das Evangelium heute? (Bin übrigens schon sehr gespannt auf das Buch…)
    Sicherlich sollte man nicht vorschnell die „klassische“ Rede von der Sünde und Rechtfertigung aufgeben (nebenbei: Ist der homo incurvatus in se nicht durchaus eine treffende Beschreibung „des“ individualistischen, konsumorientierten und hedonistischen Menschen der Postmoderne? Allerdings: Wie unterscheiden wir „gerechtfertigten“ Christenmenschen in unseren Gemeinden uns eigentlich von den „Sündern“– „Ich, meins, meiner, mir: Lieber Gott, segne uns vier“!?). Das Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders alleine, scheint mir heute eine Verkürzung des Evangeliums Jesu Christi zu sein. (Dietrich Bonhoeffer kritisiert in seinen Briefen ja mehrfach den „Methodismus“, der alle Menschen erst einmal zu Sündern machen muss, um ihn dann auf Christus anzusprechen. Gelingt das nicht, sind wir schnell mit unserem Latein am Ende. Wie wahr! (Z.B. Brief vom 30.06.1944)).

    Ansonsten glaube ich, dass die Zeiten der Orthodoxie vorbei sind – so wir sie nicht weiter künstlich beatmen. Wir sind also v.a. zur Orthopraxie herausgefordert. Hierin steckt aber auch eine große ökumenische Chance.

    Welche Trends und Konzepte helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen? Helfen Trends und Konzepte?

    Wenn ich die Frage richtig verstehe, zielt das ja letztlich in Richtung Mission. Ich bin immer mehr der Auffassung, dass wir erst einmal die erste Frage gründlich klären müssten. Hängt unser ständiges Suchen nach neuen Trends und Konzepten vielleicht (auch) damit zusammen, dass, wenn wir ehrlich sind, uns selbst heute die „herkömmliche“ evangelische / evangelikale Antwort auf „Wer ist Christus eigentlich“ nicht mehr so recht überzeugt?

    Ansonsten: Zumindest in der Schule merke ich, dass der „Trend“ Richtung Spiritualität, vielleicht sogar eine Form von Mystik geht. Auch feste Rituale werden immer wichtiger. Das merkt man nicht nur in Schulgottesdiensten, vielmehr sind Rituale durchaus Bestandteil guten Unterrichts. Man müsste jetzt noch diskutieren, ob Rituale einfach „nur“ ein Teil der kindlichen Entwicklung sind. Ich glaube aber, dass unsere sehr unübersichtlichen und hektischen Zeiten auch bei Erwachsenen neu ein Bedürfnis nach Ritualen schaffen. Hier können wir sicherlich noch viel von unseren katholischen Geschwistern lernen.

    Welche Werte geraten aktuell ins Blickfeld?

    Mir fallen spontan v.a. zwei ein:
    1) Verbindlichkeit:
    Innerhalb der Gemeinden z.B. durch Verlässlichkeit, Treue zur Gemeinde etc. Aber man darf durchaus mal mit der Mehrdeutigkeit des Wortes spielen (Menschen verbinden, Wunden verbinden etc.)

    2) Sym-pathie (Ist das eigentlich ein Wert im klassischen Sinne?):
    Ich meine hier v.a. die wort-wörtliche Bedeutung: Mit-leiden. Leiden wird immer mehr zum Störfall oder als „Krankheit“ angesehen, an Experten delegiert, verdrängt. Durch den Wegfall oder die Veränderung sozialer Strukturen (z.B. Familie: Berufstätigkeit beider Elternteile, Scheidung, Generationenkonflikte etc.), werden Menschen mit ihrem Leiden immer mehr alleine gelassen. Ich glaube, vielleicht ist das Mit-leiden sogar der größte Auftrag für unsere Kirche heute. (Freilich nur, wenn unsere Sym-pathie aufrichtig ist und nicht nur der „Angelharken“ für Menschenfischerei zweifelhafter Art)

    Wozu braucht es Gemeinde?

    Zunächst erst einmal eine ganz „orthodoxe“ Antwort: Gemeinde braucht es, weil Jesus Christus sie gewollt hat. Das finde ich bei allen Problemen, vor denen momentan alle Kirchen / Gemeinden in Deutschland stehen, sehr tröstlich.
    Ansonsten noch ein paar fragmentarische Gedanken:

    Wir reden uns ja nicht umsonst mit „Schwester“ und „Bruder“ an – vielleicht sollten wir in Zeiten, in denen klassische Familien immer rarer werden, die Gemeinde neu als Familie denken und leben?

    Da Gottesdienste früher ja (fast?) immer aus gemeinsamen Mahlzeiten bestanden: Gemeinden sind Orte des (Über-) Lebens (Brot) und der Lebensfreude (Wein).

    Kirche hat einen prophetischen, somit bisweilen auch gesellschaftskritischen Auftrag.

    Gemeinde ist schließlich die Inkarnation des gekreuzigten UND auferstandenen Christus. In Bonhoeffers Worten: „Christus als Gemeinde existierend“ (Akt und Sein, S. 90). Und damit wären wir wieder am Anfang 😉

    Viele Grüße,
    Stefan

  5. @alle: Vielen Dank für die Rückmeldungen! Ganz besonders an Stefan für die sympathische Gedankenfülle.

    Die Erinnerung an Bonhoeffer nehme ich auf jeden Fall mit, ich denke, das entspricht auch dem „Abschied vom Denken in zwei Räumen“ von Daniel und auch Viktors Impuls, sich mehr um die Bewegung nach außen bzw. hin zum anderen zu kümmern.

  6. Was auf jeden Fall hinein sollte, sind ein paar gute Geschichten. Ich finde theoretische Überlegungen zu Gemeinde gut und wichtig. Aber gute Geschichten sagen mehr darüber aus, wie Gemeinde sein soll, als zig Grundsätze. Wenn jemand wissen will, wie meine Gemeinde tickt, dann erzähle ich ihnen die Geschichten, wie meine Frau und ich aufgenommen worden sind, bei wem ich zig mal aufgenommen wurde, wie nach einiger Zeit Verletzungen entstanden und einige Freunde um uns gekämpft haben. Nicht weil sie „Mitglieder“ nicht verlieren wollten, sondern weil sie Freunde behalten wollten. Was Gemeinde braucht sind meiner Meinung nach mehr Geschichten, die es wert sind zu erzählen. Mehr Geschichten von Freundschaft, Hingabe, Dienst, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Vergebung, Geduld, Mitgefühl, Barmherzigkeit.

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